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Song des Tages: Ziggy Alberts – „Laps Around The Sun“


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Jau, klar – Surfer-Lookelike-Barden, die mal eben sprichwörtlich das Brett aus der Hand und die Akustik-Klampfe in selbige nehmen, gibt es (nicht erst) seit Jack Johnson, Ben Howard, Matt Costa oder James Bay wie *hust* den Sand am Meer. Da mag Ziggy Alberts zwar nur ein weiterer – zwar feiner, jedoch auf den ersten Höreindruck hin verzichtbarer – Name in dieser Liste sein. Aber: es lohnt dennoch, dem Australier zuzuhören.

laps-around-the-sunAus der Biografie des Mittzwanzigers aus dem australischen Byron Bay liest man zunächst einmal reichlich sandiges Bildbuch-Klischee heraus: Aufgewachsen mit Hippie-Eltern, home-schooled, ewig mit dem klapprigen Van unterwegs, der stets irgendwo im australischen Nirgendwo sowie – natürlich – ganz nah am Ozean geparkt stand. Recht früh das Surfen für sich entdeckt (klar: Australien! Sonne! Hippietum! Da machste wohl kaum etwas anders…), danach die Musik am Lagerfeuer auf der Akustischen. Weltbekannten Mucker-Surferdudes wie Jack Johnson nacheifern und Dank YouTube, Spotify und Co. schnell Millionen von Klicks sammeln. Die ersten Veröffentlichungen („Made Of Water“ von 2013, „Land & Sea“ von 2014 und die „Four Feet In The Forest EP“ von 2016) sowie kleinere und größere Tourneen durchs heimische Down Under sowie Europa (im vergangenen Jahr) vergrößern die – nicht selten weibliche – Fanbase, die dem lässigen Sunnyboy mit der (inzwischen wohl abgeschorenen) blonden Wallemähne jede Songzeile von den Dreitagebart-Lippen abliest. Die Themen? Neben dem üblichen Pop-Repertoire wie Liebe, Kindheit und Jugend interessiert Ziggy (der seinem Namen wohl, der Plattensammlung seiner Eltern sei Dank, von David Bowies Kunstfigur „Ziggy Stardust“ bekommen haben dürfte) vor allem die bedrohte Umwelt. Geschichten vom Land und von der See eben – mit Sinn, Verstand und einer Extraportion lässigem Herz.

Essentiell – oder vor allem neu – mag all das kaum sein. Ebenso wenig frei vom ewig gleichen Suferboy-Klischee. Aber, wie das „Reeperbahn Festival“ unlängst so treffend schrieb: „Ziggy Alberts schreibt Musik, die die Welt in ihrem derzeitigen Aufruhr bitter nötig hat.“ Acoustic Coastal Folk für die letzten warmen Sonnenstrahlen des (Musik)Jahres. Lohnt sich.

 

Der Song „Laps Around The Sun“ stammt von Ziggy Alberts‘ im November erscheinenden neuen Album selben Titels. Und widmet sich in Bild und Ton – schließlich ist der Australier ja passionierter Surfer und Umweltaktivist – einem von Alberts‘ Herzensthemen: der Verschmutzung unserer Ozeane durch Plastikmüll.

Der Künstler zum Musikvideo: „70% of the Earth’s oxygen is produced by marine plants & microorganisms. The world’s oceans provide most the air you and I will breathe in this lifetime. Let’s learn, be curious, and find out how each of us can take care of it, as it takes care of us.“

 

„Do you see the ways that we’ve grown apart
I don’t like it at all
Do you see the ways that we have gone too far
Drifting off of our course
And do you see the ways that we
Let plastic cover the ocean like snow
But snow it always melts
With the seasons change and the summer’s up
Amongst cold water warm as all before
Oh, how much there’s left to burn

Lately I’ve been worried
I don’t know where to it is that I do belong
Lately I’ve been too busy to smell the bottle brush
Just chasing laps around the sun
And I sat here and cried, salt running from my eyes
Just wondering how the fuck will I end up with you
And you just laugh and smile
Shake your head and remind me that
All good things can come true
Oh, how much is left to learn

Do you see the ways that we have gone too far
We need now more than ever before
To come together put our differences apart
Stop drifting off of our course
Do you see the ways that we
Need our reef just like a trees along the shore
And if it knows to help, the half of what we breathe in for ourselves
Is out of sight and on the ocean floor
Oh, how much is left to learn

Lately I’ve been worried
I don’t know where to it is that I do belong
Lately I’ve been too busy to smell the bottle brush
Just chasing laps around the sun
And I sat here and cried, salt running from my eyes
Just wondering how the fuck will I end up with you
And you just laugh and smile
Shake your head and remind me that
All good things can come true
Oh, how much there’s left to learn
I said whoa-oh, how much there’s left to learn…“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Restorations – „Nonbeliever“


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Keine Frage, Restorations sind Halunken! Da kündigt die fünfköpfige Indierock-Band aus dem US-amerikanischen Philadelphia, Pennsylvania – nach immerhin vier Jahren Wartezeit – ihr neues Album an – und am Ende stehen schlappe sieben Songs und knapp 25 Minuten Spielzeit zu Buche… Die gute Nachricht: Das ist wohl beinahe das einzige, was man Restorations aktuell vorwerfen kann.

Ungeachtet des Eindrucks, dass sich Jon Loudon (Gesang, Gitarre), Dave Klyman (Gitarre),  Ben Pierce (Keyboard, Gitarre), Dan Zimmerman (Bass) und Jeff Meyers (Schlagzeug) anno 2018 und auf ihrem neuen Album „LP5000„, für das die Band – nach den Vorgängern „Restorations“ (2011), „LP2“ (2013) und zuletzt „LP3“ (2014) – die im Grunde simple Plattentitel-Chronologie um einen überhöhenden Wortwitz ergänzt, mehr denn je in die ehrsame Riege der kumpeligen, Karohemd tragenden Bartresen-Springsteen-Epigonen einreihen, verbucht das Quintett Vieles an Pluspunkten für sich, was Referenzbands wie The Gaslight Anthem, The Hold Steady, Hot Water Music, Jimmy Eat World oder den Get Up Kids mit den letzten Veröffentlichungen abhanden gekommen schien. Etwa: ein feines Näschen für die richtige Melodie und spannende Song-Idee.

restorations-lp5000Denn obwohl kaum eines der gerade mal sieben Stücke von „LP5000„, welches die Band erneut gemeinsam mit Langzeit-Produzent Jon Low (The National, Frightened Rabbit, The War On Drugs) in Hudson, NY aufnahm, höchstens annähernd die Vier-Minuten-Marke kratzt (einzig der ruhig startende und gen Ende mächtig Post-Rock-Fahrt aufnehmende Albumabschluss „Eye“ bildet hier die Ausnahme), ziehen sie den Hörer von Hördurchlauf zu Hördurchlauf immer weiter in ihren mal mehr, mal weniger laut rockenden Bann. Der flotte Einstieg „St.“ etwa, in dem Frontmann Jon Loudon mit seinem markant-rauen Gesangsorgan voller Emphase beteuert: „I’ll tell you what you already know: you can’t do this all on your own“. Oder das bereits vor einigen Wochen vorab veröffentlichte „The Red Door“ (nebst einem feinen Musikvideo, das die Geschichte von zwei Hunden erzählt, die in die Natur fliehen und ihre neu gewonnene Freiheit feiern), in dem Loudon die Gentrifizierung seiner Heimatstadt anprangert: „Philadelphia (und möglicherweise auch deine Stadt) verändert sich rapide. Ich frage mich, wo die Leute hingehen werden, wenn sie es sich in Zukunft nicht mehr leisten können, in diesen neuen Nachbarschaften zu leben. Diese ‚roten Türen‘ an all diesen Gebäuden erscheinen mir wie eine Art Warnschild,“ wunderte sich der Sänger kürzlich in diesem Interview bei NPR.

Eines der Highlights des – der Kürze zum Trotz – kaum an Glanzpunkten armen Albums dürfte jedoch zweifellos „Nonbeliever“ sein. Durchzogen von schwebenden Emorock-Gitarrenriffs und angetrieben von einem – im besten Sinne – fies ohrwurmigen Refrain, dreht sich der Song um verschiedene Fragen, die sich laut Sänger und Gitarrist Jon Loudon viele Menschen Mitte Dreißig stellen: „An welchen Ort soll man noch ziehen? In welcher Branche kann man noch arbeiten, die nicht zusammenbrechen wird? Welche Möglichkeiten sind da, die nicht zu schrecklich sind?“ – Allesamt berechtigte Fragen, mit denen der selbst 35-jährige Musiker kaum allein auf weiter Flur dastehen dürfte…

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Alles in allem gehen Restorations den Weg ihrer letzten Werke mit „LP5000“ (welches NPR aktuell bereits im Stream bietet) weiter und bieten all jenen, die mächtig Bock auf eine kurzweilige Melange aus Indierock (mit den Zehen im seligen Neunziger-College- und Emorock), hemdsärmeligem Punkrock, etwas modernem Grunge, einer Prise Postrock sowie Blues haben, eine musikalische Alternative zu all jenen weiter oben genannten Referenzbands. Und: Geht es nur mir so, oder werden speziell bei diesem Philly-Quintett satte Erinnerungen an Pela wach, die sich nach dem 2007 veröffentlichten (und noch immer sträflichst unbekannten) Debüt „Anytown Graffiti“ leider viel zu früh trennten, sowie vor allem „Rise Ye Sunken Ships„, den darauf folgenden Erstling von We Are Augustines, der Pela-Nachfolgeband, die sich wenig später in Augustines umbenannte, nur um 2016 (und zwei weiteren Alben) vorerst ebenfalls die musikalischen Segel zu streichen? Schließlich sind raue Reibeisen-Gemeinsamkeiten bei den Stimmchen von Jon Loudon und Pela-/Augustines-Fronter William McCarthy kaum von der Hand zu weisen… Nevermind. Großartiges (Mini-)Album der Schlingel von Restorations, das in einer gerechten Musikwelt ausreichend Beachtung und den ein oder anderen vorderen Platz in der Jahresabschlussliste verdient hat – und, ganz nebenbei, eines der schönsten Albumcover-Artworks des Jahres stellt.

 

„Restorations have always been a band keenly aware of their surroundings and LP5000 is just that: Seven songs written and recorded during a time of transition. It’s a record about displacement. It’s about feeling complacent and coming to the sudden realization that maybe things aren’t as solid as they’d seemed—in politics, in personal relationships, and in the different corners of their hometown of Philadelphia. It’s about knowing now that if you don’t constantly work 24/7 to keep things together, they can easily fall apart. One long, sustained ‚Oh, fuck.'“

 

 

„This working thing just ain’t working for you
You just refresh the news and repeat it again
Said you’ve found the trick: just be bad at your job
If you burn all the fries, they’re gonna make you the king

There you’ll find this nonbeliever
On their non-believing knees

Said you’re doing much better living out in L.A
Far away from your parents and the concerns of the day
And you think about all your friends from school
What they’re doing now
If they remember

There you’ll find this nonbeliever
On their non-believing knees
You’ll find this nonbeliever asking for anything

I love your protest lines
Oh, but who has the time?
We all saw the same thing at the same time, okay?
Got a partner for starters
And a kid on the way
Can’t be doing all this dumb shit no more

There you’ll find this nonbeliever
On their non-believing knees
You’ll find this nonbeliever asking for anything

There you’ll find this nonbeliever
On their non-believing knees
You’ll find this nonbeliever asking for anything
Asking for anything

And you’re running out of things to give away…“

 

EDITH: Das Album gibt es mittlerweile via Bandcamp in Gänze im Stream:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Theodor Shitstorm – „Rock’n’Roll“


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Was der Pressesprech(er) meint:

„Theodor Shitstorm wurde im Juli 2017 in Bosnien und Serbien geboren.

Theodors Eltern sind die Singer-Songwriterin Desiree Klaeukens und der Filmemacher Dietrich Brüggemann. Sie kennen sich seit einigen Jahren, er hat in ihr bereits eine Schauspielerin entdeckt, jetzt entdeckt sie in ihm den Musiker, und schon küsst die Muse die Muse. Also laden sie einen Laptop, eine Gitarre, ein Mikrofon und viele Kabel in einen steinalten Porsche und fahren in Richtung Balkan, wo die Sonne scheint und man bei Freunden übernachten kann. Doch schon am ersten Tag findet die Reise ein jähes Ende: Getriebeschaden in der Slowakei. Für einen Moment droht das ganze Unternehmen zu scheitern. Doch dann findet sich in Wien ein Autovermieter, der keine Fragen stellt, und die Reise geht in einem steinalten Golf weiter. Auf staubigen Straßen und in einer heißen Wohnung in Belgrad entstehen in den folgenden zwei Wochen Hymnen auf den Rock’n’Roll und den erweiterten Kunstbegriff, Klagelieder über die alte Tante BRD, absurde Schuldzuweisungen, Balladen für die Autobahn und zweistimmige Ratgeber für alle Lebenslagen.“

51MUKtsm-RL._SS500Beurteilt man „Sie werden dich lieben„, das am kommenden Freitag erscheinende Debüt von Theodor Shitstorm, anhand der ersten beiden Auskopplungen „Ratgeberlied“ und „Rock’n’Roll“, so bieten Desiree Klaeukens (deren eigenes, 2014 veröffentlichtes Debüt „Wenn die Nacht den Tag verdeckt“ noch immer sträflichst unbekannt scheint) und Dietrich Brüggemann (unter anderem für Filme wie „Renn, wenn du kannst“, „3 Zimmer/Küche/Bad“ oder zuletzt „Heil„, in dem denn auch Klaeukens eine kleinere Rolle hatte,  verantwortlich) dem geneigten Hörer elf Stücke, deren Songwriter-Indiepop warme Nebelschwaden durch den nahenden Herbst zieht, während anderswo noch genügend Platz für amüsante Songtitel wie „Mama, schick mir die Platten von Reinhard Mey“ bleibt. Und wer eine derart federleicht-lakonische Momentfeier wie „Rock’n’Roll“ abliefert, der darf  – offensichtlich schon allein des Titels wegen – auf diesem bescheidenen Blog keinesfalls fehlen…

 

 

Eben: Rock and Roll.

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Song des Tages: John Allen – „Raise Your Voice“


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John Allen. Allein schon seines Namens wegen würde man den Herrn irgendwo in englischsprachigen Musikgefilden verorten. Noch dazu wurde er, wie auch die Biografie seiner Homepage erwähnt, vor einigen Jahren durch den auf ewig grundsympathischen Kumpel-Pubrocker Frank Turner „entdeckt“, während in den Songs seiner bisherigen vier Alben (zuletzt erschien 2016 „Ghosts„) so ziemlich alle Querverweise auf düstere Storyteller von Bruce Springsteen über Tom Waits oder Nick Cave bis hin zu deren Wiedergängern wie The Gaslight Anthem, Counting Crows oder eben Frank Turner legitim erscheinen. So weit, so positiv tönend wie unspektakulär. John Allen kommt jedoch nicht aus Nashville, New York, Dublin oder London, sondern: Hamburg. Soll da mal einer behaupten, die Hansestadt-Nordlichter könnten keinen international konkurrenzfähigen heartfelt Roots-Rock

Das beweist auch „Raise Your Voice“, der musikalische Vorbote von Allens im November erscheinenden neustem Album „Friends & Other Strangers“. Erster Eindruck: rockt vier Minuten stabil mit Botschaft und Hintergedanken nach vorn. Viel wichtiger als der Song selbst sind jedoch – in diesem speziellen Fall und in der heutigen Zeit – die eindringlichen Worte, welche John Allen dem Stück nun via Facebook mit auf den Weg gibt. Und trotz der Ausführlichkeit seiner Song-Linernotes sollte man sich die Zeit nehmen, den Text zu lesen, ihn wirken zu lassen. Denn er ist wichtig und kommt von Herzen. Danke auch von mir hierfür. ♥

 

18425005_1561008163932900_2042472147620164515_n„Eigentlich mag ich es nicht, wenn Künstler zu viel Hintergrundinformationen zu ihren Songs preisgeben. ‚In dem Song geht es um das Gefühl, das man hat, …‘ bla bla bla. Vollkommen uninteressant. Warum ich so denke? Zum einen, weil ich die Vorstellung nicht mag, zum Deuter meines eigenen Werkes zu werden, zum anderen aber, was noch schwerer wiegt, weil ich es unverzeihlich fände, meinem Song die Mystik zu rauben und dem Hörer damit die Möglichkeit zu nehmen, sich selbst seine eigene Interpretation und Geschichte um den Song zu bauen. Zu spannend sind die Gespräche, in denen mir Menschen nach Shows erzählen, was ihnen die Songs bedeuten und wie sie diese verstehen. Manchmal decken sich ihre Ideen mit meinen, manches Mal entdecke ich eine neue Blickrichtung auf mein eigenes Lied.
All dies ändert sich hier und jetzt. Warum? Weil ‚Raise Your Voice‘ anders ist und eine andere Absicht verfolgt, aber dazu später mehr.

Lasst mich anders anfangen.

Wir sind an einem Punkt in der Geschichte angekommen, an dem Profitgier Menschen dazu veranlasst, auch den letzten Rest eines mehr als hundert Jahre alten Forstes zu roden, um auch noch das letzte Fünkchen Profit aus dem sterbenden Industriezweig Braunkohle herauszuschlagen. An dem die Politik sich selbst immer wieder eifrig Klimaziele setzt, dabei bedeutungsschwanger in Kameras lächelt, wohlwissend, dass der Klimawandel hinter dem Kapitalismus eben nur die zweite Geige spielt. Mit Natur lässt sich eben kein Geld verdienen.

Wir sind an einem Punkt in der Geschichte angekommen, an dem ein US Präsident Nazis als tolle Kerle bezeichnet, Afrika als ‚Scheißländer‘ tituliert, Frauen begrapscht und damit prahlt, und sich täglich neue Peinlichkeiten leistet. An dem eine Lüge nur dadurch zur Wahrheit wird, dass man sie scheinbar oft genug wiederholt. An dem alles zu Fake News wird, was nicht ins eigene Narrativ passt. Und an dem er dennoch den Rückhalt von beinahe der Hälfte seines Landes erhält.

Wir sind an einem Punkt in der Geschichte angekommen, an dem wir es als Gesellschaft zulassen, dass ein rechter Mob in Chemnitz Menschen jagt, Bürgerwehren gründet und ein Chef des Verfassungsschutzes, der diese Zustände leugnet, statt entlassen zu werden neuer Staatssekretär für innere Sicherheit wird.

Wir sind an einem Punkt in der Geschichte angekommen, an dem in ganz Europa rechtes Gedankengut langsam aber sicher wächst und Einzug in die Parlamente erhält. An einem Punkt, an dem mehr und mehr Menschen dies für gar keine so schlechte Idee halten. An einem Punkt, an dem selbst in Deutschland, keine 80 Jahre nach dem Holocaust, wieder offen fremdenfeindliche Politik gemacht werden darf und man von uns verlangt, dies im Namen der Demokratie zu tolerieren.

Wir sind an einem Punkt in der Geschichte angekommen, an dem wir allen ernstes öffentlich darüber diskutieren, ob man Menschen, die ertrinkenden Flüchtlingen im Mittelmeer das Leben retten den Prozeß machen sollte.

Wir sind an einem Punkt in der Geschichte angekommen, an dem für viele die Definition von Protest ist, einen Hashtag zu tweeten oder sein Profilbild zu ändern. Ein Punkt, an dem noch immer viel zu viele von uns zu faul oder zu degeneriert sind, zu Wahlen zu gehen, still hoffend, es werde sich schon alles von alleine regeln. Ein Punkt, an dem die Motivation sich politisch zu engagieren für viele genau dort endet, wo RTL und Pro7 beginnen. Ein Punkt, an dem die neue Folge vom Bachelor oder dem Dschungelcamp mit mehr Elan debattiert wird, als das Schicksal von tausenden Kriegsflüchtlingen. Ein Punkt, an dem wir nicht mehr erkennen wollen, dass Probleme nur mit Kommunikation zu lösen sind und wir uns nicht eingestehen können, schon lange verlernt zu haben, was es bedeutet offen und ehrlich zu kommunizieren. Ein Punkt an dem alle Konversation führen, einzig um uns bestätigt zu fühlen, nicht aber um die Gegenseite wirklich zu hören und zu verstehen, in der absoluten Sicherheit, die moralische Überlegenheit auf seiner Seite zu haben, auch weil alles, was nicht ins eigene Weltbild passt nicht stimmen darf. Wir sind angekommen an einem Punkt passiv-aggressiven Phlegmas, am Anbeginn des Endes der Demokratie.

Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem jeder Demokrat, Jeder, der ein Interesse am Fortbestehen von Humanität und ihren Werten hat, nicht mehr den Mund halten darf; an dem ’sich-seinen-Teil-denken‘ nicht mehr gut genug ist. An dem Jeder, der noch halbwegs bei Verstand ist, aufhören muss, immer einfachere Lösungen zu immer komplexeren Problemen zu suchen. Ein Punkt, an dem wir begreifen müssen, dass ein langer harter Weg vor uns liegt, ein Weg den wir gemeinsam beschreiten müssen, ohne zu vergessen, dass gemeinsam bedeutet, dass es nicht mehr gut genug ist, darauf zu hoffen, Andere mögen ihn beschreiten.

‚Raise Your Voice‘ ist ein Appell. Macht euren Mund auf. Schreit, tobt, zürnt. Mischt euch ein, macht Politik. Geht auf die Straße. Lest, lernt. Informiert euch. Steht denen zur Seite, die auf Hilfe angewiesen sind. Diskutiert mit allen, mit Rechten und Linken, mit Grünen, mit Kapitalisten und Kommunisten, mit Liberalen und Konservativen, mit Moslems und Christen, mit Juden und Buddhisten und allen die ich gerade vergessen habe zu erwähnen.

‚Raise Your Voice‘ ist mein Signal an die Welt, dass ich glaube, dass wir die Kurve noch bekommen können, wenn wir es schaffen unser Phlegma zu beenden und uns zu erheben; dass ich nicht irgendwann meinen Enkeln auf die Frage ‚Wo warst du als die Demokratie ihre Unschuld verlor?‘ mit ‚Ich war zu beschäftigt mit Facebook‘ antworten muss; dass ich nicht bereit bin aufzugeben. Für mehr Menschlichkeit, für mehr Liebe und für die Demokratie.

Edmund Burke, ein englischer Staatsmann und Philosoph hat einmal gesagt: ‚Nichts anderes braucht es zum Triumph des Bösen, als dass gute Menschen gar nichts tun.‘

An alle, die bis hierhin gelesen haben: Ihr macht mir Hoffnung! Danke für eure Zeit! 
Raise your Voice, Freunde. Raise your voice… or be forever still.

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John Allen“

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Mad Hatter’s Daughter – „Hurt“


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Natürlich besteht auch auf fastrillionen Jahre hin keinerlei Zweifel daran, dass dem auf ebenso lange Zeit großartigen Nine Inch Nails’sche Original des endzeitlichen Junkie-Abgesangs „Hurt“ nur noch die – im Grunde so andere, jedoch gleichsam die Tränendrüsen bewegende – Version von Johnny Cash entgegen gestellt werden darf (und schlussendlich nur in Verbindung mit dem kompletten, dazugehörigen seelenkaputtgrößenwahnsinnigen Album-Meilenstein „The Downward Spiral“ laufen sollte). Zweifel? Keine? Verbindlichsten Dank!

Trotzdem ist die Variante, die Mad Hatter’s Daughter bereits vor etwa zwei Jahren von Trent Reznors Songvermächtnis abgeliefert haben, durchaus aller Ehren wert und besitzt – Newcomer und die heimatliche Hansestadt Hamburg hin oder her – beileibe internationales Format.

Über das Indiefolk-Duo, das seinen Sound selbst als „Urban Acoustics“ beschreibt, steht hier Folgendes zu lesen:

„Mad Hatter’s Daughter, das sind Kira und Basti, durch und durch Hanseaten, wettererprobt und sturmfest. Kira studierte in Hamburg Modedesign und Basti Tontechnik, denn schon in jungen Jahren wurde erst das Klavier und später die Gitarre sein ständiger Begleiter. Seit über 10 Jahren spielt er in Bands und arbeitet als Engineer und Produzent in den Nemo Studios von Frank Peterson. Während Kira an Stoffen, Schnittmustern und Formen feilte, war die Musik auch bei ihr ein permanenter Gefährte, denn gesungen hat sie schon immer, allerdings niemals vor anderen Leuten. Durch Zufall lernten sie sich über die Musik kennen, denn Bastis damalige Band holte sich Styling-Beratung – von Kira.“

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Tomberlin – „I’m Not Scared“


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Weiß man mehr, dann wundert einen die beinahe sakrale Ruhe der neusten Singer/Songwriter-Sadcore-Entdeckung aus dem qualitativ ohnehin seit eh und je hochwertigen Label-Hause Saddle Creek kaum, schließlich steckt hinter Tomberlin die 23-jährige in Jacksonville, Florida, geborene Songwriterin Sarah Beth Tomberlin, die als Tochter eines Baptistenpredigers in einer streng religiösen Familie im tiefsten Süden von Illinois aufwuchs.

Trotzdem ist das, was Tomberlin da auf und in den zehn Songs des im August erschienen Debütalbums „At Weddings“ – zumeist auf Akustischer und Piano – ebenso entwaffnet, einem Seelenstriptease gleich ehrlich wie einfach in Wort und Ton bannt: fragil, bewegend, berührend, gar anmutig. Coming-Of-Age-Stücke aus der Erlebniswelt eines grüblerischen Twentysomethings, die all jene relevanten Dinge hinterfragen: die Identität, den eigenen Glauben, die vermaledeite Liebe und die Hoffnung auf das Morgen. Klar, dass da gleichsam melancholisch eingestellte Labelmates wie die (übrigens höchst würdig) gealterten Azure Ray quasi ums Eck lugen, während (zumindest gefühlt) Saddle-Creek-Impressionato Conor „Bright Eyes“ Oberst an den Studio-Reglern zu drehen scheint…

 

Mit „I’m Not Scared“ gibt es den wohl bewegendsten Song vom Tomberlin-Debüt „At Weddings“ in der Albumversion…

 

…sowie in der Live-Session-Variante, aufgenommen im August in den New Yorker Paste Studios:

 

„I’m not scared of you this time
And when you pick up the phone I’ll stay on the line
And I’ll do more than breathe this time
And I’ll let you in at least I’m gonna try

And it felt so strange when I said it out loud
That I look for redemption in everyone else
But funny thing is that I always hated church
Spend so much time looking that I forgot to search

And to be a woman is to be in pain
And my body reminds me almost every day
That I was made for another, but I don’t want to know that
Cause it happened once and I always look back

In my sentience I wear your judgement like a crown
Couldn’t look you in your eyes so I look to the ground
Then I took the drugs again last night
But pills have never brought me any kind of light

My eyes are heavy all I want to do is sleep
But I need to make money and I need to eat
And loving never made anybody I know happy
And loving only seems to make you bruise and to bleed

And to be a woman is to be in pain
And my body reminds me almost everyday
That I was made for another, but I don’t want to know that
Cause it happened once and I always look back“

 

Rock and Roll.

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