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Sunday Listen: Jenny Berkel – „These Are The Sounds Left From Leaving“


Obwohl doch beileibe keine Newcomerin mehr, mag Jenny Berkel in unseren Breiten – und selbst unter eingeweihten Singer/Songwriter-Connaisseuren – noch kein „Household Name“ sein. Verwundert das? Nun, ein wenig schon.

Denn immerhin ist es bereits satte zehn Jahre her, dass die in London, Ontario beheimatete kanadische Songwriterin ihr Debütalbum „Here On A Wire“ veröffentlicht hat. Selbigem ließ sie im vergangenen Jahr „Pale Moon Kid“ folgen, dazwischen lag noch eine EP – und der Poetik hat sie sich als Dichterin ebenfalls verpflichtet. Überhaupt: das Lyrische. Die Verbindung zwischen Poesie und Musik funktioniert auch auf Berkels neustem Werk „These Are The Sounds Left From Leaving“ in durchaus überragender Form. Das mag vor allem mit den Umständen der Entstehung der zehn neuen Stücke zusammenhängen, welche ihrem Plan, eine leichte, beschwingte und unbeschwerte Platte zu machen, einen dicken Strich durch die Rechnung machten: “Ich habe das Album in einer winzigen Wohnung geschrieben, zu einer Zeit, als sich alles groß und überwältigend anfühlte”, sagt die Musikerin. Und meint weiter: “Die Songs selbst sind eine Studie über Nähe, die große Ängste in kleine Räume bringt.“

Hört man nun ihren dritten Langspieler, so besteht – bei aller Ernsthaftigkeit – durchaus Hoffnung, dass Berkel mit diesem nun endlich auch in Deutschland einem etwas größeren Publikum bekannt bekannt werden dürfte. Das lässt sich schon alleine daran festmachen, dass hier keiner der ebenso leichtfüßig wie transparent inszenierten Folk-Pop-Songs musikalisch in besonderer Weise als klares Highlight herausragt, sondern jedes einzelne der zwei Handvoll Stücke auf insgesamt recht hohem Niveau seinen eigenen Reiz zu entwickeln weiß.

Wie sicher sich die Musikerin inzwischen in ihrem Bestreben ist, ihre Songs zwischen düster und hoffnungsvoll, transparent und opulent, intim und raumgreifend, leise und bestimmt, geradlinig und vertrackt auszubalancieren, zeigt auch der Umstand, dass sie – zusammen mit Dan Edmonds und dem auch als Musiker in Erscheinung tretenden Ryan Boldt (Deep Dark Woods) – erstmals selbst produktionstechnisch Hand anlegte und sich dabei von Colin Neales schwindelfreie, luftige Streicherarrangements schreiben ließ, die viel Raum für ihre beeindruckend klare und durchsetzungsfähige Alt-Stimme bieten.

Tatsächlich erinnert das Setting an nicht wenigen Stellen an das, was weiland Joe Boyd für den großen, jedoch viel zu früh verglühten Trauer-Troubadour Nick Drake leistete. Diverse Gitarren, Piano, Mellotron, Wurlitzer-Orgel, Bass, Schlagzeug und Streicher – hier wird ein durchaus breites Instrumentarium aufgefahren, über welchem Berkels wohltuend graziöse Stimme ruht. Und auch der Vorwurf, den Kenner der Songwriterin bislang ungestraft machen durften – nämlich dass alle ihre Stücke im gleichen balladesken Gleichstrom-Setting angesiedelt seien – gilt ab diesem Album nicht mehr, denn obwohl Jenny Berkel natürlich noch immer keine derb drauflos prügelnde Rockmusik macht, gibt es mit „Kaleidoscope“, welches mit seinen wehmütigen Streichern die nachdenkliche Wirkung noch unterstreicht, mit „July“ und dem Trennungslied „Lavender City“ gleich mehrere durchaus munter pulsierende Songs im Mittelteil des Albums, die sich längst nicht mehr als „reine Balladen“ einsortieren lassen. Dem gegenüber stehen schwermütige, recht mystisch verzierte, mit viel Liebe zum feinsinnigen Detail ausgestattete Folksongs wie „Watch You Fade“ oder das walzer’eske „Under A Sky“, während sich „You Think You’re Like The Rain“ ganz der Sehnsucht hingibt oder „Here Comes The Morning“ auf bessere Zeiten hofft.

Klar, besonders erbaulich mag sich das alles nicht gerade lesen. Und: Ja, man sollte schon das richtige Gemüt für diese von tiefer Traurigkeit durchdrungene Platte haben, bei welcher sich die Einsamkeit, die Furcht vor zu großer Nähe, aber auch vor dieser Welt da draußen vor der Wohnungstür, oftmals zwischen verwunschenen Vibrafonharmonien und zarten Gitarrenakkorden verstecken. Und irgendwie haben uns zwei Jahre weltumspannende Pandemie und die zuweilen überwältigende Reizüberflutung, welche auch durch die in ständig schnellerer Abfolge auf uns einprasselnden Katastrophenmeldungen auslöst wird, ja alle mehr oder minder müde und mürbe gemacht, oder? Eben. Da kann einem manchmal für Momente durchaus die Haut dünn und vor allem und im Grunde gar nichts Angst und Bange werden. Wer allerdings vermutet, dass sich Jenny Berkel hier als musikalisches Zitterkaninchen vor der Schlange präsentiert, sieht sich auf angenehme Weise enttäuscht, denn mittels ihrer blumigen, allegorischen Poesie-Sprache findet die Songwriterin immer wieder Wege, ihr Anliegen eher ermutigend in Form von aus der Natur gezogenen Metaphern im Format fiktiver Konversationen (welche teilweise im Zwiegespräch mit sich selbst stattfinden) deutlich zu machen. Und schafft damit berückende Kammerpop-Kostbarkeiten, welche sie hoffentlich baldigst aus der Geheimtipp-Ecke hinausführen werden.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Safetyville – „Samson“


Samson“ von der eh stets und immer und sowieso und überhaupt großartigen Regina Spektor – auch mit über zwei Dekaden auf dem musikalischen Buckel bleibt’s ein wunderschöner Song, da machste mal eben gar nix.

Von daher dürfte es – aller Fallhöhe zu Trotz – im Grunde ein Leichtes sein, dieses unkaputtbare Stück zu covern, oder? Safetyville macht mit ihrer Version, welche bereits im vergangenen Oktober von HONIG via Facebook geteilt wurde, in jedem Fall ordentlich. Das macht freilich neugierig… wer also ist die Dame? Nun, „Safetyville“ ist das Solo-Projekt von Isabell „Isa“ Honig aus Köln, Tochter des regional bekannten Gitarristen Jay Minor (und ganz nebenbei die Frau an der Seite von HONIG-Frontmann Stefan Honig), die sich, wie man liest, mit ihrer Musik in warmen Singer/Songwriter-Melodien heimisch fühlt, Künstlerinnen wie Ane Brun oder Eva Cassidy zu ihren Einflüssen zählt und mal zarte, mal kraftvolle Indie-Folk-Songs mit angenehmer Stimme bietet. Schade eigentlich, dass Safetyville, welche in der Vergangenheit etwa einige Support-Shows für die isländische Band Low Roar spielte, via Bandcamp lediglich eine EP von 2014 und eine Single von 2016 vorzuweisen hat. Dennoch: Das Debütalbum sei in Arbeit, von daher darf man die Kölner Musikerin gern auf dem Schirm behalten…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Maryaka – „Easy“


„Ich bin 23, Sängerin, Gitarristin, Liedermacherin und Straßenmusikerin“, so beschreibt sich Clara aka Maryaka via Facebook knapp. Andernwebs (wo man übrigens wohl auch buchen kann) wird sie dann doch etwas ausführlicher:

Musik mache ich eigentlich schon seit ich 12 bin. Habe damals einfach furchtbar schief drauflosgespielt und mit der Zeit dann auch die ersten Akkorde gelernt, die ersten Songs geschrieben (in furchtbarem Englisch über irgendwelche Jungs) und sogar kurzzeitig mit meiner besten Freundin eine ‚Band‘ gegründet. Mir war aber irgendwie schon immer klar, dass ich einfach keine wirklich schöne Singstimme habe, was auch echt ok war, weil ich eh nur für mich Musik gemacht habe. Dann kam ich irgendwann auf die Idee beim Herner Jugendkulturpreis ‚Herbert‘ mitzumachen und habe dort das erste mal tatsächlich positives Feedback bekommen und damit dann auch ganz viel Motivation. Seitdem werden es von Jahr zu Jahr mehr Songs, mehr Auftritte, mehr Musik. Vor kurzem habe ich meine Debüt-Single ‚Easy‘ veröffentlicht, die ich selbst aufgenommen habe.“

Und tatsächlich lassen vor allem das soeben erwähnte, im vergangenen Juli veröffentlichte „Easy“ als auch die im November erschienene Nachfolge-Single „Losing Love“ aufhorchen – ruhiger, verträumt-melancholischer Akustik-Folk samt einer Stimme, die mit angenehm rauem Timbre überzeugt, sich jedoch auch nicht über alle Maßen in den Mittelpunkt drängen mag. Apropos „Mittelpunkt“: Auch wenn ihre Lieder doch oft zur Melancholie neigen, versucht die Newcomerin aus Herne damit nicht, sich und vermeintliche Herzschmerz-Sorgen übermäßig in selbigen zu drängen. Oder wie es Joni Mitchel einst recht treffend auf den Punkt brachte: „If you listen to my music and see me, you’re not getting anything out of it. But if you listen to it and and you see yourself, learn something about yourself, if it makes you cry, that’s when you’re getting something out of it.“

It’s about the song, not so much about the singer… Maryaka und ihre Songs (von denen man via YouTube auch ein paar in deutscher Sprache hören kann) sollte man in Zukunft trotzdem auf dem Newcomer-Schirm behalten.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Árný Margrét 


Von Zeit zu Zeit tragen die Winde nicht nur die Vulkanasche von Eyjafjallajökull, sondern auch vielversprechende Talente von Island aus hinüber nach good ol‘ Europe. Árný Margrét etwa – ein Name, den man sich notieren sollte (wenn man ihn denn im vergangenen Jahr nicht bereits als Empfehlung im „Musikexpress“ gelesen hat).

Die 20-Jährige stammt aus den Westfjorden, einer dünn besiedelten und abgelegenen Halbinsel im Nordwesten Islands. Geboren und aufgewachsen in einer kleinen Stadt namens Ísafjörður, besuchte sie ab ihrem sechsten Lebensjahr eine Musikschule und lernte Klavierspielen und brachte sich nach und nach das Gitarrespielen bei. Die wenigen Einblicke, die Árný bisher auf YouTube in ihr musikalisches Universum gegeben hat, sind geprägt von einem Gefühl der Einsamkeit und voller Sehnsucht, die sich auch auf ihrer im Februar erscheinenden Debüt-EP „intertwined“ wiederfinden.

Bereits seit einigen Jahren schreibt die Newcomerin anmutige, gefühlvolle Folk-Songs und hat in ihrer Heimat nicht zuletzt mit ihrem Auftritt auf dem Iceland Airwaves „Live From Reykjakvik“-Festival im vergangenen Jahr bereits einige Wellen geschlagen. Mit „intertwined“ erschien Ende 2021 das erste zauberhafte Stück und überzeugte mit einer Lyrik und Vortragsweise, deren Kredibilität und Lebenserfahrung angesichts des jungen Alters der Protagonistin ein wenig verblüffen. Überhaupt färben lebendige Bilder die sehr persönlichen Texte auf der gesamten EP. Jedes der vier Stücke erzählt eine Geschichte der Selbstreflexion und des Rückblicks auf die Menschen und Orte, die das Leben der Isländerin bisher geprägt haben.

Im bereits erwähnten selbstbetitelten Opener „intertwined“ erinnert sich Árný daran, wie sie in ihrem kleinen Raum im Wohnheim in Dänemark saß und aus dem einzigen Fenster mit Blick auf die malerische Landschaft starrte, und wie sie in dieser Einsamkeit von guten und schlechten Erinnerungen überflutet wurde. Sie erzählt: “Past experiences kept coming back to me while I was living in Denmark, everything around me was different. It took some time to get used to. The weather somehow always makes a way into my songs, I use my dreams and my memories, words or phrases. And one day I came up with the lyric ‘our pasts are intertwined’ as if you’re connected to someone you don’t want to be connected to.”

Durch kontinuierliches Schreiben und Reevaluieren entwickelte sich der Song über Wochen weiter, mal in diese, mal in jene Richtung. Árný liebt das, ihren Songs die Zeit und den Raum zu geben, den sie brauchen, sie im Kontext ihrer inneren und äußeren Einflüsse gedeihen zu lassen. “It was winter by the time I was adding the final touches, I was back home when I recorded the harmonies, and it came together, music is weird like that.”

Die wundervolle zweite Single „akureyri“, benannt nach der Stadt am Fuße des Eyjafjörður Fjords in Nordisland, spiegelt eine ähnliche Geschichte aus einer etwas anderen Perspektive wider. “I know I’m weak / When you say that I am weak”, singt sie darüber, wie man sich selbst unfairerweise durch die Augen derer beurteilt, die einen schlecht machen wollen.

Es folgt eine majestätische, ehrliche Coverversion von John Hartfords Country-Juwel „in tall buildings“. Árný erklärt: “[I was] drawn in by his beautiful lyrics, a man saying goodbye to everything as he leaves to go to work„. Das Konzept untermauert die Kernthemen der EP, denn der Abschlusssong „sometime” spielt mit der Metapher einer auf dem Tisch zurückgelassenen Brieftasche: “It’s about leaving something behind so that someone might notice, to see if someone might remember you even if you aren’t there.”

Als Einflüsse nennt sie Adrianne Lenker, Aldous Harding und ihren isländischen Landsmann Ásgeir – alles Namen, welche auch ihren Sound recht gut umreißen (ich selbst würde zudem noch Ane Brun als Namen ins Rund werfen). Derzeit nimmt Árný Margrét im Studio Hljóðriti in Hafnarfjörður ihr Debütalbum auf und beginnt, sich mit ihren intimen und berührenden Live-Auftritten weltweit einen Namen zu machen. Ja, diese Newcomerin sollte man für die Zukunft auf dem Schirm behalten.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Grace Cummings


Während vielerwebs die Jahresbestenlisten von 2021 noch lauwarm glühen, deutet sich bereits an, wer die Pop-Feuilletons der kommenden Monate einhellig verzaubern könnte. Grace Cummings etwa. Zwar hat die in Melbourne geborene Songwriterin in ihrem Heimatland mit „Refuge Cove“ bereits 2019 ein vielbeachtetes Debüt vorgelegt, abseits Australiens ist sie jedoch ein noch recht gut behütetes Geheimnis. Und man muss keineswegs der Ahnenreihe eines Nostradamus entstammen, um die risikoarme Prognose zu wagen, dass sich das in diesem Jahr und mit dem kommenden Album „Storm Queen“ schlagartig ändern könnte.

Dabei liest sich Grace Cummings‘ bisheriger Werdegang irgendwo zwischen Umtriebigkeit und gepflegter Down-Under-Langeweile. So begann die ausgebildete Schauspielerin ihre musikalische Laufbahn als Schlagzeugerin in einer Reihe von Highschool-Bands, deren Repertoire hauptsächlich aus AC/DC- und Jimi-Hendrix-Covern bestand. Als Cummings begann, eigene Songs zu schreiben, ließ sie sich vermehrt von Acts wie Paul Kelly, Bob Dylan, J Spaceman sowie traditioneller irischer Folkmusik inspirieren, die ihr Vater oft zu Hause spielte. Vor allem die Ehrerbietungen an den ewig großen Dylan hörte man an vielen Ecken der Eskapismus-Kleinode von „Refuge Cove“ heraus.

Einer weiteren Eigenart bleibt Cummings auch auf dem neuen Werk treu: sie behält die künstlerischen Zügel gern in der eigenen Hand. So übernimmt die Newcomerin, wie schon auf dem Debütalbum, auch auf “Storm Queen” das Ruder als Produzentin. Die minimalistischen Arrangements werden von einer Reihe von befreundeten Künstler*innen aus Melbourne mit unerwarteten Verzierungen geschmückt: prunkvolle Geigenmelodien, gespenstische Theremin-Töne oder das frenetische Heulen eines Baritonsaxophons, welche das Album, getreu seines Titels, in ein ganz eigenes, unbändiges Klima hüllen.

„Storm Queen“ beginnt mit der majestätischen Vorab-Single „Heaven“ und offenbart sofort die ungezähmte Intensität von Cummings‘ ebenso eigenwilliger wie mächtiger Stimme sowie ihre Vorliebe für poetische und zugleich seltsam direkte Texte. Oft genug lässt die geübte Bühnenmimin dabei die Theatralik einer Aldous Harding mit der stimmlichen Präsenz von Marlene Dietrich unikal verschmelzen. Außerdem auffällig: religiöse Anklänge. Aber auch hier verhält es sich etwas anders, als man im ersten Moment zunächst denken könnte. „Der Refrain von ‚Heaven‘ enthält zwar die Worte ‚Ave Maria‘ – aber nicht, weil ich in irgendeiner Weise religiös bin“, erklärt die Australierin, die kürzlich erst die Hauptrolle in einer Joanna Murray-Smith-Produktion an der Melbourne Theatre Company spielte. „Für mich ist das Reden und Singen über Gott oder Mutter Maria eine Art, etwas Schönes zu benennen, das ich nicht verstehe, etwas, das nicht ganz zu der Welt gehört, in der wir leben“, fügt Cummings hinzu, die ihre eigenwillige Musikalität mit einer bewusst spontanen Herangehensweise an das Songwriting kombiniert. „Ich habe ‚Heaven‘ tatsächlich in der gleichen Zeit geschrieben, die man zum Singen braucht. Ich habe gehört, dass man in alten Cowboy-Filmen immer weiß, wer der Held ist, weil er einen Zehn-Gallonen-Stetson trägt. Der Himmel könnte eine Person sein. Oder ein Ort. Oder mein Vater oder eine winzig kleine Raupe oder der Klang des Lachens eines Kookaburra. Der Kookaburra ist ein Held, ich bin es nicht.“ Mit dieser Erklärung zwischen Augenzwinkerei und heiligem Ernst begründet Cummings, warum ihr Spiel mit christlicher Symbolik der ohnehin schon überbordenden Affektkulisse ihres eigenartig reduzierten Songwritings noch eine weitere Ebene einzieht.

Diese Musik mag keineswegs gefälliger Einweg-Radiopop für Familie Jedermann sein, aber eines ist sie in jedem Fall: besonders. Ave Maria, a star is born.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Samia – The Baby (2020)

-erschienen bei Grand Jury/Membran-

Erwachsenwerden ist meist eine recht heikle Angelegenheit. Und freilich machen die Irrungen und Wirrungen der Adoleszenz auch vor zwischen Los Angeles und New York aufgewachsenen Töchtern von Hollywood-Schauspieler*innen keinen Halt. Gut, Samia Finnerty wird es, dank Vater Dan und Mutter Kathy Najimy finanziell abgesichert und mit einem angeborenen Fuß in der Unterhaltungsbranche (zumal ihr Vater als Schauspieler, Comedian und Musiker gleich mehrere kreative Standbeine besitzt), wohl durchaus etwas einfacher gehabt haben als viele ihrer Altersgenossinnen. Dennoch plagt auch sie sich mit klassen- und herkunftsübergreifenden Universalien herum: mit Selbstzweifeln, angeknacksten Herzen und nicht zuletzt einer gesellschaftlich immer noch präsenten Misogynie. All die Dinge eben, vor denen man sich in manch banger Minute so hilflos und verletzlich vorkommt, als wäre man auch mit Anfang Zwanzig noch „The Baby„. Davon singt Samia auf ihrem passend betitelten, bereits im vergangenen Jahr erschienenen Debütalbum, aber sie jammert nicht. Das wird schon musikalisch deutlich, wenn sie ihre folkigen Singer/Songwriter-Gerüste mit dem ein oder anderen großen Pop-Hook sowie einer warmen Spätsommerstimmung ausstattet. Die Produktion der elf Songs gönnt sich trotz aller Subtilität flexible Texturen und auch die Stimme der mittlerweile 24-Jährigen sprüht voller Leben ­– sie bebt vor den in alle Richtungen schießenden Emotionen, wechselt beständig den Tonfall, flüstert zurückhaltend, schreit theatralisch. Großes Kino, das ihr wohl die guten Gene in die Wiege gelegt haben.

Fotos: Promo / Muriel Margaret

Im Kontrast zu seiner akustischen Vitalität wird „The Baby“ thematisch jedoch von Gevatter Tod umrahmt. So beginnt „Pool“ mit der letzten Sprachnachricht, die Samia von ihrer verstorbenen Großmutter erhielt, ehe die Enkelin selbst vor ihren Bindungsängsten zu kollabieren droht: „Are my legs going to last? / Is it too much to ask?“. Stilistisch ist dieser mysteriöse Ambient-Strudel zwar keineswegs repräsentativ für den Rest der Platte, wohl aber in seiner rohen Intimität, die das Hörerlebnis fast schon voyeuristisch geraten lässt. Und als würde sie hier mitlesen, entblättert sich die Protagonistin im selbstbewussten Indie Pop von „Fit N Full“ wörtlich – auch wenn sich ihr Striptease im Restaurant eher als surreale Kritik am vor allem in der Scheinheiligkeit der „Traumfabrik“ vorherrschenden Fitnesswahn deuten lässt. Etwas unaufgeregter, jedoch kaum weniger catchy groovt das tolle, mit einer Ethereal-Wave-Patina und nonchalanter Unaufgeregtheit ausgestattete „Big Wheel“ um rissige Beziehungen – und beweist dabei auch Samias Sinn für Selbstironie: „God, I’m really gonna blow with all this empathetic shit“. Noch mehr empathischen Scheiß gibt es im unsicheren „Triptych“ und im sexuell expliziten „Limbo Bitch“, das lauwarm trällernde Pop-Stimmchen wie Ariana Grande wohl nur allzu gern auf dem Studiopult liegen gehabt hätten. Und wo wir gerade bei Referenzen sind: Als Ganzes ist „The Baby“ mit einem vergleichbaren Maß an Indie-Pop-Kredibilität ausgestattet wie der 2019er Debütlangspieler der unter ähnlich begünstigten Umständen aufgewachsenen Billie Eilish. Geeint wird Samias kurzweiliger 36-minütiger Ausflug in so unterschiedliche Winkel des jungen Erwachsenenlebens von ihrer stets sympathisch ungefilterten Offenheit, den eingängigen Melodien sowie kleinen Reizpunkten in Form von Synthies oder Bläsern.

Und: „The Baby“ funktioniert auch in seinen getragensten Momenten. Mit sanften Gitarrenanschlägen und einem beständigen Rhythmus bohrt sich etwa „Stellate“ immer tiefer in eine inspiriert bebilderte, gescheiterte Liebe. Das folkig zu subtilen Bläsern gezupfte, fragil-schöne „Does Not Heal“ doppelt metaphorische mit tatsächlichen Wunden, lässt die aufgeschnittene, gelb-violett zusammenwachsende Haut fast plastisch erscheinen. Kurz vor Schluss gönnt sich das Album zwei musikalische Ausreißer – den pluckernden Synthie-Minimalismus von „Winnebago“ und den souligen Piano-Stampfer „Minnesota“ –, ehe im krönenden Americana-Anschluss schließlich alle juvenilen Dämme brechen: Nur von einer Akustischen begleitet erzählt das flehende „Is There Something In The Movies?“ von der 2009 tragisch verstorbenen Schauspielerin Brittany Murphy, einer Freundin der Familie Finnerty, die der kleinen Samia einst ein Stofftier schenkte. „Everyone dies but they shouldn’t die young“, brüllt die Trauernde voller Inbrunst und bringt mit diesem Tribut und Abgesang an die kindliche Unschuld jeden noch so verdorrten Tränenkanal zum Platzen. Manchmal werden die Babies eben auch in den besten Häusern schneller groß, als man es ihnen zutraut.

Selbst in seinen leersten Metern überzeugt „The Baby“ mindestens mit (s)einer kecken Liebenswürdigkeit, deren Beiläufigkeit immer auch etwas Gefällig-schmissiges, wenngleich – soviel Kritik sei erlaubt – kaum wirklich Nachhaltiges transportiert – alles am Ende jedoch Kinderkrankheiten, die auch ohne den entsprechenden Albumtitel keine Probleme darstellen würden, einfach weil das Album lyrisch grundsätzlich universelle Themen behandelt – ein Film wie „Clueless“ (um noch einmal eine verbindende Brücke zu Brittany Murphy zu schlagen) funktionierte Mitte der Neunziger ja schließlich auch durch alle Klassen des Publikums. Samias Coming-of-Age-Talentprobe hat seinerseits genug Qualitäten um noch zu wachsen, genug Charisma, um über zwei Sommer hinaus zu betören und genug Potential, um zukünftig kein Wort mehr über die familiären Background der Urheberin zu verlieren.

(Übrigens hat Samia in der Zwischenzeit veröffentlichungstechnisch bereits mehrfach nachgelegt: So erschien im Juli diesen Jahres die „Scout EP„, deren vier neue Songs sich qualitativ keineswegs hinter denen von „The Baby“ verstecken brauchen. Für Dezember ist mit „Before The Baby“ eine Sammlung von Singles, welche vor dem Langspieldebüt erschienen, abgekündigt, welche man via Bandcamp bereits hören kann. Und dass die Newcomerin bereits so einige Fans unter US-Indie-Musikern hat, beweist das im Januar veröffentlichte „The Baby Reimagined„, auf dem Künstler wie Bartees Strange, Christian Lee Hudson oder Charlie Hickey die Songs des Albums auf ihre Weise neu interpretieren.)

Rock and Roll.

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