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Song des Tages: Bryde – „Algorithms (cyber)“


Foto: Promo / Cae Candal Sato

Bryde – das ist vor allem Sarah Howells. Eine Frau und ihre elektrische Gitarre, auf der sie mal wilde, mal zarte Songs spielt. Ihre Musik wechselt dabei von unnachgiebig zu verletzlich innerhalb von Strophe und Refrain, mit Botschaften, die schon melancholisch, aber auch lebensbejahend und trotzig zugleich sind. Fasziniert von der menschlichen Psyche und zwischenmenschlichen Dynamiken, schafft Bryde ehrliche und furchtlos authentische Lieder, die aus guten Gründen als „verworren und entblößend“ gleichzeitig beschrieben wurden.

Und obwohl der Name bislang vor allem auf der Agenda von findigen Indie-Poppe-di-Rock-Eingeweihten aufgetaucht sein dürfte, ist die aus dem walisischen Pembrokeshire stammende und in London beheimatete Musikerin keineswegs eine „Newcomerin“ im klassischen Sinne, denn Howells macht bereits seit gut und gern zwei Jahrzehnten Musik – und das nicht als Beruf, sondern vielmehr als Berufung (was sich nach Phrasenmäherei lesen mag, aber wohl tatsächlich so ist). So schwänzte sie etwa die Uni, um mit ihrer High-School-Rockband auf einem in einen rostigen Transit gequetschten alten Sofa durch das Vereinigte Königreich zu touren. Aufgewachsen im Grunge der Neunziger und Emo der Nullerjahre und kurz vor der Unterschrift eines Plattenvertrags, geriet die Welt der vier eng befreundeten Musiker*innen jedoch arg ins Wanken, als bei Bassistin und Gründungsmitglied Nia Leukämie diagnostiziert wurde. Und es kam noch schlimmer: Nach einem 18-monatigen Kampf gegen die Krankheit starb sie auf tragische Weise und die Band löste sich auf.

Also schlug auch Howells neue Wege ein. Der Verlust ihrer Freundin und ein Umzug von Milford Haven nach Cardiff führten dazu, dass sich ihr Musikgeschmack vom Powerpop ihrer Jugend hin zum introspektiven Emo Folk als Teil des Duos Paper Aeroplanes entwickelte und sie – zumindest vorübergehend – ihre E-Gitarre gegen die akustische Variante tauschte. An der Seite von Bandmate Richard Llewellyn tourte sie ausgiebig durch Großbritannien und Deutschland, verkaufte Venues wie die legendäre Union Chapel oder die Hamburger Prinzenbar aus, spielte auf dem angesagten US-Showcase-Festival SXSW, veröffentlichte drei Alben in Eigenregie und ließ – Krebibilität lässt sich eben nicht kaufen – dennoch ein Majorlabel nach dem anderen abblitzen.

Allen Erfolgen zum Trotz stand jedoch alsbald der nächste Richtungswechsel an. Während einer Bandpause im Jahr 2016 verspürte Sarah Howells das Bedürfnis, Songs abseits von Paper Aeroplanes zu kreieren und sich wieder ihrer E-Gitarre zu widmen – dies war der Beginn ihres Solo-Projekts Bryde, das von der renommierten „Sunday Times“ alsbald mit „wilde Gitarre…sensationell“ angepriesen wurde.  

Mit ihrem 2018 erschienenen Debütalbum „Like An Island„, welchem drei EPs vorangingen, wurde Bryde im selben Jahr für den Welsh Music Prize nominiert, tourte durch Europa und zierte die Bühnen von Festivals wie dem Latitude, Boardmasters, Camden Rocks oder Live at Leeds. Die Songs der Erstlingsplatte erzählten von Emanzipation und vom Lernen, nach einer Trennung wieder allein zu existieren und auf eigenen Füßen zu stehen, während das Musikalische irgendwo zwischen sanftem Dreampop der Marke The xx, dem teils recht spröden Sound von Feists „Metals“ und einem Timbre à la Fiona Apple oszillierte. Obendrein umschiffte die Singer/Songwriterin die gröbsten Schmalz-Klippen ebenso schlicht wie galant mit ihrer entlarvenden Ehrlichkeit.

Es folgte – man ahnt’s wohl bereits – einmal mehr eine Richtungskorrektur, denn dem zweiten, 2020 erschienenen Album „The Volume Of Things“ gingen die explosiven Elemente, die das Debüt in seinen besten Momenten so spannend tönen ließen, fast vollständig ab. Geschrieben und aufgenommen zwischen London sowie den Studios verschiedener Freunde in Berlin und produziert von Thomas Mitchener (Frank Carter & The Rattlesnakes, The Futureheads) wurde das Zweitwerk während der ersten Phase der vermaledeiten Corona-Pandemie veröffentlicht und handelte von der Bombardierung des modernen Lebens, der Lawine von Nachrichten, Mitteilungen, Ratschlägen und Ideen, zu denen wir (zumindest im recht freien Teil der westlichen Welt) jeden Tag Zugang haben, sowie dem Versuch, aus all dem weißen Rauschen einen echten, tieferen Sinn herauszufiltern. Klar, die Amplitude der tönenden Erschütterungen mochte eine andere sein als auf „Like An Island„, das dezent vulkanische Brodeln mochte vermehrt Platz gemacht haben für ein Gefühl der Entschleunigung und des Loslassens, aber eitel Sonnenschein war auch auf „The Volume Of Things“ nie so ganz.

Folgt nun, mit dem kommenden dritten Langspieler „Still„, die beinahe obligatorische nächste Kehrtwende? Überraschenderweise: nein. Vielmehr Setzt Sarah „Bryde“ Howells den auf dem Vorgänger eingeschlagenen Weg in Musik und Gedankenwelt fort, schließt sich bei ersterem, der Musik, der Welle an talentierten Bedroom-Pop-Künstlerinnen an, die – mit Phoebe Bridgers an der Spitze – die Welt außerhalb des eigenen Schlafzimmers mit grandiosen Platten bereichern, während zweiteres, das Thematische, mit so viel- wie alles und nichts sagenden Begrifflichkeiten wie Spiritualität, Liebe, Religion, Heilung und der Macht des Geistes spielt – all das ja Themenkomplexe, denen man auch schon auf den ersten beiden Platten begegnen konnte, und die nun, im Jahr 2022, in mannigfaltiger Hinsicht relevanter denn je scheinen. Auf das introspektiv-entschleunigte Grundgefühl weist bereits das Coverartwork hin, auf den Rest von „Still“ darf man sich einmal mehr gern einlassen.

„So viele Liebeslieder verherrlichen die Idee, sich jemandem an den Hals zu werfen, das Drama und den Schmerz der Liebe. Ich wollte zugeben, dass ich das tue, aber auch anerkennen, dass es viele andere, gesündere Arten gibt, über die Liebe nachzudenken, und dann ein Gespräch darüber beginnen.“ (Sarah „Bryde“ Howells)

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Jenny Berkel – „These Are The Sounds Left From Leaving“


Obwohl doch beileibe keine Newcomerin mehr, mag Jenny Berkel in unseren Breiten – und selbst unter eingeweihten Singer/Songwriter-Connaisseuren – noch kein „Household Name“ sein. Verwundert das? Nun, ein wenig schon.

Denn immerhin ist es bereits satte zehn Jahre her, dass die in London, Ontario beheimatete kanadische Songwriterin ihr Debütalbum „Here On A Wire“ veröffentlicht hat. Selbigem ließ sie im vergangenen Jahr „Pale Moon Kid“ folgen, dazwischen lag noch eine EP – und der Poetik hat sie sich als Dichterin ebenfalls verpflichtet. Überhaupt: das Lyrische. Die Verbindung zwischen Poesie und Musik funktioniert auch auf Berkels neustem Werk „These Are The Sounds Left From Leaving“ in durchaus überragender Form. Das mag vor allem mit den Umständen der Entstehung der zehn neuen Stücke zusammenhängen, welche ihrem Plan, eine leichte, beschwingte und unbeschwerte Platte zu machen, einen dicken Strich durch die Rechnung machten: “Ich habe das Album in einer winzigen Wohnung geschrieben, zu einer Zeit, als sich alles groß und überwältigend anfühlte”, sagt die Musikerin. Und meint weiter: “Die Songs selbst sind eine Studie über Nähe, die große Ängste in kleine Räume bringt.“

Hört man nun ihren dritten Langspieler, so besteht – bei aller Ernsthaftigkeit – durchaus Hoffnung, dass Berkel mit diesem nun endlich auch in Deutschland einem etwas größeren Publikum bekannt bekannt werden dürfte. Das lässt sich schon alleine daran festmachen, dass hier keiner der ebenso leichtfüßig wie transparent inszenierten Folk-Pop-Songs musikalisch in besonderer Weise als klares Highlight herausragt, sondern jedes einzelne der zwei Handvoll Stücke auf insgesamt recht hohem Niveau seinen eigenen Reiz zu entwickeln weiß.

Wie sicher sich die Musikerin inzwischen in ihrem Bestreben ist, ihre Songs zwischen düster und hoffnungsvoll, transparent und opulent, intim und raumgreifend, leise und bestimmt, geradlinig und vertrackt auszubalancieren, zeigt auch der Umstand, dass sie – zusammen mit Dan Edmonds und dem auch als Musiker in Erscheinung tretenden Ryan Boldt (Deep Dark Woods) – erstmals selbst produktionstechnisch Hand anlegte und sich dabei von Colin Neales schwindelfreie, luftige Streicherarrangements schreiben ließ, die viel Raum für ihre beeindruckend klare und durchsetzungsfähige Alt-Stimme bieten.

Tatsächlich erinnert das Setting an nicht wenigen Stellen an das, was weiland Joe Boyd für den großen, jedoch viel zu früh verglühten Trauer-Troubadour Nick Drake leistete. Diverse Gitarren, Piano, Mellotron, Wurlitzer-Orgel, Bass, Schlagzeug und Streicher – hier wird ein durchaus breites Instrumentarium aufgefahren, über welchem Berkels wohltuend graziöse Stimme ruht. Und auch der Vorwurf, den Kenner der Songwriterin bislang ungestraft machen durften – nämlich dass alle ihre Stücke im gleichen balladesken Gleichstrom-Setting angesiedelt seien – gilt ab diesem Album nicht mehr, denn obwohl Jenny Berkel natürlich noch immer keine derb drauflos prügelnde Rockmusik macht, gibt es mit „Kaleidoscope“, welches mit seinen wehmütigen Streichern die nachdenkliche Wirkung noch unterstreicht, mit „July“ und dem Trennungslied „Lavender City“ gleich mehrere durchaus munter pulsierende Songs im Mittelteil des Albums, die sich längst nicht mehr als „reine Balladen“ einsortieren lassen. Dem gegenüber stehen schwermütige, recht mystisch verzierte, mit viel Liebe zum feinsinnigen Detail ausgestattete Folksongs wie „Watch You Fade“ oder das walzer’eske „Under A Sky“, während sich „You Think You’re Like The Rain“ ganz der Sehnsucht hingibt oder „Here Comes The Morning“ auf bessere Zeiten hofft.

Klar, besonders erbaulich mag sich das alles nicht gerade lesen. Und: Ja, man sollte schon das richtige Gemüt für diese von tiefer Traurigkeit durchdrungene Platte haben, bei welcher sich die Einsamkeit, die Furcht vor zu großer Nähe, aber auch vor dieser Welt da draußen vor der Wohnungstür, oftmals zwischen verwunschenen Vibrafonharmonien und zarten Gitarrenakkorden verstecken. Und irgendwie haben uns zwei Jahre weltumspannende Pandemie und die zuweilen überwältigende Reizüberflutung, welche auch durch die in ständig schnellerer Abfolge auf uns einprasselnden Katastrophenmeldungen auslöst wird, ja alle mehr oder minder müde und mürbe gemacht, oder? Eben. Da kann einem manchmal für Momente durchaus die Haut dünn und vor allem und im Grunde gar nichts Angst und Bange werden. Wer allerdings vermutet, dass sich Jenny Berkel hier als musikalisches Zitterkaninchen vor der Schlange präsentiert, sieht sich auf angenehme Weise enttäuscht, denn mittels ihrer blumigen, allegorischen Poesie-Sprache findet die Songwriterin immer wieder Wege, ihr Anliegen eher ermutigend in Form von aus der Natur gezogenen Metaphern im Format fiktiver Konversationen (welche teilweise im Zwiegespräch mit sich selbst stattfinden) deutlich zu machen. Und schafft damit berückende Kammerpop-Kostbarkeiten, welche sie hoffentlich baldigst aus der Geheimtipp-Ecke hinausführen werden.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Honeyglaze


Oh, sweet bird of youth… Wie toll muss es sein, alles zum ersten Mal zu machen – eine Band gründen zum Beispiel. Honeyglaze aus London fanden zusammen, weil Songwriterin, Sängerin und Gitarristin Anouska Sokolow nicht das einsame Mädchen mit Gitarre geben, aber schon unbedingt auf die Bühne wollte. Also holte sie sich mit Bassist Tim Curtis und Schlagzeuger Yuri Shibuichi zwei Freunde dazu – Honeyglaze waren geboren.

Und während sich manche Band über Monate, gar Jahre verdammt erfolglos die Allerwertesten abspielt, musste das Londoner Trio gar nicht allzu lange auf seine „Entdeckung“ warten – kurz vor dem Lockdown wurde Produzent Dan Carey auf sie aufmerksam und nahm sie für seine Talentschmiede unter Vertrag. Auf Careys Liste wiederum stehen einige der wichtigsten britischen Acts der letzten Jahre: Kae Tempest, Squid, Fontaines D.C., Goat Girl, jüngst die selbst von Dave Grohl über den grünsten Hype-Klee gelobten Wet Leg. Doch lässt sich aus diesen Kolleg*innen auch der Sound der Newcomer ableiten? Ja und nein: Post-Punk-Sympathien haben die drei ebenso wie Texte, die Themen wie Erwachsenwerden und Beziehungsunfähigkeit mit britischem Understatement und trockenem Humor überziehen.

Dennoch lassen sich Honeyglaze auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum schwerlich auf einen Sound festzunageln. In Songs wie „Burglar“, dem Instrumental „Half Past“ und dem sphärisch-noisigen Opener „Start“ entwickelt das Trio eine post-grungige Kraft, die von Produzent Dan Carey schön roh belassen und gleichzeitig in poppige Gefilde geleitet wird. Im Popsong britischer Tradition liegt nämlich die eigentliche Stärke von Honeyglaze: „Shadows“ vereint eine jangly Gitarrenmelodie mit Teenage-Angst-Lyrics („Sentimental words / They always lose their meanings / If they’re never seen or heard / Only when I’m dreaming“) und kommt Post-Punk-Helden wie Orange Juice sehr nahe.

„Creative Jealousy“ und „I Am Not Your Cushion“ tönen mithilfe eingängiger Hooks gleichsam süß wie kratzbürstig, während sich „Childish Things“ als passionierter Rocker erweist und „Souvenir“ in zart melancholischer Indie-Pop-Grundstimmung auspendelt. Stark auch das nostalgisch angehauchte „Female Lead“, einerseits eine mit dezentem Augenzwinkern erzählte Geschichte aus der Kindheit von Frontfrau Anouska Sokolow, während es andererseits sowohl rassistische als auch antifeministische Klischees aufgreift. Honeyglaze probieren als Debütanten-Band ohne Live-Erfahrung stilistisch vieles aus, ihr Debüt soll das „Gegenteil eines Konzeptalbums“ (Zitat) sein. Fair enough. Selbiges – ein Konzeptalbum – können sie irgendwann immer noch machen. Der süße Vogel Jugend, er ist noch jung…

Rock and Roll.

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Moment! Aufnahme.


(gefunden bei Facebook)

Eine ältere Frau sitzt lächelnd auf einer der Bänke der Londoner U-Bahn-Station „Embankment“ – so weit, so unspektakulär. Die Geschichte, welche sich hinter diesem vermeintlichen Alltagsschnappschuss verbirgt, ist jedoch ebenso rührend wie interessant. Bereit? Dann haltet schonmal das ein oder andere Taschentuch bereit…

Als Londoner – oder eben als Tourist in der englischen Neun-Millionen-Einwohner-Metropole – hört man mehrere Varianten, wenn man in der „Tube“, der U-Bahn, fährt: eine Dame, welche einen vorsichtig bittet, die Lücke zwischen Zug und Bahnsteig zu beachten, einen Herren, der sich anhört, als würde er freundlich schmunzeln, während er einen darauf aufmerksam macht, vorsichtig ein- und auszusteigen. Mind the gap – dennoch sieht man gelegentlich schonmal, wie jemand dort sein Handy für immer verliert oder gar ein Schuh stecken bleibt.

Zuerst war dieser allseits bekannte Hinweis in den Sechzigerjahren als Aufzeichnung der Stimme eines gewissen Oswald Laurence zu hören – „Mr. Gap“ nannten ihn die Londoner damals. Seitdem haben ihn Millionen sprechen gehört, manche tagtäglich, ohne sich etwas – oder zumindest allzu viel – dabei zu denken. Es kannten jedoch nur wenige Londoner den Mann, der hinter dem berühmten Satz und der Stimme steckte. Dies alles änderte sich vor ein paar Jahren, dank seiner Witwe.

Oswald Laurence, 1921 geboren, war ein leidlich erfolgreicher Schauspieler aus dem Londoner Bezirk Golders Green. Schon mit 17 Jahren trat er der Royal Academy of Dramatic Art bei und spielte in Film und Fernsehen an der Seite von weitaus bekannteren Schauspielern wie Roger Moore. Im Jahr 1992 lernte er in während eines Aufenthalts in Marokko Margaret kennen. Die beiden verliebten sich, heirateten und lebten im Norden Londons, bis Oswald 2007 starb. Seine Witwe, die heute 72-jährige Dr. Margaret McCollum, fuhr nach seinem Tod noch oft zu einer der Stationen, die seine Tonbandaufzeichnung spielte: Embankment, in der Nähe der Themse, knapp unter Trafalgar Square. Von hier kann man zu drei anderen U-Bahn-Linien, den Zügen nach Charing Cross sowie den Themse-Fähren wechseln oder sich zu Fuß auf den Weg zur Parade der königlichen Horse Guards oder den Regierungsgebäuden im Viertel machen. Die Aufzeichnung konnte man dort jahrelang hören. „So gut es ging, leitete ich alle meine Fahrten in der Tube über die Embankment-Station. Wenn nur irgendwie möglich, fuhr ich dort entlang“, erzählt Frau Dr. McCollum mit einem Schmunzeln. Oft ließ sie beim Umsteigen absichtlich ein paar Züge abfahren, bevor sie endlich einstieg. „Ich liebte es einfach, dort seine Stimme zu hören. Das war wirklich etwas Besonderes, etwas sehr Vertrautes inmitten unserer Stadt. Die Stimme, die er dafür benutzte, war wirklich ganz seine eigene, nicht aufgesetzt, gar nicht fremd – dabei konnte er seine Stimme gut verstellen!“ Früher hatte die Allgemeinmedizinerin, die 39 Jahre lang als Ärztin arbeitete, ihre eigene Praxis im Nordwesten der Stadt. Diese befand sich in Laufweite von ihrem Zuhause, sie musste die Tube also nicht oft benutzen. Seit sie im Ruhestand ist, hat sie jedoch noch viel mehr Zeit, an der Station vorbeizufahren. Es war für sie beruhigend zu wissen, „dass ich dort in der Tube-Station zu jeder Zeit seine Stimme hören konnte, wenn ich es denn wollte.“

Doch vor allem in einer Stadt wie London macht die Digitalisierung – englische Traditionen hin oder her – freilich nur selten Halt. So wurde der Gebrauch der Aufzeichnung über die Jahre schrittweise reduziert und war zum Schluss nur noch in ebenjener Embankment-Station zu hören. Und nachdem im November 2012 eine neue Lautsprechanlage eingestellt wurde, ertönte auch dort plötzlich eine neue Stimme, die eines jüngeren Mannes. „Ich war wirklich entsetzt, als ich am ersten November ankam und merkte, dass er weg war“, flüstert Margaret, fast als wäre es ihr peinlich. „Ich war am Boden zerstört. Ich habe mir sofort gedacht, dass ich mit jemandem reden muss, der das wiedergutmachen kann!“

Gesagt, getan – die traurige Witwe sprach die Mitarbeiter der U-Bahn-Station an und erzählte ihnen ihre durchaus bewegende Geschichte. Die Mitarbeiter baten um Entschuldigung, doch in der U-Bahn sei nun einmal dieses neue System installiert worden – daran könne man nichts ändern. Sie versprachen ihr aber, dass sie nach den alten Tonaufnahmen suchen und ihr bei Erfolg eine Kopie zukommen lassen würden. Margaret wusste, dass das unwahrscheinlich war, bedankte sich jedoch trotzdem.

Im darauffolgenden Jahr saß sie wie gewöhnlich in der Station „Embankment“. Doch zu ihrer Überraschung erklang aus den Lautsprechern plötzlich eine ihr sehr vertraute Stimme: die ihres verstorbenen Mannes, den sie so sehr geliebt hatte. Fast schon hatte sie sich an den Gedanken gewöhnt, dass sie seine 1969 aufgezeichneten Worte nie wieder hören würde. Doch hier waren sie wieder, dieser ihr wohlig gewohnte Hinweis: „Mind the gap“, sprach Oswald Laurence. Es stellte sich nämlich heraus, dass es vielen Menschen, auch Mitarbeitern der Verkehrsbetriebe selbst, so ging wie Frau Dr. McCollum und dass sie vieles dafür gegeben hätten, wieder die Stimme ihrer Lieben zu hören. Und: Ihnen wurde bewusst, dass das im Falle der Witwe wenigstens dieses eine Mal möglich war.

Ganz einfach – ein Klick auf die rechte Maustaste, fertig! – war dies jedoch keineswegs. Alte Archive wurden durchstöbert, alte Kassetten gefunden und restauriert. Viele Mitarbeiter arbeiteten lange daran, die historischen Aufnahmen zu digitalisieren, andere kämpften sich durch den Code des Durchsagesystems, um ihn zu verändern. Nebenbei musste noch viel Papierkram erledigt sowie Ausnahmegenehmigungen erlassen werden. Zusammen erreichten die Angestellten der Londoner Verkehrsbetriebe, dass Oswald Laurence wieder die Ansagen macht – und gaben seiner Witwe zudem eine CD mit der Aufzeichnung, sodass diese nun nicht mehr mit der Tube fahren muss, um ihren Liebsten zu hören.

Dr. Margaret McCollum ist es zu verdanken, dass man in der Station „Embankment“ selbst heute noch eine Stimme hören kann, die sich von allen anderen in der Londoner U-Bahn unterscheidet. Wer’s prosaisch mag, der würde behaupten, dass der Tod manchmal eben nicht das Ende bedeuten muss…

Wenig verwunderlich ist übrigens, dass die Geschichte wenig später aufgegriffen und zu einem zwar weitestgehend dialogfreien, jedoch dennoch sehenswerten Kurzfilm verarbeitet wurde:

Rock and Roll.

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Song des Tages: Thom Yorke – „Free In The Knowledge“ (live)


Bei einem Solo-Auftritt im Oktober spielte Radiohead-Frontmann Thom Yorke den Song „Free In The Knowledge“ von The Smile.  Nun wurde erstmals ein Video der Performance veröffentlicht. Die Show fand in der altehrwürdigen Londoner Royal Albert Hall statt, es handelte sich zudem um den ersten Bühnenauftritt Yorkes seit Beginn der Pandemie. Den Song widmete der 53-Jährige allen Musiker*innen, die von den Pandemie-meets-Corona-Auswirkungen betroffen sind. Aus den sphärischen Loops, die sich zunächst über eine Minute lang durch den Raum fräsen, lässt Yorke bei der Live-Performance seine Akustik-Gitarre hervortreten. Dazu singt der Brite mit seiner unverkennbaren Kopfstimme den anklagenden Song und lässt die Worte im Saal verhallen. Jene – die Worte – nehmen gleich zu Beginn herben Kontakt zum aktuellen Zeitgeist auf: „Free in the knowledge / That one day this will end„.

Bei wem The Smile kein Erinnerungsglöckchen zum Klingen bringen, sollte sich übrigens nicht allzu sehr grämen, denn selbiges Band-Projekt, welches Yorke gemeinsam mit Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood sowie Tom Skinner, dem Schlagzeuger der Sons of Kemet, betreibt, steckt noch in den oft zitierten Kinderschuhen. Erst im Mai 2021 gaben The Smile ihr Live-Debüt bei einem Live-Streaming-Event des Glastonbury-Festivals.

Bevor Thom Yorke anfängt, den neuen Song zu spielen, hat er jedoch noch ein paar Worte zur Pandemie zu sagen: „Ich bin britischer Musiker und mir wurde während der Pandemie wie allen britischen Musikern gesagt, dass wir eine Umschulung in Betracht ziehen sollten. Und dann, nachdem wir endlich gegangen waren, sagten sie uns, dass wir sowieso nicht mehr wirklich touren müssten, oder? Also gehöre ich vielleicht zu einer aussterbenden Art, wer weiß? Ich möchte für alle meine Musiker-Kollegen einen Song spielen, den ich während dieser Zeit mit meiner neuen Band The Smile geschrieben habe. Er heißt ‚Free In The Knowledge‘…“.

„Free in the knowledge
That one day this will end
Free in the knowledge
That everything is changed

And this is just a bad moment
We are fumbling around
We won’t get caught like that
Soldiers on our backs
We won’t get caught like that

Face using fear
To try to keep to keep control
But when we get together
Well then, who knows

And this is just a bad moment
We are fumbling around
We won’t get caught like that
Soldiers on our backs
We won’t get caught like that

I talk to the face in the mirror
But he can’t get through
I said it’s time that you deliver
‚Cause we see through you
I talk to the face in the mirror
But he can’t get through
Turns out we’re in this together
Both me and you

Rock and Roll.

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Monday Listen: Flo Perlin – „Characters“


Flo Perlin hat den halben Globus bereist und dabei nahezu unweigerlich massig Eindrücke gesammelt, die nun ihr zweites Album „Characters“ ausmachen – stetig auf der Suche nach den besonderen Charakteren um sich herum wie in sich selbst. Sie ist im Nahen Osten, in den US of A, in Europa und Asien unterwegs gewesen, hat die Spuren ihrer jüdisch-irakischen Familie bis nach Myanmar verfolgt, wo sie zudem als buddhistische Nonne ordiniert wurde. Doch trotz all des immerwährenden Fernwehs ist der Nachfolger zum 2017 erschienenen „Cocooned“ ebenso das Ergebnis von Stillstand und innerer Einkehr – eine Bestandsaufnahme, nachdem 2015 bei ihr eine Autoimmunkrankheit diagnostiziert wurde und sie eine Zeit lang in Krankenhäusern ein- und ausging. Wie auch der Erstling ist „Characters“ ein Kokon meditativer Introspektion, der die Zuhörer in diese acht Stücke und in Perlins fast schon honigsüßen Gesang einhüllt.

Im Eröffnungsstück „Slowly Unfold“ schildert die Singer/Songwriterin ihre persönliche Reise hinein in die Selbstreflexion. Sie erzählt von einer Frau, die versucht, sich selbst durch ihre Kreativität zu verstehen, wenn sie singt: „She had her father’s hand / She wrote so she could understand“. Zudem beschreibt die Entfaltung, die erst dann möglich scheint, wenn das Unbewusste die Flucht ergreift. Perlins ebenso subtile wie melodiöse Stimme, welche manch eine(n) durchaus an die großartige Ane Brun denken lassen wird, ist eine durch sonnenbeschienenes Laub rauschende Brise, ist Ton und Klang gewordener Wasserfluss – sie zieht an, taucht ein und übertönt alles um sie herum. Das spärliche Arrangement ihrer sanft angeschlagenen Gitarre wird von einem dezent eingewobenem Bett aus Streichern unterstützt, aus dem sich immer wieder eine Geige Bahn bricht.

Aller feinsinnigen Instrumentierung zum Trotz – nichts an diesen Songs scheint zu viel, scheint überflüssig. Der Gesang der in London beheimateten Singer/Songwriterin, die seit ihrem fünften Lebensjahr auch Cello spielt, atmet frei durch das jazzige Folk-Arrangement von „Hold Up Your Head Child“, welches zudem mit subtiler Basslinie und den Bossa-Nova-beeinflussten Gitarrenrhythmen zu überzeugen weiß. Der Song entstand nach einem erneuten Aufflackern der Autoimmunkrankheit, die Perlin glauben ließ, dass sie wohlmöglich für immer mit chronischen Schmerzen zu kämpfen haben würde. Als sie sich davon erholt hatte, schrieb sie dieses Stück – um sich daran zu erinnern, nie gänzlich die Hoffnung zu verlieren: “Hold up your head, child / This will pass”.

„Baghdad“ wiederum zieht den Hörer mit seinem wehmütig-nostalgischen Intro aus Streichern und Gitarre schnell in seinen Bann. “She took a spade / She’s digging away / Through the sand with the hope / That she’ll find a new land”, singt Perlin über ihre Großmutter. Der wunderbar melancholische Song scheint durch und durch in Sehnsucht getränkt – Sehnsucht nach einem Zuhause, nach Wurzeln, nach einem vergangenen, gelebten und – zumindest zum Teil – erdachten Leben. Die Zeilen des Liedes geraten gleichsam bezaubernd und herzzerreißend, während Perlin tiefer in ihre Familiengeschichte eintaucht und einmal mehr ihre Großmutter beschreibt: “She couldn’t bear / The taste of mum’s tea / It runs through the roots of her / Family tree”.

„Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen“, meinte einst der französische Staatsmann Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord. Dieses Zitat könnte wohlmöglich auch Perlin im Hinterkopf gehabt haben, die im darauffolgenden „Words“ singt: „Scream with your eyes / But your words can’t get through“, wobei sie auf ihre Weise die naturgemäße, höchst subjektive Unvollkommenheit von Worten hervorhebt und darauf hinweist, wie oft ebenjene zu kurz greifen. Nicht eben unsympathisch, dass sie sich selbst den ein oder anderen Fehler eingesteht, von dem wohl die meisten von uns ab und an heimgesucht werden: “Sometimes I listen / But sometimes I don’t”, gibt sie zu, oder: “Sometimes I talk / Though I don’t understand”.

„Blue Is The Colour“ ist ein Stück über den Wunsch nach Nähe und über die Beziehungen, die uns alle in irgendeiner Form prägen – sei es zu anderen Menschen, zur Natur oder schlicht zu uns selbst. Perlin meditiert darüber, wie man geben kann, ohne dass einem zu viel genommen wird, und verwendet das sprachliche Bild wachsender Wurzeln, um zudem sowohl auf die Identität als auch auf unsere Abkopplung von der Natur hinzuweisen: “I gave my roots to the people / But they took them from me”, wie sie singt. Streicher unterstützen gen Ende ihr sanftes Summen und treiben den Song plötzlich mit einer melodischen Hook vorwärts, die den Hörer eine nahende instrumentale Explosion vermuten lässt. Stattdessen klingt der Song sanft aus und macht Lust auf mehr.

Das abschließende „Move Through The Waves“ unterscheidet sich deutlich von allem anderen auf dem gut halbstündigen Album. Es ist das einzige Stück, in dem Perlin Klavier spielt – jenes Instrument, auf dem sie einst mit dem Schreiben von Musik begann. Zwar kommt auch dieser Song nicht aus der nachdenklichen Kaminecke hervor, macht es sich dort jedoch zu einem entspannten, jazzigen Beat, der an Lianne La Havas erinnert, gemütlich. „Simplify the outside“, wiederholt Perlin wie ein Mantra. Und: Mit „Move Through The Waves“ versucht die Musikerin, die verschiedenen Charaktere in sich selbst noch einmal unter einen Hut zu bringen, indem sie nach innen schaut, um alles Äußere zu vereinfachen. Es scheint beinahe, als sei der Song auch ein Versuch der Versöhnung der verschiedenen musikalischen Stimmen tief in Flo Perlin – er stellt ihre Vielseitigkeit als Songwriterin unter Beweis, ohne ihren Kern aus den Augen zu verlieren. „Let the silence give you space“, singt Perlin immer wieder. Wenn die Musik schließlich ihr Ende findet, scheint die Stille mit einem Mal ein klein wenig erträglicher – und vielleicht ist das das Geschenk, das Flo Perlin ihren Zuhörern macht: Gelassenheit in der Einsamkeit, Leichtigkeit im Unbehagen zu finden.

Rock and Roll.

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