Archiv der Kategorie: Review

Song des Tages: Stereophonics – „What’s All The Fuss About?“


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Macht irgendjemand noch ein Fass auf, wenn mal wieder ein neues Stereophonics-Album erscheint? Nein? Und das aus guten Gründen…

Zwar ist die vierköpfige walisische Rockband bereits seit 1992 aktiv und hat immer wieder bewiesen, dass sie auch heute noch relevant sein kann. Andererseits bleibt bei dem „soliden Pop-Rock“ (Musikexpress.de) ihrer alle zwei, drei Jahre in schöner Regelmäßigkeit erscheinenden Alben kaum mal ein Song als erhebendes Aha-Erlebnis hängen. Vielmehr dockt der Großteil der Stücke von Kelly Jones, Richard Jones, Adam Zindani und Jamie Morrison an selige Britrock-Zeiten der Neunziger an, als alles „Cool Britannia!“ schrie und entweder auf Oasis oder Blur geeicht schien und dürfte damit im besten Fall Nostalgikern in Lederjacken in die Hände spielen, in schlimmen Momenten kommt vernachlässig- wie austauschbarer Bon-Jovi-Stadiorock dabei heraus.

61M1TfV-VoL._SS500Dass die Reibeeisen-Stimme von Frontmann Kelly Jones auch nach einem Vierteljahrhundert Stereophonics noch immer an einen ewig jungen Rod Stewart erinnert, dürfte klar sein. Dass die Band durchaus in der Lage ist, ab und an und noch immer mit einem ihrer Songs zu Überrauschen, dürften all jene wissen, die neuen Werken der Waliser stets eine Chance geben. Man erinnere sich etwa an das großartige „Violins And Tambourines“ vom 2013er Langspieler „Graffiti On The Train„, ein fünfminütiges Mini-Drama von einem Song, der neben dem freilich obligatorischen GitarreSchlagzeugBass von einer ganzen Armada aus Streichern gen Klimax getragen wurde. Ja, die Stereophonics sind immer dann richtig gut, wenn sie es sich erlauben, den drögen Drei-Minuten-Riff-Song beiseite zu schieben und sich auf Neues einzulassen.

Das beweist wieder einmal das Stück „What’s All The Fuss About?“, seines Zeichens Teil des im Oktober erschienenen zehnten Studioalbums „Scream Above the Sounds„. Während die meisten der neuen Songs einmal mehr sauber und gefahrlos durch die Gehörgänge rauschen, gönnen Kelly Jones und Co. ebenjenem Stück ein halbes Bläserorchester nebst Saxofon und einer Flamenco-Akustikgitarre, welche „What’s All The Fuss About?“ erst richtig interessant machen und ihm die bereits vorab beschworene, Stereophonics’sche dramatische Note fernab der Alltäglichkeit verleihen. Well done, guys!

 

 

„Feel warm wind today
Back from L.A
Tie your hair in a red-band bow when you greet me by the gate
Sipping straight from your coffee cup and break bread crumbs on the floor
Fight my hand ‚cause I want a drink but I want you so much more
Oh, what’s the fuss all about?

New, warm, wasted
Back to our place
You didn’t care if I said too much, I could see that by your face
You sleep and stir when I pick you up and drop you
I fought the man ‚cause I wanna think that I’ll be here evermore
Oh, what’s the fuss all about?

Oh, what’s the fuss all about?

The bell rings aloud in the schoolyard sun
Young boys, all they wanna do is run
The trees and the leaves, and they blow in the breeze
And the blossoms appear, make the young girls sneeze
The swings in the park and the ghosts in the dark
The troops on the day and the secrets we share
The things that we learn and the things that we earn
Embarrassed and dazed at mistakes that we make

Jet streams in the sky
You’re gone in the blink of an eye
Heavenly hugs and the shoulders you shrug
The bully, the boss and the priest and his cross
The letters we write and the wrongs you can right
The space that we meet in the loneliest weeks
Words in the wind
Repented our sins

The games that we play and the changes we make
The love and the light and the smiles you ignite
Skin on skin

The life that we chase, it feels like a waste
To get to a place with the pride and the grace
It’s hard to replace the touch of your face
When you’re so far away

Are you lost, are you found
On this merry-go-round?
What’s all the fuss about?“

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Weller – „Weller“


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„The only thing I really know about Weller is that they’re not Paul Weller. I know this because for a short while I mistook tweets about them as such, slightly confused by the people who were heralding a new record from the former Jam man.“

(Tom Johnson, goldflakepaint.co.uk)

In der Tat würde man vieles Andere hinter einem Bandnamen wie Weller erwarten (ein neues Projekt des „Godfather of Britpop“, die musikalische Zusammenkunft der Sprösse des „ewigen Mods“…), nur eben nicht eine junge Band aus dem US-amerikanischen Philadelphia.

Was genau Harrison Nantz, Jeremy Berkin und Evan Clark Moorehead dazu bewogen haben mag, ihre Band namentlich nah an Paul Weller heranzuführen? Nichts Genaues weiß man nicht. Fest steht, dass das junge Philly-Trio mit ihrem im Oktober veröffentlichten Debütalbum und seinen zehn mit beherztem Indierock zu Werke gehenden melodieseligen Songs kaum weiter entfernt vom Elder Statesman des distinguierten Modrocks liegen könnte. Viel eher dürfte die recht rohe, direkte Energie von Bands wie Weezer (genauer: deren Frühwerk) bei den Coming-of-Age-Stücken, die recht schnell zum Punkt kommen und kaum oberhalb der Drei-Minuten-Marke landen, Pate gestanden haben.

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Via Bandcamp kann das komplette Debütalbum gestreamt und obendrein im „Name your price“-Prinzip aufs heimische Abspielgerät geladen werden:

 

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Faber – Sei ein Faber im Wind (2017)

71aztMRRAHL._SL1200_-erschienen bei Vertigo/Capitol/Universal-

Wikipedia ist mal wieder schlauer: „Der Begriff Homo faber (lat., ‚der schaffende Mensch‘ oder ‚der Mensch als Handwerker‘) wird in der philosophischen Anthropologie benutzt, um den modernen Menschen von älteren Menschheitsepochen durch seine Eigenschaft als aktiver Veränderer seiner Umwelt abzugrenzen.“

Nun ist freilich nicht bekannt, wie weit ein gewisser Julian Pollina ins Philosophische vorgedrungen sein mag. Vielmehr bleibt zu vermuten, dass sich der Schweizer Musiker, seines Zeichens Jahrgang 1993, seinen Kunst- und Künstlernamen Faber dem 1957 erschienenen Erfolgsroman „Homo faber“ seines Landsmanns Max Frisch entliehen hat. Denn die Parallelen, welche zwischen ebenjenem Buch und den Stücken des noch jungen Liedermachers bestehen, können kaum zufällig sein. Max Frisch erzählt in „Homo faber“ von Walter Faber, einem weltgewandten Ingenieur mit streng rationaler, technisch orientierter Weltanschauung, in dessen geordnetes Leben der Zufall und die verdrängte Vergangenheit einbrechen. Eine (unwissentliche) inzestuöse Liebesbeziehung mit tragischem Ende, todkranke Einsichten über Verfehlungen und Versäumnisse – die ganz große philosophische Tragikkeule. Worin die Parallelen zur Lyrik Pollinas liegen? Mehr dazu später…

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Denn vor allem brauchte der 24-Jährige wohl ein Pseudonym, um nicht ständig als „der Sohn von“ Pippo Pollina, einem in der Schweiz (und im italienischen Sprachraum) bekannten Musiker, den man in Deutschland wohl am ehesten über eine Zusammenarbeit mit Konstantin Wecker kennen könnte, verglichen zu werden. Und solange diese erschaffene Kunstfigur Faber die Authentizität nicht durch Gekünsteltes und Künstlichkeit erstickt, sollte das nur recht und billig sein.

Den Entschluss, sich fortan als alter ego aus Max Frischs wegweisendem Gesellschaftsroman durchs Musikgeschäft und über Konzertbühnen zu bewegen, fasste Julian „Faber“ Pollina irgendwann im Jahr 2013. Also scharrte der Züricher Liedermacher, dem in einer derart musikalischen Familie beinahe keine andere Wahl blieb, ein paar befreundete Musiker um sich, schrieb erste eigene Stücke, fasste sich irgendwann ein Herz und spielte diese seiner Landsfrau Sophie Hunger vor, welche das junge Talent kurze Zeit später als Vorgruppe mit auf Tournee nahm (die Schweiz erscheint klein genug, sodass man sich irgendwann einfach zwangsläufig über den Weg laufen muss). Wiederum zwei EPs später („Alles Gute“ 2015, „Abstinenz“ 2016), mit deren Songs sich der Musiker weitere Aufmerksamkeit – auch über die Grenzen seiner Schweizer Heimat hinaus – erspielte, erschien nun im Juli sein Debütalbum „Sei ein Faber im Wind“. Und das hat es in sich.

Warum?

Nun, spannen wir doch einfach einen lyrischen Bogen…

So heißt es – wenn auch noch ein wenig holprig getextet – im tollen „Tausenfrankenlang“, dem vierten Stück der damals noch via Crowdfunding finanzierten 2015er Debüt-EP „Alles Gute“:

„Ich habe dich geliebt / Tausend Franken lang / Und wenn du neben mir liegst / Sehe ich dich an / Dann schwebe ich davon / Tausend Meter hoch / Mir wird warm / Jetzt bin ich arm / Ich halt dich fest…“

Zwei Jahre später, im abschließenden Titelsong des Debütwerks „Sei ein Faber im Wind“, wiederum singt Faber folgende Zeilen:

„Einer von uns beiden hat gelogen / Und das war ich / Ich habe dir gesagt / Es sei egal, ich komme klar auch ohne dich / Und du hast es nicht geglaubt, hast laut gelacht / Und hast gesagt: ‚Mal schauen‘ / Und bist einfach abgehauen / Und jeder Jäger träumt von einem Reh / Jeder Winter träumt vom Schnee / Jede Theke träumt von einem Bier / Warum, du Nutte, träumst du nicht von mir?“

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Ja, Fabers Texte sind engmaschig durchzogen von einer nicht eben optimistischen Lebensweise. Meist haut er dem Hörer Sätze um die Ohren, die dieser – in ihrem durchlebten Fatalismus, behaftet mit lakonischer Resignation – vielleicht von jemandem erwartet hätte, der gerade das halbe Jahrhundert voll gemacht hat, kaum jedoch von einem Mittzwanziger. Und: Faber liebt es deftig. So heißt es etwa in „Bratislava“:

„Die Fischertöchter angeln sich nun Männer / Zeigen Bein und Brust, wenn’s denn sein muss / Für etwas Geld tut man alles in der Welt / Es sind dieselben, die bei uns Schlange stehen / Auf den Straßen, um dir schnell einen zu blasen / Oder sich ficken lassen in deinem Wagen…“

Jedoch ist dieser Gossenjargon bei dem Schweizer Musiker – und da besteht der größte Unterschied zu Bands wie Kraftklub, die ihre Ex-Freundin unlängst auch medienwirksam als „Hure“ in einem Song verewigten – nie pures Mittel, um 15 Minuten Aufmerksamkeit abzugreifen. Pollinas Skizze ebenjenes Fabers sieht einfach schmutzige, direkte Worte wie diese vor. Anderswo, im großartigen „Wer nicht schwimmen kann der taucht“ (allein der Titel – großartig!), singt er:

„Ich bin bestimmt kein Rassist / Und gegen Ausländer habe ich nichts / Aber ich schau euren Schlauchbooten beim Kentern zu / Im Liegestuhl, am Swimming Pool, am Mittelmeer / Kratz mich am Bart, kratz mich am Bauch / Wer nicht schwimmen kann, der taucht / Wer nicht schwimmen kann, der taucht…“

Trotz – oder gerade wegen – bitterer Zeilen wie dieser, welche im Satz „Wenn es mir schlecht geht, seh’ ich gern, dass es euch schlechter geht“ kulminiert, wird man 2017 kein treffenderes Stück Musik über Europas Haltung zur Flüchtlingspolitik finden – dass diese ausgerechnet von einem jungen Schweizer stammen, ist durchaus bezeichnend. Insgesamt trifft Fabers vor einigen Jahren selbst getroffene Beschreibung ganz gut: „Ich schreibe (wahn)witzige, traurige und ernste deutsche Texte über bedingungslose Liebe, Identität, Moral, kleinkriminelle Idole und alles was einen sonst so beschäftigt. Am liebsten würde ich wie Jacques Brel klingen. Ich klinge leider anders.“

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Doch wären all die tollen Texte freilich kaum etwas wert ohne die dementsprechende musikalische Begleitung. Und auch da setzt Julian Pollina, dieser süße, meist verlegen drein blickende Wuschelkopf, dem eine ganz ähnliche, scheinbar von – gefühlt – tausend Whiskey-und-Kippen-Nächten gegerbte Stimmfarbe wie AnnenMayKantereit-Kopf Henning May geschenkt wurde (auch wenn dessen Texte bisher nicht über die vier Wände der Studentenbude hinaus zu blicken wagen), die Messlatte hoch an. Gemeinsam mit seiner über die Jahre zusammen gestellten Begleitband entwerfen die dreizehn Songs von „Sei ein Faber im Wind“ einen musikalischen Road Trip durch Europa. Da gibt es Stücke, die Zach Condons Weltmusiker von Beirut kaum besser zu Gesicht gestanden hätten (die Trompete in der einminütigen „Ouverture“!). Da kommen einem die großen deutschsprachigen Liedermacher von Hannes Wader bis Reinhard Mey in den Sinn, genauso wie die ewigen französischen Chanson-Schwerenöter von Jaques Brel bis Leonard Cohen (näher an diesem als mit dem feinen „J’ai toujours rêvé d’être un gangster“ von der „Alles Gute“ EP kann man dem Kanadier in deutscher Sprache ohnehin nicht kommen). Wer bei Stücken wie „Nichts“ nicht mindestens mit einem Fuß wippt, der dürfte klinisch tot sein. Anderswo, bei „In Paris brennen Autos“, klingt der Tango an, während ein Song wie „Lass mich nicht los“ neue Maßstäbe in Punkto französisch-fatalistischer Schwermut setzt. Insgesamt brennen Faber und seine Band, deren Äußeres einen an eine lässige europäische Festland-Version der frühen Mumford & Sons denken lässt, eine reichhaltige Melange aus Folk, Balkan-Humpta, Jazz und Weltmusik ab, während der 24-jährige Frontmann in seinen Texten tief in kaputte männliche Egos abtaucht, dorthin wo sexueller wie gesellschaftlicher Frust, (National)Stolz und latente Aggression ein tristes Schattendasein fristen. Dort, wo auch der schönste Smartphoneschein nicht die eigene existenzielle Leere überstrahlen kann. Europäische First World Problems im 21. Jahrhundert, gebannt auf der besten deutschsprachigen Platte des Jahres. „Sei ein Faber im Wind“ ist mal leichte, mal fordernde Musik, jedoch zu jeder Minute große Kunst, durch und durch.

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Wer sich beim Hören des Debütalbums (zur Lektüre danach sei euch auch dieser „Musikexpress“-Artikel über Faber empfohlen) nicht allein auf die Musik beschränken mag, für den haben Faber zu nahezu jedem Albumstück ein oft ungewöhnliches, jedoch in jedem Fall ansehnliches Musikvideo gebastelt. Hier gibt’s die YouTube-Playlist:

 

Dass Faber durchaus Sinn für Humor und Ironie hat, beweist, dass er das Persiflage-Video von Luksan Wunder via Facebook mit „größte Ehre“ kommentierte:

 

Auch interessant: Fabers Auftritt bei Inas Nacht“, bei welchem er „Alles Gute“ zum Besten gab…

 

…sowie das „Blind Date“ mit „Musikexpress“-Redakteur Fabian Soethof, bei dem dem Schweizer Newcomer Einiges an (ihm meist hinlänglich bekannter) Musik vorgespielt wurde:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: oh sleep – „Magazine“


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Einer der wohl größten Unterschiede zwischen der US-amerikanischen und der hiesigen Musikszene ist die zeitweise Nähe zum Glauben. Während bei uns ach so liberalen und aufgeklärten Festland-Europäern vermeintlich bibeltreue Aluhut-Prediger wie Xavier Naidoo und seine Söhne-Mannheims-Clique zumindest Stirnrunzeln hervorrufen, sind Musiker und Bands, die das eigene, persönliche Glaubensbekenntnis auch in ihren Texten offen zur Schau stellen, in den US of A gar nicht mal so selten. Man denke nur an Creed, Flyleaf, Lifehouse oder Paramore. Klar, nicht jeder hängt so abstrusen Theorien an wie Gaslight-Anthem-Frontmann Brian Fallon, dessen Glaube an den Kreationismus auf dieser Seite des Atlantiks freilich für Kopfschütteln sorgt. Und nicht jede Band versucht, aus den eigenen religiösen Ansichten heraus gleich eine U2’sche Pathos-Messe mit zigtausenden willigen Teilnehmern zu veranstalten. Dennoch sind die Grenzen zwischen Persönlichem und Öffentlichem in den USA – und das auch weit über Genregrenzen hinaus (in meiner knappen Aufzählung weiter oben habe ich mal lieber das gottesfürchtige Star-Spangeled-Banner-Genre Country außen vor gelassen) – deutlich schwimmender gezeichnet als in Europa…

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Wohl den wenigsten dürfte bekannt sein, dass auch Pedro The Lion einst als offensiv christliche Indierock-Band an den Start gingen. Gegründet von Frontmann David Bazan in Seattle Mitte der Neunziger, waren die Songs der zwischen 1998 und 2004 veröffentlichten vier Alben, welche sich stilistisch irgendwo zwischen Lo-Fi-Singer/Songwritertum und knarzigem Emo-Rock beweg(t)en, auch ein Vehikel zur –  teils kritischen – Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben. Dass Bazan, der nach der zwischenzeitlichen Auflösung der Band im Jahr 2006 gut eine Handvoll Solo-Alben in die Regale stellte (und vor ein paar Tagen bekannt gab, wieder Shows unter dem Pedro-The-Lion-Banner zu spielen), seinen Glauben eher subtil denn mit dem textlichen Vorschlaghammer zum Ausdruck brachte, passt dabei zum sonst eher liberalen, oftmals politisch links orientierten und straight edge gehaltenen Emo-Genre. Trotz alledem finden sich für all jene, die einen genaueren Blick auf die Texte der Pedro The Lion-Songs werfen, allerlei religiöse Hinweise.

control-2012Man nehme etwa das Stück „Magazine„, erschienen 2002 auf dem dritten Studiowerk „Control“ (welches wiederum gemeinhin als bestes der Band gilt). Vordergründig mag man Zeilen wie „Wouldn’t you love to be / On the cover of a magazine? / Healthy skin, perfect teeth / Designed to hide what lies beneath“ als Zeitgeist-Kritik an der Mediengeilheit mancher (semi-)prominenter Personen lesen, David Bazan hatte mit seinem Text jedoch wohl eher all jene im kritischen Blick, die meinen, ihren Glauben allen Mitmenschen überstülpen zu müssen („Oh, look you earned your wings / Are you an angel, now / Or a vulture / Constantly hovering over / Waiting for the big mistake“).

Dass man den Song auch anders – und relativ frei von jenem religionskritischen Kontext – betrachten kann, beweist Florian Sczesny alias oh sleep. Der Bonner Indie-Musiker, welchen ANEWFRIEND in diesem Jahr bereits „Auf dem Radar“ hatte, nahm sich „Magazine“ für seine aktuelle „trio ep“ vor und unterzog das Stück aus der Feder seines Lieblings-Singer/Songwriters David Bazan einer Neuinterpretation, die nun weitaus weniger rockig ausfällt als noch das Pedro The Lion’sche Original. Anhand des nun veröffentlichten – und, wie ich finde, richtig guten – Musikvideos wird deutlich, dass sich Sczesny weitaus weniger aufs Religiöse konzentriert als Bazan und vielmehr die Mediengeilheit der heutigen Gesellschaft ins Auge fasst. Das hätten wir sie wieder, die unterschiedlichen Herangehensweisen in Europa und den USA…

 

 

Hier zum Vergleich „Magazine“ in einer Bazan’schen Live-Session-Variante von 2013:

 

„This line is metaphysical
And on the one side, on the one side
The bad half live in wickedness
And on the other side, on the other side
The good half live in arrogance
And there’s a steep slope
With a short rope
This line is metaphysical
And there’s a steady flow
Moving to and fro

Oh, look you earned your wings
Are you an angel, now
Or a vulture
Constantly hovering over
Waiting for the big mistake

Oh, my God, what have I done?
Oh, my God, what have I done?

Wouldn’t you love to be
On the cover of a magazine?
Healthy skin, perfect teeth
Designed to hide what lies beneath

I feel the darkness growing stronger
As you cram light down my throat
How does that work out for you
In your holy quest to be above reproach?“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Billy Bragg – „Why We Build The Wall“


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Was Bob Dylan für die US of A ist, ist Stephen William „Billy“ Bragg für England. Die gute intellektuelle Seele des nationalen Liedermachertums, der seit jeher alle anderen überragende Protestsänger der Nation, dessen kritische Zeilen jedem mit wachem Verstand aus Herz, Kopf und Seele zu sprechen scheinen. Doch anders als der enigmatische Zimmermann-Bob, der es in den letzten Jahren eher vorzog, einen Bohei um seine Literaturnobelpreis-Verleihung zu machen oder sich das Gestern vor die Haustür zu holen, um anschließend lieber Frank-Sinatra-Songs zu covern denn kritische Kommentare über Kriege oder die letzten US-Regierungen zu geben, ist Bragg, der im Dezember 60 Lenze jung wird, noch immer höchst politisch unterwegs: als überzeugter Labour-Anhänger (deren Vorsitzender Jeremy Corbyn ihm übrigens sehr ähnlich sieht), Antifaschist, Friedensaktivist oder Monarchie-Gegner. Den Text seines 1983 erschienenen Evergreens „A New England“ können wohl die meisten seiner Landmänner (und -frauen) von Leeds bis nach Southampton bierselig wie in- und auswendig mitgröhlen. Auch ohne Nummer-eins-Alben hat sich Billy Bragg während seiner mittlerweile vier Jahrzehnte langen Zeit im Musikgeschäft jedes Gramm Kredibilität einerseits hart verdient, andererseits auch erhalten und weiß immer noch, Kluges und Kritisches zu Welt- wie Zeitgeschehen beitragen.

61JzZi20qTLDas beweist der Londoner Working Class Hero einmal mehr auf seiner neusten, heute erscheinenden EP „Bridges Not Walls„, auf welcher der „britische Altmeister des Protestsongs“ (Amazon) erneut Schlaues über die „Leave“-Kampagne, welche zum Brexit führte, oder zur US-Präsidentschaft Donald Trumps (der Opener „The Sleep Of Reason“ – mehr zum Song hier), über Idealismus („Not Everything That County Can Be Counted„) oder sein Landleute („Full Brexit Now„) zu sagen hat. Das Herzstück des sechs Songs kurzen Mini-Albums bildet jedoch das Stück „Why We Build The Wall“ – und ebenjenes stammt weder aus der Feder Braggs, noch ist es ein Kommentar zu Trumps Androhung, einen hohen „Schutzwall“ an der US-mexikanischen Grenze errichten zu lassen. Verfasst wurde der Song bereits 2010 – also weit vor dem wahnwitzigen Amtsantritt des irren Geschäftsmannes – von der US-amerikanischen Folksängerin Anaïs Mitchell für deren als „Folk Opera“ angedachtes Album „Hadestown“ (welches wiederum die griechische Sage um Orpheus und Eurydice in die Zeit der Großen Depression transportiert). Bragg, der wohl nicht als einziger die beinahe erschreckend prophetische Botschaft des Songs bemerkte, nahm „Why We Build The Wall“ im vergangenen Jahr in sein Live-Repertoire auf und unterzog Mitchells Folk-Weise nun auch im Studio einer Neuinterpretation. Gut zu wissen, dass es auch heute noch Typen wie Billy Bragg gibt…

 

 

„I first heard Anais Mitchell sing ‘Why We Build The Wall’ at Occupy London in November 2011, standing on the steps of St Paul’s Cathedral. The power of the lyrics struck me then and, in the intervening years, the song has become even more powerful as the mass movement of people from Africa and Asia into Europe, North America and Australia has forced migration onto the political agenda.   In 2016, matters came to a head when anti-immigrant sentiment was identified as a prime mover in Britain’s vote to leave the European Union and Donald Trump was elected president after promising to build a wall along the Mexican border. In the coming years, driven by climatic changes in their home countries, more and more people are going to be on the move, looking for a better life for their families. Our children and our grandchildren will judge us on our response to those who come to our door looking for shelter.“

(weitere Infos zur EP und den einzelnen Songs findet ihr hier…)

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Dhani Harrison – „All About Waiting“


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Wer denkt, dass John Lennons Söhne Sean und Julian ihrem 1980 verstorbenen Vater ähnlich sehen, der sollte ruhig einmal „Dhani Harrison“ in die Google-Bildersuche eingeben…

Denn in der Tat scheint Dhani Harrison seinem berühmten Vater George, seines Zeichens einst saitenbedienender Teil der Beatles, wie aus dem Gesicht geschnitten. Mehr noch: Der mittlerweile 39-Jährige, den es – welch‘ Wunder bei den gegebenen Genen – ebenfalls ins künstlerische Metier verschlagen hat (wie auch die Lennon-Söhne oder Zak Starkey, Spross von Ringo Starr), klingt auch stimmlich beinahe wie sein 2001 verstorbener alter Herr (auch hier wieder verblüffende Parallelen zu Sean und Julian Lennon). Klar wird jeder auch daher immer wieder an den Beatles-Gitarristen denken müssen…

Eventuell hat es deshalb so lange gedauert, bis Dhani mit seinem ersten Soloalbum ums Eck lugte. An der Beschäftigung mit der Musik lag es jedenfalls nie. Zuerst gemeinsam – und bis zu dessen Tod – mit seinem Vater, später mit Buddies wie Jakob Dylan (Sie ahnen bereits, wer dessen Senior sein könnte), RZA (Wu Tang Clan), Prince, Regina Spektor oder im Verbund mit Ben Harper und Joseph Arthur, mit denen er das kurzlebige Bandprojekt Fistful Of Mercy aus der Taufe hob. Der gebürtige Engländer war – und das auch als Kurator des musikalischen Erbes seines Vaters – immer kreativ.

4050538317459Dass Dhani Harrison in dieser, seiner Kreativität kaum musikalische Genre-Scheuklappen kennt, beweist das nun erschiene Solo-Debüt „In///Parallel„, welches von ausufernden, fast schon cineastischen Elektro-Epen über Ausflüge in R’n’B-Gefilde bis hin zu Streicher-Meeren oder lärmigen, verzerrten Industrial-Gitarrensoli á la Nine Inch Nails in einer knappen Stunde so ziemlich alles an tönender Achterbahn aufbietet, um es dem geneigten Hörer auch ja nicht zu gemütlich zu machen.  Wer mutig ist – und ebenso wenige Scheuklappen besitzt wie Dhani Harrison – kann das zwar unter „Pop“ einsortieren – nur eben mit anderen Mitteln. Und freilich mag dies auch ein – äußerst eleganter – Weg sein, mit den Erwartungen umzugehen, die Dhanis familiäre Abstammung zwangsläufig mit sich bringt: an melodische Virtuosität, an Universalität, an das Pop-Verständnis. Einfach mal das machen, was einem bei dem Namen „Harrison“ eben nicht in den Sinn gekommen wäre. (Denn mal ehrlich: Die meisten von uns hätten ja vom George-Spross gemütlichen MOR-Folkrock erwartet, oder?) Einfach mal kompromisslos machen. Optische Parallelen reichen ja…

 

Noch der poppigste Moment auf „In//Parallel“: das zurecht als Single ausgekoppelte „All About Waiting“…

 

…welches Dhani Harrison auch unlängst im Zuge einer Live Session bei KCRW zum Besten gab:

 

Rock and Roll.

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