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Monday Listen: Flo Perlin – „Characters“


Flo Perlin hat den halben Globus bereist und dabei nahezu unweigerlich massig Eindrücke gesammelt, die nun ihr zweites Album „Characters“ ausmachen – stetig auf der Suche nach den besonderen Charakteren um sich herum wie in sich selbst. Sie ist im Nahen Osten, in den US of A, in Europa und Asien unterwegs gewesen, hat die Spuren ihrer jüdisch-irakischen Familie bis nach Myanmar verfolgt, wo sie zudem als buddhistische Nonne ordiniert wurde. Doch trotz all des immerwährenden Fernwehs ist der Nachfolger zum 2017 erschienenen „Cocooned“ ebenso das Ergebnis von Stillstand und innerer Einkehr – eine Bestandsaufnahme, nachdem 2015 bei ihr eine Autoimmunkrankheit diagnostiziert wurde und sie eine Zeit lang in Krankenhäusern ein- und ausging. Wie auch der Erstling ist „Characters“ ein Kokon meditativer Introspektion, der die Zuhörer in diese acht Stücke und in Perlins fast schon honigsüßen Gesang einhüllt.

Im Eröffnungsstück „Slowly Unfold“ schildert die Singer/Songwriterin ihre persönliche Reise hinein in die Selbstreflexion. Sie erzählt von einer Frau, die versucht, sich selbst durch ihre Kreativität zu verstehen, wenn sie singt: „She had her father’s hand / She wrote so she could understand“. Zudem beschreibt die Entfaltung, die erst dann möglich scheint, wenn das Unbewusste die Flucht ergreift. Perlins ebenso subtile wie melodiöse Stimme, welche manch eine(n) durchaus an die großartige Ane Brun denken lassen wird, ist eine durch sonnenbeschienenes Laub rauschende Brise, ist Ton und Klang gewordener Wasserfluss – sie zieht an, taucht ein und übertönt alles um sie herum. Das spärliche Arrangement ihrer sanft angeschlagenen Gitarre wird von einem dezent eingewobenem Bett aus Streichern unterstützt, aus dem sich immer wieder eine Geige Bahn bricht.

Aller feinsinnigen Instrumentierung zum Trotz – nichts an diesen Songs scheint zu viel, scheint überflüssig. Der Gesang der in London beheimateten Singer/Songwriterin, die seit ihrem fünften Lebensjahr auch Cello spielt, atmet frei durch das jazzige Folk-Arrangement von „Hold Up Your Head Child“, welches zudem mit subtiler Basslinie und den Bossa-Nova-beeinflussten Gitarrenrhythmen zu überzeugen weiß. Der Song entstand nach einem erneuten Aufflackern der Autoimmunkrankheit, die Perlin glauben ließ, dass sie wohlmöglich für immer mit chronischen Schmerzen zu kämpfen haben würde. Als sie sich davon erholt hatte, schrieb sie dieses Stück – um sich daran zu erinnern, nie gänzlich die Hoffnung zu verlieren: “Hold up your head, child / This will pass”.

„Baghdad“ wiederum zieht den Hörer mit seinem wehmütig-nostalgischen Intro aus Streichern und Gitarre schnell in seinen Bann. “She took a spade / She’s digging away / Through the sand with the hope / That she’ll find a new land”, singt Perlin über ihre Großmutter. Der wunderbar melancholische Song scheint durch und durch in Sehnsucht getränkt – Sehnsucht nach einem Zuhause, nach Wurzeln, nach einem vergangenen, gelebten und – zumindest zum Teil – erdachten Leben. Die Zeilen des Liedes geraten gleichsam bezaubernd und herzzerreißend, während Perlin tiefer in ihre Familiengeschichte eintaucht und einmal mehr ihre Großmutter beschreibt: “She couldn’t bear / The taste of mum’s tea / It runs through the roots of her / Family tree”.

„Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen“, meinte einst der französische Staatsmann Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord. Dieses Zitat könnte wohlmöglich auch Perlin im Hinterkopf gehabt haben, die im darauffolgenden „Words“ singt: „Scream with your eyes / But your words can’t get through“, wobei sie auf ihre Weise die naturgemäße, höchst subjektive Unvollkommenheit von Worten hervorhebt und darauf hinweist, wie oft ebenjene zu kurz greifen. Nicht eben unsympathisch, dass sie sich selbst den ein oder anderen Fehler eingesteht, von dem wohl die meisten von uns ab und an heimgesucht werden: “Sometimes I listen / But sometimes I don’t”, gibt sie zu, oder: “Sometimes I talk / Though I don’t understand”.

„Blue Is The Colour“ ist ein Stück über den Wunsch nach Nähe und über die Beziehungen, die uns alle in irgendeiner Form prägen – sei es zu anderen Menschen, zur Natur oder schlicht zu uns selbst. Perlin meditiert darüber, wie man geben kann, ohne dass einem zu viel genommen wird, und verwendet das sprachliche Bild wachsender Wurzeln, um zudem sowohl auf die Identität als auch auf unsere Abkopplung von der Natur hinzuweisen: “I gave my roots to the people / But they took them from me”, wie sie singt. Streicher unterstützen gen Ende ihr sanftes Summen und treiben den Song plötzlich mit einer melodischen Hook vorwärts, die den Hörer eine nahende instrumentale Explosion vermuten lässt. Stattdessen klingt der Song sanft aus und macht Lust auf mehr.

Das abschließende „Move Through The Waves“ unterscheidet sich deutlich von allem anderen auf dem gut halbstündigen Album. Es ist das einzige Stück, in dem Perlin Klavier spielt – jenes Instrument, auf dem sie einst mit dem Schreiben von Musik begann. Zwar kommt auch dieser Song nicht aus der nachdenklichen Kaminecke hervor, macht es sich dort jedoch zu einem entspannten, jazzigen Beat, der an Lianne La Havas erinnert, gemütlich. „Simplify the outside“, wiederholt Perlin wie ein Mantra. Und: Mit „Move Through The Waves“ versucht die Musikerin, die verschiedenen Charaktere in sich selbst noch einmal unter einen Hut zu bringen, indem sie nach innen schaut, um alles Äußere zu vereinfachen. Es scheint beinahe, als sei der Song auch ein Versuch der Versöhnung der verschiedenen musikalischen Stimmen tief in Flo Perlin – er stellt ihre Vielseitigkeit als Songwriterin unter Beweis, ohne ihren Kern aus den Augen zu verlieren. „Let the silence give you space“, singt Perlin immer wieder. Wenn die Musik schließlich ihr Ende findet, scheint die Stille mit einem Mal ein klein wenig erträglicher – und vielleicht ist das das Geschenk, das Flo Perlin ihren Zuhörern macht: Gelassenheit in der Einsamkeit, Leichtigkeit im Unbehagen zu finden.

Rock and Roll.

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Der Taktgeber der Rolling Stones – Charlie Watts ist tot.


Fast sechs Jahrzehnte saß er bei den Rolling Stones am Schlagzeug. Zwei Monate nach seinem 80. Geburtstag ist Charlie Watts – trotz des stolzen Alters etwas überraschend – heute gestorben.

Gerade erst hatte sich der taktgebende Elder Statesman des Rock’n’Roll gedanklich mit dem Ruhestand beschäftigt. „Ich weiß nicht, was die anderen denken, aber mich würde es nicht stören, wenn die Rolling Stones sagen würden, dass es das jetzt war“, sagte der Schlagzeuger anlässlich seines 80. Geburtstags im Juni diesen Jahres dem englischen „Guardian“. Allerdings, so räumte er ein, wisse er gar nicht, was er machen würde, wenn wirklich alles zu Ende sei.

So abrupt hatte sich der Schlagzeuger sein Ende bei den Rolling Stones jedoch keineswegs vorgestellt: Am 24. August 2021 ist Charlie Watts in einem Londoner Krankenhaus im Kreis seiner Familie gestorben. „Charlie war ein geschätzter Ehemann, Vater und Großvater und als Mitglied der Rolling Stones auch einer der größten Schlagzeuger seiner Generation“, teilte ein Sprecher mit.

Fast sechszig Jahre gab er bei einer der größten, erfolgreichsten und populärsten Bands der Musikgeschichte den Takt vor, war wohlmöglich sogar ihr Motor. Freilich mag dies recht hypothetisch sein, trotzdem lässt sich ohne einen Funken britischem Understatement behaupten, dass es die Rolling Stones ohne ihn wahrscheinlich schon längst nicht mehr gegeben hätte, schließlich gelang es ihm mit diplomatischem Fingerspitzengefühl im Laufe der Jahrzehnte immer wieder, die aufbrausenden Streithähne Mick Jagger und Keith Richards zur Räson zu bringen.

Charles Robert „Charlie“ Watts erblickte am 2. Juni 1941 in Kingsbury das Licht der Welt, einem heutigen Stadtteil im Norden Londons. Der Sohn eines Lastwagenfahrers studierte, nachdem er schon früh seine Liebe zu Jazz und Blues entdeckte und sich aus einem alten Banjo sein erstes Schlagzeug bastelte, zunächst Kunst und Grafik und stieg in seiner Freizeit als Drummer in Alexis Korners Band Blues Incorporated ein. Ebendort spielten auch ein gewisser Michael Philip „Mick“ Jagger und der 1969 verstorbene Gitarrist Brian Jones, die 1962 die Rolling Stones mitgründeten. Nur ein Jahr später schmiss Watts seinen Job als Grafiker, als Keith Richards ihn unbedingt als Schlagzeuger in der Band haben wollte. Die Entscheidung machte sich bezahlt – musikalisch wie finanziell. Die Stones hätten eben das Glück und das Geld gehabt, viel Zeit im Studio verbringen zu können, sagte er dem britischen „Telegraph“ ein halbes Jahrhundert später – und sie hätten daher viel ausprobieren können. Nach anfänglichen Erfolgen mit Coverversionen in Großbritannien und den Vereinigten Staaten erlangte die Band mit Hits aus der Feder von Mick Jagger und Keith Richards wie „(I Can’t Get No) Satisfaction„, „Get Off Of My Cloud“ oder „Paint It, Black“ sowie Alben wie „Aftermath“ oder „Exile On Main St.“ weltweiten Ruhm. Der Rest? Ist längst Rockgeschichte.

Watts mag zwar nach Jagger und Richards das dienstälteste Mitglied der Rolling Stones gewesen sein, war dabei jedoch der oft unterschätze Mann im Hintergrund, derStoiker hinter Keith und Mick, der seinen Bandkollegen mit reichlich cooler Eleganz, britischem Understatement und knochentrockenen Beats die großen Bühnen überließ. „Charlie Watts gibt mir die Freiheit, auf der Bühne fliegen zu können“, meinte der ungleich exzentrischere Gitarrist Keith Richards einmal.

(Im Mittelpunkt stand der zurückhaltende Drummer selten – hier tat er es im Kreise seiner Bandkollegen im Jahr 1967)

Watts galt als wortkarg und solide, seine Alkohol- und Drogensucht hatte der einst starke Raucher schon in den 1980er-Jahren überwunden. Während viele Rockstars – und mitunter auch seine Bandkollegen – eher durch einen unsteten Lebenswandel Schlagzeilen machten, war der Drummer seit 1964 glücklich mit Shirley Ann Shepherd verheiratet. Die beiden lebten zurückgezogen auf dem Land, wo Watts Vollblutaraber züchtete.

Charlie Watts stand für all das, was nicht zum ursprünglichen, wahlweise wilden und rüpelhaften Image der Rolling Stones passte. Er bevorzugte Anzüge und liebte Jazz – ironischerweise genau jene Musikrichtung, gegen die die Stones am Anfang ihrer Karriere aufbegehrt hatten. Wenn er nicht mit Mick Jagger, Keith Richards und Ron Wood auf Tour oder (zuletzt immer seltener) im Studio war, spielte er Schlagzeug in seiner eigenen Jazz-Band. Dort fühlte er sich wohler als im Scheinwerferlicht (das er demnach lieber Jagger und Richards überließ), minutenlange Standing Ovations waren ihm unangenehm.

Gemeinsam mit den Stones zog Charlie Watts 1989 in die „Rock ’n‘ Roll Hall of Fame“ ein, das Magazin „Rolling Stone“ (das sich seinerzeit wohl nicht ohne Grund nach seiner Band benannte) wählte ihn schon vor einigen Jahren auf seiner Liste der „besten Schlagzeuger aller Zeiten“ auf Platz zwölf. 2004 erhielt er die Diagnose Kehlkopfkrebs, besiegte die Krankheit aber mit zwei Operationen, um schon im Jahr darauf wieder mit den Stones auf Welttournee zu gehen.

Nachdem er sich in diesem Jahr einer Operation unterziehen musste, hatte Charlie Watts seine Teilnahme an der für kommenden September geplanten US-Tour der Rolling Stones abgesagt. Seinerzeit hieß es, Watts habe eine medizinische Behandlung hinter sich (zu dessen Hintergrund der Sprecher keinerlei Angaben machte), weshalb es „unwahrscheinlich“ sei, dass er für diese Konzerte zur Verfügung stehe. Nun hat der Taktgeber, die Herzmaschine der dienstältesten Rockband der Welt seine irdischen Drumsticks für immer zur Seite gelegt… Mach’s gut, Charlie Watts!

(Hier findet man etwa einen Nachruf des deutschen „Rolling Stone“, hier einen vom „Musikexpress“…)

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Orla Gartland – Woman On The Internet (2021)

-erschienen bei New Friends Music/Membran-

Früh übt sich, auch wenn manches Ding gut Weile haben will: Bereits im frühen Teenageralter veröffentlichte Orla Gartland erste Eigenkompositionen auf YouTube, weil sie für Open-Mic-Auftritte noch zu jung war. Später zog die gebürtige Irin nach London, wurde schnell Teil einer Community um das kaum weniger mit Talent gesegnete YouTube-meets-Indie-Pop-Sternchen dodie, zu deren Tour-Band sie schon bald Gitarre spielend gehörte. Zwischendurch schrieb Gartland weiterhin eigene Songs und veröffentlichte diverse EPs, die bis heute über 55 Millionen Streams anhäufen konnten. Warum also nicht mal ein vollwertiges LP-Projekt in Angriff nehmen? Gedacht, getan! Für das Debütalbum „Woman On The Internet“ setzte sich die 26-jährige Newcomerin intensiv mit sämtlichen Aspekten des Songwriting- und Aufnahmeprozesses auseinander. Um es bereits vorweg zu nehmen: Diese Hingabe hat sich gelohnt.

Foto: Promo / Karina Barberis

Aber wer ist denn nun diese „Frau im Internet“? Gartland selbst schreckt zwar nicht vor TikToks & Insta-Stories zurück, meint damit aber wohl vor allem die graue Masse an perfekt zur Schau gestellten Körpern, perfekten Leben, perfekten Stimmungen bei all den Influencer*innen. “I heard it from a woman on the internet / She told me to eat well and try to love myself” heißt es so noch in “More Like You”, worauf das lyrische Ich nur kleinlaut darum bittet, mehr so zu sein wie die anderen – digitale Grabenkämpfe, die wohl die meisten Heranwachsenden aus den sozialen Netzwerken kennen mögen. Aber: Gartland gesteht sich zwar Schwächen und Zweifel ein, setzt der ganzen Shitshow in “Pretending” jedoch ein Ende – auch hier tritt die Frau aus dem Internet wieder als heuchlerisches Gegenüber auf. Und manchmal strahlen sogar Selbstzweifel etwas Wohliges aus, wie etwa der selbstironisch-smarte Pseudo-Individualismus-Diss „You’re Not Special, Babe“ zu kurzweiligem Indie Pop thematisiert. Der vorwitzige Song, welcher graduell in Upbeat-Gefilde abdriftet, macht eine andere Art von Mut, stärkt das Selbstbewusstsein und zeigt, dass es sich durchaus bestens mit den eigenen Unsicherheiten leben lässt.

Was dieses Debüt so sympathisch macht, ist vor allem dessen Vielschichtigkeit. Die Patriarchat-Klatsche „Zombie!“ packt die Gitarre aus und lässt es nach einer falschen Fährte ordentlich krachen. Zwischendurch scheint Gartland sogar ihren angepunkten Vorbildern der Jugend nachzueifern. So laut wird es allerdings nur selten, oft rockt die Irin nur nebenbei mit. In „Pretending“ unterstreichen die Saiten die eigenwillige, nachdenkliche Stimmung, während „Do You Mind?“ vom Ende einer Liebe berichtet und direkt balladeske Klänge mit durchaus wuchtigem Beat und Piano anschlägt. Auch schön: „Codependency“, das zwischenzeitlich schön krachig daherkommen darf und so in ähnlicher Form auch bei der einen oder anderen Kapelle zwischen Pop Punk und Midwest Emo gut aufgehoben wäre. Das finale „Bloodline / Difficult Things“ ist tanzbar, rockend, verspielt poppig, fragil und post-modern zugleich – eine Sammlung unzähliger Ideen, lose zusammengehalten und auf assoziative Weise spannend.

Natürlich gibt es nicht den einen, archetypischen Orla Gartland-Sound, sondern viele verschiedene Einflüsse, die sympathisch zusammenfinden und das Bild einer Künstlerin mit Freude an der Musik und Suche nach dem Selbst zeichnen. Klar könnte es sich der geneigte Plattenkritik-Schreiberling jetzt einfach machen und attestieren, dass Gartland vornehmlich im Kielwasser von Phoebe Bridgers, Snail Mail oder Lucy Dacus schwimmt. Wer jedoch genauer hinhört, der erkennt außerdem, dass die umtriebige Indie-Musikerin oft genug auch den Furor von Fiona Apple und die Klugheit von Regina Spektor in Modern Pop überführt, wobei bestimmte Stücke eben poltern und krachen dürfen, andere wiederum ihre folkige Grundstruktur behalten. Interessant geraten auch die Rhythmen, welche von allerhand Körperbeats getragen werden (und damit ähnlich wie bei der Französin Camille tönen), was die Songs auf „Woman On The Internet“ organisch und lebendig hält und zur Grundhaltung dieser Platte passt: sich selbst nicht über alle Maßen ernst nehmen.

Alles in allem spiegeln sich in Orla Gartlands Debütalbum so einige Facetten – es ist vorwitzig und euphorisch, zerbrechlich und nachdenklich, bewegend und suchend. Vor allem bestätigt die britische Newcomerin damit die über die Jahre redlich erworbenen – und absolut gerechtfertigten – Vorschusslorbeeren ihrer diversen Kleinformate und erweitert ihre musikalische Spielwiese auf recht kurzweilige Weise. Und das, liebe Freunde der gepflegten musikalischen Unterhaltung, kann eigentlich nur der Anfang gewesen sein…

Rock and Roll.

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Moment! Aufnahme.


Erst rechts, dann links, dann nochmal kurz nach rechts schauen…. Straße frei? Los geht’s! (Den heimlichen Star des legendären Beatles-Covers kann man hier übrigens noch immer im 24/7-Live Stream beobachten…)

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Isaac Gracie


Foto: Promo / Mike Massaro

Sekunden der Stille verstreichen. Normalerweise nutzen Künstler instrumentale Pausen innerhalb oder zwischen den Songs, um eine gewisse Atmosphäre zu kreieren… Aber eine solche Kunstpause am Anfang eines Albums? Ungewöhnlich, fürwahr. Dann jedoch setzen endlich die ersten Klänge des Debüts von Isaac Gracie ein. Der heute 26-jährige Londoner zeigt auf dem gleichnamigen, 2018 erschienenen Album eine Mischung aus melancholisch-eleganten Chansons, gepaart mit einer ganzen Menge Wehmut. Das Frontcover ziert das aschfahle, jugendliche Gesicht seiner Person, die das Nachdenkliche ebenso im Blick trägt wie einen versteckten Ansatz von verschmitztem Lächeln. Ein Widerspruch? Mitnichten.

Das beweist bereits der Opener „Terrified„, in dem der ehemalige Chorknabe und Student für Englisch und kreatives Schreiben seine innersten Ängste besingt. Und bereits hier wird’s wohl schon zum ersten Mal autobiografisch, denn als Isaac Joseph Gracie-Burrow vor einigen Jahren mit „Last Words“ eine Demo-Version (s)einen ersten Songs via Soundcloud ins weltweite Netz entlässt, kam dieser auch dem einflussreichen BBC-Radio-Moderator Zane Lowe zu Ohren, der das Stück alsbald in seiner Show rauf und runter spielte. Die eigentlich recht positiven Folgen: Gracies Fanschar wuchs in den ersten Monaten exponentiell, die Musikindustrie wedelte mit lukrativen Verträgen. Ja, eigentlich, denn der gehypte Newcomer selbst versank in Selbstzweifeln, wusste nicht, was er davon halten, wie er nun reagieren sollte und fühlte sich so gar nicht auf das Leben als potenzieller Star vorbereitet. Aus diesen widerstreitenden Gefühlen also erwuchs sein zweiter Song „Terrified“ – und der wurde sofort zum zweiten Hit. Warum, dachte sich der junge Musiker, sollte man daraus nicht eine Methode machen?

Diesem Modus Operandi kommt natürlich zugute, dass Isaac Gracie mit einer Stimme gesegnet ist, die an die ganz Großen, an Künstler wie Jeff Buckley oder Nick Drake, erinnert. Eine Stimme, der eine Schwere anhaftet, als hätte man vor langer, langer Zeit eine Gefängniskugel von Problemen an seinem vor Schwermut müden Bein befestigt. Grau trifft Anthrazit, ganz frei nach dem Motto: Ich habe schon mit allem abgeschlossen, bevor es überhaupt richtig losgeht. Es trägt also schon etwas Juvenil-unbedarftes, etwas Ironisches in sich, dass „Last Words“ genau von dieser Art von Resignation erzählt. Trotzdem steckt hier viel mehr drin als lediglich ein weiterer Gitarre klampfender, introvertierter Lagerfeuertroubadour. So werden im Refrain von „The Death Of You & I“ zum ersten Mal die E-Gitarren aufgedreht und Gracie entlädt zu herzwunden Zeilen wie “Nothing ever felt so real since the death of you and I” all jene Emotionen, die bis dato weitestgehend unterdrückt blieben. Nevermind Nirvana? Nope. Die Wagenladung an negativen Gefühlen, welche das Album in sich trägt, verpackt Gracie – anders als weiland Kurt Cobain – in luftig-leichte Gitarrenriffs, mal akustisch, mal elektrisch und mit einer Singalong-Attitüde, wie man sie sonst vor allem von Britpop-Revival-Parties kennt. Da verpasst man doch beinahe Songs wie „Running On Empty“ oder das Streicher-Meer in „Telescope„, bei denen der Bohemian-Einfluss eines Peter Doherty, der Babyshambles und Libertines, deutlich mitschwingt – nur vielleicht mit etwas weniger hedonistischem Spektakel und Lust auf den nächstletzten Exzess.

Trotzdem kehrt Gracie immer wieder zum Melancholischen zurück. Vielleicht mag’s ja an seiner familiären Prägung liegen: Seine Mutter ist die Dichterin und Psychoanalytikerin Judith Gracie, im Elternhaus kam er recht früh mit vielfältigen musikalischen Einflüssen, die von Radiohead über Leonard Cohen, Kurt Cobain, Bob Dylan bis hin zu Tim und Jeff Buckley reichten, in Berührung. Mit 14 Jahren schrieb er erste eigene Songs, 2016 erschien die recht programmatisch „Songs From My Bedroom“ betitelte Debüt-EP. Doch zurück zur Schwermut, denn „That Was Then“ zerbricht beinahe an der stimmlichen Traurigkeit sowie einem starken Refrain, in dem Gracie die Zittrigkeit der Strophen ablegt und nach vorne schaut. Es ist immer wieder schön zu hören, wie Künstler ihren Gesang gekonnt einsetzen und in ihren Songs Kontraste erzeugen, um das emotionale Kaleidoskop noch direkter mit dem Hörer, der Hörerin zu teilen. Der melodramatische Hymnus „Silhouettes Of You“, welcher stark an den Radiohead’schen Gassenheuler „Creep“ erinnert, steht dem mit seinem stetig anschwellenden Crescendo in nichts nach.

Klar: Isaac Gracies musikalisches Gewand ist ein recht Spezielles. Manch eine(r) mag seine Songs aufgrund des kohärenten Klangbilds und der thematischen Wiederholungen – aller Wandelbarkeit zum Trotz – (vor)schnell als monotone Langweiliger-Platte eines Möchtegern-Bob-Dylans abstempeln (was bei Zeilen wie „Well, I sleep all day and drink all night“ zugegebenermaßen im ersten Moment ein Leichtes wäre). Für andere wiederum trifft der britische Nachwuchs-Singer/Songwriter mit seinem Debütalbum wortwörtlich ins vinylne Schwarze und verbindet Indie-Folk-Rock mit anthrazit-grauer Alltagslyrik. Alles in allem: ein solides, recht zeitloses Erstlingswerk.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Flyte – „Everyone’s A Winner“


Trübsal blasen mit Ansage! Immerhin vertuschen Flyte nicht groß, dass ihr zweites Album “This Is Really Going To Hurt” wahrlich kein unbekümmertes Zuckerschlecken ist, denn zumindest emotional stehen die Koordinaten gen Herzschmerz, während Frontmann Will Taylor die Rolle als Reiseführer übernimmt. Und der hat es sich zur Aufgabe gemacht, seine eigene Trennung fein säuberlich zu dokumentieren. Schon der Opener “Easy Tiger” fällt mit der Tür ins Zimmer, wenn Taylor kurz und schmerzlich konstatiert: “This is only to get worse.” Richtige Stimmungskiller, die Briten… Aber ganz so tief bleiben die Köpfe auf ganzer Albumlänge nicht hängen – zum Glück!

Denn in der Tat ist das im letzten Jahr in LA mithilfe von Justin Raisen (Angel Olsen, Yves Tumor), Andrew Sarlo (Big Thief, Bon Iver) und Chant (Aldous Harding) in Los Angeles aufgenommene “This Is Really Going To Hurt You” beinahe schon ein beängstigend „klassisches“ Indie-Album. Auf eine faszinierende Art und Weise versprühen die zwei Handvoll Stücke eine vermeintliche Altersweisheit, die man gefühlt schon tausende Male gehört hat (siehe “Miss America”). Aber auch ohne den großen Innovationsdrang ist der Nachfolger zum 2017er Debüt „The Loved Ones“ keinesfalls ein schlechtes Werk, denn die Zeichen von Will Taylor (Gesang, Gitarre), Nicolas Hill (Bass) und Jon Supran (Schlagzeug) stehen vor allem auf Atmosphäre. Und für die taugen die leicht bekümmerten Untertöne der weitflächigen Indie-Gitarren allemal. Wenn sich dann wie in “I’ve Got A Girl” noch ein beherztes Klavier einmischt, hat das großes Potential für alle Küchen der Studenten-WGs der Welt, die sich Jahre nach Mumford & Sons’ großem Erfolg gegründet haben. Aber erst mit den angenehm schmierigen Streichern von “Everyone’s A Winner” und “Love Is An Accident” zeigt das Trio aus London, von welcher Größenordnung wir hier überhaupt sprechen.

Zugegeben: Die größten Lyriker von Shakespeares Ehren sind Taylor und Co. abseits ihres Cool Britannia-Soundoutfits aber eher nicht. Mit einer gehörigen Prise Selbstmitleid à la “Everyone’s a winner except for me” machen sie dem Klischee-Klassiker “Trauriger junger weißer Mann mit seiner Gitarre” schon alle Ehre… Doch die geschickt eingesetzten Gesangsharmonien zwischen Taylor, Supran und Hill – wie etwa in der feinen Arcade Fire-Verbeugung “Under The Skin” – lockern das Gesamtkonzept andererseits angenehm fluffig auf.  Auch die nostalgischen Sounds sorgen dafür, dass ein kleiner Funken Erhabenheit über den zehn Songs der Platte schwebt, der manch einen gar an Größen wie die Beatles denken lassen mag. Besonders deutlich wird das in den fetten Jazz-Bläsern von “There’s A Woman”, die im Dunst der Beach Boys einen überraschenden Stilbruch herbeiführen. Und wenn im Closer dann Worte wie “You’ll never get to heaven in the state you’re in” anklingen, dann erfreut sich noch jeder begossene Pudel über den gespannten Bogen, oder? All das bewegt keine musikalischen Welten, dafür aber wohl die ein oder andere juvenile, vom Herzeleid geplagte Seele. Und manchmal, für die besonders sentimentalen Stunden, braucht es ab und zu Platten wie diese…

Rock and Roll.

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