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Das Album der Woche


Lizzy McAlpine – five seconds flat (2022)

-erschienen bei HARBOUR ARTISTS & MUSIC-

„Ich möchte meinen Fans mit jeder Platte etwas anderes bieten, denn ich bin mit jeder Platte anders“, sagt Lizzy McAlpine über ihr zweites, im April erschienenes Album „five seconds flat„. Klar, Worte wie diese muten zwar zunächst wie eine nur allzu oft gelesene Allerweltsphrase an, bedeuten jedoch musikalisch: weg von klassischen, reduzierten Schlafzimmer-Songwriter-Stücken und hin zu etwas größer gedachten wie arrangiertem Pop, E-Gitarren und elektronischen Sounds. Nur der Herzschmerz, den manch eine(r) schon von ihrem 2020er Debüt „Give Me A Minute“ oder der 2021 veröffentlichten „When The World Stopped Moving: The Live EP“ kannte (und im besten Fall gar liebte), bleibt auch 2022 ganz und gar derselbe.

Elizabeth Catherine „Lizzy“ McAlpine, Jahrgang 1999, stammt aus einem Vorort von Philadelphia, Pennsylvania und die Musik übt – ja, noch so eine Allerweltsphrase – schon lange eine Faszination auf sie aus – im Grunde bereits, seit sie groß genug war, um auf dem Klavier ihrer Großeltern herumzuhämmern. Es dauerte nicht lange, bis ihre unkoordinierten Experimente klarere Strukturen annahmen und das Nachwuchstalent seine Kompositionen und Coverversionen auf Soundcloud und YouTube teilte. Mit ihren bisher über 150 Millionen Streams (insgesamt auf allen Plattformen) konnte sich McAlpine in den sozialen Medien so sogar die Unterstützung von Musik-Größen wie Shawn Mendez, Phoebe Bridgers, dodie, Lennon Stella oder FINNEAS sichern. Letzterer, seines Zeichens ja der Bruder und kongeniale Songwriting-Partner von Billie Eilish, hat mit dem von ihm mitgeschriebenen Song „hate to be lame“ sogar ein Feature auf dem aktuellen Album. 

Und auch wenn „five seconds flat“, zu dem obendrein ein sehenswerter 30-minütiger Kurzfilm entstand, bei welchem Gus Black (der ja in der Vergangenheit ebenfalls als Musiker in Erscheinung trat) Regie führte, weder einen Preis für große Innovationskunst gewinnen mag noch wird, klingen die 14 Songs der Platte, welche hauptsächlich von Philip Etherington (der damals ihr Kommilitone auf dem Berklee College of Music war) und Ehren Ebbage produziert und in Eugene, Oregon sowie im The Laundry Pile in Los Angeles aufgenommen wurden, deutlich selbstbewusster und abwechslungsreicher als die der Vorgänger, liefern im besten Sinne eine Dreiviertelstunde gelungene Singer/Songwriter-Pop-Unterhaltung, die im ein oder anderen Moment durchaus spannende Akzente zu setzen weiß. Thematisch drehen sich die Stücke nach wie vor um die zwischen Feinfühligkeit und Nostalgie pendelnde Reflexion gescheiterter Beziehungen, um das Erwachsenwerden einer Anfangszwanzigerin sowie um nachdenklich-depressive, jederzeit intime Gefühlswelten – da bleibt sich McAlpine treu. Ausreichend Veränderung also, ohne das Gewohnte über Bord zu werfen? So mag man’s sehen – und der Newcomerin zugute halten, dass auch dies etwas ist, das nicht viele so gut hinbekommen. Lizzy McAlpine gelingt dieser Spagatschritt – und damit auch das oft schwierige zweite Album – nahezu spielend. Und eine bessere Geschichtenerzählerin wird man in diesem Jahr in gefälligen Pop-Gefilden lange suchen…

Hier lässt Lizzy McApline eine eigene „My Soundtrack“-Playlist mit Künstler*innen, welche die Stücke von „five seconds flat“ beeinflusst haben, hören…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Bryde – „Algorithms (cyber)“


Foto: Promo / Cae Candal Sato

Bryde – das ist vor allem Sarah Howells. Eine Frau und ihre elektrische Gitarre, auf der sie mal wilde, mal zarte Songs spielt. Ihre Musik wechselt dabei von unnachgiebig zu verletzlich innerhalb von Strophe und Refrain, mit Botschaften, die schon melancholisch, aber auch lebensbejahend und trotzig zugleich sind. Fasziniert von der menschlichen Psyche und zwischenmenschlichen Dynamiken, schafft Bryde ehrliche und furchtlos authentische Lieder, die aus guten Gründen als „verworren und entblößend“ gleichzeitig beschrieben wurden.

Und obwohl der Name bislang vor allem auf der Agenda von findigen Indie-Poppe-di-Rock-Eingeweihten aufgetaucht sein dürfte, ist die aus dem walisischen Pembrokeshire stammende und in London beheimatete Musikerin keineswegs eine „Newcomerin“ im klassischen Sinne, denn Howells macht bereits seit gut und gern zwei Jahrzehnten Musik – und das nicht als Beruf, sondern vielmehr als Berufung (was sich nach Phrasenmäherei lesen mag, aber wohl tatsächlich so ist). So schwänzte sie etwa die Uni, um mit ihrer High-School-Rockband auf einem in einen rostigen Transit gequetschten alten Sofa durch das Vereinigte Königreich zu touren. Aufgewachsen im Grunge der Neunziger und Emo der Nullerjahre und kurz vor der Unterschrift eines Plattenvertrags, geriet die Welt der vier eng befreundeten Musiker*innen jedoch arg ins Wanken, als bei Bassistin und Gründungsmitglied Nia Leukämie diagnostiziert wurde. Und es kam noch schlimmer: Nach einem 18-monatigen Kampf gegen die Krankheit starb sie auf tragische Weise und die Band löste sich auf.

Also schlug auch Howells neue Wege ein. Der Verlust ihrer Freundin und ein Umzug von Milford Haven nach Cardiff führten dazu, dass sich ihr Musikgeschmack vom Powerpop ihrer Jugend hin zum introspektiven Emo Folk als Teil des Duos Paper Aeroplanes entwickelte und sie – zumindest vorübergehend – ihre E-Gitarre gegen die akustische Variante tauschte. An der Seite von Bandmate Richard Llewellyn tourte sie ausgiebig durch Großbritannien und Deutschland, verkaufte Venues wie die legendäre Union Chapel oder die Hamburger Prinzenbar aus, spielte auf dem angesagten US-Showcase-Festival SXSW, veröffentlichte drei Alben in Eigenregie und ließ – Krebibilität lässt sich eben nicht kaufen – dennoch ein Majorlabel nach dem anderen abblitzen.

Allen Erfolgen zum Trotz stand jedoch alsbald der nächste Richtungswechsel an. Während einer Bandpause im Jahr 2016 verspürte Sarah Howells das Bedürfnis, Songs abseits von Paper Aeroplanes zu kreieren und sich wieder ihrer E-Gitarre zu widmen – dies war der Beginn ihres Solo-Projekts Bryde, das von der renommierten „Sunday Times“ alsbald mit „wilde Gitarre…sensationell“ angepriesen wurde.  

Mit ihrem 2018 erschienenen Debütalbum „Like An Island„, welchem drei EPs vorangingen, wurde Bryde im selben Jahr für den Welsh Music Prize nominiert, tourte durch Europa und zierte die Bühnen von Festivals wie dem Latitude, Boardmasters, Camden Rocks oder Live at Leeds. Die Songs der Erstlingsplatte erzählten von Emanzipation und vom Lernen, nach einer Trennung wieder allein zu existieren und auf eigenen Füßen zu stehen, während das Musikalische irgendwo zwischen sanftem Dreampop der Marke The xx, dem teils recht spröden Sound von Feists „Metals“ und einem Timbre à la Fiona Apple oszillierte. Obendrein umschiffte die Singer/Songwriterin die gröbsten Schmalz-Klippen ebenso schlicht wie galant mit ihrer entlarvenden Ehrlichkeit.

Es folgte – man ahnt’s wohl bereits – einmal mehr eine Richtungskorrektur, denn dem zweiten, 2020 erschienenen Album „The Volume Of Things“ gingen die explosiven Elemente, die das Debüt in seinen besten Momenten so spannend tönen ließen, fast vollständig ab. Geschrieben und aufgenommen zwischen London sowie den Studios verschiedener Freunde in Berlin und produziert von Thomas Mitchener (Frank Carter & The Rattlesnakes, The Futureheads) wurde das Zweitwerk während der ersten Phase der vermaledeiten Corona-Pandemie veröffentlicht und handelte von der Bombardierung des modernen Lebens, der Lawine von Nachrichten, Mitteilungen, Ratschlägen und Ideen, zu denen wir (zumindest im recht freien Teil der westlichen Welt) jeden Tag Zugang haben, sowie dem Versuch, aus all dem weißen Rauschen einen echten, tieferen Sinn herauszufiltern. Klar, die Amplitude der tönenden Erschütterungen mochte eine andere sein als auf „Like An Island„, das dezent vulkanische Brodeln mochte vermehrt Platz gemacht haben für ein Gefühl der Entschleunigung und des Loslassens, aber eitel Sonnenschein war auch auf „The Volume Of Things“ nie so ganz.

Folgt nun, mit dem kommenden dritten Langspieler „Still„, die beinahe obligatorische nächste Kehrtwende? Überraschenderweise: nein. Vielmehr Setzt Sarah „Bryde“ Howells den auf dem Vorgänger eingeschlagenen Weg in Musik und Gedankenwelt fort, schließt sich bei ersterem, der Musik, der Welle an talentierten Bedroom-Pop-Künstlerinnen an, die – mit Phoebe Bridgers an der Spitze – die Welt außerhalb des eigenen Schlafzimmers mit grandiosen Platten bereichern, während zweiteres, das Thematische, mit so viel- wie alles und nichts sagenden Begrifflichkeiten wie Spiritualität, Liebe, Religion, Heilung und der Macht des Geistes spielt – all das ja Themenkomplexe, denen man auch schon auf den ersten beiden Platten begegnen konnte, und die nun, im Jahr 2022, in mannigfaltiger Hinsicht relevanter denn je scheinen. Auf das introspektiv-entschleunigte Grundgefühl weist bereits das Coverartwork hin, auf den Rest von „Still“ darf man sich einmal mehr gern einlassen.

„So viele Liebeslieder verherrlichen die Idee, sich jemandem an den Hals zu werfen, das Drama und den Schmerz der Liebe. Ich wollte zugeben, dass ich das tue, aber auch anerkennen, dass es viele andere, gesündere Arten gibt, über die Liebe nachzudenken, und dann ein Gespräch darüber beginnen.“ (Sarah „Bryde“ Howells)

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Jenny Berkel – „These Are The Sounds Left From Leaving“


Obwohl doch beileibe keine Newcomerin mehr, mag Jenny Berkel in unseren Breiten – und selbst unter eingeweihten Singer/Songwriter-Connaisseuren – noch kein „Household Name“ sein. Verwundert das? Nun, ein wenig schon.

Denn immerhin ist es bereits satte zehn Jahre her, dass die in London, Ontario beheimatete kanadische Songwriterin ihr Debütalbum „Here On A Wire“ veröffentlicht hat. Selbigem ließ sie im vergangenen Jahr „Pale Moon Kid“ folgen, dazwischen lag noch eine EP – und der Poetik hat sie sich als Dichterin ebenfalls verpflichtet. Überhaupt: das Lyrische. Die Verbindung zwischen Poesie und Musik funktioniert auch auf Berkels neustem Werk „These Are The Sounds Left From Leaving“ in durchaus überragender Form. Das mag vor allem mit den Umständen der Entstehung der zehn neuen Stücke zusammenhängen, welche ihrem Plan, eine leichte, beschwingte und unbeschwerte Platte zu machen, einen dicken Strich durch die Rechnung machten: “Ich habe das Album in einer winzigen Wohnung geschrieben, zu einer Zeit, als sich alles groß und überwältigend anfühlte”, sagt die Musikerin. Und meint weiter: “Die Songs selbst sind eine Studie über Nähe, die große Ängste in kleine Räume bringt.“

Hört man nun ihren dritten Langspieler, so besteht – bei aller Ernsthaftigkeit – durchaus Hoffnung, dass Berkel mit diesem nun endlich auch in Deutschland einem etwas größeren Publikum bekannt bekannt werden dürfte. Das lässt sich schon alleine daran festmachen, dass hier keiner der ebenso leichtfüßig wie transparent inszenierten Folk-Pop-Songs musikalisch in besonderer Weise als klares Highlight herausragt, sondern jedes einzelne der zwei Handvoll Stücke auf insgesamt recht hohem Niveau seinen eigenen Reiz zu entwickeln weiß.

Wie sicher sich die Musikerin inzwischen in ihrem Bestreben ist, ihre Songs zwischen düster und hoffnungsvoll, transparent und opulent, intim und raumgreifend, leise und bestimmt, geradlinig und vertrackt auszubalancieren, zeigt auch der Umstand, dass sie – zusammen mit Dan Edmonds und dem auch als Musiker in Erscheinung tretenden Ryan Boldt (Deep Dark Woods) – erstmals selbst produktionstechnisch Hand anlegte und sich dabei von Colin Neales schwindelfreie, luftige Streicherarrangements schreiben ließ, die viel Raum für ihre beeindruckend klare und durchsetzungsfähige Alt-Stimme bieten.

Tatsächlich erinnert das Setting an nicht wenigen Stellen an das, was weiland Joe Boyd für den großen, jedoch viel zu früh verglühten Trauer-Troubadour Nick Drake leistete. Diverse Gitarren, Piano, Mellotron, Wurlitzer-Orgel, Bass, Schlagzeug und Streicher – hier wird ein durchaus breites Instrumentarium aufgefahren, über welchem Berkels wohltuend graziöse Stimme ruht. Und auch der Vorwurf, den Kenner der Songwriterin bislang ungestraft machen durften – nämlich dass alle ihre Stücke im gleichen balladesken Gleichstrom-Setting angesiedelt seien – gilt ab diesem Album nicht mehr, denn obwohl Jenny Berkel natürlich noch immer keine derb drauflos prügelnde Rockmusik macht, gibt es mit „Kaleidoscope“, welches mit seinen wehmütigen Streichern die nachdenkliche Wirkung noch unterstreicht, mit „July“ und dem Trennungslied „Lavender City“ gleich mehrere durchaus munter pulsierende Songs im Mittelteil des Albums, die sich längst nicht mehr als „reine Balladen“ einsortieren lassen. Dem gegenüber stehen schwermütige, recht mystisch verzierte, mit viel Liebe zum feinsinnigen Detail ausgestattete Folksongs wie „Watch You Fade“ oder das walzer’eske „Under A Sky“, während sich „You Think You’re Like The Rain“ ganz der Sehnsucht hingibt oder „Here Comes The Morning“ auf bessere Zeiten hofft.

Klar, besonders erbaulich mag sich das alles nicht gerade lesen. Und: Ja, man sollte schon das richtige Gemüt für diese von tiefer Traurigkeit durchdrungene Platte haben, bei welcher sich die Einsamkeit, die Furcht vor zu großer Nähe, aber auch vor dieser Welt da draußen vor der Wohnungstür, oftmals zwischen verwunschenen Vibrafonharmonien und zarten Gitarrenakkorden verstecken. Und irgendwie haben uns zwei Jahre weltumspannende Pandemie und die zuweilen überwältigende Reizüberflutung, welche auch durch die in ständig schnellerer Abfolge auf uns einprasselnden Katastrophenmeldungen auslöst wird, ja alle mehr oder minder müde und mürbe gemacht, oder? Eben. Da kann einem manchmal für Momente durchaus die Haut dünn und vor allem und im Grunde gar nichts Angst und Bange werden. Wer allerdings vermutet, dass sich Jenny Berkel hier als musikalisches Zitterkaninchen vor der Schlange präsentiert, sieht sich auf angenehme Weise enttäuscht, denn mittels ihrer blumigen, allegorischen Poesie-Sprache findet die Songwriterin immer wieder Wege, ihr Anliegen eher ermutigend in Form von aus der Natur gezogenen Metaphern im Format fiktiver Konversationen (welche teilweise im Zwiegespräch mit sich selbst stattfinden) deutlich zu machen. Und schafft damit berückende Kammerpop-Kostbarkeiten, welche sie hoffentlich baldigst aus der Geheimtipp-Ecke hinausführen werden.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Phoebe Bridgers – „Sidelines“


Es ist jedes Mal schön und wird immer schöner, wenn Phoebe Bridgers etwas Neues von sich hören lässt. 2020 veröffentlichte die Musikerin aus Los Angeles mit ihrem Zweitwerk „Punisher“ das potentiell beste Album des Jahres, danach gab es mal hier, mal dort musikalische Kollaborationen mit Songwriting-Buddy Conor Oberst (zuletzt in einer Neuauflage seines Songs „Haligh, Haligh, A Lie, Haligh“), dem schwedischen Musiker Luminous Kid oder Taylor Swift. Metallica, Tom Waits oder US-Comedian Bo Burnham hat sie im vergangenen Jahr auch gecovert. Und wäre das alles noch nicht des Umtriebs genug, so brachte die 27-jährige Indie-Senkrechtstarterin 2020 mit Saddest Factory Records zudem ein eigenes Label an den Start, bei welchem sie den neusten Veröffentlichungen von Freunden wie Newcomern ihrerseits etwas Release-Anschubhilfe gibt (unlängst etwa Claud und Sloppy Jane, für dieses Jahr sollte man für Namen wie MUNA oder Charlie Hickey die Lauscher offen halten).

Jetzt also ein neues Lied – und damit fast automatisch ein neuer Ausflug tief hinein in die Kopfkino-Introspektion. Phoebe Bridgers freut sich darüber, dass ihre Musik Menschen solidarisch zusammenbringt und vereint – und nutzt ihre wachsende Bekanntheit ebenso dafür, um wichtige Dinge offen anzusprechen (wie kürzlich das drohende Kippen des liberalen Abtreibungsrechts in den US of A, im Zuge dessen sie offen zugab, im vergangenen Jahr selbst eine Abtreibung gehabt zu haben). Wie alle sehr guten Songwriter*innen mag sie zwar aus ihrer höchst eigenen Perspektive schreiben, dafür jedoch Themen anreißen, die so allgemeingültig sind, dass sich viele mit ihnen, mit ihr identifizieren können. Daraus entsteht dieses schöne Gefühl von Gemeinschaft, von wohliger Nähe – selbst wenn einem an so mancher Stelle die Worte fehlen, um das zu artikulieren, was Phoebe Bridgers in ihren Songs (oder eben zwischen den Zeilen) ausdrückt. Und obwohl auch sie das musikalische Rad in wilder Innovationslust nicht zum Quadrat zimmern mag, entsteht in den meisten Fällen daraus etwas zutiefst Eigenes, wundervoll schimmerndes Besonderes. File under: Naturtalent, Sprachrohr einer Generation.

Da bildet auch der neue Song „Sidelines“ keine Ausnahme. Erschienen ist das Lied als Teil des Soundtracks zur Hulu-Serie „Conversations With Friends“, einer Adaption des gleichnamigen Debütromans der irischen Autorin Sally Rooney. Wie so oft muss man aber weder den Roman gelesen noch die Serie gesehen haben, um das Lied zu verstehen, welches Phoebe Bridgers mithilfe von Marshall Vore (der auch Teil ihrer Live-Band ist) und Ruby Rain Henley verfasst hat. „Sidelines“, das ist der gesellschaftliche Außenrand, das ist das Danebenstehen und Reinblicken auf die stets im Gleichschritt taumelnde Mehrheitswelt, auf all ihre nicht selten befremdlichen Regeln und Rituale. Das ist, um im ach so superamerikanischen Gedankenkino zu bleiben, der äußere Bereich des Football-Feldes, über welches die allseits beliebten Cheerleader und Quarterbacks durchs Flutlicht laufen. Wir, die Weirdos, wir schauen uns dieses befremdliche Spektakel von außen an. Und obwohl man selbst kaum weiter davon entfernt sein könnte, ein Teil von alledem zu sein, so kann selbst das etwas Schönes haben. Oder zumindest etwas Befreiendes.

Denn ist man nicht mittendrin, dann kann man auch furchtloser sein: „I’m not afraid of anything at all“, singt Phoebe Bridgers. „Not dying in a fire / Not being broke again“. Sie hat keine Angst vor Flugzeugabstürzen, nicht vor dem tiefen Ozean, nicht davor, zur Schule zurück zu müssen, nicht davor, älter zu werden, keine Angst davor, sich allein in einem Raum voller Menschen zu fühlen – „Not of being alone / In a room full of people…“

Steht man an der Seitenlinie, am Rand, und schaut nur hinein, dann ist man von allem distanziert: „Nothing ever shakes me / Nothing makes me cry.“ Und dann? Dann ändert sich plötzlich alles, denn dann lässt man jemanden in das eigene Leben am Rand hinein und wird hinfort und zu einer neuen Mitte gezogen: „Watching the world from the sidelines“, so der Refrain, „Had nothing to prove / Until you came into my life / Gave me something to lose“. Wie so oft in Bridgers‘ Stücken geraten auch hier die Akkorde und Melodien so schön, so inniglich, dass man weinen will, bei dieser Beschreibung, wie sich das anfühlt, das Verliebtsein.

All das muss natürlich nicht bedeuten, dass man unbedingt eine Beziehung braucht, um glücklich zu werden oder das eigene volle Potential zu entfalten (wenngleich Phoebe Bridgers aktuell durchaus weiß, wovon sie singt, schließlich ist die US-Musikerin seit Kurzem mit Schauspieler Paul Mescal verlobt). Vielmehr legen die Zeilen des Songs offen, wie wichtig es ist, gemeinsam mit anderen zu sein, zu kommunizieren und Menschen zuzuhören. Wer keine neue Liebe findet, der bekommt im Zusammensein mit der Welt da draußen wohlmöglich neuen Perspektiven, neue Erfahrungen oder neue Erkenntnisse über sich selbst. „Now I know what it feels like to wanna go outside“, wie Phoebe Bridgers gegen Ende des Stückes singt. Die Welt mag nach einer langen Zeit voller Pandemien, Beschränkungen und Lockdowns – und mit dem über uns allen schwingenden Damoklesschwert eines Dritten Weltkriegs – längst eine andere sein als noch damals, 2020, als das wundervolle „Punisher“ erschien. Dennoch knüpft Phoebe Bridgers mit der kaum weniger tollen Somnambulismus-Ballade „Sidelines“, welche wohl leider ihr einiger neuer Song in diesem Musikjahr bleiben wird, nahezu nahtlos daran an.

„I’m not afraid of anything at all
Not dying in a fire, not being broke again
I’m not afraid of living on a fault line
‚Cause nothing ever shakes me, nothing makes me cry
Not a plane going down
In the ocean, I’m drowning

Watch the world from the sidelines
Had nothing to prove
‚Till you came into my life
Gave me something to lose
Now I know what it feels like
To wanna go outside
Like the shape of my outline

I’m not afraid of going back to school
I gave it up the first time, but I’ll try again
I’m not afraid of getting older
Used to fetishize myself, now I’m talking to my house plants
Not of being alone (mmm)
In a room full of people

Watching the world from the sidelines
Had nothing to prove
‚Till you came into my life
Gave me something to lose
Now I know what it feels like
To wanna go outside
Like the shape of my outline

And I used to think
You could hear the ocean in a seashell
What a childish thing“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Safetyville – „Samson“


Samson“ von der eh stets und immer und sowieso und überhaupt großartigen Regina Spektor – auch mit über zwei Dekaden auf dem musikalischen Buckel bleibt’s ein wunderschöner Song, da machste mal eben gar nix.

Von daher dürfte es – aller Fallhöhe zu Trotz – im Grunde ein Leichtes sein, dieses unkaputtbare Stück zu covern, oder? Safetyville macht mit ihrer Version, welche bereits im vergangenen Oktober von HONIG via Facebook geteilt wurde, in jedem Fall ordentlich. Das macht freilich neugierig… wer also ist die Dame? Nun, „Safetyville“ ist das Solo-Projekt von Isabell „Isa“ Honig aus Köln, Tochter des regional bekannten Gitarristen Jay Minor (und ganz nebenbei die Frau an der Seite von HONIG-Frontmann Stefan Honig), die sich, wie man liest, mit ihrer Musik in warmen Singer/Songwriter-Melodien heimisch fühlt, Künstlerinnen wie Ane Brun oder Eva Cassidy zu ihren Einflüssen zählt und mal zarte, mal kraftvolle Indie-Folk-Songs mit angenehmer Stimme bietet. Schade eigentlich, dass Safetyville, welche in der Vergangenheit etwa einige Support-Shows für die isländische Band Low Roar spielte, via Bandcamp lediglich eine EP von 2014 und eine Single von 2016 vorzuweisen hat. Dennoch: Das Debütalbum sei in Arbeit, von daher darf man die Kölner Musikerin gern auf dem Schirm behalten…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Maryaka – „Easy“


„Ich bin 23, Sängerin, Gitarristin, Liedermacherin und Straßenmusikerin“, so beschreibt sich Clara aka Maryaka via Facebook knapp. Andernwebs (wo man übrigens wohl auch buchen kann) wird sie dann doch etwas ausführlicher:

Musik mache ich eigentlich schon seit ich 12 bin. Habe damals einfach furchtbar schief drauflosgespielt und mit der Zeit dann auch die ersten Akkorde gelernt, die ersten Songs geschrieben (in furchtbarem Englisch über irgendwelche Jungs) und sogar kurzzeitig mit meiner besten Freundin eine ‚Band‘ gegründet. Mir war aber irgendwie schon immer klar, dass ich einfach keine wirklich schöne Singstimme habe, was auch echt ok war, weil ich eh nur für mich Musik gemacht habe. Dann kam ich irgendwann auf die Idee beim Herner Jugendkulturpreis ‚Herbert‘ mitzumachen und habe dort das erste mal tatsächlich positives Feedback bekommen und damit dann auch ganz viel Motivation. Seitdem werden es von Jahr zu Jahr mehr Songs, mehr Auftritte, mehr Musik. Vor kurzem habe ich meine Debüt-Single ‚Easy‘ veröffentlicht, die ich selbst aufgenommen habe.“

Und tatsächlich lassen vor allem das soeben erwähnte, im vergangenen Juli veröffentlichte „Easy“ als auch die im November erschienene Nachfolge-Single „Losing Love“ aufhorchen – ruhiger, verträumt-melancholischer Akustik-Folk samt einer Stimme, die mit angenehm rauem Timbre überzeugt, sich jedoch auch nicht über alle Maßen in den Mittelpunkt drängen mag. Apropos „Mittelpunkt“: Auch wenn ihre Lieder doch oft zur Melancholie neigen, versucht die Newcomerin aus Herne damit nicht, sich und vermeintliche Herzschmerz-Sorgen übermäßig in selbigen zu drängen. Oder wie es Joni Mitchel einst recht treffend auf den Punkt brachte: „If you listen to my music and see me, you’re not getting anything out of it. But if you listen to it and and you see yourself, learn something about yourself, if it makes you cry, that’s when you’re getting something out of it.“

It’s about the song, not so much about the singer… Maryaka und ihre Songs (von denen man via YouTube auch ein paar in deutscher Sprache hören kann) sollte man in Zukunft trotzdem auf dem Newcomer-Schirm behalten.

Rock and Roll.

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