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Auf dem Radar: Isaac Gracie


Foto: Promo / Mike Massaro

Sekunden der Stille verstreichen. Normalerweise nutzen Künstler instrumentale Pausen innerhalb oder zwischen den Songs, um eine gewisse Atmosphäre zu kreieren… Aber eine solche Kunstpause am Anfang eines Albums? Ungewöhnlich, fürwahr. Dann jedoch setzen endlich die ersten Klänge des Debüts von Isaac Gracie ein. Der heute 26-jährige Londoner zeigt auf dem gleichnamigen, 2018 erschienenen Album eine Mischung aus melancholisch-eleganten Chansons, gepaart mit einer ganzen Menge Wehmut. Das Frontcover ziert das aschfahle, jugendliche Gesicht seiner Person, die das Nachdenkliche ebenso im Blick trägt wie einen versteckten Ansatz von verschmitztem Lächeln. Ein Widerspruch? Mitnichten.

Das beweist bereits der Opener „Terrified„, in dem der ehemalige Chorknabe und Student für Englisch und kreatives Schreiben seine innersten Ängste besingt. Und bereits hier wird’s wohl schon zum ersten Mal autobiografisch, denn als Isaac Joseph Gracie-Burrow vor einigen Jahren mit „Last Words“ eine Demo-Version (s)einen ersten Songs via Soundcloud ins weltweite Netz entlässt, kam dieser auch dem einflussreichen BBC-Radio-Moderator Zane Lowe zu Ohren, der das Stück alsbald in seiner Show rauf und runter spielte. Die eigentlich recht positiven Folgen: Gracies Fanschar wuchs in den ersten Monaten exponentiell, die Musikindustrie wedelte mit lukrativen Verträgen. Ja, eigentlich, denn der gehypte Newcomer selbst versank in Selbstzweifeln, wusste nicht, was er davon halten, wie er nun reagieren sollte und fühlte sich so gar nicht auf das Leben als potenzieller Star vorbereitet. Aus diesen widerstreitenden Gefühlen also erwuchs sein zweiter Song „Terrified“ – und der wurde sofort zum zweiten Hit. Warum, dachte sich der junge Musiker, sollte man daraus nicht eine Methode machen?

Diesem Modus Operandi kommt natürlich zugute, dass Isaac Gracie mit einer Stimme gesegnet ist, die an die ganz Großen, an Künstler wie Jeff Buckley oder Nick Drake, erinnert. Eine Stimme, der eine Schwere anhaftet, als hätte man vor langer, langer Zeit eine Gefängniskugel von Problemen an seinem vor Schwermut müden Bein befestigt. Grau trifft Anthrazit, ganz frei nach dem Motto: Ich habe schon mit allem abgeschlossen, bevor es überhaupt richtig losgeht. Es trägt also schon etwas Juvenil-unbedarftes, etwas Ironisches in sich, dass „Last Words“ genau von dieser Art von Resignation erzählt. Trotzdem steckt hier viel mehr drin als lediglich ein weiterer Gitarre klampfender, introvertierter Lagerfeuertroubadour. So werden im Refrain von „The Death Of You & I“ zum ersten Mal die E-Gitarren aufgedreht und Gracie entlädt zu herzwunden Zeilen wie “Nothing ever felt so real since the death of you and I” all jene Emotionen, die bis dato weitestgehend unterdrückt blieben. Nevermind Nirvana? Nope. Die Wagenladung an negativen Gefühlen, welche das Album in sich trägt, verpackt Gracie – anders als weiland Kurt Cobain – in luftig-leichte Gitarrenriffs, mal akustisch, mal elektrisch und mit einer Singalong-Attitüde, wie man sie sonst vor allem von Britpop-Revival-Parties kennt. Da verpasst man doch beinahe Songs wie „Running On Empty“ oder das Streicher-Meer in „Telescope„, bei denen der Bohemian-Einfluss eines Peter Doherty, der Babyshambles und Libertines, deutlich mitschwingt – nur vielleicht mit etwas weniger hedonistischem Spektakel und Lust auf den nächstletzten Exzess.

Trotzdem kehrt Gracie immer wieder zum Melancholischen zurück. Vielleicht mag’s ja an seiner familiären Prägung liegen: Seine Mutter ist die Dichterin und Psychoanalytikerin Judith Gracie, im Elternhaus kam er recht früh mit vielfältigen musikalischen Einflüssen, die von Radiohead über Leonard Cohen, Kurt Cobain, Bob Dylan bis hin zu Tim und Jeff Buckley reichten, in Berührung. Mit 14 Jahren schrieb er erste eigene Songs, 2016 erschien die recht programmatisch „Songs From My Bedroom“ betitelte Debüt-EP. Doch zurück zur Schwermut, denn „That Was Then“ zerbricht beinahe an der stimmlichen Traurigkeit sowie einem starken Refrain, in dem Gracie die Zittrigkeit der Strophen ablegt und nach vorne schaut. Es ist immer wieder schön zu hören, wie Künstler ihren Gesang gekonnt einsetzen und in ihren Songs Kontraste erzeugen, um das emotionale Kaleidoskop noch direkter mit dem Hörer, der Hörerin zu teilen. Der melodramatische Hymnus „Silhouettes Of You“, welcher stark an den Radiohead’schen Gassenheuler „Creep“ erinnert, steht dem mit seinem stetig anschwellenden Crescendo in nichts nach.

Klar: Isaac Gracies musikalisches Gewand ist ein recht Spezielles. Manch eine(r) mag seine Songs aufgrund des kohärenten Klangbilds und der thematischen Wiederholungen – aller Wandelbarkeit zum Trotz – (vor)schnell als monotone Langweiliger-Platte eines Möchtegern-Bob-Dylans abstempeln (was bei Zeilen wie „Well, I sleep all day and drink all night“ zugegebenermaßen im ersten Moment ein Leichtes wäre). Für andere wiederum trifft der britische Nachwuchs-Singer/Songwriter mit seinem Debütalbum wortwörtlich ins vinylne Schwarze und verbindet Indie-Folk-Rock mit anthrazit-grauer Alltagslyrik. Alles in allem: ein solides, recht zeitloses Erstlingswerk.

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Pærish – „Fixed It All“


Foto: Promo / Nabila Mahdjoubi

Post-Hardcore-Experte Will Yip hat’s produziert, SideOneDummy Records hat’s veröffentlicht. So schlecht kann das, was Pærish hier an den Start gebracht haben, also kaum sein. Dass es aber an mancher Stelle dermaßen großartig tönt, überrascht dann aber doch. „Fixed It All“ – ab sofort ein neuer Lieblingsalbum-Kandidat für die Generation Post-Emo. Oder so ähnlich. 

Die 2010 von drei Filmstudenten gegründete Band kommt – ohlala! – aus Paris, klingt jedoch keineswegs nach Audrey Tautou, Café au Lait und dem Eiffelturm, sondern vielmehr nach der ganzen Alternative-Rock-Welt. Nach anno dazumal (meint: den frühen 2000ern) und heute. Man darf mit Fug und Recht vermuten, dass der Vierer von Bands wie Sparta oder Glassjaw und ganz sicher von Rival Schools bereits gehört hat (und das ein oder andere Werk ebenjener Kombos in der heimischen Plattensammlung hat). An mancher Stelle tönt gar der poppige Ohrwurm-Faktor von Weezer oder Jimmy Eat World durch, eingeweihte Szene-Füchse mögen zudem Vergleiche zu Bands wie Basement, Superheaven oder Narrow Head ziehen. Alternative Rock ist das, manchmal mit ein paar gut gemeinten Prisen Post Hardcore, mal eben auch das, was gemeinhin als Emo Punk durchs Rund rockt. Einfach eine unglaublich gute Mischung mit unglaublich guten Songs.

Da das Quartett vor allem in den vergangenen Jahren vornehmlich in Ton- statt in Filmstudios unterwegs war, lassen sich Pærish beim Schreiben ihrer Songs nun – mal mehr, mal weniger direkt – vom Kopfkino-Flimmern der weiten Filmwelt inspirieren (so etwa auch beim Bandnamen, zu welchem sich Pærish durch den von Robin Williams in „Jumanji“ verkörperten Charakter Alan Parrish inspirieren ließen). Newcomer sind die Franzosen aber keineswegs – bereits mit ihrem 2016 erschienenen Debüt „Semi Finalists“ schaffen sie es ins Vorprogramm von Bands wie Sum 41 oder den Silversun Pickups. Mit „Fixed It All“ dürfte es hoffentlich sogar noch höher hinausgehen, denn Will Yip (La Dispute, Pianos Become The Teeth, Tigers Jaw), der beim Erstling bereits fürs Mastern verantwortlich war, ist genau der Richtige, um ihre Songs mit seinem Trademark-Sound auf ein neues Level zu bringen. Gitarren und Bass klingen vor allem in den tiefen Tönen satt und wuchtig mit zeitlosem Grunge-Fuzz oder, wenn sie clean bleiben, mit leicht shoegazigem Hall wie bei den späteren Title Fight. Auch das Schlagzeug tönt groß und raumfüllend, wie im Intro von „Violet“, wo es allein für sich steht. Pærish scheuen keine dissonanten Akkordfolgen, die so aufgekratzt sind, wie es vor allem im Neunziger-Alternative-Rock üblich war. Diese Spannung geht fast immer in Refrains auf, in denen Sänger Mathias Court nicht nur ähnlich klingt wie Jim Adkins, sondern auch ein vergleichbares Talent für Melodien unter Beweis stellt wie der Jimmy Eat World-Frontmann. Klares Ding: Mit denen gehören Pærish als nächstes auf die Bühne. Ein Song wie „Archives“ wäre in einer besseren Musikwelt ein verdammter H.I.T., die „Journey Of The Prairie King“ dürfte gern niemals enden, „You & I“ punktet mit Patrick Miranda von Movements als Gast.

Unterm Strich steht ein Zweitwerk mit zehn eindringlichen, intensiven Stücken einer am internationalen Punkrock-Niveau schnuppernden Band, die weder die harten Gitarren noch das nötige Quäntchen Kitsch scheut. Je pense que ça me plaît.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Kings Of Convenience – „Rocky Trail“


Foto: Promo / Salvo Alibrio

Kings Of Convenience, anyone? Mehr als eine Dekade war es recht ruhig um das norwegische Indie-Folk-Pop-Duo (was aufgrund der Tatsache, dass ihr mittlerweile zwanzig Jahre zurückliegendes Debütwerk einst den Titel „Quiet Is The New Loud“ trug, noch einmal etwas amüsanter gerät). Umso schöner, dass das, was die Spatzen bereits seit etwa einem Jahr leise als Gerücht von den Dächern zwitscherten, nun offiziell ist: Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe melden sich in Kürze mit einem neuen Album – dem ersten in zwölf Jahren – zurück. Und präsentieren mit „Rocky Trail“ obendrein einen frischen Song, der fast nahtlos an alte Gassenhauer wie „I’d Rather Dance With You“ oder „Misread“ anknüpft.

Die Tatsache, dass die mehr als zehnjährige Veröffentlichungspause ihrem sanften Akustikgitarren-Trademark-Sound nichts anhaben konnte, dürfte wohl vor allem in der gefühlt ewigen Freundschaft des Duos begründet liegen – Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe kennen sich bereits seit Teenager-Zeiten. Anfang der Neunziger gründeten sie in ihrer Heimatstadt Bergen die Indie-Band Skog (auf Deutsch „Wald“ — vom The-Cure-Song „A Forest“ inspiriert). Auch wenn sich Skog nicht hielten und noch vor der Jahrtausendwende wieder auflösten, begannen die beiden Musiker zusammen ebenso melancholische wie poppig-ohrwurmige Songs als Kings Of Convenience zu schreiben. Stolze zwanzig Jahre ist es her, dass das Duo mit ihrem Debüt die vielsagende Maxime „Quiet Is The New Loud“ verkündeten. 2004 folgte „Riot On An Empty Street„, für das sie nicht nur Leslie Feist als Duettpartnerin gewinnen konnten, sondern ihnen auch einiges an Aufmerksamkeit über die norwegischen Landesgrenzen hinaus einbrachte. Eile für Ruhm war dennoch nie die Sache von Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe, denn erst fünf Jahre später erschien das bis dato letzte Album „Declaration Of Dependence„.

Was die beiden in der Zwischenzeit so getrieben haben? Nun, der optische Vorzeige-Nerd Erlend Øye war in der Zwischenzeit nicht nur als Produzent in der Bergener Musikszene aktiv (unter anderem für die Indie-Pop-Band Kakkmaddafakka), sondern arbeitete vornehmlich mit Electro-Acts wie Dntl oder Röyksopp zusammen und veröffentlichte Musik unter seinem eigenen Namen sowie als Teil der Berliner Band The Whitest Boy Alive. Nach Zwischenstopps in London, Manchester und Berlin, hat es ihn nun ins sonnige Sizilien verschlagen. Für „Peace Or Love„, ihr am 18. Juni erscheinendes viertes Album, gingen Øye und Bøe wieder zusammen ins Studio. Ganz nach dem Motto: Wer Bequemlichkeit wertschätzen kann, kann sich auch zwölf Jahre Zeit mit dem nächsten Album lassen. So verteilte sich der Aufnahmeprozess der elf neuen Stücke auf fünf Jahre und fünf verschiedene Städte – und dürfte wohl mutmaßlich manches Mal so entspannt abgelaufen sein wie das Musikvideo zu „Rocky Trail“, in dem simple Gitarren-Performance auf einen skandinavischen Atelierhaus-Traum trifft, es vermuten lässt.

Eirik Glambek Bøe beschreibt jedoch die Arbeit an der Platte so: „Natürlich wirkt es wie ein Comeback, aber so fühlt es sich gar nicht an. Es war ein sehr langsam zehrendes Projekt. Wir haben uns lange selbst angeflunkert, indem wir dachten, wir wüssten schon alles darüber, wie man Platten macht. Und dann waren wir im Studio und merkten, dass es bei den Aufnahmen wirklich darum geht, einen magischen Moment festzuhalten. Es ist ziemlich hart, etwas simpel klingen zu lassen.“

Und wie kam’s zum einmal mehr recht konträr zum Musikalischen lautenden Albumtitel? “Wir sind so an den Ausdruck ‘Peace And Love’ gewohnt, aber an einem Punkt muss man sich fragen: Kann ich beides haben?”, so Eirik Glambek Bøe. “Und die Wahrheit ist: wahrscheinlich nicht. Es ist ein autobiografischer Titel. Es ist eine Sammlung der Schwierigkeiten, die wir in den vergangenen acht Jahren bewältigen mussten.” In jedem Fall: Velkommen tilbake, Kings Of Convenicence!

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Remember Sports


Endlich wieder frischer Indie Punk! Wobei: ganz so frisch ist die Band hinter “Like A Stone” eigentlich gar nicht, denn ebenjene hieß ursprünglich mal nur Sports. Als solche haben sie sich seit 2014 mit zwei schicken, lo-fi’eske DIY-Platten klammheimlich in immer mehr Herzen des weltweiten Indie-Feuilletons geschlichen, bevor ihnen eine andere Band mit demselben Namen ein wenig in die Quere kam. Seit dem 2018er Album “Slow Buzz” prangt nun eben ein anderer Name auf dem Cover: Remember Sports – das klingt wie ein Satz, den sich die Mitglieder der 2012 am College gegründeten Band in Erinnerung an geteilte Jugendtraumata zuraunen und ganz schön passend für eine Zeit, in der sich alle Lockdown-Couchkartoffeln vermutlich ohnehin eher ans Sport machen erinnern als selbigen gemeinsam mit anderen auszuführen. Doch so sehr dieser Name einen doppelten Boden suggerieren mag, so direkt zieht einem das Quartett aus Philadelphia auf ihrem vierten Langspieler gekonnt das Tischtuch unterm Geschirr hervor. Tada! – wackelt bedrohlich, steht am Ende…

Aber: Sind das nur kleine Selbstzweifelchen oder ist das schon toxisch? Ein wenig Sorgen macht man sich wohl schon um das lyrische Ich des Albums, das von Sängerin Carmen Perry mit voller Leidenschaft synchronisiert wird. Mit seinen thematischen Schwerpunkten rund um mentale Gesundheit inklusive Depressionen und Essstörung könnte “Like A Stone” durchaus eine amtliche Triggerwarnung vertragen. So ganz hätte man den vier US-Amerikaner*innen solch schwere Kost gar nicht zugetraut – so man sich denn einfach nur in den wirbelnden Arrangements verliert. Das klingt im ersten Moment mehr nach Pup als nach Emo und gerade deswegen ist dieses tönende trojanische Pferd auch so effektiv. Bei Zeilen wie “I wanna be the girl that talks makes you fall down to your knees / Push me around and make me sorry for everything I’ve done” (“Pinky Ring”) mag man mitkreischen, einfach weil einem dieses Gefühl der Verzweiflung so bekannt vorkommt. Klares Ding: Nicht nur textlich, sondern auch im Songwriting versteckt sich hier genug Reibung für eine ganze Käserei.

Glücklicherweise fallen während der zwölf Songs ganze Steinbrüche vom Herzen. Und Katharsis ist schließlich etwas, was sich viele Musiker*innen von ihrer Kunst erhoffen – und im besten aller Fälle hat dieser Effekt auch eine Auswirkung auf die Hörer*innen. Damit diese Verzahnung aus starker Sehnsucht, starker Abhängigkeit vom Gegenüber (zählt einfach mal nach, wie oft der Satz “I need you” fällt!) und des Vonsichweisens derselben Person besonders ans Hörerherz geht, fliegen einem Riffs und Getrommel nur so um die Ohren. So vertreiben geprügelte, tosende Crash-Becken im Finale des Titelsongs den Liebeskummer aus den Köpfen und auch der feine Indie-Song „Out Loud„, in dem besonders deutlich wird, dass auch die Stimmen von Bassistin Catherine Dwyer und Gitarrist Jack Washburn ihren festen Platz auf „Like A Stone“ haben, behandelt zu pulsierendem Synthesizer und silbrigen Akkorden den zwischenmenschlichen Kampf. Anderswo, in „Easy“, erinnern wirbelnde Tom-Toms und versetzte Riffs an die Darlings von Martha, beim dissonanten Genöle des Perioden-Midtempo-Songs “Eggs” und Zeilen wie „My eggs flow right out of me / Like clockwork, every month“ scheinen die Pillow Queens hindurch und der monotone Spannungsaufbau von “Clock” besitzt durchaus gewisse Wolf Alice’sche Züge. Obendrein zeigt Perrys Gesangsorgan zahlreiche Facetten, akzentuiert bereits genanntes „Out Loud“ mal durch überraschend theatralische Ausbrüche oder erinnert im balladesken „Materialistic“, wenn ihre Stimme nach oben wegbricht, gar an Alanis Morissette zu Zeiten von „Jagged Little Pill“. Die Songs fallen mit ihrem melancholisch-eingängigen, sympathisch unaufgeräumt wirkenden Indie Rock mitten ins Haus. Indie Rock, der bratzig poltert, punkig los spurtet, gern mit dem Tempo spielt und noch viel lieber ein wenig neben der Spur liegt wie der Gesang Perrys oder die widerspenstigen, beinahe parodistischen Solos, die Gitarrist Jack Washburn seinen sechs Saiten regelmäßig abringt. Am Ende steht das countryesk schunkelnde „Odds Are“, welches trotz mancher Wehmut und Bitterkeit auf einer optimistischen Note endet. Dazu lässt Washburn seine Gitarre ein weiteres Mal aufheulen – schön schräg, so wie vieles an dieser Platte.

Zum Bindeglied von Remember Sports wird auf ihrem neusten Langspieler jedoch nicht das Faible fürs Schräge, sondern vor allem das blinde Vertrauen zueinander. Ursprünglich sind die Rollen zwar klar besetzt: Catherine Dwayer zupft den Bass, Jack Washburn und Carmen Perry übernehmen die Gitarren und Connor Perry trommelt schön drauf los. Für „Like A Stone“ löst der Philly-Vierer die strengen Hierarchien jedoch auf, tauscht die Instrumente potentiell öfter als die Socken – und das hört man. Geradlinig ist die Platte selten, immer verstecken sich kleine Extra-Schleifen im Sound, die ebenso am Midwestern Emo der frühen Nullerjahre (á la American Football) geschult zu sein scheinen wie am Weirdo-Art-Punk eines Jeff Rosenstock. Als kreischende Kirsche auf dem Sahnehäubchen ist Perrys Gesangsgestus einer, von dem man sich noch stundenlang besingen lassen könnte. Kurzum: Endlich wieder frischer Indie Punk!

Rock and Roll.

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Song des Tages: We Were Promised Jetpacks – „If It Happens“


Foto: Promo / Euan Robertson

Wenig verwunderlich: Auch die schottischen Indie Rock-Lieblinge We Were Promised Jetpacks haben die vergangenen Live-Konzert-freien Monate zum Schreiben von neuem Material genutzt und melden sich nun mit der brandneuen Single „If It Happens“ zurück.

Obwohl Freunde der Jetpacks einmal mehr bewährte, hochmelodische Indie Rock-Trademarks heraushören werden, offenbart der Song auch ein paar recht neue klangliche Facetten der Band, die in dem Fünfminüter gleichzeitig pompös und zurückhaltend tönt. Und auch der Text gibt sich vergleichsweise reflektiert, betrachtet Sänger und Gitarrist Adam Thompson darin doch das „bigger picture“, seine neue Einstellung zum Leben: Wenn es passiert, passiert’s halt! „Dieser Song drückt vieles aus, was ich mir in den letzten Jahren immer und immer wieder selbst gesagt habe. Ich wollte eine neue Einstellung zum Leben finden, positiver denken und nicht immer nur daran, was ich nicht habe. ‚If It Happens‘ sagt dir, dass du das Glück zuzulassen kannst, und andere dazu ermutigen kannst, es ebenso zu tun. Mehr ‚C’est la vie‘!“, so Thompson über die Hintergründe.

Seit ihrer letzten Veröffentlichung – das vierte Album „The More I Sleep The Less I Dream“ erschien 2018 – trennte sich die Band aus dem schottischen Edinburgh im Guten von Gitarrist Michael Palmer und ist seither als effektives Trio unterwegs, zu welchem – nebst Thompson – noch Bassist Sean Smith und Schlagzeuger Darren Lackie gehören. Anfang 2020 tourte das Dreiergespann so noch sehr erfolgreich durch die US of A, bevor die Welt bekanntlich zum Stillstand kam. Und jenen nutzten Thompson und Co., um nach neuen Nuancen in ihrem Sound zu suchen – scheinbar mit Erfolg: obwohl bereits seit mehr als 15 Jahren aktiv, sind We Were Promised Jetpacks 2021 so fokussiert wie selten zuvor.

Trotzdem mussten auch die drei Schotten der Pandemie und all ihren Lockdowns Rechnung tragen, tauschten Versionen von „If It Happens“ nicht, wie gewohnt, im Proberaum, sondern über digitale Wege aus, was wiederum auch für sie eine neue Erfahrung war, welche interessanterweise dazu führte, dass sich Thompson, Smith und Lackie enger verbunden denn je fühlten: „Durch diese Art des Songwritings waren wir ständig in Kontakt. Wir haben uns immer wieder ausgetauscht und so sehr an unserer Kommunikation arbeiten können. Diese Phase hat uns absolut klargemacht, dass wir nichts anderes auf der Welt machen wollen, als gemeinsam Musik.“

Eine Seven-Inch von „If It Happens“ mit einer noch geheimen B-Seite erscheint im Juni und kann vorbestellt werden. Ob ein neues Album oder eine EP folgt, ist zwar noch nicht bekannt, jedoch wohl keineswegs ausgeschlossen…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Norah Jones – „Black Hole Sun“ (live)


Foto: Promo / Vivian Wang

Norah Jones juckt es derzeit mächtig in den Fingern. Nachdem die US-Musikerin wegen der Corona-Pandemie über ein Jahr lang keine Konzerte vor Live-Publikum geben konnte, brennt auch sie förmlich darauf, endlich wieder auf Tournee gehen zu können. Sie wartet nur noch auf ihre zweite Impfdosis und grünes Licht für die Konzertbranche. “Ganz gleich, ob wir nun Musiker oder Fans sind, wir alle vermissen das gemeinsame Erlebnis von Live-Musik”, sagt die neunfache Grammy-Gewinnerin, die vergangenes Jahr für ein Duett mit Mavis Staples ihre nunmehr 17. Nominierung erhielt. “Ich werde auf meiner Facebook-Seite jede Woche auf ein andere Wohltätigkeitsorganisation hinweisen, um den Leuten Respekt zu zollen, die unermüdlich hinter den Kulissen der Live-Musikindustrie gearbeitet haben und deren Jobs auf Eis gelegt wurden. Ich kann es kaum erwarten, wieder mit ihnen allen zusammen zu sein.” Fans von Live-Musik geht es natürlich kaum anders.

Ein bisschen werden sie sich aber voraussichtlich doch noch gedulden müssen. Da kommt ein exzellent aufgenommenes Live-Album der 42-Jährigen, bei der sich Pop-Gelehrte wie Kritiker – mehr als zwanzig Jahre im Musikgeschäft, so einige Nummer-Eins-Alben, zig Auszeichnungen und etwa 35 Millionen verkaufte Tonträger hin oder her – noch immer streiten, ob das einstige Wunderkind nun Jazz, Pop, Soul oder „Adult-Music“ (was böse Zungen wohl gern mit „Fahrstuhlmusik“ übersetzen würden) macht, gerade recht. Auf „‘Til We Meet Again“ – ganz nebenbei tatsächlich das erste wirkliche Live-Album der vielseitigen Pianistin, Sängerin und Gelegenheitsschauspielerin – gibt es so nicht nur einige ihrer größten Hits zu hören, sondern auch eine ebenso überraschende wie bewegende Coverversion von Soundgardens “Black Hole Sun“ (welche vor einiger Zeit aus gegebenem Anlass bereits Platz auf ANEWFRIEND fand).

Die erzwungene Auszeit im vergangenen Jahr nutzte Norah Jones, die obendrein noch einen recht berühmten Vater hat, um sich durch Mitschnitte ihrer Konzerte der zurückliegenden acht Jahre zu hören. Besonders angetan war sie von einigen Aufnahmen, die im Dezember 2019 – also kurz vor Beginn der Corona-Pandemie – bei Auftritten in Südamerika entstanden waren. “Es war einfach ein tolles Gefühl, vor allem, weil wir keinen Zugang zu Live-Musik hatten und nicht auftreten konnten”, verriet sie „grammy.com“ unlängst in einem Interview. “Deshalb wollte ich die Aufnahmen rausbringen.” Mit den Musikern ihrer Band durchkämmte die New Yorkerin dann ihre Konzertarchive nach Aufnahmen, die sie mit ähnlichen Besetzungen gemacht hatte, um wirklich die besten Versionen der gespielten Songs herauszufiltern. Das Ergebnis präsentiert sie nun auf der Zusammenstellung “‘Til We Meet Again”, die bei einer Laufzeit von fast 76 Minuten vierzehn Songs und einen wunderbaren Querschnitt durch Norah Jones‘ bisherige Karriere enthält, darunter offensichtliche Hits wie “Don’t Know Why”, “Sunrise” oder “Flipside” sowie Titel aus ihrer 2018/19 veröffentlichten Singles-Serie.

Die eine Hälfte der Aufnahmen stammt von besagter Südamerika-Tournee, die Norah Jones, Bassist Jesse Murphy und Schlagzeuger Brian Blade unter anderem nach Rio de Janeiro, São Paulo und Buenos Aires geführt hatte. In Rio präsentierte das Trio als Gäste zwei bestens bekannte brasilianische Musiker – den Perkussionisten Marcelo Costa (Mariza, Maria Bethânia, Michael Bublé) und den Flötisten Jorge Continentino (Bebel Gilberto, Milton Nascimento, Brazilian Girls) – sowie ihren alten Songwriting-Partner und Gitarristen Jesse Harris. Harmonisch kombiniert wurden diese sieben Aufnahmen mit sechs weiteren, die Jones im Jahr zuvor mit dem Hammond-Organisten Pete Remm, Bassist Chris Thomas und wiederum Brian Blade am Schlagzeug in den USA, Frankreich und Italien gemacht hatte.

Den krönenden Abschluss bildet die wahrlich unter die Haut gehende Solodarbietung von Soundgardens “Black Hole Sun”. Norah Jones‘ von Herzen kommende (und genau dahin gehende) Hommage an Chris Cornell wurde am 23. Mai 2017 im Fox Theatre in Detroit aufgenommen – nur fünf Tage nach dem Tod des Soundgarden-Frontmanns, der am 17. Mai 2017 am selben Ort sein letztes Konzert mit der Band gegeben hatte. Vor ihrem Auftritt hatte Norah Jones in ihrer Garderobe den ganzen Tag über an dem Arrangement des Songs herumgefeilt. “Ich war ein bisschen nervös”, gibt sie zu. “Aber ich dachte: ‘Ich werde ihm meinen Respekt erweisen und diesen Song von ihm spielen.’” Das Publikum stand vor lauter Begeisterung kopf, als es die Nummer nach dem Klavier-Intro endlich erkannte. “Es war wahrscheinlich einer der schönsten Live-Momente, die ich je erlebt habe”, erinnert Jones sich. “Ich weiß nicht, ob sein Geist im Raum war oder was auch immer, aber er hat mich auf eine Art durch diesen Song getragen, wie ich es mir nie hätte vorstellen können.” Ergreifend. Gelungen. Soulful.

Rock and Roll.

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