Schlagwort-Archive: Bandcamp

Sunday Listen: Pærish – „Fixed It All“


Foto: Promo / Nabila Mahdjoubi

Post-Hardcore-Experte Will Yip hat’s produziert, SideOneDummy Records hat’s veröffentlicht. So schlecht kann das, was Pærish hier an den Start gebracht haben, also kaum sein. Dass es aber an mancher Stelle dermaßen großartig tönt, überrascht dann aber doch. „Fixed It All“ – ab sofort ein neuer Lieblingsalbum-Kandidat für die Generation Post-Emo. Oder so ähnlich. 

Die 2010 von drei Filmstudenten gegründete Band kommt – ohlala! – aus Paris, klingt jedoch keineswegs nach Audrey Tautou, Café au Lait und dem Eiffelturm, sondern vielmehr nach der ganzen Alternative-Rock-Welt. Nach anno dazumal (meint: den frühen 2000ern) und heute. Man darf mit Fug und Recht vermuten, dass der Vierer von Bands wie Sparta oder Glassjaw und ganz sicher von Rival Schools bereits gehört hat (und das ein oder andere Werk ebenjener Kombos in der heimischen Plattensammlung hat). An mancher Stelle tönt gar der poppige Ohrwurm-Faktor von Weezer oder Jimmy Eat World durch, eingeweihte Szene-Füchse mögen zudem Vergleiche zu Bands wie Basement, Superheaven oder Narrow Head ziehen. Alternative Rock ist das, manchmal mit ein paar gut gemeinten Prisen Post Hardcore, mal eben auch das, was gemeinhin als Emo Punk durchs Rund rockt. Einfach eine unglaublich gute Mischung mit unglaublich guten Songs.

Da das Quartett vor allem in den vergangenen Jahren vornehmlich in Ton- statt in Filmstudios unterwegs war, lassen sich Pærish beim Schreiben ihrer Songs nun – mal mehr, mal weniger direkt – vom Kopfkino-Flimmern der weiten Filmwelt inspirieren (so etwa auch beim Bandnamen, zu welchem sich Pærish durch den von Robin Williams in „Jumanji“ verkörperten Charakter Alan Parrish inspirieren ließen). Newcomer sind die Franzosen aber keineswegs – bereits mit ihrem 2016 erschienenen Debüt „Semi Finalists“ schaffen sie es ins Vorprogramm von Bands wie Sum 41 oder den Silversun Pickups. Mit „Fixed It All“ dürfte es hoffentlich sogar noch höher hinausgehen, denn Will Yip (La Dispute, Pianos Become The Teeth, Tigers Jaw), der beim Erstling bereits fürs Mastern verantwortlich war, ist genau der Richtige, um ihre Songs mit seinem Trademark-Sound auf ein neues Level zu bringen. Gitarren und Bass klingen vor allem in den tiefen Tönen satt und wuchtig mit zeitlosem Grunge-Fuzz oder, wenn sie clean bleiben, mit leicht shoegazigem Hall wie bei den späteren Title Fight. Auch das Schlagzeug tönt groß und raumfüllend, wie im Intro von „Violet“, wo es allein für sich steht. Pærish scheuen keine dissonanten Akkordfolgen, die so aufgekratzt sind, wie es vor allem im Neunziger-Alternative-Rock üblich war. Diese Spannung geht fast immer in Refrains auf, in denen Sänger Mathias Court nicht nur ähnlich klingt wie Jim Adkins, sondern auch ein vergleichbares Talent für Melodien unter Beweis stellt wie der Jimmy Eat World-Frontmann. Klares Ding: Mit denen gehören Pærish als nächstes auf die Bühne. Ein Song wie „Archives“ wäre in einer besseren Musikwelt ein verdammter H.I.T., die „Journey Of The Prairie King“ dürfte gern niemals enden, „You & I“ punktet mit Patrick Miranda von Movements als Gast.

Unterm Strich steht ein Zweitwerk mit zehn eindringlichen, intensiven Stücken einer am internationalen Punkrock-Niveau schnuppernden Band, die weder die harten Gitarren noch das nötige Quäntchen Kitsch scheut. Je pense que ça me plaît.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Sunday Listen: Narwhals – „Two Dark Windows“


„Narwhals are aquatic mammals with horns. They are also an alternative band from Manchester.“

Zwei Sätze, in welchen zu gleichen Teilen ein gerüttelt Maß an Ironie, aber auch etwas vom guten alten britischen Understatement steckt. In jedem Fall sollten all jene ein Ohr riskieren, denen ohnehin schon Bands wie Frightened Rabbit oder The National sowie melancholisches Gitarrenmollliedgut recht nahe am Hörerherzen liegen – oder wie Sänger und Frontmann Jacob Cordingle die Soundkulisse des Manchester-Vierers in diesem Interview passend beschreibt: „Man stelle sich vor, The National hätten ein Kind mit Mogwai gezeugt und würden Ian Curtis zum Paten machen.“

Das 2018 erschienene Debütwerk „Two Dark Windows“ (über dessen Entstehungsprozess man hier etwas lesen kann) findet man via Bandcamp als „name your price“ – und da Narwhals alle Erlöse an die Mental-Health-Charity-Organisation Tiny Changes (welche von der Familie des 2018 verstorbenen Frightened Rabbit-Frontmanns Scott Hutchison ins Leben gerufen wurde) spenden, darf man gern ein paar Euronen (mehr) da lassen…

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Arab Strap – As Days Get Dark (2021)

-erschienen bei Rock Action/PIAS/Rough Trade-

Achtung, die schlecht gelaunten Männer sind zurück – älter, bärtiger und grimmiger als je zuvor: 2005 (und all die Jahre darauf, bis heute) glaubte man, Aidan Moffat und Malcolm Middleton hätten sich mit ihrem Album „The Last Romance“ ein letztes, hinreißend misanthropisches Denkmal gesetzt. Doch jetzt haben sich die beiden schottischen Musiker noch mal ins Studio geschleppt. Zusammen mit Drummer und Band-Intimus Paul Savage, der 1996 schon das Debüt von Arab Strap produziert hatte, ist ihnen – recht unerwartet, aber so ist’s ja oft – ihr zugleich vielleicht bestes, fiesestes und feinfühligstes Album gelungen. Ein verblüffendes Comeback zur richtigen Zeit, bei dem auch der Titel wie die trunkene Faust aufs müde Auge passt, denn wenn die Tage dunkler werden, gibt es schließlich mehr herunterbekommende Verstecke für Arab Straps schattige Geschäfte. Daran haben auch die 15 Jahre Abstinenz des Duos, welches sich zuzeiten ihrer Gründung 1995 nach einem Sexspielzeug für den Herrn gebannte, nichts geändert.

Und mal ehrlich: Was braucht man in diesen Tagen des Corona-bedingten Grollbürgertums und der allerorten grassierenden Lockdown-Melancholie dringender als Pop, der einen in den düstersten Winkeln der eigenen Mickrigkeit abholt? Der einem beim sauertöpfischen Aufstoßen niederster Triebe im Homeoffice-Geschlumpfe ertappt, umarmt und zum erlösenden Sicherheitsabstandstänzchen bittet: Ist schon okay, wir sind alle mies drauf, schmoren alle im eigenen, stinkenden Saft… Wie unendlich tröstlich. Aye.

Fotos: Promo / Kat Gollack

Dabei entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn ausgerechnet Sänger und Songwriter Aidan Moffat gleich im ersten, sanft schubsenden Song „The Turning Of Our Bones“ zum Salsa-Rave und zum Ausschütteln der morschen Knochen auffordert. Das Stück pumpt und klappert wie ein Voodoo-Tanz im schottischen Hochmoor, bis die unterm Morast vergrabenen Toten wenigstens eine beinharte Erektion bekommen. Hatte er nicht gerade noch, vor schlappen 17 Jahren, im ähnlich sinisteren „Don’t Ask Me To Dance„, ebensolche Animationsversuche verdammt? Na ja… fuck it, mate – man wird älter.

Aber nicht milder: „I don’t give a fuck about the past, our glory days gone by / All I care about right now is that wee mole inside your thigh“, deklamiert Moffat, mittlerweile 47 Lenze alt, sichtlich ergraut und mehrfacher Familienvater, im ungehobelten Falkirk-Dialekt, als wäre er Leonard Cohens zynischer kleiner Saufbruder aus dem Norden: sexfixiert, desillusioniert, moralisch korrumpiert, jedoch ohne die abfedernde Frömmigkeit und heilige Wucht von Cohen oder Nick Cave. Bei Moffat und Middleton, die in den späten Neunzigern so etwas wie den Soundtrack zur „Generation Trainspotting“ – keine Romantik, bloß keine Herzscheiße und als solches ein ätzendes Gegenmittel zum gockelnden Brit-Pop-Gewese jener Zeit – lieferten und nach dem zwischenzeitlichen Ende von Arab Strap jeder für sich kleine Indie-Solokarrieren starteten, taten die vom Bodensatz des Lebens gekratzten Wahrheiten schon immer eine wenig mehr weh.

Zum Beispiel in „Another Clockwork Day“, einer Akustikballade, die davon handelt, wie ein sentimentaler Tropf zu alten, pixeligen Erotik-JPGs in den geheimen Ordnern auf seiner Festplatte masturbiert, während seine Frau nebenan leise schnarcht. Es geht um den Verfall des männlichen Körpers in diesen lakonisch humorvollen Geschichten, um das Aufbäumen der Libido, Viagra, Selbstekel – critical oldness, wenn man so will. Was will man auch, irgendwo inmitten der großstädtischen Anonymität und jenseits der Vierzig, noch groß erwarten? Well, for fuck’s sake: Eine Rollo-runter-Atmosphäre aus schlechtem Sex, billigem Alkohol und deftigem Schämkater, für die das Duo seit jeher in Fan-Kreisen so geschätzt wird. Und 2021 endlich ein paar neue traurige Geschichten über kaputte Orte, gescheiterte Träume, verzweifelte Menschen liefert – und natürlich immer wieder über die beschissene Liebe und das trostlose Leben, die aus Sicht von Arab Strap ungefähr gleichermaßen ernüchternd daherkommen.

Die elf neuen Songs, welche sich um die ewig kreisenden Gitarren-Loops Middletons herum aufbauen, diesmal jedoch auch mit apokalyptischem Streicher-Schwirren und fiesem Saxofon-Drama ausgeschmückt werden, treiben den geneigten Zuhörer ein ums andere Mal durch Quälgeisterstunden. Klare Sache: Arab Strap sind, immer noch, Meister des heiteren Nihilismus und schwitzigen Unbehagens auf dem Kaschemmen-Dancefloor. Ihr Sound, irgendwo im Halbdunkel zwischen Mogwai-Post-Rock, Indietronica und Slowcore, ist auch 2021 mehr denn je einzigartig im Limbo zwischen Nervosität und Lethargie. Wie Folk gewordene Joy Division aus den Highlands, abzüglich des gefrorenen Pathos.

„Bluebird“, noch so eine elektronisch zittrige Moritat, erzählt vom gemeinen Schwarzmilan, der in Großbritannien fäkalistisch „Shite-hawk“ genannt wird, ein unsympathischer Greifvogel, der seiner Beute nachts in den Büschen auflauert. Ein waschechter Kackvogel also, aus dessen Perspektive Moffat alles schön schwarzmalt: „Ich will deine Liebe nicht, ich brauche sie“, bringt er die Notgeilheit in einer depravierten Welt auf den Punkt; Sex ja, aber bloß niemalsnie keine Zuneigung: „Give me your love, don’t love me“. Wir reden mit niemandem und allen, wir ratschen mit Geistern in Computerfenstern, philosophiert Moffat, der grummelige Crooner, dieser versierte Geschichtenerzähler mit großer Beobachtungsgabe fürs Alltäglich-abgründige und Profan-widrige, über die allgemeine Zoom-Entfremdung (sowieso schon und unter Corona-Bedingungen besonders), um – vielleicht etwas zu banal – im Existenziellen zu landen: „And who are you anyway? Who am I anyway? Does anybody care?“

In „Tears On Tour“ nimmt das Glaswegian Duo sein eigenes Image als sauertöpfische Trauerklöße aufs Korn, das wundervoll betitelte „Kebabylon“ ist eine Ode an die Schönheit im schottischen Schmutz. Nicht ganz so stark ist die zweite Hälfte des Albums: „Here Comes Comus!“ und „I Was Once A Weak Man“ sind Porträts von Unholden, die man sich auch als Single-B-Seiten vorstellen könnte, die „Fable Of The Urban Fox“ eine politische Folk-Allegorie über Fremdenfeindlichkeit (in der jedoch ausnahmsweise mehr Menschenliebe als Selbstverachtung mitschwingt). Aber dann ist da eben noch „Sleeper“, so etwas wie das schottische „Hotel California“ auf Schienen, eine albtraumhaft-hypnotische Horrorgeschichte, die mit ihrem Gefühl der Heimatlosigkeit durchaus Lust auf mehr in ähnlicher Tonart macht. 

Der Cringe-Faktor dieser Männer, die mit unbarmherzigem Blick auf das letzte Zucken ihrer schwindenden Virilität starren, ist hoch, aber auch heilsam und kathartisch. Zumindest, aber nicht nur, für Angehörige derselben Alterskohorte. Those lads are fucking back, aye! Und ringen ihren großstädtischen Odysseen zwischen Flaschen- und Körperöffnungen auch auf „As Days Get Dark“ das höchste Maß akustischer Poesie ab.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Sunday Listen: Redjetson – „Other Arms“


Redjetson, von denen die meisten von euch mutmaßlich nie etwas gehört haben, waren eine Band aus dem englischen Essex mit heißen, für Indie- und Post-Rock schlagenden Herzen und einem noch riesigeren Sound im Gepäck. Etwa zur selben Zeit wie artverwandte „Heiße-Scheiß“-Bands wie Bloc Party, Editors oder iLiKETRAiNS (mit denen sie oft tourten) entstanden, brachte das aus Clive Kentish, Daniel Hills, Daniel Carney, Ian Jarrold, Grant Taylor und Joel Hussey bestehende Sextett zwei durchaus amtliche, vielfältige tönende Alben von atemberaubender Schönheit zustande, die den oben erwähnten Post-Rock mit einigem an Getöse umgarnten und alldem klaviergeleitete Melancholie als Kontrastpunkt gegenüber stellten. Und sich leider trennten, noch bevor ihr zweites Werk „Other Arms“ veröffentlicht war, was dazu führte, dass ihrem frühen Schwanengesang kaum Beachtung geschenkt wurde. Nichtsdestotrotz lohnt es sich, dem Langspieler über eine Dekade nach dessen Erscheinen Gehör zu schenken.

Der frenetische Opener „Soldiers And Dinosaurs“ weiß schonmal mit seinem ordentlich Dampf machenden Schlagzeug, Multi-Vocals sowie Gitarren wie aus dem Interpol-Lehrbuch zu überzeugen. Sein verträumt-verwirbelter Habitus und der dezente Einsatz von Echo und Verzerrung, insbesondere bei Clive Kentishs Gesang, geben die Marschrichtung der folgenden neun Songs vor, deren Produktion aus Ausformuliertheit weitaus vollmundiger gerät als noch das 2005er Debüt „New General Catalogue„.

Auch in „Beta Blocker“ treten die elektrifizierten Gitarren anschließend prominent in Erscheinung, bieten jedoch auch treibende Basslinien und Glockenspiel an, während Textzeilen wie „The rent is due / Ideology’s gone / The rent is due / Philosophy’s gone“ durchaus in Widerspruch zur erhebenden Melodie stehen – ein Kontrast, der etwa auch bei „Questions I Don’t Want To Ask'“ deutlich wird. Zeilen wie „I take this opportunity to make my voice heard“ oder „Reasoning isn’t easy“ deuten eine politische Grundhaltung der Band an, die vom flotten Schlagzeugklang, dem Glockenspiel und den läutend emporsteigenden Gitarrenakkorden sowohl unterstützt als auch in Konflikt gesetzt wird. Heraus kommt ein gleichsam zarter und lebendiger Song, dem die gelegentlichen Powerchords wunderbar in die Parade fahren. Und wo sich Gitarrenbands dieser Couleur oft und gern im selbstmitleidigen Bühnenhalbschatten suhl(t)en, bieten Redjetson hier noch ein Wechselbad aus optimistischen, beruhigenden Textzeilen an. So gibt ‚(g)Listen‘ mit seinem orchestralen Klangoutfit, den stetig wandernden Basslinien und dem abermals ausgeprägten Glockenspiel dem Hörer ein schulterklopfendes „It’s alright“ mit auf den Weg. „For Those That Died Dancing“ suggeriert dunkel augenzwinkernd „There is no apocalypse / Turn off the lights and have some fun“, während dramatische Gitarren einen in die volle, warme Sounddecke einhüllen.

Und es gibt noch eine Reihe weiterer Highlights auf „Other Arms“. „Count These Demons“ etwa demonstriert die nahezu perfekte Mischung aus Ebbe und Flut, Leise und Laut. Der Song beginnt schwer, wandelt jedoch alsbald in zerbrechlichen Streichern, die Clive Kentishs gen Firmament zielende Stimme unterstützen und die subtile, hypnotische Leadgitarre begleiten. So nimmt das Stück Elemente von Rides „Vapor Trail“ oder Hope Of The States (eine ebenso zu früh aufgelöste, zu wenig beachtete britische Band) in sich auf, bevor die Soundkulisse abermals in sich zusammenstürzt. Die doppelte repetitive Gitarreneröffnung von „These Structures“ ebnet den Weg für seichtere Töne und in Echo getränkte, von massig Delay gefütterte Gitarren, die sich zu einem beinahe Metal’esken Crescendo-Finale auftürmen. „First Of The 47,000“ ist ein exzellentes, episches Instrumental der Güteklasse von Post-Rock-Vorzeigebands wie Sigur Rós, Mogwai oder Explosions In The Sky, bei dem Glockenspiel und Orgel durch eine warme, eindringlich-geräumige Gitarrenlinie ergänzt werden. Wer sprachliche Bilder mag: wie ein Schneemann, der beim Schmelzen mit fatalistischer Miene Gitarre spielt. „Threnody“ wiederum vereint nahezu alle herausragenden Trademarks des Albums in sich. Tiefgreifende, kleine Klavierakkorde, sanft gezupfte Streicher und kraftvolle Gesangslinien dominieren und werden insbesondere während der Zeile „Dignity in silence lead us all in life / Get in touch with God, cover me in vice“ von einer eiseskalt aufspielenden, atmosphärischen Gitarre unterstützt. Der wiederholte Refrain „You, my fuel, to keep me warm inside“ beruhigt die Gemüter und wappnet sich mit (s)einer muskulösen Crescendo-Gitarre für die Gesellschaft. Ein langsam gen Grundmauern brennendes und düster-dringliches Schrammel-Tristesse-Rock-Meisterwerk, das hörbar in Schönheit erstirbt.

Als „Other Arms“ im May 2009 erschien, waren Redjetson bereits seit fast einem Jahr Geschichte. Kaum verwunderlich also, dass weder den sechs ehemaligen Köpfen der zwischen 2002 und 2008 aktiven Band noch irgendeinem Plattenlabel damals großartig daran gelegen war, die Werbetrommel für dieses musikalische Adieu zu rühren. Also verschwand der Geheimtipp von der musikalischen Bild-und-Ton-Fläche, bevor er je einer werden konnte. Und nahm ein Kleinod mit, das ebenso zupackend, bodenständig und unglamourös daher kommt wie die Ecke Englands, aus der die Band stammte. Ein Album, das das Pendel gekonnt zwischen Teetasse und Sturm schwingen lässt. Das mal luftig-warm so einigen Staub durch die Indie-Rock-Kellerclubs bläst, mal dramatisch und groß und schwer und bedeutend für tausend und abertausend Sonnenuntergänge gedacht scheint. Das den Zeitgeist der Indie-Rocks der Nuller-Jahre mit zeitlos Großem des Genres versöhnt. Das keineswegs perfekt ist (und dem an mancher Stelle ein wenig der Biss „größerer“ Bands fehlt), aber viel zu schade scheint, um in Vergessenheit zu geraten.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Sunday Listen: „Everybody Cares – An Elliott Smith Compilation“


Am 21. Oktober 2003 starb Elliott Smith viel zu früh im Alter von 34 Jahren. 17 Jahre später ist sein Einfluss auf die Singer/Songwriter- und Indie-Rock-Szene noch immer ungebrochen, gelten die Songs des US-Musikers samt und sonders als in balladeske Melancholie gefasste Kleinode, die es gilt zu schützen, zu bewahren und kommenden Generationen von Nachwuchs-Klampfern näher zu bringen. Kaum verwunderlich also, dass von Zeit zu Zeit immer mal wieder neue Tribute-Compilations das digitale Licht des Internets erblicken. So auch jetzt.

Der neue, zehn Beiträge umfassende Tribute-Sampler „Everybody Cares“ ist dabei quasi die Fortsetzung einer Livestream-Spendenaktion, die im vergangenen Jahr stattfand. Im letzten Sommer tat sich der ehemalige WU LYF-Bassist Francis Lung mit der französischen Website „La Blogothèque“ und dem Podcast „My Favorite Elliott Smith Song“ zusammen, um eine Reihe von Elliott-Smith-Covern zu präsentieren und mit diesen Livestream-Shows etwas Geld für die britischen LGBQ+-Wohltätigkeitsorganisationen AKT, das Audre Lorde Project und GIRES zu sammeln. Und so konnte er fürs Lineup dieser Shows einige namhafte Indie-Künstler wie Christian Lee Hutson, Marissa Nadler, Kevin Devine oder Marika Hackman verpflichten. Für alle jene, die die Streams damals verpasst haben, hat sich Lung nun erneut mit „La Blogothèque“ und „My Favorite Elliott Smith Song“ zusammengetan, um darauf aufbauend ein komplettes Album mit Smith’schen Coverversionen zu veröffentlichen.

Logisch also, dass auf „Everybody Cares – An Elliott Smith Compilation“ erneut Hutson, Nadler, Devine und Hackman mitwirken. Lung selbst nimmt sich Smiths „The Biggest Lie“ an. Auf der Compilation finden sich auch Coverversionen von Künstlern wie Lionlimb, Blaenavon oder Real Estate-Bandleader Martin Courtney, die sich mal mehr (etwa Marissa Nadlers langsame, gespenstische Version von „Pitseleh“), mal weniger weit von den bekannten Originalen weg bewegen. Obendrein kommen erneut alle Erlöse den oben genannten Charity-Organisationen zugute. So oder so: eine runde Sache.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Lambs And Wolves – „Prove You Wrong“


Foto: via Bandcamp

Uffjepasst, Unterschied! Lambs Become Wolves aus Karlsruhe zimmerten von Ba-Wü aus recht kurzlebig amtlichen Metal zusammen, Wolf + Lamb laborierten im wuseligen New York City an House und so einigen Unterarten vielfältiger elektronischer Tanzmusik – Lambs And Wolves hingegen widmen sich dem gediegenen Indie Folk. Da soll noch eine(r) durchsehen, oder? Wer jedoch die Songs des Freiburger Trios hört, kann ihnen trotzdem – Verwirrungsstiftung ob des Bandnamens hin oder her – kaum böse sein, schließlich tönt hier Vieles eher nach der Flauschigkeit der grasmähenden Paarhufer denn nach carnivorem Blutdurst und gefletschten Zahnreihen…

Verwunderlich übrigens, dass man noch nie von ihnen gehört hat, schließlich erschien das Debütwerk „Frozen In The Lake“ bereits 2011. Eventuell lag’s daran, dass Julian Tröndle (Gesang, Klavier, Tastenintrumente, Mundharmonika), Louis Groß (Akustikgitarre, E-Gitarre, Banjo, Schlagzeug, Percussion) und Stefan Bercher (Akustikgitarre, Hintergrundgesang) zwar in den folgenden vier Jahren noch drei EPs hinterher schoben, dann jedoch ein paar Jahre Sendepause herrschte?

Seitdem scheint das Dreiergespann aus dem Breisgau nichts verlernt zu haben, denn die zehn Songs ihres vor wenigen Tagen erschienenen (Comeback-)Albums „Not A Party At All„, das seinem Titel alle Ehre erweist und sich tatsächlich kaum zur Beschallung einer konventionellen Studentenparty eignet, bieten feinsten Indie-Folk-Pop für alle Leisetreter und Zu-Hause-Bleiber, die noch ein Ohr für feinsinnige, liebevoll austarierte Arrangements übrig haben. Und da Feiern, wie man sie vor der Pandemie kannte, aktuell sowieso nicht möglich sind, kann man sich selbstverständlich zum festlichen Anlass ohne Partygäste durchaus voll und ganz dem unaufgeregten und unaufdringlichen Folk von Lambs And Wolves widmen, für den die Musiker selbst David Berman oder Jason Molina als Einflüsse nennen. Passt? Passt. Und wird zwar keineswegs irgendwelche musikalischen Welten aus den Angeln heben, ist jedoch im Zweifel genau das Richtige für einen ungemütlichen Wintermontag, unter der wohlig-warmen Decke und mit einem dampfenden heißen Kakao. Gevatter Punkrock kommt auch mal ein paar Minuten ohne uns aus…

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: