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Song des Tages: Knorkator – „Rette sich wer kann“


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Ein Vierteljahrhundert gibt’s Knorkator nun schon, und noch immer entzieht sich die fünfköpfige Berliner Band im Grunde – zumindest für mich – jeglicher Einordnung. Denn mal ehrlich: So richtig ernst kann das, was Frontderwisch Stumpen, Keyboarder Alf Ator,  Gitarrist Buzz Dee, Bassist Rajko Gohlke und Schlagzeuger Nick Aragua da seit den Neunzigern veranstalten, kaum gemeint sein. Da treffen Slayer’sche Death Metal-Blastbeats auf sanften Lounge Jazz auf Rammstein’sche Boller-Rhythmik auf sinistre Mittelalter-Ballade (das recht bekannte „Weg nach unten“ von 1999). Dazu Texte im weiten Feld zwischen Gaga, Dada und ernstzunehmender, vor Wut schäumender Gesellschafts- und Zeitgeistkritik. File under? Fun-Core? Fun Metal? Neue Deutsche Härte? Oder sind Knorkator einfach, wie sie in Anlehnung an befreundete Hauptstädter wie Die Ärzte selbst augenzwinkernd meinen „Deutschlands meiste Band der Welt“? Nix Jenaues weeß keen Schwein, Keule…

knorkator-widerstand-ist-zwecklos-204336Und doch fällt es in manchem Momenten recht leicht, Stumpen, Alf Ator und Co. gerade für ihre clever-bissige Gesellschaftskritik, bei der bundesweit wohl – in guten Momenten – lediglich Felix Schönfuss und seine Jungs von Adam Angst mithalten können, zu mögen (selbst wenn die Herren ansonsten weniger meinen eigenen Musikgeschmack bedienen mögen). Der Kenner weiß: Damit haben Knorkator auch in den letzten Jahren – siehe Stücke wie „Sie kommen„, „Arschgesicht“ oder „Setz Dich hin“ kaum hinterm Berg gehalten. Wer weitere hörbare Beweise braucht, der nehme sich das gestern erschienene neunte Album „Widerstand ist zwecklos“ vor, welches mit Songs wie der Eröffnungsnummer „Revolution“ (wurde unlängst bei den Leipziger „Off The Road“-Sessions grandios durchgezimmert), „Krieg“ oder eben „Rette sich wer kann“ neue bissig-gewitzt geriffte Kommentare zum Zeitgeschehen enthält. Die nicht nur der braunen Suppe Würze und Schärfe stehlen, sondern auch Konsumgier, Klimawandel-Leugnung, Hysterie und sonstige menschliche Irrwege aufs Korn nehmen. Dazu bezeichnend diese wunderbare Textzeile aus „Rette sich wer kann“: „Da vorn is’n Abgrund, aber is‘ ja noch’n Stück / Wir könnten auch abbiegen, tun wir aber nicht / Da is‘ ja nur’n Sandweg – schlecht für die Achsen…“ Denn selbst wenn der lyrische Hochgenuss fürs humorige Gift-und-Galle-Spucken hier mal für Momente ad acta gelegt wird, sind Knorkator der laut tönende Beweis, dass einem subtil blödelnder Deutschrock abseits von Till Lindemann und Konsorten auch in etwas düsteren Zeiten ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann, und die grauen Zellen dazu anregt, darüber nachzudenken, was „Menschsein“ eigentlich bedeutet…

 

Hier gibt’s das Musikvideo zu „Rette sich wer kann“, bei dem Knorkator einmal mehr auf prominente Unterstützung bauen konnten – dieses Mal etwa sind Ex-Boxbirne Axel Schulz (wo ist die „Fackelmann“-Mütze?) und Hans Werner „Luise Koschinsky“ Olm mit von der Partie…

(Den Text findet man etwa hier…)

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Niels Frevert – „Putzlicht“ (Candy Bomber Session)


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Ganze fünf Jahre hat sich Niels Frevert Zeit gelassen, um seinem letzten Album „Paradies der gefälschten Dinge“  ein neues Werk zur Seite zu stellen. Am vergangenen Freitag war es denn soweit – das „Putzlicht“ ging an. Was ist also zu erwarten von einem, der zeitwährends seiner nun fast dreißigjährigen Künstlerkarriere zwar (beinahe) stets vom Feuilleton hofiert und milde goutiert wurde, während auch 2019 auf Tournee noch immer die kleineren Indie-Schuppen bespielt werden (sprich: man getrost anderen beim schnöden Reibachmachen zusehen darf)?

niels-frevert-putzlicht-204272Zunächst einmal darf festgestellt werden: Nach zehn Studioalben, sieben nun davon als Solokünstler, hat sich Niels Frevert weiterentwickelt, und dabei sogar noch irgendwie elegant neu erfunden. Gerade im Vergleich zu den sieben und fünf Jahre zurückliegenden Vorgängern „Zettel auf dem Boden“ und „Paradies der gefälschten Dinge“ klingen die neuen Stücke deutlich offener, treibender, und auch textlich ist der Meister der herzerweiternden Wortgirlanden und heimlichen Hits konkreter und zugänglicher geworden. Man höre etwa die erste Vorab-Single „Leguane„: ein dunkel groovender Song, dem eine brummend verzerrte Elektrische sein melodiöses Hauptthema spendiert und so kraftvoll, groß und verheißungsvoll schimmern lässt. Oder „Immer noch die Musik„, dem ersten Titel nach dem Prelude, in welchem Frevert – zugegebenermaßen haarscharf an der Grenze zum Kitsch – die Halt gebende Wirkung von Musik in dunklen Zeiten besingt. Oder das Stück mit dem zweifelsfrei sperrigsten Titel der neuen Platte, „Ich suchte nach Worten für etwas, das nicht an der Straße der Worte lag“. Wie ebenjene 57 Buchstaben bereits erahnen lassen, handelt der Song (welcher in der Akustik-Variante sogar noch toller geraten ist) von seiner Schreibblockade und der damit verbundenen mühseligen Suche nach Worten für seine Texte. „Ich hatte das Gefühl, als hätte ich meine Sprache verloren„, blickt der mittlerweile 51-jährige Hamburger Liedermacher in einem dpa-Gespräch zurück. Fragt einer nach der schönsten Zeile des Albums, die gleichzeitig am besten verdeutlicht, wie verwundbar Frevert sich anno 2019 präsentiert? Der begegnet man in „Als könnte man die Sterne berühren„, bei dem der Liedermacher zu Trompeten-Klängen mit Nachdruck betont: „Man wird für seine Stärken bewundert, aber geliebt, geliebt wird man für seine Schwächen„. Diese Erkenntnis stamme von „einer Wahrsagerin„, die in seinen „Handinnenflächen“ gelesen habe. Manchmal kommt die Inspiration fürs Textliche also von ganz allein…

Das wohl größte Highlight des neuen Albums, bei dem mit Produzent Philipp Steinke (BOY, Revolverheld, Andreas Bourani, Bosse) jemand die Regler bediente, der eben auch haargenau weiß, wie man deutsche Popmusik perfekt in Szene setzt, ist jedoch „Putzlicht“, das titelgebende Stück. Während das Wort selbst jenen Augenblick umschreibt, wenn in jeder Disco, jeder noch so kleinen Spelunke früh morgens die gleißenden Lampen angehen und allem der letzte somnambule Restreiz geraubt wird, erzeugt der mit warmer Stimme vorgetragene Text melancholische Kopfkinoszenarien von den resttrunkenen ersten Stunden des Tages und aus Sicht des Heimgehenden, während Niels Freverts Begleitband – wie beim Großteil der neuen Songs – mit GitarreSchlagzeugBass und Bläsern gleichsam kraftvoll wie groß aufspielt. Feine Sache, das. Und irgendwie ja auch ein Heimspiel, schließlich gilt der frühere Nationalgalerie-Frontmann seit eh und ja als Spezialist für Party-Endszenarien.

Was also ist Frevert mit den elf neuen Stücken von „Putzlicht“ gelungen? Ein freundschaftlicher Verweis auf den ohnehin sehr oft – und genauso oft auch absolut zurecht – als Referenz herangezogenen großen Gisbert zu Knyphausen (die allgegenwärtige, Hoffnung schöpfende Melancholie im Text, der knackige Bandsound im Klang)? Mag man gern so sehen, obwohl man Frevert nach beinahe drei Karriere-Dekaden doch das ein oder andere Alleinstellungsmerkmal zugestehen darf. Ein großes Spätwerk, das an Wehmut ebenso wenig spart wie an Zuversicht und in manchem Moment Rückschlüsse auf das tolle 2008er Album „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“ wagt? Dafür wäre der Norddeutsche mit seinen 51 Lenzen wohl noch etwas (zu) jung. Im Zweifel ist „Putzlicht“ einer der wohl besten und schönsten Deutsch-Pop-Platten des Jahres – mit dem Feuilleton als besten Kumpel und den Indie-Clubs als idealer Bühne.

 

 

—- Niels Frevert – „Putzlicht Tour“ 2019 —-

09.10.2019  Essen – Zeche Carl
10.10.2019  Köln – Clubbahnhof Ehrenfeld
11.10.2019  Frankfurt – Nachtleben
12.10.2019  Münster – Gleis 22
13.10.2019  Bremen – Radio Bremen
16.10.2019  München – Kranhalle
17.10.2019  Dresden – Scheune
18.10.2019  Berlin – Heimathafen
19.10.2019  Hamburg – Mojo Club

 

—- „Putzlicht akustisch Tour“ 2019 —-

02.12.2019  Freiburg – Jazzhaus
03.12.2010  Stuttgart – Im Wizemann Studio
04.12.2019  Augsburg – Soho Stage
05.12.2019  Ulm – Roxy
06.12.2019  Mannheim – Alte Feuerwache
07.12.2019  Hannover – Pavillon
08.12.2019  Oldenburg – Wilhelm13
09.12.2019  Leipzig – die naTo
12.12.2019  Rostock – Helgas Stadtpalast
13.12.2019  Magdeburg – Moritzhof

 

Rock and Roll.

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Klassiker des Tages: Enik – „The Seasons In Between“


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Was macht eigentlich Enik mittlerweile? Zugegebenermaßen ist das weder eine Frage, die ich mir in den vergangenen Jahren tattäglich gestellt habe, noch eine, die mich spät nachts schweißgebadet aufwachen ließ…

Würde man nicht tief(er) graben, so könnte man den Eindruck bekommen, der vielseitige 39-jährige Indie-Musiker, auf dessen Münchner Klingelschild wohl eher der Name „Dominik Schäfer“ notiert sein dürfte, hätte den kreativen Künsten längst abgeschworen. Doch bereits eine kleine Netz-Recherche zeigt, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Nach ersten musikalischen Ausrufezeichen 2004 als Co-Songwriter (falls man diesen Begriff im IDM-Fach verwendet kann) für vier Stücke auf dem Funkstörung-Werk „Disconnected“, mit den 2006 beziehungsweise ein Jahr drauf erschienenen Enik-Alben „The Seasons In Between“ und „Chainsaw Buddha“ (mehr dazu gleich) sowie einer Kollabo mit Fanta4’s Esoterik-Vorsteher Thomas D für den Song „Vergiftet im Schlaf“ (welcher wiederum gar Teil des Soundtracks für den mäßig erfolgreichen Hollywood-Film „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ war) standen dem Indie-Newcomer plötzlich so einige Türen offen. Und doch entschied sich Dominik „Enik“ Schäfer dazu, zuerst sein kreatives Heil im Jazz (mit dem Chris Gall-Trio), danach im Theaterfach, in dem er über die Jahre mehr als ein Dutzend Theaterstücke als Komponist und musikalischer Leiter im deutschsprachigen Raum mit seinem Sound bereicherte, unlängst sogar als Soundtrack-Komponist („Five Years“ – der 2018 veröffentlichte Score zur Dokumentation „5 Jahre Leben“von Regisseur Stefan Schaller über den unschuldigen Guantanamo-Sträfling Murat Kurnaz) zu suchen. Beinahe logisch, dass der aufs Vorsortieren abonnierte Mainstream-Hörer von alledem kaum etwas mitbekam…

the-seasons-in-between.jpgUnd doch liegen Eniks wohl kreativste Glanzlichter bereits mehr als eine Dekade zurück: seine Alben „The Seasons In Between“ und „Chainsaw Buddha“ (das 2011er Werk „I Sold My Moon Boots To A Girl From Greece“ soll zwar nicht unerwähnt bleiben, kann jedoch in Gänze kaum mit den beiden mithalten). Eines sollte jedoch stets klar sein: Fordernd ist Eniks Kunst zu jedem Zeitpunkt, denn wer eines der erwähnten Alben hört, der könnte (vor)schnell den Eindruck bekommen, dass soeben gefühlte siebzehn Langspieler gleichzeitig abgespielt werden: derber Garagenpunk, schleppende Industrial-Beats, torkelnde Jazzstreicher, sanft säuselnder Folk, schwülwarmer Funk, Kraut- und Glamrock, nerdige Zappa-Klassik, indietroniges Elektroblubbern, feinstes Düster-Crooning – Unterforderung darf man getrost anderswo suchen. „Da meint man fast Bon Ivers Stimmwelt, Nick Caves Abgründe, Radioheads Elektronik und Bowies spätes Timbre rauszuhören.“ (Der aktuelle Presstext fasst es dankenswerterweise recht gut zusammen, vergisst eventuell sogar noch, mit Referenzen wie Tom Waits, Prince, Faith No More oder Peter Gabriel weitere Ränder abzustecken.)

Und doch ist einer der schönsten, einer der berührendsten Momente in Eniks bisherigem Schaffen gerade in der Reduktion, im Titelstück von „The Seasons In Between“ zu finden: „I’m a stranger in autumn / I was born in spring / I forgot the name / Of the seasons in between“ – eine einsame Akustikgitarre und Streicher umgarnen Schäfers so wunderbar unperfekte, windschief-raue Stimme, erst gen Ende darf das Schlagzeug dazu poltern, und schließlich alles in sich zusammen stürzen. Ich meine: Gelungener kann man seit 2006 den nahenden Herbst kaum einläuten.

[Übrigens meldet sich Enik in Kürze – genauer: am 8. November – tatsächlich mit (s)einem neuen Album „The Deepest Space Of Now“ zurück. Der erste Höreindruck anhand des Songs „99th DREAM“ ist ein durchaus positiver, und lässt mit (s)einer Vier-Minuten-Irrfahrt von TripHop über Indietronica bis hinein in die Siebziger (immerhin wartet der Schlussteil mit glamourösen Streichern auf!) auf einen ganz ähnlichen musikalischen Freifahrtsschein in die kreative Nervenheilanstalt wie Eniks erste Werke schließen…]

 

 

„Excuse me, I forgot your face
Was it love or just a passing through the dark?
I’m a stranger in autumn
I was born in spring

I forgot the name of seasons in between
Someone said it’s good for growing
Someone said it’s good for going
Someone said it’s good for growing

I love you, that’s why I can’t see you fail
And I swear, I won’t stand here to the essence of your heart’s fade away
I’m a stranger in autumn
I was born in spring

I forgot the name of seasons in between
Someone said it’s good for growing
Someone said it’s good for going
Someone said it’s good for growing

Someone said it’s good for growing
Someone said it’s good for going
Someone said it’s good for growing
Someone said it’s good for…..“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Mobina Galore – „Escape Plan“


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Wer für gewöhnlich seine musikalischen Pinkelpausen hinter dem Mond verbringt und daher auch 2019 noch immer glaubt, dass zwei Frauen nicht genügend Energie hätten, um es musikalisch ordentlich krachen zu lassen (in dem Fall lassen toughe Damen wie Courtney Love, Beth Ditto oder Kathleen Hanna lieb grüßen), kennt Jenna Priestner (Gesang & Gitarre) und Marcia Hanson (Schlagzeug & Gesang) nicht. Die beiden Ladies aus dem kanadischen Winnipeg haben sich als Mobina Galore (das Duo hatte ANEWFRIEND bereits vor zwei Jahren „auf dem Radar„) seit 2010 krachenden Punkrock auf die Fahnen geschrieben und winken dieser Tage mit ihrem dritten Album „Don’t Worry“…

mobina-galore-dont-worry-music-review-punk-rock-theoryWar beim 2017er Vorgänger „Feeling Disconnected“ das Motto „Trennung“ die großlettrige Überschrift, bewegen sich Priestner und Hanson bei ihrem dritten Langspielstreich auf ganz ähnlichem Terrain, denn diesmal lautet das (recht logische) Thema „Herzschmerz“. Diesem Gedanken nähert sich das Duo, welches unlängst im Vorprogramm von Laura Jane Grace & The Devouring Mothers (deren Hauptband Against Me! sind denn auch gleich eine gute Referenz) deutsche Bühnen gerockt hat, allerdings keineswegs mit süßlich-melancholischen Balladen. Im Gros des runden Dutzends neuer Drei-Minuten-Songs gibt es amtlich auf die Zwölf, und wenn es zu Beginn hochenergetisch „I Want It All“ heißt, glaubt man den beiden sofort. „Back To The Beginning“ ist insofern auch kein echter Schritt zurück, sondern nur eine sehr überzeugend und druckvoll vorgetragene Entscheidung zum Selbstzweck. Einen blitzschnellen „Escape Plan“ haben die Kanadierinnen eh in petto und im Zweifel geht es einfach mal zum Sonne tanken nach „California“. „Completely Disconnected“? Macht doch nichts! Zumindest nicht, wenn der gleichnamige musikalische Vortrag so abwechslungsreich und punkrockig mitreißend ausfällt. Knackig schließt sich „Dig Myself Out“ an, und wenn Priestner und Hanson wie bei „Sorry, I’m A Mess“ härtere Töne im Highspeed-Modus anschlagen, zweifelt man doch sehr daran, dass Mobina Galore sich tatsächlich irgendwann bei irgendwem für irgendwas entschuldigen… Weiter geht es mit dem ruppigen „Denim On Denim“, bevor „I Need To Go Home“ dann doch einmal die zarte(re) Seite des Duos präsentiert. Die ist zwar – klar – noch immer ziemlich kratzbürstig, zeigt aber auch die Variabilität von Jenna Priestners wunderbar rauem Gesang. Überhaupt scheinen die beiden auf der Zielgeraden doch ein wenig versöhnlicher zu werden: „Just Went Away“  und „Oh, Irene“ klingen ein Mü eingängiger – wobei auch diese beiden Nummern mit eruptiven Ausbrüchen glänzen, die es in sich haben. Bleiben noch „Four Hours Of Sleep“ und siehe da: Miss Priestner hat ihren Sechssaiter ausgestöpselt und es wird zum Albumabschluss unbestromt gejammt.

Ganz egal, ob mit Punk-Rock-Powerchords oder mit reduzierten Mitteln – Mobina Galore strahlen auch auf „Don’t Worry“ eine unbändige Kraft aus, die insbesondere durch Jenna Priestners Gesang stets präsent ist, während die Instrumente des Zweiergespanns einmal mehr keine Gefangenen machen. So sind auch die neuen Songs der beiden Kanadierinnen ein Musik gewordenes, dem Herzschmerz den Mittelfinger zeigendes Stehaufmännchen mit unbändiger Entschlossenheit und enormer Spielfreude. Rockt durch, macht Bock.

 

Zur ersten Single „Escape Plan“ meint Sängerin und Gitarristin Jenna Priestner:

„Der Song war ursprünglich nie dafür bestimmt, ein Full-Band-Song zu werden, noch dachten wir, dass es die erste Single werden könnte. An einem heißen Sommertag vergangenes Jahr verbrachte ich mehr Zeit damit, Akustiksongs zu schreiben – Material, von dem ich nicht dachte, dass es den typischen Mobina-Vibe bekommen würde. Als ich dann im Winter ein Akustikvideo auf YouTube veröffentlichte, bekam ich ziemlich viel positives Feedback und Leute wollten den Song bei Konzerten hören – deshalb machten wir einen kleinen Pop-Punk-Banger daraus.“

Und das dazugehörige Musikvideo?

„Für das Video wollten wir die warme, entspannte Sommerstimmung in Winnipeg mit dem schönen Up-Beat des Songs miteinander verbinden. Marcia und ich verbrachten schon viel Zeit zusammen, doch meistens in Vans und irgendwelchen muffigen Kellerläden (meistens in Europa) – aber diesmal fuhren wir den ganzen Tag gemeinsam auf unseren Rädern am Fluss entlang, tranken Bier an einem schwülen Sommertag und 38°C in unserer Heimatstadt.“

 

 

Dass der Song auch 2019 in der reduzierten (Ur-)Variante funktioniert, beweisen Mobina Galore hier:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Future Teens – „Frequent Crier“


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„Happy new year, you get the same old me
I don’t have the resolution to change a thing
January won’t be different than the last
Except of course I’m torn between two homes
I’m more sick than ever of talking on the phone
My dog won’t live through this winter
No one’s ever stayed that long

Come on over, want you to see my room
I’ll have it this whole weekend, about as long as I’ll have you
I can’t remember feeling not so far away
I’ve been carrying more baggage each time I board the plane
I was never good at packing, all my bags are overweight
And this flight keeps getting longer
But the distance stays the same
And I’m just calling to tell you that I am not OK…“

(„Happy New Year„)

 

a3513277556_16.jpgDurchaus harter Tearjerker-Tobak, mit welchem Future Teens ihr neues, zweites Album „Breakup Season“ eröffnen. Und daher passender Stoff – gleichsam für die nächste kitschig-durchschaubare Hollywood’sche Grown-Up-Drama-Komödie der Marke „American Pie“ wie das x-te Werk von vier Trauer tragenden Emo-Studenten. Eigentlich…

Denn Future Teens gehen das Drumherum etwas anders an. Obwohl keiner der zehn neuen Songs sein lyrisches Herz allzu leicht in der Brust durch den College-Alltag trägt, verpacken Amy Hoffman und Daniel Radin (jeweils Gitarre und Gesang), Maya Mortman (Bass) sowie Colby Blauvelt (Schlagzeug) jede der tränenreich-ehrlichen Zeilen – und das ist eben das Janusköpfig-großartige – in noch tollere, noch himmelhöher jubilierende Melodien. Man höre etwa die Vorab-Single „Emotional Bachelor„. Oder den feinen Instant-Ohrwurm „Frequent Crier“: auch da liefern Amy Hoffman und Daniel Radin, die den Gesang unter sich ausmachen, eine ganze Aufzählungsarmada an Stellen, an denen frisch getrennt gerade die wunden Äuglein mit Nass benetzt werden – nur dazu eben flott-memorablen Indierock inklusive eines Gitarrensolos, welches selbst Dinosaur Jr.-Kautz J. Mascis ein würdigendes Nicken abringen würde. Geil.

So machen die 33 Albumminuten des Nachfolgers zum 2017er Debütwerk „Hard Feelings“ (da lässt bereits der Titel ganz ähnliche textliche Präferenzen erahnen) in der Tat auch all jenen mächtig Laune, die ihren Alltag längst jenseits der herzschmerzenden Zwanziger verbringen. „Bummer Pop“ nennt die aus Boston, Massachusetts stammende Band, welche einst 2014 als angedachte Eintagsfliege für eine 4. Juli-Barbecue-Party zusammenfand, das. Und liefert den wohl schönsten Herzensbrecher-Indierock in der Tradition von Klassikern wie etwa Weezers „Pinkerton“, den man in diesem Herbst finden wird. It’s breakup season, y’all!

 

 

„You made my mom a scarf
Just like the one you made for me
It’s just like you to keep us warm
Even after I up and leave

I can’t remember when I last slept in my own bed
And I’m paying up for it in way more ways than rent

Catch me crying in the shower (how’s your day been?)
Crying in a traffic jam (how was your drive?)
Crying in the break room hoping no one else comes in

I bet your friends are thrilled
They don’t have to hear you go on
About another girl who’s great
But Boston’s still too damn far away
I know mine are over it
They’ve been rolling their eyes since
We nearly kissed in Ilana’s backyard
So I mailed you a book and a birthday card

Now I’m crying in the shower (how’s your day been?)
Crying in a traffic jam (how was your drive?)
Crying in the break room hoping no one else comes in
Crying into my fridge (are you eating?)
Crying at my own birthday (are you happier yet?)
Crying over every picture of your cat you send

Crying into my plate
At a Mexican place in Maine
Cause you won’t let me pay you back for a vacation I didn’t take
And it’s been two years to the day

Sick of crying in the shower
Crying in a traffic jam
Crying in the bathroom when you asked me how’ve I’ve been
Crying into my fridge
Crying cause I’m leaving again
Crying when you told me I would still be your best friend – and I can’t do this again“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Black Pumas – „Colors“ (live)


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Der frühe Vogel hört frische Töne. Oder: Manchmal entdeckt man schon früh morgens tolle neue Bands – in meinem Fall waren das just gestern Black Pumas im ARD Morgenmagazin, als die Band aus Austin, Texas zu früher Stunde im Kölner Studio der Öffentlich-rechtlichen Halt machte, um das im Juni veröffentlichte Debütalbum zu bewerben. Der Song dafür? „Colors“. Spontanes Urteil beim ersten Kaffee des Tages? Macht Bock auf mehr.

Also mal eben Dr. Google und Co. bemüht, und in weitere Stücke hinein gehört. Danach wundert es kaum, dass der renommierte Radiosender NPR die Band als „The Breakout Band Of 2019“ nannte und KCRW den Sound der Black Pumas als „Wu-Tang Clan meets James Brown“ beschrieb. Beim SXSW Festival im heimischen Austin, Texas bekam die Band weiteres, durchweg positives Feedback und sogar die Auszeichnungen für „Song Of The Year“ („Black Moon Rising“, die Eröffnungsnummer des selbstbetitelten Debüts) sowie „Best New Band“. Doch obwohl Black Pumas auf dem (digitalen) Papier der neuste „heiße Scheiß“ der Musiksaison sein mögen, ist der Geist dieser Band ist schon sehr viel älter, und – wenn überhaupt – lediglich in Petitessen innovativ. Das Besondere liegt vielmehr im Zusammenspiel des Quasi-Duos…

BlackPumas_BlackPumas.jpgBislang spielte der Grammy-prämierte Produzent und Gitarrist Adrian Quesada bei einigen außerhalb des Genres (sowie über Austins Grenzen hinaus) eher mittelbekannten Latin-Rock-Formationen  wie Brownout oder Grupo Fantasma. Für eine neue Band, für die ihm bereits die ein oder andere Idee durch die Hirnwindungen spukte, suchte er vor etwa zwei Jahren noch eine Stimme – und fand diese durch den Tipp eines Freundes in Eric Burton (nicht zu verwechseln mit Eric Burdon, dem ehemaligen Sänger der Animals und War). Burton wuchs im kalifornischen San Fernando Valley in einer sehr kirchlichen Umgebung auf und machte seine ersten kreativen Gehversuche zunächst in kleinen Musiktheaterstücken, dann als Straßenmusiker in Santa Monica und später in Austin. Im Grunde also eine Entdeckung, ein Newcomer – doch wer seine Stimme hört, die so voller Volumen, so voller Wärme ist, der denkt wohl unweigerlich weniger an die musikalische Formatradio-Stangenware von heute, sondern weiter zurück: an die goldenen Zeiten von Soulgrößen der Siebziger, wie den legendären James Brown. An Marvin Gaye. An Al Green. Eventuell noch an heutige Künstler wie Michael Kiwanuka oder Charles Bradley (der eine, Kiwanuka, steht mit seinem Talent beinahe allein auf weiter Flur, der andere, Bradley, wurde sträflichst spät entdeckt und verstarb 2017 viel zu früh). Wie weiches Vinyl auf digitalen Spuren…

Gemeinsam kreieren Adrian Quesada und Eric Burton auf dem Debütwerk zehn Songs, die ihre Bezüge wohl auf eine ganze Heerschar von großen Nummern der (Rock-)Musikhistorie nehmen. Mal spielt ein Titel auf Creedence Clearwater Revival an (der Opener „Black Moon Rising“ lässt einen wohl unweigerlich an deren „Bad Moon Rising“ denken). Mal gemahnt der E-Gitarren-Sound eines Stückes wie „Know You Better“ an die Beatles zu „Abbey Road“-Zeiten. Mal gelingt Quesada und Burton wie mit „Fire“ ein astreiner Neo-Western-Song, der durch die Kombination von Soul und dem typischen Ennio-Morricone-Fuzz-Sound direkt auf Soundtracks von „Shaft“ oder einem der vielen Quentin-Tarrantino-Filme gepasst hätte. Ansonsten? Bläser. Standesgemäßer Backgroundgesang. Ab und an ein paar Streicher. Und es gibt „Colors“, das Herzstück des Albums, mit seinen schönen Gitarrenakkorden, einem Boom-Bap-Beat und dem gegen Ende hin ausrastenden Piano, in dem Burton „It’s a good day to see my favorite colors“ singt – und kurioserweise mit seiner Stimme mal nicht im Zentrum steht.

Alles in allem ist das selbstbetitelte Debüt von Black Pumas eine feine Mischung aus klassischem Soul und Funk mit Elementen von East-Coast Hip-Hop und Jazz. Und hat dabei alles, was ein ordentlich groovendes Album braucht. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger (wer mag, darf natürlich im Kopf noch den obligatorischen „Retro“-Sticker drauf pappen). Es lässt den Fuß wippen und den Kopf nicken, während man sich die Spätsommersonne ins Gesicht scheinen lässt. Dafür lohnt es sich glatt, früher aufzustehen…

 

 

 

Das komplette Album kann via Bandcamp gestreamt werden…

 

…während man hier ein recht interessantes Interview mit Adrian Quesada und Eric Burton findet.

 

Rock and Roll.

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