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Monday Listen: Seeing Other People – „Theoretics“


Foto: via Bandcamp

Ob Ryan McGlone (Gesang) und David Ritchie (Gitarre, Bass, Keyboards) ihr neustes Band-Projekt Seeing Other People nun nach einer Filmkomödie von 2004, nach dem 2019er Album der Experimental Poprocker von Foxygen oder nach einem Dating-und-Beziehungspodcast selben Titels benannt haben? Nix Genaues weiß man nicht.

Überliefert ist, dass den beiden Musikern aus dem schottischen Edinburgh, welche Kennern der schottischen Indie-Musikszene in der Vergangenheit bereits mit Bands wie The Youth and Young oder People, Places, Maps durch die Gehörgänge gerauscht sein könnten, inmitten des x-ten Corona-Lockdowns die eigene Zimmerdecke auf den kreativen Kopf zu fallen drohte. Also traf man sich zu gemeinsamen Songwriting-Sessions, wannimmer es die Situation eben zuließ. Recht schnell hatte man elf Songs beisammen, welche unlängst auf dem Album „Theoredics“ veröffentlicht wurden. Die beiden selbst umschreiben ihren Sound selbst augenzwinkernd als „Americana mit dem typisch schottischen Gespür dafür, dass das Schlimmste immer nur kurz bevorsteht“ und ziehen Referenzen hin zu Künstler*innen wie „Sam Fender, Springsteen und Jenny Lewis“. Wer also sein Hörerherz längst an Bands wie Idlewild, Frightened Rabbit und Co., die ihr Herz auf der Zunge und, neben einem Gespür für große Refrains, auch einen breiten schottischen Akzent hinaus in die Welt tragen, verloren hat, der sollte bei diesem Album, welches es zudem via Bandcamp als „name your price“ gibt, dringend ein Ohr riskieren…

„Hailing from Edinburgh, Seeing Other People were, like most bands, born out of circumstance – albeit unforeseen and globally reaching ones. Mid-Lockdown, friends Ryan McGlone (The Youth and Young) and David Ritchie (folda) found themselves forced into ‘back to basics’ song writing – given that they had no possibility of using a studio environment to hone their sound. 

This did, however, mean that the songs came thick and fast. They met on park benches, town squares, and then later in well ventilated rooms to write wherever and whenever they could. 

What was produced forms the bones of their upcoming debut album ‚Theoretics‘, due for release on 10 December 2021. A labour of love where the songs were, from a very early stage, designed to be part of an album, and listened to with this fully in mind. Not a concept record as such, but one that juxtaposes the hypotheticals and toxic nostalgia of an average thirty something against knocking some sense into yourself with hopeful optimism. 

The songs effortlessly float between the two. Album opener ‚Theoretics‘ imagines being a guest at the wedding of someone you once loved, and then slides effortlessly into lead single ‚Revival‘ – which despite its character driven narrative – is just about loving music. 

‚Inflections‘ lyrically encapsulates the albums love for, and influence of, the other side of the Atlantic. Before ‚Breathe‘ tells an almost early Taylor Swift style story of a couple throughout their lives. 

The sweeping soundscapes continue before gut-wrenching album closer ‚Realist‘. A song as open and honest as anything McGlone has written before, detailing his own mental health struggles but setting these aside the wider context of guilt around his own privileges. Without giving the albums most heartfelt lines away – to paraphrase a movie you just may have seen – they remind us all that time is short and we should either ‚get busy living, or get busy dying‘. Bookending the album with ‚Theoretics‘ as the melancholic fantasy and ‚Realist‘ as the triumphant, yet sobering thought. 

Fans of Sam Fender, Springsteen, and Jenny Lewis will notice the musical homages, while the lyrical content offers both intimate and relatable snapshots of a life careening towards middle age – yet simultaneously embracing and fearing this. In a nutshell, this is Americana with that distinctly Scottish sense that things taking a turn for the worst is only ever just around the corner.“

Rock and Roll.

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Dieses Jahr wieder da – Das UK-Label Big Scary Monsters verschenkt (s)einen Label-Sampler


Weil Traditionen etwas Schönes sind – und freilich auch irgendwann, irgendwie verpflichten -, verschenkt das britische Indie-Label Big Scary Monsters auch in diesem Jahr – wie bereits 2019 und in den Jahren zuvor (2020 wurde wohl eine Pause eingelegt) – (s)einen satte 22 Auszüge aus dem diesjährigen Veröffentlichungskatalog starken Label-Sampler mit einer bunten Auswahl querbeet durch sein aktuelles Künstlerangebot und Release-Oeuvre irgendwo zwischen Indie- und Punkrock, Emo, Post-Hardcore oder Mathrock.

Mit dabei sind 2021 Bands und Künstler wie We Were Promised Jetpacks, Orchards, American Football, Proper., Church Girls, Weakened Friends, Laura Jane Grace oder Lakes (also auch der ein oder andere Name, von dem in diesem Jahr auf ANEWFRIEND zu lesen war). Wohl bekomm’s!

„Firstly we just want to say THANK YOU to you all for being truly awesome in 2021, whether you’ve bought records or merch, listened to new bands or just kept opening our e-mails! We really appreciate you.
 As a token of our thanks, we’ve put together a label sampler with a track from every single artist we’ve worked with this year that you can now download/stream for free!
 Discover something you may have missed or simply sit back and enjoy this round-up of truly brilliant tunes!“

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Dead Modern


Anfang diesen Monats vermeldete der ansonsten recht verschlafene Twitter-Feed der – nicht nur hier – innig geliebten und daher seit einigen Jahren umso schmerzlicher vermissten schottischen Band There Will Be Fireworks tatsächlich ein paar Neuigkeiten, was bei all jenen, die befürchtet hatten, mit dem 2013er Album „The Dark, Dark Bright“ die letzten neuen Töne der fünfköpfigen Post-Rock-Band aus Glasgow gehört zu haben, durchaus für erhöhte Pulsfrequenzen gesorgt haben dürfte. Die Nachricht bestätigte, dass Album Nummer drei aktuell (noch immer) in der Mache sei, wenngleich es noch einige Zeit dauern könne, bis selbiges in die Welt entlassen werde (schließlich gehen alle Teile der Band noch immer „normalen“ Brotjobs nach). Als kleines „Trostpflaster“ verschenken There Will Be Fireworks nun eine alternative Version des „The Dark, Dark Bright“-Songs „Ash Wednesday“… Immerhin? Immerhin. Und was vielleicht noch interessanter ist: es werden in jenen Neuigkeiten nicht nur ein, sondern gleich zwei Nebenprojekte erwähnt, an denen Teile der Band beteiligt sind…

Das erste davon ist Dead Modern – bestehend aus vier Musikern, welche man bislang bei There Will Be Fireworks, The Youth & Young, Seeing Other People oder New Year Memorial gehört haben könnte (vor allem letztere seien übrigens allen, die interessiert, wie TWBF-Stimme Nicholas McManus denn im Neunziger-Emo-Rock-Ourfit klingen würde, wärmstens empfohlen). Die gerade einmal drei Songs der nun erschienenen Debüt-EP, „Still Cool„, tönen wie ein langsamer, nachttrunkener Spätherbsttanz durch ein Dickicht aus Synthesizern, bei welchem man sich immer wieder durch hochprozentige Schlücke aus dem Flachmann wärmt. Sie sind die Musik gewordene Bettdecke am Ende einer Nacht, durch welche man tanzt, bis die alltagsträgen Beine schlapp machen. Sie sind die Tränen, die man ob all der verpassten Chancen und als Tribut an das Glück, noch immer am Leben zu sein, vergießt. Sie sind die Entscheidung, den letzten Bus fahren zu lassen, um mit dieser Musik im Ohr den Heimweg anzutreten. Oder, wie’s die Band selbst umschreibt: „Nostalgic synth miserablism from the Central Belt of Scotland. Overly-long songs.“ Schottisches Understatement halt.

Die Eröffnungsnummer „True North“ kommt da gleich wie die schottische Antwort auf den elektronisch unterfütterten, oft genug traurig tänzelnden White-Boy-Indie-Pop von LCD Soundsystem oder Phoenix daher und verleiht – natürlich auf recht eigene Weise – einer Talking-Heads’schen Basslinie einen Hauch von Future Islands. Zudem kann man gleich hier feststellen, dass Nicholas McManus nichts, aber auch gar nichts von jener emotionalen Emphase verloren hat, die den zweieinhalb Alben von There Will Be Fireworks eine Sonderstellung zuteil werden ließ, einfach weil all das, was McManus da mit breitem Glaswegian Akzent vorträgt, einen direkt ins Herz traf – und noch immer trifft. Diese Wehklage über verpasste Gelegenheiten, die Suche nach dem einen Ort, an dem verloren geglaubte Träume vielleicht noch gerettet werden können, und die Hatz nach Zufriedenheit inmitten der Sehnsucht, die all dies hervorruft – alles in diesen drei Stücken scheint darauf ausgelegt, einmal mehr das Herz zu berühren.

Und wenn man so mag, findet man hier den urbanen Kontrast zur eher in der Natur angesiedelten Musik von There Will Be Fireworks, denn Glasgow ist auf der EP allgegenwärtig – die aus Backstein, Asphalt und Dreck erbaute Schönheit und barsch-direkte Brutalität der 633.000-Einwohner-Stadt ist in jeden Beat der vornehmlich programmierten Drums, in jeden Anschlag der E-Gitarren gemeißelt. Sie bietet einen Berührungspunkt für all jene, die die Stadt kennen oder gekannt haben, wirft jedoch auch genug Gedankenbilder für alle, die der größten schottischen Stadt noch keinen Besuch abgestattet haben, vors innere Auge. Und obwohl sich alle drei EP-Songs um die Sechs-Minuten-Marke herum einpendeln, lassen die mit viel Liebe zum unperfekten Detail gestalteten Krautrock-Anleihen und und die hallenden Dance-Synthies den Wunsch aufkommen, endlos in ihnen zu schwelgen. For fuck’s sake.

Keine Frage: Mit dieser EP hätten es Dead Modern verdient, sich als eigenständige Band – und nicht „nur“ als Nebenprodukt – zu etablieren (und dürfen gern noch ein vollwertiges Album folgen lassen). „Still Cool“ ist eine in Nostalgie und günstig erstandenen Fusel getränkte Ode an die langsam gen Nebenschwaden ziehenden Tage der Jugend, ein in herrlich buntem Alltagsgrau geschriebener Liebesbrief an Glasgow und eine Feier der Erkenntnis, dass Musik uns, selbst wenn alles andere längst die Segel gestrichen haben sollte, nienimmernicht verlässt. Umso schöner, wenn sie so klingt wie hier…

„Dead Modern is a band born of that quintessential modern condition: nostalgia. 

Nostalgia for youth. Nostalgia for the music of 1979 or 1989. Nostalgia for the club nights and basement gigs of 2009. Nostalgia for the long-shuttered venues of The Arches and Studio24. Nostalgia for old dreams and old friends. 

Formed from the Scottish indie rock and electronic music underground – with members from There Will Be Fireworks, The Youth and Young and New Year Memorial among others – Dead Modern recorded Still Cool with producer/engineer Andy Miller (Mogwai, Life Without Buildings, Songs: Ohia) at Gargleblast Studio in Hamilton, Scotland in 2019 and 2020. 

Still Cool is a meditation on the past and how it forms us – what was lost, what was won and just how the hell did we get here? And how do we get back? Universal themes placed in the very specific context of a long-ago youth misspent in Glasgow’s indie clubs. 

We remember how it felt, and we still feel it. 

If you like analogue synths… 

If you ever lost your friends at Death Disco… 

If you ever sweated your bodyweight at a downstairs gig in the Captain’s Rest… 

This is for you.“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Richard Walters – „The Man I Loved“


Richard Walters mag hierzulande noch recht unbekannt sein, ein Newcomer ist der im englischen Oxford beheimatete Singer/Songwriter jedoch keineswegs. So hat er als Solokünstler seit 2007 fünf von der Kritik hochgelobte Alben und vier EPs veröffentlicht, zudem waren seine Songs bereits in einer ganzen Reihe von US-Fernsehserien wie „Grey’s Anatomy“, „Tin Star“ oder „CSI: Miami“ zu hören. Ein Anspieltipp gefällig? Gern doch: etwa „Awards Night“ von 2016, ein bewegendes Stück, welches der 2003 verstorbenen Indie-Folk-Legende Elliott Smith gewidmet ist und mitsamt des dazugehörigen Musikvideos noch eine ganze Spur mehr Gänsehaut verbreitet. Und auch als Songwriter und Kollaborateur beweist der 39-jährige Musiker immer wieder ein recht gutes Händchen, arbeitete in der Vergangenheit bereits mit Grammy-Gewinner Joe Henry, der britischen Pop-Ikone Alison Moyet, dem britischen Poeten Simon Armitage (als Teil der Band LYR) und sogar der Oscar-nominierten Schauspielerin und Sängerin Florence Pugh („Midsommar“) zusammen.

Nun hat Walters eine neue EP angekündigt, welche am 7. Januar 2022 erscheinen soll. Bereits jetzt lässt der britische Singer/Songwriter mit „The Man I Loved“ einen ersten Song aus dem noch unbetitelten Mini-Album hören, das in den legendären Middle Farm Studios von LYR-Kompagnon Patrick J. Pearson aufgenommen wurde. Und dieser hat es thematisch durchaus in sich, wie Richard Walters in einem Interview erzählt: „Ende 2019 habe ich einen Freund durch Selbstmord verloren, jemanden, der für mich ein wichtiger Teil meiner persönlichen Geschichte, meines Fundaments war. Es hat mich zutiefst erschüttert, und ich glaube, während des Lockdowns habe ich jede einzelne Emotion in Bezug auf seinen Tod durchlebt; Wut, Schuld, Trauer, Freude und Hochgefühle, wannimmer ich mich an ihn erinnerte. Dieses Lied ist meine kleine Notiz für ihn und unsere Gang, die etwas ausdrückt, was ich – aus dem einen oder anderen Grund – nur schwer artikulieren konnte, als er hier war.“

„How did you become a memory?
You used to be this whole town
Filling in the gaps
The spaces that you’ve left
How did we lose you anyway?
You always seemed so permanent
Nothing I can do to take the place of you
Stars seem paler now you’ve gone

There goes the last of a man that I’ve loved and never told me enough
Here come the words that I’ve wished that I’d say, I never spoke before you left
I hope you knew
I hope you knew

Now I can’t hear that song again
Without you coming into frame
Glitter in the eyes, both of our time
How did we lose you anyway?
You used to be this whole place
Filling in the gaps
The spaces that you’ve left
Stars seem paler without you

There goes the last of a man that I’ve loved and never told me enough
Here come the words that I’ve wished that I’d say
I never spoke before you left
I hope you knew
I hope you knew
I hope you knew
I hope you knew“

Rock and Roll.

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Das Album der Woche



Biffy Clyro – The Myth Of Happily Ever After (2021)

-erschienen bei 14th Floor/Warner-

Dieses Album hätte es eigentlich nicht geben sollen. Zumindest nicht in dieser Form, als einen weiteren vollwertigen, krachenden, fordernden Biffy Clyro-Langspieler – nur 14 Monate nach dem üppigen „A Celebration Of Endings„. In Ermangelung der üblichen Welttour auf den Schwingen des neunten (regulären) Studioalbums hockten Simon Neil sowie die Johnston-Zwillinge James und Ben im Herbst 2020 wieder in ihrem Proberaum auf einer Farm in Ayrshire, irgendwo im schottischen Nirgendwo. Songwriting als Zeitvertreib. Während Tagen, Wochen und Monaten, in denen das mit dem In-die-Ferne-Schweifen eben nur mittelgut klappte, lag das Gute, das einzig Richtige für ein kreatives Dreiergespann wie Biffy Clyro, einfach umso näher. Flugs rüsteten sie ihren Probeschuppen gemütlich zum Aufnahmestudio um und drückten mal hier, mal da auf „Record“ – nicht einmal ihr Label soll allzu viel davon gewusst haben. Und so war es – unterbrochen von den während des Corona-Lockdowns beinahe obligatorischen Wohnzimmer-Livestreams sowie einer Ohne-Publikum-Live-Aufführung im Glasgower Barrowland Ballroom (welche dem neuen Album nun als zweite Scheibe beiliegt) – alsbald einfach fertig, das Schwesternalbum zu „A Celebration Of Endings„. Und das erste, welches „Mon The Biff!“ in unmittelbarer Heimatnähe aufgenommen haben. Ob es nach so wenig Zeit, die währenddessen ins Land gezogen ist, schon wieder genug Geschichten zu vertonen gab? Oder wurde von Simon Neil und Co. einfach flugs die kreative Resterampe entladen? Obwohl „Ausschuss“ ja mal so gar nix bedeuten muss bei diesen drei Scottish Lads

Fotos: Promo / Kevin J. Thomson

Überhaupt haben B-Seiten-Veröffentlichungen ja fast schon Tradition im Hause Clyro: Bei „Puzzle“ hieß es „Missing Pieces“, „Only Revolutions“ hatte seine „Lonely Revolutions“ und „Opposites“ natürlich „Similarities“. Bis auf die komplementären Titel meist ein bunt zusammengewürfelter Haufen an Restideen, zwar ohne roten Faden, aber trotzdem immer wieder mit so einigen versteckten Songperlen. Es verwundert trotzdem wenig, dass „The Myth Of The Happily Ever After“ das Spiel nicht nur nicht mit, sondern noch ein ganzes Stück weiter spielt…

Freilich nehmen schon Titel und Artwork direkten Bezug auf den Vorgänger: wurde gerade noch das Ende gefeiert, wird nun – ganz schottisch, ganz nonchalant und bodenständig – die Mär vom „Auf immer und ewig“ entmystifiziert. Märchen? Sind gerade aus – sorry not sorry, for fuck’s sake. Diesmal sollte es jedoch ein gleichwertiges Brüderchen sein anstatt einer B-Seiten-Kollektion oder einem als Soundtrack getarnten Album wie „Balance, Not Symmetry„, das damals – glücklicherweise – den doch etwas fremdelnden Pop von „Ellipsis“ weitgehend rausbügelte. Und so besinnt sich „The Myth Of The Happily Ever After“ – mehr sogar noch als „A Celebration Of Endings“ – darauf, was Biffy Clyro ursprünglich einmal groß machte: die Verbindung von sinistrer Verstörung und derbem Krach mit zauberhaften Himmelsstürmer-Melodiepassagen. GitarreSchlagzeugBass, ein scheinbar endloser Quell an Hard Rock-, Metal- und Prog-Riffs, Mut zu Rückschritten und zu ungehörten Experimenten – in ihren besten Momenten führen die neuen Songs das Trio in ihrer Stadionrock-Phase endgültig in die passende Spur.

Nur um gar nicht erst falsche Hoffnungen zu wecken – es ist nicht so, dass diese elf Stücke so komplex und wendig daher brettern wie zu Zeiten von „The Vertigo Of Bliss“ oder „Infinity Land“ (die beide schon fast zwei Dekaden zurückliegen). Aber schon die famose Single „A Hunger In Your Haunt“ zeigt, dass auch ein waschechter Hit eine Prise Geschrei und eine unüblich sperrige Coda vertragen kann. Damit wird die Behauptung „This is how we fuck it from the start“ aus dem sphärischen Opener „DumDum“ natürlich, je nach sinnbildlicher Bedeutung, Lügen gestraft oder wahr gemacht. „Denier“ traut sich noch einen Schuss mehr Melodie, zieht mit voller Wucht nach vorn und verdichtet den Sound auf tolle Weise. Endgültig im Bandolymp kommt die Platte daraufhin wohlmöglich mit „Separate Missions“ an. Das scharfe Kreischen, welches die Strophen durchzieht, kontrastiert sich auf wunderbare Art mit dem schönen Falsettrefrain, den Simon Neil zu anmutigen Achtziger-Synths und Gitarrenspuren aufs Parkett legt – im Grunde ist gerade dieser Song wie prädestiniert dafür, eines der zahlreichen Cover der Landsleute von CHVRCHES zu werden.

Und Langeweile kam wohl wenig auf im Biffy’schen Lockdown-Studio, denn „The Myth Of The Happily Ever After“ lässt sich auch nach diesem geradezu sensationellen Beginn höchst ungern festnageln. Grundsätzlich gerät die Produktion massiv, die wuchtigen Parts drücken, aber eindimensional auf dicke Hose macht hier so gar nichts. So gibt das pompöse Gebläse von „Witch’s Cup“ immer wieder einen sensiblen Kern frei und schwankt gekonnt zwischen den Extremen. Wer außerdem bei „Holy Water“ oder „Haru Urara“ schon großzügige Entspannungspausen vermutet, darf sich von überraschenden, teils brutalen Abschlüssen die Matte wegföhnen lassen. „Unknown Male 01“, die traurige Ode an einen früheren, zu früh verstorbenen Wegbegleiter, breitet sich episch aus. „Step out to the unknown / I’ll catch you on the way down“, singt Neil, bevor der Song nach gut zwei Minuten loszetert. Auch hier steigert sich das Stück wie in einen finalen Rausch hinein – ein Kniff, der auf „The Myth Of The Happily Ever After“ einmal mehr durchaus Methode hat.

Dennoch bewegt sich das schottische Dreiergespann ein wenig weg vom Modus Operandi früherer Platten. So ist „Existed“ tatsächlich das einzige Mal, dass auf dem Album ungehindert das Wort „Ballade“ fallen darf. Synth und Drumbeat sorgen zwar nicht für ein Highlight, aber es toppt als hübsche Auflockerung vergangene Versuche wie „Re-arrange“ oder „Space“ (das zwar keineswegs schlecht war, aber eben auch eine Überdosis Schmonz in petto hatte) mit links. Und letztlich braucht es ein Gegenstück zu dem, was Biffy Clyro im abschließenden „Slurpy Slurpy Sleep Sleep“ da abfackeln. Wer noch „Cop Syrup“ vom Vorgänger oder „In The Name Of The Wee Man“, den „Ellipsis“-Abschluss der Herzen (da lediglich auf der Deluxe Edition vorhanden), im Gedächtnis hat, darf sich hier neue Verkabelung abholen. Vocoderstimmen wiederholen den Titel als Mantra, und unvermittelt setzt ein Gewitter ein, das zu den härtesten Momenten der Band gehört und schon jetzt mächtig Böcke auf dessen Live-Umsetzung macht. Ehrensache, dass der melodische Mittelteil Zeit zum Luftholen lässt, bis das Grande Finale noch eine Schippe drauflegt, lauter und lauter wird und schließlich mit heller Flamme verglüht. Eine sechsminütige Noise-Orgie, die nicht nur galant den Bogen zum Albumvorgänger schlägt, sondern auch flott alles an Härte in die Tasche steckt, was die Schotten in den letzten 15 Jahren fabriziert haben. „There’s a mystery at large / And the story should be beautiful / We’re just another species to explode / I’m ready to explode“, heißt es vier Songs vorher in „Errors In The History Of God“. Schönheit und Explosion – einfach bei Biffy Clyro nachfragen, wie das bestens unter einen Karomuster-Hut geht.

Nur schlüssig ist es da, dass auch das Thematische in die Zahnräder des Musikalischen greift. War „A Celebration Of Endings“ noch ein verhältnismäßig optimistischer Prä-Pandemie-Kicker, haut das zum Lockdown-Höhepunkt geschriebene neue Werk ziemlich verbittert die Fensterläden zu und versperrt mit sechs Fuß Abstand nicht nur den Blick auf die schottische Einöde, sondern auch auf so manche geschürte Hoffnung. „I will ignore / The bodies piled up on the floor“ lamentiert Simon Neil etwa im Opener „DumDum“ über die Auswirkungen der weltweiten Hilflosigkeit in der letztjährigen Pandemiebekämpfung, während der schwer stampfende Groove rund um ihn immer mehr Lücken füllt, bis die Soundwand zu einem Ungetüm heranwächst, das wohl selbst den alten Hadrian begeistert hätte. Klar, der größte Optimist war der bärtige 42-jährige Frontmann zwar nie, aber Corona hat ihm sichtlich ein paar weitere Taschen in seinen mentalen Mantel genäht, aus denen Simon Neil sich hier breitwillig bedient. Wie geht man um, mit der plötzlichen Isolation, dem Kollaps des Alltags, dem Tod und dem Leben danach? Davon erzählt nicht nur „Unknown Male 01“, jenes zur Tränen rührende Tribute an Frightened Rabbit-Kopf Scott Hutchison, sondern auch „Haru Urara“. Bei dem seltsam anmutenden Songtitel handelt es sich um ein japanisches Rennpferd, welches über einhundert Rennen verlor und deshalb zu einem Schlachter gebracht werden sollte. Glücklicherweise setzte sich jedoch der Trainer für den armen Gaul ein, der von (s)einem Ende als Sauerbraten verschont blieb. Trotz der Niederlagen gab man nie auf und das Pferd erreichte schlussendlich sogar weltweite Popularität. Fall und Aufstieg, Enden und Anfänge – nichts kann eben ohne dessen Gegenpart existieren. Und ließ einen die Band auf dem Vorgänger noch mit gezücktem Mittelfinger und lautstarken „Fuck everybody“ zurück, bittet das neue Album nach der ganzen Aufregung noch einmal um Versöhnung: „Don’t waste your time / Love everybody„. Carpe diem, you fuckheads.

Auch auf „The Myth Of The Happily Ever After“ haben Biffy Clyro – gerade mit solchen Themen im Gepäck – keine seichten musikalischen Rinnsale, sondern kraftvolle Wellenbrecher zusammengezimmert. Zwischen Krach und Kitsch, seit jeher die beiden Achsen im musikalischen Oeuvre, fahren die Schotten anno 2021 mit ordentlich Experimentierfreude im Anhänger noch viel öfter Schlitten, oft und gern mehrmals pro Song. Dass das nicht zum klanglichen Haggis wird, zeugt von der langjährig gestählten Kraft dieser Band im Songwriting und deren nahezu blindem Verständnis füreinander. Die Zeiten mögen ein stückweit unberechenbar sein, auf „Mon The Biff“ ist einfach Verlass.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Dooms Children – Dooms Children (2021)

-erschienen bei Dine Alone Records-

Wade MacNeil ist hauptberuflich dritte Stimme und zweiter Gitarrist bei der kanadischen Post-Hardcore-Band Alexisonfire. Da es bei denen in den vergangenen Jahren eher ruhig war, hatte MacNeil ausreichend Zeit, um sich anderweitig auszutoben. So gründete er 2008 die Punk-Band Black Lungs und wurde 2012 Sänger der britischen Hardcore-Punker Gallows. Noch nicht umtriebig genug? Scheint ganz so, denn der 37-jährige Musiker trat zudem als Gast bei Bands wie Anti-Flag, Cancer Bats oder Bedouin Soundclash in Erscheinung und arbeitete nebenbei an Film- und Game-Scores.

Trotz all der vielen kreativen Hochzeiten erlebte MacNeil 2019 ein depressives Tief. „Ich dachte immerzu daran: ‚Wenn ich nur den heutigen Tag hinter mich bringe, fühle ich mich morgen vielleicht schon besser.‘ Ich musste mich mit einem Trauma rumschlagen und damit, dass die Dinge um ich herum auseinanderfielen. Ich wollte einfach nur woanders sein, irgendwo, um meiner Realität zu entfliehen.“

Kaum verwunderlich, dass ausgerechnet die Musik ihm eine Flucht bot. So begann er am Höhepunkt im Kampf mit seinen inneren Dämonen, neue Songs zu schreiben. Er finalisierte sie nüchtern in den Wochen in einer Entzugsanstalt und während er bei seiner Familie in St. Catherines, Ontario verweilte, die ihm dabei half, wieder zu sich selbst zu finden. Das Ergebnis ist Dooms Children sowie das selbstbetitelte Debütalbum, welches er unter ebenjenem Namen aufgenommen hat. Dass die darauf enthaltenen elf Songs ganz anders als die seiner Hardcore-Bands tönen, hat einen einfachen Grund: „Ich war zu der Zeit in einer tiefen Depression und konnte so etwas wie Punk, Rap oder irgendwas Aggressives nicht hören. Ich hatte genug Chaos in meinem eigenen Leben und konnte das nicht auch noch als Soundtrack gebrauchen.“

So entdeckte MacNeil während der Zeit in Therapie Klassiker-Größen wie etwa Grateful Dead für sich. Wohl auch deshalb sei die Platte das „am wenigsten aggressive Ding“, das er je veröffentlicht hat. Und diese Einschätzung bestätigt bereits „Flower Moon“ fast zu Beginn des Albums. Der beinahe sechsminütige Song, in dessen Musikvideo man übrigens Team-Canada-Skateboarderin Anna Guglia durch die Straßen von Montreal fahren sieht, ist zwar Universen von kitschiger Einheitspopmusik entfernt, legt dafür aber mit atmosphärisch heulenden Gitarren und Orgel los, um sich danach mit gedoppelten oder gar getrippelten Gitarren aufzubäumen – ganz so, wie man es von den Allman Brothers oder Lynyrd Skynyrd kennt und liebt. Überhaupt: Das Stück erinnert wohl nicht von ungefähr stark an Skynyrds grandioses „Simple Man“, das sich einst auch die Deftones vorgeknöpft haben.

Foto: Promo / Rashad Bedeir

„Es ist eine Platte über mein Leben, das auseinander fällt, und den Versuch, die Scherben aufzusammeln. Sie handelt vom Verlust der Liebe, von Sucht und davon, nachts wach zu liegen und sich zu fragen, ob man jede Entscheidung im Leben falsch getroffen hat“, so Wade MacNeil. Kaum verwunderlich also, dass der in Hamilton, Ontario beheimatete Musiker auch im melodischen Southern-Rock-Song „Psyche Hospital Blues“ ebendiese großen Gefühle mit seiner gewohnt rauen Stimme besingt – und, dem ernsten Thema zum Trotz, durchaus Humor beweist: Im dazugehörigen Musikvideo nimmt er das Klischee vom „harten Rocker“ aufs Korn und stellt dieses mit der Verletzlichkeit seiner Textzeilen in Kontrast.

„Ich habe es geschafft, viel von mir selbst in diese Platte zu packen – eine Menge Schmerz und eine Menge Hoffnung. Ich war nie offener und ehrlicher, und ich glaube, dass das nicht nur in den Texten durchkommt, sondern auch in der Musik.“ (Wade MacNeil)

Alles in allem lassen einen die 55 Minuten des Dooms Children-Debüts, welches gemeinsam mit Tausendsassa Daniel Romano, der zwischen Country und Punk in den vergangenen anderthalb Jahren elf (!) Platten veröffentlicht hat, dessen Bruder Ian, Multiinstrumentalist und vornehmlich Schlagzeuger, sowie dem aus Montreal stammenden Gitarristen Patrick Bennett entstand, ohne große Umschweife in lyrisch zwar recht düstere und bedrückende, musikalische dafür umso schönere, häufig ruhige und gefühlvolle Indie-Musik eintauchen, die – abseits von dessen gewohnten Hardcore-Aktivitäten – schlicht perfekt zu MacNeils Stimme passt. Ein bisschen verraucht, aber nicht zu dreckig, sehr besonders, sehr berührend, ebenso nachdenklich wie aufrichtig. Prosaische Zeitgeister mögen es wohl als ein Album des Bedauerns und der Erlösung, ein Album als Musik gewordene Bitte um neue Perspektiven und eine zweite Chance beschreiben. Dazu lässt MacNeil immer wieder Psychedelic Rock sowie Folk der Sechziger und Siebziger in seine Songs einfließen (und liefert, passend dazu, direkt eine wunderbare Version des Grateful Dead-Evergreens „Friend Of The Devil“ ab) und zockt obendrauf auch noch das sensationelle „Morningstar“. Man könnte es progressiven Blues nennen. Oder einfach: Dooms Children.

Rock and Roll.

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