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Monday Listen: Flo Perlin – „Characters“


Flo Perlin hat den halben Globus bereist und dabei nahezu unweigerlich massig Eindrücke gesammelt, die nun ihr zweites Album „Characters“ ausmachen – stetig auf der Suche nach den besonderen Charakteren um sich herum wie in sich selbst. Sie ist im Nahen Osten, in den US of A, in Europa und Asien unterwegs gewesen, hat die Spuren ihrer jüdisch-irakischen Familie bis nach Myanmar verfolgt, wo sie zudem als buddhistische Nonne ordiniert wurde. Doch trotz all des immerwährenden Fernwehs ist der Nachfolger zum 2017 erschienenen „Cocooned“ ebenso das Ergebnis von Stillstand und innerer Einkehr – eine Bestandsaufnahme, nachdem 2015 bei ihr eine Autoimmunkrankheit diagnostiziert wurde und sie eine Zeit lang in Krankenhäusern ein- und ausging. Wie auch der Erstling ist „Characters“ ein Kokon meditativer Introspektion, der die Zuhörer in diese acht Stücke und in Perlins fast schon honigsüßen Gesang einhüllt.

Im Eröffnungsstück „Slowly Unfold“ schildert die Singer/Songwriterin ihre persönliche Reise hinein in die Selbstreflexion. Sie erzählt von einer Frau, die versucht, sich selbst durch ihre Kreativität zu verstehen, wenn sie singt: „She had her father’s hand / She wrote so she could understand“. Zudem beschreibt die Entfaltung, die erst dann möglich scheint, wenn das Unbewusste die Flucht ergreift. Perlins ebenso subtile wie melodiöse Stimme, welche manch eine(n) durchaus an die großartige Ane Brun denken lassen wird, ist eine durch sonnenbeschienenes Laub rauschende Brise, ist Ton und Klang gewordener Wasserfluss – sie zieht an, taucht ein und übertönt alles um sie herum. Das spärliche Arrangement ihrer sanft angeschlagenen Gitarre wird von einem dezent eingewobenem Bett aus Streichern unterstützt, aus dem sich immer wieder eine Geige Bahn bricht.

Aller feinsinnigen Instrumentierung zum Trotz – nichts an diesen Songs scheint zu viel, scheint überflüssig. Der Gesang der in London beheimateten Singer/Songwriterin, die seit ihrem fünften Lebensjahr auch Cello spielt, atmet frei durch das jazzige Folk-Arrangement von „Hold Up Your Head Child“, welches zudem mit subtiler Basslinie und den Bossa-Nova-beeinflussten Gitarrenrhythmen zu überzeugen weiß. Der Song entstand nach einem erneuten Aufflackern der Autoimmunkrankheit, die Perlin glauben ließ, dass sie wohlmöglich für immer mit chronischen Schmerzen zu kämpfen haben würde. Als sie sich davon erholt hatte, schrieb sie dieses Stück – um sich daran zu erinnern, nie gänzlich die Hoffnung zu verlieren: “Hold up your head, child / This will pass”.

„Baghdad“ wiederum zieht den Hörer mit seinem wehmütig-nostalgischen Intro aus Streichern und Gitarre schnell in seinen Bann. “She took a spade / She’s digging away / Through the sand with the hope / That she’ll find a new land”, singt Perlin über ihre Großmutter. Der wunderbar melancholische Song scheint durch und durch in Sehnsucht getränkt – Sehnsucht nach einem Zuhause, nach Wurzeln, nach einem vergangenen, gelebten und – zumindest zum Teil – erdachten Leben. Die Zeilen des Liedes geraten gleichsam bezaubernd und herzzerreißend, während Perlin tiefer in ihre Familiengeschichte eintaucht und einmal mehr ihre Großmutter beschreibt: “She couldn’t bear / The taste of mum’s tea / It runs through the roots of her / Family tree”.

„Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen“, meinte einst der französische Staatsmann Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord. Dieses Zitat könnte wohlmöglich auch Perlin im Hinterkopf gehabt haben, die im darauffolgenden „Words“ singt: „Scream with your eyes / But your words can’t get through“, wobei sie auf ihre Weise die naturgemäße, höchst subjektive Unvollkommenheit von Worten hervorhebt und darauf hinweist, wie oft ebenjene zu kurz greifen. Nicht eben unsympathisch, dass sie sich selbst den ein oder anderen Fehler eingesteht, von dem wohl die meisten von uns ab und an heimgesucht werden: “Sometimes I listen / But sometimes I don’t”, gibt sie zu, oder: “Sometimes I talk / Though I don’t understand”.

„Blue Is The Colour“ ist ein Stück über den Wunsch nach Nähe und über die Beziehungen, die uns alle in irgendeiner Form prägen – sei es zu anderen Menschen, zur Natur oder schlicht zu uns selbst. Perlin meditiert darüber, wie man geben kann, ohne dass einem zu viel genommen wird, und verwendet das sprachliche Bild wachsender Wurzeln, um zudem sowohl auf die Identität als auch auf unsere Abkopplung von der Natur hinzuweisen: “I gave my roots to the people / But they took them from me”, wie sie singt. Streicher unterstützen gen Ende ihr sanftes Summen und treiben den Song plötzlich mit einer melodischen Hook vorwärts, die den Hörer eine nahende instrumentale Explosion vermuten lässt. Stattdessen klingt der Song sanft aus und macht Lust auf mehr.

Das abschließende „Move Through The Waves“ unterscheidet sich deutlich von allem anderen auf dem gut halbstündigen Album. Es ist das einzige Stück, in dem Perlin Klavier spielt – jenes Instrument, auf dem sie einst mit dem Schreiben von Musik begann. Zwar kommt auch dieser Song nicht aus der nachdenklichen Kaminecke hervor, macht es sich dort jedoch zu einem entspannten, jazzigen Beat, der an Lianne La Havas erinnert, gemütlich. „Simplify the outside“, wiederholt Perlin wie ein Mantra. Und: Mit „Move Through The Waves“ versucht die Musikerin, die verschiedenen Charaktere in sich selbst noch einmal unter einen Hut zu bringen, indem sie nach innen schaut, um alles Äußere zu vereinfachen. Es scheint beinahe, als sei der Song auch ein Versuch der Versöhnung der verschiedenen musikalischen Stimmen tief in Flo Perlin – er stellt ihre Vielseitigkeit als Songwriterin unter Beweis, ohne ihren Kern aus den Augen zu verlieren. „Let the silence give you space“, singt Perlin immer wieder. Wenn die Musik schließlich ihr Ende findet, scheint die Stille mit einem Mal ein klein wenig erträglicher – und vielleicht ist das das Geschenk, das Flo Perlin ihren Zuhörern macht: Gelassenheit in der Einsamkeit, Leichtigkeit im Unbehagen zu finden.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Orla Gartland – Woman On The Internet (2021)

-erschienen bei New Friends Music/Membran-

Früh übt sich, auch wenn manches Ding gut Weile haben will: Bereits im frühen Teenageralter veröffentlichte Orla Gartland erste Eigenkompositionen auf YouTube, weil sie für Open-Mic-Auftritte noch zu jung war. Später zog die gebürtige Irin nach London, wurde schnell Teil einer Community um das kaum weniger mit Talent gesegnete YouTube-meets-Indie-Pop-Sternchen dodie, zu deren Tour-Band sie schon bald Gitarre spielend gehörte. Zwischendurch schrieb Gartland weiterhin eigene Songs und veröffentlichte diverse EPs, die bis heute über 55 Millionen Streams anhäufen konnten. Warum also nicht mal ein vollwertiges LP-Projekt in Angriff nehmen? Gedacht, getan! Für das Debütalbum „Woman On The Internet“ setzte sich die 26-jährige Newcomerin intensiv mit sämtlichen Aspekten des Songwriting- und Aufnahmeprozesses auseinander. Um es bereits vorweg zu nehmen: Diese Hingabe hat sich gelohnt.

Foto: Promo / Karina Barberis

Aber wer ist denn nun diese „Frau im Internet“? Gartland selbst schreckt zwar nicht vor TikToks & Insta-Stories zurück, meint damit aber wohl vor allem die graue Masse an perfekt zur Schau gestellten Körpern, perfekten Leben, perfekten Stimmungen bei all den Influencer*innen. “I heard it from a woman on the internet / She told me to eat well and try to love myself” heißt es so noch in “More Like You”, worauf das lyrische Ich nur kleinlaut darum bittet, mehr so zu sein wie die anderen – digitale Grabenkämpfe, die wohl die meisten Heranwachsenden aus den sozialen Netzwerken kennen mögen. Aber: Gartland gesteht sich zwar Schwächen und Zweifel ein, setzt der ganzen Shitshow in “Pretending” jedoch ein Ende – auch hier tritt die Frau aus dem Internet wieder als heuchlerisches Gegenüber auf. Und manchmal strahlen sogar Selbstzweifel etwas Wohliges aus, wie etwa der selbstironisch-smarte Pseudo-Individualismus-Diss „You’re Not Special, Babe“ zu kurzweiligem Indie Pop thematisiert. Der vorwitzige Song, welcher graduell in Upbeat-Gefilde abdriftet, macht eine andere Art von Mut, stärkt das Selbstbewusstsein und zeigt, dass es sich durchaus bestens mit den eigenen Unsicherheiten leben lässt.

Was dieses Debüt so sympathisch macht, ist vor allem dessen Vielschichtigkeit. Die Patriarchat-Klatsche „Zombie!“ packt die Gitarre aus und lässt es nach einer falschen Fährte ordentlich krachen. Zwischendurch scheint Gartland sogar ihren angepunkten Vorbildern der Jugend nachzueifern. So laut wird es allerdings nur selten, oft rockt die Irin nur nebenbei mit. In „Pretending“ unterstreichen die Saiten die eigenwillige, nachdenkliche Stimmung, während „Do You Mind?“ vom Ende einer Liebe berichtet und direkt balladeske Klänge mit durchaus wuchtigem Beat und Piano anschlägt. Auch schön: „Codependency“, das zwischenzeitlich schön krachig daherkommen darf und so in ähnlicher Form auch bei der einen oder anderen Kapelle zwischen Pop Punk und Midwest Emo gut aufgehoben wäre. Das finale „Bloodline / Difficult Things“ ist tanzbar, rockend, verspielt poppig, fragil und post-modern zugleich – eine Sammlung unzähliger Ideen, lose zusammengehalten und auf assoziative Weise spannend.

Natürlich gibt es nicht den einen, archetypischen Orla Gartland-Sound, sondern viele verschiedene Einflüsse, die sympathisch zusammenfinden und das Bild einer Künstlerin mit Freude an der Musik und Suche nach dem Selbst zeichnen. Klar könnte es sich der geneigte Plattenkritik-Schreiberling jetzt einfach machen und attestieren, dass Gartland vornehmlich im Kielwasser von Phoebe Bridgers, Snail Mail oder Lucy Dacus schwimmt. Wer jedoch genauer hinhört, der erkennt außerdem, dass die umtriebige Indie-Musikerin oft genug auch den Furor von Fiona Apple und die Klugheit von Regina Spektor in Modern Pop überführt, wobei bestimmte Stücke eben poltern und krachen dürfen, andere wiederum ihre folkige Grundstruktur behalten. Interessant geraten auch die Rhythmen, welche von allerhand Körperbeats getragen werden (und damit ähnlich wie bei der Französin Camille tönen), was die Songs auf „Woman On The Internet“ organisch und lebendig hält und zur Grundhaltung dieser Platte passt: sich selbst nicht über alle Maßen ernst nehmen.

Alles in allem spiegeln sich in Orla Gartlands Debütalbum so einige Facetten – es ist vorwitzig und euphorisch, zerbrechlich und nachdenklich, bewegend und suchend. Vor allem bestätigt die britische Newcomerin damit die über die Jahre redlich erworbenen – und absolut gerechtfertigten – Vorschusslorbeeren ihrer diversen Kleinformate und erweitert ihre musikalische Spielwiese auf recht kurzweilige Weise. Und das, liebe Freunde der gepflegten musikalischen Unterhaltung, kann eigentlich nur der Anfang gewesen sein…

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Shitney Beers – Welcome To Miami (2021)

-erschienen bei Zeitstrafe/Indigo-

Manchmal sollte man sich nicht zu sehr von einem Albumtitel täuschen lassen… Schaut man sich die Promotion-Fotos zu Welcome To Miami“ an, so sieht nicht nur die Künstlerin selbst, sondern auch die Umgebung keineswegs nach dem „Sunshine State“ im Südosten der US of A aus. Wer mit Adleraugen hinschaut, der wird zudem bemerken, dass die Autos, die links und rechts straßenseits stehen, Mannheimer Kennzeichen besitzen. Und in der Kurpfalz ist Maxi Haug, die als Shitney Beers seit 2018 ihre Songs veröffentlicht, tatsächlich zu Hause. Dort hat die Halbkanadierin – wie so einige vor ihr – ein Studium an der Popakademie geschmissen und lieber in Eigenregie vier EPs veröffentlicht – frei nach dem Motto: Fuck off Pop Bizz, let’s go indie! Die daraus bekannten Songs gaben einen ersten Vorgeschmack auf das Talent des Twentysomethings, sind nun jedoch nur zum Teil auf ihrem unlängst erschienenem Debütalbum enthalten, was vor allem im Falle des feinen „I Don’t Like Horses“ durchaus schade ist. Dennoch werden alle Freunde der EPs sofort „ihren“ Sound wiedererkennen, der meist nur aus Gitarre, Gesang und winzigen Klangtupfern weiterer Instrumente besteht. Und wem Shitney Beers bisher noch nicht über dem musikalischen Weg gelaufen ist, darf nun eine Künstlerin für sich entdecken, die auf sehr intelligente Weise mit dem Erwachsenwerden als Frau im 21. Jahrhundert kämpft.

Fotos: Promo / Sebastian Igel

Insofern ist „Welcome To Miami“ doch ein recht passender Titel für diese Platte. Er gemahnt an das schnöd-schöne Versprechen von Glamour, Sorglosigkeit, Gesundheit und Wohlstand, das uns allenthalben vorgegaukelt wird, schlussendlich jedoch für fast niemanden Realität wird – und wegen des damit verbundenen Schönheitsideals für Frauen noch ein gutes Stück schwerer zu erreichen ist. Der Kontrast zu Mannheim, er könnte größer kaum sein. So besingt Shitney Beers etwa in „Lucky“ ein Pärchen als die einzigen beiden glücklichen Personen in einer „dog-shit city“, eine Slide-Gitarre und eine zweite Stimme verstärken das Gefühl vom Schweben und der Gewissheit, sich fallen lassen zu können. Es bleibt unklar, welche Stadt gemeint sein mag, und doch ist offenkundig: Die Diskrepanz zwischen Schein und Sein ist riesig, und den Schlüssel zum Glück inmitten einer kaputten oder feindlichen Welt kann man am Ende einzig in sich selbst entdecken. (Da fragt man sich übrigens auch, ob der Gedankensprung zum gleichnamigen Song einer Britney Spears – sic!- hier in rein zufälliger ist…)

Auch ein weiteres Prinzip lässt sich auf „Welcome To Miami“ schnell erkennen: Der Herausforderung, eine Identität zu entwickeln, wird hier ebenso sehr über Abgrenzung begegnet wie über Zugehörigkeit. Zuerst erkennt man, was man hasst, vermeiden möchte oder beunruhigend findet. Das ist dann schon einmal eine gute Voraussetzung, um im nächsten Schritt vielleicht herauszufinden, was man gerne möchte, wo man hin will und wer auf dem Weg dorthin mitkommen sollte. Man höre etwa das heimliche Platten-Herzstück „Keys“, das von der weiblichen Angst vor nächtlichen Übergriffen erzählt („You rarely see us walking at night / Without our keys held tight“), was mit einer schockierend spürbaren Angespanntheit umgesetzt wird. Oder „Lourdes“, ein Bericht über eine stürmische Affäre, die mit Stalking und der Falle von „I’m even afraid to leave my house“ endet, wobei die augenscheinlich fragile, folkige Komposition diesen beklemmenden Stimmungsumschwung sehr gekonnt spiegelt. „Next time I’ll make it right“, heißt die erste Zeile im Opener „Time“, der von einer Beziehung erzählt, für die vielleicht einfach nicht der richtige Zeitpunkt erreicht war. „Inevitable“ stellt die Frage, ob da jemand nur guter Freund oder mehr ist. Klar, die Musikerin kennt – der Songtitel deutet es galant an – die Antwort längst selbst, will sie sich aber noch nicht eingestehen und lässt Instrumente und Takt zwischendurch kurz dahinzuschmelzen.

SoKo, Chan „Cat Power“ Marshall, Marika Hackman oder Suzanne Vega darf man gern als passende Bezugspunkte ins Vergleichsfeld führen, noch lieber gar die drei in den Mainstream aufstrebenden boygenius-Damen Julien Baker, Phoebe Bridgers und Lucy Darcus, mit ihren oft leise tretenden und dennoch kraftvoll am Herzzipfel zupackenden Songs. Im wunderbar reduzierten „Modern Love“ (mit den tollen Leben-trifft-Popkultur-Zeilen „Your life is not a movie / And it’s not a Bloc Party song“ ) mag man auch an Stella Donnelly denken. Der Song zeigt zudem, wie Shitney Beers es mit Talent und Geschick hinbekommt, in diese zehn meist sehr reduzierten Stücke die nötige Spannung und Abwechslung hinein zu werkeln. Hektisches Picking sorgt hier für ein gerüttelt Maß an Unruhe, am Ende tönt gar ein Mini-Chor. „La Mort Hereuse“, benannt nach dem Debütroman von Albert Camus, bleibt eher abstrakt und schwer zu fassen, „Nourie Hadig“, wiederum tituliert nach einen Märchen aus Armenien, das einige vage Ähnlichkeiten mit dem Plot von Schneewittchen aufweist, gerät hingegen heiter und dezent verspielt. „Parents“ erzählt zu Ukulelenbegleitung von dem nervenaufreibenden Moment, wenn man zum ersten Mal die Eltern des Partners treffen soll. Dabei klingt das Stück so lo-fi und verschüchtert, als würde die Künstlerin direkt aus dem Kleiderschrank spielen, in dem sie nach dem passenden Outfit für diesen Anlass sucht. Zudem nimmt der Song mit seiner Prise Selbstironie vielen der Themen, die während der knappen halben Stunde angeschnitten werden, ein wenig von jener bleiernen Schwere, die ohne die so erschaffene Distanz wohl einzig zurück bliebe. „Marcel“ schließt den Beers’schen Erstling zwar ab, ist dabei jedoch meilenweit von einem versöhnlichen Schlussstrich entfernt.

Auch wenn der Platte am Ende vielleicht ein Song fehlen mag, der aus dieser sehr charakteristischen Ästhetik noch ein wenig herausragt (aka. der offensichtliche Indie-Hit), liefert Maxi „Shitney Beers“ Haug mit „Welcome To Miami“ ein durchaus starkes, beachtenswertes Debütalbum ab, das von (s)einer einnehmenden Stimme, schönen Melodien, ausreichend Riot Grrrl’scher Punk-Kredibilität und schlauen Arrangements lebt. Keine auf Hochglanz geschliffene Platte, sondern eine herrliche Zusammenstellung absichtlich roh gehaltener Perlen. Vor allem aber hat Shitney Beers wirklich etwas zu erzählen – da können selbst der klamaukige Bühnenname und das bunte Cover nicht drüber hinweg täuschen. Miami ist eben auch nicht mehr das, was es mal war…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Holly Humberstone – „Haunted House“


Holly Humberstone ist gerade mal 21 Jahre alt und wird – ihrer noch jungen Karriere zum Trotz – im heimischen UK bereits mit Musikgrößen wie Taylor Swift, Phoebe Bridgers und HAIM verglichen. Nach der Veröffentlichung ihrer Debüt-EP „Falling Asleep At The Wheel“ begleitete die Newcomerin Anfang des vergangenen Jahres Lewis Capaldi als Support auf dessen Europa-Tournee (also gerade noch rechtzeitig, bevor die Pandemie jeglichen Konzertbetrieb stilllegte). So stand sie etwa im Münchner Zenith in Blue Jeans und Oversize-Hoodie mit nichts Weiterem als einer E-Gitarre um den Hals vor knapp 6.000 Menschen auf der Bühne und spielte eine halbe Stunde lang ihre Lieder. Capaldi, die schottische Babyface-Sensation, bot der jungen Engländerin damit die perfekte Karriere-Sprungschanze.

Nun veröffentlichte Humberstone im April ihre neue Single „Haunted House“ mitsamt Musikvideo. Klar, nachdem sie dieses Jahr auf nahezu jeglichen „Artists to Watch 2021“-Listen landete (und selbst vom ehrwürdigen „Guardian“ als “most hyped new artist” bezeichnet wurde), waren die Erwartungen nicht eben gering. Doch mit ihrer sanfter Stimme sowie ihrer durchaus talentierten Art zu texten, die vielerwebs aus gutem Grund als „Tattoo Lyric Songwriting“ beschrieben wird, schaffte sie es auch mit dem neuen Song, von sich zu überzeugen.

„Haunted House“ handelt von Hollys Elternhaus und dem Abschied davon. Beinahe liest es sich wie eines dieser Gruselfilm-Klischees, denn jenes Elternhaus ist der Inbegriff eines gruseligen, seltsamen Hauses, diente es doch früher als Dienstbotenhaus für ein nahegelegenes Schloss – und wurde nun derart baufällig, dass die Familie es verlassen musste. Jedoch verabschiedet sich die Senkrechtstarterin in ihrer neuen Single nicht nur von den so lieb gewonnenen vier Wänden, sondern gleichzeitig von einem Teil ihrer Kindheit. Das Musikvideo fängt den morbiden Charme des Hauses ein und unterstreicht die schaurig-schöne Deep-Pop-Ballade. Sie selbst sagt:

„Obwohl Veränderungen notwendig sind, hat es sich oft so angefühlt, als würde mir meine Kindheit entgleiten. Mein Elternhaus ist ein seltsames altes Haus auf dem Lande, das um uns herum in sich zusammenfällt. ‚Haunted House‘ habe ich geschrieben, kurz nachdem uns gesagt wurde, dass wir es verlassen müssen. Der Song fühlte sich wie eine Art Abschied und eine Hommage an all die Erinnerungen, die ich dort über die Jahre gesammelt habe, an.“

Doch bekanntlich ist es ja so: wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine neue. „Haunted House“ kann also durchaus als Beginn einer blühenden Karriere verstanden werden…

„They say this house is haunted
But all these ghosts I’ve grown with
As it slips away from me
I still hold on hopelessly
I lay my head to sleep and say goodnight

Bringing up four daughters
Made a house a fortress
Dirty knees and honey bees
Nowhere else would sting as sweet
Can’t believe we’re turning off the light

And one day I’ll drive past you
If I recognize you
I’ll try not to stay too long
See the soil I grew upon
In a couple years I’ll be alright

So darling, pull the curtains
And in the morning
Let me lie here with you
Don’t say that I’m leaving
In the morning
Let me lie here with you“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Harmony Woods – „Best Laid Plans“


Bevor Sofia Verbilla begann, als Harmony Woods Musik zu machen, schleppte sie Freunde zu Konzerten in ihrer Heimatstadt Philadelphia, brachte Gleichaltrige mit der lokalen DIY-Szene in Berührung oder sehnte sich aus vollstem Teenagerherzen danach, ihre lokalen Indie-Rock-Helden zu treffen. Inspiriert von denselben Bands, zu deren Musik sie gern selbst durch den Moshpit sprang, schrieb Verbilla schließlich im Alter von 16 Jahren ihre ersten eigenen Songs. Und spielte bereits kurze Zeit später, mit 18, Solosets in derselben Location, das auch die Mitglieder von Modern Baseball einst ihr Homebase bezeichneten. Angesichts der umtriebigen DIY-Szene Phillys ist es so kaum verwunderlich, dass einige der Bandmitglieder ihr sogar bei den Aufnahmen zu Harmony Woods‘ 2017er Debütalbum „Nothing Special“ halfen. Jenes fand durchaus schnell Anklang, denn entgegen des tief stapelnden Albumtitels hatte Verbilla nämlich sicherlich etwas Besonderes an sich – mit ihrer kristallklaren Stimme und ihren aufrüttelnden Mitten-aus-dem-Teenagerleben-Texten schien sie bestens darauf vorbereitet, eine feste Größe in der Emo-meets-Indie-Rock-Szene von Philadelphia zu werden…

Der Titel von Harmony Woods‘ 2019 erschienener Nachfolger-LP „Make Yourself At Home“ ist bei genauerer Betrachtung weitaus weniger einladend, als es zunächst scheint: “So make yourself at home / Although you weren’t invited”, singt Verbilla in der Leadsingle „Best Laid Plans“. Es ist die Art von passiv-aggressivem Kommentar, den man jemandem entgegnen könnte, der nach einer gut gemeinten Einladung ein paar Nächte zu viel auf der eigenen Couch verbracht hat, aber auch die recht treffende Zusammenfassung eines Albums, welches sich zu einem guten Teil mit Selbstsabotage beschäftigt. Verbilla singt darüber, dass sie zu viel emotionale Aufmerksamkeit an Menschen verschwendet, die es nicht unbedingt verdienen, oder – in ihren eigenen, Meme-gerechten Worten – deren toxisches Verhalten romantisiert. Schritt für Schritt lernt auch sie, ihr eigenes Wohlbefinden in den Vordergrund zu stellen, und „Make Yourself At Home“ zeigt manches Mal die hässliche Seite dieses Lernprozesses auf.

Verbilla ist eine berührende Lyrikerin; ihre Worte sind unverblümt, unglamourös und oft anschauliche, tagebuchgleiche Erinnerungen an erlebte Traumata. “I can’t feel safe around you / Not when you’re like this“, klagt sie etwa in „Misled“, als würde sie den Schmerz direkt aus ihrer Kindheit kanalisieren: “When I was young / My mother’s lover acted the same exact way”. Das Album beschreibt auch den quälenden Prozess der Aufarbeitung einer missbräuchlichen Beziehung, mit Anspielungen auf häusliche Gewalt und Gaslighting. “You slam the car door shut accidentally / Profusely apologize / You say, ‘That’s not like me’”, singt sie in „The City’s Our Song„, mit genug Weitsicht, um zu erkennen, dass dies tatsächlich charakteristisch für ihr Thema war. „Now all I want is the truth / But you’re frightening me instead / You say, ‚I think you’ve been misled'“, wie es in „Misled“ heißt. Verbilla setzt regelmäßig die Dialoge ihrer emotionalen Antagonisten ein, und wohl auch deshalb fühlt sich „Make Yourself At Home“ genauso sehr nach einem Album aus deren Blickwinkel an wie aus ihrem.

Außerdem erweist sich die damals 20-Jährige auch als Fan des „Recyclings“ eigener Songtextzeilen: „Seasons change, people stay the same“, sinniert sie sowohl in „Best Laid Plans“ als auch im Abschlussstück „Halt“. „One day we will die / And only ghosts will be our friends„, singt sie in „The City’s Our Song“, nur um diesen melancholisch getränkten Gedanken im anschließenden „Ghosts“ wieder aufzugreifen. Auf den ersten Blick mag das vielleicht etwas einfallslos wirken, aber bei wiederholtem Hören wird klar, dass genau das Gegenteil der Fall sein dürfte und dies einfach Verbillas Mantren über Menschlichkeit und Sterblichkeit sind. Je mehr Schmerz sie offenbart („Another trauma I’ll have to unpack“, emo-klagt sie in „Burden“), desto mehr Gewicht haben ihre wiederkehrenden Worte. Wer hier an Singer/Songwriterinnen wie Julien Baker, Phoebe Bridgers oder Lucy Dacus denkt, der liegt wohl gar nicht mal so falsch.

Perfekt ist ihr zweites Album dabei keineswegs. Während Verbilla im Poetischen ihre Stärken beweist, muss sie als Musikerin hier erst noch in Schwung kommen. „Best Laid Plans“ und „The City’s Our Song“ mögen mit dynamischen Refrains überzeugen, auf Albumlänge sind ihnen nur wenige Momente ebenbürtig. Kompositorisch ist „Make Yourself At Home“, welches von Chris Teti (The World Is A Beautiful Place and I Am No Longer Afraid To Die) produziert wurde, im Gros eher einfach gehalten: Es gibt mehr Powerchords als vertrackte Riffs, und die meisten Hooks sind ein wenig zu simpel, um länger hängen zu bleiben. Doch so leicht es sein mag, Harmony Woods die fehlende Komplexität im Musikalischen anzukreiden, so einfach ist es, Sofia Verbilla zu verzeihen, wenn man tiefer im Herzblut ihrer Erzählungen gräbt und abschließende, so, so wahre Zeilen wie “Somebody else won’t make me feel at ease / I had to love myself before you could love me” hört. (Übrigens dürfte sich die Indie-Musikerin diesen Kritikpunkt tatsächlich auch selbst zu Herzen genommen haben, schließlich klingt das in diesem März erschienene dritte, von Bartees Strange produzierte neue Album „Graceful Rage“ deutlich indierockig-komplexer und mehr nach Full Band denn nach einsamem Kämmerlein…)

„Fancy seeing you here
All by yourself
Sitting in the low light
The fractals in your eyes dancing around

Say, are you lonely?
You look like you could use some company
But I’m not one to make the first move
Then again neither are you

So make yourself at home although you weren’t invited
Seasons change, feelings stay the same
Incapable of thoughtful, conscious choices
Seasons change, people stay the same
But I think that’s for another day

So I ask how you’ve been
You snicker and say
‚It can always be worse
But shit’s been pretty rough these days‘

By now, I’ve detected
You’re slurring your speech
You’re grabbing your keys
You’re starting to leave
I impulsively say, ‚You should come with me‘

So make yourself at home although you weren’t invited
Seasons change, feelings stay the same
Incapable of thoughtful, conscious choices
Seasons change, people stay the same
But I think that’s for another day

‚The best laid plans of mice and men often go awry‘
Despite all this, I still want you here by my side“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Skullcrusher – „Storm In Summer“


Foto: Silken Weinberg

Schon seit einiger Zeit geistert Helena Ballentine aka. Skullcrusher aus L.A. als potentielles „Next Big Thing“ durch die Indie-Songwriter-Szene und fand sich so mit ihrem Künstlernamen, der im ersten Moment eher auf eine nordisch-sinistre Speed-Metal-Kapelle schließen ließe, auf nicht wenigen „Ones To Watch 2021“-Listen wieder. Ist das keineswegs ohne guten Grund. Zunächst veröffentlichte die Indie-Newcomerin im vergangenen Jahr ihre selbstbetitelte EP, mit der sie vorerst mal ihr Terrain absteckte und sich als Novizenvertreterin der „Phoebe Bridgers School of Whisper-Folk“ präsentierte.

Mit der Suche nach einem eigenen Stil ist Ballentine, die in einer Kleinstadt vor den Toren von New York City aufwuchs, mittlerweile zwar ein ganzes Stück weiter gekommen, aber – natürlich – noch längst nicht am musikalischen Wunschziel angelangt. So lässt die junge Musikerin nun, anstelle der erwarteten Debüt-LP, mit „Storm In Summer“ zunächst „nur“ eine weitere EP hören, auf der sie verschiedene Sachen ausprobiert, um ihren Anspruch als eigenständige Songwriterin auszuweiten. Dazu gehören die bewusstere Hinwendung zu konventionellen Songstrukturen mit Strophen und Refrains sowie eine deutliche Ausweitung des Skullcrusher’schen Klangbildes mit Band-Arrangements und einigen interessanten Ambient-meets-Electronica-Arrangement-Experimenten, etwa mithilfe von Banjo und Synthesizer. Und: Nicht zuletzt gibt es erstmals mutige melodische Entscheidungen, die zu durchaus memorablen Songs – wie etwa dem Titelstück – führen. Diese musikalische Öffnung macht deutlich, dass Skullcrusher deutlich mehr zu bieten hat als im heimischen Schlafzimmer zusammengedichtete, musikalische Tagebucheinträge à la Phoebe Bridgers. Ein kluges Stück Selbstdarstellung realisiert Helena „Skullcrusher“ Ballentine obendrein mit dem Single-Track „Song For Nick Drake“, bei dem es sich keineswegs (nur) um eine musikalische Hommage an den legendären britisch-melancholischen Singer/Songwriter-Vorreiter handelt, sondern um einen vergleichsweise munteren Folk-Pop-Song, in dem Ballentine darüber resümiert, dass man einen Songwriter nicht alleine auf die mögliche Bedeutung seiner Texte reduzieren sollte. Da hör‘ her!

„I wrote ‚Storm In Summer‘ after releasing the first Skullcrusher EP. Over that summer I thought a lot about what it means to really put myself out there and share something personal. I felt so vulnerable and overwhelmed by the fact that these songs I had written in private were exposed and likely being misinterpreted or disliked. I think the song really tries to communicate these anxieties in a cathartic way while also leaning more into the beauty of relinquishing part of myself.“

Rock and Roll.

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