Schlagwort-Archive: Stream

Song des Tages: Slow Pulp – „At It Again“


Foto: Promo / Rachel Cabitt

Mal eine These, die durchaus Sinn ergibt: Die im vergangenen Jahr für ihre kreative Umtriebigkeit sowie ihr fulminantes zweites Album „Punisher“ zurecht allerorten gefeierte Phoebe Bridgers hat ihren mittlerweile recht genreprägenden, halb geflüsterten Gesangsstil keineswegs entwickelt, um eine eigene Klangästhetik zu begründen, sondern schlichtweg aus der schnöden Notwendigkeit einer hellhörigen Wohnung mit dünnen Wänden heraus, in der sie ihre ersten eigenen Songs schrieb und aufnahm. Dennoch erschien diese Art des Vortrages wohl stilistisch so attraktiv, dass sich nun bereits eine halbe Generation junger Elevinnen auf ebendiesen Stil beruft. Emily Massey, die 2017 als potentielle Frontfrau zu dem bis dahin als befreundetes All-Male-Trio existierenden Slow Pulp aus Madison, Wisconsin (früher) beziehungsweise Chicago, Illinois (heute) stieß, scheint zu jener Halbgeneration zu gehören – bis hin zu der Tatsache, dass sie nicht nur den Flüster-Stil, sondern auch den ein oder anderen Kniff in der Harmonieführung von jener mit 26 Lenzen selbst ja noch jungen Vorreiterin übernommen zu haben scheint.

So singt Emily Massey denn auch den Löwenanteil der ansprechend konstruierten, organischen Indie-Rock-meets-Dream-Pop-Songs, die sich auf Slow Pulps im vergangenen Oktober erschienenen Debütalbum „Moveys“ befinden. Der Titel der Platte ist ein Neologismus, der sich auf die Entstehungsgeschichte der Songs, Rastlosigkeit und Veränderung der Band bezieht. Doch bei dieser „klassischen“ Rollenverteilung mit einer Dame am Mikro und den Herren am Instrumentarium bleibt es nicht, denn das Newcomer-Quartett sucht sich und ihren Bandsound zum einen noch, zum anderen zwang ein Krankheitsfall in Emilys Familie während der Corona-Lockdown-Phase die junge US-Indie-Band, welche bereits zuvor – nach der Diagnose von Massey mit Lyme-Borreliose und chronischem Drüsenfieber – ein Album mit einigem an Material verworfen hatte, zu einer unfreiwilligen zeitweisen Trennung. Die in Chicago verbliebenen Jungs – Henry Stoehr (Gitarre), Alexander Leeds (Bass) und Theodore Mathews (Schlagzeug) – nutzten diesen nicht eben vorteilhaften Wink des Schicksals, um den Rest der Debüt-LP kurzerhand im Testosteron-Alleingang fertig zu stellen. Wohl auch deshalb werden zwei stilistisch eher in Alternative-Rock-Gefilde gehüpfte Stücke kurzerhand von Bassist Alexander Leeds gesungen, wohl auch deshalb findet man auf dem Nachfolger der 2019 veröffentlichten „Big Day EP“ nicht nur Anklänge an die seligen Neunzigerjahre und Alternative-Größen wie Slowdive und Sonic Youth, sondern auch Ausflüge in Alt.Country und Indie Folk sowie das ein oder andere eigenwillig tönende Instrumental, das scheinbar recht wenig mit dem Rest des Albums zu tun hat. Trotzdem lässt das knapp 30-minütige Endergebnis mit Highlights wie „Falling Apart„, „Idaho„, „Track“ oder „At It Again“ durchaus positiv aufhorchen und sei nicht nur allen Freunden der jüngsten Großtaten von Phoebe Bridgers ans Hörerherz gelegt, sondern auch all jenen, die auf in Indie Rock und Dream Pop beheimatete Kleinode stehen.

Empfehlenswert ist auch die „Live on KEXP at Home“-Session der Band:

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Adult Mom – „Sober“


Foto: Promo / Daniel Dorsa

Stevie Knipe meldet sich mit ihrem DIY-Soloprojekt Adult Mom zurück und wird in wenigen Tagen „Driver„, ihr erstes neues Album seit der Trennung von ihrem mittlerweile auf Eis liegendem Label Tiny Engines und den Nachfolger zum 2017er Werk „Soft Spots„, veröffentlichen. Mit der Auskopplung „Sober“, welches ebenso wie die bereits im Februar 2020 erschienene Single „Berlin“ auf dem neuen, dritten Album zu hören sein wird, kann man sich bereits jetzt einen ersten Eindruck von den neuen Songs des Indie-Pop-Projekts aus Purchase, New York machen.

Passenderweise konzentriert sich auch „Sober“ auf die Nachwirkungen einer zerbrochenen Beziehung, wobei Knipes Erzählerin sich von jemandem entfernt, den sie schlicht nicht mehr liebt. Ihr Keyboard und ein Drum-Machine-Beat geben zunächst den Ton an, während Knipe die Situation mit unerschrockener Ehrlichkeit und einer Prise schwarzem Humor einschätzt: „The only thing that I’ve done / This month is drink beer and / Masturbate, and ignore / Phone calls from you / What else am I supposed to do?“. Treibende Indie-Rock-Gitarren treten darauf den Song vorwärts, bis Knipe schließlich einen letzten Schlussstrich zieht: „Now I don’t even think of you / When I am sober“. Das Musikvideo zu „Sober“, bei dem Maddie Brewer Regie führte und das von Noah Gallagher animiert wurde, zeigt in ruhigen, lebendigen Bildern, wie jemand schmerzhafte Erinnerungen und ungesunde Trinkgewohnheiten hinter sich lässt und sich auf eine Reise der Selbstfindung begibt, die sich langsam aber sicher in etwas ziemlich Surreales verwandelt. Und passend findet auch musikalisch eine Reise statt: das Stück beginnt als reduzierter Bedroom Pop und wandelt sich dann zum angenehmen Power-Pop-Understatement.

Knipe hat „Driver“ zusammen mit Kyle Pulley (Shamir, Diet Cig, Kississippi) co-produziert, während befreundete Künstler wie Olivia Battell und Allegra Eidinger bei der Arbeit an den zehn Stücken halfen. Das Album, welches „den Soundtrack zu jener queeren Liebeskomödie liefert, von der sie seit 2015 träumte“, wie es in einer Pressemitteilung heißt, folgt auf das 2015er Debüt „Momentary Lapse Of Happily„, das gut drei Jahre zurückliegende Zweitwerk „Soft Spots“ sowie einige EPs, die Stevie Knipe zwischen 2012 und 2014 veröffentlichte. „Driver“, das auf Epitaph erscheint, wird außerdem die erste Langspieler-Veröffentlichung von Adult Mom auf einem anderen Label als Tiny Engines sein, das zusammenbrach, nachdem Stevie Knipe und eine Reihe anderer Unterzeichner*innen die Label-Macher im Jahr 2019 beschuldigten, unter anderem Zahlungen an die unter Vertrag stehenden Künstler*innen zurückzuhalten. Nun wagt Stevie „Adult Mom“ Knipe einen Neustart, und dieses Mal sitzt sie am Steuer.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages #2: José González – „El Invento“


Foto: Promo / Hannele Fernström

¡Qué sorpresa! Der schwedische Singer/Songwriter José González meldet sich nach sechs Jahren mit der neuen Single „El Invento“ zurück. Und damit nicht genug, denn der Song ist obendrein sein erster auf Spanisch, der Muttersprache seiner argentinischen Eltern. Das bislang letzte Album des 42-jährigen Musikers mit der grandiosen, so unverkennbar samtigen Stimme, „Vestiges & Claws“, war im Februar 2015 erschienen. Bekannt geworden war González, von dem hier auf ANEWFRIEND bereits die Schreibe war, etwa mit einer eigenen Interpretation des The-Knife-Klassikers „Heartbeats“. In der Zwischenzeit kümmerte sich der Schwede etwas mehr ums Private und suchte nach neuen Anreizen in anderen musikalischen Gefilden. So war er unter anderem auf DJ Kozes 2018er Album „Knock Knock“ zu hören.

Beim Schreiben neuer Songs hatte der Indie-Folk-Musiker Hilfe, sagt er. So habe seine kleine Tochter ihren Teil zum kreativen Prozess beigetragen. „Ab und zu versuche ich, Texte auf Spanisch zu schreiben – dieses Mal ist es mir das erste Mal überhaupt gelungen! Ich denke, es hat geholfen, jeden Tag mit Laura Spanisch zu sprechen.“ Der kreative Prozess habe außerdem in etwa zeitgleich mit der Geburt seiner Tochter begonnen. Thematisch dreht es sich bei „El Invento“ also nicht ohne Grund um existenzielle Fragen. „Der Song handelt von Fragen: wer sind wir, wohin gehen wir und warum? Wem können wir für unsere Existenz danken?“, so González. „Historisch gesehen sind die meisten traditionellen Antworten auf diese Fragen frei erfunden. Daher auch der Name des Liedes: ‚El Invento‘ (Gott).“

Inzwischen ist José González zu City Slang gewechselt, jenem Berliner Indie-Label, auf dem bereits seine Band Junip ihre Platten veröffentlichte. Vielleicht ja ein kleiner Wink, dass in nicht allzu ferner Zukunft endlich ein neues Album ansteht…

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: EUT – „Party Time“


Foto: Promo / Sanja Marusic

Party Time“? Kaum ein Plattentitel könnte in der jetzigen Zeit fehlplatzierter in den Regalen stehen (zumal ja die wenigen gallischen Plattenläden, die noch der römischen Belagerung durch alle Online-Handelsriesen wieder dem mit den großen „A“ trotzen konnten, ohnehin dank Lockdown geschlossen bleiben müssen). Ja, sagt mal: Wann gab es denn bitteschön zuletzt die Gelegenheit für eine ausgelassene Party mit jeder Menge Freunden? Wird bei uns allen – passionierter Stubenhocker oder nicht – schon ein bisschen her sein… Aber gehören zu einer gelungenen Sause auch ausgeschlagene Zähne und Herpesbläschen, wie es das Cover des zweiten EUT-Albums vermuten lassen könnte? Wohl eher nicht, aber die zehn neuen Songs der Niederländer erzählen ja auch nicht nur von Happy-go-lucky Life, sondern auch von Liebe, Sex, Einsamkeit und all dem zu oft mißverstandenen Scheiß dazwischen. Vom Tanzen auf einer leeren Tanzfläche, auf der man am besten einfach liegen bleibt, nachdem man über seine eigenen Füße gestrauchelt ist…

Kennengelernt haben sich Megan de Klerk (Gesang), Tessa Raadman (Gitarre), Emil de Bennie (Gitarre), David Hoogerheide (Bass/Keyboard) und Jim Geurt (Schlagzeug) 2016 an der Amsterdamer Musikhochschule. Die ersten Demos, die später zu EUT-Songs werden, entstehen als Examensarbeiten für ihr Studium, 2018 erscheint das Debütwerk „Fool For The Vibes„. Wer jetzt klassische Artsy-Fartsy-Mucke von fünf Artschool-Alumnis erwartet, dürfte ein wenig enttäuscht sein, denn stattdessen machen EUT (gesprochen übrigens ‚Üt‘), temperamentvollen Indie-Pop-Rock, dem man die Einflüsse von Blur über die Cardigans bis hin zu No Doubt, Garbage, den Yeah Yeah Yeahs oder St. Vincent anhört, ohne dass hier irgendwelches Kopistentum anklingt.

Ganz im Gegenteil – auch auf dem aktuellen, eben „Party Time“ titulierten Langspieler beweisen die EUT’schen Songs samt und sonders ordentlich Ohrwurmpotenzial. Bereits der funky Opener „What Gives You The Kicks“ bittet in bester Blur-Manier mit elektronisch verbrämten Bass-Gewummer zum Tanz. So in Stimmung gekommen, erinnern wir uns mit „Had Too Much“ – und natürlich erst recht dem Titelstück! – an durchgefeierte Nächte, während insbesondere „Cool“ an die Schweden der Cardigans und ihre smarte Frontfrau Nina Persson denken lässt. Zum nachfolgenden „Stuck“ mit seinem leicht orientalischem Einschlag wiederum räkelt es sich nach ausschweifenden erotischen Abenteuern am nächsten Tag ganz hervorragend im Bett und wen ein physischer oder psychischer Kater quält, bekommt mit „The Buggs (Part II)“ den passenden Soundtrack verpasst, bevor man zu „Killer Bee“ und seinen EDM-Sounds erneut auf die wohlbekannte Tanzfläche stolpert und „When I Dive“ sich vergleichsweise ruppig zeigt. Dafür präsentiert sich das ausgelassene „It’s Love (But It’s Not Mine)“ umso mitreißender und wenn auf der Zielgeraden das groovende „Bubble Baby“ erklingt, wird man von dem sicheren Gefühl begleitet, dass es irgendwann wieder möglich ist, bis zum Morgengrauen mit Mann und Maus dem ewig jungen Hedonismus zu frönen und sich den Alltagsdruck sowie Frust- und Frostspeck von Seele und Hüfte zu tanzen.

EUT liefern mit „Party Time“ nicht nur verflucht gute Hipster-Hooks ab, sondern beweisen gleichzeitig, dass hier fünf Musiker am musikalischen Drücker sind, die nicht nur ihr Musikhochschulhandwerk verstehen. Vielmehr schlagen die Damen und Herren mit viel Herzblut sowie dem Auge (und Ohr!) für den gewitzten, intelligenten Umgang mit großem, glitzerndem Pop genau jene Haken, die es braucht, um Musik zu machen, die im Gedächtnis bleibt – was in diesem Fall nicht im Widerspruch zum frischen, leichten Sound des Grachten-Quintetts steht. Bestenfalls ist „Party Time“ mit all seinem Hit-Potential für die Indie-Dissen-Tanzflächen eine beschwingte Postkarte (oder meinetwegen WhatsApp-Nachricht) aus vergangenen Tagen, die gleichzeitig Mut für die Zukunft machen möchte.

“Here we go again: zum tausendsten Mal hast du dein Herz an jemanden verloren, schon wieder bist du verlassen worden. Aber nach zahllosen schlaflosen Nächten im Bett beginnt endlich eine neue Zeit: mit frischer Energie bist du bereit, es erneut mit der Welt aufzunehmen, ob allein oder zu zweit. Irgendwie handelt die ganze Platte davon, auch die komplizierten Momente mal wegzutanzen – und genau das haben wir im Video zu ‚Party Time‘ auch gemacht…” (Megan de Klerk)

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Steiner & Madlaina – Wünsch mir Glück (2021)

-erschienen bei Glitterhouse/Indigo-

Knapp 150 Konzerte in den letzten Jahren, auf Bühnen vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das ist eine ganze Menge. Denn: Diese Zahl bedeutet noch viel mehr Tage auf Tour als „nur“ jene 150. Etliche Tage und Nächte in Tourbussen auf Autobahnen, von Show zu Show zu Show – mal als Vorband (etwa von Element Of Crime), mal als Headliner, mal auf Festivals. Zeit zum Schreiben von neuen Songs? Lediglich immer mal so zwischendurch, irgendwo in den Leerzeiten zwischen Soundcheck, Auftritt und Abfahrt. Das Aufnehmen der Songs aber, das erfordert bekanntlich etwas mehr Zeit. Dafür konnten die beiden Schweizerinnen Nora Steiner und Madlaina Pollina dann das ungeplant konzertfreie Jahr 2020 nutzen. Und brachten aus dem Studio „Wünsch mir Glück“ mit, ihr zweites Album und den Nachfolger zum viel beachteten 2018er Debütlangspieler „Cheers„.

Und wem vor knapp drei Jahren bereits ebenjenes gefiel, der wird auch mit den elf neuen Songs schnell warm werden. Denn im Gros bleibt das Duo, welches sich schon seit der Schulzeit kennt und seitdem gemeinsam auf der Bühne steht, seiner Linie treu. Auch in diesen vor allem für alle Kulturschaffenden nicht eben einfachen Zeiten thematisieren Steiner & Madlaina einige der großen Probleme unserer Gesellschaft, wie den Sexismus und das formvollendete Versagen der Menschheit, vor allem in ihrer Schweizer Heimat durch das Nichtstun, das Zusehen bei Menschenrechtsverletzungen und das Schulterzucken bei Dingen, die außerhalb der eigenen Staatsgrenze passieren, weil es das eigene Land, in seiner überheblichen Neutralität, vermeintlich nicht betrifft. Und sie behandeln auch die vergleichsweise kleinen, privaten Themen, die eigene Trennung oder das eigene Verlangen. Im Gegensatz zum Debüt, welches englische, deutsche und schweizerdeutsche Songtexte vereinte, sind Steiner & Madlaina auf ihrem Zweitling komplett deutschsprachig unterwegs. Nach wie vor schreiben die beiden unabhängig voneinander an den Texten – und diese Aufteilung fällt nun vor allem auf „Wünsch mir Glück“ deutlich ins Gewicht, da Madlaina Pollina, von der man ohne große Übertreibung behaupten kann, dass sie aus einer bekannten Musikerfamilie stammt (ihr Vater ist der italienischstämmige Schweizer Cantautore Pippo Pollina, ihr Bruder Julian Pollina ist auch hierzulande als Faber eine recht große Nummer), zum Beziehungslied neigt und Nora Steiner eher zur Rolle der Frau in der Gesellschaft. Auf jene, die Gesellschaft, werfen die beiden bereits im Opener einen ersten Blick. Dabei scheint „Es geht mir gut“ musikalisch erst einmal ein fluffiger Gute-Laune-Song zu sein. „Zu faul für jegliche Debatten / Bleib ich bei 40 Grad im Schatten“ regt jedoch vielmehr das süffisant brodelnde schlechte Gewissen des Hörers an, während dem nämlich eigentlich bewusst ist, „was rundherum der Mensch so tut“. Noch ein Knüppelschlag in die gemütliche Magengrube gefällig? Ja, gern doch! So wird etwa in „Heile Welt“ die bereits oben angesprochene Schweizer Gesellschaft, in ihrer Isolation, kritisiert: „Damit unsere heile Welt / Noch eine Weile hält / Halten wir uns raus / Nur so fühl’n wir uns zu Haus…“ Ein Klang gewordener Mittelfinger par excellence.

„Wenn ich ein Junge wäre (Ich will nicht lächeln)“ erinnert klanglich – und das bis hin zur typischen Gesangsphrasierung – ohne jeglichen Zweifel an Bands wie Ideal sowie die Neue Deutsche Welle und zerlegt wütend die teils immer noch bestehende gesellschaftliche Sicht auf die Frau, welche einfach nur noch nervt: „Wenn ich ein Junge wäre / Würde man mir mehr zutrau’n / Und wer bestimmt das Rollenbild der Frau“. Insgesamt überwiegen jedoch auf dem zweiten Album die Stücke, in denen beide teils wahnsinnig nah und unmittelbar wirken, so wie etwa bei „Prost mein Schatz“, in welchem Madlaina boshaft und larmoyant, jedoch jederzeit packend eine bevorstehende Trennung andeutet. Das Spannungsfeld zwischen dem polierten Song und dessen Botschaft mag an Größen wie Lana Del Rey erinnern, und in diesem grellen Zwielicht, wenn sie mit Witz von Alltagsabsurditäten erzählen und gekonnt zwischen politisch Heiklem und nahbar Privatem switchen, agieren die beiden Schweizerinnen einmal mehr mit beeindruckender Souveränität.

„So schön wie heute“ ist dem gegenüber ein recht fad geratener, fast schon gemütlicher Song über das Erwachsenwerden und juvenile Vergänglichkeit, während „Denk was du willst“ Zwischenmenschlichkeiten und Selbstzerstörung aushandelt. „Ciao Bella“ schlägt in eine ähnliche Kerbe wie schon „Wenn ich ein Junge wäre“ und mit sarkastisch spitzer Zunge tief ins Unrecht gegenüber Frauen. Hier versetzen die beiden sich in einen sexistischen Mann: „Oh Bella, ciao Bella / Komm und mach‘ mein Leben schöner“ wird der Anspruch dieses Machos an das weibliche Gegenüber im Refrain deutlich. Der Dummdreist-gestrige regt sich gleichzeitig auf über Frauen in Führungspositionen, erklärt Rechtfertigungen für niedrigere Bezahlung des weiblichen Geschlechts und das vermeintliche „Risiko“ bei der Einstellung aufgrund einer möglichen Schwangerschaft. Noch famoser geraten das sich in einen Furor steigernde „Klischee“ sowie der Titelsong, eine von einer einsamen Gitarre begleitete Geschichte zweier Menschen, die Zuneigung fürs Gegenüber spüren, bei denen es trotzdem nicht für mehr reicht – der kleine Tod der verflogenen Chance.

(Fotos: Promo / Tim Wettstein)

Obwohl die beiden in Zürich aufgewachsenen Schweizerinnen auf ihrem neuen Album nur auf Deutsch singen und englische Stücke dieses Mal fehlen, bewegen sich Steiner & Madlaina musikalisch auf ähnlichen Pfaden. Die Musik ist nach wie vor verspielt und ihre angenehmen Stimmen spielen da gern mit. Die Songs mögen im Vintage-Gewand schimmern, mögen mit ordentlich Sixties-Twang an Chanson, Jazz, Rock’n’Roll, Americana oder New Wave andocken – doch jeglicher Retro-Verdacht schwindet, sobald man eben die Texte hört. Das Schlagzeug von Leonardo Guadarrama sowie die dominanten Saiteninstrumente von Max Kämmerling (E-Gitarre) und Nico Sörensen (Bass) erzeugen mit unterschiedlichen weiteren Begleitern, wie etwa Synthies oder einem Chor im Hintergrund, eine durchaus abwechslungsreiche, live im Studio eingespielte Soundkulisse, die man gern irgendwo in der Umgebung des Indie-Folk-Pops einordnen darf. Und die oft genug überzeugt. Das fehlende Quäntchen mag man gern darauf schieben, dass diesmal an der ein oder anderen Stelle einfach der Aha-Neu-Effekt des Debüts ausbleibt. Nichtsdestotrotz haben die beiden charismatischen jungen Frauen mit „Wünsch mir Glück“ – der zugegebenermaßen etwas eigenartigen Optik des Albumcovers zum Trotz (die Dame auf dem Cover ist übrigens Anne, eine Freundin und Live-Fotografin von Nora und Madlaina, die sich bei einem Sturz vom Fahrrad einen Zahn ausgeschlagen hat)- elf neue Songs fürs kommende Konzert-Repertoire geschaffen, die mit Kritik, auch an sich selbst, keineswegs geizen und einem Sound, der dies im ersten Moment nicht immer vermuten lässt. File under: raffinierte Ambivalenz. Bleibt ihnen im Grunde nur zu wünschen, dass sie – um den Titel beim Wort zu nehmen – bald wieder das Glück haben auf der Bühne zu stehen…

— Steiner & Madlaina live 2021 —

  • 02.11.21 Stuttgart – Im Wizemann Club
  • 03.11.21 München – Ampere
  • 05.11.21 Magdeburg – Moritzhof
  • 06.11.21 Dresden – Beatpol
  • 08.11.21 Hamburg – Knust
  • 09.11.21 Bremen – Tower
  • 10.11.21 Münster – Gleis 22
  • 11.11.21 Essen – Zeche Carl
  • 12.11.21 Köln – Gebäude 9
  • 17.11.21 Freiburg – Jazzhaus
  • 19.11.21 AT-Wien – Chelsea
  • 20.11.21 Nürnberg – Korns
  • 22.11.21 Wiesbaden – Schlachthof
  • 23.11.21 Hannover – Musikzentrum
  • 25.11.21 Leipzig – Täubchenthal
  • 26.11.21 Erfurt – HsD
  • 27.11.21 Berlin – Hole44

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Invisibles – „142“


Wenn Stefan Honig, seines Zeichens Namensgeber sowie Herz, Hirn und Kopf einer der – und das nicht nur der Benennung nach – süßesten Versuchungen der bundesdeutschen Singer/Songwriter-Indiepop-Landschaft (welche leider seit 2019 und vier Alben auf Eis liegt und von der auf ANEWFRIEND vor gut zwei Jahren schon einmal die Schreibe war), einem einen Song ans emsig hüpfende Hörerherz legt, dann darf man getrost 3 Minuten und 53 Sekunden der eigenen wertvollen Zeit riskieren:

„Liebe Honigfreunde, hab hier eine von Herzen kommende Empfehlung für Euch. Mein guter Freund Gero von Werden bringt mit seinem deutsch/schottischen Projekt Invisibles bald ein neues Album raus. Hier der erste Vorbote. Hört doch mal rein! Lohnt. Liebe Grüsse Stefan“

Und auch wenn man über ebenjenes, aus Gert von Werden und JP Reid bestehende deutsch-schottische Bandprojekt derzeit nicht viel mehr herausfindet als den Fakt, dass vor knapp zehn Jahren mal zwei recht nichtsagend tönende Alben erschienen, klingt die empfohlene balladeske Nummer „142“ vor allem: verdammt schön. Und allein schon deshalb sollte man das Duo in Auge und Ohr behalten…

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: