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Song des Tages #2: Garbage – „No Horses“


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Okay, mal ehrlich: Wer von euch hat Garbage vermisst, etwa in der etwas längeren Veröffentlichungspause zwischen den Alben „Bleed Like Me“ (2005 erschienen) und „Not Your Kind Of People“ (von 2012)? Geschweige denn, überhaupt mitbekommen, dass die Alternative-Rocker aus dem US-amerikanischen Madison, Wisconsin wirklich mal für ein paar Jahre nicht gemeinsam auf irgendwelchen Konzertbühnen gestanden haben? Eben.

Und obwohl Shirley Manson und ihre drei „Jungs“ (darunter auch „Nevermind“-Produzent Butch Vig, der sich bei Garbage ganz galant hinterm Schlagzeug aufhält) ihre erfolgreichen Heydays in den seligen Neunzigern und mit Indie-Hits wie „Only Happy When It Rains“, „Milk“, „Push It“, „I Think I’m Paranoid“, „The Trick Is To Keep Breathing“ oder dem Bond-Song „The World Is Not Enough“ (zum Film gleichen Titels) hatten, ist es doch schön, auch heute noch ab und an von der seit 1993 bestehenden Band zu hören, etwa mit dem im vergangenen Jahr erschienenen sechsten Album „Strange Little Birds„.

51sPQ2Y7vLL._SS500Dass Garbage nicht knietief im Neunziger-Revival-Zeitgeist versackt sind, sondern durchaus zeitgemäß klingen können, beweisen die Vier etwa mit der neusten Single „No Horses“: Frontfrau Shirley Manson, die auch mit ihren 50 Lenzen noch beachtlich zeitlos-toughe Traumfrau-Qualitäten vorzuweisen hat, tritt im Musikvideo mit roter Mähne im Rotkäppchen-Look in Erscheinung und wäscht ihren Bandmates in Anlehnung an den Sohn Gottes die Füße, bevor Video-Regissuer Scott Stuckey diese Szenerie von fast schon anmutiger Unschuld mit Bildern realer Protestmärsche (etwa dem des „Women’s March“)  sowie etlicher Aufstände und Gewaltszenarien konterkariert: “There will be no cops / just men with guns…” Apocalypse now.

 

 

„They’ll love you too
They’ll love you too
They’ll love you too
They’ll love you too
They’ll come to you
They’ll come to you
They’ll come to you
They’ll come to you too

They’ll worship you
They’ll worship you
They’ll worship you
They’ll worship you too
They’ll use you too (they’ll use you too)
They’ll lie to you (they’ll lie to you)
They’ll steal from you (they’ll steal from you)
They’ll sell you too (they’ll sell you too)
They’ll turn on you
They’ll come for you
They’ll hurt you too
They’ll get to you too

And there will be no apologies
And no more security
There will be no cops
Just men with guns
In their shiny black uniforms
And their big black boots
With their shiny black batons
And their sleek black cars
With their fingers on the trigger
With their fingers on the trigger
With their fingers on the trigger
And their skeleton keys

And there will be no marches
There will be no impurity
No more TV
And no more cavalcades

And no more horses, no horses
There’ll be no horses, no more motorcades

There’s a sky full of tears
A sky full of tears
There’s a sky full of tears
There’s a sky full of tears
I’ve been awake all night (been awake all night)
And the sun don’t shine (and the sun don’t shine)
And the night’s so long (and the night’s so long)
And the moon is in shock (the moon is in shock)
And all the lovers turn cops
And all the lovers turn cops
Oh all the lovers turn cops
Oh all the lovers turn cops

And no more horses, no horses
There’ll be no horses, no more motorcades
No more horses, no horses
There’ll be no horses, no more motorcades

There’s nothing to grieve
There’s nothing to lose
There’s nothing to hide
There’s nothing to grow
There’s nothing, nothing, nothing, nothing
This is the apocalypse
This is the apocalypse
This is the apocalypse
That killed the horses

Shhhhhhh!“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Johnny Cash – „Wichita Lineman“


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Es gibt tausende von guten Gründen, sich an Johnny Cash zu erinnern.

Einer der besten – und wohl auch häufigsten – ist seine „American Recordings„-Reihe, zu welcher ihn Produzenten-Ikone Rick Rubin ermutigte. Die sechs zwischen 1994 und 2010 erschienenen Alben machten Cash nicht nur wieder salonfähig (denn der Ruf der einstigen Country-Ikone hatte vor allem in den Achtzigern und Neunzigern übel gelitten), er verlieh dem „Man in Black“ sogar die Aura des Alt.Country Elder Statesman, welcher er scheinbar mühelos zustande brachte, Songs wie „Hurt“ (Nine Inch Nails), „Rusty Cage“ (Soundgarden), „The Mercy Seat“ (Nick Cave & The Bad Seeds), „Personal Jesus“ (Depeche Mode) oder „Bridge Over Troubled Water“ (Simon & Garfunkel) eine neue, beinahe schon spirituelle Ebene zu verleihen (tatsächlich war all das jedoch für den damals auch bereits über 60-Jährigen schwere Arbeit, zu der er nur durch Rubins Überzeugungskunst gelange).

Ja, die „American Recordings“-Alben, die Cash bis zu seinem Tod im Jahr 2003 aufnahm, brachten ihn einem jüngeren Publikum nahe. Und das hörte wohl zum ersten Mal auch Songs wie „Wichita Lineman“, 1968 von Jimmy Webb geschrieben und kurz darauf von einem gewissen Glen Campbell aufgenommen, welcher sich über die Jahre selbst zu einer der Galionsfiguren des traditionellen US-Country entwickeln sollte. Und obwohl das Stück im Laufe der Jahrzehnte von so unterschiedlichen Künstlern wie Tom Jones, José Feliciano, Ray Charles, The Troggs, Engelbert Humperdinck, Kool & The Gang, James Taylor, R.E.M., Gomez oder jüngst Villagers (auf dem 2016 erschienenen Album „Where Have You Been All My Life“ im simplen Piano-Arrangement zu hören) gecovert wurde, klang es wohl nur aus Johnny Cashs Mund so echt, so tief, so vertraut, so wehmütig und so nah…

(Verfasst auch im Gedenken an Glen Campbell, welcher am gestrigen 8. August im Alter von 81 Jahren seiner Alzheimer-Erkrankung erlag.)

 

 

„I am a lineman for the county
And I drive the main road
Searchin‘ in the sun for another overload
I hear you singin‘ in the wire
I can hear you through the whine
And the Wichita lineman is still on the line

I know I need a small vacation
But it don’t look like rain
And if it snows that stretch down south won’t ever stand the strain
And I need you more than want you
And I want you for all time
And the Wichita lineman is still on the line

And I need you more than want you
And I want you for all time
And the Wichita lineman is still on the line…“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Antlers – „Kettering“


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Es gibt Konzeptalben, in die ich mich bereits nach dem ersten Hördurchgang schwerst verliebt habe. Spontan fallen mir da „De-Loused In The Comatorium“ von The Mars Volta, „The Devil And God Are Raging Inside Me“ von Brand New oder „Album Of The Year“ von The Good Life ein – von der ersten Sekunde bis zum Schlussakkord perfekt und tief in meine musikalische DNA gewachsen, bis heute. Andere Alben mit konzeptuellem Überbau musste ich mir jedoch hart erarbeiten, einfach weil in ihnen zu viel Geschichte in – vergleichsweise – sehr kurzer Zeit drin steckt. Oder gibt es unter den 7,442 Milliarden Erdbewohnern auch noch irgendjemanden, der Pink Floyds „The Wall“ oder „In The Aeroplane Over The Sea“ von Neutral Milk Hotel beim ersten Mal verstanden hat? Eben. Trotzdem sind auch das großartige Werke, die mich auch noch in Jahren, ja vielleicht Jahrzehnten bewegen werden wie kaum ein zweites…

HospicecoverGanz anders sieht es mit „Hospice„, dem dritten Werk des New Yorker Indierock-Trios The Antlers aus. Und dabei ist es keineswegs so, dass wir zwei – das Album und ich – es nicht oft genug miteinander probiert hätten. Seit der Veröffentlichung im Jahr 2009 (oder meinetwegen irgendwann kurz danach) haben wir uns immer wieder die ein oder andere Chance, den ein oder anderen angesetzten Hördurchgang gegeben. Und auch die vermeintliche Hintergrundgeschichte birgt ordentlich potentiell fesselnde Dramatik: „‚Hospice‘ erzählt die Geschichte einer emotional ausfälligen Beziehung, welche durch die Analogie eines Hospizmitarbeiters (oder Ehemanns – nicht genau geklärt) und einer Patientin namens Sylvia erklärt wird. Sylvia ist an unheilbarem Knochenkrebs erkrankt und wird im real existierenden Memorial Sloan-Kettering Cancer Center behandelt. Durch die weiteren Songs klärt sich, dass sich die beiden schon länger kannten und Sylvia bereits eine Abtreibung hinter sich hat. Am Ende des Albums stirbt Sylvia und der Hospizmitarbeiter bleibt einsam zurück.“ wie Wikipedia weiß. Langeweile sieht wohl anders aus…

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Trotzdem mögen die 52 Albumminuten als Ganzes nie wirklich bei mir zünden, nie – und das trotz der emotionalen Schwere der Storyline – so ganz mein Hörerherz erreichen. Ob es an der Machart der Songs liegt, welche Antlers-Frontmann Peter Silberman zunächst allein und abgeschottet von der quirligen Außenwelt des Big Apple in seiner Brooklyner Wohnung erarbeitete, um sie dann mit seinen Bandkumpanen Darby Cicci und Michael Lerner mit Leben zu füllen? Klar passiert von Song eins bis zehn, vom „Prologue“ bis zum „Epilogue“, eine ganze Menge, während die Band ihre Lo-Fi-Instrumentierung mit Post-Rock-Strukturen und shoegazenden Indiepop-Folk-Momenten anreichert. Nur irgendwie wirkt „Hospice“ als überaus durchdachtes Gesamtkunstwerk auch wie einer dieser Krankenhausflure, in denen sich ein guter Teil der zugrundeliegenden Story abspielt: von all den hell erleuchteten Neonröhren anonym gehalten, steril, kalt und in analoger Qualität lediglich von irgendwo fern her flirrend. Vielleicht mag’s auch an Peter Silbermans durchaus gewöhnungsbedürftigem Gesang und der bewusst auf Lo-Fi getrimmten Indie-Produktion (für die sich die Band selbst verantwortlich zeichnete) liegen – beides nicht my cup o‘ tea.

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Alledem zum Trotz ist „Kettering“, die Quasi-Eröffnungsnummer von „Hospice“, auch heute noch ein feines Stück Musik, welches auch losgelöst vom Album großartig funktioniert und als Einzelnes berührt. Dieser behutsame Pianoeinstieg, zum dem Peter Silberman Zeilen wie „And walking in that room / When you had tubes in your arms / Those singing morphine alarms / Out of tune“ beisteuert, bei denen es einem fast die Kehle zuschnürt (oder sich zumindest ein dicker, dicker Kloß im Hals bildet), während die androgyne Stimme des Sängers fast an Tearjerker-Größen wie Antony Hegarty (der sich nun Anohni nennt), Maximilian Hecker oder Keaton Henson erinnert! Diese dramatische musikalische Steigerung jenseits der Zweieinhalb-Minuten-Marke, auf welche selbst Bands wie Sigur Rós für ein, zwei Tage mit stolzgeschwellter Brust durchs isländische Gebirge laufen würden! Kein Wunder, dass sich der Song über die Jahre zu einem der bekanntesten der Band entwickelt hat und auch immer mal wieder von findigen Serien-Machern aufgegriffen wird. So war „Kettering“ mittlerweile in emotionalen Momenten von Serien wie „Chuck“, „The 100“, „Fear The Walking Dead“ oder in einer der Folgen der ersten Staffel von „Sense8„, der 2015 von den Wachowski-Geschwistern (Sie wissen schon, die beiden, denen „Matrix“ durchs Haupthirn gespukt ist) für Netflix produzierten Sci-Fi-Drama-Serie (in welcher ich auch kürzlich wieder auf das Stück gestoßen bin), zu hören. Und bevor man sich versieht, steht für mindestens viereinhalb Minuten die Welt still…

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„I wish that I had known in
That first minute we met
The unpayable debt
That I owed you‚Cause you’d been abused
By the bone that refused
You and you hired me
To make up for that

And walking in that room
When you had tubes in your arms
Those singing morphine alarms
Out of tune

They had you sleeping and eating and
And I didn’t believe them
When they called you a hurricane thunderclap

When I was checking vitals
I suggested a smile
You didn’t talk for a while
You were freezing

You said you hated my tone
It made you feel so alone
So you told me I had to be leaving

But something kept me standing
By that hospital bed
I should have quit but instead
I took care of you

You made me sleep and uneven
And I didn’t believe them
When they told me that there
Was no saving you…“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: listener – „There’s Money In The Walls“


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listener bringen bald ein neues Album raus – schlappe vier Jahre nach dem letzten – und noch immer großartigen – Werk „Time Is A Machine“ wurde das ja auch langsam mal Zeit…

Mit der neuen Single „There’s Money In The Walls“ wird klar: es werden mehr Harmonien in die beklemmend sprachgewaltige Spoken-Word-Welt von Dan Smith (Worte, Trompete, Bass), Jon Terrey (Gitarre) und Kris Rochelle (Schlagzeug) hineingelassen. Doch ganz gleich, mit wieviel postrock’schen Soundwänden die Songs veredelt werden, die Essenz von listener ist aber dieselbe. Eine Dosis Beklemmung, drei Schippen Gänsehaut. Chefcharismatiker Dan Smith zieht einen mit seiner Präsenz und seinen in breiten Kansas-City-Twang gepackten Wortsalven einfach in den Bann. Zudem wird von Veröffentlichung zu Veröffentlichung die Instrumentierung packender, ausladender und, ja, schöner

„‚There’s Money in the Walls‘ is about Rudolph Diesel, the guy who invented the Diesel engine. Once we got home to finish it [die Grundidee des Songs nach der US-Tour], three months had passed and the idea of how much time Diesel spent away from his family and loved ones for his work really hit home. I think that sort of soaked itself into Dan’s lyrics and we decided we wanted the video to reflect how, in Listener, we always try and take time to make a home for ourselves on the road.“

Das kommende Album soll in vier Teilen, die jeweils als 7″ Vinyl veröffentlicht werden, fragmentiert erscheinen. Den ersten Teil, die „Being Empty : Being Filled, I“ EP, kann man hier erwerben.

 

 

Außerdem befinden sich listener dieser Tage auf Tour in Europa:

07/25 – Roma, Italy @ Le Mura
07/27 – Vienna, Austria @ Rhiz
07/28 – Budapest, Hungary @ Duer Kert
07/29 – Orfu, Hungary @ Poetry Camp
08/01 – Stuttgart, Germany @ JuHa-West (fb-event)
08/02 – Diest, Belgium @ JH Tijl
08/03 – Aachen, Germany @ musikbunker
08/04 – Trier, Germany @ Ex-Haus
08/05 – Karlsruhe, Germany @ New Noise Festival
08/09 – Le Locle, Switzerland @ Open Air
08/11 – Aarhus, Denmark @ The Forest
08/12 – Svendborg, Denmark @ Harders
08/15 – Southampton, UK @ The Joiners
08/16 – Exeter, UK @ Cavern
08/17 – Birmingham, UK @ The Flapper
08/18 – Compton Martin, UK @ ArcTanGent Festival
08/19 – Dublin, Ireland @ Gypsy Rose
08/20 – Belfast, Ireland @ Voodoo
08/21 – Aberdeen, UK @ The Tunnels
08/22 – Glasgow, UK @ Broadcast
08/23 – Derby, UK @ The Hairy Dog
08/24 – London, UK @ Oslo
08/25 – Northampton, UK @ Shambala Festival
08/27 – Baden, Switzerland @ Badenfarht

 

Rock and Roll.

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„Who cares if one more light goes out?“ – Chester Bennington ist tot.


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Foto: gefunden bei Facebook

„In cards and flowers on your window
Your friends all plead for you to stay
Sometimes beginnings aren’t so simple
Sometimes goodbye’s the only way…“

(aus „Shadow Of The Day“ von Linkin Park)

 

Chester Bennington ist tot. Uff. Durchschnaufen.

Eine Nachricht wie diese trifft einen – zumindest als rock-affinen Musikhörer – doch recht unvorbereitet. Wie schon der Tod von Chris Cornell im Mai (diese Hiobsbotschaft traf mich persönlich freilich noch um Einiges heftiger). Und: Klar, nachdem in den letzten Jahren bereits Größen wie David Bowie, Lemmy Kilmister, Scott Weiland, Leonard Cohen oder Prince den Orbit dieser (Musik)Welt verlassen haben, rechnet man von nun an mit so ziemlich jeder Schlagzeile (obwohl hier natürlich nichts herauf beschworen werden soll): „Paul McCartney ist nun bei John und George.“, „Mick Jagger – Herzinfarkt bei Gruppengroupieorgie“, „Keef – Halswirbelbruch beim erneuten besoffenen Palmensturz“. Aber: Chester Bennington? Der Linkin-Park-Fronter? Kann doch wohl nur eine dieser digitalen News-Enten sein? Ein Hoax? Ist es leider nicht.

„Der Sänger der US-Rockband Linkin Park, Chester Bennington, ist im Alter von 41 Jahren gestorben. Möglicherweise handele es sich um einen Suizid, sagte der zuständige Rechtsmediziner Brian Elias am Donnerstag in Los Angeles. Bennington wurde den Angaben zufolge tot in seinem Haus bei Los Angeles gefunden,“ wie die „Welt“ nüchtern über etwas Tragisches, etwas Trauriges berichtet.

Auch der gestrige Tag mag wohl eine gewisse Symbolik haben, schließlich hätte am gestrigen 20. Juli Chris Cornell, mit dem Bennington eine innige Freundschaft verband (so war Bennington etwa der Patenonkel von Cornells Sohn Christopher-Nicholas) und dessen Tod den Linkin-Park-Frontmann tief traf, seinen 53. Geburtstag gefeiert. Perfider Fakt? Nun es gäbe da noch mehr: So gab Bennington auf Chris Cornells Beerdigung eine bewegende Version des Leonard-Cohen-Evergreens „Hallelujah“ zum Besten, ein Song, welcher bekanntlich durch die Variante des 1997 auf tragische Weise ertrunkenen Jeff Buckley zum Welthit wurde. Und: Chester Bennington war für kurze Zeit, zwischen 2013 und 2015 sowie für eine EP und einige Konzerte, Frontmann der Stone Temple Pilots, deren eigentlicher Sänger Scott Weiland im Dezember 2015 das Zeitliche segnete. Gossip? Klar. Tragisch, alles? Sowas von.

Doch was verbindet mich selbst mit Chester Bennington? Nun, zunächst einmal nicht viel. Linkin Park waren, seit ihrem Durchbruch mit dem Debütalbum „Hybrid Theory“ im Jahr 2000, irgendwie eine Band, die immer da war. Für mich selbst waren die sechs Kalifornier mit ihrem NuMetal-Sound zwar nur mäßig interessant (der Musikstil war durch Vorgänger-Bands wie KoRn oder Limp Bizkit schon damals bis zum letzten Endgegner durchgespielt). Ein alter Freund erinnerte mich heute via Facebook an eine Begebenheit bei „Rock im Park“ 2003, als Linkin Park ihren Auftritt absagen mussten und stattdessen Placebo deren Headliner-Platz einnahmen (was uns damals sehr entgegen kam). Trotz alledem muss man neidlos anerkennen, dass Linkin Park zumindest bis zum 2007 erschienenen dritten Album „Minutes To Midnight“ den ein oder anderen feinen Hookline-Song zustande gebracht haben: „Crawling„, „In The End„, „Breaking The Habit„, „Numb„, „What I’ve Done“ – bei der bloßen Nennung des Titels habe ich auch heute noch den Refrain und Chester Bennigtons Stimme im Ohr. Chapeau allein dafür.

Außerdem verliert die Rockwelt mit Chester Bennington (erneut) eine ihrer kräftigsten und charismatischen Stimmen sowie einen – so ist’s zumindest allerorts zu lesen – bodenständigen Typen frei von jeglichen überzogenen Rockstar-Allüren eines Axl Rose, einen, der sich für Fans und soziale Projekte stark machte und auch sonst immer ein offenes Ohr für alle und jeden hatte (jaja, typisches Nachrufs-Blah-Blah – aber lest doch selbst, was Fans zu sagen haben). Von daher: kein schlechtes Wort von mir an dieser Stelle. Verurteilen kann und will ich Benningtons Entscheidung – so einsam und über für seine ihn Liebenden diese auch sein mag – nicht.

 

 

„Should’ve stayed, were there signs, I ignored?
Can I help you, not to hurt, anymore?
We saw brilliance, when the world, was asleep
There are things that we can have, but can’t keep…“

(aus „One More Light“ von Linkin Park)

Ebenfalls via Facebook durfte ich heute eine Diskussion mit einer alten Freundin führen, welche Folgendes – if I may quote? – schrieb: „Kann es sein, dass sich das gesamte Netz in Schockstarre und Trauer befindet und ich die Einzige bin, die das einfach nur scheiße findet? Wie kann man als Vater von 6 Kindern so derb egoistisch sein und sich erhängen? Bei Depressionen gibt es ne Menge Anlaufstellen und Therapien, die einem helfen können. Aber sich so feige aus dem Leben und der Verantwortung zu verpissen, is das Allerletzte. Tja, ‚in the end it doesn’t even matter‘ schätz ich mal.“ 

Was ich mich – und sie – darauf fragte: Steht es uns – als Außenstehende, die Bennington nicht im Entferntesten kannten – überhaupt zu, über ihn und den Entschluss, sein Leben zu beenden, zu urteilen? Klar, wie ebenjene Freundin ebenfalls schrieb: „So ein blöder Brief oder sonstige unpersönliche Verabschiedung nach einem Selbstmord lässt einen nur so völlig ungeliebt zurück. Wenn man mit der Familie drüber sprechen würde, dass man solche Gedanken hat, sich vorab irgendwie zu verabschieden, niemanden im Glauben zu lassen, dass er es nicht wert wäre, für ihn weiterzuleben. Klingt vielleicht krass, aber so eine Ehrlichkeit hätten die Familien verdient. Nicht den Schock, eine Leiche im eigenen Heim vorzufinden.“ Schon richtig, aber wie ich bereits im meinem Nachruf auf Chris Cornell im Mai schrieb (und beide mutmaßlichen Freitode scheinen ja ganz ähnlich gelagert zu sein): Man kann niemandem hinter die Fassade schauen. Vordergründig mögen sowohl Chris Cornell als auch Chester Bennington erfolgreiche, von Fans überall auf dem Erdball umjubelte Rockstars mit Vorbildfunktion sowie treu sorgende, liebevolle verheiratete Familienväter (Cornell dreifach, Bennington gar sechsfach) gewesen sein. Tief im Inneren hatten jedoch beide – nebst der beinahe obligatorischen schwierigen Kindheit (im Fall von Bennington verbunden mit elterlicher Vernachlässigung und Kindesmissbrauch) – seit vielen, vielen Jahren mit Depressionen und den damit oft einher gehenden Alkohol-, Medikamenten- und Drogenproblemen zu kämpfen (und redeten auch offen darüber). Wem an dieser Stelle das „Rockstar-Klischee“ vom „ach so sensiblen Kunstschaffenden“ zum Hals heraus hängen mag, der wechsle lieber nie ins Schlager-Fach…

Umso wichtiger finde ich selbst es (wie übrigens auch Guano-Apes-Frontfrau Sandra Nasic in ihrem für spiegel.de verfassten Nachruf auf Bennington), dass den Topoi „Depression“ und „Suizid“ mehr Gesprächsbereitschaft und weniger Scheu entgegen gebracht wird. Denn wenn wir ehrlich sind, so haben wir alle – du, ich, die Frau an der Kasse von Aldi, der Hedgefonds-Manager an der Frankfurter Börse und der Rockstar, dem du noch gestern aus dem Publikumsgraben heraus Handküsse zugeworfen hast – eine helle und eine dunkle Seite. Ying und Yang. Gut und böse. Dass ich beide Seiten kenne, habe ich unlängst hier geschrieben… Wir alle sollten uns ein kleines Stückweit zur Aufgabe machen, ebenjenen zu helfen, deren dunkle Seiten, deren Dämonen die Überhand zu erlangen drohen (so sie es denn zulassen). Sagt diesen Menschen (wie auch allen anderen, völlig unabhängig davon), wie sehr sie euch am Herzen liegen, wie wichtig sie sind, wie sehr sie geliebt werden. Depression mag eine Krankheit sein, die sich wohl kaum einer selbst ausgesucht hat. Doch ansteckend ist sie nicht. Kein von Depressionen Betroffener erwartet von euch, dass ihr ihn/sie zu einhundert Prozent versteht oder entschlüsselt. Ist müsst einfach nur da sein. Also: fahrt mal eure Ellenbogen rein und die Herzen aus! Tut’s für euch. Tut’s für den anderen, die andere. Tut’s fürs Karma.

Wer selbst mit Problemen dieser Art zu kämpfen hat, der sollte nicht schweigen. Redet darüber. Schreibt darüber. Oder wendet euch an diese Stellen:

https://suicidepreventionlifeline.org/

https://www.suizidprophylaxe.de/

http://frans-hilft.de/

 

Inschallah. Namaste.

In Liebe und

 

Rock and Roll.

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