Schlagwort-Archive: Albumstream

Das Album der Woche


Death Cab For Cutie – Asphalt Meadows (2022)

-erschienen bei Atlantic/Warner-

Die Karriere der US-Indie-Rocker Death Cab For Cutie verlief seit der Bandengründung Mitte der Neunziger so konstant und beschaulich wie nur wenig anderes. Öffentlichkeitswirksame Skandale, zertrümmerte Hotelzimmer oder wilde Drogenabstürze? Wer solch heißen Gossip-Shit aus tausendundein Nächten voll von Sex, Drugs und Rock’n’Roll suchte, der musste in den letzten 25 Jahren woanders klopfen. Bei dem Quintett aus Bellingham, Washington geht es seit jeher so solide zu wie in einem mittelständisch-kleinstädtischen Handwerksbetrieb: Alle drei bis vier Jahre stellt die Truppe um Frontmann Benjamin Gibbard verlässlich eine neue Platte in die Regale, die zwar selten den Status eines Meisterwerks innehat, aber ebenso verlässlich schöne, herbstlich-feierliche Musik liefert, irgendwo an der Grenze zwischen Indie Pop, Emo (freilich frei von Kajal und Weltschmerz-Weinerlichkeit) und College Rock der frühen Nullerjahre. Natürlich mögen Großwerke wie „Transatlanticism“ oder „Plans“ bald zwanzig Jahre zurückliegen, doch anstatt an immer neuen Sentimentalitätsaufgüssen altbewährter Erfolgsformeln zu scheitern, such(t)en Death Cab For Cutie ihr Heil stets in der sanften Kurskorrekturen: So wurden in der Vergangenheit beispielsweise Prog- und Post-Rock-Anflüge eingeflochten oder auch mal Electronica-Sperenzchen integriert. Dass all das nicht immer von künstlerischen Erfolgen gekrönt war, vor allem zuletzt auf Langspiellänge mitunter etwas dröge geriet und das jüngste, 2018 erschienene Werk „Thank You For Today“ seine Beschaulichkeit bereits im Titel vor sich her trug? Geschenkt. Das Werkeln an der nach obenhin offenen Gigantomanie-Skala überließen Gibbard und Co. schon immer den U2s, Muse’ses und Tools da draußen. Umso erstaunter darf man beim Lauschen von „Asphalt Meadows„, dem nunmehr zehnten Studioalbum der Band, feststellen, dass sich selbiges um einiges häufiger in handfester ROCK-Musik erprobt – und die Großbuchstaben sind hier kein Versehen. Klare Sache: So dringlich, so offensiv und stringent klangen Death Cab For Cutie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Und das hat durchaus seine Gründe…

Den ersten davon lässt bereits das im Albumtitel enthaltene Oxymoron erahnen: Asphalt und Wiesen, deren Kontrast offenlegt, wie selten sich in unser aller heutigen Lebenswirklichkeit Moderne und Fortschritt mit Naturpflege und sattem Grün vereinen lassen. Ben Gibbard hatte in den Lockdowns der (hoffentlich) zurückliegenden Corona-Pandemie, welche er sich unter anderem mit regelmäßigen Livestreams vertrieb, einige Zeit zum Grübeln – und zum Sorgenmachen über den Weg, welche die Menschheit mitsamt von Klimakrisen, Kriegen, oder tumben Clowns in Führungsämtern eingeschlagen hat. Kein Wunder also, dass dem 46-jährigen Musiker, seit eh und je politisch interessiert und karitativ umtriebig, für die neusten Songs seiner Haupt- und Herzensband alles andere als nach betulicher Danke-und-Shangri-La-Gemütlichkeit war. Der zweite Grund ist in der Bandhistorie zu finden: Gab Ben Gibbard nach dem 2014er Abgang von Gitarrist und Gründungsmitglied Chris Walla (der zudem auch noch für die Albumproduktionen hinter den Reglern saß) noch vor einiger Zeit zu Protokoll, dass die gesamte Zukunft der Band auf seinen Schultern laste, zeigt nicht zuletzt der Blick in die aktuellen Songwriting-Credits, dass die neue Besetzung, zu der neben Bassist Nick Harmer und Schlagzeuger Jason McGerr nun auch Gitarrist Dave Depper und Keyboarder Zac Rae fest dazu stießen, endlich zusammengewachsen ist – jeder bringt Ideen in die Stücke ein, jeder hat seinen festen Platz im kreativen Entstehungsprozess. Durchaus verständlich, dass diese basisdemokratische Bandchemie dem ohnehin nie überaus extrovertiert auftretenden Gibbard die deutlich liebere ist.

Dennoch besteht so die Gefahr, dass zu viele Songschreiberköche die akustischen Endprodukte verderben – was jedoch im Fall der elf Songs von „Asphalt Medows“ nie passiert. Ganz im Gegenteil, wie bereits der vorab veröffentlichte Zweiminüter „Roman Candles“, ein Song über die existenzielle Angst auf einem sterbenden Planeten, unter Beweis stellt: Die Melodie geht runter wie selbstgemachter Zitroneneistee am wärmsten Tag des Jahres, während die Gitarren sirenenhaft aufheulen und das Schlagzeug einen dezenten, an The National gemahnenden Bryan-Devendorf-Vibe versprüht. Da hört her – Death Cab For Cutie wissen endlich wieder zu irritieren und faszinieren! Natürlich rocken Gibbard, Harmer, McGerr, Depper und Rae auch 2022 nicht breitbeinig und mit üblen Klischee-Posen – nein, diese neue Dynamik, zu der nicht nur ein gleichberechtigter Songwriting-Prozess innerhalb der Band, sondern auch Produzent John Congleton beitrug, wird fein säuberlich in den bestehenden Bandsound integriert. So beginnt etwa das famose „Foxglove Through The Clearcut“ mit einem Spoken-Word-Intro und entwickelt seine schimmernde Post-Rock-Aura im Laufe der fünf Minuten Spielzeit: kristallklare Gitarren bilden die shoegazende Grundlage, auf der Schlagzeug und Bass ein spannendes Rhythmusgebäude errichten, während Gibbard einen Naturbeobachter die Misere der Menschheit schmerzlich pointiert darlegen lässt und dafür in den Strophen sogar auf Gesangsmelodien verzichtet. Hier, fernab von den glossy Gitarren und den weiten Hallräumen des Vorgängeralbums, klingen Death Cab For Cutie wie eine US-Westküstenband der späten Neunzigerjahre, welche die Sollbruchstelle von Post-, Math- und Experimental-Rock zu bestimmen versucht. „Here To Forever“ findet seine Inspiration noch mal ein Jahrzehnt davor, denn insbesondere in den Synthie-Schlieren, die sich auf markante Art durch die Nummer ziehen, scheinen die besseren Seiten der Achtziger ihren Widerhall zu finden.

Zwischen all diesen stilistischen Kurswechseln und Sprüngen in vergangene Dekaden haben sich aber auch die „klassischen“ Death-Cab-For-Cutie-Hits gemischt, jene Songs also, die man nur zu gerne auf Mixtapes packen beziehungsweise in Playlists schieben möchte, am besten irgendwo zwischen Nada Surf, Teenage Fanclub und The Dismemberment Plan (man denke nur an den wohl ewig unübertroffenen Balladengeniestreich „I Will Follow You Into The Dark„!). „Pepper“ kommt in der Folge eher als akustisches Intermezzo daher, ein perlender Gitarrenpop-Song mit netter Hook, der so süßlich den letzten Kuss seines Gegenübers einfordert, dass man diesem Aufruf öfter als nötig Folge leisten möchte. Die behutsamen Tontupfer des geschmeidig fließenden potentiellen Herzstücks der der Platte, „Fragments From The Decade“, lullen in Prefab Sprout-Style ein. Das sagenhaft verträumte Teil platziert sich weit hinten als Highlight in der Tracklist und endet nach sphärischen Keyboard-Fantasien in einer Geräusch-Kaskade, die so klingt, als drehe man Tastenmann Zac Rae den Saft ab. Sicherlich wird eine Band anno 2022 mit derlei Kompositionen von ach so edgy Popkultur-Feuilletonisten und jedem noch so beschissenen Trend nachjagenden Pitchfork-Jüngern nicht über den immergrünen Hype-Klee gefeiert – auch dies ist eine Konstante in der Karriere dieses so sympathisch unscheinbaren – und deswegen umso näher ans Hörerherz reichenden – Quintetts. Doch wenn sich Death Cab For Cutie im finalen „I’ll Never Give Up On You“ die Klaviermelodie von Radiohead leihen, wenn gleich im Albumeinstieg „I Don’t Know How I Survive“ synkopische Keys-Hüpfer und rhythmische Betriebsamkeit mit Electro-Verzierungen eine aufgedrehte Melodrama-Hook untermalen, wenn sich in der vorwärts hoppelnden Hitsingle „Here To Forever“ Bass und Schlagzeug ein Wettrennen um die Aufmerksamkeit des Hörers liefern und der Titelsong eine extragroße Portion Melancholie versprüht, dann weiß man, dass man hier richtig ist. Bei den netten, gar nicht mehr so jungen Jungs von nebenan, die selbst mit den einfachsten Mitteln, mit ihrem bittersüßen Pathos, mit ihrem konzisen Songwriting, das an den richtigen Stellen die richtigen Signale sendet, immer noch begeistern können. Musik wie ein Nachausekommen.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Rocky Votolato – Wild Roots (2022)

-erschienen bei Thirty Something/FUGA-

Sieben lange Jahre sind vergangen seit „Hospital Handshakes„, dem achten Studioalbum von Singer/Songwriter Rocky Votolato. Zur Finanzierung des neunten startete der gebürtige Texaner im Herbst 2021 eine Kickstarter-Kampagne, welche im November erfolgreich endete. Diesmal hatte er ein mehr oder minder fixes Konzept im Kopf, wollte jedem Mitglied seiner Familie einen Song widmen – genau fünfzehn an der Zahl, weil es auf der Ranch, auf welcher der Musiker einst aufwuchs, ebensoviele Pferde gab. So weit, so harmonisch – bis eine private Tragödie jäh alle Planungen zerstörte. Sein 22-jähriges Kind Kienan (ich verwende hier bewusst nicht die Bezeichnung „Sohn“, da sich Kienan für eine nonbinäre Identität entschied) wurde Anfang Dezember bei einem Autounfall schwer verletzt und verstarb nur wenige Stunden später. Für Rocky, seine Frau April, Tochter Autumn und den Rest der Familie folgte eine Zeit der tiefen Trauer, begleitet von kognitiven Schwierigkeiten und Gedächtnisverlust. Wer sich in der glücklichen Situation befindet, von den Bergen, welche es nach einem solchen Schicksalsschlag aus dem Weg hin zurück zum Alltag und zum Weitermachen mit dem Ding namens Leben zu räumen gilt, nur eine entfernte theoretische Ahnung zu haben, der wird es Rocky Votolato und seiner Familie dennoch hoch anrechnen, dass sie an alldem weder zerbrach noch in allumfassenden Pessimismus verfiel. Und das bereits in Grundzügen fertige Konzeptalbum? Wurde so nicht nur zum Rückspiegel auf die Familienhistorie, sondern auch zur vertonten Trauerbegleitung.

Wer’s gehässig meinen würde, der könnte behaupten, dass sich die Songs des Leisetreter-Barden aus Seattle, Washington ja ohnehin seit Jahr und Tag nach tränengetränkter Trauerweiden-Musik anhören… Falsch wäre das zwar nicht wirklich, etwas unrecht würde man Votolato und seinem seit 1999 entstandenen Solo-Repertoire aber dennoch tun. Andererseits ist der 45-jährige US-Klampfer im Kreis der Singer/Songwriter mit Punk-Rock- und Emo-Indie-Rock-Hintergrund der Mann für die ruhigen, feinfühligen Töne. Für „Wild Roots“ hat er seine ohnehin nicht mit allzu viel Krachgärtnerei auftretenden Songs weiter entkernt, sodass sie fast ausschließlich aus seiner Stimme und der Gitarre sowie der zurückhaltenden Begleitung durch Geige oder Klavier bestehen. Das wird den persönlichen Themen gerecht, sorgt aber auch dafür, dass es Songs wie „Bella Rose“ (seiner Nichte Bella gewidmet) oder „The Wildest Horses“ (für seine Tochter Autumn) etwas an musikalischer Spannung fehlt. Sobald Votolato dem reduzierten Sound jedoch weitere Elemente zufügt, gewinnen die Stücke merklich. Beim harmonischen „Southpaw“ (für seinen Neffen Peren) begleitet ihn die Musikerin Abby Gundersen, ihres Zeichens die Schwester von Singer/Songwriter Noah Gundersen, mit sanftem Background-Gesang, „The Great Pontificator“ (Stiefvater Spero gewidmet) profitiert von dem zurückhaltenden Einsatz eines Schlagzeugs.

Rocky Votolato schwelgt während der knapp 48 Minuten dieses vertonten Familienalbums in Erinnerungen an gemeinsame Momente mit der Person, für die er den jeweiligen Song geschrieben hat. Namen nennt Votolato in den Texten zwar nicht, dennoch lässt sich aus und zwischen den Zeilen oft herleiten, wer der Adressat ist. Bei „Texas Scorpion (The Outlaw Blues)“ etwa spricht er seinen leiblichen Vater an, der Mitglied in einer texanischen Motorradgang war und den Votolatos Mutter mit den Kindern früh verließ: „I know you did your best, with what you were giving / So don’t be too hard on yourself now, all is forgiven.“ Das Alter lässt im Rückblick nicht nur Milde, sondern auch Vergebung zu.

Foto: Rocky Votolato

„Little Black Diamond“ wiederum handelt von einem Spaziergang mit seiner Nichte Carissa, bei dem die beiden einen kleinen Stein aufsammelten, welchen Votolato jahrelang bei sich trug. Diese kleinen, persönlichen Anekdoten sind aufrichtig und schaffen eine intime, tatsächlich zu Herzen gehende Atmosphäre. Auch seine Mutter („Archangels Of Tornados“), seine Brüder Sonny und Cody („23 Stitches“ und „Breakwater“ – mit Cody spielte Rocky übrigens anno dazumal bei Waxwing), seine Schwester Brandi („Glory (Broken Dove)“), seine Nichte Jaida („Evergreen“), seine Frau April („x1998x“), Hund Saint („Little Lupine“) und Rocky selbst („There Is A Light“, geschrieben von Votolatos deutschem Musiker-Buddy Marcel Gein, der übrigens auch einige E-Gitarren zum Album beisteuerte) werden mit Songs bedacht. Den emotionalen Höhepunkt des Albums bildet jedoch fraglos „Becoming Human“, welches an sein ebenso jung wie tragisch verstorbenes Kind Kienan gerichtet ist. Votolato wurde mit Anfang Zwanzig Vater, und so erklärt er seinem Kind, welche Schwierigkeiten er damals hatte und warum er es beim Aufwachsen nicht so begleiten konnte, wie er es gewollt hätte. Wie Rocky Votolato in diesem Interview wissen lässt (ein weiteres findet man bei Interesse hier), konnte Kienan diese Liebeserklärung seines Vaters vor seinem Tod hören – so tragisch sich die Worte des Songs nun in die Votolato’sche Familienhistorie einfügen mögen, so tröstlich mag dieser Gedanken erscheinen. Und auch wenn Rocky Votolato mit „Wild Roots“ natürlich wieder kein formatradiotaugliches Hit-und-weg-Album zusammengetragen hat, so hört man dieser sympathischen Sammlung voll persönlicher Geschichten gern zu.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Pianos Become The Teeth – Drift (2022)

-erschienen bei Epitaph/Indigo-

Es mag inzwischen müßig sein, die steten Wandel bestimmte Vergangenheit dieser Band immer wieder in Erinnerung zu rufen, aber so viel Zeit sollte sein, denn – Post-Harcore-Connaisseure schnalzen wissend mit der Zunge – Pianos Become The Teeth verfolgten einst, auf ihren ersten beiden, das Genre gut durchwirbelnden Alben, einen gänzlich anderen Ansatz: Härte, Geschrei und Tempo dominierten die Szenerie. Dann kam die unerwartete Kehrtwende, welche anno 2013 mit „Hiding„, jenem auf einer gemeinsam mit Touché Amoré veröffentlichten Split-EP erschienenem Song, erstmals Gestalt annahm und schließlich in den beiden 2014 beziehungsweise 2018 veröffentlichten Alben „Keep You“ und „Wait For Love“ mündete – zwei Werke, die der gallegurgelnden Postcore-Raserei nahezu gänzlich abschworen und vielmehr weltbeste tieftraurig-emotionale Wolkenbrüche nach dem Motto „Quiet is the new loud“ aufboten. Auch im Rückblick stellt sich diese stilistische Totalumkehr als Segen heraus, denn Vokalist Kyle Durfey hatte entdeckt, dass er tatsächlich richtig gut singen kann, und die Herrschaften um ihn herum setzten in den erlesenen Songs seinen Vortrag mit gleichsam großer Kunst in Szene. „Es fühlte sich kindisch an, zu den Songs zu schreien“, sagt Sänger Durfey rückblickend über den einschneidenden Wechsel von Post Hardcore zu melancholischem Emo-Indie-Irgendwas. Auch 2022 mag die fünfköpfige Band aus dem US-amerikanischen Baltimore, Maryland noch immer nicht am Ziel angekommen sein, den Weg dahin begleitet man jedoch weiterhin überaus gern, denn auch „Drift„, der neueste Langspiel-Streich aus dem Hause Pianos Become The Teeth, ist ein durch und durch glanzvolles Stück Musik.

Ein Gesamtwerk ohne Hänger beginnt mit einem Kyle Durfey, der zunächst ganz bei sich scheint, bevor ein nervöses Zucken einsetzt und mehrschichtiger Gesang mit „Out Of Sight“ einen Song fortführt, der zunächst eine gigantische Klangwelt aus Keys, Flächen, Kalimbas und Naturgeräuschen aufbaut, die in der zweiten Hälfte durch einen verspielten Drumgroove von Schlagzeuger David Haik aufgebrochen wird und, wie nicht wenige Stellen des Albums, wie eine Zusammenarbeit von Radiohead und Anathema anmutet. Zudem eröffnet das Stück bereits mit durchaus vielsagenden Zeilen: „Turn the lights off / When I’m still in the room / I’m only bright next to you / Out of sight“ – auch Album Nummer fünf ist freilich keines fürs Degustieren in fröhlicher Gesellschaft oder in der prallen Freibadsonne, sondern erneut vielmehr eines, dem man sich in den ruhigen, intimen Momenten ganz und sonders hingeben sollte. Wenig verwunderlich also, dass der Band-Frontmann dies in seiner Einschätzung ganz ähnlich sieht: “Für mich fühlt sich die Platte wie eine einzige, lange Nacht an.” Dem starken Auftakt folgt „Genevieve“, ein klarer erster Höhepunkt des Ganzen. Eine feine Basslinie untermalt Durfeys tolle Stimme, eine kunstvolle Passage im Mittelteil weiß ebenso zu gefallen wie der Umstand, dass hier zunächst alles wie dezent neben der Taktspur wirkt. Doch keine Angst, Pianos Become The Teeth geben schließlich Vollgas und haben hier einen neuen, mit markerschütternder Intensität überzeugenden Favoriten für künftige Live-Auftritte im Repertoire. Dass „Drift“ wie aus einem Guss tönt, liegt nicht nur an der greifbaren Grundstimmung, sondern auch daran, dass die Stücke gern unmittelbar ineinander übergehen. So leitet „Genevieve“ ohne Abkürzung zu „The Tricks“ über, das sich zum Abschluss nahezu verstohlen davonschleicht.

Foto: Promo / Micah E. Wood

Fürchtet irgendjemand vertonte Langeweile? Nun, etwaiger Eintönigkeit entgeht die Band einmal mehr konsequent – man lausche etwa den ebenfalls miteinander verbundenen Songs „Easy“ und „The Day“. Regiert im ersten eine reduzierte Instrumentierung, setzen die US-Amerikaner im zweiten zum Handkantenschlag an und winken entschlossen in Richtung eigener Vergangenheit. Summa summarum eine erste Albumhälfte, die es in sich hat. Gibt’s Zweifel daran, dass dieses Niveau zu halten ist? Mitnichten. „Mouth“ leitet die zweite Hälfte ein, und es erweist sich Stück für Stück, dass „Drift“ eben vor allem ein organisches Ganzes ist – und damit weit mehr als die Summe seiner einzelnen Teile. „Skiv“ liefert – gar samt einem im Hintergrund platzierten Saxophon-Solo! – das nächste Kleinod, für welches sich nicht nur das Quintett als Kollektiv, sondern vor allem Kyle Durfey gern anhaltend selbst auf die Schulter klopfen darf. Eben dafür, den Mut gehabt zu haben, das alte Schrei-Schema zu durchbrechen und seiner Stimme diesen wohlverdienten Raum zu geben.

Mit einem runden Song-Trio verabschieden sich Pianos Become The Teeth schlussendlich nach lediglich 37 Minuten aus dem Album. „Hate Chase“ greift mit energischen Gitarren noch einmal überzeugend in die krachige, sorgsam dosiert zum Einsatz kommende Werkzeugkiste, „Buckley“, benannt nach dem 1997 ebenso tragisch wie jung verstorbenen legendären Musiker, ist vertonte Schwermut mit cleverem Spannungsaufbau und zwingendem Ende, „Pair“ setzt schließlich den tollen Schlusspunkt hinter ein Album, das einerseits die Richtung seiner Vorgänger aufgreift, andererseits jedoch auch Experimente wagt. Hier zeigt die Band selbstbewusst, wo sie im Jahr 2022 steht, warum sie von exakt diesem eingeschlagenen Weg voll und ganz überzeugt ist und sich in diesem, irgendwo zwischen Emo, Indie Rock, Shoegaze und Post Rock angesiedelten Soundgewand mittlerweile so überaus wohl fühlt. Natürlich mag auch „Drift“ kein seichtes Easy-Listening-Album sein, dafür jedoch definitiv eines, das einen durch den Herbst und die (nächsten) Klima-Corona-Kriegs-Monate bringen kann. VISIONS-Redakteur Jan Schwarzkamp mag in seiner Review weniger begeistert gewesen sein und das alles unter „melancholischer Runterziehmusik für Menschen, die sich psychisch zusätzlich belasten wollen“ verortet haben (was sich übrigens durch den Fakt, dass Kyle Durfey textlich mittlerweile in durchaus positiveren Gefilden unterwegs ist, zumindest teilweise entkräften lässt), für mich bleiben Pianos Become The Teeth seit nunmehr drei Langspielern eine absolut verlässliche Herzensband, in deren Stücke man hineingleitet wie in ein warmes Bad – wunderbar und schonungslos emotional.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

„A Monument To Commemorate Our Time: A Tribute to Lifted by Bright Eyes“ – Ein Sampler zum 20. Geburtstag des Bright Eyes-Durchbruchalbums


Herrschaftszeiten, wo ist all die Zeit geblieben, Teil 5.839: Dieser Tage feiert „Lifted or The Story Is in the Soil, Keep Your Ear to the Ground„, seines Zeichens die vierte Langspielplatte von Conor Obersts Haupt- und Herzensband Bright Eyes, bereits sein 20. Veröffentlichungsjubiläum.

Seitdem ist logischerweise so einiges passiert: In der Band-Heimat US of A war ein gewisser George W. Bush anno dazumal gerade einmal etwas länger als ein Jahr im Amt des US-Präsidenten, zudem war die Nation noch mitten dabei, die weltverändernden Ereignisse des 11. September 2001 zu verarbeiten (leider ohne dabei ihr eigenes Selbstverständnis als vermeintliches „home of the brave and land of the free“, geschweige denn die immanente Waffen- und Kriegsvernarrtheit angemessen zu hinterfragen). Zwei aus recht unterschiedlichen Gründen bemerkenswerte US-Staatsoberhäupter namens Barack Obama und Donald Trump später mögen sich in den US of A zwar so einige Dinge gewendet haben, jedoch keineswegs zum Besseren – ganz im Gegenteil: das Land mit seien 331 Millionen Einwohnern scheint in vielerlei Hinsicht tiefer gespalten denn je; ganz egal, ob man sich auf die Grenzen zwischen Arm und Reich, Bleichgesichtern, Migranten und People of Color, Demokraten- und Republikaner-Wählerschaft oder Abtreibungsgegner und -befürwortern bezieht. Ein Land, das nach eigenem Selbstverständnis das lebenswerteste, demokratischste und schlichtweg obertollbeste der Welt sein mag, hat sich ohne jeglichen Zweifel innerhalb eines Vierteljahrhunderts hinein in die steinzeitliche Geistesgegenwartsecke meilenweit entfernt vom einstigen „American Dream“ manövriert. Und hierzulande? Sieht es nach immerhin 16 Jahren Bundeskanzlerinnenschaft von Angela Merkel mitsamt rautenschem „Wir schaffen das!“-Allesaussitzen kaum besser aus – minus bescheuerter Waffengeilheit, logischerweise. Dutzende klimatische Brandherde, etliche Naturkatastrophen, eine weltweite Pandemie und immer mehr unzufriedenem Rumoren innerhalb nahezu aller Bevölkerungsschichten (das sich etwa in spinnertem Verschwörungsschwurbelertum Bahn bricht) später ist die Welt – gefühlt, gefühlt – dem Rand einer unsicheren Zukunft näher als dem friedefreudeeierkuchenen Happy-go-lucky. Und dass ausgerechnet Merkels Amtsvorgänger Gerhard Schröder unbeirrt zu Intimkumpel und Russland-Präsident Wladimir Putin hält, der Anfang des Jahres einen Angriffskrieg vor der Haustür der EU und Nato vom Zarenzaun gebrochen hat, ist nur ein klitzekleines Beispiel von vielen, die aufzeigen, was hier in wemauchimmers Namen so verdammt falsch läuft…

Aber zurück zur Musik.

Seit „Lifted…“ haben Bright Eyes mittlerweile sechs weitere Alben veröffentlicht, zuletzt 2020 das tolle „Down in the Weeds, Where the World Once Was„. Conor Oberst, damals zarte 22 Lenze jung, hat, wie die Band auch, in der Zwischenzeit der von ihm mitbegründeten Labelheimat Saddle Creek den kreativen Rücken gekehrt, nebenbei eine durchaus beachtliche Solo-Karriere hingelegt und mit 42 Jahren den Titel des „spokesman for a generation“ ebenso final ad acta gelegt wie die optische Erscheinung des grüblerischen Holden-Caulfield-Lookalikes – Bürden, an denen er zwischenzeitlich ein ums andere Mal beinahe zu zerbrechen drohte, denen er jedoch andererseits auch so einige auch heute noch über nahezu jeden kritischen Zweifel erhabene Meisterwerke wie den 2005 zeitgleich veröffentlichten Album-Doppelschlag „I’m Wide Awake, It’s Morning“ und „Digital Ash in a Digital Urn“ abrang.

Eine Sache, auf die man sich bei neuen Releases aus dem Hause Bright Eyes, zu deren Kern neben Oberst noch immer Mike Mogis und Nate Walcott zählen, stets verlassen konnte, ist, dass man in die Werke Stück für Stück eintauchen konnte, Zug um Zug in aller Seelenruhe in deren Zentrum schwimmen konnte, darin versinken durfte – und bei jedem Durchgang noch stets Neues, Faszinierendes entdecken konnte – sowohl in der Musik als auch in den Texten. Hier die große, sinnstiftende Weltumarmung, da die nihilistische Abscheufratze der Einsiedelei – drunter ließen es Oberst, Mogis, Walcott und ihre vielen Mitmusiker selten geschehen. Das galt damals für die vielen tollen Stücke von „Lifted…“, für „Lover I Don’t Have to Love“, „Method Acting“, „Bowl of Oranges“, „Waste of Paint“ oder „Let’s Not Shit Ourselves (To Love and to Be Loved)“, die freilich nur als zu erlebendes Ganzes einen wirklichen Sinn ergaben, das gilt ebenso noch heute, zwanzig Jahre später.

Man selbst mag merklich älter geworden sein, sich Dutzende Male ver- und entliebt, graue Haare und mehr Lebensfalten bekommen, eventuell sogar eine Familie gegründet haben. Legt man jedoch ein Kleinod wie „Lifted…“ mit seinen zig alles andere als perfekten – und ebendarum so sympathischen – Ecken und Kanten ein (oder eben auf), so sind all die Erinnerungen, welche damals, 2002, vorm inneren Cinemascope-Auge an einem vorbei schwirrten, wieder da. Freilich mögen Conor Oberst und seine Musiker*innen-Gang noch ähnlich gelungene Werke im Oeuvre-Köcher haben, nur war eben dieses das, in welches sich nicht wenige (wie etwa ich) zuerst verlieben durften. Und an die erste Liebe erinnert man sich mit etwas Sentimentalität im Knopfloch auch in unbeständigen Zeiten wie diesen nur allzu gern.

Passend zum Zwei-Dekaden-Jubiläum hat das US-Indie-Label Take This To Heart Records einige durchaus namenhafte Künstler*innen und Bands wie Kali Masi, Sarah and the Safe Word, Snarls oder Future Teens versammelt, um „Lifted…“ in Gänze covern zu lassen. Noch lobenswerter ist, dass es das Ergebnis via Bandcamp als „Name your price“-Download gibt und alle Einnahmen karitativen Zwecken zugute kommen. Reinhören, Zugreifen und nach Möglichkeit einen kleinen Spenden-Betrag da lassen lohnt sich also in jedem Fall!

„Released twenty years ago this month, ‚Lifted or The Story Is in the Soil, Keep Your Ear to the Ground‘ suspends the Bright Eyes project at a fascinating pivot point. Midway between the lauded ‚Fevers and Mirrors‘ and the one-two punch of ‚I’m Wide Awake It’s Morning‘ and ‚Digital Ash in a Digital Urn‘ three years later, ‚Lifted‘ accentuates Conor Oberst’s fascination with expansive arrangements. Twinklings of chamber pop, dusted-up country, and the band’s propulsive and influential indie-folk roots abound. (Bright Eyes’ gaze upon mainstream popularity would begin its laser focus on this cycle, earning the group its first Billboard 200 placement and late-night TV cred.)

Take This to Heart Records presents ‚A Monument to Commemorate Our Time‘, a full-album toast to Bright Eyes’ breakthrough. Each featured artist offers their spin of each towering moment and simmering comedown that aligns with their main output and elevates the source material. Where else can you find glitterbomb electropop reworks side-by-side with tributes worthy of the original’s anguish and wanderlust? Fans of the 2002 LP, come for a celebration. Newcomers: here’s a reason to dive in. 

A Monument to Commemorate Our Time‘ is benefitting the National Multiple Sclerosis Society, with all proceeds being donated in perpetuity.“

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Brimheim – „hey amanda“


Als geneigter Sportsfreund nimmt man die Färöer im Grunde lediglich dann hin und wieder wahr, wenn ihre Fußball-Nationalmannschaft, die derzeit einen stattlichen 125. Platz der FIFA-Weltrangliste belegt, alle paar Jahre eine ordentliche Klatsche von einer der großen Ballsportnationen bekommt. Im krassen Kontrast zu diesen hypermaskulinen Duellen, in denen sich 22 Männer wie in einem modernen David-gegen-Goliath-Gladiatorenkampf begegnen, steht mit Teitur Lassen das bislang wohl bekannteste Kind der Inseln, wenngleich der 45-jährige Musiker, der seinen Nachnamen der Einfachheit halber gleich zu Karrierebeginn unter den Singer/Songrwriter-Schemel fallen ließ, mit seiner sanften Stimme eher pazifistische Engel über den Vulkanstein denn Bälle per Seitfallzieher ins Tor hüpfen lässt. Und dann ist da neuerdings auch Helena Heinesen Rebensdorff aka. Brimheim, die zwar eine ebenso zauberhafte Stimme hat, aber für ein Musikvideo zu ihrem im Januar erschienenen Debütalbum „can’t hate myself into a different shape“ in eine Ritterrüstung schlüpft und gewalttätig ihre martialischen Herr-der-Ringe-Fantasien auslebt. Keine Frage: Jene Dame dürfte aktuell die beste Neuigkeit sein, die es von der Inselgruppe mit ihren gerade einmal knapp 54.000 Einwohnern zu hören gibt.

Denn die verschleierten Indie-Stücke der dänisch-färöischen Sängerin, deren Mutter auf den Färöern ebenfalls keine Unbekannte zu sein scheint, tönen von der ersten Sekunde an recht interessant, in ihren besten Momenten gar beeindruckend. Zur Eröffnung offenbart uns die Protagonistin dezent unumwunden „heaven help me i’ve gone crazy“ – nicht, dass sie uns am Ende nicht gewarnt hätte. Dabei präsentieren sich die elf Stücke inhaltlich alles andere als als kryptische Schriftrollen, die erst übersetzt werden müssen. Ganz im Gegenteil sind Rebensdorffs Texte meist nahbar und direkt, sodass man sich oft genug bestens in sie hineinversetzen kann. Verrückt ist sie sich wahrscheinlich selbst vorgekommen, denn der beeindruckende Spagat aus schmerzhaftem Reflektieren und kraftvoller Ermächtigung mag durchaus zur Tour de Force geraten. „can’t hate myself into a different shape“ schildert in dezidiert therapeutisch angelegten Selbstfindungs-Skizzen die Auseinandersetzung mit der eigenen Queerness, der Liebe in einer Gesellschaft, die sie auch im Jahr 2022 leider noch nicht immer und überall ermöglicht wird, und der mentalen Gesundheit, die schlussendlich von all den Widerständen in die Knie gezwungen werden kann. Ja, diesem Album hört man die Resilienz an, die nötig war, damit es entstehen konnte.

Mit Zeilen wie „I’ve never tried harder not to be myself“ beschreibt sie das ungesunde Versteckspiel ihrer selbst schon im herausragenden Titelsong. Während „hey amanda“ die platonische Liebe zur titelgebenden Jugendfreundin feiert und „favorite day of the week“ ordentlich Ohrwurm-Potential besitzt, verzweifelt sie in „baleen feeder“: „I wish I didn’t care what you think of me“. Und während andere nicht zu sehen scheinen, wie hart sie an sich arbeitet, schafft sie es sich immer noch selbst zu versichern: „I am not a burden“. Der Kampf ist allgegenwärtig – auch in der Musik. Denn die Klagerufe geben sich im ersten Moment gerne zart, bauen sich behutsam auf, um dann mit einem Hieb der Zurückhaltung hinterrücks den Kopf abzuschlagen. Gitarren treffen auf Synthieflächen, das Schlagzeug biegt mit fast schon frechem Pomp ums Eck, der Bass weiß gar nicht, wo er sich zuerst anschmiegen soll. „can’t hate myself into a different shape“ tönt wie das wie das uneheliche Kind von Florence Welch und PJ Harvey, ist zu gleichen Teilen aufrichtig und verletzlich und voller toller Ideen, was nicht verwunderlich ist, liest man doch aus Interviews mit Helena Heinesen Rebensdorff oft genug bereits ein ordentliches Nerdtum in Bezug auf Produktion raus.

Der Indie Rock von Brimheim, was passenderweise übrigens ungefähr so viel heißt wie „Heimat der brechenden Wellen“, weckt mit seiner Dringlichkeit und Energie außerdem Assoziationen zu Kolleginnen wie Torres, zu Hurray For The Riff Raff, zu Emma Ruth Rundle, zu Sharon van Etten – und somit zu Musik, mit und in der etwas gesagt wird. Kraft und Zerbrechlichkeit, Nachdenklichkeit und Eingängigkeit sind auf diesem Album nicht zwangsläufig Widersprüche. „hurting me for fun“ will es zum Abschluss noch mal so richtig wissen, setzt nach sanfter Introspektive auf pochende Beats und stampft mit verzerrtem Schlagzeug von dannen – aber sicher nur, um sich nach dieser Herkulesaufgabe von einem Langspieler eine wohlverdiente Auszeit in Brimheims Wohnort Kopenhagen zu gönnen. In der Zwischenzeit könnte sie dann auch einfach der neue Exportschlager der Färoer werden – verdient wäre es allemal.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Christian Lee Hutson – Quitters (2022)

-erschienen bei ANTI Records-

Singer/Songwriter Christian Lee Hutson sieht auf eine Art und Weise gut aus, die Fremde dazu verleitet, ihn vorschnell mit ungleich berühmteren Leuten zu verwechseln. So soll es bereits mehrfach vorgekommen sein, dass er mit vermeintlichen Fans für Selfies postierte – und die trotz seiner Proteste darauf bestanden, dass er der britische Schauspieler Dan Stevens sei. Geboren und aufgewachsen im kalifornischen Santa Monica, zählt Hutson unter anderem Phoebe Bridgers und Conor Oberst zu seinen Freunden, die beide auf seinem aktuellen Album „Quitters„, wie bereits beim Vorgänger, als Produzenten auftreten. Außerdem war er eine Zeit lang als Tourgitarrist für Jenny Lewis unterwegs, nachdem diese ihn dazu einlud – und das, obwohl er nicht einmal eine E-Gitarre besaß. Mit seinen blonden Locken und blauen Augen wirkt er wie die Charaktervorlage aus einem Alexander-Payne-Film, wie der attraktive Typ, dem immer nur Gutes zu passieren scheint. Hollywood – etwas Traumjägerfabrik, umso mehr schöne Fassade…

Die Realität ist jedoch zum Glück ungleich interessanter. Bevor er zu Bridgers‘ kreativem Zirkel stieß, der sich im Grunde mal hier, mal da immer wieder gegenseitig bei neuen Sachen unterstützt, und 2020 mit seinem dritten Album „Beginners„, seinem ersten bei ANTI Records, den Quasi-Durchbruch schaffte, trat Hutson als Teil der Roots-Alt.Country-Band The Driftwood Singers in Erscheinung und spielte jahrelang in Weinbars vor einem Publikum von „zwei Leuten, die höflich sein wollten“. Davor verbrachte der 31-jährige Musiker zudem eine gefühlte Ewigkeit als gescheiterter Americana-Sänger, komplett mit falschem Akzent und entbehrungsreicher Hintergrundgeschichte, um dem zu entkommen, was er seine „beschissene kalifornische Stimme“ nennt. Mit anderen Worten: Hutson scheint mit jener Art von echtem Selbsthass „gesegnet“, dem nur die größten Singer/Songwriter anheim fallen, und er verbrachte Jahre damit, sich mühsam einen Weg durch die innere kreative Ödnis zu bahnen, um seine wahre Stimme zu finden. Kaum verwunderlich also, dass er die Songs von „Beginners“ gemeinsam mit Phoebe Bridgers und Conor Oberst bis zu fünf oder sechs Mal in verschiedenen Stilen und Arrangements aufnahm, bis er wusste, dass er ihre Essenz getroffen hatte.

„Phoebe ist meine beste Freundin, und die Aufnahmen von ‚Beginners‘ mit ihr waren so angenehm und einfach, deshalb wollte ich wieder mit ihr arbeiten. Conor dabei zu haben, diente dem Zweck, jemanden zu haben, den ich als Texter wirklich respektiere und der meine Ängste lindern konnte.“ (Christian Lee Hutson)

Was das kreative Trio eint, ist die gemeinsame Verehrung des großen, fraglos zu früh verstorbenen Elliott Smith – und vor allem im Fall von Christian Lee Hutson braucht es nur wenige Sekunden eines beliebigen Songs, um das zu erkennen. Sowohl auf „Beginners“ als auch auf „Quitters“ singt er in (s)einem ganz ähnlichen intim-nahebaren Flüsterton und nimmt die Saiten seiner Akustikgitarre mit der gleichen Intensität auf wie ein Naturdokumentarist, der jeden einzelnen Grashalm aus jeder erdenklichen Perspektive zu filmen scheint. Zudem scheint sich auch Hutson zu den kalifornisch hell tönenden, oberflächlich hübsch anmutenden Klängen und Harmonien hingezogen zu fühlen, die Elliott Smith anno dazumal aus dem Ärmel schüttelte, als er zu DreamWorks wechselte, um „XO“ und „Figure 8„, seine letzten Alben zu Lebzeiten, aufzunehmen, und sich all die Beatle’esk anmutenden zusätzlichen Gitarrenparts und Streicherarrangements zunutze machte, die er sich nach dem plötzlichen Major-Erfolg von „Miss Misery“ leisten konnte. Und ähnlich wie Smith scheint sich auch Hutson unterhalb der in Schönklang sterbenden Oberfläche seiner Stücke zu winden und ein ums andere Mal mit der Gehaltlosigkeit des zwischenmenschlichen Umgangs im Künstler-Molloch Los Angeles zu fremdeln. A singular ode to melancholy.

Dass „Quitters“ deutlich kohärenter ums Eck kommt, hat den einfachen Grund, dass „Beginners“ noch eine Sammlung an Stücken bot, die sich über einen Zeitraum von zehn Jahren angesammelt hatten (schließlich erschien der Vorgänger „Yeah Okay, I Know“ bereits 2014). Für das ganz good old fashioned analog und auf Band aufgenommene neue Album startete Hutson also vor einem weißen Blatt Papier – und mit allerlei Inspirationen durch Scott McClanahans 2017 erschienenen Roman „Sarah.„, welcher seinerseits bereits mit ein paar denkwürdigen Sätzen beginnt: „Ich weiß nur eine Sache übers Leben. Wenn du lang genug lebst, fängst du an, Dinge zu verlieren. Alles wird dir weggenommen: Zuerst verlierst du deine Jugend, dann deine Eltern, dann verlierst du deine Freunde, und am Ende verlierst du dich selbst.“ (Interessierten sei der Roman mit seiner wunderbar schnoddrigen Übersetzung von Clemens Setz wärmstens empfohlen.)

Vereinte „Beginners“ noch zehn Kleinode und Abgesänge am Rand des Erwachsenwerdens, konzentriert sich Christian Lee Hutson bei den dreizehn Songs des aktuellen Langspielers, den nicht nur die titelgebende Klammer mit seinem Vorgänger eint, vermehrt auf die Ängste und Komplikationen des Älterwerdens. So ist das unter Verschluss gehaltene Lachen, das „Quitters“ ankündigt, ein Lachen, wie man es am Ende von John Huston-Filmen findet, ein Lachen der Resignation, aber auch des Loslassens – und irgendwie, irgendwie ein kosmisches Lachen, das unausgesprochen „Kalifornien“ zu implizieren scheint, seit eh und je ja ein Ort, an dem sich einsame Menschen wie desillusionierte Vögel versammeln.

Eröffnen darf „Strawberry Lemonade“, eine anekdotische, traumverhangene Aneinanderreihung des Schmerz-Erlebens, die sich nach anfänglicher, zu gezupfter Akustikgitarre vorgetragener Zurückhaltung erst behutsam, dann immer windiger auftürmt. Meg Duffy alias Hand Habits steuert ein brauchbares Solo bei, Conor Oberst schreit im Hintergrund, Hutson liefert zudem eine der vielen gleichsam wahren wie tollen Textzeilen: „Pain is a way you can move through time / Visit people that are gone in your mind„. Das folgende „Endangered Birds“ fängt diese Aufruhr wieder ein und stellt Fingerpicking neben weiträumige Streicherläufe, während „Rubberneckers“ zwar nicht weniger träumerisch, dafür pickepackevoll gepackt mit feinen Melodien tönt und Hutson gemeinsam mit Phoebe Bridgers im nahezu kraftvollen Refrain gegen Schlagzeug und Herzschmerz ansingt. Ein heimlicher Hit.

Die erste Strophe von „Age Difference“ verbringt er damit, sich in die Gedankenwelt eines unglücklichen, möglicherweise recht widerwärtigen Mannes in seinen Dreißigern hineinzuversetzen, der sich zwar mit einer viel jüngeren Frau vergnügt, die eigene Mißmutigkeit dabei jedoch nicht ad acta legen kann: “I think I was suicidal before you were even born”. Es ist die mikroskopische Charakterisierung einer präzisen Art von Widerling, aber Hutson verkompliziert die Skizze sogar noch und macht ihn mithilfe weniger weiterer Worte zu einem fast schon sympathischen Beobachter: “You watch your family drink the Kool-Aid / Powerless to stop them / First time as an adult that you wish you had been adopted”. Der Song endet mit einem schwermütigen Bild des Fieslings, der versucht, die jüngere Wegbegleiterin aufzumuntern: “Do my impression of John Malkovich critiquing food in prison / At first it isn’t funny, then it is, and then it isn’t”. Nur wenige Folk-Lyriker können auf so engem Raum so klare Porträts zeichnen; noch weniger können sie so natürlich mit so langatmigen Melodien unterlegen – vieles hier lässt, neben dem natürlich unvermeidlichen Elliott Smith, an Große wie etwa Cat Stevens, Paul Simon oder The Nationals Matt Berninger denken. Ausgestattet mit (s)einer wahnsinnig guten Beobachtungsgabe, darf man sich Christian Lee Hutson gern auf einer Parkbank sitzend vorstellen, von der aus er dem Alltag um ihn herum folgt, den kleinen wie großen Dramen, die das Leben so schreibt. Oder wie er ein Mikroskop auf ein herbstlich gezeichnetes Blatt richtet, um all Linien, alle Feinheiten zu erkennen. Oder wie er, bewaffnet mit Notizbuch und Stift, vom Tisch eines kleinen Cafés aus die Leute an der Kasse eines nahen Lebensmittelladens beobachtet – und aus alledem Songs verfasst, die kurzgeschichtenhaft in medias res gehen, manches Mal zwar im ersten Moment wie eine recht lose Aneinanderreihung von Gesprächsfetzen erscheinen, sich dann jedoch wie ein cleveres Kreuzworträtsel voll gepfiffener Melodien zusammenfügen.

Das Beste: Hutson, der sich auch verdammt gut aufs Covern fremder Kompositionen versteht (wie die drei im vergangenen Jahr veröffentlichten „The Version Suicides„-Singles beweisen), weiß mit derlei Qualitäten immer wieder zu überzeugen. Fast scheint es, als könne man einen beliebigen Song von „Quitters“ wählen, um im Anschluss mit etwas geradezu schmerzhaft Präzisem belohnt zu werden. In „Sitting Up With A Sick Friend“ etwa legt er einmal mehr die Szenerie fest: der Erzähler liegt wach auf der Couch eines Freundes und wundert sich über dessen unerklärliche Vorliebe für ein schreckliches Wandgemälde. „I have to figure out how to get rid of this stuff“, singt er, und plötzlich ist man sich nicht mehr sicher, ob der kranke Freund noch lebt oder der Erzähler in Gedanken zu dem Moment vorspult, in dem er die Verantwortung für dieses schreckliche Gemälde übernehmen und über dessen Schicksal entscheiden wird.

Wie jeder, der fesselnde, in Songs gewandelte Geschichten in der Ich-Form erzählt, legt auch Hutson den Verdacht nahe, dass es sich bei all diesen traurigen Säcken, verlorenen Seelen, hoffnungslosen Säufern und nostalgischen Ex-Freunden – zum Teil – um eine Version seiner selbst handelt. Die stets vorhandene Lakonie in seiner Stimme macht ihn dabei zum undurchschaubaren Hütchenspieler – nie weiß man genau, ob er einen anprangert, seine unsterbliche Liebe beteuert oder sich entschuldigt. Was aus seinen Liedern am deutlichsten herauszuhören ist, ist der Überdruss – nahezu jede Figur auf diesem Album gesteht irgendeine Version davon, sei es der Freund, der sich manchmal wünschte, er würde einfach „zufällig sterben“ (in „Sitting Up With A Sick Friend“) oder die Figur, die einen handfesten Streit mit einem Partner unterbricht, um, wie in „State Bird“, anzumerken: “There’s an eyelash on your left cheek / I wanna tell you, but you’re yelling”. Im Grunde sind alle großen Schriftsteller Elstern und Diebe, die am Ende des Tages allein vor ihren Tastaturen, Schreibmaschinen und Notizbüchern enden. Hutson schlüpft semiautobiografisch in die Haut seiner Charaktere wie ein findiger Einbrecher, stiehlt jedem von ihnen etwas gefühlt Unersetzliches und bildet aus dem Diebesgut eine durch und durch gelungene Dreiviertelstunde voller melancholisch-nebelverhangener Alltagsfluchten, prall gefüllt mit halb erinnerten Momenten verlorenen geglaubter Leben.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: