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Song des Tages: Portugal. The Man – „Don’t Look Back In Anger“


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Wer sein neustes Werk „Woodstock“ nennt, der sollte damit rechnen, dass dem Gegenüber dabei auch so einige Assoziationen durch die Hirnrinde schießen – welche im Fall von Portugal. The Man durchaus enttäuscht werden.

Denn so richtig politisch ist das achte Album der US-Indierock-Band nicht. Eher: Hipper Hipster-Electro-Soul-Rockpop, der die Blumen nicht (mehr) im Haar trägt, sondern die bunt beschienene Tanzfläche damit ausschmückt, und die Faust nicht wutentbrannt gen Firmament, sondern freudig tanzend gen Diskokugel reckt. Vielmehr entstammt der Titel des neusten Studiowerkes (dem ersten seit „Evil Friends“ von vor vier Jahren) einer Konversation von Heliumstimmen-Frontmann John Gourley mit dessen Vater, der damals, 1969, beim legendären Musikfestival mit dabei gewesen sein soll.

Und diejenigen, die die Karriere von Alaskas Finest seit den Anfängen vor über zehn Jahren (das Debüt „Waiter: ‚You Vultures!‘“ erschien 2006) stetig mitverfolgen, dürften wissen, dass gerade Portugal. The Man eine Band sind, die sich stetigem Wandel unterwirft. Da werden sowohl munter Bandmitglieder getauscht wie die musikalische Ausrichtung – vom zackigen, Pirouetten schlagenden Frickelrock á la The Mars Volta über verqueren Lagerfeuer-Folk bis hin zu von Danger Mouse produziertem psychedelischem Soul-Pop war bereits alles drin in der tönenden Wundertüte aus Wasilla, Alaska.

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Und nun eben: Psych-Electro-Soul (die Eröffnungsnummer „Number One„, welche wiederum mit einem beim „Woodstock“-Festival aufgenommen Sample von Richie Havens beginnt), Autotune und Rapeinlagen („Mr. Lonely“ mit LA-Hip Hopper Fat Lip), Neo-Glam („Live In The Moment“), satte Radio- („Feel It Still„) und Modern-Rock-Hits („Easy Tiger“). Mit der teilweise so schön dreckigen Gitarrenmusik der Anfangstage hat all das nur noch wenig zu tun. Pop-Act (im Kleinen) statt Rock-Combo (mit Indie-Cred). Sonnenbeschienene Nachmittags-Festivalbühne statt miefiger Indie-Club. Das darf man schade oder gar scheiße finden, man kann es aber auch begrüßen. Entscheiden Sie selbst…

 

Um ihr neustes Studioalbum „Woodstock“ ausreichend zu promoten, haben Portugal. The Man kürzlich auch Halt in der niederländischen Radioshow „Ekdom in de Ochtend“ (also: „Ekdom am Morgen“ – mit Moderator Gerard Ekdom, welche auf NPO Radio 2 läuft) gemacht. Dort präsentierte die fünfköpfige Band ihre Covervariante des Oasis-Gassenhauers „Don’t Look Back In Anger“ (welcher durch die Ereignisse in Manchester vor wenigen Wochen wieder aus der Versenkung geholt wurde)…

 

…und eine Akustik-Version den neuen Songs „Feel It Still“:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Fayzen – „Herr Afshin“


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Noch vor ein paar Wochen dekodierten Jan Böhmermann und seine „NEO Magazin Royale“-Mannschaft mithilfe von ein paar Zoo-Affen den gesamten deutschen Weichspüler-Pop á la SchweighöferBendzkoGiesingerPoisel derart, dass man keinen der eben Genannten wohl je mehr hören kann (insofern das denn überhaupt jemand freiwillig möchte), ohne mit einem Schmunzeln im Mundwinkel an Böhmermanns formvollendete „Menschen Leben Tanzen Welt“-Persiflage zu denken.

Wer bei Fayzens Musik nicht genauer hinhört, würde den aufstrebenden Hamburger Musiker wohl (vor)schnell in dieselbe musikalische Kategorie stecken. Und könnte damit wohl falscher kaum liegen…

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Wer Musik wirklich ernst nimmt, der darf sie gern groß meinen. Der Musiker sollte keine Angst haben vor mächtigen Worten, er sollte etwas wollen, das bedeutender ist als er selbst, und deshalb ist es auch so richtig, dass Fayzen auf die Frage, wieso er im Alter von 15 Jahren mit der Musik angefangen hat, antwortet: „Ich wollte etwas Wahres machen. Und klar, die Welt verändern wollt’ ich schon auch.“

Damals, Ende der Neunziger, geht das mit schnellem, klarem, gesellschaftskritischem Rap der Marke „Freundeskreis“ und Mixtapes, die er mit einem Kumpel selbst produzierte, anschließend – und dazu gehört schon eine Menge Chuzpe und Mut zum Risiko – pressen ließ und von denen der heute 33-jährige Sohn iranischer Einwanderer über die Zeit ganze 20.000 Stück in den Straßen seiner Hamburger Heimat verkauft. Einen Großteil der Einnahmen schenkt er seinen Eltern, als Dankeschön für eine unbeschwerte Kindheit, die sie ihm trotz Flucht aus dem Iran ermöglichten.

Aber auch als Beweis: Schaut, euer Junge schafft das.

Fayzen-Cover-MeerDoch eigentlich zieht es den Jungen da schon wieder weiter. Denn so romantisch die Geschichte vom rappenden Straßenmusiker auch ist: Fayzen, der mit gebürtigen Namen Farsad Zoroofchis heißt, will auf die großen Bühnen und von dort aus gehört werden. Also bastelt er an einem Demo, bringt sich selbst Gitarre und Klavierspiel bei, arbeitet Tag und Nacht an Texten, denn Fayzens Musik kommt vom Wort. Doch umso klarer ihm wird, welche Geschichten er überhaupt erzählen will, desto unklarer ist auf einmal ihr Sound. Er probiert viel aus, schmeißt den Großteil wieder weg, das Demo wird und wird und wird nicht fertig, er lässt trotzdem nicht davon ab – und auch das ist ja eine Wahrheit der Kunst: Die Suche nach ihr auszuhalten, ist oft bereits der halbe Weg.

So ist es auch dieses Mal. Durch Zufall (den es nicht gibt) lernt Fayzen einen Musikmanager des Major-Labels Universal kennen – und plötzlich fließen die Dinge wieder. Er bekommt einen Plattenvertrag, 2013 erscheint sein Album „Meer“. Den HipHop hört man dort, wenn auch verschleiert, immer noch heraus, aber die meisten Titel sind weicher, stiller, Singer/Songwriter-Pop (beinahe) ohne allgemeingültige Worthülsen und die direkt aufs Charts-Podium abzielenden Instant-Gute-Laune-Lyrics vonSchweighöferBendzkoGiesingerPoisel. Fayzen singt von der Sehnsucht nach Zuhause und der Kraft des Fernwehs, er gibt dem Kummer einen Namen und der Hoffnung einen Sound. „Und Reim für Reim öffne ich mein Herz mit jedem Wort / Als ich’s das letzte Mal da draußen tat, da ging mein Mädchen fort“ heißt es etwa in „Paradies“, und selten wurde Liebeskummer im deutschen Pop der letzten Jahre schlichter und größer besungen.

0602557389920Am vergangenen Freitag nun erschien Fayzens neues Album, „Gerne allein“, eine weitere, noch persönlichere Platte, ein weiterer Versuch, mit im Pop gerührten HipHop Max Herre’scher oder Curse’scher Couleur im Kleinen an der Welt zu rütteln. Mit Geschichten aus einem Leben zwischen Hamburger Landungsbrücken und dem Teppichboden der Kindheit, aufrichtig, offen, ohne Schutzschild oder Scham. Klar, nicht jeder Song überzeugt gleichermaßen. Zoroofchis Stücke sind vor allem dann gut, wenn er es eben nicht jeder und jedem recht machen will, wenn er nur von sich und seinem Leben erzählt – man höre nur „Herr Afshin“, in dem der Deutsch-Iraner mit dem sonnig-verträumten Gemüt auf sein gesamtes Leben zurückblickt und von seiner musikalischen Sozialisation sowie der Suche nach einem perfekten Lied erzählt. Und: Ja, Fayzens Musik ist wahrhaftig. Näher vermag ein Künstler der eigenen gefühlten Wahrheit vielleicht gar nicht zu kommen. In Zeiten voller Angst, Unbeständigkeit und Zweifel, die Politik und Gesellschaft säen und die Wutbürger ernten, wirkt es fast wie ein schöner Anachronismus, wenn einer wie Fayzen singt „Alles wird gut“. Und es dann auch noch so meint.

 

 

Mehr Eindrücke vom neuen Fayzen-Album „Gerne allein“ gefällig? Hier gibt’s das Musikvideo zu „Wundervoll“…

 

…“Unschuldig“ als Spoken-Word-Variante…

zu dem Fayzen übrigens Folgendes zu sagen/schreiben hat:

„Ich bin liebevoll und behütet aufgewachsen. Die Arme meiner Mutter waren das Paradies. Als ich irgendwann anfing, mir auszumalen, wie die Welt da draußen wohl aussehen könnte, war diese Vorstellung deshalb auch ein Best-Case-Szenario. Einfach, weil es die Fortsetzung des Universums meiner Eltern war. Dann wurde ich älter. Und lernte, dass die Welt da draußen auch bedrohlich und gemein sein kann.

Die Grausamkeiten, zu denen der Mensch fähig ist, übertrafen jedes Vorstellungsvermögen, das mein fantasievoller, kleiner Kopf damals hatte. Der größte Schock jedoch war, als ich irgendwann realisierte, dass auch ich ein Teil dieser Grausamkeiten bin. Schon alleine weil ich in einem Staat lebe, der Ungerechtigkeiten wie Waffenexporte und Massentierhaltung betreibt. Dafür habe ich mich immer geschämt. Und diese Scham hat mich lahmgelegt. Ich habe mich ohnmächtig geschämt, viele Jahre.

Aber ich werde mich nicht länger schämen. Das Leben ist gut. Da bin ich mir sicher. Der Mensch ist auch Leben und ein Leben kann ein anderes Leben ändern. Es leichter und schöner machen. Das werde ich tun. Mein Leben und anderes Leben schöner machen und zulassen, dass andere mein Leben schöner machen. Weil ich es verdiene. Weil wir es verdienen. Weil das Leben es verdient. Einfach so. Ich schäme mich nicht mehr. Fayzen“ 

 

…und alle 15 Stücke angeteastert im „Album Player“ :

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


61gLcxNXArL._SS500Einar Stray Orchestra – Dear Bigotry (2017)

-erschienen bei Sinnbus/Rough Trade-

Schweden hat Abba, Finnland hat HIM, Dänemark hat Volbeat, Norwegen hat a-ha. Ist halt so. Und obwohl manch eine dieser Gruppen bereits seit Jahren Geschichte ist (Abba), sich gerade erst – der schnöde Mammon wird’s wohl möglich gemacht haben – für lukrative Konzert- und Plattendeals wieder zusammengefunden hat (a-ha) oder just bekannt gab, fortan das Zeitliche segnen zu wollen (HIM), verbindet mutmaßlich jeder popkulturell Geprägte zunächst einmal diese Bands mit den Ländern Skandinaviens.

Doch mal speziell zu Norwegen: Was hat das „Land der Fjorde“, das „Land der Trolle“, das „Land der Mitternachtssonne“, das „Land der Wikinger“ (das zumindest meint Google) denn noch zu bieten? Ja klar, weite, nordisch temperierte Landschaften, die ideal fürs Runterkommen fern des hektischen Großstadtdschungels oder für Angelurlaube sind, teuren Alkohol, eine gesunde Wettstreitsrivalität zum Rest Skandinaviens sowie faire und nicht selten recht lockere Arbeitsbedingungen – plus ein hervorragender, weit verbreiteter Gedanke namens „Janteloven“, entwickelt 1933 vom dänisch-norwegischen Autor Aksel Sandemoseder, der einen Verhaltenskodex über den Umgang der Norweger untereinander beschreibt. Es ist nicht erwünscht, sich für besser oder klüger zu halten als andere. Wer sich gerne in den Mittelpunkt stellt, wird schnell als Angeber verpönt. Könnten wir Festlandeuropäer uns mal ’ne Scheibe von abschneiden…

Und bei all den Künstlern und Bands, die sich da – eventuell ja im Norwegerpulli – in den letzten Jahren über die Landesgrenzen hinaus aufgemacht haben, die Welt zu erobern – von Leisetretern wie Kings Of Convenience über versierte Rocker wie Motorpsycho oder Madrugada bis hin zu Hardcore-Metal-Punk-Schreihälsen wie Kvelertak -, zeigt sich doch wieder, dass der Norweger Vielseitigkeit kann, denn die Musikszene in wie außerhalb Oslos hatte und hat freilich schon immer mehr zu bieten als a-ha, Ace of Base oder Aqua.

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Spätestens 2012, als sein Debütalbum „Chiaroscuro“ mit einjähriger Verspätung auch außerhalb der norwegischen Heimat erschien, erntete auch ein junger Mann namens Einar Stray allerlei möglichen Vorschusslorbeeren – und das völlig zu recht. Denn schon Strays Debüt war (und ist) ein Album voll mit aufwühlendem Indiepop, der mit der eigentlichen Einfachheit von Pop (oder zumindest von dem, was man so aus dem Formatradio kennt) so gar nicht zu vereinbaren war. Es enthielt orchestral instrumentierte Hymnen, komplexe Stücke, die mit Klassik, Folk und Postrock spielten und dabei so umarmend wie düster daher schlichen. „Chiaroscuro“ war (und ist) ein Album, so weit weg wie nur irgendwie möglich vom schnöden Indiepop – mit Klavier, Cello, Geige und Gesang als herausragende Elemente, entworfenen von ebenjenem Einar Stray, einem zierlich-dünnen Männlein Anfang zwanzig. Man höre nur den zehnminütigen, instrumentalen Schlusstrack „Teppet Faller“ – wer da nicht geplättet und zu Tränen gerührt die Arme gen Firmament reißt, dem seien an dieser Stelle Herz, Seele und musikalischer Sachverstand abgesprochen. Ernsthaft.

Danach folgte eine Umstrukturierung im aktuell fünfköpfigen Bandgefüge, die Songs des 2014 veröffentlichten Nachfolgers „Politricks“ wurden aggressiver, lauter, tobender, elektrisch verstärkte Gitarren und Feedback-Wände hielten mehr und mehr Einzug. „Politricks“ steckte, wenn auch noch mit einem Auge auf den Pop schielend, voll bitterer Bissigkeit, die sich im Ohr des Hörers gern bewusst quer legte, und wies den orchestralen Schönklang des Vorgängers nicht selten vehement zurück. Obendrauf gab es beim Bandnamen von nun an den Zusatz „Orchestra“.

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Dear Bigotry“ ist nun das dritte Album der Norweger um Einar Stray. Laut und wütend, ruhig und nachdenklich vereint es beide Seiten von „Chiaroscuro“ und „Politricks“ – und ist doch experimentierfreudiger als beide Alben zuvor. 2017 treffen bei dem norwegischen Bandleader, Jahrgang 1990, und seinen vier Bandmates Postrock auf klassische Klavier-Melodien und (beinahe) straighten Indiepop – nicht selten im selben Song. In „Glossolalia“ etwa versuchen sich Band und Soundeinspieler (eine Rede! eine Rede!) gegenseitig zu übertönen. Was versöhnlich beginnt, endet nicht selten in ausufernden Soundeskapaden.

Auch das Titelstück besitzt bereits in der Strophe eine gewisse unruhige Energie, man würde typischerweise eine Steigerung mit anschließender Entladung im Refrain erwarten, doch der verlagert nur das musikalische Gewicht auf den anderen Fuß, sodass hohle Bombastergüsse ausbleiben. Wenn das Schlagzeug dann doch losbollert, verhallt Vieles gewollt im luftleeren Raum, die dunkle wagnerianische Zuspitzung zum Schluss wirkt mit seinem stampfenden Klavier und sägendem Rhythmus wie eine ironische Überhöhung der Dramaturgie.

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Auch der Auftakt „Last Lie“ weist bereits zu Beginn einen gewissen Drive auf, Strays Gesang kühlt das unternehmungslustige Piano ein wenig runter, auch hier erwächst eine Erwartung des nahenden Ausbruchs, doch der Refrain gerät nicht zum himmelstürmenden Triumphzug, wirkt trotz der seidigen Hymnik nachdenklich: „I´m tired of the tiredness“. Dazu mischt die Band wunderschöne rhythmische Versätze, die besonders in der Songmitte für neue Farbgebung sorgen.

Auf dem Sprung ist direkt von Beginn an das tolle „As Far As I´m Concerned“, dass niemals so wirklich still hält und dem mächtige Gitarren und ein jubilierendes Keyboard in die Parade fahren, während das Auf- und Abschwellen der rhythmischen Frequenz dabei ein geradezu elastisches Klangkleid webt. In diesem Stück gibt es übrigens auch den einzigen lehrbuchmäßigen Bombastmoment (of Postrock fame): zwischen weit ausholendem Schlagzeugstakkato laufen delirierende Flöten und energische Streicher um ihr Leben, es kracht, die Balken brechen, der Himmel stürzt ein.

Klar, das Einar Stray Orchestra operiert zwar gerne und oft am oberen Ende der mit Pathos aufgeladenen Emotionsskala, ist aber schlau genug, Ruheinseln einzubauen. „Seen You Sin“ ist ein an- und abschwellender Strudel aus Klavier und Streichern, die dem Gesang von Einar Stray oftmals den sicheren Boden zu entziehen scheinen. Dass an solchen Stellen nicht zwangsläufig noch ein Knalleffekt eingeschoben werden muss, zeugt von der kompositorischen Weitsicht der Norweger. Der Musik gewordenen Verschnaufpause innerhalb all dieser Opulenz, dem schönen „20.000 Nights“, wird ebenso der Ausbruch verweigert. Der männlich-weibliche Duettgesang wirkt wie in einer staubigen Box eingeschlossen, draußen ist die bunte Welt, doch der Schlüssel bleibt unauffindbar, der Refrain zieht dann auch nur um ein Weniges die Intensität an, man bleibt unter sich: „And when the television hostess is put to ground / I’ll be on television singing on her song / With tears of joy cause, how I’ll love to announce / She was my savior and my youth, sometimes my doubts…“

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In den Songs von „Dear Bigotry“ verhandeln Einar Stray Orchestra die großen Themen rund um Politik, Religion und das harte Los der Liebe in modernen Zeiten, das Zaudern des Individuums mit der Gesellschaft, unsere Doppelmoral und innere wie äußerliche Zerrissenheit – die liebe Bigotterie. All das sind freilich nur allzu offensichtliche Themen für eine Bande weltoffener Mittzwanziger (man denke an den Ausspruch „Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.“, welcher mal dem französischen Politiker Georges Clemenceau, mal dem britischen Staatsmann Winston Churchill zugeschrieben wird), und sie sind selbst – und gerade – für das Einar Stray Orchestra keineswegs Neuland. 2012 etwa veröffentlichten die Norweger mit dem gespenstischen A-Capella-Stück „For The Country“ ihre ganz eigene Version eines Anti-Kriegs-Liedes, welches mit Zeilen wie „Good bye, my love, good bye / I will never see you again / The terrorist will hunt me down / The terrorist will kill your man / See you in heaven, my love“ auch einen unmissverständlichen Kommentar auf das darstellte, was sich nur ein Jahr zuvor auf der Insel Utøya, rund 30 Kilometer von der Hauptstadt Oslo entfernt, ereignete, als der irre Rechtsextremist Anders Behring Breivik innerhalb weniger Minuten ein Blutbad anrichte, bei dem insgesamt 77 Menschen, überwiegend Teilnehmer an einem Zeltlager der Jugendorganisation „AUF“ der sozialdemokratischen Arbeiderpartiet, ums Leben kamen (die Inspiration für „For The Country“ schreibt Einar Stray übrigens den kanadischen Postrock-Koryphäen A Silver Mt. Zion und deren Song „American Motor Over Smoldered Field“ zu). Doch obwohl das Einar Stray Orchestra spätestens mit dem seinen Zeigefinger bereits im Titel tragenden „Politricks“ als durchaus um Zeitgeist-Kritik bemühte Band bekannt sein dürfte, fügt das Quintett der eigenen Sozialkritik mit Album Nummer drei noch einige wichtige Nuancen hinzu. So singt Stray etwa im großartigen „As Far As I’m Concerned“: „Meeting people is easy / From a bar to a bed / But I can’t meet my own eyes / In the bathroom mirror of a stranger in the morning / Pixelating the girls of that dawn / Their flesh and bones in data codes / I thought I saw their souls, I saw their holes / The anthem of a hypocrite / Is shaking the arena seats / I wanna be the opposite / To prove you that I’m all the same“. Oder in „Penny For Your Thoughts“: „We got everything / But there’s something missing / We got everything we dreamed of except for dreams / We’re everything they ever wanted us to be“. Viel schöner als mit Zeilen wie diesen konnte auch einer wie Thom Yorke seine gesellschaftlichen Kommentare nicht ins Mikrofon greinen.

Dass all das nicht nach hinten los geht, liegt vor allem daran, dass die Kompositionen nicht hinter dem (nicht eben tief gestapelten) inhaltlichen Anspruch hinterherhinken, sondern eine konsequente klangliche Umsetzung finden. Vielleicht sollte man bei Einar Stray ohnehin besser von Kompositionen als von Songs reden. Die bis ins letzte Detail ausgestalteten Klanglandschaften tragen einen in eine fantastische Welt. Und so irgendwie auch weg von den besungenen Problemen, hinein in die eigene Gefühlswelt. Die Songs branden auf und fallen wieder in sich zusammen, wie das Meer an einer schroffen norwegischen Küste.

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Die Krux ist, dass einer der größten Trümpfe des Einar Stray Orchestra gleichzeitig das, wenn man so will, größte Manko von „Dear Bigotry“, das von Team-Me-Frontmann Marius Hagen produziert wurde, darstellt: Jede Ecke dieser Stück ist ausgemalt in schillernden Tönen, kein Winkel wurde vergessen. Wer es sich einrichten will in diesen Kompositionen, muss sich erst einmal durch all die Schichten wühlen, denn die Songs schwirren einem nur so um die Ohren, so dass man zunächst nicht weiß wo man zuerst hinhören soll. Doch bald erkennt man eine wohlsortierte Ordnung und hinter all den Chören, Streicherflächen und perlenden Klaviermelodien kommen wunderbar schillernde Popsongs zum Vorschein. Zusammengehalten werden die Songs vor allem durch Einars tiefe, beruhigend warme Stimme, die selbst dann nicht die Ruhe verliert, wenn außen herum alles anfängt in die Luft zu fliegen. Das erinnert manchmal vorsichtig an das Ergebnis, welches man wohl bekommen würde, würde man Künstler und Bands wie Yann Tiersen, Sufjan Stevens, Patrick Wolf und Sigur Rós zusammen in eine – zugegebenermaßen dann recht große – Holzkiste sperren und erst wieder herauslassen, wenn ebenjenes Team auf Zeit ihre Version eines Arcade-Fire-Coveralbums durch einen Bodenschlitz nach außen reicht. Klingt anstrengend? Ist’s auch, irgendwie, denn dieses Album fordert schon mehr als ein halbes Ohr im Hintergrund. Und wenn am Ende des letzten Stücks „Synthesis“ die zuvor noch jubilierenden Bläser verstummt sind, wenn nichts mehr zu hören ist, keine epischen Melodien mehr, keine irisierenden Klangflächen, keine euphorischen Chöre, keine diffizilen Rhythmen mehr und nur noch weißes Rauschen, dann ist auch der Zuhörer ein wenig müde. Im besten Fall jedoch auch: verzückt.

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Via Bandcamp kann man sich „Dear Bigotry“ in Gänze anhören…

(alle Texte findet man hier…)
 
 

…und hier die Musikvideos zu „As Far As I’m Concerned“…

 

…und „Penny For Your Thoughts“…

 

…sowie zweiteren Song auch als Live-Session-Version anschauen:

  

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Brutus – Burst (2017)

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Kleines Quiz gefällig? Dann: Hefte raus, Klassenarbeit! Und nun nennt mir mal bitte zehn singende Schlagzeuger! Auf die Plätze – fertig, los!

Ringo Starr vielleicht? Nee, der hielt sich bei den Beatles ja tunlichst im Hintergrund, wurde von Lennon/McCartney ja – vielleicht zu recht – gar bewusst in den Hintergrund seiner kleinen Fell-Schießbude platziert. Der ewige Poppunker Bela B? Ja klar, der umtriebige Trommler der Ärzte ist aus der deutschen Musiklandschaft kaum mehr weg zu denken. Und Phil Collins natürlich – man hat fast vergessen, was der Mann zuerst mit Genesis in den Siebzigern für den Progrock und ab den Achtzigern und in den Neunzigern auch solo popmusikalisch geleistet hat und was der heute 66-Jährige – zumindest anno dazumal – für waghalsige Rhythmen am Drumkit zustande gebracht hat. Oder Josh „Father John Misty“ Tillman, der ja vor einiger Zeit noch als Taktgeber und Harmoniesänger der Fleet Foxes fürs nötige Hintergrundfeeling zuständig war. Und freilich Dave Grohl, der ja in den Neunzigern mit Nirvana erst dankenswerterweise dem dämlich-dumpfen Hair Metal den Garaus gemacht und flugs Grunge salonfähig in den Pop überführt hat. Aber der trommelt heute bei seiner Hauptband, den Foo Fighters, wie man weiß kaum noch, macht(e) das eher bei den Queens Of The Stone Age (das Jahrhundertwerk „Songs For The Deaf“) oder bei Nebenprojekten wie Them Crooked Vultures (da mit an Bord: QOTSA-Vorsteher Josh Homme und LedZep-Basser John Paul Jones). Wer trotzdem eine Ahnung davon bekommen möchte, was Grohl am Schlagwerk draufhaben mag, der dürfte sich das Gerücht, dass der Sympath einst für die bis heute einmalige Led-Zeppelin-Reunion-Show im Jahr 2007 als Ersatz für den legendären, 1980 verstorbenen Drummer John Bonham im Gespräch war, bis dessen Sohn Jason – statt Dave Grohl – die Stöcke in die Hand nahm, genüsslich auf der Zunge zergehen lassen… Ansonsten jedoch? Pophistorisch Fehlanzeige. Gerade wenn man versucht, nach singenden SchlagzeugerINNEN Ausschau zu halten. Und, Leute: Meg White von den seit 2011 auf Eis liegenden White Stripes scheidet natürlich aus, die Dame kann ja – bei aller Liebe – nicht einmal ordentlich trommeln…

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Umso erstaunlicher ist das, womit Brutus auf ihren jüngst erschienenen Debütalbum „Burst“ um die Ecke biegen. Brutus? Gemeint sind hier natürlich weder die 2000 gegründete niederländische Death-Metal-Band noch die seit 2007 bestehende norwegische bluesende Hard-/Stoner-Rock-Formation. Nein, diese Brutus stammende aus dem belgischen Leuven und haben sich als Trio einst zusammengefunden, um den legendären Hardcore-Punk-Schweden von Refused als Tribute-Coverband ihre Ehre zu erweisen.

Mittlerweile sind Stefanie Mannaerts (Schlagzeug, Gesang), Stijn Vanhoegaerden (Gitarre) und Peter Mulders (Bass) den Coverband-Schuhen entwachsen und haben – wenn auch unter reichlich unkreativem Bandnamen, der geradezu zu Verwechselungen einlädt – ihren ganz eigenen Sound entwickelt, der Grenzen sprengt, sich allerhand Eigenwilligkeiten herausnimmt und gerade auf Albumlänge zu einem wahren Höllenritt zwischen den Genres gerät. So werfen Brutus Punkrock, (Post-)Hardcore, Shoegaze, Post-, Math- und Progrock in einen Topf und garnieren das Ganze auch noch mit einem Sträußchen sinistrem Black Metal. Ganz richtig: was sich so vogelwild liest, ist es auch. Dass diese Mischung dennoch aufgeht wie ein Hefezopf, ist das Verdienst von drei technisch höchst versierten Musikern, die mit allerhand frischem Herzblut an ihre Song gewordenen Kinder heran gehen und den schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn bestens zu beherrschen scheinen.

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Und das Dargebotene ist wirklich… besonders! Da ist zum einen diese rotzig-freche Stimme der – jawollja! – singenden Schlagzeugerin Stefanie Mannaerts, welche wie die belgische Schwester von The-Joy-Formidable-Frontfrau Ritzy Bryan klingt. Oder wie die wütende Nichte von Cranberries-Grand-Dame Dolores O’Riordan. Oder wie die exotisch-europäische Ausgabe von Ex-Distillers-Derwisch Brody Dalle, als diese noch Punkrock im Blut und Gift und Galle in den Mundwinkeln hatte. Man versteigt sich keineswegs mit der Aussage, dass Mannaerts in den lichten Momenten von „Burst“ ohne Aufhebens auch in eine unangepasst-angepunkte Alternative-Band passen würde. Voller Inbrunst changiert sie zwischen den Tonlagen, wechselt beinahe schon spielend zwischen aggressivem, fast nöligem Shouten und verträumten, leidenschaftlichen Momenten hin und her (man höre „Bird“!) und skandiert Textzeilen, die eher wie Parolen daherkommen, während sie ihr Schlagzeug bis hin zu Black-Metal-Blastbeat-Parts variantenreich bearbeitet (der Abschluss „Child“!). Zum anderen ist es vor allem die wirklich entfesselte Gitarrenarbeit, die wichtige Akzente setzt. Gitarrist Vanhoegaerden lässt sein Instrument flirrend für zwei singen, baut epische, turmhohe Soundkathedralen, entlockt ihm wild gefrickelte Solo-Kaskaden oder rifft auch einfach nur mal kräftig drauf los.
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Auch die Songstrukturen der elf Songs sind irgendwie… ungewöhnlich. Die Parts purzeln nur so durcheinander, dass dem geneigten Hörer bei all der Dynamik fast schon schwindelig wird. Der große Pluspunkt bei Brutus ist jedoch, dass die drei es dennoch verstehen, mitreißende Songs zu komponieren, denen es bei aller Härte keinesfalls an Melodien und Eingängigkeit fehlt. Im Gegenteil, die Stücke fesseln einen mit ihrer dichten Produktion, für welche sich Jesse Gander (Japandroids, White Lung, Comeback Kid), in dessen Studio im kanadischen Vancouver das belgische Trio an den Songs feilte, verantwortlich zeichnet, von der ersten Minute an, auch wenn es vielleicht ein paar Hördurchläufe braucht, bis man den ganzen Wahnsinn vollends begreift. Geduld wird in jedem Fall belohnt, denn Brutus haben ein unfassbares Talent und Gespür dafür, spannende, mitreißende Songs zustande zu bringen, die zu gleichen Teilen unvorhersehbar aber trotzdem äußerst eindringlich sind. Ein Höllenritt zwischen den Stilen, fürwahr. Aber einer, den man so seit Ewigkeiten nicht mehr erlebt hat!

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Mein Erstkontakt mit Brutus vor weniger Tagen war diese Live-Session-Version des Albumsongs „Horde II“. Mein erster Gedanke, ganz simpel: „Geil.“. Kann ich noch immer so unterschreiben…

 

Auch toll: diese live in den Pariser Red Bull Studios eingespielte Version des beinahe schon poppigen „All Along“…

 

…zu dem man sich hier auch das Musikvideo anschauen kann:

 

Ebenfalls „geil“ ist das bei aller Punk-Abfahrts-Härte verdammt eingängige „Drive“…

 

Rock and Roll.

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Der Jahresrückblick – Teil 1


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Dem regelmäßigen Besucher von ANEWFRIEND mag eventuell nicht entgangen sein, dass es in den letzten zwölf Monaten – gerade im Vergleich zu den Vorjahren – recht wenige „Alben der Woche“ gab. Doch keine Angst, natürlich – und auch das dürfte wohl aufgefallen sein – habe ich nicht plötzlich aufgehört, (neue) Musik wie ein nach Tönen verrückter Schwamm in mich aufzusaugen. Nein, 2016 ließ mir einfach, bei all den Nebenschauplätzen im Privaten und Beruflichen, zu wenig Raum und Energie, um mich hier in längeren Artikeln mit all den tollen, (für mich) neuen Alben und Künstlern zu beschäftigen. Stattdessen wurde so manches Werk – ob nun verdient oder nicht – im Zuge des ein oder anderen „Song des Tages“ *hust* „abgefrühstückt“.

Auch werden im diesjährigen Jahresrückblick Besprechungen zu meinen persönlichen „Filmen des Jahres“ und „Serien des Jahres“ fehlen. Und obwohl ich auch da das ein oder andere in Erinnerung bleibende Beispiel erwähnen könnte (etwa „Money Monster„, „Eye In The Sky„, „The Lobster“ oder „Miss Peregrine’s Home For Peculiar Children“ bei den Filmen sowie die Dauerkandidaten „The Walking Dead“ oder „Shameless“ bei den Serien, da jedoch auch die tolle britische Sci-Fi-Miniserie „Black Mirror„), fehlt mir in diesen letzten Tagen von 2016 einfach die Energie, um hier länger darauf einzugehen… Ich hoffe, ihr versteht das.

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Zeichnung: Oli Hilbring / Facebook

Doch zurück zur Königsdisziplin, den „Alben des Jahres“ von und auf ANEWFRIEND! Oder: zum Musikjahr insgesamt. War grässlich, oder? Klar, auch in den vergangen zwölf Monaten erschienen so einige tolle Alben von neuen wie bewährten Künstlern, aber was hat sich diese kleine Schlampe namens „2016“ für eine Mühe gegeben, nicht wenige unserer Lieblingskünstler nur ja nicht mit ins neue Jahr (aka. 2017) zu lassen? David Bowie, Prince, Leonard Cohen – alle drei Jahrhundertgenies und Musiker von Weltformat, die zwar nicht zu jedem Zeitpunkt ihrer Karriere unfehlbar waren (welcher Künstler ist das schon?), aber irgendwie immer da waren, immer verlässlich Neues und absolut Eigenständiges ablieferten. Außerdem für immer verstummt: Keith Emerson, Greg Lake, Alan Vega, Sharon Jones, Merle Haggard, Glenn Frey, Manfred Krug, Walter Scheel, Hans-Dietrich Genscher, Guido Westerwelle, Fidel Castro, Bud Spencer, Götz George, Muhammad Ali, Roger Cicero, Peter Lustig, Roger Willemsen, Miriam Pielhau, Achim Mentzel, Alan Rickman, Anton Yelchin, und jetzt auch noch George Michael – um nur einige Wenige zu erwähnen. Ohne sie wird diese Welt keine andere sein („The show must go on“, um es mit Freddie Mercury zu sagen), jedoch eine weitaus weniger bunte. Ein Scheißjahr, was die Verluste für Kultur und Zeitgeschehen betrifft…

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(gefunden bei Facebook)

Hoffen wir also, dass sich 2017 milder zeigt als die vergangenen zwölf Monate. Denn wie unausstehlich wäre eine Welt, in der wir nur zwischen Helene Fischer, Frei.Wild und den sowieso unkaputtbaren Rolling Stones wählen könnten? Eben. Bleibt alles anders…

 

  

conor-oberst-ruminations1.  Conor Oberst – Ruminations

Wie ich bereits vor einigen Wochen schrieb: „‚Ruminations‘ ist ein großes, ernsthaftes Werk, an dem man sich kaum satt hören möchte. […] So gut, so nah, so ergreifend war Conor Oberst schon lange, lange Zeit nicht. Vielleicht sogar: noch nie.“ Dem habe ich auch heute kaum etwas hinzuzufügen, außer der erneuten Bitte, diesem grandiosen Singer/Songwriter-Werk euer Ohr zu leihen. Mit dieser Rückkehr zu alter Größe habe ich bei Conor Oberst – ganz ehrlich zugegeben – nicht gerechnet (jedoch immer gehofft). Umso schöner, dass dieser Mann – immerhin einer meiner Allzeit-Lieblingskünstler – es trotzdem geschafft hat, mich nach Jahren noch einmal komplett aus den musikalischen Socken zu hauen.

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will-varley2.  Will Varley – Postcards From Ursa Minor

Und auch auf dem Silber-Platz hohe Singer/Songwriter-Kunst – nur diesmal nicht aus dem US-amerikanischen Omaha, Nebraska, sondern aus good ol‘ England. Und obwohl „Postcards From Ursa Minor“ bereits im Oktober 2015 erschien, hat mich Will Varleys drittes Album wie kaum ein anderes durchs komplette Jahr 2016 getragen, denn auch zwischen Januar und Dezember brachte kein anderer Akustikgitarrenbarde einen derartigen – geglückten – Spagat zwischen intim angelegter Nachtmelancholie („The Man Who Fell To Earth“) und absolut hintersinniger Witznummer („Talking Cat Blues“) zustande, dessen Spektrum mal eben so ziemlich jedes menschliche Gefühl in Nylonsaiten gießt. Unterhaltsam, großartig, bewegend, lustig, traurig, niederschmetternd, hoffnungsvoll – durch jede Regung wird der Hörer in den 50 Minuten von „Postcards…“ gezogen. Und kaum jemals war all das schöner anzuhören. Da konnte der Nachfolger ja nur gegen anstinken (und tat das auch, wie weiter unten zu lesen ist)…

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julien-baker3.  Julien Baker – Sprained Ankle

Ebenfalls eigentlich im Oktober 2015 erschienen, ist das Debüt der 21-jährigen Musikerin aus Memphis, Tennessee meine persönliche Entdeckung des Jahres, dessen lediglich neun Songs tief ins von Melancholie getränkte Fleisch schneiden. PJ Harvey meets Elliott Smith, gepaart mit jugendlicher Naivität. Bewegend, ehrlich.

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daughter-not-to-disappear4.  Daughter – Not To Disappear

Ach, Elena Tonra muss eigentlich nur die Lippen bewegen, und schon hat sie mich. Dass die zehn neuen Stücke des zweiten Daughter-Albums auch das klangliche Spektrum der dreiköpfigen Band aus London um Songs mit dezent elektronischer Grundlage oder Klangkathedralen von Sigur Rós’scher Größe erweitern, ist dabei natürlich nicht von Nachteil. Aber, hey: Melancholie nimmt eben keine Gefangenen.

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summering5.  Summering – Summering

Dass diese kanadische Band noch immer (scheinbar) keine Sau kennt, ist – gelinde gesagt – eine riesige Sauerei. Ich verspreche: Wer die älteren Alben von Wintersleep mag und mochte, wird auch mit dem selbstbetitelten Debüt von Summering (ebenfalls im Oktober 2015 erschienen, ebenfalls erst 2016 bei mir angekommen) glücklich süchtig. Noch dazu gibt’s das Ganze als „Name your price“ via Bandcamp zum Download. Ausreden gibt’s also keine!

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frightened-rabbit-painting-of-a-panic-attack6.  Frightened Rabbit – Painting Of A Panic Attack

Dass Scott Hutchison und seine Lads von Frightened Rabbit nach drei Jahren ein neues Album veröffentlichen und dieses es dann nicht ANEWFRIENDs Top 3 des Musikjahres schafft (immerhin war der Vorgänger „Pedestrian Verse“ anno 2013 mit Abstand und Ansage mein „Album des Jahres„), dürfte eigentlich schon als Schlappe für die fünf Schotten gelten. Aber keine Angst, trotz der Tatsache, dass sich auf „Painting Of A Panic Attack“ weniger Songs befinden, die das Hörerherz sofort einkassieren und nicht mehr hergeben (oder war’s umgekehrt?), ist auch das mittlerweile fünfte Studioalbum des stets eigenwilligen schottischen Quintetts kein schlechtes.

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the-hotelier7.  The Hotelier – Goodness

Zig Mal gehört, und noch immer kann ich „Goodness“, das dritte Album von The Hotelier nicht so ganz einordnen. Ist das noch Indierock oder schon Naturstudie? Ist das noch Emo oder längst zu erwachsen dafür? Sind das noch eigenständige Songs oder ein 45-minütiges Konzeptalbum? Steht die Band aus dem US-amerikanische Worcester, Massachusetts nun die großen Band New oder doch eher den seligen Sunny Day Real Estate näher? Fragen, Fragen, Fragen – aber sind die spannendsten Alben nicht immer jene, die man eben nicht auf Anhieb versteht? Was „Dealer“ von Foxing im vergangenen Jahr war, ist dieses Album 2016 für mich gewesen: ein faszinierendes Kuriosum mit Repeat-Garantie. Und die acht Naturnudisten vom Cover machen meine Verwirrung nur noch runder…

 

tigeryouth8.  Tigeryouth – Tigeryouth

Tilman Benning ist ein korrekter Typ, der vor allem 2016 mit seiner Akustischen und (s)einer dezent zerschossenen Tom-Waits-Reibeisenstimme im Gepäck kreuz und quer durch die Bundesrepublik (und manchmal sogar darüber hinaus) gereist ist, um den Punks, Pennern und Penunzeneigentümern in all den kleinen Clubs und AJZs die Songs seines neusten, selbstbetitelten Albums näher zu bringen, welche Tigeryouth-Benning als torkelnden Troubadour mit Hang zum Geschehen am Tresen und dem Herzen nah an Leben und Scheitern präsentieren – opulenter manchmal gar, als noch auf dem 2014 erschienenen Debüt „Leere Gläser“.

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tiger-lou9.  Tiger Lou – The Wound Dresser

Tiger Lou sind zurück, acht lange Jahre nach dem letzten Album „A Partial Print“. Und obwohl „The Wound Dresser“ manchmal zu viel von allem will (und freilich auch all die kreative Energie der langen Auszeit kanalisieren muss) und am Ende zu selten wirklich große Songs dabei herausspringen (die vorab veröffentlichten Stücke „Homecoming #2“ und „California Hauling“ einmal ausgenommen), haben Frontmann Rasmus Kellerman und seine nicht mehr ganz so blutjungen Kumpels freilich immer ’nen festen Fleck für sich reserviert, der „The Wound Dresser“ in diesem Jahr eine Ecke in den Jahren-Top-Ten sichert…


 
touche-amore-stage-four10. Touché Amoré – Stage Four

Ein großes, ein lautes, ein wütendes Album ist Jeremy Bolm, seines Zeichens Stimme und somit Frontschreihals von Touché Amoré, da gelungen. Ein musikalischer Abschiedsbrief an seine Ende 2014 an Krebs verstorbene Mutter. Die Band steht damit – sowohl, was das Musikalische als auch, was das Lyrische betrifft – in einer Reihe mit persönlichen Herzwärmern wie La Dispute oder Pianos Become The Teeth, deren letzte Alben in den vergangenen Jahren lauthals in mein Hörerherz gepoltert sind. Und obwohl mir das auf Dauer eine Spur zu – ich geb’s offen zu – heavy ist, hat das im September erschienene vierte Album der Post-Hardcore-Band aus Los Angeles, „Stage Four“, auch mich bewegt und innerlich aufgewühlt. Ja klar, Touché Amoré lassen dem Indierock etwas mehr Raum als noch auf den Vorgängern, richten manch ein Stück geradezu spartanisch ein (was den Texten nur noch mehr Gewicht verleiht), haben mit dem abschließenden „Skyscraper“ gar ein Gänsehaut-Duett mit Julien Baker (ja richtig, der jungen Dame vom Bronzeplatz) an Bord. Vergleiche mit The National verbieten sich trotzdem. Alle in allem: Wer Screamo-Schreihälsen und laut polternden Gitarren nicht komplett abgeneigt ist, den können diese elf Songs gar nicht kalt lassen. Isso.

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…und auf den weiteren Plätzen:

Savages – Adore Life

Kevin Devine – Instigator

Die Höchste Eisenbahn – Wer bringt mich jetzt zu den Anderen

 

  

Geheimtipp 2016:

drawing-circlesDrawing Circles – Sinister Shores

Alternativer, melancholischer Ambient könnte man das Ganze nennen, was das Trio aus Bonn das auf dem Erstling „Sinister Shores“ (deutsch, in etwa: unheilvolle Ufer) da fabriziert. Dabei flüstert und schreit Sänger Vincent, er singt und presst sich seine Gefühle von der leidwunden Seele, mal still und in sich gekehrt, dann wieder mit sich fast überschlagender Stimme und rauchig-laut anklagend. Mit Worten unterlegte Postrock-Schlummermusik aus deutschen Gefilden und auf (fast) internationalem Niveau? Ist genommen.


 
Enttäuschungen 2016:

wintersleep-the-great-detachment-500x500Wintersleep – The Great Detachment

Drei verdammt großartige Alben haben Wintersleep bis zum 2007 erschienenen „Welcome To The Night Sky“ hinbekommen. Mittlerweile jedoch – und auch diese Serie hält nun schon drei Werke an – lassen mich die Alben der Band aus dem kanadischen  Halifax, Nova Scotia von Mal zu Mal mehr kalt. Daran ändert leider auch das neue „The Great Detachment“ nichts. Hoffen wir, dass Paul Murphy und Co. den Hebel irgendwann wieder in die andere Richtung umlegen können…

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wvlplargeWill Varley – Kingsdown Sundown

„These are the most honest songs I’ve ever written and they represent new ground for me creatively. They may not be radio friendly, or even ‚friendly‘ at all, but I’ve been wanting to make a record like this for a long time.“ Stimmt, die elf Stücke von „Kingsdown Sundown“ sind – gerade mit den Vorgängern verglichen – ein recht radikaler Schritt des britischen Singer/Songwriters hin zu mehr Trostlosigkeit und zur düsteren Seite der Melancholie – Radiofreundlichkeit hört sich logischerweise anders an. Radikal nicht der Musik selbst wegen, denn auch die Vorgänger kamen oft als Wanderbarden-Nummern ganz auf der Akustischen aus. Vielmehr sind die Themen, die Varley anstimmt, die einer Zeit, die wenig Licht ins Dunkel lässt. Auf den vorangegangenen Werken – gerade dem großen „Postcards From Ursa Minor“ (siehe Platz 2 ) – wurde den dunklen Thematiken noch zumeist eine Prise Ironie entgegengestellt. Da diese hier fast gänzlich fehlt, legt sich einem „Kingsdown Sundown“ schnell aufs Gemüt. Repeat? Gern, aber wohl dosiert…

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radiohead-coverRadiohead – A Moon Shaped Pool

Die unfehlbaren Radiohead. Die Meister, wenn es darum geht, den dunklen Zeiten von Technologiewahn und Kapitalismus den entsprechenden Soundtrack zu liefern. Klar, ich liebe die Alben von „OK Computer“ über „Kid A“, „Amnesiac“ bis zu „In Rainbows“ aus so vielen Gründen (die wichtigsten, logischerweise: die Songs sind einfach großartig, die Werke wirken als Ganzes intensiv nach). Das größte Plus von Thom Yorke und Co. ist freilich, dass ihrem Konzept noch niemand so ganz auf die Schliche gekommen ist und sie durch so einige kluge Schachzüge der Vergangenheit mittlerweile absolute kreative Narrenfreiheit besitzen – und diese nutzen sie auch auf „A Moon Shaped Pool“, Studioalbum Nummer neun seit 1993, genüsslich aus. Das Ergebnis ist stiller, intimer als noch das vor fünf Jahren erschienene „The King Of Limbs“, das vor technoiden Experimenten ganz wirr war. Die elf zumeist neuen Stücke (einzig das abschließende „True Love Waits“ kennen Fans bereits längst als Live-Version) baden oft knietief in den Orchesterarrangements von Jonny Greenwood, hat doch der sonst als Gitarrist tätige Tausendsassa durch so einige Soundtrack-Arbeiten längst sein Faible für raumfüllende Musik entdeckt. Hinten hinaus hockt natürlich dann Chefgreiner Thom Yorke und verbreitet seine finsteren Gedanken zur Welt als solche und verarbeitet obendrein noch die „total einvernehmliche“ Trennung von Lebenspartnerin Rachel Owen, mit der er 23 Jahre liiert war und zwei gemeinsame Kinder hat (zum verdammten 2016 passt dann wieder, dass Owen vor wenigen Tagen im Alter von 48 Jahren starb). Ist alles nicht wirklich schlecht anzuhören, lässt mich jedoch ebenso kalt wie die Stimmung, welche Radiohead wohl stets im Sinn haben… Schade.

 
Rock and Roll.

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Song des Tages: I Have A Tribe – „Cuckoo“


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I Have A Tribe – der Bandname klingt schwer nach Künstlerkollektiv. So ähnlich – oder eben nicht – ist es denn auch, denn hinter I Have Tribe steht eigentlich Patrick O’Laoghaire ganz allein. Ungefähr so, wie hinter Bon Iver Justin Vernon ganz allein steckt. Für seine Musik holt sich der aus Dublin stammende Ire, der sich vom Wort „Tribe“ auf einer Plakatwand zum Bandnamen inspirieren ließ, jedoch offenbar gern Unterstützung von Freunden und Bekannten, nachzusehen etwa im Musikvideo zum Song „Cuckoo“. Selbiges ist nicht etwa standesgemäß in einem irischen Pub entstanden (das wäre denn wohl des Klischee zuviel gewesen), sondern wurde an einem sonnigen Tag in der Reichenberger Straße in Berlin-Kreuzberg gedreht, als O’Laoghaire seine Akustikballade in einem Hinterhof-Loft am Klavier zum Besten gab. Da begleitet ihn ein Buddy an der Gitarre, ein anderer am Kontrabass, plötzlich vernimmt man betörende Backing Vocals von irgendwo her. Und selbst wenn das anwesende Publikum scheinbar nur zuschaut und -hört – es wirkt, als entfalte O’Laoghaires „Cuckoo“ erst durch die Stille seiner Zuhörer seine ganze fragile Kraft.

Patrick O’Laoghaire sagt über Song und Video: „Another lovely experience making a music video with Myles, this time surrounded by the beautiful paintings of David Hedderman in Berlin, where the song Cuckoo was written, after listening to Bruce Springsteens ‚Nebraska‘, perched in a hammock in this inspiring city“, und der Regisseur Myles O’Reilly stimmt ein: „It was a thrill to visit beautiful Berlin from Ireland and make this video with Patrick in his friend David Heddermans studio. Like the other videos I have been fortunate to make recently for I Have A Tribe, we were able to include very strong themes of culture, craft and creativity.“

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Zu finden ist „Cuckoo“ auf dem bereits im Mai erschienenen Debütalbum „Beneath A Yellow Moon“ auf dem von Herbert Grönemeyer ins Leben gerufenen Label Grönland (sic!) – und damit mindestens sechs Monate zu früh, denn die elf Stücke, welche vor allem mithilfe von Produzent Paul Savage (Mogwai, Aereogramme, Arab Strap) in Glasgow, aber auch zusammen mit Villagers-Frontmann Conor O’Brien im heimischen Dublin aufgenommen wurden, passen ebenso gut zur sommerlichen Jubel-Trubel-Heiterkeit wie ein Schneemann an die Copacabana. Vielmehr webt O’Laoghaire sich in seinen Songs eine geradezu intim-meditative Atmosphäre der Schatten, durch welche immer wieder einzelne Sonnenstrahlen brechen. Eine ganz bewusste Reduzierung aufs Nötigste, wie der singende, songwritende Bartträger bestätigt: „Ich denke, ich wollte ein bisschen mit der Stille spielen, mit kleinen Fehlern. Vielleicht habe ich auch einfach gelernt, hingebungsvoller zu spielen. Also wollte ich bei den Aufnahmen mehr Raum haben, um wie ein Kind damit herumzuspielen.“ Ganz bewusst hat O’Laoghaire, der sich selbst „irgendwo zwischen Anna Calvi und Alvo Pärt“ einordnen würde, somit auch die kleinen Fehler, die ihm bei den Aufnahmen unterlaufen sind, eben nicht herausgeschnitten. Das gut 50-minütige Gesamtbild steht klanglich in guter Gesellschaft von Künstlern wie den bereits erwähnten Conor „Villagers“ O’Brien oder Bon Iver (die reduzierte Variante á la „For Emma, Forever Ago“), aber auch von William Fitzsimmons oder Keaton Henson – allesamt Folk-Leisetreter, die nicht viel Brimborium benötigen, um ein intensives Feuerwerk zu entfachen.

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Auch toll: der Song „After We Meet“…


 
 

…oder „Buddy Holly“:

  

Rock and Roll.

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