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Sunday Listen: Typhoon – „Sympathetic Magic“


Die letzten Monate mit all ihren Corona-Lockdowns sowie der pandemiebedingten konzertfreien Zeit ließen so einigen Bands und Musikern wie Musikerinnen – zumindest im Idealfall – ungewohnt viel Freiraum für Kreativität. Doch wer sich, wie etwa Superdupermegamusiklegenden wie Paul McCartney, keinen Luxus eines eigenen Studio leisten kann (oder wie Billie Eilish und Produzentenbruder Finneas seit jeher alles vom Jugendzimmer aus zurechtbastelt), muss für dazugehörige Songaufnahmen manches Mal die ein oder andere zusätzliche Hürde überwinden. Bei Typhoon mit ihren bis zu elf Bandmitgliedern (je nach Lust, Laune und Bühne) scheint die Angelegenheit gar ungleich komplexer…

Umso überraschender, dass die vielköpfige Indie-Rock-Kapelle aus Portland, Oregon vor drei Tagen – ohne jegliche Vorankündigung und frei von jeglichem Werbe-Tamtam – ein neues (digitales) Album veröffentlichte. „Sympathetic Magic“ heißt die nunmehr fünfte Platte des Kollektivs um Frontmann Kyle Morton, welche unter erschwerten Corona-Bedingungen entstand und nun den von nicht wenigen freudigst erwarteten Nachfolger des 2018 erschienenen vielschichtigen Mammut-Werks „Offerings“ bildet. Zwölf neue Songs befinden sich darauf, die sich Songwriter und Sänger Kyle Morton in den letzten Monaten der Isolation zu Hause von der Seele schrieb. Die Demos schickte er an seine Band, bevor anschließend „eine improvisierte Prozession aus Freunden“ in seinem Keller stattfand, wie Morton mitteilt. „Einer nach dem anderen, natürlich mit Maske. Andere Freunde nahmen ihre Parts zuhause auf – als Sprach-Memo oder mit GarageBand in ihrem Wäscheraum“, so Morton weiter.

Trotz der ungünstigen Voraussetzungen präsentieren sich Typhoon auf „Sympathetic Magic“ als die Indie-Rock-Americana-Folk-Band, welche Fans bereits von den zurückliegenden, ebenso großartig wie bewegend tönenden Langspielern „Hunger And Thirst“ (2010) oder „White Lighter“ (2013) kennen. Gänzlich neu sind übrigens nicht alle Songs: „Welcome To The Endgame“, welches nun den Abschluss bildet, hatten Typhoon bereits im vergangenen Oktober, kurz vor der US-Wahl, veröffentlicht. Ihre Liebeserklärung an die schwer gespaltene US-amerikanische Heimat („America, I’m inside you / Kicking screaming at your sinews / It’s easy to blame you / But the guilt is as good as mine“) erklingt in seiner zeitlupenhaften Verlorenheit gleichsam schmerzhaft und intensiv – so intensiv wie die vermaledeite Zeit, in der wir leben, mit einem Virus, das unser aller Leben nun seit einigen Monaten auf den Kopf stellt. Das und die (zurückliegende) US-amerikanische Situation unter Ex-Präsident Donald Trump ließen Kyle Morton, der 2016 mit „What Will Destroy You“ sein Solo-Debüt veröffentlichte, als Songwriter einmal mehr nicht wenige Töne in pessimistischem Moll verfassen – obwohl sich jedes Stück dennoch ein klein wenig Hoffnung am Horizont bewahrt. So singt er in „Empire Builder“ gar von einer drohenden Apokalypse, beschreibt seine paranoid gewordene Heimat und beleuchtet ein zerrissenes Land. Weiche Fuzz-Gitarren, nachdenkliche Bläser sowie ein gewaltiges, lautes Crescendo schrauben den Song in ungeahnte Höhen, erzeugen binnen weniger Sekunden Gänsehaut in formvollendeter Reinkultur – und erinnern mit dieser Art von gepflegtem Hymnus – trotz (oder gerade wegen?) der Untergangsszenariofantasien – an die Feierlichkeit eines Conor Oberst und dessen großer Stammband Bright Eyes.

Überhaupt: Der Musik von Bright Eyes, respektive der von Conor Oberst, stehen Kyle Morton und Typhoon natürlich schon länger recht nahe. Auf „Sympathetic Magic“, welches man gern mit dem jüngsten Bright Eyes-Werk „Down in the Weeds, Where the World Once Was“ vergleichen darf, wird das noch deutlicher, wenn man etwa den blubbernd reduzierten Einstieg „Sine Qua Nonentity“, das sich in einen majestätischen Überschwang steigernde „We’re In It“ und das so gebrochen und doch so elegant wirkende „Time, Time“ hört, welches lange Zeit als gemächliche und dennoch forsche Folk-Idee umher schunkelt, bevor abermals die Bläser übernehmen. Von nicht minder beeindruckender Qualität sind das gen Euphorie aufbrausende „Masochist Ball“ oder der sanft-fragile Folk-Einschub „And So What If You Were Right“.

Beinahe genau drei Jahre nach „Offerings“ melden sich Typhoon damit fulminant aus der Funkstille zurück und lassen auf das (über)lange, komplexe Konzeptwerk eine Sammlung von Ideen und Impressionen, eine Art Indie-Collage mit präzise eingesetzten Sollbruchstellen, betonter Unvollständigkeit und drastischen Worten zum Status Quo ihrer Umwelt folgen. Das Überraschungsalbum ist – wenig überraschend – richtig gut und fängt trotz aller Widrigkeiten einmal mehr die schrullig-charmante Eigentümlichkeit des Indie-Kollektivs auf gelungene Weise ein. Man hört’s: Die Magie (um sich beim Albumtitel zu bedienen) ist nach wie vor vorhanden. Wer Typhoon bisher (noch) nicht auf dem musikalischen Zettel hat(te), darf die Band um Kyle Morton nun endgültig in dicken Lettern darauf notieren.

„My Dear Friend,

I hope you’re holding up. What a mess!

Small news in the big scheme, but we finished a record and I wanted to share it with you. I wrote all these songs while puttering around the house these past several months, because, what else was I going to do? The songs are about people – the space between them and the ordinary, miraculous things that happen there, as we come into contact, imitate each other, leave our marks, lose touch. Being self and other somehow amounting to the same thing.

Recording had to be adapted to the plague-times. I tracked the demos first and sent them out to the band. Then the improvised procession of friends dropping by my basement, one at a time, masks on. Other folks recorded their parts in their own homes with cell phone voice memos or GarageBand in the laundry room. Parts from the original demos remain intact. Like everything right now, it was all a little disjointed, but I think it came together in the end.

The record is called ‚Sympathetic Magic‘ and it’s a great joy to share it with you. To be honest, it’s a joy to share anything at all in these isolating times.

Yrs,

Kyle / Typhoon“

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Raye Zaragoza – Woman In Color (2020)

-erschienen bei Rebel River Records-

Raye Zaragoza weiß ziemlich genau, wie es ist, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die außerhalb des amerikanischen Mainstreams existiert. Ihr Vater hat indianische Wurzeln, ihre Mutter ist japanischer Abstammung. Zaragoza selbst wuchs in der Enge eines kleinen New Yorker Apartments auf. In einem sehr realen Sinne brachte ihr ihre Erziehung also eine Verbindung zu anderen, die sich ausgegrenzt, diskriminiert und an den Rand der modernen Gesellschaft gedrängt fühlen – da scheint der Fakt, dass ihr Vater in ihrer Kindheit den Sioux-Häuptling Sitting Bull im Broadway-Stück „Annie Get Your Gun“ gab, nur allzu gut ins nicht eben klischeefreie Bild zu passen. Wenig verwunderlich also, dass die 27-jährige Folk-Musikerin, die bereits seit einiger Zeit im sonnigen Kalifornien lebt, diese Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken in ihre Songs einfließen lässt.

Ebenso wenig verwunderlich ist es, dass auch ihr aktuelles, recht programmatisch „Woman In Color“ betiteltes Album vom aktuellen Kampf für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung all jener inspiriert wurde, die in den US of A der Gegenwart auf so viele verschiedene Weisen ausgegrenzt, verleumdet und generell gemieden werden – ein Thema, auf das Zaragoza im Laufe des Albums immer wieder zurückkommt, vor allem in Songs wie „They Say„, „Fight Like A Girl„, The It Girl“ oder „Warrior“, die sich, jeder für sich, bei genauerem Hinhören zu essentiellen kleinen Hymnen erheben, die erhaben sind und doch in sich ruhen, während sie andererseits vor Leidenschaft und Zielstrebigkeit nur so strotzen. Dennoch wählt Raye Zaragoza nie die Lautstärke als Mittel zum Kampf, ihre im Americana-Folk angesiedelten Melodien bleiben meist zurückhaltend und verführerisch tänzelnd, in jeder Sekunde durchdrungen von einer geradezu hypnotischen Aura, die den Hörer in ihren Bann zu ziehen vermag, ohne die Botschaften außer Acht zu lassen. Neben den oben genannten umschmeicheln besonders zwei Stücke, „Ghosts Of Houston Street“ und dem ihrer Mutter gewidmeten „Change Your Name“, in diesem Sinne den Hörer und hinterlassen so einen nachhaltigen Eindruck.

(Foto: Promo / Cultivate Consulting)

„Meine Erziehung und meine ethnische Identität waren immer eine treibende Kraft für meinen Wunsch, eine Geschichtenerzählerin sein zu wollen“, betont Zaragoza. „Farbige Frauen werden so oft aus der amerikanischen Erzählung ausgeklammert, und das möchte ich mit meiner Musik ändern. Bei dieser Platte geht es vor allem darum, wie wichtig es ist, diejenigen Geschichten zu erzählen, die so oft übersehen werden – vermisste und ermordete indigene Frauen, die Darstellung in den Medien, Gentrifizierung, Immigration und so weiter. Ich hoffe, dass meine neue Platte die Wichtigkeit des Erzählens verschiedener Geschichten hervorhebt.“

Raye Zaragoza, die als frühe musikalische Einflüsse Harry Chapin, Jewel, Selena oder Avril Lavigne nennt, sagt, sie sei auf einem mehr oder weniger großen Umweg zu der Entscheidung gekommen, Musik zu machen. „Ich habe in der Dienstleistungsbranche als Kellnerin, Barkeeperin und Hostess gearbeitet“, erinnert sie sich. „Dabei ging es darum, das Publikum, welches in diesem Fall am Tisch saß, glücklich zu machen und dafür ein Trinkgeld zu bekommen. In dieser Zeit wurde mir klar, dass ich das Gleiche als Musikerin tun konnte, indem ich einfach in einem anderen Teil des Raumes stehe und eine Gitarre in den Händen halte. Von da an spielte ich fünf bis sechs Tage pro Woche in Restaurants, Weingütern, Brauereien und auf Bauernmärkten. Das war meine erste Erkenntnis: dass ich, wenn ich hart arbeite, so viel verdienen kann, wie ich in einem Restaurant als Kellnerin verdiene, indem ich stattdessen für die Menschen Musik mache. Ich spiele keine Restaurant-Gigs mehr, aber es war eine erstaunliche Brücke, die mich dahin gebracht hat, wo ich jetzt bin.“

Produziert von Tucker Martine, einem Grammy-nominierten musikalischen Tausendsassa, der unter anderem bereits für Bands und Künstler wie die Decemberists, R.E.M., My Morning Jacket, Neko Case, Modest Mouse, First Aid Kit oder Sufjan Stevens hinter den Reglern saß, ist das im vergangenen Oktober erschienene Album typisch für Zaragozas entschlossene Haltung: Sie gräbt mit beiden Händen tief im Erbe des US-Folk, lässt politischen Aktivismus sowie ihre eigenen Erfahrungen mit einfließen und fördert so solide ausgefeilte Americana-Songs mit dezenten Indie-Rock-Noten zutage, die oft von funkelnden E-Gitarren, lebendigem Bass und beherzt zupackenden Perkussion-Instrumenten flankiert und manchmal gar von sparsamen Bläser-Arrangements und anschwellenden Streichern untermalt werden. Zaragozas eindringliche, wunderbar dunkel schimmernde Stimme bahnt sich ihren Weg durch starke, nicht selten feministisch geprägte Hymnen und zärtelnde Balladen, die in ihrem Unterboden Biografisches ebenso wie Historisches zu tragen scheinen, der Melancholie jedoch auch ausreichend Luft und Raum zum Tagtraum bieten. Politisch und persönlich, mutig und aufrichtig – Raye Zaragozas unerschütterlich ermutigende Story-Songs stellen sich allen Ungerechtigkeiten mit sorgenvoller Gewissheit und festem Glauben. Alles fürwahr keineswegs neu, dennoch schafft sie es im Herzen ihrer Songs, sowohl ihrem Stil als auch ihren Mantren treu zu bleiben.

(Fotos: Promo / Ursula Vari)

„Ich habe das Gefühl, dass meine früheren Veröffentlichungen das Sprungbrett zu ‚Woman In Color‘ waren“, reflektiert die Folk-Musikerin, welche hierzulande immer noch als Geheimtipp zählen darf. „Mit [dem 2017 veröffentlichten Vorgängeralbum] Fight For You‚ war ich immer noch dabei herauszufinden, wer ich bin und wie ich meine Geschichte erzählen will. Es war ein gutes Album, um meine Stimme zu finden. ‚Woman In Color‘ fühlt sich wie eine Fortsetzung dieser Platte an, aber auch wie ein Abschluss mit allem, was ich in den Jahren, in denen ich ‚Fight For You‘ schrieb, zu finden versuchte. Ich habe mein eigenes Plattenlabel Rebel River Records auf Patreon gegründet, um dieses Album zu verwirklichen, und ich bin allen so dankbar, die diese Platte unterstützt haben und sich mit mir für diese zwar indie’eske, jedoch wichtige Veröffentlichung zusammengetan haben.“

Letztendlich ist Raye Zaragozas Engagement offensichtlich, und das ist auch die Botschaft, die bei jedem einzelnen Song des Albums mitschwingt. Die Musikerin möchte einen, anstatt, wie es etwa der – zum Glück! – scheidende 45. US-Präsident in den vergangenen vier Jahren seiner Amtszeit getan hat, zu spalten. Sie sucht nach Unterstützung für eine gemeinsame Sache und für all jene Gruppen, welche darum kämpfen, in der aktuell so vielfältigen US-amerikanischen Malaise gehört anstatt mit tumbem Nonsens übertönt zu werden.

„Ich denke, jede Bewegung, die für Gerechtigkeit und Gleichheit kämpft, hilft sich gegenseitig“, so Zaragoza. „Die ‚Black Lives Matter‘-Bewegung hilft der ‚Indigenous Rights‘-Bewegung und so weiter. Wir alle kämpfen darum, gehört und gesehen zu werden, und der Sieg für einen von uns ist ein Sieg für uns alle. Ich habe absolut das Gefühl, dass wir alle ein Teil einer größeren Gemeinschaft sind, die Gerechtigkeit fordert.“ Außerdem sie ihre Hoffnung, dass die Menschen aufhören ihr Leben von Habgier bestimmen zu lassen, denn „Habgier verblendet und verleitet Menschen dazu, schreckliche Dinge zu tun. Habgier wird unseren Planeten zerstören. Wir müssen dankbar für unsere Mutter Erde sein und ihr mit Respekt begegnen.“ Raye Zaragozas Songs leisten in jedem Fall ihren kleinen Beitrag zum großen Ganzen.

Via Bandcamp gibt’s „Woman In Color“ im Stream…

…und hier Musikvideos zu „They Say“…

…“Rebel Soul“…

…“Fight Like A Girl“…

…“The It Girl“…

…“Warrior“…

…oder „Run With The Wolves“:

Rock and Roll.

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Sunday Listen: The Wrens – „The Meadowlands“


Dies ist das Album einer desillusionierten Band. Es besteht von Anfang an kein Zweifel daran. Vier Männer, Mitte Dreißig bis Anfang Vierzig, haben es aufgenommen. Nach Feierabend und ein paar starken Kaffee, nachdem sie ihren Nachwuchs ins Bett gebracht hatten. Sie klingt so unglaublich schwer, diese Platte, so verdammt spröde und im besten Sinne intim und indie’esk, als sei es die Pest gewesen, sie zu machen. Müde, ausgelaugt, fertig mit der Welt. Sie ist das letzte bißchen Seele, das diese Band noch zu geben hatte. Ein aussichtsloser, unmöglicher, ein absolut großartiger Kraftakt. Nach sieben Jahren, die die Hölle waren. Was mit den Wrens währen dieser Zeit passiert ist? Nun, es ist, wie leider so oft, eine Geschichte des Geldes. Oder vielleicht eher: eine Geschichte, in der der schnöde Mammon keine Rolle spielen sollte.

Es ging damit los, dass Alan Meltzer, seinerzeit ein respektabler, unerhört wohlhabender Musiktycoon, sich buchstäblich in die Band verguckte (oder eben verhörliebte). Es war 1996, und er wollte sie haben – koste es, was es wolle. Also kaufte Meltzer mal eben das Label der Band auf, bot ihr einen Millionen-Dollar-Vertrag an und verlangte im Gegenzug, sie fit machen zu dürfen für Radio, Charts und Superstardom. Die Chancen standen damals gar nicht schlecht. Gerade erst hatte das 1989 gegründete Indie-Rock-Quartett aus New Jersey das übersprudelnd spritzige und schlagfertige „Secaucus„, eine vergleichsweise ausgesprochen leichte Platte, veröffentlicht. Man war jung, voller Hoffnung und strebte nach oben. Nur die eigene Seele, die wollte man halt doch gern behalten. Also lehnten die Wrens ab. Und ihr Schicksal war durch dieses „No Deal!“ sowie einige darauf folgende juristische Streitigkeiten erst einmal besiegelt…

Man landete zunächst auf dem Abstellgleis, später auf der Straße. Handelte zwei neue Plattendeals aus, die jeweils in letzter Sekunde platzten. Und gewöhnte sich nebenbei schonmal an die harte Realität des geplatzten Rockstar-Traums, an Bürojobleben und Steuererklärungen. Daß Charles Bissell, Jerry MacDonald sowie die Brüder Greg und Kevin Whelan trotzdem nie zum Abschluss kamen mit ihrer Musik, weiterhin Songs schrieben, obwohl es immer schwerer fiel und frustrierender wurde, sollte sich erst 2003 bezahlt machen. Ein Album war fertig, ein Album von seltsam kraftstrotzender Bitterkeit und unwirklich antriebsstarker Resignation, auf dem die Band kaum wiederzuerkennen war. Sie klang wie vier innerlich scheintote Menschen und war doch seit sieben Jahren nicht mehr so lebendig gewesen. Das US-Indie-Label Absolutely Kosher griff zu (und meldete – auch das passt ja irgendwie ins von Fatalismus geprägte Bild – seinerseits ein paar Jahre darauf ebenfalls Konkurs an). „The Meadowlands“ wurde vielerorts die Indie-Platte des Jahres, wohlmöglich sogar der Nuller-Jahre (das jedoch nach wie vor eher im Geheimtipp-Fach).

Dass darauf noch einmal zwei Jahre vergingen, bis es das Album schließlich 2005 auch nach good ol‘ Europe schaffte? Eine Randnotiz in seiner doch schon besonderen Entstehungsgeschichte, ebenso wie der Fakt, dass Freunde der Band nun schon seit geschlagenen 17 (!) Jahren auf einen Nachfolger warten (obwohl dieser seit 2014 fertig sein soll). Gerahmt wird „The Meadowlands“ von zwei neunzigsekündigen Liedern, die klingen, als wären sie nie so ganz fertig geworden. Sie zerbrechen nach der Hälfte, sortieren sich neu und zeigen die Richtung auf für alles, was zwischen ihnen passiert: „Per Second Second“ mit der dreckigsten Verzerrer-Gitarre, die gerade noch in einen Song der ähnlich tragischen Neutral Milk Hotel passen würde. „Everyone Chooses Sides„, das als potentieller Carefree-Hit des Albums ziemlich abrupt vor einer Betonwand endet. Und „13 Months In 6 Minutes“, aus dessen Trostlosigkeit beinahe unbemerkt ein zweiter Song herauswächst. Welch‘ Wunder – auch dem geht es natürlich nicht besser…

Dabei gibt es auch Stücke auf „The Meadowlands“, die sehr viel besser als etwa das zerfressene „Boys, You Won’t“ verstecken, durch welchen Mist die Wrens da gegangen sein mögen. „Hopeless“ mit seinen quirligen Gitarren und himmelschreienden Refrains könnte man – nomen non omen est – etwa für einen fröhlichen Zwischenruf halten (oder meinetwegen für das sehnsuchtsvollste Stück, das Jimmy Eat World nie geschrieben haben), würde es nicht diese verlorene Beziehungsgeschichte vor sich hertragen. Die Melodie schlingert, der Sänger nölt in seltsamen Nuancen, das Akkordeon irritiert und will doch nur helfen. In „She Sends Kisses“ dauert es drei Minuten, bis die Wrens den ersten Refrain richtig ausarbeiten, und wie wohlig aufgehoben fühlt man sich schließlich in diesem komischen Liebeslied über die Briefe einer gewissen Beth. Und „This Boy Is Exhausted“ tarnt sich als nostalgischer Sixties-Pop-Bengel, obwohl es doch eigentlich der große, unmißverständliche Abrechnungssong des Albums ist: „Every win on this record’s hard won“. Es ist wirklich nichts Versöhnliches in dieser Musik. Keine Genugtuung. Es muss viel zu zermürbend gewesen sein, diese vertonte Autobiographie der oft genug bleischweren Gefühle, Ängste und schließlich der Selbsterkenntnis zu machen.

Abgesehen davon ist „The Meadowlands“ ein traumwandlerisches Zeugnis begnadeter Songwriter- und Arrangierkunst für Menschen ohne jedes Budget. Ein Werk, das Zeit und Muße einfordert. Es würde nicht verwundern, wenn die Band die Songs in dem alten, von den Makeln der Vergänglichkeit gezeichneten Häuschen vom Coverfoto aufgenommen hätte. So aus der Zeit gefallene, schwermütige Songs schreibt und produziert man nur, wenn die Milch morgens vor der Tür liegt, genug Zigaretten und Whiskey im Haus sind und längst keine verdammte Plattenfirma der Welt mehr irgendetwas von einem erwartet. Indie eben. Aber selten klang dieser so stimmig und formvollendet windschief-winterlich wie hier.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Circus Trees


Foto: via Bandcamp

Mit dem Alter ist’s immer so eine Sache. Denn in der Tat waren viele große Talente noch ziemlich jung, als sie ihre ersten wichtigen Alben aufnahmen. Kurt Cobain ist 22 Jahre alt, als das Nirvana-Debüt „Bleach“ erscheint. Paul McCartney ist 21, als die Beatles anno 1963 ihr Erstlingsalbum veröffentlichen. Robert Plant ist noch 20, als Led Zeppelins monumentales erstes Werk erscheint. Und Gitarrist John Frusciante gerade einmal zarte 19 Lenze, als er mit den Red Hot Chili Peppers „Mother’s Milk“ an den Start bringt.

Darüber können die drei Schwestern hinter Circus Trees, Giuliana, Finola und Edmee McCarthy, wohl nur milde lächeln, schließlich sind sie 18, 16 und 14 Jahre jung, und können trotzdem bereits jetzt auf die ein oder andere Erfahrung im Haifischbecken Musikgeschäft zurückblicken. Schon bemerkenswert? Türlich, türlich! Noch erstaunlicher ist jedoch, dass ihr Debütalbum „Delusions„, welches im vergangenen August erschien, dabei nicht einmal das erste Material des Trios aus Marlborough, Massachusetts ist. Bereits die EP „Sakura“ von 2019 war ein starkes Ausrufezeichen, mal abgesehen vom 8:20 Minuten langen ersten Song „Floating Still“ von 2018 (aufgenommen von Jay Maas von Defeater) – da war das familiäre Dreiergespann 16, 14 und 12! Und bereits jenes Stück enthält im Grunde alles, was die Newcomer-Band so stark macht: erschütternde Traurig- und Ernsthaftigkeit sowie ein dramaturgisch ausgeklügeltes Gespür, über die lange Strecke mit lauten und leisen Passagen zu fesseln. Sie nennen es selbst Sadcore – und haben damit vor einer ganzen Weile bereits Szene-Größen wie Caspian überzeugt, für die sie in Boston eröffnen sollten, hätte ihnen nicht COVID-19 einen Strich durch die Tour-Planung gemacht. Dafür teilten sie bereits die Bühnen mit Bands wie O’Brother, Holy Fawn oder Spotlights – ebenso amtlich.

Eventuell liegt ein Teil des Erfolgsgeheimnisses von Circus Trees ja in den durch und durch familiären Strukturen: So erschien das Debüt über Five By Two Records, einem Label, das mit Robert McCarthy der Vater der Musikerinnen betreut – ein ehemaliges Punk-Kid, das in der Tech-Industrie zu Geld gekommen ist und sich von der Arbeit zurückgezogen hat, um sich voll und ganz um die Band seiner Töchter und ihre Kreativunternehmungen zu kümmern. Der ältere Bruder Eoghan, selbst Musiker, und der jüngste, Declan, helfen als Roadies bei den Shows mit. Was jedoch unterm Strich zählt, sind natürlich die vier- bis achtminütigen Songs von Circus Tree, die mal melancholisch-introspektiv, mal laut sind, die mal walzen und mal zart fließen, als würden Songwriterinnen wie Julien Baker oder Emma Ruth Rundle den Shoegaze-Metal-Helden Hum als Sängerin(nen) vorstehen.

Dennoch wollen Finola, Giuliana und Edmee McCarthy keinen Welpenschutz, kein gönnerhaftes Schulterklopfen und erst recht keinen Außenseiterbonus – und „Delusions“ ist passenderweise genau das Biest von einem Album geworden, das seinem Publikum dieses Ansinnen auch recht unmißverständlich einhämmert. Die Schrottkarren vom Cover geben einen ersten Ausblick auf die Musik, die nach einem kurzen gesprochenen Snippet mit „Wasted Air“ beginnt. Ein skandinavisch anmutender, bleischwerer Gitarrenschleier wird kurz für Finolas jetzt schon abgeklärt wirkenden Gesang geöffnet, dann bekommen wir es mit dem Schlagzeug zu tun. Circus Trees haben die Laut-leise-Dynamik des Post Rock verinnerlicht, spielen ihren atmosphärischen Slowcore hart und heftig wie eine erfahrene Doom-Metal-Band und arrangieren die sechs teils mehrgliedrigen Songs auch noch souverän durch. Im Gegensatz zur 2019er EP neigt „Delusions“ bereits zur Verfeinerung dieses überraschend brachialen Sounds. Bestes Beispiel ist etwa das siebenminütige „Breath“, welches ganze Klanglandschaften und eine komplette Palette von windstillen wie stürmischen Klangwelten durchmisst. „Wir machen Musik, die nicht zu unserem Alter, unserem Geschlecht oder unseren Lebensumständen passt“, lässt die Band dazu ausrichten. „Wir sind jung, wir sind Schwestern, wir verbringen unser Leben in der Vorstadtwüste.“ Extrem persönlich sei das Album geworden, besessen von „Schmerz, Trauer und Verlust“, eine emotionale Fallhöhe, die sich beim Hören auch ohne konkretes Insider-Wissen vermittelt. „Was kann man als pausbäckiger Teenager schon Dramatisches erlebt haben?“, mag der Zyniker fragen – nun, für die Antwort(en) kann man sich in der Regel bei so gut wie jedem Teenager dies- wie jenseits des Atlantiks erkundigen… Oder man kann die sechs Songs dieses verblüffenden Debüts auflegen, in denen gefühlt einmal alle drei Minuten die juvenile Welt untergeht, nur um dann kraftvoll, nass geschwitzt und vor Selbstbewusstsein strotzend wiedergeboren zu werden. Die Vorstadtwüste hat bei der (Ver)Formung junger angepisster Menschen jedenfalls wieder einmal ganze Arbeit geleistet. Jugend forscht? Jugend tönt forsch!

Hier gibt’s das Debütalbum „Delusions“ im Stream…

…sowie Musikvideos zu „Wasted Air“…

…und „Confronting Time“:

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Antarctigo Vespucci – „Love In The Time Of E​-​Mail“


„Maybe this is just another good thing that happens to everybody but me / maybe this is just another good thing / out of my reach“, singt Chris Farren in „Another Good Thing“ nach ungefähr zwei Dritteln dieses Albums. Das Lied entfaltet eine großartige Loser-Romantik und ist bei weitem nicht der einzige Moment auf „Love In The Time Of E-Mail“, in dem man an gut und gern an frühe(re) Weezer-Großtaten denken darf. Zugleich wundert man sich: Dass die guten Sachen immer nur den anderen passieren, sollte sich für Chris Farren mittlerweile eigentlich als Trugschluss herausgestellt haben. Denn zuletzt ist es für ihn als eine Hälfte von Antarctigo Vespucci durchaus gut gelaufen.

Es hätte auch anders kommen können: Nach drei durchaus mit Wohlwollen und Applaus bedachten Alben voll kleiner, feiner Hymnen irgendwo zwischen Indie, Punk und Emo Rock löste sich 2013 seine Band Fake Problems auf. Aus Florida zog der Frontmann ohne Band nach New York, und bald darauf erwies sich dort die Begegnung bei einer Party als wichtige Weichenstellung für die nächsten Jahre: Chris Farren traf Jeff Rosenstock wieder, seinerseits Frontmann von Bomb The Music Industry!. Mit dieser Band hatten Fake Problems mal eine Tour bestritten, auch danach gab es gelegentlich gemeinsame Konzerte. Nun beschlossen die beiden, gemeinsam ein paar Songs zu schreiben. Als klar wurde, wie gut genau diese Party-Schnapsidee funktionierte, wurde aus der „Come on, let’s jam!“-Idee eine Band namens Antarctigo Vespucci. Nach den EPs „Soulmate Stuff“ und „I’m So So Tethered“ sowie dem Debütalbum „Leavin‘ La Vida Loca“ (und parallelen Solokarrieren, denn auch die Band von Jeff Rosenstock existierte schon kurz darauf nicht mehr) folgte 2018 der zweite Langspieler „Love In The Time Of E-Mail„.

Wie gut das Duo aus Brooklyn, New York den jahrelang erprobten Spagat zwischen Punk, New Wave und Indie Rock auf der einen Seite sowie fies eingängigem Powerpop mit gehörigem Bubblegum-Anteil auf der anderen Seite beherrscht, macht „Love In The Time Of E-Mail“ recht schnell und unmittelbar klar, zugleich kann man in den dreizehn Stücken jedoch auch ein paar neue Elemente im Sound von Antarctigo Vespucci entdecken. Der Normalzustand für die Erzählposition ist, wie schon im eingangs erwähnten „Another Good Thing“, fast immer ein schwärmerisches, unglückliches Verliebtsein, in das sich Farren und Rosenstock voll und ganz hineinwerfen möchten.

„I hope I can be important in your life one day“, heißt es dann im untröstlichen Quasi-Intro „Voicemail“. „I wish I didn’t fall in love with everyone I ever met“, singt Farren im eher akustischen „Do It Over“. Das für die meisten Menschen eher unangenehme „White Noise“ wird hier herbeigewünscht, weil es die stetige Präsenz (s)einer Angebeteten ersetzen könnte, die Farren zurhöllenocheins nicht aus dem Kopf bekommt. Im herzzerreißenden Album-Schlusspunkt „E-Mail“ zeigt sich, dass seine bereitwillig zur Schau gestellte Schüchternheit nicht nur ein Wesenszug ist, sondern offensichtlich auch die Reaktion auf viele schmerzhafte Erfahrungen. „I wanted to see you, to see if I still wanted to see you“, zitiert er in „Breathless On DVD“ einen Satz von Jean-Paul Belmondo aus „Atemlos“, zu einem Refrain, welcher auf fast infantile Weise Heiterkeit verbreitet – der olle Emo-Punk lässt lieb grüßen.

Auch „Kimmy“ gerät mit Glockenspiel und Handclaps fast poppe-di-punk-übermütig im Stile der seligen Wheatus, „The Price Is Right Theme Song“ explodiert ebenfalls beinahe vor ohrwurmiger Eingängigkeit. Dem stehen etwas rohere Passagen wie das kaum weniger überzeugende „All These Nights“ gegenüber oder „Lifelike“, das vom Klavier getragen wird und beinahe echte Schwermut aufkommen lässt. Auch „Not Yours“ ist weit von der zeitweise Albernheit früherer Fake Problems-Tage entfernt: Es geht um Abhängigkeiten, Besitzansprüche und Machtkämpfe in Beziehungen – natürlich wird aber auch das nicht in gitarresken Trübsal verpackt, sondern in einen sehr kurzweiligen Boogie.

Als spontaner Anspieltipp eignet sich wohl am ehesten „Freakin‘ U Out“, weil es auf nahezu prototypische Weise Punk und Powerpop-Putzigkeit vereint – zwei Pole, die nun einmal den Markenkern von Antarctigo Vespucci ausmachen. „So Vivid!“ ist darauf der Song, der am besten zeigt, wie die Verbindung aus Niederlagen, Sorgen und Selbstzweifeln mit mitreißenden Melodien und einer manchmal theatralischen Pop-Ästhetik gelingt: Was man für beides braucht, ist ein Hang zu von hinter aufzäumender Romantik.

Was anno 2015 mit Antarctigo Vespucci aus einer Party-und-Stillstand-Laune der beiden Indie-Punk-Musiker Chris Farren und Jeff Rosenstock heraus entstand, nimmt mit „Love In The Time Of E-Mail“ durchaus ernstzunehmende, konzeptionelle Züge an, in denen sich neben der spannenden, stets aktuellen Thematik des Albums (Gibt es die „wahre Liebe“ im Zeitalter von E-Mails, Twitter, Instagram, SMS, Facebook etc. pp. noch?) auch die Musik als ebenso spannend und abwechslungsreich – und selbstverständlich ordentlich punkig – erweist.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Bright Eyes – Down in the Weeds, Where the World Once Was (2020)

-erschienen bei Dead Oceans/Cargo-

Ein schlaksiger Mann um die Zwanzig singt in den Sonnenuntergang hinein, und Zehntausende hängen an seinen Lippen. Begleitet nur von seiner Gitarre, das schwarze Haar im Gesicht, trägt er „Lua“ vor, einen Song voller Einsamkeit, dessen aufs Minimalste reduzierte Lebensbejahung seinen Zuhörern offensichtlich aus den leidwunden Herzen spricht: „It’s not something I would recommend / But it is one way to live…“ Das Video, aufgenommen auf dem Coachella Festival in Kalifornien, stammt aus dem Jahr 2005.

Fünfzehn Jahre später ist von der Schlaksigkeit des Sängers nichts mehr zu erahnen, auch das Altern ist kaum mehr zu leugnen. Conor Oberst, um die Jahrtausendwende Posterboy gewordene Galionsfigur der Emo-Kultur im Indie Rock, nun mittlerweile runde Vierzig und durch „A“ wie „Alkoholismus“ bis „S“ wie „Scheidung“ vom Leben abseits der Bühnen nicht eben mit Samthandschuhen behandelt, trat Mitte des Jahres erstmals seit langem wieder gemeinsam mit seiner Haupt- und Herzensband Bright Eyes auf. Auf dieses, auf solch ein Comeback hätte selbst jemand, der die nun schon mehr als zwanzigjährige Karriere der Band aus dem vergleichsweise verschlafenen Omaha, Nebraska begleitet, nicht wirklich sein sauer Erspartes verwettet. Dafür hatte sich vor allem Oberst zu gemütlich in seine Karrieren abseits der Bright Eyes eingerichtet, welche einige mal mehr, mal weniger gelungene Solo-Werke, 2015 ein „Payola“ betiteltes Comeback-Album mit den Krawallbrüdern der Desaparecidos sowie im vergangenen Jahr ein tolles gemeinsames Album mit seiner weiblichen Kreativ-Hälfte Phoebe Bridgers unter dem Moniker Better Oblivion Community Center abwarf. Und nun? Konnten sowohl der Ort als auch die Bedingungen des Auftritts der Bright Eyes zeichenhafter kaum sein: Um die Vorgabe des Social Distancing zu wahren, wurde die Band, zu deren festen Stamm neben Oberst auch die Multiinstrumentalisten Mike Mogis und Nate Walcott zählen, aus einem Studio ins derzeitige Leitmedium der außerparlamentarischen Opposition zugeschaltet. Der Song, den sie für Stephen Colberts „Late Show“ auswählten, markiert den Abgrund, der sich zwischen 2005 und 2020 auftut: Das kalifornische Abendrot ist verloschen, was nunmehr vorherrscht, ist die lichtlose Schwärze am tiefsten Punkt der Erde, dem „Mariana Trench“ (Marianengraben).

Der Song, unterlegt von marschierenden Beats, sich überlagernden Schlagzeugspuren sowie Gitarrenelementen und getragen von sphärischen Synthesizerklängen, trifft eine mehr als pessimistische Zeitdiagnose: Die Todesglocke erklingt, während die kränkelnden kapitalistischen Märkte zusammenbrechen. Der Cowboy, gerade erst aus der Reha entlassen, säuft sich zu Tode. Eine Riesenwelle verschlingt die legendäre Interstate 405, die Nord- und Südkalifornien miteinander verbindet. Und während man sich selbstgenügsam aufs Kleine und vermeintlich Heile zurückzieht („They’d better save some space for me / In that growing cottage industry“), bereitet man sich zugleich auf den bevorstehenden Krieg vor: „And now I’m ready for the war“. Hätte man „Mariana Trench“ im Jahr 2005 gehört, welches mit dem Hurrikan Katrina selbst ein katastrophisches war, hätte man den Song vermutlich als „dystopisch“ bezeichnet. Aber das? War einmal.

„I could have been a famous singer

If I had someone else’s voice

But failure’s always sounded better

Let’s fuck it up, boys – make some noise!“

(aus „Road to Joy“ von „I’m Wide Awake, It’s Morning“)

Unverändert, vielleicht nur etwas dunkler, ist allerdings Conor Obersts markant-spezielle Stimme, die gerade durch ihre unverhohlene Schwäche, durch das so sympathisch Unperfekte und Trauerkloßig-brüchige im einem Maße betört, dass man ihr am liebsten eine warme Decke und einen dampfenden Kakao anbieten würde. Sie hat als Trademark immer schon die wichtigste und zentralste Rolle bei Bright Eyes gespielt, allein der Kontext ist jetzt, neun Jahre nach dem bislang letzten Album „The People’s Key“ und satte 18 Lenze nach dem fulminanten Durchbruchswerk „Lifted or The Story Is in the Soil, Keep Your Ear to the Ground“ ein anderer: Während Oberst Gesangsorgan in „Lua“ und eigentlich auf dem gesamten dazugehörigen Album „I’m Wide Awake, It’s Morning“ die in Seventies-Folkrock getauchte Selbstreflexionen eines jungen Amerikaners zu Beginn des 21. Jahrhunderts zum Ausdruck brachte (deren ausgestellte Melancholie irgendwann auch zu einem gewissen Überdruss führen konnte), dient sie nun als Reflektormedium für das Große und Ganze, für all die Schrullen und menschlichen Makel. Mit seiner bisweilen wegbrechenden, sich dann aber wieder aggressiv aufbäumenden Stimme artikuliert Oberst – als stellvertretend Leidender, wenn man so mag – die Unruhe und Zerrissenheit der amerikanischen Gegenwart. Ein bisschen hört sich das an mancher Stelle an, als würde er späteren Generationen vom Fall einer verantwortungslosen Zivilisation berichten, deren Hochmut er nie geteilt hat. Ganz im Gegenteil: Oberst beschäftigt sich gern und öffentlich mit Politik und Spiritualität (zu hören etwa im Bright Eyes-Werk „Cassadaga„), alternativen Energien und Gesellschaftsformen sowie dem Leben der amerikanischen Ureinwohner, um sich dort Hinweise für eine bessere, gerechtere Welt zu holen. 

Down in the Weeds, Where the World Once Was“ lautet der Titel des neuen, im August erschienenen Albums – ein konzeptuelles, opulentes und daher zuweilen nicht eben stolpersteinfrei zugängliches Werk, sowohl was das Textliche betrifft als auch, was das Musikalische angelangt. Es ist ein Musik gewordener dezent dystopischer Zeitroman, der jede Vorstellung von harmonischer Einheitlichkeit abgeworfen hat, ja sich vielmehr wie ein kopfüber zusammenzitiertes Gebilde ausnimmt: Es beginnt, direkt im Anschluss an eine (beinahe schon traditionelle) enigmatische Sound- und Wortcollage, mit einer Dixieland-Nummer („Pageturners Rag“). Im Folkrock von „Just Once in the World“ spielen im Hintergrund zitternde Mandolinen, die an den großen Ennio Morricone erinnern. Was läge da näher als die Vertonung der scheinbar letzten Tage einer Zivilisation, des raschen Zerfalls einer lange gehegten Weltanschauung und des Verblühens der Gefühle, welcher sich das wunderschön melancholische „One And Done“ mitsamt einem Streichorchester widmet? Das mit Beats aus dem stoisch dahinpluckernden Drumcomputer unterlegte „Pan And Broom“ derweil darf als Referenz an die LoFi-Ästhetik der Neunzigerjahre gehört werden (und damit auch auf die Anfänge der eigenen Bandgeschichte, die Oberst im zarten Alter von 14 Jahren legte). „Stairwell Song“ handelt vom „cinematic ending“ einer Liebe, das der Song mit einem beinahe schon zärtlichen Trompetensolo musikalisch gleich selbst in die Tat umsetzt, während das vorab veröffentlichte „Persona Non Grata“ mit einer Armada aus Dudelsäcken (!) ins Gefecht zieht und Oberst in „Tilt-A-Whirl“ gleichsam seinem 2016 verstorbenen Bruder ein bewegendes letztes Geleit bietet und das Älterwerden seiner Mutter beobachtet. Bemerkenswert auch, dass sich die Band im trotzig-erbaulichen „Forced Convalescence“ in die für sie völlig ungewohnten Gefilde des Funkpop begibt – passenderweise begleitet von Red Hot Chili Peppers-Bassist Flea, der nebst Schlagzeuger Jon Theodore (The Mars Volta, Queens Of The Stone Age) für die kraftvolle Rhythmusarbeit gewonnen werden konnte. Man könnte diese Liste wohl noch lang, länger und ewig weiterführen – und müsste dabei natürlich auch Obersts gewohnt scharfsinnige Texte miteinbeziehen: Das astwerkene Spektrum der Referenzen reicht von den Visionen des Propheten Ezechiel über den Anschlag auf das Pariser Bataclan bis hin zu Pink Floyds immergrüner Prog-Ballade „Wish You Were Here“.

Verbindet man den ausufernden Zitatcharakter des neuen Werks mit dem apokalyptischen Szenario, das im Kernsong „Mariana Trench“ entfaltet wird, so ergibt dies – ja, was eigentlich? Einmal eingetaucht, wird man nicht so schnell fertig mit diesem Album: Was ist mit dem pontifikalen „Benedicente, benedicente, benedicente“ in einem Song mit dem Titel „To Death’s Heart (In Three Parts)“ anzufangen? Und was bitte soll die Erwähnung des Tiananmen-Massakers in „Persona Non Grata“ bedeuten? Fragen wie diese werden während der knappen Stunde allerorten aufgeworfen, hier aber zumindest ein Deutungsansatz: Dem Selbstanspruch nach ist „Down in the Weeds, Where the World Once Was“ eine popmusikalische Summe der modernen Zivilisation in ihrer ganzen faszinierenden Vielfalt und verletzlichen Heterogenität – ein Ansatz übrigens, dem auch der große David Bowie zeitlebens nachspürte und den Bob Dylan (noch so ein Säulenheiliger der Musikhistorie) seit einigen Jahren ebenfalls und auf seine höchst eigene Weise verfolgt. Wie eine Arche will es sie in sich aufnehmen, bevor die große Flut – „that big wave“ – sie unweigerlich erfassen wird. Und zugleich liefert das Album, das programmatischerweise an so einigen Stellen herrlich überfrachtet daher tönt, den Soundtrack zu diesem Untergang: „Now all I can do / Is just dance on through“. Es scheint, als seien Conor Oberst und seine Bright Eyes nunmehr unter die Tanzmusiker gegangen, aber es ist eine Tanzmusik im Zeichen des Fatalismus, der Werke wie Arcade Fires „Funeral“ oder Father John Mistys „Pure Comedy“ recht nahe stehen. Oder unter die Maler, denn schöner und umfassender hat schon lange niemand die Liebe und das Leben in immer neuen katastrophischen, apokalyptischen Farben abgebildet, voller Flammen, Kometen, Unglücke, Vergnüglichkeiten, Geburten und Tode. „To love and to be loved, let’s just hope it is enough…“

Rock and Roll.

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