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Song des Tages: corook – „it’s ok!“


Manchmal lassen sich zwischen den zahllosen Quatsch-und-Klickquoten-Videos auf TikTok und Co. tatsächlich kleine, mit ernsthaftem Augenzwinker-Hintersinn gedachte Highlights entdecken. Die Clips von corook etwa. co…wer?

Hinter diesem Allerwebs-Alias versteckt sich Corinne Savage, die sich schon optisch von all den perfekt geschminkten, zu irgendwelchen trendigen Choreographien tanzenden Social-Media-Püppchen abhebt. Vielmehr liegen die Talente der Sängerin, Songwriterin, Produzentin, Multi-Instrumentalistin und selbsternannten „huge fuckin dork“ (was auf Deutsch augenzwinkernd soviel wie „riesige Idiotin“ bedeuten mag) anderswo. So kann die Endzwanzigern – je nach Tagesform – etwa einen Rubiks-Würfel in weniger als einer Minute lösen. Aufgewachsen ist das „sommersprossige, pummelige Babe“ in Pittsburgh, Pennsylvania, wo sie im heimischen Kinderzimmer den Songs von Drake, Gwen Stefani oder Mac Miller lauschte. Sie besuchte eine High School für darstellende Künste, outete sie sich in ihrem letzten Schuljahr als „QUEERAF“, und danach das Berklee College of Music, welches sie mit zwei Abschlüssen beendete. Mittlerweile lebt Savage mit ihrer Freundin im vor allem unter aufstrebenden Musik-Talenten angesagten Nashville, Tennessee („howdy.“), wo sie seit 2021 die meiste Zeit mit dem Schreiben und Produzieren von Musik für ihr Künstlerprojekt corook verbringt und sich dafür nur allzu gern allein in ihrem Zimmer einschließt (und dafür in jüngster Vergangenheit dem Coronavirus die Schuld zuschob, aber eigentlich wohl einfach nur ihrer asozialen Ader frönt). Als corook ließ Savage etwa unlängst, im April, ihre Debüt-EP „achoo!“ hören, welche einige ihrer Lustige-Musikvieos-trifft-auf-Hintersinn-Songs bündelt.

Nun hat die vielseitige US-Künstlerin ihre emotional verletzliche und tröstliche neue Single „it’s ok!“ veröffentlicht. Als „Schlaflied für Erwachsene“, an Tagen, an denen einem einfach alles im Leben zu viel wird, erinnert das Stück die Hörer*innen daran, dass es total okay ist, nicht den Erwartungen und Normen zu entsprechen und ab und an Tage zu haben, an denen es einem bereits schwer fällt, aus dem Bett zu kommen, weil sich einfach alles überwältigend anfühlt. Mental Health und Body Positivity im unterhaltsam-eingängigen Drei-Minuten-Popsong-Format? Funktioniert hier tatsächlich bestens!

„Ich habe diesen Song mit der Absicht geschrieben, ein Schlaflied für mich selbst zu schaffen“, erzählt Corinne „corook“ Savage. „Einen Song für die Tage, an denen es mir schwerfällt, aus dem Bett zu kommen oder wenn meine Sorgen den Tag beherrschen. Als ich einen Clip von diesem Song auf TikTok gepostet habe, war ich mir nicht sicher, was mich erwarten würde. Ich glaube, die interessanteste Reaktion war die Anzahl der Leute, die sich selbst im Bett beim Singen des Liedes gefilmt haben. Es fühlte sich wie ein wirklich einfaches, aber bedeutungsvolles Zeichen der Solidarität an, nach dem Motto ‚Ja, das mache ich auch‘. Als ich diese Videos sah, fühlte ich mich mit diesem Gefühl nicht mehr so allein. Ich hoffe, dass dieser Song eine Erinnerung daran ist, dass die einzige Aufgabe des Tages darin besteht, das zu tun, was man kann, und sich selbst zu gefallen.“

Wie mit den Songs zuvor kreiert corook bei „it’s ok!“ einen ganz eigenen, unbestreitbar genresprengenden Sound, und behandelt in ihrer Musik und ihren Bildern obendrein zutiefst persönliche Themen durch ihre ebenso einzigartige wie schrullige und humorvolle Linse.

„Hey hey – it’s ok
Everybody feels kinda weird some days
Hey hey – it’s ok
Everybody feels kinda weird

I should get up outta bed, I should probably drink some water
I should, I should, I should
But I know that I’m not gonna
Do the things statistically that make me feel better
Get outside and out my mind, I know I’ll feel better
Scrolling, scrolling, scrolling through the videos and pictures
Scrolling, scrolling, scrolling like my eyes are drinking liquor
Feeling overstimulated, maybe it’s a sign
If I’m here any longer, I’ll get tan lines from the brightness
Nothing’s really wrong yet
Nothing’s really wrong yet
Nothing’s really wrong

Hey hey – it’s ok
Everybody feels kinda weird some days
Hey hey – it’s ok
Everybody feels kinda weird some days
You don’t have to try to please nobody
You just gotta try to please your own body
Hey hey – it’s ok
Everybody feels kinda weird some days

Na na na na na na na
Na na na na na na na
Na na na na na na na

Ok, ok, ok, I got banana socks on like could I get any cuter
Grab a cup of tea and I walk to the computer
Oh, you’re fucking kidding me – another school shooter?
Suddenly I’m cripple by the chances of my future
A parade or a concert or a theatre or a school
Can’t prove I’m any safer in the comfort of my room
Somewhere in Malaysia there’s a plane that disappeared

And no one talks about it and I think that’s pretty weird so
What if it was me?
My chances aren’t that far
What if the plane I take next week ends up where they are?
This isn’t making any sense and now I’m kinda spiraling
Take a deep breathe
And keep reminding

Hey hey – it’s ok
Everybody feels kinda weird some days
Hey hey – it’s ok
Everybody feels kinda weird some days
You don’t have to try to please nobody
You just gotta try to please your own body
Hey hey – it’s ok
Everybody feels kinda weird some days

Na na na na na na na
Na na na na na na na
Na na na na na na na

Nothing’s really wrong yet
Nothing’s really wrong yet
Nothing’s really wrong
Nothing’s really wrong yet
Nothing’s really wrong yet
Nothing’s really wrong“

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Lizzy McAlpine – five seconds flat (2022)

-erschienen bei HARBOUR ARTISTS & MUSIC-

„Ich möchte meinen Fans mit jeder Platte etwas anderes bieten, denn ich bin mit jeder Platte anders“, sagt Lizzy McAlpine über ihr zweites, im April erschienenes Album „five seconds flat„. Klar, Worte wie diese muten zwar zunächst wie eine nur allzu oft gelesene Allerweltsphrase an, bedeuten jedoch musikalisch: weg von klassischen, reduzierten Schlafzimmer-Songwriter-Stücken und hin zu etwas größer gedachten wie arrangiertem Pop, E-Gitarren und elektronischen Sounds. Nur der Herzschmerz, den manch eine(r) schon von ihrem 2020er Debüt „Give Me A Minute“ oder der 2021 veröffentlichten „When The World Stopped Moving: The Live EP“ kannte (und im besten Fall gar liebte), bleibt auch 2022 ganz und gar derselbe.

Elizabeth Catherine „Lizzy“ McAlpine, Jahrgang 1999, stammt aus einem Vorort von Philadelphia, Pennsylvania und die Musik übt – ja, noch so eine Allerweltsphrase – schon lange eine Faszination auf sie aus – im Grunde bereits, seit sie groß genug war, um auf dem Klavier ihrer Großeltern herumzuhämmern. Es dauerte nicht lange, bis ihre unkoordinierten Experimente klarere Strukturen annahmen und das Nachwuchstalent seine Kompositionen und Coverversionen auf Soundcloud und YouTube teilte. Mit ihren bisher über 150 Millionen Streams (insgesamt auf allen Plattformen) konnte sich McAlpine in den sozialen Medien so sogar die Unterstützung von Musik-Größen wie Shawn Mendez, Phoebe Bridgers, dodie, Lennon Stella oder FINNEAS sichern. Letzterer, seines Zeichens ja der Bruder und kongeniale Songwriting-Partner von Billie Eilish, hat mit dem von ihm mitgeschriebenen Song „hate to be lame“ sogar ein Feature auf dem aktuellen Album. 

Und auch wenn „five seconds flat“, zu dem obendrein ein sehenswerter 30-minütiger Kurzfilm entstand, bei welchem Gus Black (der ja in der Vergangenheit ebenfalls als Musiker in Erscheinung trat) Regie führte, weder einen Preis für große Innovationskunst gewinnen mag noch wird, klingen die 14 Songs der Platte, welche hauptsächlich von Philip Etherington (der damals ihr Kommilitone auf dem Berklee College of Music war) und Ehren Ebbage produziert und in Eugene, Oregon sowie im The Laundry Pile in Los Angeles aufgenommen wurden, deutlich selbstbewusster und abwechslungsreicher als die der Vorgänger, liefern im besten Sinne eine Dreiviertelstunde gelungene Singer/Songwriter-Pop-Unterhaltung, die im ein oder anderen Moment durchaus spannende Akzente zu setzen weiß. Thematisch drehen sich die Stücke nach wie vor um die zwischen Feinfühligkeit und Nostalgie pendelnde Reflexion gescheiterter Beziehungen, um das Erwachsenwerden einer Anfangszwanzigerin sowie um nachdenklich-depressive, jederzeit intime Gefühlswelten – da bleibt sich McAlpine treu. Ausreichend Veränderung also, ohne das Gewohnte über Bord zu werfen? So mag man’s sehen – und der Newcomerin zugute halten, dass auch dies etwas ist, das nicht viele so gut hinbekommen. Lizzy McAlpine gelingt dieser Spagatschritt – und damit auch das oft schwierige zweite Album – nahezu spielend. Und eine bessere Geschichtenerzählerin wird man in diesem Jahr in gefälligen Pop-Gefilden lange suchen…

Hier lässt Lizzy McApline eine eigene „My Soundtrack“-Playlist mit Künstler*innen, welche die Stücke von „five seconds flat“ beeinflusst haben, hören…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Cheekface – „Original Composition“


„Katastrophal“ ist wohlmöglich nicht das einzige, jedoch eines der passendsten Attribute, welche den US-Indie-Musiker*innen von Cheekface zum Zustand unserer Welt gerade einfallen. Spätestens seit den US-Präsidentschaftswahlen 2016 scheint alles haltlos auseinander zu fallen und jeder Tag bringt schiere Wagenladungen neuer Horrorszenarien, mit denen wir alle uns abfinden müssen. Angesichts dieser Ausgangslage blieb Greg Katz, Amanda Tannen und Mark Edwards quasi gar nichts anderes übrig, als inmitten all dieser Destruktivität etwas Neues zu kreieren…

So entstand im Jahr 2017 die Band. Kurz darauf folgten 2019 das erste Album „Therapy Island“ und ein paar wilde Konzerte, bevor das Los-Angeles-Trio 2021 mit „Empathically No.“ das zweite Langspielwerk folgen ließ. „Aufgrund persönlicher Gründe habe ich in der Therapiestunde gar nichts gesagt, wir haben einfach gelacht und gelacht und gelacht.“, erzählsprechsingt Greg Katz in „Everything Is Normal“, ein Zitat, welches den fatalistischen Blick von Cheekface auf die Welt perfekt einzufangen scheint. Die dazugehörige Musik der Band ist minimalistisch und lässt Einflüsse aus Post Punk, US-Nineties-Lo-Fi-Rock und vielleicht auch Antifolk erkennen; simple Drumbeats, quirlige Gitarrenlicks und weit im Vordergrund stehende Bassläufe sind die Bausteine ihres Sounds. Der Fokus liegt dafür weitgehend auf den Stream-of-Consciousness-Texten, die Sänger und Gitarrist Katz herunterbetet. Obwohl: Von „Singen“ kann man kaum schreiben, vielmehr bricht in den Songs, welche selten an der Drei-Minuten-Marke kratzen, ein schier endloser, monotoner Schwall an Worten auf das geneigte Paar Hörerohren nieder und es braucht schon etwas Zeit, sich daran zu gewöhnen. Sobald dies jedoch geschehen ist, tönt das alles ähnlich kurzweilig und großartig wie weiland bei Eddie Argos und seinen spinnert-genialen Lads von Art Brut.

Und wie es sich für einen amtlichen Stream of Consciousness gehört, sind die Themen recht mannigfaltig. „Sie wollen unsere Aufmerksamkeit 24 Stunden am Tag? Da ist der Widerstand ganz leicht, ruf einfach mal deine Mutter an“, schlägt Katz etwa im angemessen betitelten Song „Call Your Mom“ als Lösung vor. Könnte ja schließlich den Einfluss faschistischer Regierungen auf an Aufmerksamkeitsdefiziten leidende Leute verbringen… „Emotional Rent Control“ wiederum besingt den Zustand unseres Innenlebens: „Ich bin jung, blöd und voller psychotherapeutischer Drogen. Es geht mir gut, aber ich bin sicher, dass auch das wieder vorüber gehen wird.“ Von kleinen persönlichen Widerständen in „Listen To Your Heart. No!“ bis hin zu harscher Kritik an geopolitischen Problemen der heutigen Zeit in „Original Composition“ ist hier quasi alles dabei. Dass die Musik auf das Nötigste reduziert wird ist dienlich, denn jeder der dreizehn Songs von „Empathically No.“ ist durchaus eingängig und versetzt die Zuhörerschaft in einen wohligen Zustand gleichgültiger Gutmütigkeit. Comfortably numb.

Cheekface sind aus vielerlei Gründen eine eher aussergewöhnliche Band. Nahezu alles, was das Trio vom Musikalischen über die Coverartworks (für welche sich Bassistin Amanda Tannen verantwortlich zeichnet) und die Musikvideos anpackt, wirkt so Indie und DIY wie nur irgendwie möglich – und gerade deshalb merkt man, dass hier sehr viel Liebe zum Detail drinsteckt. Die Musik (im Übrigen auch jene, die es auf dem dieser Tage als Surprise-Release veröffentlichten dritten Album „Too Much To Ask“ zu hören gibt) ist und stimmt im Gros überbordend fröhlich, die lakonische Art und Weise, in der die ebenso dadaistischen wie tiefgründigen Texte vorgetragen werden, stellt gleichzeitig klar, dass man hier keiner nichtssagenden 0815-Truppe zuhört. Cheekface sind darum keine Band für Jedermann/-frau, denn es erfordert durchaus etwas Aufmerksamkeit, um wirklich in die Tiefe ihrer Kurz-und-knackig-Stücke einzutauchen. Viel zu entdecken gibt es in jedem Fall und trotz der eher fatalistisch-tristen Inhalte sind Cheekface schließlich in erster Linie eine Gute-Laune-Band. Und von denen, sehr verehrte Ladies und Gentlemänner, können wir derzeit so viele wie nur irgendwie möglich gebrauchen…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Brimheim – „hey amanda“


Als geneigter Sportsfreund nimmt man die Färöer im Grunde lediglich dann hin und wieder wahr, wenn ihre Fußball-Nationalmannschaft, die derzeit einen stattlichen 125. Platz der FIFA-Weltrangliste belegt, alle paar Jahre eine ordentliche Klatsche von einer der großen Ballsportnationen bekommt. Im krassen Kontrast zu diesen hypermaskulinen Duellen, in denen sich 22 Männer wie in einem modernen David-gegen-Goliath-Gladiatorenkampf begegnen, steht mit Teitur Lassen das bislang wohl bekannteste Kind der Inseln, wenngleich der 45-jährige Musiker, der seinen Nachnamen der Einfachheit halber gleich zu Karrierebeginn unter den Singer/Songrwriter-Schemel fallen ließ, mit seiner sanften Stimme eher pazifistische Engel über den Vulkanstein denn Bälle per Seitfallzieher ins Tor hüpfen lässt. Und dann ist da neuerdings auch Helena Heinesen Rebensdorff aka. Brimheim, die zwar eine ebenso zauberhafte Stimme hat, aber für ein Musikvideo zu ihrem im Januar erschienenen Debütalbum „can’t hate myself into a different shape“ in eine Ritterrüstung schlüpft und gewalttätig ihre martialischen Herr-der-Ringe-Fantasien auslebt. Keine Frage: Jene Dame dürfte aktuell die beste Neuigkeit sein, die es von der Inselgruppe mit ihren gerade einmal knapp 54.000 Einwohnern zu hören gibt.

Denn die verschleierten Indie-Stücke der dänisch-färöischen Sängerin, deren Mutter auf den Färöern ebenfalls keine Unbekannte zu sein scheint, tönen von der ersten Sekunde an recht interessant, in ihren besten Momenten gar beeindruckend. Zur Eröffnung offenbart uns die Protagonistin dezent unumwunden „heaven help me i’ve gone crazy“ – nicht, dass sie uns am Ende nicht gewarnt hätte. Dabei präsentieren sich die elf Stücke inhaltlich alles andere als als kryptische Schriftrollen, die erst übersetzt werden müssen. Ganz im Gegenteil sind Rebensdorffs Texte meist nahbar und direkt, sodass man sich oft genug bestens in sie hineinversetzen kann. Verrückt ist sie sich wahrscheinlich selbst vorgekommen, denn der beeindruckende Spagat aus schmerzhaftem Reflektieren und kraftvoller Ermächtigung mag durchaus zur Tour de Force geraten. „can’t hate myself into a different shape“ schildert in dezidiert therapeutisch angelegten Selbstfindungs-Skizzen die Auseinandersetzung mit der eigenen Queerness, der Liebe in einer Gesellschaft, die sie auch im Jahr 2022 leider noch nicht immer und überall ermöglicht wird, und der mentalen Gesundheit, die schlussendlich von all den Widerständen in die Knie gezwungen werden kann. Ja, diesem Album hört man die Resilienz an, die nötig war, damit es entstehen konnte.

Mit Zeilen wie „I’ve never tried harder not to be myself“ beschreibt sie das ungesunde Versteckspiel ihrer selbst schon im herausragenden Titelsong. Während „hey amanda“ die platonische Liebe zur titelgebenden Jugendfreundin feiert und „favorite day of the week“ ordentlich Ohrwurm-Potential besitzt, verzweifelt sie in „baleen feeder“: „I wish I didn’t care what you think of me“. Und während andere nicht zu sehen scheinen, wie hart sie an sich arbeitet, schafft sie es sich immer noch selbst zu versichern: „I am not a burden“. Der Kampf ist allgegenwärtig – auch in der Musik. Denn die Klagerufe geben sich im ersten Moment gerne zart, bauen sich behutsam auf, um dann mit einem Hieb der Zurückhaltung hinterrücks den Kopf abzuschlagen. Gitarren treffen auf Synthieflächen, das Schlagzeug biegt mit fast schon frechem Pomp ums Eck, der Bass weiß gar nicht, wo er sich zuerst anschmiegen soll. „can’t hate myself into a different shape“ tönt wie das wie das uneheliche Kind von Florence Welch und PJ Harvey, ist zu gleichen Teilen aufrichtig und verletzlich und voller toller Ideen, was nicht verwunderlich ist, liest man doch aus Interviews mit Helena Heinesen Rebensdorff oft genug bereits ein ordentliches Nerdtum in Bezug auf Produktion raus.

Der Indie Rock von Brimheim, was passenderweise übrigens ungefähr so viel heißt wie „Heimat der brechenden Wellen“, weckt mit seiner Dringlichkeit und Energie außerdem Assoziationen zu Kolleginnen wie Torres, zu Hurray For The Riff Raff, zu Emma Ruth Rundle, zu Sharon van Etten – und somit zu Musik, mit und in der etwas gesagt wird. Kraft und Zerbrechlichkeit, Nachdenklichkeit und Eingängigkeit sind auf diesem Album nicht zwangsläufig Widersprüche. „hurting me for fun“ will es zum Abschluss noch mal so richtig wissen, setzt nach sanfter Introspektive auf pochende Beats und stampft mit verzerrtem Schlagzeug von dannen – aber sicher nur, um sich nach dieser Herkulesaufgabe von einem Langspieler eine wohlverdiente Auszeit in Brimheims Wohnort Kopenhagen zu gönnen. In der Zwischenzeit könnte sie dann auch einfach der neue Exportschlager der Färoer werden – verdient wäre es allemal.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Dylan John Thomas


Foto: Promo / Jay Davison

Da hat der eine schottische Troubadour-Klampfen-Senkrechtstarter – Gerry Cinnamon ist gemeint, dessen tolles zweites Album „The Bonny“ es in ANEWFRIENDs liebste Alben des Musikjahres schaffte – noch nicht einmal zum verdienten formvollendeten Triumphzug auf der anderen Seite des Ärmelkanals ansetzen dürfen, und schon kommt der nächste talentierte Newcomer aus der Homebase der Highlander, von Nessie und Schottenkaros ums Eck, um quasi in die Fusstapfen von Cinnamon, Lewis Capaldi oder diesem Shantys singenden „Wellerman„-Postboten zu treten…

Und während er hierzulande noch beinahe völlig unbekannt ist, sorgt Dylan John Thomas im heimischen Schottland spätestens seit dem vergangenen Jahr für durchaus beachtliche Erfolge. Seit seinen ersten, 2019 veröffentlichten Songs hat sich der 24-jährige aufstrebende Singer/Songwriter aus Glasgow, der – wohl mit einem Übermaß an Weitsicht auf dem Boden des Pints – nach einem gewissen Bob Dylan benannt wurde, durch Aufritte als Straßenmusiker oder bei Open-Mic-Abenden eine ebenso treue wie organisch gewachsene Fangemeinde erspielt, die unter anderem dafür sorgte, dass er das über Indie-Kreise hinaus renommierte King Tut’s in Glasgow schneller ausverkaufte als jeder andere schottische Debütant in der Geschichte des Clubs (zudem war auch die Show im kaum weniger angesagten Barrowlands im April diesen Jahres bereits Monate im Voraus ausverkauft). Wer frühe Stücke wie „Nobody Else“ oder „Problems“ hört, den dürfte kaum verwundern, dass auch Gerry Cinnamon selbst, der sowohl stimmlich als auch musikalisch glatt als sein älterer Bruder durchgehen könnte, auf Thomas aufmerksam wurde und sich ihm als Mentor anbot. Mittlerweile zählen neben Sam Fender auch Liam und Noel Gallagher zu seinen prominenten Fans. Ersterer lud Thomas höchstpersönlich dazu ein, eine seiner Shows im Vorprogramm zu eröffnen, mit dem anderen Ex-Oasis-Bruder wird er in Kürze auf der Bühne stehen – schon eine Leistung für sich, beide Gallaghers, die sich ja sonst lediglich beim Hochjubeln ihrer Frau Mama und Manchester City einig sind, von sich zu überzeugen. Und umso beachtlicher, wenn man weiß, dass Dylan John Thomas in einer Pflegefamilie aufwuchs und einst im Alter von 13 Jahren seine ersten Fingerübungen auf einer billigen Flohmarkt-Gitarre machte…

Zu alldem dürften vor allem die Songs seiner im vergangenen Herbst veröffentlichten selbstbetitelten Debüt-EP beigetragen haben, die schnell bei BBC Introducing, Radio X oder 6 Music einiges an Radio-Airplay ergatterten und noch schneller mehr als drei Millionen Streams erreichten. Und weil man Hype-Eisen schmieden sollte, solange sie noch heiß sind, legte der Schotten-Newcomer bereits im April mit der Single „Fever“ nach, welche Teil und der erste Vorbote seiner kommenden EP sein soll. Die gemeinsam mit Rich Turvey (Blossoms, The Coral) geschriebene und produzierte fluffig-flotte Drei-Minuten-Nummer versprüht in bester Gerry-Cinnamon-Manier sofort einen überschwänglichen Funken, der zeigt, warum Thomas vielerwebs aktuell als „heißester Scheiß der schottischen Musikszene“ gefeiert wird. Mit feinem Gespür für Hooklines und songwriterische Kniffe, (s)einem breiten Glaswegian Akzent sowie seiner authentischen und nahezu unverwechselbaren Stimme (die man eben lediglich mit Cinnamon verwechseln könnte) liefert er beinahe vor unbeschwerter Positivität übersprudelnde Textzeilen, die einerseits zu den aktuellen Sommermonaten mit ihren heißen Temperaturen, langen Abenden und – hoffentlich – maximal vielen Konzerterlebnissen passen, zum anderen im besten Sinne von dem restlichen – pardon my French – verrückten Scheiß, der aktuell in der Welt da draußen vor sich geht, ablenken: „If time is a healer, find me the dealer…“ Dieses freudige Gefühl wird durch die rohe Live-Instrumentierung um ihn herum unterstützt, die vor allem aus luftiger Akustikgitarre und beschwingter perkussiver Energie besteht.

Kein Wunder also, dass auch Dylan John Thomas mit einiger Vorfreude zurück auf die Aufnahmen und hinaus auf die sommerlichen Festival-Bühnen blickt: „Ich habe es wirklich genossen, wieder im Studio zu sein. Ich brenne darauf, neue Songs für den Sommer herauszubringen und sie auf Festivals zu spielen. Auf der letzten Tour habe ich ‚Fever‘ bereits ein paar Mal gespielt und es kam gut an. Ich kann es also kaum erwarten, den Song bei den kommenden Shows zu spielen…“

Hier gibt’s „Fever“…

…die vier Songs der selbstbetitelten 2021 Debüt-EP…

…sowie Dylan John Thomas‘ gut 20-minütigen Auftritt beim TRNSMT-Festival 2021 für Augen und Ohren:

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Henry Jamison – The Years (2022)

-erschienen bei Color Study/Ultra-

Im Englischen gibt es das wunderbare Wort „sophisticated“, das sich in seiner Ergiebigkeit nicht so leicht ins Deutsche übersetzen lässt. Meint man es gut, beschreibt es etwas Anspruchsvolles, etwas Schlaues. Doch genauso gut kann es im weiteren Sinne prätentiöses Verhalten bezeichnen. Henry Jamison ist mit seinen dezent verkopften Folk-Oden vornehmlich hart an der Grenze zwischen den beiden Bedeutungen unterwegs – und steht auf seinem dritten Langspieler „The Years“ trotzdem wieder auf der besseren Seite.

Dabei passiert in den gut 32 Minuten gar nicht so viel Neues, schaut man sich die zwar (noch) recht übersichtliche, jedoch bislang vollumfänglich tolle Diskografie des Indie-Folk-Musikers aus dem US-amerikanischen Vermont im Vergleich an. Ebenso lohnenswert erscheint auch ein Blick auf Jamisons Familienhistorie, bei der – bei aller Phrasendrescherei – eines schnell klar wird: der passionierte Leisetreter wurde scheinbar geboren, um Songs zu schreiben. Auf der einen Seite ist da sein Vater, ein klassischer Komponist, auf der anderen Seite seine Mutter, eine Englischlehrerin, die ihn stets inspiriert und ermutigt hat. Und wenn man einen weiteren, tieferen Blick auf den Stammbaum der Familie Jamison wirft, fallen noch weitere Namen auf: George Frederick Rood etwa, einer der populärsten Songwriter der Bürgerkriegszeit im 19. Jahrhundert oder auch Dichter John Gower, der bekanntlich ein Freund von Geoffrey Chaucer und Richard II. war. Doch genug des Geschichtsexkurses.

Jedenfalls es mit diesem Wissen im Hinterkopfgepäck keineswegs verwunderlich, dass Henry Jamison bereits mit seinem durchaus beeindruckenden, 2017 veröffentlichten Debütalbum „The Wilds“ beweisen konnte, dass er ein bemerkenswerter Geschichtenerzähler ist, dem es gelingt, seine Erzählungen und Alltagsbeobachtungen in Liedform zu bringen. Zarte Klänge seiner Akustikgitarre und seines Banjos mit programmierten Percussion-Loops und Synthesizern vereinend, setzt  sich der Singer/Songwriter in seiner Musik mit den Unstimmigkeiten des modernen Lebens auseinander, während er sich gleichzeitig bemüht, die Konflikte zwischen unserem inneren und äußeren Selbst, der natürlichen Umgebung und der von uns konstruierten Gesellschaft in Einklang zu bringen. Wer Vergleiche zu Bon Iver oder zu Death Cab For Cutie-Frontmann Benjamin Gibbard anstellt, der an einem lauschigen Spätsommerabend seine liebsten Sufjan-Stevens-Oden einer Coverbehandlung unterzieht, liegt damit wohl gar nicht so falsch.

Nachdem die Songs des Debüts mehr als 100 Millionen Mal auf Spotify und Co. gestreamt wurden und Henry Jamison als „visueller Textdichter“ gelobt wurde, der Musik schreibt, die „wie ein Traum klingt, der Gestalt annimmt“ (Consequence of Sound), erschien im Februar 2019 „Gloria Duplex“, das zweite Album des Solokünstlers. Jamison geht auf diesem unter anderem der Frage nach, was es in der heutigen Welt bedeutet, ein Mann zu sein, und nimmt Teil am öffentlichen Diskurs über toxische Maskulinität, ohne dabei von Oben herab zu predigen. Das „Atwood Magazine“ beschreibt seine Herangehensweise wie folgt: „Indem er seine eigene Abgestumpftheit und seine Unzulänglichkeit zugibt, öffnet er eine Tür für alle Männer. Er zwingt sie nicht, alles aufzugeben, was sie über ihr eigenes Geschlecht wissen, sondern zu überlegen, wie schädlich es sein kann – und wie einfach es gleichzeitig sein könnte, einfach damit zu beginnen, es zu versuchen.“

Nach der Irgendwie-doch-nicht-Break-up-EP „Tourism“ von 2020 ist es nun, auf „The Years“, nicht mehr der Liebeskummer, der auf den Kopf zu stürzen und alles mit sich zu reißen droht, dafür jedoch eine ordentliche Portion Weltschmerz. Am schärfsten sticht die Erkenntnisklinge im Titelsong ins Herz, wenn Jamison ganz nüchtern und un-sophisticated konstatiert: „Time flies, even when we’re not having any fun“. Ein bisschen mehr ums Eck denkt dagegen „Fanfare“, das die Absurdität der Akademiker*innenlaufbahn verhandelt. Mit seinem „degree in hypocrisy“ imitiert der Musiker im ausstaffiertesten Stück des Albums onomatopoetisch Fanfaren, die keineswegs grundlos nach „doom d-d-doom“ tönen.

Meistens besteht der Unterbau auf „The Years“, bei welchem Jamison neben Produzent Doug Schadt (Maggie Rogers, Claud) und Langzeit-Kollaborateur Thomas „Doveman“ Bartlett (Florence and the Machine, Sufjan Stevens) auch Komponist Nico Muhly (Adele, Björk) mit Rat und Tat zur Seite standen, aus der bekannten Melange von Klavier, Gitarre und (s)einem sachten, ja beinahe schmächtigen Gesang, der sich genauso bezaubernd wie beunruhigend wie ein Ascheregen sanft auf allem sowie in den geneigten Gehörgängen ausbreitet. Etwas Schlagzeug schleicht sich nur gelegentlich in die Szenerie und verstohlen lassen sich im Hintergrund immer wieder andere Instrumente erahnen, halten sich jedoch bedacht und vorsichtig im Schatten. Einzig die britische Sängerin Maisie Peters sticht auf dem Duett „Make It Out“ auffallend positiv heraus. Das passt zu einem Album, auf dem – zumindest zwischen den Zeilen – viel getrauert wird und welches spontanen Stimmungsschwankungen unterlegen ist, die wiederum zwischen gleichgültigem Optimismus und zynischem Pessimismus pendeln. Besonders spürbar ist das im letzten Song der Platte: „Middle Name“ zeigt Jamisons feine Lyrik in Topform, wenn er ganz natürlich tonlose TV-Spots für Zuckerwasser und die biblische Meeresteilung in einem Diorama in New England platziert – und das nur wegen des bedeutungsschwangeren zweiten Vornamens Moses.

Wer denn unbedingt nach Krittelei sucht, darf monieren, dass „The Years“ – freilich auf hohem Niveau- etwas der Überraschungsmoment abgeht. Andererseits entscheidet man – je nach eigenem Gusto – bei einem leisetretenden Troubadour wie Henry Jamison ohnehin ziemlich schnell, ob man das alles nun fein nuanciert und clever oder in seiner Attitüde ein bisschen weinerlich und too much findet. Und natürlich hat der US-Musiker auch mit (und auf) seinem dritten Langspieler keinen neuen musikalischen Kontinent entdeckt, den er jetzt erst einmal erkunden muss, er verlässt sich auf zuvor Kartografiertes. Schaden tut es dieser sanften, im besten Sinne einlullenden Folk-Pop-Platte nicht, aber vielleicht, vielleicht wagt er nächstes Mal sogar noch ein bisschen mehr – auch auf die Gefahr hin, dass irgendjemand ihn dann „sophisticated“ nennt und es böse meint…

Rock and Roll.

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