Schlagwort-Archive: Zeitgeist

Ein Musiknerd, ein Held – Dirk Siepe ist tot.


Foto: VISIONS / Facebook

Pardon für diese linguistisch durchaus flapsige Äußerung, aber: Manchmal ist die Welt schon ein gewaltiges Arschloch. Sie holt manch Guten zu früh, und lässt uns, den traurig-treudoofen Rest, hier unten mit Pleiten, Pech, Pandemien und einer ganzen Reihe formvollendeter Arschgeigen zurück.

Wie der Tipper dieser Zeilen am Abend eines vornehmlich milden Februartags auf solchen düsterdunklen Fatalismus kommt? Durch die überraschende Nachricht, dass Dirk Siepe „nach längerer, schwerer Krankheit“ verstorben ist. Klar, der Name wird den meisten von euch nun weitaus weniger sagen als etwa David Bowie, Johnny Cash oder – meinetwegen, um bei irgendwie ewig lebenden, andererseits aber dennoch mausetoten Legenden zu bleiben – Frank Sinatra. Für mich war Siepe dennoch ’ne (r)echt große Nummer. Einer, der seit 1994 viele Jahre – erst als Redakteur, später als Chefredakteur und zuletzt als Autor – Teil der Schreiberlinge-Mannschaft der VISIONS war. Und damit auch meinen Musikgeschmack seit der musikalischen Adoleszenz entscheidend mit geprägt hat. Kaum einem Printmedium bin ich schon so lange treu (seit über zwei Jahrzehnten, nahezu alle Ausgaben stehen in beeindruckenden Stapeln – teils zum Leidwesen meiner Eltern – noch an zwei Orten verteilt herum). Durch kein anderes Musikmagazin – sorry, Rolling Stone, sorry Musikexpress – habe ich so viele Herzensbands und Künstler*innen kennenlernen dürfen – und tue dies auch heute gelegentlich noch. Allein schon deshalb war „der Siepe“, wie wir ihn in unserem (schein)elitär-kleinen Musiknerdkreis tief in der sächsischen Provinz damals oft nannten, wie der ältere Kumpel, der einem den geilsten neuen Scheiß aus Musikhausen ans Hörerherz legte, und genau zu wissen schien, worauf man in Kürze derb steil gehen würde, ohne dass man ihn je jemals getroffen hatte. Dass der Mann ein schwarz-gelbes Fussball besaß? Kein Muss, aber dennoch ein dickes Plus für mich (und auch passend, wenn man für ein Musikmagazin aus der Heimatstadt von Borussia Dortmund schreibt). In jedem Fall war es nicht nur für mich – im Rückspiegelblick und gefühlt so lange her – meist eine große Freude, Dirk Siepes mit einem gerüttelt Maß an Passion verfasste Artikel und Reviews lesen zu dürfen, die Leidenschaft, mit der der Mann einem so viele tolle, hierzulande sträflichst unbekannte Bands vor allem aus der Desert-Rock-Szene näher brachte. Wer weiß, wie viele nun wissend nickende Musikhörer weniger Kombos wie Kyuss, die Queens Of The Stone Age, Turbonegro, The Hellacopters oder Gluecifer ohne seine Leidenschaft für den Rock’n’Roll und ohne sein großes Engagement heute hätten… Kaum vorstellbar, dass eine so fantastische Band wie Mother Tongue ohne „den Siepe“, der sich in den Achtzigern selbst in der Fansize-Szene versuchte (noch so etwas, was uns irgendwie eint), wohlmöglich nie mehr einen Fuss auf bundesdeutschen Boden gesetzt hätte (und auch heute noch viel zu wenigen ein Begriff ist – deshalb: MOTHER TONGUE HÖREN!)…

Natürlich bin auch ich älter (und grauer im Gesicht!) geworden, hat sich mein Fokus ein wenig verschoben. Mein Musikgeschmack mag nun, so viele Jahre später, im Gros ein kitzekleines Bisschen weniger „wild“ ausfallen als noch in jenen Tagen, als ich nach der Schule noch zum Kiosk radelte oder die VISIONS während der Zugfahrt zu Uni verschlang. Freilich waren das – uffjepasst, Grumpy-Old-Man-Modus! – andere Zeiten, so (fast) ohne Internet, ständige Streaming-Verfügbarkeit und schöne neue Reizüberflutung (in welcher auch zu viele hoffnungsvolle Talente vorm eigenen Durchbruch leider wieder ersaufen). Aber es waren gute Zeiten. Und das? Schreibe ich beinahe frei von jeglicher nostalgischer Verklärung, und mit einer dicken, dicken Träne im Anschlag.

Ach, Dirk… Mann Mann Mann, mach’s gut, Dirk Siepe. Wie könnte ich dir je genug danken für all die tolle Musik, die du uns gezeigt hast? Eben: nie. Darum hoffe ich einfach, dass es dir da, wo du nun bist, besser geht. Und dass dir dort eine anständige, amtliche Plattensammlung ganz nach deinem Gusto zur Verfügung steht.

Das letzte Wort möchte ich trotzdem Michael Lohrmann, der als Gründer der VISIONS „den Siepe“ bestens kannte und dem die Zeilen seines ebenso hetzwarmen wie persönlichen Nachrufs wohl tausend Zentner schwer gefallen sein müssen, überlassen:

„IN GEDENKEN AN DIRK

Anfang der 90er Jahre bin ich unter Plattenkritiken in Fanzines regelmäßig über den Namen Dirk Siepe gestolpert. Mit seinem Faible für Punkrock, Alternative und Desert Rock würde er eigentlich perfekt zu VISIONS passen, dachte ich mir dann immer, und als wir dringend jemanden suchten, der in unserem Namen für ein großes Kyuss-Feature nach Amerika fliegt, rief ich ihn kurzentschlossen an. Bereits am nächsten Tag stand Dirk vor mir in der Redaktion, mit seinen Cowboy-Stiefeln und einem halb offenen Hemd unter einer abgeranzten braunen Lederjacke sah er ein bißchen so aus, als wenn er selbst in einer Band spielen würde. Ich glaube, er wirkte anfänglich ein wenig schnöselig auf mich, als wir dann über Musik gefachsimpelt haben (und natürlich über unsere gemeinsame Liebe Borussia Dortmund), war aber schnell klar, dass nur er prädestiniert ist, Josh Homme und Co. für VISIONS in Palm Desert zu besuchen. Die Geschichte, die er anschließend mitbrachte, war stark. Dirk hatte nicht nur viel Ahnung von Musik und die Gabe, auf Augenhöhe einen guten Draht zu den Musikern aufzubauen, er besaß auch die Fähigkeit, sein Wissen und seine Erlebnisse in wortgewandte Texte zu transferieren. Nach diesem Auftakt nach Maß war in jedem Fall klar, dass er ein Teil der VISIONS Familie werden muss. Der Zufall wollte, dass der Posten des Chefredakteurs parallel zu unserem Kennenlernen vakant wurde, rund 27 Jahre später kann ich sagen, dass es eine wunderbare Entscheidung war, Dirk diesen Job anzuvertrauen.

Duffy, um mal seinen Spitznamen zu bemühen, hat VISIONS über Jahre hinweg nachhaltig geprägt – vielleicht war es sogar die beste Phase, die man als Leser als auch als Mitglied der Gang mit diesem Magazin erleben konnte. In einer Zeit, wo an das Internet noch nicht zu denken war und in der Print-Magazine gehörigen Einfluß hatten, war Dirk ein Tastemaker, der den Musikgeschmack von etlichen VISIONS Lesern extrem geprägt hat. Bands wie Kyuss, Gluecifer, Hellacopters, Turbonegro, Mother Tongue, Masters Of Reality oder auch QOTSA, um nur mal die Kirschen auf der Sahne zu nennen, haben Dirk viel zu verdanken, denn er hat ihnen mit seinem Engagement den Weg geebnet. Wie wichtig er für VISIONS und unsere Leser war, belegt alleine eine Szene, die sich bei Rock am Ring in 2001 zugetragen hat. Als die Queens Of The Stone Age um seinen alten Spezi Josh Homme von Dirk an den VISIONS-Stand geholt wurden, wollten die Leute nicht nur Autogramme von der Band, sondern auch von ihm. So saß er dann da neben den Musikern und unterschrieb eine Stunde lang beseelt VISIONS Titelbilder. Das hat mich stolz gemacht. Dirk war das Aushängeschild von VISIONS – das Rock Hard hatte Götz Kühnemund, wir hatten Siepe.

Und, meine Güte, was haben wir gefeiert! Die Musikbranche bietet dafür ja durchaus viele Anlässe und der verklärte Blick zurück sagt mir gerade, dass wir so viel nicht ausgelassen haben, auch wenn Duffy da vielleicht nochmal aus einem anderen Holz geschnitzt war als ich und die meisten anderen. Auch fernab von Festivals, Konzerten oder VISIONS Partys gab es genug Situationen, in denen es ausgelassen war. Alleine der Fußball: Meisterschaften, Pokal-Siege, Derby-Triumphe, aber auch ein Moment der Schmach, als wir im Westfalenstadion 0-1 gegen den VfL Bochum (!) verloren haben, weil Delron Buckley kurz vor Spielende der Meinung war, das Siegtor erzielen zu müssen. Dirk war so abgenervt von einem feiernden Bochumer in der Reihe vor uns, dass er ihm einen fast vollen Becher Bier über den Kopf kippte. Ich fand das irgendwie gerecht, weil mir der Typ auch tierisch auf den Sack ging, getraut hätte ich mich das aber nicht. Als wir später in der Kneipe einen ausgeknobelt haben, war ich immer noch überrascht darüber, dass es nicht zu Handgreiflichkeiten kam.

Vielleicht hat der VfL-Fan auch einfach gemerkt, dass Dirk eine gute Seele hatte. Wer ihn kannte, wusste das ganz sicher. Sein großes Herz für Katzen und Hunde deutete darauf hin, aber auch sein ehrenamtliches Engagement für Die Tafel in Dortmund, die er in den letzten Jahren unterstützt hat. Dirk hatte zudem eine melancholische Seite, die es ihm ermöglichte, sehr reflektierte, tiefgehende Gespräche zu führen. So erinnere ich mich an einige Abende, die wir dem Herzschmerz widmeten, ganz frei von Punkrock und Feierei. Eigentlich wollten wir uns bald treffen, es ist bestimmt drei, vier Jahren her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben. Unsere Kommunikation beschränkte sich in der Zwischenzeit auf sporadische SMS zu Geburtstagen und witzige Frotzeleien zum aktuellen Fußballgeschehen – wir waren nicht im klassischen Sinne befreundet, aber wir hatten nach all den Jahren noch steten Kontakt. Wegen seiner Lungenkrankheit und der für ihn daher besonders heiklen Covid-Situation haben wir ein Treffen vertagt, bis zu dem Zeitpunkt, wo es das Wetter zulässt, dass man sich draußen treffen kann. Jetzt ist das Wetter gut – und Dirk nicht mehr unter uns. In der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 2021 hat er uns für immer verlassen. Und das macht mich extrem traurig.

Danke für alles, Duffy. Du wirst vermisst werden. Und wenn du da oben den Fußballgott triffst, weißt du, was zu tun ist.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Slow Pulp – „At It Again“


Foto: Promo / Rachel Cabitt

Mal eine These, die durchaus Sinn ergibt: Die im vergangenen Jahr für ihre kreative Umtriebigkeit sowie ihr fulminantes zweites Album „Punisher“ zurecht allerorten gefeierte Phoebe Bridgers hat ihren mittlerweile recht genreprägenden, halb geflüsterten Gesangsstil keineswegs entwickelt, um eine eigene Klangästhetik zu begründen, sondern schlichtweg aus der schnöden Notwendigkeit einer hellhörigen Wohnung mit dünnen Wänden heraus, in der sie ihre ersten eigenen Songs schrieb und aufnahm. Dennoch erschien diese Art des Vortrages wohl stilistisch so attraktiv, dass sich nun bereits eine halbe Generation junger Elevinnen auf ebendiesen Stil beruft. Emily Massey, die 2017 als potentielle Frontfrau zu dem bis dahin als befreundetes All-Male-Trio existierenden Slow Pulp aus Madison, Wisconsin (früher) beziehungsweise Chicago, Illinois (heute) stieß, scheint zu jener Halbgeneration zu gehören – bis hin zu der Tatsache, dass sie nicht nur den Flüster-Stil, sondern auch den ein oder anderen Kniff in der Harmonieführung von jener mit 26 Lenzen selbst ja noch jungen Vorreiterin übernommen zu haben scheint.

So singt Emily Massey denn auch den Löwenanteil der ansprechend konstruierten, organischen Indie-Rock-meets-Dream-Pop-Songs, die sich auf Slow Pulps im vergangenen Oktober erschienenen Debütalbum „Moveys“ befinden. Der Titel der Platte ist ein Neologismus, der sich auf die Entstehungsgeschichte der Songs, Rastlosigkeit und Veränderung der Band bezieht. Doch bei dieser „klassischen“ Rollenverteilung mit einer Dame am Mikro und den Herren am Instrumentarium bleibt es nicht, denn das Newcomer-Quartett sucht sich und ihren Bandsound zum einen noch, zum anderen zwang ein Krankheitsfall in Emilys Familie während der Corona-Lockdown-Phase die junge US-Indie-Band, welche bereits zuvor – nach der Diagnose von Massey mit Lyme-Borreliose und chronischem Drüsenfieber – ein Album mit einigem an Material verworfen hatte, zu einer unfreiwilligen zeitweisen Trennung. Die in Chicago verbliebenen Jungs – Henry Stoehr (Gitarre), Alexander Leeds (Bass) und Theodore Mathews (Schlagzeug) – nutzten diesen nicht eben vorteilhaften Wink des Schicksals, um den Rest der Debüt-LP kurzerhand im Testosteron-Alleingang fertig zu stellen. Wohl auch deshalb werden zwei stilistisch eher in Alternative-Rock-Gefilde gehüpfte Stücke kurzerhand von Bassist Alexander Leeds gesungen, wohl auch deshalb findet man auf dem Nachfolger der 2019 veröffentlichten „Big Day EP“ nicht nur Anklänge an die seligen Neunzigerjahre und Alternative-Größen wie Slowdive und Sonic Youth, sondern auch Ausflüge in Alt.Country und Indie Folk sowie das ein oder andere eigenwillig tönende Instrumental, das scheinbar recht wenig mit dem Rest des Albums zu tun hat. Trotzdem lässt das knapp 30-minütige Endergebnis mit Highlights wie „Falling Apart„, „Idaho„, „Track“ oder „At It Again“ durchaus positiv aufhorchen und sei nicht nur allen Freunden der jüngsten Großtaten von Phoebe Bridgers ans Hörerherz gelegt, sondern auch all jenen, die auf in Indie Rock und Dream Pop beheimatete Kleinode stehen.

Empfehlenswert ist auch die „Live on KEXP at Home“-Session der Band:

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Adult Mom – „Sober“


Foto: Promo / Daniel Dorsa

Stevie Knipe meldet sich mit ihrem DIY-Soloprojekt Adult Mom zurück und wird in wenigen Tagen „Driver„, ihr erstes neues Album seit der Trennung von ihrem mittlerweile auf Eis liegendem Label Tiny Engines und den Nachfolger zum 2017er Werk „Soft Spots„, veröffentlichen. Mit der Auskopplung „Sober“, welches ebenso wie die bereits im Februar 2020 erschienene Single „Berlin“ auf dem neuen, dritten Album zu hören sein wird, kann man sich bereits jetzt einen ersten Eindruck von den neuen Songs des Indie-Pop-Projekts aus Purchase, New York machen.

Passenderweise konzentriert sich auch „Sober“ auf die Nachwirkungen einer zerbrochenen Beziehung, wobei Knipes Erzählerin sich von jemandem entfernt, den sie schlicht nicht mehr liebt. Ihr Keyboard und ein Drum-Machine-Beat geben zunächst den Ton an, während Knipe die Situation mit unerschrockener Ehrlichkeit und einer Prise schwarzem Humor einschätzt: „The only thing that I’ve done / This month is drink beer and / Masturbate, and ignore / Phone calls from you / What else am I supposed to do?“. Treibende Indie-Rock-Gitarren treten darauf den Song vorwärts, bis Knipe schließlich einen letzten Schlussstrich zieht: „Now I don’t even think of you / When I am sober“. Das Musikvideo zu „Sober“, bei dem Maddie Brewer Regie führte und das von Noah Gallagher animiert wurde, zeigt in ruhigen, lebendigen Bildern, wie jemand schmerzhafte Erinnerungen und ungesunde Trinkgewohnheiten hinter sich lässt und sich auf eine Reise der Selbstfindung begibt, die sich langsam aber sicher in etwas ziemlich Surreales verwandelt. Und passend findet auch musikalisch eine Reise statt: das Stück beginnt als reduzierter Bedroom Pop und wandelt sich dann zum angenehmen Power-Pop-Understatement.

Knipe hat „Driver“ zusammen mit Kyle Pulley (Shamir, Diet Cig, Kississippi) co-produziert, während befreundete Künstler wie Olivia Battell und Allegra Eidinger bei der Arbeit an den zehn Stücken halfen. Das Album, welches „den Soundtrack zu jener queeren Liebeskomödie liefert, von der sie seit 2015 träumte“, wie es in einer Pressemitteilung heißt, folgt auf das 2015er Debüt „Momentary Lapse Of Happily„, das gut drei Jahre zurückliegende Zweitwerk „Soft Spots“ sowie einige EPs, die Stevie Knipe zwischen 2012 und 2014 veröffentlichte. „Driver“, das auf Epitaph erscheint, wird außerdem die erste Langspieler-Veröffentlichung von Adult Mom auf einem anderen Label als Tiny Engines sein, das zusammenbrach, nachdem Stevie Knipe und eine Reihe anderer Unterzeichner*innen die Label-Macher im Jahr 2019 beschuldigten, unter anderem Zahlungen an die unter Vertrag stehenden Künstler*innen zurückzuhalten. Nun wagt Stevie „Adult Mom“ Knipe einen Neustart, und dieses Mal sitzt sie am Steuer.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Sunday Listen: „Everybody Cares – An Elliott Smith Compilation“


Am 21. Oktober 2003 starb Elliott Smith viel zu früh im Alter von 34 Jahren. 17 Jahre später ist sein Einfluss auf die Singer/Songwriter- und Indie-Rock-Szene noch immer ungebrochen, gelten die Songs des US-Musikers samt und sonders als in balladeske Melancholie gefasste Kleinode, die es gilt zu schützen, zu bewahren und kommenden Generationen von Nachwuchs-Klampfern näher zu bringen. Kaum verwunderlich also, dass von Zeit zu Zeit immer mal wieder neue Tribute-Compilations das digitale Licht des Internets erblicken. So auch jetzt.

Der neue, zehn Beiträge umfassende Tribute-Sampler „Everybody Cares“ ist dabei quasi die Fortsetzung einer Livestream-Spendenaktion, die im vergangenen Jahr stattfand. Im letzten Sommer tat sich der ehemalige WU LYF-Bassist Francis Lung mit der französischen Website „La Blogothèque“ und dem Podcast „My Favorite Elliott Smith Song“ zusammen, um eine Reihe von Elliott-Smith-Covern zu präsentieren und mit diesen Livestream-Shows etwas Geld für die britischen LGBQ+-Wohltätigkeitsorganisationen AKT, das Audre Lorde Project und GIRES zu sammeln. Und so konnte er fürs Lineup dieser Shows einige namhafte Indie-Künstler wie Christian Lee Hutson, Marissa Nadler, Kevin Devine oder Marika Hackman verpflichten. Für alle jene, die die Streams damals verpasst haben, hat sich Lung nun erneut mit „La Blogothèque“ und „My Favorite Elliott Smith Song“ zusammengetan, um darauf aufbauend ein komplettes Album mit Smith’schen Coverversionen zu veröffentlichen.

Logisch also, dass auf „Everybody Cares – An Elliott Smith Compilation“ erneut Hutson, Nadler, Devine und Hackman mitwirken. Lung selbst nimmt sich Smiths „The Biggest Lie“ an. Auf der Compilation finden sich auch Coverversionen von Künstlern wie Lionlimb, Blaenavon oder Real Estate-Bandleader Martin Courtney, die sich mal mehr (etwa Marissa Nadlers langsame, gespenstische Version von „Pitseleh“), mal weniger weit von den bekannten Originalen weg bewegen. Obendrein kommen erneut alle Erlöse den oben genannten Charity-Organisationen zugute. So oder so: eine runde Sache.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages #2: José González – „El Invento“


Foto: Promo / Hannele Fernström

¡Qué sorpresa! Der schwedische Singer/Songwriter José González meldet sich nach sechs Jahren mit der neuen Single „El Invento“ zurück. Und damit nicht genug, denn der Song ist obendrein sein erster auf Spanisch, der Muttersprache seiner argentinischen Eltern. Das bislang letzte Album des 42-jährigen Musikers mit der grandiosen, so unverkennbar samtigen Stimme, „Vestiges & Claws“, war im Februar 2015 erschienen. Bekannt geworden war González, von dem hier auf ANEWFRIEND bereits die Schreibe war, etwa mit einer eigenen Interpretation des The-Knife-Klassikers „Heartbeats“. In der Zwischenzeit kümmerte sich der Schwede etwas mehr ums Private und suchte nach neuen Anreizen in anderen musikalischen Gefilden. So war er unter anderem auf DJ Kozes 2018er Album „Knock Knock“ zu hören.

Beim Schreiben neuer Songs hatte der Indie-Folk-Musiker Hilfe, sagt er. So habe seine kleine Tochter ihren Teil zum kreativen Prozess beigetragen. „Ab und zu versuche ich, Texte auf Spanisch zu schreiben – dieses Mal ist es mir das erste Mal überhaupt gelungen! Ich denke, es hat geholfen, jeden Tag mit Laura Spanisch zu sprechen.“ Der kreative Prozess habe außerdem in etwa zeitgleich mit der Geburt seiner Tochter begonnen. Thematisch dreht es sich bei „El Invento“ also nicht ohne Grund um existenzielle Fragen. „Der Song handelt von Fragen: wer sind wir, wohin gehen wir und warum? Wem können wir für unsere Existenz danken?“, so González. „Historisch gesehen sind die meisten traditionellen Antworten auf diese Fragen frei erfunden. Daher auch der Name des Liedes: ‚El Invento‘ (Gott).“

Inzwischen ist José González zu City Slang gewechselt, jenem Berliner Indie-Label, auf dem bereits seine Band Junip ihre Platten veröffentlichte. Vielleicht ja ein kleiner Wink, dass in nicht allzu ferner Zukunft endlich ein neues Album ansteht…

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: EUT – „Party Time“


Foto: Promo / Sanja Marusic

Party Time“? Kaum ein Plattentitel könnte in der jetzigen Zeit fehlplatzierter in den Regalen stehen (zumal ja die wenigen gallischen Plattenläden, die noch der römischen Belagerung durch alle Online-Handelsriesen wieder dem mit den großen „A“ trotzen konnten, ohnehin dank Lockdown geschlossen bleiben müssen). Ja, sagt mal: Wann gab es denn bitteschön zuletzt die Gelegenheit für eine ausgelassene Party mit jeder Menge Freunden? Wird bei uns allen – passionierter Stubenhocker oder nicht – schon ein bisschen her sein… Aber gehören zu einer gelungenen Sause auch ausgeschlagene Zähne und Herpesbläschen, wie es das Cover des zweiten EUT-Albums vermuten lassen könnte? Wohl eher nicht, aber die zehn neuen Songs der Niederländer erzählen ja auch nicht nur von Happy-go-lucky Life, sondern auch von Liebe, Sex, Einsamkeit und all dem zu oft mißverstandenen Scheiß dazwischen. Vom Tanzen auf einer leeren Tanzfläche, auf der man am besten einfach liegen bleibt, nachdem man über seine eigenen Füße gestrauchelt ist…

Kennengelernt haben sich Megan de Klerk (Gesang), Tessa Raadman (Gitarre), Emil de Bennie (Gitarre), David Hoogerheide (Bass/Keyboard) und Jim Geurt (Schlagzeug) 2016 an der Amsterdamer Musikhochschule. Die ersten Demos, die später zu EUT-Songs werden, entstehen als Examensarbeiten für ihr Studium, 2018 erscheint das Debütwerk „Fool For The Vibes„. Wer jetzt klassische Artsy-Fartsy-Mucke von fünf Artschool-Alumnis erwartet, dürfte ein wenig enttäuscht sein, denn stattdessen machen EUT (gesprochen übrigens ‚Üt‘), temperamentvollen Indie-Pop-Rock, dem man die Einflüsse von Blur über die Cardigans bis hin zu No Doubt, Garbage, den Yeah Yeah Yeahs oder St. Vincent anhört, ohne dass hier irgendwelches Kopistentum anklingt.

Ganz im Gegenteil – auch auf dem aktuellen, eben „Party Time“ titulierten Langspieler beweisen die EUT’schen Songs samt und sonders ordentlich Ohrwurmpotenzial. Bereits der funky Opener „What Gives You The Kicks“ bittet in bester Blur-Manier mit elektronisch verbrämten Bass-Gewummer zum Tanz. So in Stimmung gekommen, erinnern wir uns mit „Had Too Much“ – und natürlich erst recht dem Titelstück! – an durchgefeierte Nächte, während insbesondere „Cool“ an die Schweden der Cardigans und ihre smarte Frontfrau Nina Persson denken lässt. Zum nachfolgenden „Stuck“ mit seinem leicht orientalischem Einschlag wiederum räkelt es sich nach ausschweifenden erotischen Abenteuern am nächsten Tag ganz hervorragend im Bett und wen ein physischer oder psychischer Kater quält, bekommt mit „The Buggs (Part II)“ den passenden Soundtrack verpasst, bevor man zu „Killer Bee“ und seinen EDM-Sounds erneut auf die wohlbekannte Tanzfläche stolpert und „When I Dive“ sich vergleichsweise ruppig zeigt. Dafür präsentiert sich das ausgelassene „It’s Love (But It’s Not Mine)“ umso mitreißender und wenn auf der Zielgeraden das groovende „Bubble Baby“ erklingt, wird man von dem sicheren Gefühl begleitet, dass es irgendwann wieder möglich ist, bis zum Morgengrauen mit Mann und Maus dem ewig jungen Hedonismus zu frönen und sich den Alltagsdruck sowie Frust- und Frostspeck von Seele und Hüfte zu tanzen.

EUT liefern mit „Party Time“ nicht nur verflucht gute Hipster-Hooks ab, sondern beweisen gleichzeitig, dass hier fünf Musiker am musikalischen Drücker sind, die nicht nur ihr Musikhochschulhandwerk verstehen. Vielmehr schlagen die Damen und Herren mit viel Herzblut sowie dem Auge (und Ohr!) für den gewitzten, intelligenten Umgang mit großem, glitzerndem Pop genau jene Haken, die es braucht, um Musik zu machen, die im Gedächtnis bleibt – was in diesem Fall nicht im Widerspruch zum frischen, leichten Sound des Grachten-Quintetts steht. Bestenfalls ist „Party Time“ mit all seinem Hit-Potential für die Indie-Dissen-Tanzflächen eine beschwingte Postkarte (oder meinetwegen WhatsApp-Nachricht) aus vergangenen Tagen, die gleichzeitig Mut für die Zukunft machen möchte.

“Here we go again: zum tausendsten Mal hast du dein Herz an jemanden verloren, schon wieder bist du verlassen worden. Aber nach zahllosen schlaflosen Nächten im Bett beginnt endlich eine neue Zeit: mit frischer Energie bist du bereit, es erneut mit der Welt aufzunehmen, ob allein oder zu zweit. Irgendwie handelt die ganze Platte davon, auch die komplizierten Momente mal wegzutanzen – und genau das haben wir im Video zu ‚Party Time‘ auch gemacht…” (Megan de Klerk)

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: