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Auf dem Radar: Karo Lynn


Karo Lynn hätte es sich einfach machen können. Die 25-jährige Musikerin aus Leipzig präsentierte sich auf ihren bisherigen, 2016 beziehungsweise 2020 erschienenen Alben „Frames“ und „Outgrow“ als talentierte Singer/Songwriterin mit sympathischem Indie-Touch, heimste kleinere Preise ein und hätte mit einer Fortsetzung des Ganzen wahrlich keinen Irrweg beschritten. Glücklicherweise lebt die Musikwelt jedoch nicht immer im Konjunktiv der verpassten Möglichkeiten. Daher wagte sich Karo Lynn für den Nachfolger „A Line In My Skin“ entschlossen heraus aus einer Ecke, in der es zwar gemütlich, aber vielleicht auch irgendwann verdammt langweilig geworden wäre. Viel mehr noch als auf den ersten Werken steht dabei ihre Stimme im Vordergrund – mit Blick auf die elf neuen Songs und deren Charakter scheint das eine fast zwangsläufige Entscheidung. Denn wenn es hier ein faszinierendes Alleinstellungsmerkmal gibt, dann ist es ihre Darbietung am Mikrofon, dieses dunkle Timbre, schwärzer, tiefer und geheimnisvoller als der Störmthaler See bei Nacht.

Eventuell mag es ja auch an der Entstehung während Pandemie, Lockdowns und Co. liegen, dass sich nun eine fast beklemmende, in jedem Moment vollumfänglich majestätische Düsternis über die Musik von Karo Lynn legt, beinahe so als würde k.d. langs kleine Nichte Hope Sandovals Platz bei Mazzy Star einnehmen – selbstbewusster Dream Pop statt schüchterner Indie Folk, anschmiegsamer Dark Pop, der den feinmaschigen Strickpullover dem Karohemd vorzieht. „When All Is Still The Same“, dieser starke Opener des Ganzen, bringt die nachdenkliche Stimmung denn auch direkt auf den Punkt: „I can’t complain / I’m used to it being dark / It refracts the rays / I got caught in circles“. Dieses Kreisen um sich, diese innerlich reflektierende Einkehr trägt sie mit großer Intensität vor, und man hört – trotz der fühlbaren Schwere – gerne zu. „Elephant“, das sie gemeinsam mit Johanna Amelie im Duett singt, paart die Probleme der Zweisamkeit mit der Erzählung großer Zusammenhänge: „I don’t know why you say that / You’re not even close to me / Do I seem indifferent?“, heißt es dort zunächst, und später: „How come you don’t see it? / It’s not a lie, it’s all getting worse / In truth we’re ruining the earth / You know an elephant died for your new table?“.

Freilich hat Karo Lynn, die Mathematik und Physik auf Lehramt studierte und derzeit an einem Gymnasium unterrichtet, mit dem Entwurf eines neuen Soundoutfits, bei dem ihr ihr Schlagzeuger und Produzent Cornelius Miller mit Rat und Tat zur Seite stand, einen großen, durchaus mutigen Schritt gewagt. Dennoch bekommt die Hinzunahme elektronischer Elemente dem Gesamtklang den neuen Stücken überaus gut, und ihre Qualitäten als Songwriterin dürften Eingeweihten spätestens seit „Outgrow“ bekannt sein. Daher weiß sie eben auch, wie sie mögliche Eintönigkeit clever umgehen muss. Das gilt für die Platte als Ganzes, der man Karo Lynns Vorbilder wie Ben Howard, Daughter, Bon Iver oder The War On Drugs durchaus anhört, aber auch innerhalb einzelner Titel – die Mischung aus ruhigen Passagen und kleineren Ausbrüchen wie in „You Inside Me“ sei als ein Beispiel genannt. „It’s Breaking The Ice“ zeigt ihre Stimme anschließend wieder in ihrer ganzen Schönheit, „The City Soaked In Gray“ greift zum monumentalen Ansatz. Im letzten Drittel überzeugt eine weitere Kollaboration, wenn sich Michael Benjamin dazugesellt und in „When I Think I’m Close“ einen überzeugenden Gesangspartner darstellt. „Right Words“ schließt kurz vor Schluss mit angenehmem Schwung wieder mehr an ihre ursprüngliche musikalische Ausrichtung an, bevor „Sun Hues On Water“ Karo Lynns insgesamt durchaus geheimnisvollen dritten Langspieler zu einem stimmigen Ende bringt.

Alles in allem ist „A Line In My Skin“ eine feine Angelegenheit geworden, welche man am besten unter gedimmten, warmweißen Deckenflutern und mit der selten schöner gefühlten Gewissheit, dass sich das kleine Glück auch auf einer Couch und unter einer Decke finden lässt, genießt. Zudem beweist das Album, dass nicht alle Künstler*innen dem oft genug beschworenen Berlin-Hype folgen müssen und ihre kreative DIY-Erfüllung ebenso gut in einer anderen Stadt im Osten der Bundesrepublik finden können.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Wunderhorse


Auf Jacob Slater konnten Kenner der eh nie um den nächsten Hype verlegenen britischen Musikszene zum ersten Mal im Jahr 2017 stoßen, als er als Frontmann der Teenage-Punks Dead Pretties mit massig Libertines’esker Energie durch schmuddelige Kellerclubs tingelte. Leider, wenn auch nicht völlig überraschend, löste sich das Trio so schnell und heftig auf, wie es entstanden war. Und Slater? Der verließ, dezent desillusioniert vom Musikbusiness, London und zog nach Cornwall, wo er seine Tage fortan mit Surfen verbrachte, sich in die Überschaubarkeit der örtlichen Gemeinschaft einfügte und mal hier, mal da Gelegenheitsjobs annahm. So ganz konnte und wollte er seine Finger jedoch nicht von der Gitarre lassen, denn nach einiger Zeit begann Slater, als Wunderhorse neue Songs zu schreiben, in denen er die juvenile Wut der Dead Pretties gegen die melodische Reflexion eines Mannes tauschte, der nach sich selbst und der eigenen Stimme sucht.

So ist es wenig verwunderlich, dass „Cub„, das kürzlich erschienene Debütalbum von Wunderhorse, den heute 24-jährigen Slater als vielseitigen Rock’n’Roll-Troubadour positioniert, der sich an Neil Young und Joni Mitchell orientiert (die Musik, die er schon immer gehört hat, wie er selbst sagt) und verzweifelt um die Kontrolle über seine Erzählung ringt – und an vielen Stellen des Albums zu der Erkenntnis kommt, dass er durchaus selbst über seine Entscheidungen und den Weg, den er einschlägt, bestimmen kann.

Die Highlights sind schnell ausgemacht: „Leader Of The Pack“ etwa, eine energiegeladene Hymne über enttäuschte Erwartungen, angereichert mit süchtig machenden Hooks, welche ein Hauch von Led Zeppelin, Lynyrd Skynyrd oder Suede umweht, cleveren Textzeilen und Slaters kraftvollem Gesang. Auf der anderen Seite steht mit dem bereits im vergangenen Jahr veröffentlichten „Teal“ eine an Heartland Rock geschulte Uptempo-Nummer, die von rohen Emotionen angetrieben wird und sich zu einem explosiven Höhepunkt aufstaut – besser hätten auch Sam Fender (der bereits als Fan von Wunderhorse gilt) oder The War On Drugs jenen Song kaum hinbekommen. Dieser Erfolgsformel, das Tempo des Stückes langsam aufzubauen und es dann mit einer nonchalanten Aura zu ummanteln, folgen denn auch viele der anderen Songs des Albums; „Mantis“ etwa ist das perfekte Beispiel für einen Song, der eine ganz ähnlichen Struktur folgt: zum gleichen Teilen euphorisch, elegant und luftig, was ihn zu einem feinen Hörerlebnis macht, während dem man eventuell, eventuell gar an Radiohead (in den Neunzigern, bitte) denken mag. Eine weitere Referenz lässt sich in „Purple“, einer schwungvollen Ode an die Liebe, finden, schließlich trägt die Nummer mehr als nur einen Hauch von Elliott Smith in sich. Und wohlmöglich mag ja das Surfen in Cornwall so einige Spuren hinterlassen haben, denn auch weitere Songs, wie „The Girl Behind The Glass“ oder „Epilogue“, welches mit Textzeilen wie „When I go back there and breathe the clean air“ von Slaters neu gefundener Lebenslust am Meer berichtet, verfolgen zunächst entspanntere Ansätze, bevor im zweiten Songteil deutliche Grunge-Einflüsse offensichtlich werden. In diesem Sinne erweist sich Jacob Slater, der sich unlängst auch als Schauspieler versuchte und in Danny Boyles Mini-Serie „PISTOL“ den Sex Pistols-Schlagzeuger Paul Cook verkörperte, als brillant darin, den Hörer in jedem einzelnen Song auf eine kurze, spannende Reise mitzunehmen, denn während der ersten dreißig Sekunden scheint es nahezu unmöglich vorherzusagen, in welche Richtung sich der Rest entwickeln wird.

So oder so hat man mit „Cub“ ein starkes Debütwerk vor sich, dessen knapp 40 Minuten ein ums andere Mal ihre enorme Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellen. Die Punk-Wut aus Slaters früheren Tagen mag man höchstens noch als sehr fernes Echo vernehmen, dafür tragen die elf Songs umso mehr eingängigen Indie Rock in sich, dessen Inspirationsquellen zwar manches Mal im Gestern liegen mögen, der jedoch mit all seiner Kraft, all seiner Energie, all seiner verletzlichen Reflexion wachen Auges ins Morgen schaut – wenngleich auch lieber vom Strand als vom Dach eines Bachsteinhauses aus. Jacob Slater mag sein altes Leben als gehypter Nachwuchs-Punkrocker hinter sich gelassen haben – und kehrt als Wunderhorse nun umso reifer, stärker und vielseitiger zurück.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Betterov – Olympia (2022)

-erschienen bei Universal-

Es hatte etwas Unaufgeregtes, als Betterov in den Anfangstagen der Pandemie mit seiner EP „Viertel vor irgendwas“ in eine plötzlich so ruhige, so brachial von Hundert auf Null entschleunigte Welt eintrat. Diese Songs hatten etwas Vertrautes, das über den Einsatz von düsterpoppigen Achtziger-Synths der Cure- oder Smiths’schen Güteklasse oder so mancher, vor allem an Interpols „Turn On The Bright Lights“ geschulter Gitarrenspur hinausgeht. Yessir, der Post Punk im Nacken verschaffte den sieben Stücken ein dickes Plus an Atmosphäre, der verdammt popaffine Indie Rock ging in die Beine. Dazu ist Manuel Bittorf, so steht’s im Pass des 28-jährigen Musik-Newcomers, der sich nach einem Statisten aus der dänischen Komödienreihe “Die Olsenbande” benannte und bereits im vergangenen Jahr hier auf ANEWFRIEND Vorstellung fand, mit einer bis ins markanten Mark bewegenden Stimmfarbe gesegnet, die irgendwo in einem apathischen Parallel-Universum zu stecken scheint. In der echten Welt? Gibt’s eh nur noch Killerviren, Klimakatastrophen, populistische Anti-Intelligenzbestien oder bange machende Kriegsschauplätze in den Nachrichten. Was bleibt: Unverständnis, Apathie, Blicke ins Leere. „An mir geht alles vorbei / Ich bin die pure Langeweile“, schilderte Betterov damals im brillanten Titelsong jener 2020er Debüt-EP sein Empfinden gleichsam passend wie eindrucksvoll.

Foto: Promo

Und nun? Muss es verdammt noch mal irgendwie weitergehen mit dem superbeschleungiten Leben, am besten so wie vor jenem so eigenartigen, so superentschleunigten Jahr 2020. Wäre da nicht diese posttraumatische Lähmung, an der wir alle irgendwo zu knabbern haben. Long Covid fürs Volk, während um einen herum alles nur teurer, verrückter und unbeständiger wird. Und auch der Künstler, mitsamt einer durchaus hörbaren Springsteen-Frühprägung in der thüringischen Pampa großgeworden und ehemals talentierter Jung-Leichtathlet (sowie Ex-Schauspielstudent), liegt bloß noch herum, ertappt sich inmitten einer Endlos-YouTube-Video-Schleife der größten Sporthistorien-Momente. Jene Metapher wählt Betterov nicht nur für den Titelsong seines Debütalbums: „Olympia“, die höchste Spitze des Sports, wo alle vier Jahre wenige Zentimeter und Sekunden über Weltruhm oder bittere Niederlagen entscheiden, und als Kontrast der persönliche Stillstand, in welchem die Minuten, Stunden und Tage nutzlos dahin rinnen. Betterovs Musik ist, typisch für die Generation, eine fahrig anmutende Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben inmitten kaum greifbarer, von existenziellen Krisen und gesellschaftlicher Aufruhr diktierten Umständen. Gentrifizierung, Leistungsdruck, Zukunftsangst – kaum verwunderlich also, dass einen die eigenen Depressionen ab und an dazu zwingen, in Schocklähmung vor den Endlossschleifen irgendwelcher gottverdammten Internetclips zu verharren.

Dementsprechend bietet „Olympia“ (zu dem man hier ein paar Track-by-track-Erläuterungen von Betterov und hier ein Interview findet) – zieht man Intro und Outro ab – elf formidable Songs vom inneren Kampf, von Analyse und Selbstverortung – und von schlaflosen Nächten, wie etwa das hymnische „Schlaf gut“ berichtet, ein Stück, das Betterovs bemerkenswertes Talent zu nachhaltig-ohrwurmigen Harmonien einmal mehr unterstreicht. Und tagsüber? „Berlin ist keine Stadt“ heißt es in diesem kleinen Hit, allerdings hat der Wahl-Berliner hier lobenswerterweise nicht den üblichen „Berlin ist nicht cool“-Diss à la Kaftklub im Hinterkopf. Vielmehr geht es um Erinnerungen an den unterschiedlichsten Ecken und Straßenzügen der Vier-Millionen-Einwohner-Metropole. Doch so sehr man sich auch bemüht, im Hier und Jetzt zu sein: Nach einer gewissen Zeit wird diese Stadt zu einem reinen Gedankenmuseum, welches ohne die passende Person an der Seite eben nur die Hälfte wert ist. Fehlende Wertschätzung für Kunst und Kultur wiederum verhandelt der Sänger im feinen Synth-Rocker „Dussmann“ in Form einer symbolischen Exkursion durch das Berliner Kulturkaufhaus. Bei einem waschechten Hit wie diesem, der in einer besseren Musikwelt jegliche Charts anstelle all der Ballermann’schen „Layla“-Grütze anführen würde, verwundert es kaum, dass Podcast-Musiker Olli Schulz Betterov bereits vor Monaten über jeglichen grünen Klee lobte.

Foto: Promo / Massimiliano Corteselli

Doch zurück nach Berlin. Denn auch dort merkt man als junger Künstler, dass die Großstadtmieten besonders hoch sind, und am Ende des Portemonnaie- und Kontoinhalts noch recht viel Monat übrig bleibt. Und dennoch geht es nach der Party schon mal in einem Benz nach Hause – selbst wenn man diesen nicht selbst lenkt und dem Taxifahrer am Ende ein paar saure Euronen in die Hand drücken muss, wie uns „Bring mich nach Hause“ lehrt und die Impressionen der vorbei rasenden Großstadtlichter in einen dezent psychedelischen, umso mehr betrunken-sentimentalen, Musik gewordenen Late-Night-Roadmovie fasst. Freilich ist das Leben in dem kleinen Dörfchen bei Eisenach, in welchem Manuel Bittorf aufwuchs, deutlich günstiger – aber eben auch grauer und öder. Dennoch wirft der Nachwuchskünstler, der zweifellos über eine der spannendsten neuen Stimmen innerhalb der deutschsprachigen Musiklandschaft verfügt, der das Raue und gelegentlich angenehm Brüchige bestenfalls zu größter emotionaler Intensität verhilft, in „Böller aus Polen“ einen kurzen nostalgischen Blick zurück: „Von allen Orten, die es gibt auf der Welt / Bin ich ausgerechnet hier gebor’n / Und du, du hast das alles gesehen / Und du wolltest trotzdem bleiben“. Apropos „emotional intensiv“: Par excellence gelingt in diesem Sinne der zunächst gemächlich beginnende Trennungssong „Urlaub im Abgrund“, welcher sich über fünf Minuten beständig steigert, bis sich das Ich in höchster Ekstase von seiner gescheiterten Liebesbeziehung freimacht. Wen wundert’s, dass Betterov da auch mit seinem „merkwürdigen Leben“ und „den Leuten“, die ihn umgeben, fremdelt… Dennoch findet der Musiker im (quasi) abschließenden, treibenden Highlight „Bis zum Ende“ auf seinem Weg hoch von der Lockdown-Couch versöhnliche Worte: „Was auch noch kommt bei mir / Gehst du mit zum Ende? / Mit mir bis zum Ende / Ich warte hier auf dich / Wir verwandeln uns zusammen / Werden schlauer als die anderen / Verstehen zusammen / Nur noch die Hälfte / Ich warte hier auf dich“. Betterov will weder mit erhobener Faust rebellieren noch durch irgendetwas – und hier unterscheidet er sich tatsächlich von aktuell ebenfalls gelobten „Brüdern im Geiste“ wie Drangsal oder Tristan Brusch – rebellieren, seine Geschichten über das Scheitern und auf der Stelle treten, über das von Vergangenem träumen und von alten Gewohnheiten frei strampeln sind echt, frei von AnnenMayKantereit’scher Konsenspop-Scham und Selbstdarstellung, dafür jedoch umso sympathischer und nahbarer. Diesem „Hype“ darf man also nur allzu gern vertrauen.

Was dem von Tim Tautorat, der sonst durch seine Arbeit mit Faber, Provinz oder AnnenMayKantereit Lorbeeren vom Indie-Deutschpop-Baum pflückt, produzierten Debütalbum – vor allem im Vergleich zu den vorher veröffentlichten Singles und EPs (mit „Live in Concert (Die Dussmann Session)“ konnte man sich im vergangenen Dezember bereits einen ersten Höreindruck von Betterovs Live-Qualitäten verschaffen) – ein wenig abgeht, ist das Staubige, das Unmittelbare – und letzten Endes auch hier und da die fulminant aufspielende Langlebigkeit von Songs wie etwa dem großartigen „Platz am Fenster„, welches unerklärlicherweise fürs Album außen vor blieb. Zudem merkt man, dass Betterov, Band und Tim Tautorat sicherlich den ein oder anderen Hördurchgang der jüngsten Alben von Sam Fender oder The War On Drugs genossen haben, schließlich fährt das zu gleichen Teilen warme und nostalgische Soundoutfit der Songs hier in ganz ähnlichen Gewässern. All das darf man jedoch gern unter „Krittelei auf hohem Niveau“ abheften, denn man tapeziert die eigenen Gehörgänge immer wieder gern mit all diesen feinfühligen Beobachtungen über den enervierenden Kummer, die vermaledeite Depression und dieses komische Erwachsenwerden, über Stadt und Land sowie dieses große Ganze, welches man, halb achselzuckend, halb hilflos, gern „Welt“ nennt. Selbiger begegnet man dieser Tage nämlich am besten mit einer Extraschippe Lakonie: „Gott hat für das alles nur sieben Tage gebraucht“, erinnert sich Betterov an jene zweifelhafte religiöse Theorie und konkludiert nüchtern: „Und genau so sieht’s hier auch aus.“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Gregor McEwan – „Halloween Costume“


Im Jahr 1723 stellte ein gewisser Antonio Vivaldi seine „Vier Jahreszeiten“ fertig, aber die durchaus naheliegende Idee, den Wechsel und die Eigenheiten der Jahreszeiten künstlerisch zu verarbeiten, dürfte natürlich noch viel älter sein. Insofern sind Gregor McEwans „Four Seasons“ nun – klar, klar, klar – keine weltbewegende Neuerung, was der Qualität der Sammlung von vier während der Corona-Zeit zwischen 2020 und 2022 entstandenen EPs selbstverständlich keinen Abbruch tut. Angesichts der drei sehr gelungenen Alben, die der in Berlin beheimatete Singer/Songwriter im Lauf des vergangenen Jahrzehnts bereits veröffentlicht hat, war aber auch nichts anderes zu erwarten.

Ebenso wenig weltneuheitnochniegehörtultimativinnovativ ist, dass die vier Songs jeder EP größtenteils dem bewährten Jahreszeiten-Prinzip folgen: Der Frühling klingt nach Aufbruch (gerne auch trotzig wie im tollen „Fwd: Spring“), im Sommer ist zumindest vordergründig alles ebenso locker-leicht wie entspannt und der Winter ist die Zeit für Rückschau, Einkehr („Winter Sleep“) und neue Pläne („New Year’s Resolutions“). Bleibt der Herbst, der nicht nur für viele die wohlmöglich schönste Jahreszeit ist, sondern auch den Höhepunkt der „Four Seasons“ markiert (für den übrigens niemand Geringeres als Love A-Frontmann Jörkk Mechenbier den Pressetext verfasst hat). Mit „Autumn Falls“ gibt es die obligatorische Ballade mit einer extragroßen Schaufel Melancholie und großem Finale, dazu mit dem zum Teil aus Metallicas „One“ zusammengenähten „Halloween Costume“ das unbestrittene Meisterstück der in der LP-Version auch optisch sehr ansprechenden, schlussendlich ganze 17 Songs starken Platte, welche McEwan bereits im Februar diesen Jahres gebündelt veröffentlichte.

Und da für den heutigen Tag kaum ein Song ein besseres Tagesstück abgeben könnte (gut, spontan fällt mir gerade noch Phoebe Bridgers‘ feines „Halloween“ ins Ohr), gibt’s nachfolgend das soeben erwähnte „Halloween Costume“ auf Aug‘ und Ohr, denn auch das dazugehörige Musikvideo, in welchem der 39-jährige Musiker, der gebürtig aus Haltern am See stammt, lauter Superheld*innen und Superschurken aus dem DC- und Marvel-Kosmos auftreten lässt, macht einiges her. Und wer von Gregor McEwan einen (weiteren) lieblich-melancholischen Folk-Song erwartet, der darf sich hier auf einen gleichsam überraschenden wie wirklich grandiosen Schlussschocker gefasst machen. Aber: auch das passt wie die Schminke aufs Auge (oder meinetwegen das Süßzeug in die Sammeltüte) am heutigen All Hallows‘ Eve

„Candles burn and brighten up this evening
You’re like a rushing wind, oh darling please breathe in
History is all that I believe in
As every season changes the seasoning
I have had my fill of beet and pumpkin soup
Highlighted a rimshot of this drumming loop
My life’s not really thrilling that’s what I assume
Since I wear this villain halloween costume
Soon
There will be love
There will be us
They will be loved
It’s morn‘ and all the candles burned out long before
You’re all I have been searching and been longing for
Sing along with every song they call folklore
As long as you don’t clap your hands to call for an encore
Somewhere in my mind I met that certain girl
It took a bit of time so let’s get personal
You get the pitch right and I sing out of tune
Just open melodyne or even autotune Soon
There will be love
There will be us
They will be loved
Soon
There will be love (There will be love)
There will be us (There will be us)
They will be loved
The music biz which is so darn deceitful
Will soon be loved
The songs I sing I’ve stolen from The Beatles
Will soon be loved
Jar Jar Binks, the Gungans and the prequels
Will soon be loved
Even Free Jazz and hurt people who hurt people
Will soon be loved
There will be love
Soon
There will be love“

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Death Cab For Cutie – Asphalt Meadows (2022)

-erschienen bei Atlantic/Warner-

Die Karriere der US-Indie-Rocker Death Cab For Cutie verlief seit der Bandengründung Mitte der Neunziger so konstant und beschaulich wie nur wenig anderes. Öffentlichkeitswirksame Skandale, zertrümmerte Hotelzimmer oder wilde Drogenabstürze? Wer solch heißen Gossip-Shit aus tausendundein Nächten voll von Sex, Drugs und Rock’n’Roll suchte, der musste in den letzten 25 Jahren woanders klopfen. Bei dem Quintett aus Bellingham, Washington geht es seit jeher so solide zu wie in einem mittelständisch-kleinstädtischen Handwerksbetrieb: Alle drei bis vier Jahre stellt die Truppe um Frontmann Benjamin Gibbard verlässlich eine neue Platte in die Regale, die zwar selten den Status eines Meisterwerks innehat, aber ebenso verlässlich schöne, herbstlich-feierliche Musik liefert, irgendwo an der Grenze zwischen Indie Pop, Emo (freilich frei von Kajal und Weltschmerz-Weinerlichkeit) und College Rock der frühen Nullerjahre. Natürlich mögen Großwerke wie „Transatlanticism“ oder „Plans“ bald zwanzig Jahre zurückliegen, doch anstatt an immer neuen Sentimentalitätsaufgüssen altbewährter Erfolgsformeln zu scheitern, such(t)en Death Cab For Cutie ihr Heil stets in der sanften Kurskorrekturen: So wurden in der Vergangenheit beispielsweise Prog- und Post-Rock-Anflüge eingeflochten oder auch mal Electronica-Sperenzchen integriert. Dass all das nicht immer von künstlerischen Erfolgen gekrönt war, vor allem zuletzt auf Langspiellänge mitunter etwas dröge geriet und das jüngste, 2018 erschienene Werk „Thank You For Today“ seine Beschaulichkeit bereits im Titel vor sich her trug? Geschenkt. Das Werkeln an der nach obenhin offenen Gigantomanie-Skala überließen Gibbard und Co. schon immer den U2s, Muse’ses und Tools da draußen. Umso erstaunter darf man beim Lauschen von „Asphalt Meadows„, dem nunmehr zehnten Studioalbum der Band, feststellen, dass sich selbiges um einiges häufiger in handfester ROCK-Musik erprobt – und die Großbuchstaben sind hier kein Versehen. Klare Sache: So dringlich, so offensiv und stringent klangen Death Cab For Cutie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Und das hat durchaus seine Gründe…

Den ersten davon lässt bereits das im Albumtitel enthaltene Oxymoron erahnen: Asphalt und Wiesen, deren Kontrast offenlegt, wie selten sich in unser aller heutigen Lebenswirklichkeit Moderne und Fortschritt mit Naturpflege und sattem Grün vereinen lassen. Ben Gibbard hatte in den Lockdowns der (hoffentlich) zurückliegenden Corona-Pandemie, welche er sich unter anderem mit regelmäßigen Livestreams vertrieb, einige Zeit zum Grübeln – und zum Sorgenmachen über den Weg, welche die Menschheit mitsamt von Klimakrisen, Kriegen, oder tumben Clowns in Führungsämtern eingeschlagen hat. Kein Wunder also, dass dem 46-jährigen Musiker, seit eh und je politisch interessiert und karitativ umtriebig, für die neusten Songs seiner Haupt- und Herzensband alles andere als nach betulicher Danke-und-Shangri-La-Gemütlichkeit war. Der zweite Grund ist in der Bandhistorie zu finden: Gab Ben Gibbard nach dem 2014er Abgang von Gitarrist und Gründungsmitglied Chris Walla (der zudem auch noch für die Albumproduktionen hinter den Reglern saß) noch vor einiger Zeit zu Protokoll, dass die gesamte Zukunft der Band auf seinen Schultern laste, zeigt nicht zuletzt der Blick in die aktuellen Songwriting-Credits, dass die neue Besetzung, zu der neben Bassist Nick Harmer und Schlagzeuger Jason McGerr nun auch Gitarrist Dave Depper und Keyboarder Zac Rae fest dazu stießen, endlich zusammengewachsen ist – jeder bringt Ideen in die Stücke ein, jeder hat seinen festen Platz im kreativen Entstehungsprozess. Durchaus verständlich, dass diese basisdemokratische Bandchemie dem ohnehin nie überaus extrovertiert auftretenden Gibbard die deutlich liebere ist.

Dennoch besteht so die Gefahr, dass zu viele Songschreiberköche die akustischen Endprodukte verderben – was jedoch im Fall der elf Songs von „Asphalt Medows“ nie passiert. Ganz im Gegenteil, wie bereits der vorab veröffentlichte Zweiminüter „Roman Candles“, ein Song über die existenzielle Angst auf einem sterbenden Planeten, unter Beweis stellt: Die Melodie geht runter wie selbstgemachter Zitroneneistee am wärmsten Tag des Jahres, während die Gitarren sirenenhaft aufheulen und das Schlagzeug einen dezenten, an The National gemahnenden Bryan-Devendorf-Vibe versprüht. Da hört her – Death Cab For Cutie wissen endlich wieder zu irritieren und faszinieren! Natürlich rocken Gibbard, Harmer, McGerr, Depper und Rae auch 2022 nicht breitbeinig und mit üblen Klischee-Posen – nein, diese neue Dynamik, zu der nicht nur ein gleichberechtigter Songwriting-Prozess innerhalb der Band, sondern auch Produzent John Congleton beitrug, wird fein säuberlich in den bestehenden Bandsound integriert. So beginnt etwa das famose „Foxglove Through The Clearcut“ mit einem Spoken-Word-Intro und entwickelt seine schimmernde Post-Rock-Aura im Laufe der fünf Minuten Spielzeit: kristallklare Gitarren bilden die shoegazende Grundlage, auf der Schlagzeug und Bass ein spannendes Rhythmusgebäude errichten, während Gibbard einen Naturbeobachter die Misere der Menschheit schmerzlich pointiert darlegen lässt und dafür in den Strophen sogar auf Gesangsmelodien verzichtet. Hier, fernab von den glossy Gitarren und den weiten Hallräumen des Vorgängeralbums, klingen Death Cab For Cutie wie eine US-Westküstenband der späten Neunzigerjahre, welche die Sollbruchstelle von Post-, Math- und Experimental-Rock zu bestimmen versucht. „Here To Forever“ findet seine Inspiration noch mal ein Jahrzehnt davor, denn insbesondere in den Synthie-Schlieren, die sich auf markante Art durch die Nummer ziehen, scheinen die besseren Seiten der Achtziger ihren Widerhall zu finden.

Zwischen all diesen stilistischen Kurswechseln und Sprüngen in vergangene Dekaden haben sich aber auch die „klassischen“ Death-Cab-For-Cutie-Hits gemischt, jene Songs also, die man nur zu gerne auf Mixtapes packen beziehungsweise in Playlists schieben möchte, am besten irgendwo zwischen Nada Surf, Teenage Fanclub und The Dismemberment Plan (man denke nur an den wohl ewig unübertroffenen Balladengeniestreich „I Will Follow You Into The Dark„!). „Pepper“ kommt in der Folge eher als akustisches Intermezzo daher, ein perlender Gitarrenpop-Song mit netter Hook, der so süßlich den letzten Kuss seines Gegenübers einfordert, dass man diesem Aufruf öfter als nötig Folge leisten möchte. Die behutsamen Tontupfer des geschmeidig fließenden potentiellen Herzstücks der der Platte, „Fragments From The Decade“, lullen in Prefab Sprout-Style ein. Das sagenhaft verträumte Teil platziert sich weit hinten als Highlight in der Tracklist und endet nach sphärischen Keyboard-Fantasien in einer Geräusch-Kaskade, die so klingt, als drehe man Tastenmann Zac Rae den Saft ab. Sicherlich wird eine Band anno 2022 mit derlei Kompositionen von ach so edgy Popkultur-Feuilletonisten und jedem noch so beschissenen Trend nachjagenden Pitchfork-Jüngern nicht über den immergrünen Hype-Klee gefeiert – auch dies ist eine Konstante in der Karriere dieses so sympathisch unscheinbaren – und deswegen umso näher ans Hörerherz reichenden – Quintetts. Doch wenn sich Death Cab For Cutie im finalen „I’ll Never Give Up On You“ die Klaviermelodie von Radiohead leihen, wenn gleich im Albumeinstieg „I Don’t Know How I Survive“ synkopische Keys-Hüpfer und rhythmische Betriebsamkeit mit Electro-Verzierungen eine aufgedrehte Melodrama-Hook untermalen, wenn sich in der vorwärts hoppelnden Hitsingle „Here To Forever“ Bass und Schlagzeug ein Wettrennen um die Aufmerksamkeit des Hörers liefern und der Titelsong eine extragroße Portion Melancholie versprüht, dann weiß man, dass man hier richtig ist. Bei den netten, gar nicht mehr so jungen Jungs von nebenan, die selbst mit den einfachsten Mitteln, mit ihrem bittersüßen Pathos, mit ihrem konzisen Songwriting, das an den richtigen Stellen die richtigen Signale sendet, immer noch begeistern können. Musik wie ein Nachausekommen.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Rocky Votolato – Wild Roots (2022)

-erschienen bei Thirty Something/FUGA-

Sieben lange Jahre sind vergangen seit „Hospital Handshakes„, dem achten Studioalbum von Singer/Songwriter Rocky Votolato. Zur Finanzierung des neunten startete der gebürtige Texaner im Herbst 2021 eine Kickstarter-Kampagne, welche im November erfolgreich endete. Diesmal hatte er ein mehr oder minder fixes Konzept im Kopf, wollte jedem Mitglied seiner Familie einen Song widmen – genau fünfzehn an der Zahl, weil es auf der Ranch, auf welcher der Musiker einst aufwuchs, ebensoviele Pferde gab. So weit, so harmonisch – bis eine private Tragödie jäh alle Planungen zerstörte. Sein 22-jähriges Kind Kienan (ich verwende hier bewusst nicht die Bezeichnung „Sohn“, da sich Kienan für eine nonbinäre Identität entschied) wurde Anfang Dezember bei einem Autounfall schwer verletzt und verstarb nur wenige Stunden später. Für Rocky, seine Frau April, Tochter Autumn und den Rest der Familie folgte eine Zeit der tiefen Trauer, begleitet von kognitiven Schwierigkeiten und Gedächtnisverlust. Wer sich in der glücklichen Situation befindet, von den Bergen, welche es nach einem solchen Schicksalsschlag aus dem Weg hin zurück zum Alltag und zum Weitermachen mit dem Ding namens Leben zu räumen gilt, nur eine entfernte theoretische Ahnung zu haben, der wird es Rocky Votolato und seiner Familie dennoch hoch anrechnen, dass sie an alldem weder zerbrach noch in allumfassenden Pessimismus verfiel. Und das bereits in Grundzügen fertige Konzeptalbum? Wurde so nicht nur zum Rückspiegel auf die Familienhistorie, sondern auch zur vertonten Trauerbegleitung.

Wer’s gehässig meinen würde, der könnte behaupten, dass sich die Songs des Leisetreter-Barden aus Seattle, Washington ja ohnehin seit Jahr und Tag nach tränengetränkter Trauerweiden-Musik anhören… Falsch wäre das zwar nicht wirklich, etwas unrecht würde man Votolato und seinem seit 1999 entstandenen Solo-Repertoire aber dennoch tun. Andererseits ist der 45-jährige US-Klampfer im Kreis der Singer/Songwriter mit Punk-Rock- und Emo-Indie-Rock-Hintergrund der Mann für die ruhigen, feinfühligen Töne. Für „Wild Roots“ hat er seine ohnehin nicht mit allzu viel Krachgärtnerei auftretenden Songs weiter entkernt, sodass sie fast ausschließlich aus seiner Stimme und der Gitarre sowie der zurückhaltenden Begleitung durch Geige oder Klavier bestehen. Das wird den persönlichen Themen gerecht, sorgt aber auch dafür, dass es Songs wie „Bella Rose“ (seiner Nichte Bella gewidmet) oder „The Wildest Horses“ (für seine Tochter Autumn) etwas an musikalischer Spannung fehlt. Sobald Votolato dem reduzierten Sound jedoch weitere Elemente zufügt, gewinnen die Stücke merklich. Beim harmonischen „Southpaw“ (für seinen Neffen Peren) begleitet ihn die Musikerin Abby Gundersen, ihres Zeichens die Schwester von Singer/Songwriter Noah Gundersen, mit sanftem Background-Gesang, „The Great Pontificator“ (Stiefvater Spero gewidmet) profitiert von dem zurückhaltenden Einsatz eines Schlagzeugs.

Rocky Votolato schwelgt während der knapp 48 Minuten dieses vertonten Familienalbums in Erinnerungen an gemeinsame Momente mit der Person, für die er den jeweiligen Song geschrieben hat. Namen nennt Votolato in den Texten zwar nicht, dennoch lässt sich aus und zwischen den Zeilen oft herleiten, wer der Adressat ist. Bei „Texas Scorpion (The Outlaw Blues)“ etwa spricht er seinen leiblichen Vater an, der Mitglied in einer texanischen Motorradgang war und den Votolatos Mutter mit den Kindern früh verließ: „I know you did your best, with what you were giving / So don’t be too hard on yourself now, all is forgiven.“ Das Alter lässt im Rückblick nicht nur Milde, sondern auch Vergebung zu.

Foto: Rocky Votolato

„Little Black Diamond“ wiederum handelt von einem Spaziergang mit seiner Nichte Carissa, bei dem die beiden einen kleinen Stein aufsammelten, welchen Votolato jahrelang bei sich trug. Diese kleinen, persönlichen Anekdoten sind aufrichtig und schaffen eine intime, tatsächlich zu Herzen gehende Atmosphäre. Auch seine Mutter („Archangels Of Tornados“), seine Brüder Sonny und Cody („23 Stitches“ und „Breakwater“ – mit Cody spielte Rocky übrigens anno dazumal bei Waxwing), seine Schwester Brandi („Glory (Broken Dove)“), seine Nichte Jaida („Evergreen“), seine Frau April („x1998x“), Hund Saint („Little Lupine“) und Rocky selbst („There Is A Light“, geschrieben von Votolatos deutschem Musiker-Buddy Marcel Gein, der übrigens auch einige E-Gitarren zum Album beisteuerte) werden mit Songs bedacht. Den emotionalen Höhepunkt des Albums bildet jedoch fraglos „Becoming Human“, welches an sein ebenso jung wie tragisch verstorbenes Kind Kienan gerichtet ist. Votolato wurde mit Anfang Zwanzig Vater, und so erklärt er seinem Kind, welche Schwierigkeiten er damals hatte und warum er es beim Aufwachsen nicht so begleiten konnte, wie er es gewollt hätte. Wie Rocky Votolato in diesem Interview wissen lässt (ein weiteres findet man bei Interesse hier), konnte Kienan diese Liebeserklärung seines Vaters vor seinem Tod hören – so tragisch sich die Worte des Songs nun in die Votolato’sche Familienhistorie einfügen mögen, so tröstlich mag dieser Gedanken erscheinen. Und auch wenn Rocky Votolato mit „Wild Roots“ natürlich wieder kein formatradiotaugliches Hit-und-weg-Album zusammengetragen hat, so hört man dieser sympathischen Sammlung voll persönlicher Geschichten gern zu.

Rock and Roll.

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