Archiv der Kategorie: Review

Auf dem Radar: Isaac Gracie


Foto: Promo / Mike Massaro

Sekunden der Stille verstreichen. Normalerweise nutzen Künstler instrumentale Pausen innerhalb oder zwischen den Songs, um eine gewisse Atmosphäre zu kreieren… Aber eine solche Kunstpause am Anfang eines Albums? Ungewöhnlich, fürwahr. Dann jedoch setzen endlich die ersten Klänge des Debüts von Isaac Gracie ein. Der heute 26-jährige Londoner zeigt auf dem gleichnamigen, 2018 erschienenen Album eine Mischung aus melancholisch-eleganten Chansons, gepaart mit einer ganzen Menge Wehmut. Das Frontcover ziert das aschfahle, jugendliche Gesicht seiner Person, die das Nachdenkliche ebenso im Blick trägt wie einen versteckten Ansatz von verschmitztem Lächeln. Ein Widerspruch? Mitnichten.

Das beweist bereits der Opener „Terrified„, in dem der ehemalige Chorknabe und Student für Englisch und kreatives Schreiben seine innersten Ängste besingt. Und bereits hier wird’s wohl schon zum ersten Mal autobiografisch, denn als Isaac Joseph Gracie-Burrow vor einigen Jahren mit „Last Words“ eine Demo-Version (s)einen ersten Songs via Soundcloud ins weltweite Netz entlässt, kam dieser auch dem einflussreichen BBC-Radio-Moderator Zane Lowe zu Ohren, der das Stück alsbald in seiner Show rauf und runter spielte. Die eigentlich recht positiven Folgen: Gracies Fanschar wuchs in den ersten Monaten exponentiell, die Musikindustrie wedelte mit lukrativen Verträgen. Ja, eigentlich, denn der gehypte Newcomer selbst versank in Selbstzweifeln, wusste nicht, was er davon halten, wie er nun reagieren sollte und fühlte sich so gar nicht auf das Leben als potenzieller Star vorbereitet. Aus diesen widerstreitenden Gefühlen also erwuchs sein zweiter Song „Terrified“ – und der wurde sofort zum zweiten Hit. Warum, dachte sich der junge Musiker, sollte man daraus nicht eine Methode machen?

Diesem Modus Operandi kommt natürlich zugute, dass Isaac Gracie mit einer Stimme gesegnet ist, die an die ganz Großen, an Künstler wie Jeff Buckley oder Nick Drake, erinnert. Eine Stimme, der eine Schwere anhaftet, als hätte man vor langer, langer Zeit eine Gefängniskugel von Problemen an seinem vor Schwermut müden Bein befestigt. Grau trifft Anthrazit, ganz frei nach dem Motto: Ich habe schon mit allem abgeschlossen, bevor es überhaupt richtig losgeht. Es trägt also schon etwas Juvenil-unbedarftes, etwas Ironisches in sich, dass „Last Words“ genau von dieser Art von Resignation erzählt. Trotzdem steckt hier viel mehr drin als lediglich ein weiterer Gitarre klampfender, introvertierter Lagerfeuertroubadour. So werden im Refrain von „The Death Of You & I“ zum ersten Mal die E-Gitarren aufgedreht und Gracie entlädt zu herzwunden Zeilen wie “Nothing ever felt so real since the death of you and I” all jene Emotionen, die bis dato weitestgehend unterdrückt blieben. Nevermind Nirvana? Nope. Die Wagenladung an negativen Gefühlen, welche das Album in sich trägt, verpackt Gracie – anders als weiland Kurt Cobain – in luftig-leichte Gitarrenriffs, mal akustisch, mal elektrisch und mit einer Singalong-Attitüde, wie man sie sonst vor allem von Britpop-Revival-Parties kennt. Da verpasst man doch beinahe Songs wie „Running On Empty“ oder das Streicher-Meer in „Telescope„, bei denen der Bohemian-Einfluss eines Peter Doherty, der Babyshambles und Libertines, deutlich mitschwingt – nur vielleicht mit etwas weniger hedonistischem Spektakel und Lust auf den nächstletzten Exzess.

Trotzdem kehrt Gracie immer wieder zum Melancholischen zurück. Vielleicht mag’s ja an seiner familiären Prägung liegen: Seine Mutter ist die Dichterin und Psychoanalytikerin Judith Gracie, im Elternhaus kam er recht früh mit vielfältigen musikalischen Einflüssen, die von Radiohead über Leonard Cohen, Kurt Cobain, Bob Dylan bis hin zu Tim und Jeff Buckley reichten, in Berührung. Mit 14 Jahren schrieb er erste eigene Songs, 2016 erschien die recht programmatisch „Songs From My Bedroom“ betitelte Debüt-EP. Doch zurück zur Schwermut, denn „That Was Then“ zerbricht beinahe an der stimmlichen Traurigkeit sowie einem starken Refrain, in dem Gracie die Zittrigkeit der Strophen ablegt und nach vorne schaut. Es ist immer wieder schön zu hören, wie Künstler ihren Gesang gekonnt einsetzen und in ihren Songs Kontraste erzeugen, um das emotionale Kaleidoskop noch direkter mit dem Hörer, der Hörerin zu teilen. Der melodramatische Hymnus „Silhouettes Of You“, welcher stark an den Radiohead’schen Gassenheuler „Creep“ erinnert, steht dem mit seinem stetig anschwellenden Crescendo in nichts nach.

Klar: Isaac Gracies musikalisches Gewand ist ein recht Spezielles. Manch eine(r) mag seine Songs aufgrund des kohärenten Klangbilds und der thematischen Wiederholungen – aller Wandelbarkeit zum Trotz – (vor)schnell als monotone Langweiliger-Platte eines Möchtegern-Bob-Dylans abstempeln (was bei Zeilen wie „Well, I sleep all day and drink all night“ zugegebenermaßen im ersten Moment ein Leichtes wäre). Für andere wiederum trifft der britische Nachwuchs-Singer/Songwriter mit seinem Debütalbum wortwörtlich ins vinylne Schwarze und verbindet Indie-Folk-Rock mit anthrazit-grauer Alltagslyrik. Alles in allem: ein solides, recht zeitloses Erstlingswerk.

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Pærish – „Fixed It All“


Foto: Promo / Nabila Mahdjoubi

Post-Hardcore-Experte Will Yip hat’s produziert, SideOneDummy Records hat’s veröffentlicht. So schlecht kann das, was Pærish hier an den Start gebracht haben, also kaum sein. Dass es aber an mancher Stelle dermaßen großartig tönt, überrascht dann aber doch. „Fixed It All“ – ab sofort ein neuer Lieblingsalbum-Kandidat für die Generation Post-Emo. Oder so ähnlich. 

Die 2010 von drei Filmstudenten gegründete Band kommt – ohlala! – aus Paris, klingt jedoch keineswegs nach Audrey Tautou, Café au Lait und dem Eiffelturm, sondern vielmehr nach der ganzen Alternative-Rock-Welt. Nach anno dazumal (meint: den frühen 2000ern) und heute. Man darf mit Fug und Recht vermuten, dass der Vierer von Bands wie Sparta oder Glassjaw und ganz sicher von Rival Schools bereits gehört hat (und das ein oder andere Werk ebenjener Kombos in der heimischen Plattensammlung hat). An mancher Stelle tönt gar der poppige Ohrwurm-Faktor von Weezer oder Jimmy Eat World durch, eingeweihte Szene-Füchse mögen zudem Vergleiche zu Bands wie Basement, Superheaven oder Narrow Head ziehen. Alternative Rock ist das, manchmal mit ein paar gut gemeinten Prisen Post Hardcore, mal eben auch das, was gemeinhin als Emo Punk durchs Rund rockt. Einfach eine unglaublich gute Mischung mit unglaublich guten Songs.

Da das Quartett vor allem in den vergangenen Jahren vornehmlich in Ton- statt in Filmstudios unterwegs war, lassen sich Pærish beim Schreiben ihrer Songs nun – mal mehr, mal weniger direkt – vom Kopfkino-Flimmern der weiten Filmwelt inspirieren (so etwa auch beim Bandnamen, zu welchem sich Pærish durch den von Robin Williams in „Jumanji“ verkörperten Charakter Alan Parrish inspirieren ließen). Newcomer sind die Franzosen aber keineswegs – bereits mit ihrem 2016 erschienenen Debüt „Semi Finalists“ schaffen sie es ins Vorprogramm von Bands wie Sum 41 oder den Silversun Pickups. Mit „Fixed It All“ dürfte es hoffentlich sogar noch höher hinausgehen, denn Will Yip (La Dispute, Pianos Become The Teeth, Tigers Jaw), der beim Erstling bereits fürs Mastern verantwortlich war, ist genau der Richtige, um ihre Songs mit seinem Trademark-Sound auf ein neues Level zu bringen. Gitarren und Bass klingen vor allem in den tiefen Tönen satt und wuchtig mit zeitlosem Grunge-Fuzz oder, wenn sie clean bleiben, mit leicht shoegazigem Hall wie bei den späteren Title Fight. Auch das Schlagzeug tönt groß und raumfüllend, wie im Intro von „Violet“, wo es allein für sich steht. Pærish scheuen keine dissonanten Akkordfolgen, die so aufgekratzt sind, wie es vor allem im Neunziger-Alternative-Rock üblich war. Diese Spannung geht fast immer in Refrains auf, in denen Sänger Mathias Court nicht nur ähnlich klingt wie Jim Adkins, sondern auch ein vergleichbares Talent für Melodien unter Beweis stellt wie der Jimmy Eat World-Frontmann. Klares Ding: Mit denen gehören Pærish als nächstes auf die Bühne. Ein Song wie „Archives“ wäre in einer besseren Musikwelt ein verdammter H.I.T., die „Journey Of The Prairie King“ dürfte gern niemals enden, „You & I“ punktet mit Patrick Miranda von Movements als Gast.

Unterm Strich steht ein Zweitwerk mit zehn eindringlichen, intensiven Stücken einer am internationalen Punkrock-Niveau schnuppernden Band, die weder die harten Gitarren noch das nötige Quäntchen Kitsch scheut. Je pense que ça me plaît.

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Mars Volta – „Inertiatic Esp“ (unfinished original recording)


Nicht, dass The Mars Volta, das infernalische Duo bestehend aus Cedric Bixler-Zavala und Omar Rodriguez-López, seit 2012, also nachdem das bisher letzte Album „Noctourniquet“ erschien, unproduktiv gewesen wären. Nach dem (vorläufigen) Ende der progrockenden US-Santana-goes-Soft Machine-goes-At The Drive-In-Superband riefen die beiden Masterminds 2014 zunächst Antemasque ins Leben, veröffentlichten unter diesem Namen ein selbstbetiteltes Album, um anschließend – zur allseits großen Überraschung – tatsächlich (kurzzeitig) At The Drive-In wiederzubeleben und mit „In•ter a•li•a“ und „Diamanté“ ein Album sowie eine EP unter die Fanschar zu hauen.

Und da haben wir noch nicht von Bixler-Zavalas Supergroup Anywhere gesprochen, die 2012 und 2018 Alben veröffentlichte sowie natürlich von Rodriguez-López, dessen Album-Output seit 2012 satte 29 Alben umfasst – im Juli 2020 dann neu ausgelesen, arrangiert und inszeniert in der zusammenfassenden Vinyl-Box „The Clouds Hill Tapes Parts I, II & III“. Umtriebig? Du machst dir ja keine Vorstellungen…

Ebenjenes Hamburger Label Clouds Hill (und somit freilich die Leute dahinter) ist seit Jahren eng mit den zwei Protagonisten befreundet. Rodriguez-López hat im dazugehörigen Studio solo gearbeitet, mit seiner Partnerin Teresa Suaréz (alias Teri Gender Bender von Le Butcherettes) dort das Projekt Bosnian Rainbows ins Leben gerufen (und mit ihr und den Melvins als Crystal Fairy 2017 ein Album veröffentlicht), und auch At The Drive-In haben dort bereits aufgenommen.

Nun erschien bei Clouds Hill auch eine beachtliche LP-Box von The Mars Volta: „La Realidad De Los Sueños“ enthält alle Studio-Alben und EPs der Band in einer schick aufgemachten, auf 5.000 Stück limitierten 18-LP-Box – kaum verwunderlich, dass das hübsch anzusehende Teil mit seinen 180-Gramm-Vinyls sowie dem dazugehörigen Bildband trotz des stattlichen Preises von knapp 400 Euro ruckzuck ausverkauft war (und nun zu Mondpreisen via Ebay und Co. weiterverscherbelt wird).

Freunde der Band, die die komplette Mars Volta’sche Diskografie – in welcher Form auch immer – bereits in ihrer heimischen Sammlung haben, bietet die in intensiver Zusammenarbeit zwischen Band und Label konzipierte Box, deren deutscher Titel passenderweise soviel wie „die Wirklichkeit der Träume“ bedeutet, neben den erstmals speziell fürs Vinyl gemasterten sechs Studioalben und der 2002er Debüt-EP „Tremulant“ dennoch etwas Neues: die Erstveröffentlichung des mythenumrankten Albums „Landscape Tantrums“, von dessen Existenz Fans jahrelang im Unklaren gelassen wurden. Viel Lärm um ein Bootleg? Denkste! Bei selbigem handelt es sich um nicht weniger als die zwar unfertigen, jedoch nichtsdestotrotz interessanten Originalaufnahmen der Sessions zum wegweisenden Debütlangspielers „De-Loused In The Comatorium„, der 2003 den energischen Sound der Vorgängerband At The Drive-In in Richtung Prog, Salsa und gefühlt zehn weiterer Genres lenkte, zugleich zig emotionale Tiefen auslotete und bis heute völlig zu Recht als ein absolutes Meisterstück gilt.

Die als „Landscape Tantrums“ benannte Demo-Sammlung erschien dieser Tage glücklicherweise auch separat als digitale Version und versammelt fast alle Originalsongs. Ein kleiner Wermutstropfen mag sein, dass ausgerechnet das zentrale Epos „Cicatriz Esp“ und ferner das Interlude „Tira me a las arañas“ außen vor bleiben. Ein seltsamer dramaturgischer Move ist zudem das Vorziehen von „Roulette Dares (The haunt of)“ auf die Opener-Position – ist „Son et lumière“ nicht die stimmungsvollste Eröffnung der Gruppe? Ansonsten bleibt es bei der Reihenfolge des Originalalbums und weitgehend auch bei dessen Inhalt. Naturgemäß sind die Kanten ohne die spätere Bearbeitung von Star-Produzent Rick Rubin etwas weniger geschliffen, der Fokus liegt noch etwas mehr auf dem Post-Hardcore von früher, was besonders der Version von „Roulette Dares“ recht gut zu Gesicht steht. Nach wie vor reißen Rodriguez-López‘ ebenso genialistische wie saitengefährdende Freakouts mit, während Bixler-Zavala hier noch ungehinderter barmt und heult und stellenweise noch mit textlichen Platzhaltern und irren Effektfiltern kämpft.

Eine Offenbarung ist das alles zwar – fast schon logischerweise – nicht, zumal „De-Loused In The Comatorium“ etwas später gerade von der Verheiratung der unbändigen Energie mit klinischer Präzision lebte – letztere geht diesen Demos freilich ab. Dennoch sind die Songs selbst zweifellos unkaputtbar und „Landscape Tantrums“ lässt durchaus einen absolut lohnenswerten Blick in die Gedankenwelt sowie auf das frühe Schaffen der Band zu. Letztlich bieten vor allem die beiden Closer doch noch ein wenig Neues: „Televators“ verzückt als gänzlich akustische Fassung und zeigt, wie stark das Songwriting auch ohne Rubin und jede Effekthascherei war. „Take The Veil Cerpin Taxt“ hat derweil weniger Gesang, dafür mit zwölfeinhalb Minuten mehr Laufzeit und somit mehr psychdedelisches Wandern zu bieten – quasi als Ersatz für das fehlende „Cicatriz Esp“. Das große Finale bleibt allerdings das gleiche: „Who brought me here?“, schreit Bixler-Zavala wie ein dem Fatalismus anheim gefallener Mann am Ende seiner Kräfte. „De-Loused In The Comatorium“ bleibt das mystische, jedes Mal aufs Neue faszinierende Manifest von The Mars Volta. Und „Landscape Tantrums“ gibt statt dem „wer“ nun ein paar mehr Antworten auf das „wie“.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Remember Sports


Endlich wieder frischer Indie Punk! Wobei: ganz so frisch ist die Band hinter “Like A Stone” eigentlich gar nicht, denn ebenjene hieß ursprünglich mal nur Sports. Als solche haben sie sich seit 2014 mit zwei schicken, lo-fi’eske DIY-Platten klammheimlich in immer mehr Herzen des weltweiten Indie-Feuilletons geschlichen, bevor ihnen eine andere Band mit demselben Namen ein wenig in die Quere kam. Seit dem 2018er Album “Slow Buzz” prangt nun eben ein anderer Name auf dem Cover: Remember Sports – das klingt wie ein Satz, den sich die Mitglieder der 2012 am College gegründeten Band in Erinnerung an geteilte Jugendtraumata zuraunen und ganz schön passend für eine Zeit, in der sich alle Lockdown-Couchkartoffeln vermutlich ohnehin eher ans Sport machen erinnern als selbigen gemeinsam mit anderen auszuführen. Doch so sehr dieser Name einen doppelten Boden suggerieren mag, so direkt zieht einem das Quartett aus Philadelphia auf ihrem vierten Langspieler gekonnt das Tischtuch unterm Geschirr hervor. Tada! – wackelt bedrohlich, steht am Ende…

Aber: Sind das nur kleine Selbstzweifelchen oder ist das schon toxisch? Ein wenig Sorgen macht man sich wohl schon um das lyrische Ich des Albums, das von Sängerin Carmen Perry mit voller Leidenschaft synchronisiert wird. Mit seinen thematischen Schwerpunkten rund um mentale Gesundheit inklusive Depressionen und Essstörung könnte “Like A Stone” durchaus eine amtliche Triggerwarnung vertragen. So ganz hätte man den vier US-Amerikaner*innen solch schwere Kost gar nicht zugetraut – so man sich denn einfach nur in den wirbelnden Arrangements verliert. Das klingt im ersten Moment mehr nach Pup als nach Emo und gerade deswegen ist dieses tönende trojanische Pferd auch so effektiv. Bei Zeilen wie “I wanna be the girl that talks makes you fall down to your knees / Push me around and make me sorry for everything I’ve done” (“Pinky Ring”) mag man mitkreischen, einfach weil einem dieses Gefühl der Verzweiflung so bekannt vorkommt. Klares Ding: Nicht nur textlich, sondern auch im Songwriting versteckt sich hier genug Reibung für eine ganze Käserei.

Glücklicherweise fallen während der zwölf Songs ganze Steinbrüche vom Herzen. Und Katharsis ist schließlich etwas, was sich viele Musiker*innen von ihrer Kunst erhoffen – und im besten aller Fälle hat dieser Effekt auch eine Auswirkung auf die Hörer*innen. Damit diese Verzahnung aus starker Sehnsucht, starker Abhängigkeit vom Gegenüber (zählt einfach mal nach, wie oft der Satz “I need you” fällt!) und des Vonsichweisens derselben Person besonders ans Hörerherz geht, fliegen einem Riffs und Getrommel nur so um die Ohren. So vertreiben geprügelte, tosende Crash-Becken im Finale des Titelsongs den Liebeskummer aus den Köpfen und auch der feine Indie-Song „Out Loud„, in dem besonders deutlich wird, dass auch die Stimmen von Bassistin Catherine Dwyer und Gitarrist Jack Washburn ihren festen Platz auf „Like A Stone“ haben, behandelt zu pulsierendem Synthesizer und silbrigen Akkorden den zwischenmenschlichen Kampf. Anderswo, in „Easy“, erinnern wirbelnde Tom-Toms und versetzte Riffs an die Darlings von Martha, beim dissonanten Genöle des Perioden-Midtempo-Songs “Eggs” und Zeilen wie „My eggs flow right out of me / Like clockwork, every month“ scheinen die Pillow Queens hindurch und der monotone Spannungsaufbau von “Clock” besitzt durchaus gewisse Wolf Alice’sche Züge. Obendrein zeigt Perrys Gesangsorgan zahlreiche Facetten, akzentuiert bereits genanntes „Out Loud“ mal durch überraschend theatralische Ausbrüche oder erinnert im balladesken „Materialistic“, wenn ihre Stimme nach oben wegbricht, gar an Alanis Morissette zu Zeiten von „Jagged Little Pill“. Die Songs fallen mit ihrem melancholisch-eingängigen, sympathisch unaufgeräumt wirkenden Indie Rock mitten ins Haus. Indie Rock, der bratzig poltert, punkig los spurtet, gern mit dem Tempo spielt und noch viel lieber ein wenig neben der Spur liegt wie der Gesang Perrys oder die widerspenstigen, beinahe parodistischen Solos, die Gitarrist Jack Washburn seinen sechs Saiten regelmäßig abringt. Am Ende steht das countryesk schunkelnde „Odds Are“, welches trotz mancher Wehmut und Bitterkeit auf einer optimistischen Note endet. Dazu lässt Washburn seine Gitarre ein weiteres Mal aufheulen – schön schräg, so wie vieles an dieser Platte.

Zum Bindeglied von Remember Sports wird auf ihrem neusten Langspieler jedoch nicht das Faible fürs Schräge, sondern vor allem das blinde Vertrauen zueinander. Ursprünglich sind die Rollen zwar klar besetzt: Catherine Dwayer zupft den Bass, Jack Washburn und Carmen Perry übernehmen die Gitarren und Connor Perry trommelt schön drauf los. Für „Like A Stone“ löst der Philly-Vierer die strengen Hierarchien jedoch auf, tauscht die Instrumente potentiell öfter als die Socken – und das hört man. Geradlinig ist die Platte selten, immer verstecken sich kleine Extra-Schleifen im Sound, die ebenso am Midwestern Emo der frühen Nullerjahre (á la American Football) geschult zu sein scheinen wie am Weirdo-Art-Punk eines Jeff Rosenstock. Als kreischende Kirsche auf dem Sahnehäubchen ist Perrys Gesangsgestus einer, von dem man sich noch stundenlang besingen lassen könnte. Kurzum: Endlich wieder frischer Indie Punk!

Rock and Roll.

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Song des Tages: Norah Jones – „Black Hole Sun“ (live)


Foto: Promo / Vivian Wang

Norah Jones juckt es derzeit mächtig in den Fingern. Nachdem die US-Musikerin wegen der Corona-Pandemie über ein Jahr lang keine Konzerte vor Live-Publikum geben konnte, brennt auch sie förmlich darauf, endlich wieder auf Tournee gehen zu können. Sie wartet nur noch auf ihre zweite Impfdosis und grünes Licht für die Konzertbranche. “Ganz gleich, ob wir nun Musiker oder Fans sind, wir alle vermissen das gemeinsame Erlebnis von Live-Musik”, sagt die neunfache Grammy-Gewinnerin, die vergangenes Jahr für ein Duett mit Mavis Staples ihre nunmehr 17. Nominierung erhielt. “Ich werde auf meiner Facebook-Seite jede Woche auf ein andere Wohltätigkeitsorganisation hinweisen, um den Leuten Respekt zu zollen, die unermüdlich hinter den Kulissen der Live-Musikindustrie gearbeitet haben und deren Jobs auf Eis gelegt wurden. Ich kann es kaum erwarten, wieder mit ihnen allen zusammen zu sein.” Fans von Live-Musik geht es natürlich kaum anders.

Ein bisschen werden sie sich aber voraussichtlich doch noch gedulden müssen. Da kommt ein exzellent aufgenommenes Live-Album der 42-Jährigen, bei der sich Pop-Gelehrte wie Kritiker – mehr als zwanzig Jahre im Musikgeschäft, so einige Nummer-Eins-Alben, zig Auszeichnungen und etwa 35 Millionen verkaufte Tonträger hin oder her – noch immer streiten, ob das einstige Wunderkind nun Jazz, Pop, Soul oder „Adult-Music“ (was böse Zungen wohl gern mit „Fahrstuhlmusik“ übersetzen würden) macht, gerade recht. Auf „‘Til We Meet Again“ – ganz nebenbei tatsächlich das erste wirkliche Live-Album der vielseitigen Pianistin, Sängerin und Gelegenheitsschauspielerin – gibt es so nicht nur einige ihrer größten Hits zu hören, sondern auch eine ebenso überraschende wie bewegende Coverversion von Soundgardens “Black Hole Sun“ (welche vor einiger Zeit aus gegebenem Anlass bereits Platz auf ANEWFRIEND fand).

Die erzwungene Auszeit im vergangenen Jahr nutzte Norah Jones, die obendrein noch einen recht berühmten Vater hat, um sich durch Mitschnitte ihrer Konzerte der zurückliegenden acht Jahre zu hören. Besonders angetan war sie von einigen Aufnahmen, die im Dezember 2019 – also kurz vor Beginn der Corona-Pandemie – bei Auftritten in Südamerika entstanden waren. “Es war einfach ein tolles Gefühl, vor allem, weil wir keinen Zugang zu Live-Musik hatten und nicht auftreten konnten”, verriet sie „grammy.com“ unlängst in einem Interview. “Deshalb wollte ich die Aufnahmen rausbringen.” Mit den Musikern ihrer Band durchkämmte die New Yorkerin dann ihre Konzertarchive nach Aufnahmen, die sie mit ähnlichen Besetzungen gemacht hatte, um wirklich die besten Versionen der gespielten Songs herauszufiltern. Das Ergebnis präsentiert sie nun auf der Zusammenstellung “‘Til We Meet Again”, die bei einer Laufzeit von fast 76 Minuten vierzehn Songs und einen wunderbaren Querschnitt durch Norah Jones‘ bisherige Karriere enthält, darunter offensichtliche Hits wie “Don’t Know Why”, “Sunrise” oder “Flipside” sowie Titel aus ihrer 2018/19 veröffentlichten Singles-Serie.

Die eine Hälfte der Aufnahmen stammt von besagter Südamerika-Tournee, die Norah Jones, Bassist Jesse Murphy und Schlagzeuger Brian Blade unter anderem nach Rio de Janeiro, São Paulo und Buenos Aires geführt hatte. In Rio präsentierte das Trio als Gäste zwei bestens bekannte brasilianische Musiker – den Perkussionisten Marcelo Costa (Mariza, Maria Bethânia, Michael Bublé) und den Flötisten Jorge Continentino (Bebel Gilberto, Milton Nascimento, Brazilian Girls) – sowie ihren alten Songwriting-Partner und Gitarristen Jesse Harris. Harmonisch kombiniert wurden diese sieben Aufnahmen mit sechs weiteren, die Jones im Jahr zuvor mit dem Hammond-Organisten Pete Remm, Bassist Chris Thomas und wiederum Brian Blade am Schlagzeug in den USA, Frankreich und Italien gemacht hatte.

Den krönenden Abschluss bildet die wahrlich unter die Haut gehende Solodarbietung von Soundgardens “Black Hole Sun”. Norah Jones‘ von Herzen kommende (und genau dahin gehende) Hommage an Chris Cornell wurde am 23. Mai 2017 im Fox Theatre in Detroit aufgenommen – nur fünf Tage nach dem Tod des Soundgarden-Frontmanns, der am 17. Mai 2017 am selben Ort sein letztes Konzert mit der Band gegeben hatte. Vor ihrem Auftritt hatte Norah Jones in ihrer Garderobe den ganzen Tag über an dem Arrangement des Songs herumgefeilt. “Ich war ein bisschen nervös”, gibt sie zu. “Aber ich dachte: ‘Ich werde ihm meinen Respekt erweisen und diesen Song von ihm spielen.’” Das Publikum stand vor lauter Begeisterung kopf, als es die Nummer nach dem Klavier-Intro endlich erkannte. “Es war wahrscheinlich einer der schönsten Live-Momente, die ich je erlebt habe”, erinnert Jones sich. “Ich weiß nicht, ob sein Geist im Raum war oder was auch immer, aber er hat mich auf eine Art durch diesen Song getragen, wie ich es mir nie hätte vorstellen können.” Ergreifend. Gelungen. Soulful.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Hey, King!


Hier lohnt es sich schon mal, ein klein wenig weiter auszuholen, denn manchmal haben kleine Dinge große Auswirkungen… 

Die kanadische Songwriterin Natalie London war auf dem besten Weg, einen attraktiven Plattenvertrag an Land zu ziehen, als ihr Leben durch einen Zeckenbiss aus der Bahn geworfen wurde und sie sich eine schwere Borreliose-Infektion zuzog. Vier Jahre verbrachte sie mehr oder minder bettlägerig damit, sich gegen diese Krankheit zu wehren und zu stemmen, den damit verbundenen Gedächtnisverlust zu kompensieren und sprichwörtlich alles – das Lesen, Sprechen, Gehen und Schreiben – neu zu erlernen.

Dass das Schlechte auch immer sein Gutes im Gepäck mit sich trägt, bewies ihr Schicksal, denn zum Glück lernte London während dieser Zeit die gebürtige Texanerin Taylor Plecity kennen und lieben. Das Paar beschloss im Anschluss an Natalies Erkrankung das Band-Projekt Hey, King! ins Leben zu rufen, um diese Phase ihres Lebens in gemeinsamen Songs zu zelebrieren. Einen kompetenten Unterstützer fand das sowohl beruflich wie private Zweiergespann aus Burbank, Kalifornien dabei in Blues-Rocker Ben Harper, der das Talent der Damen früh erkannte und sie erst unter seine Fittiche und anschließend als Support mit auf Tournee nahm, noch bevor er sich entschloss, auch ihr Debütalbum zu produzieren – allerdings mehr als prominenter Mentor und ohne diesem über alle Maßen hörbar (s)einen Stil aufzudrücken.

Es ist letztlich wenig verwunderlich, dass das Album – trotz einiger melancholischer Momente – auf der musikalischen Seite vor positiven Vibes geradezu und weitestgehend zu bersten droht, während Natalie inhaltlich nicht nur ihre überstandene Krankheitsphase, sondern auch ihre Beziehung mit Taylor facetten- wie nuancenreich thematisiert und kommentiert. Freilich sollte man gar nicht erst erwarten, dass dabei musikalisch irgendeine Ben-Harper-Light-Emulation herauskommt. Hey, King! bieten auf ihrem selbstbetitelten Debütlangspieler organischen, recht klassischen Gitarrenpop, der sich jedoch – auch dank Harper, diesem songwriterischen, stilistischen und produktionstechnischen Hansdampf in allen Gassen – seiner zweifelsohne vorhandenen Mainstream-Attitüde nicht zu schämen braucht, da das Songmaterial eine durchweg authentische und somit glaubwürdige Basis für das Tun des Newcomer-Duos bietet, das seinen Bandnamen passenderweise dem Spike-Jonze-Film und gleichnamigen Kinderbuch-Klassiker „Where The Wild Things Are“ entliehen hat – ohne dabei auf die Tränendrüse zu drücken, aber auch ohne sich in popmusikalische Banalitäten zu flüchten.

Ein recht gelungenes Beispiel für diesen Spagat ist etwa die Eröffnungsnummer „Beautiful“. „Wenn es jemals ein Jahr gab, in dem die Leute ausbrechen wollten, dann war es das vergangene“, meint London. „Sowohl mit dem Musikvideo als auch mit dem Song selbst haben wir versucht, dieses Gefühl zu vermitteln, all die Monotonie, die Enttäuschungen, die Sorgen und die Wut, die wir alle haben, abzustreifen und den Scheiß einfach loszulassen.“ Und Plecity fügt hinzu: „Besonders während COVID wusste und weiß keiner von uns, wie unser Leben auch nur in sechs Monaten aussehen wird, also ist alles, was zählt, wann immer es geht Abenteuer zu finden, und die Menschen – oder Tiere – zu lieben, die man zum Glück gerade hat.“ Anderswo, im ebenso kraftvollen wie intimen „Half Alive“, wird die Beziehung der beiden ebenso thematisiert wie Natalie Londons lange Reise dahin, der Liebe in ihrem Leben wieder einen Platz zu geben. Trotzdem sollte man Zeilen wie “I was only half alive before I loved you” nicht zu absolut verstehen, wie sie erklärt: „Das heißt nicht, dass man außerhalb einer Beziehung kein vollkommener Mensch ist, aber erst als ich mich wirklich lieben ließ, wurde mir klar, wie viel von mir sich mittlerweile in der Gefühllosigkeit bequem gemacht hatte.“ Ein wenig schwingt hier der ungeschliffene Geist der frühen Tegan & Sara mit, gepaart mit einer Messerspitze Roadmovie-Gefühl: ungezogen, ungezähmt und mit wilder Lebenslust. Gut, dass Ben Harper die DIY-Attitüde des Duos nicht allzu glatt gebügelt hat – so kann „Sorry“ sein Arcade-Fire-Herz sperrangelweit öffnen, die Trompete bei „Walk“ etwas windschiefe Tex-Mex-Schönheit entfalten, „Road Rage“ mit geballter Faust weibliches Empowerment feiern oder „Get Up“ seinen quirligen Indie-Pop-Charme versprühen. „Thelma & Louise“ in musikalischer Umsetzung, quasi.

Es gibt Platten, die entstehen, um damit die Öffentlichkeit zu suchen. Andere wiederum müssen aus einem inneren Drang heraus einfach gemacht werden. Es gibt Platten, mittels derer die betreffenden Musiker*innen ihre Erlebnisse verarbeiten und therapieren. Und es gibt welche, die einfach aus einem Gefühl der Lebensfreude heraus entstehen. Unterm Strich ist das Debütalbum von Hey, King! wohl eine Art Hybrid aus all dem.

Rock and Roll.

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