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Sunday Listen: Jenny Berkel – „These Are The Sounds Left From Leaving“


Obwohl doch beileibe keine Newcomerin mehr, mag Jenny Berkel in unseren Breiten – und selbst unter eingeweihten Singer/Songwriter-Connaisseuren – noch kein „Household Name“ sein. Verwundert das? Nun, ein wenig schon.

Denn immerhin ist es bereits satte zehn Jahre her, dass die in London, Ontario beheimatete kanadische Songwriterin ihr Debütalbum „Here On A Wire“ veröffentlicht hat. Selbigem ließ sie im vergangenen Jahr „Pale Moon Kid“ folgen, dazwischen lag noch eine EP – und der Poetik hat sie sich als Dichterin ebenfalls verpflichtet. Überhaupt: das Lyrische. Die Verbindung zwischen Poesie und Musik funktioniert auch auf Berkels neustem Werk „These Are The Sounds Left From Leaving“ in durchaus überragender Form. Das mag vor allem mit den Umständen der Entstehung der zehn neuen Stücke zusammenhängen, welche ihrem Plan, eine leichte, beschwingte und unbeschwerte Platte zu machen, einen dicken Strich durch die Rechnung machten: “Ich habe das Album in einer winzigen Wohnung geschrieben, zu einer Zeit, als sich alles groß und überwältigend anfühlte”, sagt die Musikerin. Und meint weiter: “Die Songs selbst sind eine Studie über Nähe, die große Ängste in kleine Räume bringt.“

Hört man nun ihren dritten Langspieler, so besteht – bei aller Ernsthaftigkeit – durchaus Hoffnung, dass Berkel mit diesem nun endlich auch in Deutschland einem etwas größeren Publikum bekannt bekannt werden dürfte. Das lässt sich schon alleine daran festmachen, dass hier keiner der ebenso leichtfüßig wie transparent inszenierten Folk-Pop-Songs musikalisch in besonderer Weise als klares Highlight herausragt, sondern jedes einzelne der zwei Handvoll Stücke auf insgesamt recht hohem Niveau seinen eigenen Reiz zu entwickeln weiß.

Wie sicher sich die Musikerin inzwischen in ihrem Bestreben ist, ihre Songs zwischen düster und hoffnungsvoll, transparent und opulent, intim und raumgreifend, leise und bestimmt, geradlinig und vertrackt auszubalancieren, zeigt auch der Umstand, dass sie – zusammen mit Dan Edmonds und dem auch als Musiker in Erscheinung tretenden Ryan Boldt (Deep Dark Woods) – erstmals selbst produktionstechnisch Hand anlegte und sich dabei von Colin Neales schwindelfreie, luftige Streicherarrangements schreiben ließ, die viel Raum für ihre beeindruckend klare und durchsetzungsfähige Alt-Stimme bieten.

Tatsächlich erinnert das Setting an nicht wenigen Stellen an das, was weiland Joe Boyd für den großen, jedoch viel zu früh verglühten Trauer-Troubadour Nick Drake leistete. Diverse Gitarren, Piano, Mellotron, Wurlitzer-Orgel, Bass, Schlagzeug und Streicher – hier wird ein durchaus breites Instrumentarium aufgefahren, über welchem Berkels wohltuend graziöse Stimme ruht. Und auch der Vorwurf, den Kenner der Songwriterin bislang ungestraft machen durften – nämlich dass alle ihre Stücke im gleichen balladesken Gleichstrom-Setting angesiedelt seien – gilt ab diesem Album nicht mehr, denn obwohl Jenny Berkel natürlich noch immer keine derb drauflos prügelnde Rockmusik macht, gibt es mit „Kaleidoscope“, welches mit seinen wehmütigen Streichern die nachdenkliche Wirkung noch unterstreicht, mit „July“ und dem Trennungslied „Lavender City“ gleich mehrere durchaus munter pulsierende Songs im Mittelteil des Albums, die sich längst nicht mehr als „reine Balladen“ einsortieren lassen. Dem gegenüber stehen schwermütige, recht mystisch verzierte, mit viel Liebe zum feinsinnigen Detail ausgestattete Folksongs wie „Watch You Fade“ oder das walzer’eske „Under A Sky“, während sich „You Think You’re Like The Rain“ ganz der Sehnsucht hingibt oder „Here Comes The Morning“ auf bessere Zeiten hofft.

Klar, besonders erbaulich mag sich das alles nicht gerade lesen. Und: Ja, man sollte schon das richtige Gemüt für diese von tiefer Traurigkeit durchdrungene Platte haben, bei welcher sich die Einsamkeit, die Furcht vor zu großer Nähe, aber auch vor dieser Welt da draußen vor der Wohnungstür, oftmals zwischen verwunschenen Vibrafonharmonien und zarten Gitarrenakkorden verstecken. Und irgendwie haben uns zwei Jahre weltumspannende Pandemie und die zuweilen überwältigende Reizüberflutung, welche auch durch die in ständig schnellerer Abfolge auf uns einprasselnden Katastrophenmeldungen auslöst wird, ja alle mehr oder minder müde und mürbe gemacht, oder? Eben. Da kann einem manchmal für Momente durchaus die Haut dünn und vor allem und im Grunde gar nichts Angst und Bange werden. Wer allerdings vermutet, dass sich Jenny Berkel hier als musikalisches Zitterkaninchen vor der Schlange präsentiert, sieht sich auf angenehme Weise enttäuscht, denn mittels ihrer blumigen, allegorischen Poesie-Sprache findet die Songwriterin immer wieder Wege, ihr Anliegen eher ermutigend in Form von aus der Natur gezogenen Metaphern im Format fiktiver Konversationen (welche teilweise im Zwiegespräch mit sich selbst stattfinden) deutlich zu machen. Und schafft damit berückende Kammerpop-Kostbarkeiten, welche sie hoffentlich baldigst aus der Geheimtipp-Ecke hinausführen werden.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Monica Martin – „Go Easy, Kid“ (with James Blake)


Monica Martin. Die Dame galt eingeweihten Musik-Geeks damals, als sie noch die Stimme der Indiepop-Folker PHOX war, als eine der bezaubersten Stimmen im Musikgeschäft – und nach dem Ende ihrer Band im Jahr 2016 als recht großes Versprechung auf Solo-Erfolge. Leider ließ der endgültige, echte Durchbruch bis heute auf sich warten. Freilich, die Alben mit PHOX sind auch heute noch fein anzuhören. Natürlich, mit der ein oder anderen Single wie Kollaboration (etwa 2017 mit Multiinstrumentalist und Produzent Jeremy Larson aka. Violents) ließ die in Wisconsin aufgewachsene und in Los Angeles lebende Martin in der Zwischenzeit durchaus aufhorchen. Ein Versprechen bleibt sie jedoch weiterhin (an ANEWFRIEND lag’s jedoch nicht).

Dennoch hat sich die US-Musikerin mit dem so wunderbar soulig-samtigen Timbre im Laufe der Zeit auch unter Kolleg*innen eine amtliche Fanbase aufgebaut. Einer davon ist James Blake. Der britische Elektro-Pop-Musiker lud Monica Martin daher nicht nur für einen Gastbeitrag auf seinem im vergangenen Oktober erschienenen fünften Studioalbum „Friends That Break Your Heart“ ein (beim Song „Show Me„), sondern revanchierte sich unlängst auch: Für eine Neuaufnahme von Martins im vergangenen Jahr veröffentlichter Single „Go Easy, Kid„, welche Blake gar als „meinen Lieblingssong der letzten Jahre“ bezeichnete, fand er mit der Sängerin in den Conway Recording Studios in deren kalifornischer Heimatstadt zusammen. Das Ergebnis? Wunderschön – und wie vieles, woran Monica Martin in der vergangenen Zeit beteiligt war, im Grunde viel zu toll, um derart unbeachtet zu bleiben…

„I commit myself to sabotage
See? I can get what I want then I make it hard to hold on
Convince myself that I’m without a god
A spiritual fraud who got lost in her own sad song

We’ve been talking outback
By the garbage cans
About dreams that we had
And the five-year plan
Missing the mark
We’re laughing in the dark
‚Cause after all, no one’s in control
Go easy, kid, it’s only rock and roll

Pledge allegiance to some sanity
It comes into view for a moment or two then it leaves me
Apologize into the neighborhood
And all the calls will be savеd, look, I’d wanna be brave if I could

I was talking outback
With an empty man, hе said
‚Remember times that we had
Before you got in that van?‘
Left me in the dark
Alone in the park
‚Cause after all, no one’s in control
Go easy, kid, it’s only rock and roll

Cut through the smoke
There’s no secret special code
No deeper hidden wisdom
Just accept we’ll never know

We’ve been talking outback
By the garbage cans
About dreams that we had
And the five-year plan
Missing the mark
We’re laughing in the dark
‚Cause after all, no one’s in control
Go easy, kid

In twenty years, kid, you’re going to look back
And wish you grabbed it all by the throat
And said, ‚Fuck it, it’s only rock and roll
‚“

Rock and Roll.

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Song des Tages: How I Left – „Continental“


Inmitten der süddeutschen Provinz, dort wo kleine Trauben zu köstlichen Wein werden, lassen How I Left ihren ganz eigenen und wohltuenden Sound for Lovers entstehen – diesen How I Left-Sound, der ganz besonders in den Bäuchen von Freunden der Songs der Weakerthans, von Wilco oder Ben Kweller ein wohltuendes Gefühl auslösen dürfte… 

Wer’s knapp mag, der könnte es gut und gern so zusammenfassen: leicht verpennter Slacker Folk trifft auf eingängigen Indie Pop. Gemütlich rumpeln Schlagzeug und Bass, darüber lockere Gitarren, ein altes Klavier und die Philicorda-Heimorgel vom Sperrmüll. Sobald der Gesang einsetzt, fragt sich das geschulte Ohr, wann bitteschön denn hier in trauter Beschaulichkeit die Stimmfusion von Paul Simon, Neil Young und Conor Oberst stattgefunden hat. Die Texte erinnern an American Short Stories – Alltagssituationen, kuriose Schlagzeilen und zwischenmenschliche Begegnungen verschmelzen zu literarischen Miniaturen. Eigensinnig? Sicherlich, doch dafür auch mit einer Prise Esprit.

An der Oberfläche verfügt „Birds In The City„, das Debüt von Julian Bätz und Michy Muuf, zudem über eine in sich ruhende Leichtigkeit: Bätz schlägt die Saiten seiner Akustikgitarre genauso behutsam an, wie er seine an die im oberen Absatz genannten Herren erinnernde Stimme einsetzt; Muufs am Jazz geschultes Schlagzeugspiel verliert seine Sanftmut auch dann nicht, wenn er, wie in „Master Of Arts“, das Tempo anzieht. Ihre Gelassenheit bedeutet jedoch längst nicht, dass es der Band an Emotionalität fehlt – die E-Gitarren von „On / Off“ klingen mindestens so stimmungsvoll wie bei The Clientele, während der Raumklang mit hörbar surrenden Mikros für eine intime Atmosphäre sorgt. Details wie diese mischen die ansonsten homogene Platte deutlich auf. So wie die summenden Bassläufe wandern hier und da subtile Klänge und Geräusche in den Vordergrund. In „Apples“ sind es etwa Schichten aus flimmernden Gitarren und leisen Tönen, die im ersten Moment nicht alle mit einem Instrument zusammenzubringen sind. Oder die Orgelakkorde in „Kids“, zu denen manchmal – fast wie zufällig – ein paar geklimperte Klaviertöne dazukommen. Der vermeintlich beste Part der Klangkulisse: die Trompeteneinsätze, welche entweder so klassisch warm wie bei den großen Neutral Milk Hotel klingen oder sich auf „Tools“ dissonant überlagern. Unter der ruhigen Oberfläche dieses Albums herrscht also unterm Strich deutlich mehr Chaos als es zunächst scheint. Mächtig was los in der süddeutschen Provinz…

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Tim Kasher – Middling Age (2022)

-erschienen bei 15 Passenger/Thirty Something Records-

„Don’t wanna live in the now / Don’t wanna know what I know.“ So hieß es, des Hier und Jetzt ziemlich überdrüssig, anno 2008 auf Cursives „Mama, I’m Swollen“ – Tim Kasher halt, der alte Berufsskeptiker. Ein sorgsam erarbeiteter Status, der auch aus seinen Soloplatten „The Game Of Monogamy“ (2010), „Adult Film“ (2013) oder zuletzt „No Resolution“ (2017) sprach: Liebe, Treue, das potenziell prekäre Künstlerdasein und die Vielzahl von Albträumen, die einem der Alltag nach dem Aufwachen bereitet – es bleibt schwierig. Auch auf Kashers viertem Album „Middling Age„, einer durchaus existenzialistischen Abhandlung über beinharte Themen wie Sterblichkeit und Verlust, die ungewollt in einer Zeit erscheint, in der die Welt mit ganz ähnlichen Problemen kämpft. Wobei dem inzwischen 47-jährigen Musiker aus Omaha, Nebraska, der sonst Bands wie den bereits genannten Cursive oder The Good Life vorsteht, die Erkenntnis dämmert: Heute ist zwar irgendwie doof, aber früher war auch scheiße. Midlife Crisis deluxe quasi, wie es der Titel bereits andeutet, aber immerhin stellt das Cover ein geruhsames Lebensabendidyll unter südlicher Sonne in Aussicht. Oder doch eher in der „Klinik unter Palmen„? Möglich, aber auch egal – erstmal müssen wir uns ja mit der lästigen Realität herumschlagen…

Und die sieht 2022 nicht viel rosiger aus als zu Zeiten von „The Game Of Monogamy“, wenn Kasher in „I Don’t Think About You“ zu reduzierten Klängen mit folkiger Note und Zweitstimme von Cursive-Kollegin Megan Siebe die Mängelliste jahrelangen Zusammenlebens überschlägt: ungelenke Zweisamkeit im Bad, während sie unter der Dusche steht und er auf dem Klodeckel sitzt, lächerlich großes Doppelbett auf Wunsch einer einzelnen Dame, im Streit zerdepperte Hochzeitsgeschenke als brüchiges Unterpfand einer allmählich Risse zeigenden Ehe. Es ist dem Mann mit kredibler „Saddle Creek„-Vergangenheit hoch anzurechnen, dass er – ganz ähnlich wie anno 2004 auf dem großartigen The Good Life-Meisterwerk „Album Of The Year“ – eine so trübe Bestandsaufnahme in ein flockig-trostreiches Stück Americana-Folk einwickelt und mit dem deprimierenden Lebenslauf aus „You Don’t Gotta Beat Yourself Up About It“ genauso verfährt: „We complete education / Then snag a vocation / And then maybe a retirement party / Life’s work and then you die.“ Arbeit tadelt, Songs wie diese keineswegs.

Dennoch: Hätte Kasher das ursprünglich geplante Akustik-Album konsequent in die Tat umgesetzt, wäre aus „Middling Age“ auf Dauer wohlmöglich eine arg spröde, vielleicht sogar fade 40-Minuten-Angelegenheit geworden – und den Dämonen von Kindheit und Jugend, die er hier zuweilen exorziert, nicht gerade angemessen. Wir erinnern uns: Früher war auch scheiße. Zum Beispiel wegen des Serienmörders John Joubert, der in den Achtzigern drei Zeitungsjungen umbrachte und dem damals infantilen Tim solche Angst einjagte, dass er im Traum eine nach dem Killer benannte Band gründete. Entsprechend erinnert „The John Jouberts“ an dessen Opfer und knatscht und rumort ansatzweise im Stil psychotischer Meisterwerke wie Cursives „The Ugly Organ“ oder The Paper Chases „Now You Are One Of Us“ – freilich, ohne vollends deren jeweilige Klasse zu erreichen. Einige tolle Momente hat Kasher, der in diesem Interview mi „SPIN“ mehr zu „Middling Age“ und auf seine bisherige Indie-Karriere zurückblickt, bei seinem neusten Alleingang natürlich trotzdem noch auf der Pfanne.

Etwa das von einem Cello, mystischer Atmosphäre und beklemmenden Singer/Songwriter-Soundscapes ausgestattete „Whisper Your Death Wish“, eine herrlich bedrückende, im Abgang sogar jazzige Episode, das vorwitzige, pointierte „100 Ways To Paint A Bowl Of Limes“ oder den nervösen, an Bläser-Plärren und sägendem Cello geschärften Uptempo-Shuffle „On My Knees“, welcher dem Begriff Gottesfurcht ganz neue Seiten abringt: „Not scared of hell / Went to Catholic school / I found Jesus / To be a terrifying presence in my life.“ Und wenn Kasher, der auf „Middling Age“ einmal mehr seine Fähigkeit, komplexe Themen mit Einfühlungsvermögen, Menschlichkeit sowie Witz zu erforschen (und sich dabei nie übermäßig bierernst nimmt), unter Beweis stellt, schon zu Lebzeiten so lichterloh brennt wie hier oder in der hektischen Selbstoptimierungsparodie „Life Coach“, scheint er nur allzu gut gerüstet für die Kehrwoche im Fegefeuer. Oder eben für die Zukunft als liebenswerter Zombie im wunderbar ausladenden Abschluss „Forever Of The Living Dead“. Against Me!-Frontfrau Laura Jane Grace leidet als zweite Stimme mit, Jeff Rosenstock pflastert den Weg zur Hölle mit einem schmierigen Saxofonen, im Intro und Outro des Albums bringt sich Tim Kashers neunjährige Nichte Natalie Tetro schon mal als Songwriterin der nächsten Generation in Stellung. Für uns mittelalte Säcke bleibt nur der Nachtfrost auf dem Friedhof. Rosige Aussichten, oder? Na denn: ein Prosit auf alles Endzeitliche!

Rock and Roll.

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Song des Tages: November Ultra – „Bedroom Walls“


Wenn die Welt da draußen vor der Haustür in einem Strudel aus Wahnsinn und Gewalt unterzugehen scheint, ist zumindest – insofern man sich den Luxus der Zerstreuung leisten kann und mag – auf die Musik Verlass. Denn im Angesicht all der schlechten Nachrichten und neuerlichen Hiobsbotschaften hilft selbige, die Musik, unser Gemüt zu beruhigen. Wer dazu den passenden Soundtrack liefern könnte? Nun, November Ultra etwa. Die Newcomerin gehört zu jener Kategorie von Künstler*innen, die mit ihrer Soundmixtur genau dieses Gefühl der Erleichterung vermitteln. Einer ihrer ersten Songs, „Soft & Tender“, beschrieb die Musik nahezu punktgenau – und auch, was sie später veröffentlichen sollte.

Bevor sie ihre Solokarriere startete, war die junge Französin die Sängerin der Pariser Surf-Pop-Band Agua Roja, die in ihren Songs in etwa die Schnittmenge aus Real Estate und Beach House abbildeten. Als sich die Band 2018 trennte, posteten die drei Mitglieder in den sozialen Netzwerken vielsagend „Ein Ende ist ein Anfang“. Sie sollten Recht behalten – vor allem, was November Ultra betrifft. Denn die begann nicht nur, mit verschiedenen Künstler*innen nationaler wie internationaler Couleur – von Jaden Smith über Terrenoire bis hin zu Claire Laffut – zusammenzuarbeiten, sondern auch in aller Abgeschiedenheit zu Hause an intimen LoFi-Songs zu schreiben. Heute darf ihre Musik ganz für sich selbst stehen.

Ihr erstes, unlängst erschienenes Album „Bedroom Walls“ berichtet von diesem Werdegang – und überzeugt vor allem mit ihrer wunderschönen Stimme. Wie bereits auf der im vergangenen Jahr veröffentlichten „Honey Please Be Soft & Tender EP“ singt sie hauptsächlich auf Englisch, hier und da auch auf Französisch und Spanisch. Letzteres kommt nicht von ungefähr: Die Musikerin wuchs mit spanischen und portugiesischen Eltern mehrsprachig in Frankreich auf, ihr Großvater kommt aus Spanien – nur allzu verständlich, dass vor allem die Ausdrucksmöglichkeiten von dessen wunderbarer Muttersprache ihr ebenso wichtig wie nah sind. „Ich habe alles reingepackt, was mich ausmacht, jede Träne, jedes Lachen, jede Erinnerung“, sagt sie über ihr Album. Und schafft es dennoch, ihren persönlichen, nicht selten in der Intimität des heimischen Schlafzimmers entstandenen Liedern eine gewisse Universalität zu verleihen. Sanftheit und Zärtlichkeit sind eben zwei der Dinge, von denen man wohl nie genug bekommen kann – ebenso wie faule Mußestunden im heimischen Bett. Darf man das Ganze also unter „Bedroom Pop“ verbuchen?

Nun, ganz so einfach ist es nicht. Denn obwohl ihr Label die ehemalige Agua Roja-Sängerin nur allzu gern als „Latest Bedroom Pop Sensation“ vermarkten würde, ist die Musikerin ja keine Newcomerin im klassischen Sinne, hat sich mit diversen Kollaborationen in den letzten Jahren bereits ganz gut in der internationalen Pop-Szene eingerichtet – und wenn schon eine „Sensation“, dann doch vielmehr im Kleinen.

Viel Hilfe benötigt Bedroom Ultra dafür nicht, produzierte ihre eigenen Songs selbst mit dem Programm Ableton – und nutzt dessen Möglichkeiten, um die Musik auf durchaus kreative Weise von innen nach außen zu kehren, indem sie die einzelnen Bestandteile der Songs (hauptsächlich die Gesangsparts) immer wieder herauspickt und isoliert bearbeitet in den Flow zurückführt. Wie’s wirkt? Das wiederum lässt sich schwerlich beschreiben – und führt dazu, dass den eigentlich geradlinig angelegten, stilistisch jedoch umso vielfältiger erscheinenden Tracks zuweilen sogar ein opulenter, operettenhafter Hörspielcharakter zukommt. Pop-Musik im klassischen Ohren-auf-und-durch-Sinne ist das definitiv nicht, da sich die Basis ihrer Stücke aus so unterschiedliche Genres wie Jazz, Folk, Ambient, R’n’B oder Electronica speist. Und auch eines weiteren Klischees entledigt sich die Französin, denn ausgerechnet echte Chansons gibt es hier keine. Insgesamt tönt das schon recht interessant – wenn auch auf eine ganz andere Art, als es der Marketing-Abteilung vielleicht lieb wäre. Und als Soundtrack zur Zerstreuung, bevor man ob der verrückten Welt da draußen wieder mal die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, eignen sich diese Songs allemal…

Dass es sich auch im heimischen Bett recht gediegen musizieren lässt, beweist November Ultra übrigens hier:

Rock and Roll.

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Song des Tages: Safetyville – „Samson“


Samson“ von der eh stets und immer und sowieso und überhaupt großartigen Regina Spektor – auch mit über zwei Dekaden auf dem musikalischen Buckel bleibt’s ein wunderschöner Song, da machste mal eben gar nix.

Von daher dürfte es – aller Fallhöhe zu Trotz – im Grunde ein Leichtes sein, dieses unkaputtbare Stück zu covern, oder? Safetyville macht mit ihrer Version, welche bereits im vergangenen Oktober von HONIG via Facebook geteilt wurde, in jedem Fall ordentlich. Das macht freilich neugierig… wer also ist die Dame? Nun, „Safetyville“ ist das Solo-Projekt von Isabell „Isa“ Honig aus Köln, Tochter des regional bekannten Gitarristen Jay Minor (und ganz nebenbei die Frau an der Seite von HONIG-Frontmann Stefan Honig), die sich, wie man liest, mit ihrer Musik in warmen Singer/Songwriter-Melodien heimisch fühlt, Künstlerinnen wie Ane Brun oder Eva Cassidy zu ihren Einflüssen zählt und mal zarte, mal kraftvolle Indie-Folk-Songs mit angenehmer Stimme bietet. Schade eigentlich, dass Safetyville, welche in der Vergangenheit etwa einige Support-Shows für die isländische Band Low Roar spielte, via Bandcamp lediglich eine EP von 2014 und eine Single von 2016 vorzuweisen hat. Dennoch: Das Debütalbum sei in Arbeit, von daher darf man die Kölner Musikerin gern auf dem Schirm behalten…

Rock and Roll.

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