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Song des Tages: J.E. Sunde – „Sunset Strip“


Alle paar Jahre wirkt es, als tauche ein – zumindest für die größere Masse – neues Gesicht auf dem musikalischen Radar auf, das irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein scheint – und das mal eben die Musiklandschaft ein bisschen umpflügt. Oder von dem man genau das zumindest annehmen würde. Immer wieder spannend zu sehen, wie sich ein gewisser Name an einer Stelle plötzlich als Samenkorn einnistet, das nach und nach an allen möglichen Stellen Früchte trägt. Tobias Jesso Jr. wäre so einer, der da schnell aufploppen könnte im Töne sammelnden Erinnerungszentrum des Gehirns: Dessen Debütalbum „Goon“ sorgte anno 2015 bei der Kritik für nahezu einhellig-aufgeregtes Freudengezwitscher und landete schließlich auch bei ANEWFRIENDs Jahresendabrechnung völlig verdient in den Top 10. Das lag einerseits sicher an seinem nicht von der Hand zu weisenden Talent, doch noch mehr irgendwie daran, dass der damals 29-Jährige Musik machte, die klang, als sei er gerade ein paar Tage vorher vierzig Jahre durch die Zeit gereist. Jesso Jr. wurde der Rummel um seine Person jedoch schnell zu viel – aus dem einstigen „Next Big Thing“ wurde aber immerhin ein verlässlicher Songwriter und Produzent für Kollegen wie Haim, Florence and the Machine oder auch Emma Louise.

Und nun? Nun steht mit J.E. Sunde der nächste potentielle Zeitreisende in den Startlöchern. Der Unterschied? Während bei Tobias Jesso Jr. stets das kleine Holzhämmerchen mitzuschwingen schien, das darauf hinwies, dass es sich hier doch bitteschön um einen ernstzunehmenden Musiker™ handelt, ist die ganze Angelegenheit bei Sunde durchaus humoriger. Lustig wirkt er, der Mann aus Minneapolis. Zwar mag der Brillenträger mit seinem Äußeren zunächst nach akademischem Spießer aussehen und daher in etwa so viel Rock’n’Roll-Glamour ausstrahlen wie Omas olle Klohäkelrollen, dennoch scheint er sympathisch. Lachen sollte man über das Gründungsmitglied des Folk-Trios The Daredevil Christopher Wright trotzdem nicht. Ihm jedoch mit einem verschmitzt-wohligen Lächeln zu begegnen, dürfte angesichts seines neuen, dritten Albums „9 Songs About Love“ wohl gar nicht mal so schwer sein. Gemeinsam mit seinem Kumpel und Produzenten Brian Joseph, der in der Vergangenheit bereits mit solchen Größen wie Bon Iver, Sufjan Stevens oder Paul Simon zusammengearbeitet hat, nahm er die Platte in den Eau-Claire-Studios auf und dürfte nun sogar bei all jenen das Herz erweichen, die sich längst von der doofen alten Liebe abgewandt haben wollten…

“I wrestled with this real sense that I’m not worthy, that I had done something to screw up my chance to find a partner or happiness. It could be embarrassing and confusing.

I’ve started to realize more and more that, if I’m feeling this way, lots of people are I’m not so unique that these thoughts are new to me. And that’s the service of art: When you hear that lyric that hits a bell inside you, you say, ‘Oh, that’s me.’ Everybody is strange and confused and waiting by the phone, waiting to be invited by the party. I hope these songs pick up the phone and extend the invitation to help.” (J.E. Sunde)

Ein bisschen folkig, ein bisschen poppig, sehr Westcoast-Sound- und Sixties-lastig, stets warm und bei sich selbst: „9 Songs About Love“ ist, obwohl es ja ursprünglich aus einer waschechten Schaffens- und Existenzkrise entstand, die den Musiker kurz nach Überschreiten der ominösen Dreißig befiel, ein Album voller kleiner Umarmungen, Muntermacher und Trösterchen. Schon der wunderbar samtige Opener „Sunset Strip„, der bereits in den ersten Sekunden auf einen harmonischen „Uuuuh“-Chor setzt, weiß zu überzeugen: Hier schwingt weder ein anderer Holzhammer, noch winkt einer mit dem Zaunpfahl, stattdessen gibt es eine Song gewordene warme Einladung zum entspannten Zusammensein. Ungleich ausgelassener wird es in „Love Gone To Seed„, dessen Titel sicher die schnell einsetzende Verzückung hinsichtlich dieses Künstlers beschreibt, während „I Don’t Care To Dance“ derart nach Paul Simon klingt, dass Art Garfunkel wahrscheinlich gerade irgendwo auf der Welt mit Schaum vorm Mund ins nächste Krankenhaus tigert, um sich vorsorglich gegen Tollwut impfen zu lassen.

All das ist aber nichts gegen das wirklich hervorzuhebende beeindruckende letzte Drittel dieses Albums, denn: Die Dreierspitze zum Schluss hat es in sich. Gar nicht so sehr unbedingt, weil diese jetzt auf besonders viele Überraschungsmomente setzen würde (das tut sie nicht) oder weil es plötzlich einen Stimmungsumbruch gäbe (den braucht es nicht). Sondern etwa, weil „Your Love Leaves A Mark On Me“ mit seiner absolut glaubhaften Naturverbundenheit und dem sanften Bläsereinsatz zeigt, dass J.E. Sunde gar keine Special Effects braucht, um vollkommen zu überzeugen. Oder auch, weil die Lagerfeuer-Kuschel-Nummer „I Love You, You’re My Friend“ schon im Titel genau das ausspricht, was man nach dieser reichlichen halben Stunde voll heiterer Gelassenheit, nachdenklicher Noten und verspielter Leichtigkeit zu dem Künstler sagen möchte. Vor allem aber auch, weil „Risk“ wohl locker zu den besten Songs gehört, die das Genre in diesem Jahr hervorgebracht hat. Glaubt ihr nicht? Ja denn, liebe Freunde von distinguierten Songschreibern wie Randy Newman, Jonathan Richman, Jackson Browne oder Harry Nilsson: Hören, bitte. It’s worth the risk, versprochen!

Rock and Roll.

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Song des Tages: Gisbert zu Knyphausen – „Straße“


2020 wäre wohlmöglich sein Jahr geworden: Rio Reiser hätte im Januar seinen 70. Geburtstag gefeiert und Ton Steine Scherben ihr 50. Jubiläum. Man hätte ihn – freilich stets social-distancing-konform – hofiert, gewürdigt und sich vom „Junimond“ bis rauf ins nordfriesische Fresenhagen tief vor dem „König von Deutschland“ verneigt. Und dabei wäre sicherlich noch einmal klar geworden, wie stark und nachhaltig gerade er den linken, nimmermüde protestierenden Rock’n’Roll in Deutschland geprägt hat…

Doch Ralph Christian „Rio Reiser“ Möbius starb 1996 imi Alter von 46 Jahren. Und mit ihm ging etwas verloren, das sich in keiner anderen Musikerpersönlichkeit hierzulande – da kann sich Selig-Frontmann Jan Plewka mit seinem ehrführchtig-launigen Rio-Tribut-Programm noch so große Mühe geben – seither so intensiv gezeigt hat: Reiser war Romantiker und Kämpfer, Aufklärer und Utopist, Hippie und Punker, strahlendes Rebellenidol und verhasste linke Pop-Zecke. Streitbar? Ja! Polarisierend? Klar! Charismatisch? Jawollo! Gemeinsam mit seinen Agitrock-Jungs von den „Scherben“ konnte er aus Worten Waffen formen und aus Emotionen Tatsachen. Wohl auch deshalb ist die Strahlkraft des deutschen Pendants zu einem wie John Lennon bis heute ungebrochen. Das zeigt auch die nun erschienene Compilation „Wir müssen hier raus – Eine Hommage an Ton Steine Scherben & Rio Reiser“, auf der unter anderem Die Sterne, Bosse, Jan Delay, Fettes Brot, Fehlfarben, Die Höchste Eisenbahn, Wir sind Helden, Beatsteaks, Slime oder Gisbert zu Knyphausen vertreten sind. Die Beiträge sind nicht alle neu, sondern stammen teilweise aus bekannten Veröffentlichungen. Jan Delays „Für immer und dich“ zum Beispiel ist bereits seit „Mercedes Dance“-Tagen bekannt, und auch die Helden-Version des Scherben-Gassenhauers „Halt dich an deiner Liebe fest“ hat bereits stolze 15 Lenze auf dem musikalischen Buckel.

Wie bei einer Beitragscouleur von Künstler*innen und Bands aus Genres wie Indie, Punk, Singer/Songwriter oder Pop nicht anders zu erwarten, fallen die hier versammelten Interpretation von Scherben- und Rio-Songs denn auch recht unterschiedlich aus. Die Sterne etwa widmen sich „Wenn die Nacht am tiefsten“ und geben ihm trotz aller Bissigkeit eine Portion verquerem Pop-Appeal, welche dem Stück durchaus gut zu Gesicht steht. Positiv heraus stechen auch „Jenseits von Eden“ der Hamburger Newcomer Erregung Öffentlicher Erregung, deren Synth-Rock-Version den Druck und die Freshness des Originals ins Hier und Heute überträgt, sowie die Schrottgrenze-Variante von „Menschenfresser„, schließlich sind auch heute Themen wie Ungerechtigkeit, Krieg, Unterdrückung, Frustration oder Hass aktuell wie anno 1986 (eventuell – leider – sogar aktueller). Gelungen sind auch Neufundlands „Halt dich an deiner Liebe fest“ (ja, der Song ist gleich zwei Mal vertreten, im Jahr 2016 veröffentlichte die Kölner Band diesen bereits inklusive eines Gebärdenvideos), das druckvolle „S.N.A.F.T.“ der Beatsteaks sowie Slimes ungemein energetisch hingerotzter Punk-Brocken „Ich will nicht werden“. Wenig verwunderlich auch, dass Gisbert zu Knyphausen und Band ihre Sache mit dem exklusiv aufgenommenen „Straße“ ebenfalls routiniert auf hohem Niveau erledigen. Natürlich kommt auch er, seit gefühlten Ewigkeiten selbst einer der zweifellos besten deutschen Liedermacher, mit seiner gleichsam rotzigen wie nachdenklichen Imitation keineswegs an den „großen Rio“ heran, aber auch bei ihm hört man die Lust an der Imitation. Und ganz nebenbei dürfte Lina Malys mit Akustikgitarre und Kontrabass eingespielte Darbietung von „Zauberland“ für nicht wenige der heimliche kleine Star dieser Platte sein…

Bei sage und schreibe 19 Beiträgen, die von dem titelgebenden Scherben-Original sowie einem Rio-Piano-Song eingerahmt werden, überzeugt natürlich nicht alles auf ähnlich hohem Niveau. Axel „Aki“ Bosses Version von „Warum geht es mir so dreckig?“ etwa streckt sich zwar redlich gen Rock, mag in Gänze jedoch irgendwie nicht zünden. Auch „Schritt für Schritt ins Paradies“ von Die Höchste Eisenbahn ist im neuen Indiepop-Arrangement recht geschmeidig, verfehlt aber die Absicht des Originals. Doch um Wettbewerb geht es hier ja nicht. Es geht um die Würdigung eines Helden, dessen Musik bis heute zwar etwas Revoluzzer-Patina angesetzt haben mag (kein Wunder, immerhin ist etwa der Album-Meilenstein „Keine Macht für Niemand“ bereits amtliche 48 Jahre jung!), jedoch kein bißchen gealtert ist, dessen Relevanz in Ton wie Wort eher zu- denn abnimmt. Recht passend also, Rio Reiser selbst das Tribut-Album mit einer gänsehäutenen Piano-Version von „Der Krieg“ beschließen zu lassen. Was sollte danach auch noch kommen?

Rock and Roll.

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Song des Tages: A Burial At Sea – „D’Accord“


Der Sound von A Burial At Sea, einer fünf Köpfe zählenden, im englischen Liverpool ansässigen Experimental-Post-Rock-Band, ist kräftig, wuchtig, dennoch filigran – und liefert zu der im Genre freilich absolut obligatorischen postrockigen Wand auch noch eine Mini-Zwei-Mann-Horn-Sektion inklusive Trompete on top, was man selbst in diesem Kosmos dann schon als besonders, ja beinahe einzigartig bezeichnen könnte.

Das Ganze klingt auf dem dieser Tage erschienenen selbstbetitelten Debütalbum dann in der Tat auch hin und wieder ganz schön jazzy, bevor die ordentlich aus Feedback erbaute Rock-Wand erneut einstürzt oder auch mal ein amtlicher Blast-Beat losbricht. Abgefahrene Mischung, die die Band selbst als „trumpet rock“, „trumpet core“ oder auch “post-rock mariachi” bezeichnet. Und in der Tat ist auf dem galant zwischen bombastisch und filigran changierenden, hochmelodiösen Nachfolger zur 2017 veröffentlichten Debüt-EP „…And The Sum Of Its Parts“ irgendwie verdammt viel und (fast) alles drin, sodass die Spannweite von experimentellem Post-Rock über Math-Rock bis hin zu fesselnden Hardcore-Punk-Einlagen reicht.

Einen ersten Eindruck vom Rest des Albums (welcher bei einem Recht hat vielfältigen Soundgewand wie dem von A Burial At Sea auch täuschen mag) kann man sich anhand des Musikvideos, für das sich Jen Baranick verantwortlich zeichnet, verschaffen:

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Good Things – „Heaven Is Yours“


Good Things sind eine Punkrock-Band aus New York City, die aus Cameron Sacchet (Gesang, Gitarre), Christopher Henriquez (Bass) und Eric Pace (Schlagzeug) besteht – drei Kumpels, die es lieben, gemeinsam Musik zu machen und Geschichten zu erzählen. Mit ihrer vielfältigen musikalischen Sozialisation vermischen Good Things, welche mit gerade einmal etwa 250 Facebook-Likes noch als echter Geheimtipp gelten, Elemente aus Punk, Post Hardcore, Indie und Alternative Rock und schaffen in ihren Songs so nicht selten ein recht komplexes Hörerlebnis. „Heaven Is Yours“, das kürzlich via Bandcamp als „name your price“ veröffentlichte Debütwerk der Band, ist eine Konzept-EP, welche eine Kurzgeschichte über Liebe und Tod vertont. Mehr noch sogar: mit ihrer ideenreichen, druckvollen Instrumentierung (in der sogar Platz für ein kurzes Saxofon-Intermezzo ist!) und Sacchets erdrückendem Gesang nimmt sie den Hörer für knapp zwanzig Minuten vollumfänglich gefangen. Und irgendwie kann „Heaven Is Yours“ ja auch sinnbildlich für die Geschichte von Good Things stehen, denn diese hat gerade erst begonnen…

Gitarrist und Sänger Cameron Sacchet meint über das Debütwerk seiner Band: „‚Heaven Is Yours‘ ist eine Konzept-EP über Liebe und Tod. Sie wurde eigentlich rückwärts geschrieben, wobei zuerst der Titelsong am Ende der Platte entstand und der Rest darauf aufbaut. Wir mischten einen Haufen verschiedener Stile, indem wir einfach das schrieben, was wir schreiben wollten und Spaß dabei hatten.“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Beans On Toast – „The Album Of The Day“


Bohnen auf Toast – so lässt sich der Name des Politfolk-Projekts von Jay McAllister aus Braintee in der englischen Region Essex übersetzen. Das hört sich nach einer augenzwinkernden Anspielung auf allerlei merkwürdige englische Essgewohnheiten an – und seine „Englishness“ will McAllister auch zu keiner Zeit verbergen. Dennoch ist das kreative Schaffen des 39-jährigen Indie-Musikers deutlich spannender als jedes Kochbuch von Jamie Oliver oder eine Einladung zum Afternoon Tea mit der Queen…

Denn Jay „Beans On Toast“ McAllister ist – so es denn stattfindet – seit 2007 nicht nur Stammgast auf den Bühnen des altehrwürdigen Glastonbury Festivals, sondern veröffentlicht bereits seit 2009 – und nicht ganz ohne Grund jeweils pünktlich zu seinem Geburtstag am 1. Dezember – ein neues Album. Die darauf enthaltenen Songs sortieren sich musikalisch irgendwo zwischen dem englischen Singer/Songwriter-Urgestein Billy Bragg, Punkrock-Klampfer Frank Turner oder dem hierzulande zu unrecht noch immer sträflichst unbekannten Will Varley ein, während McAllister darin seine Gedanken zum Zustand der Welt da draußen vom Stapel lässt. Fast schon logisch, dass die Ergebnisse da nicht immer zu fröhlichen Hipp-Hipp-Hurra-Liedern geraten, wenn der Politfolker mit wachen Augen auf diese oft genug eigenartige Welt blickt und somit klare Kante gegen korrupte Brexit-Politiker, Umweltverschmutzung, Rassismus, Homophobie oder soziale Missstände bezieht – nur tut er das nie als oberlehrerhafter Agitator wie etwa einer wie Rage Against The Machine-Fronter Zack de la Rocha, sondern stets mit einer Menge Humor und herzlichem Hintersinn. Wie das klingt? Im besten Fall hintersinnig und humorig wie „Alexa“ (vom 2018 erschienenen „A Bird In The Hand„) oder toll und bewegend wie etwa „Jamie & Lilly“ (vom 2017er Album „Cushty„), in dem sich der Beans On Toast‚ler nicht nur für gleichgeschlechtliche Beziehungen, sondern auch für soziale Gerechtigkeit stark macht.

Da kreativer Stillstand und Eigenbrötlerei keineswegs die Dinge von Jay McAllister, der 2018 mit „Drunk Folk Stories“ außerdem einen eigenen Kurzgeschichtenband veröffentlicht hat, zu sein scheinen, hat er über die Jahre mal hier, mal da am Beans On Toast’schen Klangbild geschraubt. So musste seine angestammte Akustikgitarre etwa 2016 auf dem Album „A Spammer In The Works“ Keyboard-Tasten und Laptop-Beats weichen, für das im vergangenen Jahr veröffentlichte elfte Werk „The Inevitable Train Wreck“ werkelte er mit Lewis und Kitty Durham von der Band Kitty, Daisy & Lewis an einem komplett analog aufgenommenen, fast schon nostalgischen Rock’n’Roll-Sound.

Und in diesem Jahr? Nun, anlässlich seines 40. Geburtstags lässt sich McAllister nicht lumpen und spendiert mit „Knee Deep In Nostalgia“ und „The Unforseeable Future“ gleich zwei neue Werke. Während er für ersteres keinen Geringeren als seinen Musik-Buddy Frank Turner als Produzent und Mitmusiker gewinnen konnte (was man wiederum Songs wie etwa „The Village Disco“ auch deutlich anhört), ist das zweite neue Album „a collection of songs written during and inspired by the 2020 shitshow and the worldwide pandemic. Recorded at home, solo. Five songs that are already released and five unheard songs.“

Dass Jay McAllister, dieser nimmermüde Protestfolker mit all seinen gewitzten-zeitgeistigen Zeilen und dem Herzen am besten aller Flecke, auch diesem für Künstler recht beschissenen Jahr 2020 ein paar gute Seiten abgewinnen konnte, beweist ein Song wie „The Album Of The Day“ (von „Knee Deep In Nostagia“), in welchem er von einem Tag mit seiner kleinen Tochter Wren erzählt und wie beide durch Kinderaugen und -ohren nicht nur die große, so verrückte Welt (neu) entdecken, sondern freilich auch Daddys Plattensammlung, „because the real world comes with album tracks.” 

Klare Sache: Jay McAllister bleibt auch mit den kommenden beiden Alben einer von Englands tollsten musikalischen Geschichtenerzählern (und wer Beans On Toast bisher verpasst hat, kann das Versäumte etwa auf Bandcamp nachholen). ❤️

Rock and Roll.

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Song des Tages: KARLSSON – „Hundeleben“


Jaja, die schnöde Tapete – ob historisch abgetragen, raufaserig vermodert, frisch mit Alpina Weiß überstrichen, ob zugekleistert mit romantischen Sonnenuntergangs-Postkartenerinnerungen, mit Konzerttickets aus früheren Tagen, mit Fussball- und Metal-Postern oder mit schick gerahmter Urban-Fotografie stylisch-geschmackvoll geschmückt: Nichts ist dem Bundesspießbürger – gerade in Quarantäneverordnungzeiten – so nah wie die eigenen vier Wände, jener Rückzugsort im „Rauhfaseridyll„, wie KARLSSON aus Köln ihn umschreiben. Sinnbildlich steht die stumme Wandverkleidung hier, wie bei schon etlichen Vertretern des Punkrock-Genres zuvor (man denke etwa an Jupiter Jones‘ „Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich.„), für den gefühlten Stillstand – aber auch für all die Umwälzungen psychischer und sozialer Natur, denen man im drögen Alltagsgrau ausgesetzt ist, und die man am Ende doch meist ähnlich stoisch hinnimmt. Wahrlich eigenständig oder bahnbrechend neu mag diese Metapher im Kontext sozialkritischer wie befindlichkeitsorientierter Themen keineswegs sein, aber das 2013 gegründete Vierergespann aus Kilian (Gesang, Bass), Tobi (Gitarre, Gesang), Marius (Gitarre) und Lukas (Schlagzeug) kommt wohl recht gut damit klar, einfach „nur“ eine weitere Band zu sein, die einem fein durchdachten deutschsprachigen Indie-Punk mit schwerem Herzen, pochendem Hirn und ordentlich Wut im Bauch um die Ohren bläst.

Nachdem KARLSSON 2016 zunächst mit ihrer „Autohauseröffnung EP„, welche wiederum eine feine Coverversion des Schreng Schreng & La La-Songs „Plastik Fressen“ enthielt (für das die Band obendrein sogar deren Frontmann Jörkk Mechenbier am Gast-Mikro gewinnen konnten), für ein kleines Szene-Ausrufezeichen sorgen konnten, hört man ebenjene Unaufgeregtheit ihrem bereits im Februar 2019 erschienenem Debütalbum auch an – im positivsten Sinne. Der eingängige Opener „Südafrika“ etwa hüpft innerhalb von dreieinhalb Minuten gleichsam hektisch wie aufgewühlt von wachsendem Hass und Bitterkeit im Land hin zur Persönlichkeitskrise, und dann mal eben um die Welt – auch eine Art Rückzug aus der vor lauter Zweifel und Unverständnis überquellenden heimischen Komfortblase. Die Gitarren rau wie der vertrocknete Acker und das Szenario nochmal ein Stück destruktiver, beobachten KARLSSON im kräftigen Midtempo-Rocker „Schwule Könige“ Menschen auf irgendeinem gottverdammten westfälischen Schützenfest, die stolz ihrer Tradition nachgehen: „Das Gewehr an der Schulter / Symbol für ihren Frieden / Alles auf Anfang.“ Dabei verurteilt die Band nicht per se (freilich mit Ausnahme der offen nationalistischen und homophoben Aura solcher tumb-bierseligen Festivitäten), sondern hinterfragen vielmehr, wie Menschen sich ihr individuelles Selbstbild konstruieren, und dieses in der heute deftig aufgeladenen sozialen Atmosphäre nicht selten bis aufs Messer verteidigen.

Ebenso traditionell wie des Deutschen Bier und Bratwurst sind kleine, aber feine Punkrock-Hymnen wie „Der alte Boxer“ die eigenen musikalischen Happen der vier Rheinländer. Songs, zu denen es sich wunderbar alleine gegen die dämliche Raufasertapete, aber auch mit Freunden bei einem bis acht Bier in die Welt hinaus schreien lässt. Doch KARLSSON können nicht nur polternd-punkiges Schema F, sondern lassen immer mal Luft an ihr Songwriting. Dabei schrecken sie nicht vor sehnsuchtsvoll nach vorn preschenden Alternative-Rock- oder Post-Hardcore-Anleihen à la Taking Back Sunday oder Thursday sowie ruhigen, in sich gekehrten Momenten zurück, wie „Hundeleben“ oder „Deine letzten Jahre“ als dramaturgisch fein gestrickte, an alte Jupiter Jones erinnernde melancholische Stücke zeigen. „Hey Belane“ greift dann nicht nicht nur den Bordstein als Bild auf, sondern fügt sich auch soundtechnisch ziemlich nah an die von Muff Potter um die Jahrtausendwende verlegten Pflastersteine. Und dürfte man nur einen einzigen Satz zum Wesen dieser Platte stricken, landet man vielleicht wieder bei Thorsten „Nagel“ Nagelschmidt und Co. sowie der altbekannten Frage, die auch die aktuelle Generation Emopunk irgendwo zwischen Captain Planet oder Matula wohl kaum ganz auflösen wird: „Ist das hier, was man Leben nennt / Oder nur die Gegend, die man kennt?“ Und das darf nun wirklich und ausdrücklich als Lob verstanden werden.

Rock and Roll.

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