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Auf dem Radar: Grace Cummings


Während vielerwebs die Jahresbestenlisten von 2021 noch lauwarm glühen, deutet sich bereits an, wer die Pop-Feuilletons der kommenden Monate einhellig verzaubern könnte. Grace Cummings etwa. Zwar hat die in Melbourne geborene Songwriterin in ihrem Heimatland mit „Refuge Cove“ bereits 2019 ein vielbeachtetes Debüt vorgelegt, abseits Australiens ist sie jedoch ein noch recht gut behütetes Geheimnis. Und man muss keineswegs der Ahnenreihe eines Nostradamus entstammen, um die risikoarme Prognose zu wagen, dass sich das in diesem Jahr und mit dem kommenden Album „Storm Queen“ schlagartig ändern könnte.

Dabei liest sich Grace Cummings‘ bisheriger Werdegang irgendwo zwischen Umtriebigkeit und gepflegter Down-Under-Langeweile. So begann die ausgebildete Schauspielerin ihre musikalische Laufbahn als Schlagzeugerin in einer Reihe von Highschool-Bands, deren Repertoire hauptsächlich aus AC/DC- und Jimi-Hendrix-Covern bestand. Als Cummings begann, eigene Songs zu schreiben, ließ sie sich vermehrt von Acts wie Paul Kelly, Bob Dylan, J Spaceman sowie traditioneller irischer Folkmusik inspirieren, die ihr Vater oft zu Hause spielte. Vor allem die Ehrerbietungen an den ewig großen Dylan hörte man an vielen Ecken der Eskapismus-Kleinode von „Refuge Cove“ heraus.

Einer weiteren Eigenart bleibt Cummings auch auf dem neuen Werk treu: sie behält die künstlerischen Zügel gern in der eigenen Hand. So übernimmt die Newcomerin, wie schon auf dem Debütalbum, auch auf “Storm Queen” das Ruder als Produzentin. Die minimalistischen Arrangements werden von einer Reihe von befreundeten Künstler*innen aus Melbourne mit unerwarteten Verzierungen geschmückt: prunkvolle Geigenmelodien, gespenstische Theremin-Töne oder das frenetische Heulen eines Baritonsaxophons, welche das Album, getreu seines Titels, in ein ganz eigenes, unbändiges Klima hüllen.

„Storm Queen“ beginnt mit der majestätischen Vorab-Single „Heaven“ und offenbart sofort die ungezähmte Intensität von Cummings‘ ebenso eigenwilliger wie mächtiger Stimme sowie ihre Vorliebe für poetische und zugleich seltsam direkte Texte. Oft genug lässt die geübte Bühnenmimin dabei die Theatralik einer Aldous Harding mit der stimmlichen Präsenz von Marlene Dietrich unikal verschmelzen. Außerdem auffällig: religiöse Anklänge. Aber auch hier verhält es sich etwas anders, als man im ersten Moment zunächst denken könnte. „Der Refrain von ‚Heaven‘ enthält zwar die Worte ‚Ave Maria‘ – aber nicht, weil ich in irgendeiner Weise religiös bin“, erklärt die Australierin, die kürzlich erst die Hauptrolle in einer Joanna Murray-Smith-Produktion an der Melbourne Theatre Company spielte. „Für mich ist das Reden und Singen über Gott oder Mutter Maria eine Art, etwas Schönes zu benennen, das ich nicht verstehe, etwas, das nicht ganz zu der Welt gehört, in der wir leben“, fügt Cummings hinzu, die ihre eigenwillige Musikalität mit einer bewusst spontanen Herangehensweise an das Songwriting kombiniert. „Ich habe ‚Heaven‘ tatsächlich in der gleichen Zeit geschrieben, die man zum Singen braucht. Ich habe gehört, dass man in alten Cowboy-Filmen immer weiß, wer der Held ist, weil er einen Zehn-Gallonen-Stetson trägt. Der Himmel könnte eine Person sein. Oder ein Ort. Oder mein Vater oder eine winzig kleine Raupe oder der Klang des Lachens eines Kookaburra. Der Kookaburra ist ein Held, ich bin es nicht.“ Mit dieser Erklärung zwischen Augenzwinkerei und heiligem Ernst begründet Cummings, warum ihr Spiel mit christlicher Symbolik der ohnehin schon überbordenden Affektkulisse ihres eigenartig reduzierten Songwritings noch eine weitere Ebene einzieht.

Diese Musik mag keineswegs gefälliger Einweg-Radiopop für Familie Jedermann sein, aber eines ist sie in jedem Fall: besonders. Ave Maria, a star is born.

Rock and Roll.

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Monday Listen: Seeing Other People – „Theoretics“


Foto: via Bandcamp

Ob Ryan McGlone (Gesang) und David Ritchie (Gitarre, Bass, Keyboards) ihr neustes Band-Projekt Seeing Other People nun nach einer Filmkomödie von 2004, nach dem 2019er Album der Experimental Poprocker von Foxygen oder nach einem Dating-und-Beziehungspodcast selben Titels benannt haben? Nix Genaues weiß man nicht.

Überliefert ist, dass den beiden Musikern aus dem schottischen Edinburgh, welche Kennern der schottischen Indie-Musikszene in der Vergangenheit bereits mit Bands wie The Youth and Young oder People, Places, Maps durch die Gehörgänge gerauscht sein könnten, inmitten des x-ten Corona-Lockdowns die eigene Zimmerdecke auf den kreativen Kopf zu fallen drohte. Also traf man sich zu gemeinsamen Songwriting-Sessions, wannimmer es die Situation eben zuließ. Recht schnell hatte man elf Songs beisammen, welche unlängst auf dem Album „Theoredics“ veröffentlicht wurden. Die beiden selbst umschreiben ihren Sound selbst augenzwinkernd als „Americana mit dem typisch schottischen Gespür dafür, dass das Schlimmste immer nur kurz bevorsteht“ und ziehen Referenzen hin zu Künstler*innen wie „Sam Fender, Springsteen und Jenny Lewis“. Wer also sein Hörerherz längst an Bands wie Idlewild, Frightened Rabbit und Co., die ihr Herz auf der Zunge und, neben einem Gespür für große Refrains, auch einen breiten schottischen Akzent hinaus in die Welt tragen, verloren hat, der sollte bei diesem Album, welches es zudem via Bandcamp als „name your price“ gibt, dringend ein Ohr riskieren…

„Hailing from Edinburgh, Seeing Other People were, like most bands, born out of circumstance – albeit unforeseen and globally reaching ones. Mid-Lockdown, friends Ryan McGlone (The Youth and Young) and David Ritchie (folda) found themselves forced into ‘back to basics’ song writing – given that they had no possibility of using a studio environment to hone their sound. 

This did, however, mean that the songs came thick and fast. They met on park benches, town squares, and then later in well ventilated rooms to write wherever and whenever they could. 

What was produced forms the bones of their upcoming debut album ‚Theoretics‘, due for release on 10 December 2021. A labour of love where the songs were, from a very early stage, designed to be part of an album, and listened to with this fully in mind. Not a concept record as such, but one that juxtaposes the hypotheticals and toxic nostalgia of an average thirty something against knocking some sense into yourself with hopeful optimism. 

The songs effortlessly float between the two. Album opener ‚Theoretics‘ imagines being a guest at the wedding of someone you once loved, and then slides effortlessly into lead single ‚Revival‘ – which despite its character driven narrative – is just about loving music. 

‚Inflections‘ lyrically encapsulates the albums love for, and influence of, the other side of the Atlantic. Before ‚Breathe‘ tells an almost early Taylor Swift style story of a couple throughout their lives. 

The sweeping soundscapes continue before gut-wrenching album closer ‚Realist‘. A song as open and honest as anything McGlone has written before, detailing his own mental health struggles but setting these aside the wider context of guilt around his own privileges. Without giving the albums most heartfelt lines away – to paraphrase a movie you just may have seen – they remind us all that time is short and we should either ‚get busy living, or get busy dying‘. Bookending the album with ‚Theoretics‘ as the melancholic fantasy and ‚Realist‘ as the triumphant, yet sobering thought. 

Fans of Sam Fender, Springsteen, and Jenny Lewis will notice the musical homages, while the lyrical content offers both intimate and relatable snapshots of a life careening towards middle age – yet simultaneously embracing and fearing this. In a nutshell, this is Americana with that distinctly Scottish sense that things taking a turn for the worst is only ever just around the corner.“

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Bots – „Girl Problems“


Foto: Promo / Camille Bagnani

„Girl Problems“ zeigt, was für eine musikalische wie persönliche Entwicklung The Bots aus Los Angeles (nicht zu verwechseln mit einer niederländischen Agit-Prop-Band selben Namens) in den letzten sieben Jahren durchlebt haben. Waren die bisher veröffentlichten Alben stark vom schepperndem Garage Rock mit Punk-Schlagseite geprägt, zeigen Mikaiah Lei und Alex Vincent hier vor allem ihre neu gewonnene Pop- und Melodie-Sensibilität – Talking Heads, Cocteau Twins und Best Coast statt Minor Threat, Black Flag und Bad Brains, quasi.

Da wirkt es umso erstaunlicher, dass die Songs des im September erschienenen Albums „2 Seater“ allesamt schon etwas älter sind. Sie stammen aus den Jahren 2012 bis 2015, als The Bots der Szene im heimischen Orange County entwuchsen und schnell bei großen Festivals wie Coachella und Bonnaroo spielten. Von Blur über Refused bis hin zu Tenacious D waren selbst gestandene Profimusiker hellauf begeistert und prophezeiten dem Brüderpaar Mikaiah und Anaiah Lei, die The Bots schon als kaum zehnjährige Dreikäsehochs gründeten, eine strahlende Rockmusik-Zukunft. Doch das Leben hatte – zunächst zumindest – andere Pläne. Schlagzeuger Anaiah zog es in Richtung Hardcore, Mikaiah nahm als Eskimo Kisses unzählige Solo-Songs auf, die er bewaffnet mit Music-Pad und Effekt-Boards auch gerne mal vom heimischen Badezimmer aus über Soundcloud oder Instagram jagte. Bis ihn schlussendlich die alte Liebe wieder überkam: Aus dem Nachfolger des 2014 erschienenen The Bots-Zweitlings „Pink Palms“ war nie etwas geworden, aber die Ideen von damals konnten nicht länger ungenutzt herumliegen. Mit neuen Erfahrungen ausgestattet, überarbeitete Mikaiah Lei nun, als Endzwanziger, jene nie zu Ende gebrachten/gedachten Songs, um auszudrücken, was ihm damals noch schwer fiel. Etwa die Höhen und Tiefen junger Liebe, die Notwendigkeit, Freundschaften zu pflegen, oder die eigene Gefühlsarbeit.

Einer der besten Songs von „2 Seater„, welches von Adrian Quesada, einer Hälfte der Grammy-prämierten Psych-Soul-Senkrechtstarter Black Pumas, produziert wurde, ist zweifellos das eingangs erwähnte „Girl Problems“, eine powerpoppige Ewiger-Sommer-Fuzz-Hymne gegen Rollenerwartungen und für Selbstbestimmung, welche auch beim hundertsten Durchgang nicht schlechter wird. „‚Girl Problems‘ wurde durch Geschichten inspiriert, die mir Freundinnen erzählt haben“, so Lei. „Es ist im Wesentlichen die Geschichte von ‚gemeinen Mädchen‘ und den Problemen, durch die junge Frauen durch müssen: gehässiges Verhalten, hinter dem Rücken reden und so weiter. Es bleibt alles an der Oberfläche, aber es ist etwas, das alle erleben oder auf sich beziehen können.“

Den rundum gelungenen Teenie-Sommer-Vibe von „Girl Problems“ um warme Nullerjahre-Indie-Gitarren und harmonischen Gesang fängt auch das dazugehörige Musikvideo ein. Zwischen Teenager-Zimmer, Swimming Pool, magischem 8-Ball, Tagebuch und Katzen folgen das Video und das Duo aus Lei und Vincent als Backing-Band den amüsanten Versuchen der Protagonistin, einfach nur sie selbst zu sein. Mit solchen Tönen im Gehörgang meldet sich der Sommer selbst im tiefsten Dezember für etwa vier Minuten zurück…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Luwten – „Standstill“


Ein bisschen ironisch mutet es schon an, dass Luwten ihr im April erschienenes zweites Album ausgerechnet „Draft“ genannt hat, schließlich bedeutet der Künstlername der im niederländischen Amsterdam beheimateten Musikerin Tessa Douwstra wörtlich „Ort ohne Wind“. 

Dennoch ergibt der Titel Sinn, denn es ging Luwten, die ihr selbstbetiteltes 2017er Debütwerk beinahe buchstäblich in einem solchen stillen Vacuum – ganz allein mit sich selbst und ihren Gedanken – aufnahm, darum, ein bisschen mehr Luft, ein bisschen mehr Input von draußen zuzulassen. „Wie viel Alleinsein kommt daher, dass es hilft?“, fragte sich die Künstlerin. „Wieviel kommt daher, dass man Angst hat? Hilft Alleinsein dabei, authentisch zu sein? Oder ist Authentizität etwas, nach dem man auch mit anderen suchen könnte oder gar sollte? Mir ist aufgefallen, dass ich viel über Denken versus Fühlen und Alleinsein versus Zusammensein schreibe. Ich liebe die Idee von Musik als Selbsterfahrung. Für die Macherin wie für die Zuhörer*innen.“ Zudem erforscht Douwstra die Ideen von Handlungsfähigkeit, Kontrolle und Freiheit, die im verwirrenden, von Pandemien und Restriktionen bestimmten Klima der letzten zwei Jahre zunehmend an Bedeutung gewinnen. 

Soundmäßig hat sich Tessa „Luwten“ Douwstra für die elf neuen Songs Inspiration aus sehr verschiedenen Richtungen geholt. So beruft sie sich musikalisch für ihre Pop-Entwürfe auf Komponisten wie Steve Reich und Künstler wie Ólafur Eliasson, während sie sich für ihren Gesang wiederum von Neosoul-Künstler*innen wie Solange, D’Angelo oder Frank Ocean beeinflussen ließ.

„Abstrakt Pop“ nennt die Niederländerin ihren aus dieser Melange heraus entstandenen, recht eigenen Stilmix. Das überrascht ein wenig, denn insbesondere auf der emotionalen Ebene – die ja ein nicht unwesentlicher Bestandteil jedes ernstgemeinten Musikprojektes sein sollte – wird Douwstra im Grunde sehr konkret. Auch sind die zwar sparsamen Arrangements ihrer halborganisch organisierten Stücke keineswegs so artifiziell, wie es das Attribut „abstrakt“ vermuten ließe. Popmusik gibt es tatsächlich auch – aber nicht als abstraktes Konzept, sondern stets eingebettet in eine erzählerisch ausgerichtete Songstruktur, die Luwten zwischen den Zeilen und Tönen als Songwriterin im Pop-Pelz im Stile einer Leslie Feist entlarvt. Und: jener Pop-Aspekt manifestiert sich vor allem durch ihre ungebundene stilistische Offenheit. Seien es Art Pop, Krautrock, alternativer R’n’B, Folk Pop oder New Wave – nie geht es um den eigentlich zitierten Stil, und schon gar nicht um die im heimischen Studio kunstvoll verwobenen Bestandteile aus Live-Instrumenten, Samples, programmierten Beats, getweakten Field-Recordings oder elektronischen Elementen, sondern immer um den Song und die Gedanken, die Tessa Douwstra hier – meist durch innere Dialogen und dezidiert lakonisch – präsentiert. „Luwten“ mag zwar der niederländische Begriff sein, der einen windstillen Ort bezeichnet und für die selbstgewählte Isolation steht, die sich die Musikerin in kreativer Hinsicht auferlegt hat. „Draft“ ist nun jedoch jene Art von frischem Luftzug, den sie zulässt, um sich allmählich der Welt gegenüber zu öffnen und Einflüsse von außen zuzulassen. Kurzum: Austarierte kommerzielle Popmusik tönt heutzutage deutlich seelenloser und abstrakter daher als das, was Luwten selbst als „abstrakt“ bezeichnet, denn hier gerät vieles vor allem verdammt einnehmend.

Noch toller als die Studio-Versionen geraten im Falle von Luwten die Live Sessions, in welchen sie und ihre Band die Songs in deutlich seelenvollerem organischem Gewand präsentieren:

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Dead Modern


Anfang diesen Monats vermeldete der ansonsten recht verschlafene Twitter-Feed der – nicht nur hier – innig geliebten und daher seit einigen Jahren umso schmerzlicher vermissten schottischen Band There Will Be Fireworks tatsächlich ein paar Neuigkeiten, was bei all jenen, die befürchtet hatten, mit dem 2013er Album „The Dark, Dark Bright“ die letzten neuen Töne der fünfköpfigen Post-Rock-Band aus Glasgow gehört zu haben, durchaus für erhöhte Pulsfrequenzen gesorgt haben dürfte. Die Nachricht bestätigte, dass Album Nummer drei aktuell (noch immer) in der Mache sei, wenngleich es noch einige Zeit dauern könne, bis selbiges in die Welt entlassen werde (schließlich gehen alle Teile der Band noch immer „normalen“ Brotjobs nach). Als kleines „Trostpflaster“ verschenken There Will Be Fireworks nun eine alternative Version des „The Dark, Dark Bright“-Songs „Ash Wednesday“… Immerhin? Immerhin. Und was vielleicht noch interessanter ist: es werden in jenen Neuigkeiten nicht nur ein, sondern gleich zwei Nebenprojekte erwähnt, an denen Teile der Band beteiligt sind…

Das erste davon ist Dead Modern – bestehend aus vier Musikern, welche man bislang bei There Will Be Fireworks, The Youth & Young, Seeing Other People oder New Year Memorial gehört haben könnte (vor allem letztere seien übrigens allen, die interessiert, wie TWBF-Stimme Nicholas McManus denn im Neunziger-Emo-Rock-Ourfit klingen würde, wärmstens empfohlen). Die gerade einmal drei Songs der nun erschienenen Debüt-EP, „Still Cool„, tönen wie ein langsamer, nachttrunkener Spätherbsttanz durch ein Dickicht aus Synthesizern, bei welchem man sich immer wieder durch hochprozentige Schlücke aus dem Flachmann wärmt. Sie sind die Musik gewordene Bettdecke am Ende einer Nacht, durch welche man tanzt, bis die alltagsträgen Beine schlapp machen. Sie sind die Tränen, die man ob all der verpassten Chancen und als Tribut an das Glück, noch immer am Leben zu sein, vergießt. Sie sind die Entscheidung, den letzten Bus fahren zu lassen, um mit dieser Musik im Ohr den Heimweg anzutreten. Oder, wie’s die Band selbst umschreibt: „Nostalgic synth miserablism from the Central Belt of Scotland. Overly-long songs.“ Schottisches Understatement halt.

Die Eröffnungsnummer „True North“ kommt da gleich wie die schottische Antwort auf den elektronisch unterfütterten, oft genug traurig tänzelnden White-Boy-Indie-Pop von LCD Soundsystem oder Phoenix daher und verleiht – natürlich auf recht eigene Weise – einer Talking-Heads’schen Basslinie einen Hauch von Future Islands. Zudem kann man gleich hier feststellen, dass Nicholas McManus nichts, aber auch gar nichts von jener emotionalen Emphase verloren hat, die den zweieinhalb Alben von There Will Be Fireworks eine Sonderstellung zuteil werden ließ, einfach weil all das, was McManus da mit breitem Glaswegian Akzent vorträgt, einen direkt ins Herz traf – und noch immer trifft. Diese Wehklage über verpasste Gelegenheiten, die Suche nach dem einen Ort, an dem verloren geglaubte Träume vielleicht noch gerettet werden können, und die Hatz nach Zufriedenheit inmitten der Sehnsucht, die all dies hervorruft – alles in diesen drei Stücken scheint darauf ausgelegt, einmal mehr das Herz zu berühren.

Und wenn man so mag, findet man hier den urbanen Kontrast zur eher in der Natur angesiedelten Musik von There Will Be Fireworks, denn Glasgow ist auf der EP allgegenwärtig – die aus Backstein, Asphalt und Dreck erbaute Schönheit und barsch-direkte Brutalität der 633.000-Einwohner-Stadt ist in jeden Beat der vornehmlich programmierten Drums, in jeden Anschlag der E-Gitarren gemeißelt. Sie bietet einen Berührungspunkt für all jene, die die Stadt kennen oder gekannt haben, wirft jedoch auch genug Gedankenbilder für alle, die der größten schottischen Stadt noch keinen Besuch abgestattet haben, vors innere Auge. Und obwohl sich alle drei EP-Songs um die Sechs-Minuten-Marke herum einpendeln, lassen die mit viel Liebe zum unperfekten Detail gestalteten Krautrock-Anleihen und und die hallenden Dance-Synthies den Wunsch aufkommen, endlos in ihnen zu schwelgen. For fuck’s sake.

Keine Frage: Mit dieser EP hätten es Dead Modern verdient, sich als eigenständige Band – und nicht „nur“ als Nebenprodukt – zu etablieren (und dürfen gern noch ein vollwertiges Album folgen lassen). „Still Cool“ ist eine in Nostalgie und günstig erstandenen Fusel getränkte Ode an die langsam gen Nebenschwaden ziehenden Tage der Jugend, ein in herrlich buntem Alltagsgrau geschriebener Liebesbrief an Glasgow und eine Feier der Erkenntnis, dass Musik uns, selbst wenn alles andere längst die Segel gestrichen haben sollte, nienimmernicht verlässt. Umso schöner, wenn sie so klingt wie hier…

„Dead Modern is a band born of that quintessential modern condition: nostalgia. 

Nostalgia for youth. Nostalgia for the music of 1979 or 1989. Nostalgia for the club nights and basement gigs of 2009. Nostalgia for the long-shuttered venues of The Arches and Studio24. Nostalgia for old dreams and old friends. 

Formed from the Scottish indie rock and electronic music underground – with members from There Will Be Fireworks, The Youth and Young and New Year Memorial among others – Dead Modern recorded Still Cool with producer/engineer Andy Miller (Mogwai, Life Without Buildings, Songs: Ohia) at Gargleblast Studio in Hamilton, Scotland in 2019 and 2020. 

Still Cool is a meditation on the past and how it forms us – what was lost, what was won and just how the hell did we get here? And how do we get back? Universal themes placed in the very specific context of a long-ago youth misspent in Glasgow’s indie clubs. 

We remember how it felt, and we still feel it. 

If you like analogue synths… 

If you ever lost your friends at Death Disco… 

If you ever sweated your bodyweight at a downstairs gig in the Captain’s Rest… 

This is for you.“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Carolina Lee – „Blossoms“


Carolina Lee spielen psychedelischen Dream Folk – so weit, so unaufgeregt. Apropos: Mit der klassischen Formation von Gitarre, Orgel, Bass, Schlagzeug und Gesang schafft es die Berliner Band, überraschend unaufgeregte Songs zu arrangieren, die sich ganz auf die eigene Poesie verlassen und durchaus zeitlosen Charakter besitzen. Langsame, leise Musik, deren Melancholie etwas Perfektionistisches innewohnt und dessen psychedelische Elemente einen experimentellen Anspruch geltend machen. Ja, auch so kann die Großstadt klingen.

Zwischen Emotionalität und Humor entsteht dabei eine Spannung, die bald an das dunkle Timbre von Karen Dalton, bald an die verträumte Schlichtheit von Mazzy Star oder die weltferne Entrücktheit eines Syd Barrett erinnert. Dass einem angesichts des rührenden Sprechgesangs von Frontfrau Nadja Carolina auch Nico und The Velvet Underground in den Sinn kommen, liegt wohl in der Natur dieser Art von Musik.

Als erste Single erschien unlängst das Stück „Blossoms„, Nadja Carolina dazu: „Vor vielen Jahren habe ich Gewalt erlebt. Sie hat mich nicht getroffen – jedenfalls nicht direkt. In solchen Momenten passiert etwas. Wenn man sich selber sieht von außen, wie in einem Film, ist das sehr seltsam. Es hat mich lange verfolgt. Aber die andere Seite davon ist die unglaubliche Leichtigkeit, die man spürt, wenn man merkt, dass man wegfliegen kann. Dieses Gefühl versuche ich zu bewahren, in den Momenten, in denen anfange, mich wieder zu spüren. Wenn ich zum Beispiel plötzlich sehe, dass der Kirschbaum blüht und die Welt sich weiterdreht vor meinem Fenster.“

Nach zahlreichen Konzerten in Berlin und Umgebung seit 2019 hat die Band einen Fundus an Kompositionen entwickelt und erprobt, die nur darauf warten ein größeres Publikum zu erreichen. Einige jener Kompositionen haben es auch auf das am 15. Dezember erscheinende Debütalbum „Haunted Houses“ geschafft, welches die vierköpfige Band, die durch Simon Grote (Gitarre, Orgel, Gesang), Jule Schröder (Bass, Gesang) und Lutz Oliver (Schlagzeug, Gitarre) komplettiert wird, in den vergangenen zwei Jahren gemeinsam mit dem Musiker und Toningenieur Max Braun (BRTHR, Karwendel) im Stuttgarter Studio Areal 51 aufgenommen hat. Begleitet und dokumentiert wurden die Aufnahmen vom Dokumentarfilmregisseur Kai Ehlers, um das Publikum am Entstehungsprozess teilhaben zu lassen.

Außerdem ließen Carolina Lee mit „Little Lines“ kürzlich bereits ein weiteres Stück hören. Im November soll eine Crowdfunding-Kampagne lanciert werden und mit „Mirror Mirror“ der Fokustrack des Albums folgen, welcher auf fünf atemlosen Minuten die mystisch-träumerische Energie verkörpert, die diesem Album im wahrsten Sinne des Wortes eingehaucht wurde. Ein Album, für das es sich selbst in der urbanen Alltagshektik lohnt, innezuhalten. Nach Ablauf der acht Stücke blickt man verwundert zurück; wie ein Kind, das beim Beobachten der Ameisen unter dem Birnenbaum die Zeit vergisst…

Rock and Roll.

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