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Sunday Listen: Jenny Berkel – „These Are The Sounds Left From Leaving“


Obwohl doch beileibe keine Newcomerin mehr, mag Jenny Berkel in unseren Breiten – und selbst unter eingeweihten Singer/Songwriter-Connaisseuren – noch kein „Household Name“ sein. Verwundert das? Nun, ein wenig schon.

Denn immerhin ist es bereits satte zehn Jahre her, dass die in London, Ontario beheimatete kanadische Songwriterin ihr Debütalbum „Here On A Wire“ veröffentlicht hat. Selbigem ließ sie im vergangenen Jahr „Pale Moon Kid“ folgen, dazwischen lag noch eine EP – und der Poetik hat sie sich als Dichterin ebenfalls verpflichtet. Überhaupt: das Lyrische. Die Verbindung zwischen Poesie und Musik funktioniert auch auf Berkels neustem Werk „These Are The Sounds Left From Leaving“ in durchaus überragender Form. Das mag vor allem mit den Umständen der Entstehung der zehn neuen Stücke zusammenhängen, welche ihrem Plan, eine leichte, beschwingte und unbeschwerte Platte zu machen, einen dicken Strich durch die Rechnung machten: “Ich habe das Album in einer winzigen Wohnung geschrieben, zu einer Zeit, als sich alles groß und überwältigend anfühlte”, sagt die Musikerin. Und meint weiter: “Die Songs selbst sind eine Studie über Nähe, die große Ängste in kleine Räume bringt.“

Hört man nun ihren dritten Langspieler, so besteht – bei aller Ernsthaftigkeit – durchaus Hoffnung, dass Berkel mit diesem nun endlich auch in Deutschland einem etwas größeren Publikum bekannt bekannt werden dürfte. Das lässt sich schon alleine daran festmachen, dass hier keiner der ebenso leichtfüßig wie transparent inszenierten Folk-Pop-Songs musikalisch in besonderer Weise als klares Highlight herausragt, sondern jedes einzelne der zwei Handvoll Stücke auf insgesamt recht hohem Niveau seinen eigenen Reiz zu entwickeln weiß.

Wie sicher sich die Musikerin inzwischen in ihrem Bestreben ist, ihre Songs zwischen düster und hoffnungsvoll, transparent und opulent, intim und raumgreifend, leise und bestimmt, geradlinig und vertrackt auszubalancieren, zeigt auch der Umstand, dass sie – zusammen mit Dan Edmonds und dem auch als Musiker in Erscheinung tretenden Ryan Boldt (Deep Dark Woods) – erstmals selbst produktionstechnisch Hand anlegte und sich dabei von Colin Neales schwindelfreie, luftige Streicherarrangements schreiben ließ, die viel Raum für ihre beeindruckend klare und durchsetzungsfähige Alt-Stimme bieten.

Tatsächlich erinnert das Setting an nicht wenigen Stellen an das, was weiland Joe Boyd für den großen, jedoch viel zu früh verglühten Trauer-Troubadour Nick Drake leistete. Diverse Gitarren, Piano, Mellotron, Wurlitzer-Orgel, Bass, Schlagzeug und Streicher – hier wird ein durchaus breites Instrumentarium aufgefahren, über welchem Berkels wohltuend graziöse Stimme ruht. Und auch der Vorwurf, den Kenner der Songwriterin bislang ungestraft machen durften – nämlich dass alle ihre Stücke im gleichen balladesken Gleichstrom-Setting angesiedelt seien – gilt ab diesem Album nicht mehr, denn obwohl Jenny Berkel natürlich noch immer keine derb drauflos prügelnde Rockmusik macht, gibt es mit „Kaleidoscope“, welches mit seinen wehmütigen Streichern die nachdenkliche Wirkung noch unterstreicht, mit „July“ und dem Trennungslied „Lavender City“ gleich mehrere durchaus munter pulsierende Songs im Mittelteil des Albums, die sich längst nicht mehr als „reine Balladen“ einsortieren lassen. Dem gegenüber stehen schwermütige, recht mystisch verzierte, mit viel Liebe zum feinsinnigen Detail ausgestattete Folksongs wie „Watch You Fade“ oder das walzer’eske „Under A Sky“, während sich „You Think You’re Like The Rain“ ganz der Sehnsucht hingibt oder „Here Comes The Morning“ auf bessere Zeiten hofft.

Klar, besonders erbaulich mag sich das alles nicht gerade lesen. Und: Ja, man sollte schon das richtige Gemüt für diese von tiefer Traurigkeit durchdrungene Platte haben, bei welcher sich die Einsamkeit, die Furcht vor zu großer Nähe, aber auch vor dieser Welt da draußen vor der Wohnungstür, oftmals zwischen verwunschenen Vibrafonharmonien und zarten Gitarrenakkorden verstecken. Und irgendwie haben uns zwei Jahre weltumspannende Pandemie und die zuweilen überwältigende Reizüberflutung, welche auch durch die in ständig schnellerer Abfolge auf uns einprasselnden Katastrophenmeldungen auslöst wird, ja alle mehr oder minder müde und mürbe gemacht, oder? Eben. Da kann einem manchmal für Momente durchaus die Haut dünn und vor allem und im Grunde gar nichts Angst und Bange werden. Wer allerdings vermutet, dass sich Jenny Berkel hier als musikalisches Zitterkaninchen vor der Schlange präsentiert, sieht sich auf angenehme Weise enttäuscht, denn mittels ihrer blumigen, allegorischen Poesie-Sprache findet die Songwriterin immer wieder Wege, ihr Anliegen eher ermutigend in Form von aus der Natur gezogenen Metaphern im Format fiktiver Konversationen (welche teilweise im Zwiegespräch mit sich selbst stattfinden) deutlich zu machen. Und schafft damit berückende Kammerpop-Kostbarkeiten, welche sie hoffentlich baldigst aus der Geheimtipp-Ecke hinausführen werden.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Tim Kasher – Middling Age (2022)

-erschienen bei 15 Passenger/Thirty Something Records-

„Don’t wanna live in the now / Don’t wanna know what I know.“ So hieß es, des Hier und Jetzt ziemlich überdrüssig, anno 2008 auf Cursives „Mama, I’m Swollen“ – Tim Kasher halt, der alte Berufsskeptiker. Ein sorgsam erarbeiteter Status, der auch aus seinen Soloplatten „The Game Of Monogamy“ (2010), „Adult Film“ (2013) oder zuletzt „No Resolution“ (2017) sprach: Liebe, Treue, das potenziell prekäre Künstlerdasein und die Vielzahl von Albträumen, die einem der Alltag nach dem Aufwachen bereitet – es bleibt schwierig. Auch auf Kashers viertem Album „Middling Age„, einer durchaus existenzialistischen Abhandlung über beinharte Themen wie Sterblichkeit und Verlust, die ungewollt in einer Zeit erscheint, in der die Welt mit ganz ähnlichen Problemen kämpft. Wobei dem inzwischen 47-jährigen Musiker aus Omaha, Nebraska, der sonst Bands wie den bereits genannten Cursive oder The Good Life vorsteht, die Erkenntnis dämmert: Heute ist zwar irgendwie doof, aber früher war auch scheiße. Midlife Crisis deluxe quasi, wie es der Titel bereits andeutet, aber immerhin stellt das Cover ein geruhsames Lebensabendidyll unter südlicher Sonne in Aussicht. Oder doch eher in der „Klinik unter Palmen„? Möglich, aber auch egal – erstmal müssen wir uns ja mit der lästigen Realität herumschlagen…

Und die sieht 2022 nicht viel rosiger aus als zu Zeiten von „The Game Of Monogamy“, wenn Kasher in „I Don’t Think About You“ zu reduzierten Klängen mit folkiger Note und Zweitstimme von Cursive-Kollegin Megan Siebe die Mängelliste jahrelangen Zusammenlebens überschlägt: ungelenke Zweisamkeit im Bad, während sie unter der Dusche steht und er auf dem Klodeckel sitzt, lächerlich großes Doppelbett auf Wunsch einer einzelnen Dame, im Streit zerdepperte Hochzeitsgeschenke als brüchiges Unterpfand einer allmählich Risse zeigenden Ehe. Es ist dem Mann mit kredibler „Saddle Creek„-Vergangenheit hoch anzurechnen, dass er – ganz ähnlich wie anno 2004 auf dem großartigen The Good Life-Meisterwerk „Album Of The Year“ – eine so trübe Bestandsaufnahme in ein flockig-trostreiches Stück Americana-Folk einwickelt und mit dem deprimierenden Lebenslauf aus „You Don’t Gotta Beat Yourself Up About It“ genauso verfährt: „We complete education / Then snag a vocation / And then maybe a retirement party / Life’s work and then you die.“ Arbeit tadelt, Songs wie diese keineswegs.

Dennoch: Hätte Kasher das ursprünglich geplante Akustik-Album konsequent in die Tat umgesetzt, wäre aus „Middling Age“ auf Dauer wohlmöglich eine arg spröde, vielleicht sogar fade 40-Minuten-Angelegenheit geworden – und den Dämonen von Kindheit und Jugend, die er hier zuweilen exorziert, nicht gerade angemessen. Wir erinnern uns: Früher war auch scheiße. Zum Beispiel wegen des Serienmörders John Joubert, der in den Achtzigern drei Zeitungsjungen umbrachte und dem damals infantilen Tim solche Angst einjagte, dass er im Traum eine nach dem Killer benannte Band gründete. Entsprechend erinnert „The John Jouberts“ an dessen Opfer und knatscht und rumort ansatzweise im Stil psychotischer Meisterwerke wie Cursives „The Ugly Organ“ oder The Paper Chases „Now You Are One Of Us“ – freilich, ohne vollends deren jeweilige Klasse zu erreichen. Einige tolle Momente hat Kasher, der in diesem Interview mi „SPIN“ mehr zu „Middling Age“ und auf seine bisherige Indie-Karriere zurückblickt, bei seinem neusten Alleingang natürlich trotzdem noch auf der Pfanne.

Etwa das von einem Cello, mystischer Atmosphäre und beklemmenden Singer/Songwriter-Soundscapes ausgestattete „Whisper Your Death Wish“, eine herrlich bedrückende, im Abgang sogar jazzige Episode, das vorwitzige, pointierte „100 Ways To Paint A Bowl Of Limes“ oder den nervösen, an Bläser-Plärren und sägendem Cello geschärften Uptempo-Shuffle „On My Knees“, welcher dem Begriff Gottesfurcht ganz neue Seiten abringt: „Not scared of hell / Went to Catholic school / I found Jesus / To be a terrifying presence in my life.“ Und wenn Kasher, der auf „Middling Age“ einmal mehr seine Fähigkeit, komplexe Themen mit Einfühlungsvermögen, Menschlichkeit sowie Witz zu erforschen (und sich dabei nie übermäßig bierernst nimmt), unter Beweis stellt, schon zu Lebzeiten so lichterloh brennt wie hier oder in der hektischen Selbstoptimierungsparodie „Life Coach“, scheint er nur allzu gut gerüstet für die Kehrwoche im Fegefeuer. Oder eben für die Zukunft als liebenswerter Zombie im wunderbar ausladenden Abschluss „Forever Of The Living Dead“. Against Me!-Frontfrau Laura Jane Grace leidet als zweite Stimme mit, Jeff Rosenstock pflastert den Weg zur Hölle mit einem schmierigen Saxofonen, im Intro und Outro des Albums bringt sich Tim Kashers neunjährige Nichte Natalie Tetro schon mal als Songwriterin der nächsten Generation in Stellung. Für uns mittelalte Säcke bleibt nur der Nachtfrost auf dem Friedhof. Rosige Aussichten, oder? Na denn: ein Prosit auf alles Endzeitliche!

Rock and Roll.

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Song des Tages: Veronica Swift – „Sing“


Bereits im zarten Alter von neun Jahren nahm die in ein musikalisches Elternhaus hineingeborene Sängerin Veronica Swift das Album „Veronica’s House Of Jazz“ auf. Es folgten im Laufe der Jahre ein paar weitere vielversprechende Platten (zuletzt 2019 „Confessions„), später trat sie zudem mit Weichspülern wie dem Jazz-Trompeter Chris Botti oder Traditionalisten wie dem Pianisten Benny Green auf. Wer hört, wie sie gemeinsam mit Wynton Marsalis ein minutenlanges Live-Scat-Solo über „Cherokee“ hinlegt, für den scheint die Sache klar: Die 1994 geborene New Yorker Sängerin gehört zu jener Kategorie von Wunderkindern, die zwar technisch virtuos, aber sonst eher unoriginell tönen. You may call it „Hintergrundberieselung“…

Nun, von diesem möglicherweise etwas vorschnell gefällten Vorurteil kann man sich spätestens mit ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Album „This Bitter Earth“ getrost verabschieden. Sicher: Auch dort singt Swift gewohnt intonationssicher und solistisch versiert einiges an Standard- und Mainstreamware, wie etwa George Gershwins „The Man I Love“ oder ein schmissig-flottes „Youʼre The Dangerous Type”, bei dem sich eine ganze Heerschar anderer Vokalistinnen wohl die Zunge verknoten würde. 

Doch nicht nur wie sie singt, sondern vor allem was sie singt, überzeugt. Denn die 27-jährige US-Jazz- und Bebop-Musikerin zeigt bei der Stückauswahl großes Geschick und löst ein, was das von Dinah Washington entliehene Titelstück verspricht: Hier stellt sich jemand sehr erwachsen und frei von großen Illusionen den Widrigkeiten der Gegenwart, erstellt einen dreizehnteiligen Liederzyklus, der sich mit Sexismus, häuslicher Gewalt, Umweltproblemen, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder den Gefahren von Fake News befasst und somit Merkmale von wegweisenden Klassikern wie Marvin Gayes „What’s Going On“, Kate Bushs „Hounds Of Love“ oder Mary J. Bliges „My Life“ aufnimmt. Und auch wenn bei den zum Großteil bereits 2019 – und somit bevor die Coronavirus-Pandemie die Welt fast völlig zum Stillstand brachte – aufgenommenen Songs gelegentlich Streicher watteweiche Teppiche auslegen und die musikalische Begleitung von einem blitzsauber swingenden Piano-Trio unter der Leitung Emmet Cohens kommt, so fehlt von dem unschuldig-nostalgischen Eskapismus der Vorgänger-Jazzgesangsgeneration um Jane Monheit und anderen doch jede Spur.

„Ich habe seit Jahren darauf gewartet, dieses Album zu machen und wollte, dass es zwei verschiedene Ansätze hat. Ich habe mit der Stellung der Frau in der heutigen Gesellschaft begonnen und wie sie sich verändert. In der zweiten Hälfte wollte ich andere Missstände in der Welt ansprechen, sei es Rassismus oder Fake News. Aber ich beziehe keine politische Position. Ich bin mir mit meinem Publikum sehr darüber im Klaren, dass ich als Künstler bestimmte Themen als Außenstehender anspreche, der hineinschaut.“ (Veronica Swift)

Ganz im Gegenteil: Mit an Zynismus grenzender Schärfe interpretiert Swift mithilfe von energischen Scat-Vocals etwa die Rodgers- und Hammerstein-Nummer „Youʼve Got To Be Carefully Taught“ aus dem Jahr 1949 und dem Musical „South Pacific“, die davon handelt, dass man Kinder früh zu Angst und Hass erziehen sollte, damit sie brav die rassistischen oder religiösen Vorurteile ihres Umfeldes übernehmen. Ganz sanft und naiv wiederum intoniert sie zu akustischer Gitarre den durch die Vokalgruppe The Crystals bekannt gewordenen Carole King-Song „He Hit Me (And It Felt Like A Kiss)“, welcher unverblümt von häuslicher Gewalt handelt. Nur von Armand Hirsch auf der akustischen Gitarre begleitet, setzt Swift mit ihrem Gesang einen Kontrast zu dem bombastisch instrumentierten Original und entlarvt den im Titel angedeuteten Sexismus mit sanften Tönen Auch toll: das gleichermaßen großartige wie unbekannte „The Sports Page“ von 1971 aus der Feder des Jazz-Pianisten und Journalisten Dave Frishberg, welches sich nun wie ein genialer Kommentar zur Donald Trump’schen Fake-News-Pest, vielsagend-hohlem Verschwörungsgeschwurbel und der US-Wahl 2020 anhört. Andere Stücke stammen aus Musicals wie „Bye Bye Birdie“ (1960), „The King And I“ (1951) oder „The Jungle Book“ (1967) – alle möglicherweise durchaus betagt im Alter, jedoch dennoch auch im 21. Jahrhundert mit deutlichem Zeitgeist-Wert. Wenn Swift nach allerlei hervorragendem Changieren zwischen Jazz, R&B, Rock und einer Prise Blues den krönenden Abschluss „Sing“ (im Original vom US-Punkrock-Cabaret-Duo The Dresden Dolls) mitsamt angejazzrockter E-Gitarre als fragilen Aufruf zur Versöhnung mit dem eigentlich Unversöhnlichen intoniert, wird klar: Die USA haben neben Cécile McLorin Salvant nun eine weitere kraftvolle Jazz-Stimme mit einem brillanten Gespür für Subtexte. Ein superbes Konzeptalbum, zu gleichen Teilen beeindruckend, brillant, virtuos, sentimental, verführerisch, voller Emotionen und schlussendlich hochgradig überzeugend. You may not call it „Hintergrundberieselung“.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Caracara – New Preoccupations (2022)

-erschienen bei Memory Music-

Gegen Ende des Jahres 2019 befanden sich William „Will“ Lindsay und seine drei Bandkollegen von Caracara in den letzten Zügen einer Tournee, bei der sie vor einigen der größten Menschenmengen spielten, seit sie die aufstrebende Emo-Rockband aus Philadelphia 2016 gegründet hatten – im Grunde ein Traum, im Grunde das, auf was Lindsay seit seiner Zeit in Highschool-Punkbands hingearbeitet hatte. Dennoch fühlte es sich vor allem für ihn eher wie ein gelebter Albtraum an.

„Ich war mit meinen besten Freunden auf Tour, spielte Musik, die mir wirklich am Herzen liegt, vor dem größten Publikum, das wir je hatten, in Städten, von denen ich nie gedacht hätte, dass es für mich einen Grund geben würde, dorthin zu kommen“, meint Lindsay rückblickend. „Und ich war unglücklich. Ich dachte: ‚Ich hasse das. Ich will nicht hier sein. Die Musik ist mir egal. Ich fühle nichts.'“

Diese Gefühle ergaben für den Frontmann zunächst keinen Sinn. Sie stimmten nicht mit dem überein, was er über sich selbst wusste und was er in seinem Leben wollte. Und doch waren die Gefühle echt, und sie dienten als Weckruf: Will Lindsay musste mit dem Trinken aufhören.

„Ich hatte eine Zeit lang viel über mein Trinkverhalten nachgedacht. Ich habe mir dieselben Ausreden zurechtgelegt wie viele Menschen, die sich in der Endphase einer Beziehung zu einer Substanz befinden“, so Lindsay, dem Ende 2019 schließlich die Ausreden ausgingen und der sich eingestand: „Wenn ich das nicht in den Griff bekomme, verliere ich das Reisen. Ich werde nicht mehr in einer Band mit meinen besten Freunden spielen können. Und das war für mich einfach unverzeihlich.“

Dennoch entschied sich der Sänger und Gitarrist nicht sofort für den kalten Schritt in die Nüchternheit, schließlich hätte die Abkehr vom Alkohol Auswirkungen auf ziemlich alle Bereiche seines Lebens gehabt. Mit einer Band auf Tournee zu gehen, verleitet zum Trinken, gleiches gilt auch für Lindsays verschiedene Broterwerbsjobs in der Dienstleistungsbranche.

„Die meisten Menschen scheinen eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort zu haben, an denen sie trinken, aber bei mir hatte sich der Alkohol in jeden Aspekt meines Lebens eingeschlichen. Alles, was ich tat, beinhaltete das Trinken als parallele Aktivität“, gibt er zu. „Alkohol ist ein fester Bestandteil der Kultur, ist so tief in unser Leben eingebettet. Wenn man die Beförderung nicht bekommt, trinkt man etwas, um sich besser zu fühlen. Und wenn man dann befördert wird, trinkt man, um zu feiern. Ich bin Teil einer Generation, in der die Fähigkeit, ausgiebig zu feiern, fast wie ein Statusmerkmal darstellt. Wer am Ende der Nacht das meiste Gift zu sich nehmen konnte, gilt als Held, und obwohl man intellektuell in der Lage sein mag zu begreifen, wie falsch diese Denkweise sein mag, ist es immer noch so einfach, emotional darin verwickelt zu sein.“

Aber Lindsays Identitätskrise, die durch die Tour ausgelöst wurde, erwies sich für ihn als so etwas wie der letzte Strohhalm. Am 5. Januar 2020 hörte er schließlich komplett mit dem Trinken auf. Die Entscheidung kam zu einem Zeitpunkt, als Caracara (welche ANEWFRIEND bereits 2019 „auf dem Radar“ hatte) gerade in Begriff waren, den Nachfolger des 2017er Debütalbums „Summer Megalith“ und der 2019 veröffentlichten EP „Better“ in Angriff zu nehmen. Lindsay und seine Bandkollegen – Carlos Pacheco-Perez (Keyboards), George Legatos (Bass) und Sean Gill (Schlagzeug) – planten, das neue Album aufzunehmen und dann den größten Teil des Jahres 2020 wieder auf Tour zu gehen. Doch wie so ziemliche alle ihrer Kolleg*innen zwang die Pandemie auch Caracara zu einer ebenso unerwarteten wie langen Pause – was wiederum die Richtung des hervorragenden neuen Albums „New Preoccupations“ änderte.

Während eine Handvoll Songs auf „New Preoccupations“ bereits vor Lindsays Schritt zur Nüchternheit existierten, begann er einige von ihnen, wie etwa „Strange Interactions In The Night“, plötzlich mit anderen Augen zu sehen. In dem hymnischen Stück beschreibt Lindsay, wie er „auf dem Rücken des Teufels wandelt… zwischen dem Runterkommen und dem Rausch“, singt davon, dass er versucht, „das Feuer herunter zu trinken“ und „das Chaos zu betäuben“. Und in der vielleicht aufschlussreichsten Zeile gibt Lindsay offen zu, dass „es eine Version von mir gibt, die ich nicht wiedererkenne“.

„Wenn ich auf den Song zurückblicke, denke ich: ‚Wow, das ist alles hier!‘ Ich habe versucht, mir begreiflich zu machen, dass ich aufhören sollte, lange bevor ich aufgehört habe“, so Lindsay. „Ich bin die letzte Handvoll Songs aus dieser Perspektive und mit dieser Geschichte im Kopf angegangen: Das ist die Geschichte, die ich unbewusst erzählt habe. Wie kann ich das alles zusammenbringen? Was sind die Zutaten, die wir noch brauchen, um eine zusammenhängende Erzählung zu schaffen?“

Obwohl einige der Texte auf „New Preoccupations“ zu den dunkelsten und persönlichsten gehören, die Lindsay bisher geschrieben hat, ist das Album an sich weder als reines Konzeotwerk zu verstehen noch alles andere als grunddüster. Zum einen bleiben Caracara auch auf ihrem zweiten Langspieler jene Art von Band, die in ihren Refrains zum Mitsingen animiert, auch wenn sich ihre Schulterschluss-Zeilen auf dem Papier eher wie bittere Halbdunkelbeichten lesen. Zum anderen wollte Lindsay auf der Platte Klischees von allzu typischen Genesungsgeschichten vermeiden. Sicher, der Alkohol hat ihn in einige dunkle Täler geführt, aber es gab auch genug gute Zeiten, und diese nuancierte Dualität zu umarmen war für ihn der Schlüssel zu einem emotional ehrlichen Kunstwerk.

„Ich liebe Alkohol. Ich liebe das Trinken. Und ich bin dem Alkohol so dankbar dafür, dass er für mich in vielen Situationen eine soziale Stütze war, die es mir ermöglichte, Erfahrungen zu machen, wie zum Beispiel eine wilde Nacht an einem weit entfernten Ort. Ich konnte ein aufregenderer, abenteuerlustigerer Mensch sein. Einige dieser Erfahrungen waren die schönsten Erlebnisse meines Lebens, an die ich immer wieder zurückdenke. Auch wenn es an einem dunklen Ort endete und ich aufhören musste, gibt es immer noch diese schönen, vorbildlichen Momente“, so Lindsay im Rückblick über die ambivalente Wirkung von Alkohol. „Ich möchte auch die wohlverdiente Liebe der Menschen zum Alkohol anerkennen. Ich möchte sagen: ‚Ja, er ist fantastisch.‘ Ich erinnere mich daran, wie toll es ist, und wir dürfen diese Momente durchaus wertschätzen. Sie sind nicht weniger wertvoll, nur weil über ihnen ein trunkener Schleier liegt. All das kann wahr sein – aber man sollte auch aufhören können.“

Lindsay räumt zudem einige Glücksfälle in all dem ein, denn sein persönlicher Tiefpunkt hätte ebensogut auch viel schlimmer ausfallen können. „Wäre das Ende meiner Beziehung zum Alkohol auf eine andere Art und Weise eingetreten, etwa durch einen Krankenhausaufenthalt oder eine Verhaftung, hätte ich vielleicht eine ganz andere Perspektive darauf“, sagt er und fügte hinzu, dass der Zeitpunkt seiner Nüchternheit ihn unbewusst darauf vorbereitet hat, die COVID-Ära zu überstehen. „Als die Pandemie ausbrach, befand ich mich in der Flitterwochenphase. Ich spürte die massive Rückkehr von Dopamin in meinen Körper. Ich hatte die ganze Last der depressiven Seite der Gleichung abgenommen, und ich erlebte die körperlichen Vorteile, wenn man aus der Entzugsphase herauskommt und sich die Chemie wieder einstellt. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es gewesen wäre, wenn ich meinen Alkoholkonsum nicht in den Griff bekommen hätte und die Welt dann stehen geblieben wäre. Ich bin mir sicher, dass ich noch tiefer in den Narzissmus und den Selbsthass hineingerutscht wäre. Es wäre wohlmöglich ein sehr schneller Abstieg gewesen…“

Das „Timing“ der Pandemie ermöglichte es Caracara zudem, langsamer und gezielter an neuen Songs zu schreiben, bevor sie im Mai 2020 gemeinsam mit Produzent Will Yip, der 2019 bereits das Debüt einem Remaster unterzogen hatte, in Philadelphia für etwa einen Monat ins Studio gingen – vorbildlicherweise erst, nachdem man sich vor den Aufnahmen zwei Wochen lang in Quarantäne begeben hatte. Dennoch ist „New Preoccupations“ kein einsiedlerisches Werk geworden – ganz im Gegenteil: Das Album ist voller spezifischer Referenzen, die den Songs ein Gefühl für den jeweiligen Ort geben, von Charleston, South Carolina, bis Belfast in Nordirland. In „Colorglut“ etwa hört Lindsay Songs der Dirty Projectors in einem Volvo auf einem Freeway irgendwo im nirgendwo in Maryland, in „Ohio“ beschreibt er jemanden, der den Kopf aus einem Autofenster im Lincoln Tunnel steckt.

Die Anspielung auf „Ohio“ bezieht sich allerdings eher auf die Stimmung des Songs als auf den Text. Der fast sechsminütige Song war zunächst ein reines Instrumentalstück, bei welchem die Band eine reichhaltige, dynamische Klangpalette für Lindsays zukünftige Texte schuf. „Ich wollte, dass der Song an einem kalten, blauen, aber auch hellen Ort beginnt und dann in eine wärmere, rosafarbene, vielleicht allzu nostalgische Version der Vergangenheit übergeht. Und wenn ich nostalgisch werden will, ist der erste Ort, an den ich mich begebe, der Vordersitz meines Honda CRV, wenn ich in den Hocking Hills herumfahre“, erzählt Lindsay, der davon singt, „auf kaputten Straßen zu fahren und die Haut abzustreifen“. „Es ist ein Song über die Komplexität des Wegziehens von dem Ort, an dem man aufgewachsen ist – und über die gemischten Gefühle darüber, wo man gelandet ist, wo man herkommt und wie es sich im Laufe der Zeit verändert hat. Ich meine, ‚Ohio‘ ist in vielerlei Hinsicht gewachsen, hat sich in anderer Hinsicht jedoch auch zurückgezogen.“

Vor allem im Vergleich mit dem nunmehr fünf Jahre zurückliegenden Debütwerk schaffen es Caracara auf „New Preoccupations“, ihren ohnehin bereits einnehmenden, beständig zwischen Indie Rock, Post Rock und Post Hardcore pendelnden Bandsound noch weiter zu verfeinern – ein Kraftakt, an dem wohlmöglich auch Will Yip einen entsprechenden Anteil haben dürfte, der in Szene-Kreisen schon länger als „Rick Rubin des Post Hardcore“ gilt und sich in der Vergangenheit fürs Klangliche nicht weniger großartiger Platten von Bands von La Dispute über Title Fight bis hin zu Pianos Become The Teeth verantwortlich zeichnete. Unter seinen Fittichen gelingt Caracara eine in jedem Moment besonders tönende Melange aus den seligen Tagen des Neunziger-Emo-Rocks, Post-Grunge-Versatzstücken und weihevollem Heartland Rock, die andererseits jedoch kaum tiefer im Hier und Jetzt verwurzelt sein könnte. Aus Indie Rock, der derb zupacken kann und den Hörer mitten hinein zieht, sich aber auch Ruhepause gönnt und immer wieder mächtig Bock auf Neues beweist.

„New Preoccupations“ endet schließlich mit „Monoculture“, einem Stück mit gewaltigen Gitarren, stampfenden Drums, einen großartig crescendierenden Streichersatz und einem kathartischen Schrei. „I’m finally free to let go“, singt Lindsay und wiederholt die Zeile, bis seine Stimme vor lauter Trauer über das Verlorene, vor Dankbarkeit über das Gewonnene und vor Freude über das Kommende beinahe zu zerbrechen droht. Eine Offenbarung, ein Klagelied – und der Abschluss von einem der wohlmöglich besten Werke des Musikjahres. Eines, das sich in Einzelstücken in keine trendige Spofity-Playlist zwängen lassen mag, sondern deine Aufmerksamkeit einfordert, um sich zu entfalten.

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Proper. – „The Great American Novel“


Foto: Promo / Milla Belanich

Schwarz und queer in einer überwiegend cis-männlichen, heterosexuellen Szene zu sein, ist – gelinde gesagt – auch im Jahr 2022 alles andere als einfach. Proper. (von denen bereits 2019 auf ANEWFRIEND die Schreibe war) machen trotz alledem das Beste aus den gegebenen Umständen und packen ihre Erfahrungen in kleine, große Songperlen zwischen Sturm, Drang und Sinnsuche. Setzte sich der Album-Vorgänger „I Spent The Winter Writing Songs About Getting Better“ vor knapp drei Jahren noch mit dem Ausbruch aus der Erwartungskulisse des eigenen Umfelds auseinander, will das Trio aus Brooklyn, New York nun gleich ein komplettes Buch vertonen. Jeder Song auf „The Great American Novel“, das seinen Titel einem im US-amerikanischen Literaturdiskurs häufig verwendeten Schlagwort entlehnt, welches das Ideal eines Romans bezeichnet, der exemplarisch das Wesen der USA abbilden soll, also den „besten amerikanischen Roman“, der je geschrieben wurde (oder geschrieben werden kann), versteht sich als Kapitel eines Twentysomething-Protagonisten, der in den 2010er Jahren aufwächst und sich mit der missbräulichen Beziehung seiner Herkunft und seiner Identität auseinandersetzt.

Sänger und Gitarrist Erik Garlington nennt seinen Hauptdarsteller einen queeren, schwarzen Holden Caulfield, der seine Zwanziger er- und durchlebt. Die Texte, welche er für den neusten Langspieler seiner Band verfasst hat, tun weh, sind in ihrem introvertierten Tagebuch-Charakter herzzerreißend ehrlich und gehören doch – oder gerade deshalb – allesamt mit Farbe an die Wände oder mit Edding auf Unterarme. „There’s nothing I’d love less than to work myself to death“, mosert Garlington in „Shuck & Jive“. Kennen wir alle? Kennen wir alle. Im Fokus stehen soll aber das Aufwachsen als nicht weißer, nicht heterosexueller junger Mensch im Bible Belt, dem evangelikalen Süden der Vereinigten Staaten, das Proper. hier zum Konzept auserkoren haben. „My parents wonder why I won’t have children“ – man will Garlington nicht nur hier in den Arm nehmen. Er und seine Mitmusiker Elijah ‚Eli‘ Watson (Schlagzeug) und Natasha Johnson (Bass) verstehen sich als Sprachrohr der Betroffenen und wollen mindestens in ihrer musikalischen Nische für Awareness und gegen Othering und Rassismus eintreten. Politischer und konkreter auf eine spezielle Problematik zugeschnitten war emorockig Tönendes in letzter Zeit selten. Und auch in Sachen Melodie und Dringlichkeit kämpfen sich Proper. mit den neuen Stücken an die Spitze ihrer Szene.

Der angedeutete Stream of Consciousness von „In The Van Somewhere Outside Of Birmingham“ schielt lethargisch kurz in Richtung Sorority Noise, zerbricht dann aber auch in einem angefressen-wütenden Finale. Die leeren Seiten des Schwulendaseins mit tausend Grindr-Sexdates, aber wenig echtem menschlichen Kontakt thematisiert „The Routine“, während es in „Red, White, & Blue“ darum geht, was es heißt, „Amerikaner zu sein“, wie kompliziert und verletzend diese Beziehung ist, und wieso man von dieser eigentlich nie so ganz loskommen kann. Im brillanten „Huerta“ wiederum setzt Garlington sich mit seiner Familienbiographie und deren multikulturellem Erbe auseinander: „I could have been a farmer in the grasslands“, auch wenn das Spanisch des US-Musikers mit mexikanischen Wurzeln ausbaufähig ist – Hauptsache, irgendetwas sein außer nur „another dull American“. Dazu serviert die Band einiges an Stop’n’Go sowie schroffe Einschläge und bratende Gitarrenwände neben Stakkato-Riffing. „McConnell“ mixt gar Sprechgesang, progressive Gesangslinien und eine Idee von Black Metal zu einer im Grunde ziemlich abgedrehten Melange. „How does it even feel to know that people would cheer if you go?“ – Proper. lassen absolut nichts anbrennen, vor allem nicht, sobald sägende Bläser und weibliche Gaststimme ein wunderschönes Stück wie „Milk & Honey“ veredeln. Hier sind Könner am Werk, die ihr tragisches, bitteres Meisterwerk vorlegen, welches in seinen besten Momenten Scharfkantiges, Furioses, fast schon Schäumendes neben Augenblicke der unvermittelten Ruhe stellt. Allein wie sich „Americana“ aufbäumt und von der zarten, fast schon folkigen Idee zum drastischen Manifest mit Nachdruck, mit Biss, mit ungeschönten Worten und der Hoffnung auf ein besseres Morgen, das sich letztlich doch zu verbergen weiß, erwächst, geht unter die Haut. Aber: Ja, selbst inmitten dieser Hölle gibt es eben immer noch einen Funken Hoffnung: „My body might actually belong to me, and not some palm oil monopoly.“

Braucht’s bei alledem noch Referenzen? Nun, mehr denn je drängen sich bei „The Great American Novel“ so einige Vergleiche zu den Besten des emotional aufgeladenen Indie’n’Alternative Rocks der Nuller-Jahre auf: gleich am Album-Anfang etwa zu den Brand New der seligen „Deja Entendu“-Tage, etwas später zu Tim Kashers wütend polternder Kapelle Cursive oder den wilden Stilritt-Eskapaden von Foxing, ansonsten auch zu Conor Oberst beziehungsweise den Desaparecidos im Stile des Vortrags, des Stilbruchs und der Konsequenz dahinter. Dabei sollte jedoch keinesfalls unter den tönenden Tisch fallen, dass Proper. ein eigenes, gekonnt von Stil zu Stil hüpfendes Biest sind, dass Garlington ein grandioser Geschichtenerzähler ist, dass die ganze Band hier verdammt eindrucksvoll abliefert. „The Great American Novel“ hört sich tatsächlich wie ein großes Buch. Gerne lässt man sich fallen, wachrütteln, weint sich in den Schlaf, will rebellieren, kämpft mit Resignation und hofft auf die große, majestätische Auflösung. Allein der Bandname wird ironisch gebrochen, liest man Proper. als „angemessen“ – den Erwartungshaltungen entsprechend – oder gar „angepasst“. Erik Garlington und seine Bandmates jedoch sezieren ihr Land mit dem Fleischermesser und setzen sich an die Speerspitze einer kulturellen Revolution, die nichts Gutes an alteingesessenem, gottesfürchtigem und kanonenschwingendem Amerikanersein findet. Nicht nur auf die Südstaaten begrenzt, stehen Proper. damit im Sinne, Worte zu ihren Waffen zu machen, tatsächlich in der Tradition der großen Schriftsteller, die sie sich zum Vorbild genommen haben. „I’m the God of silent rage, I bite my tongue and cut my breath“: William Faulkner, Truman Capote, John Steinbeck, J. D. Salinger – und jetzt auch Proper.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Pillow Queens


Obwohl sich die Stadt weitaus weniger im Fokus befindet als Metropolen wie London, New York oder Berlin, darf man bei genauerem Hinschauen unumwunden feststellen: Auch in der Kulturszene von Dublin tut sich einiges. So bilden etwa Straßenkünstler*innen, Modedesigner*innen, Musiker*innen und Filmemacher*innen in der irischen Hauptstadt eine Szene, die sich offen für Queerness und Randgruppen einsetzt, sich mit jungen Menschen auseinandersetzt und sie aktiviert, um auf die anhaltende Mental-Health- und Wohnungskrise der Stadt zu reagieren und sozialen Ungerechtigkeiten den Kampf anzusagen. Wer wissen möchte, wie all das vertont klingen mag, der sollen den Pillow Queens (s)ein Ohr leihen, die just heute ihr zweites Album „Leave The Light On“ veröffentlichen.

Dabei ist „das Licht an zu lassen“ nicht gerade eine Aktion, die man mit dem 2020 erschienenen Pillow Queens-Debüt-Langspieler „In Waiting“ in Verbindung gebracht hätte. Lieber wollte man diesen im abgedunkelten Kellerclub genießen, sich zwischen schwitzenden Körpern gen Bühne kämpfen, um gemeinsam mit dem irischen All-Female-Quartett die dringlichen Texte by heart mitzugrölen. Nicht ohne Grund avancierte der Erstling der Irinnen vor zwei Jahren zum Kritikerliebling und hatte mit „Gay Girls“ eine der Queer-Hymnen des Musikjahres in petto. Und obwohl die Pillow Queens für die Nachfolger-Platte erneut mit Produzent Tommy McLaughlin gearbeitet haben, ist dieses Mal einiges anders. Und – man mag es kaum glauben – sogar noch besser.

Wobei – alles ist nicht unbedingt anders. Was geblieben ist, sind die queerfeministischen Thematiken, die sich auf recht unterschiedliche Weise in den Songs wiederfinden. So gibt „Well Kept Wife“ einen Kommentar zum gesellschaftlichen Druck auf Frauen im Haushalt ab: „Tell me the house got dirty / Tell me the warmth escaped / Tell me the dinner’s not ready / I know the bed’s not made„. „No Good Woman“ widmet sich derweil der Business-Welt: „All of these men you’ve been working for, all of them treat you so well / They wine and they dine on your back so much / That they step on your neck as well“. Doch nicht nur nach außen, sondern auch ins Innere blickt die LGBTIQ-Band, denn auf der anderen Seite beschäftigen sich einige Stücke (wie etwa „Be By Your Side“) mit der mehr oder weniger gesunden Sehnsucht nach einem Gegenüber. Anderswo, in „Hearts & Minds“, widmet sich die Band dem Imposter-Syndrom, einem psychologischen Phänomen, unter dem vor allem Frauen leiden und bei welchem Selbstzweifel so stark sind, dass man die eigenen Fähigkeiten sowie Leistungen anhaltend unterschätzt und für geringfügig erachtet – die Angst, durch seine vermeintliche Unfähigkeit und die deshalb für sich verbuchte Hochstapelei aufzufliegen, ist für Betroffene allgegenwärtig. So weit, so gewohnt? Nun, vor allem die Art der Darbietung unterscheidet sich immens von bisherigen Pillow Queens’schen Releases…

Denn obwohl sowohl die ersten, seit 2016 veröffentlichten EPs als auch das von queren Themen durchzogene Debütalbum nicht wenig Zündstoff bereithielten (gerade für eine katholische Gesellschaft wie die irische), durfte man dennoch nicht unbedingt erwarten, dass sich Pamela „Pam“ Connolly, Sarah Corcoran, Rachel Lyons und Cathy McGuiness dieses Mal mit so vielen emotionalen Sujets beschäftigen würden. Wohl auch deshalb ist der Einfluss dieser – zumindest teilweisen – thematischen Abkehr auf den Sound unverkennbar: Statt prägnanter Gitarrenriffs und strammem Indie Rock bestechen Pillow Queens nun mit einem durchaus imposanten, komplexen Sound. So tönt „Hearts & Minds“ erhaben-folkloresk, während „Delivered“ mit repitititven Gitarren einen leeren Äther konstruiert, in dem sich die Stimmen der Musikerinnen verästeln. „Historian“ besticht in den Strophen durch eine Julien-Baker-meets-Dream-Pop-Version, nur um im Refrain plötzlich ein sengendes Riff in den Pott zu werfen. Überhaupt nehmen sich die zehn neuen Songs jedoch vor allem viel Zeit, neigen zum gepflegtem Storytelling und gönnen sich dafür auch die ein oder andere Leerstelle. Das kann mal reduziert klingen wie in „The Wedding Band“, mal hingegen nach warmer, in Breitbild-Format getauchter Harmonie wie in „My Body Moves“.

Was die vier Pillow Queens mit „Leave The Light On“ jedoch fraglos geschafft haben: Ihren eigenen Indie-Rock-Sound ins richtige Licht zu rücken, damit alle noch so kleinen Spielereien noch besser als zuvor zur Geltung kommen. So tönen die neuen Stücke zugleich voluminös und intim, sind getrieben von einer gelebten Überzeugung, die nicht selten auch mehrstimmig erklingen darf. Weiterentwicklung? Gelungen!

Rock and Roll.

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