Schlagwort-Archive: Indie Folk

Song des Tages: Cristin Milioti – „715 Creeks“


Cristin Milioti kennen die meisten vor allem wegen ihrer Rollen in Serien wie „How I Met Your Mother“ (als die ominöse „Mutter“), „Palm Springs“, „Fargo“ oder „Black Mirror“ sowie Filmen wie „The Wolf Of Wall Street“. Dass die 36-jährige US-Künstlerin nicht nur ein hübsches Mattscheibengesicht, sondern auch ein formidables Stimmchen besitzt, bewies Milioti zudem als Teil der Broadway-Musical-Adaptierung von „Once„, was ihr 2012 sogar eine Tony-Award-Nominierung einbrachte.

Dennoch fand die vielseitige Mimin erst kürzlich Zeit, um ihr Debütalbum aufzunehmen, und als ersten Vorgeschmack auf die Richtung, in die selbiges gehen soll, veröffentlichte Cristin Milioti im vergangenen Jahr ein wunderschöne Coverversion von Bon Ivers „715 Creeks“.

Kenner des Künstlers des Originalstücks wissen freilich: Wenn es um anspruchsvolle Coversongs geht, bekommt so ziemlich alles aus dem Katalog von Bon Iver einen Extrapunkt für den Schwierigkeitsgrad, aber „715 – CRΣΣKS“ (so die Schreibweise des Originals aus der 2016 erschienenen Elektro-Folk-Album-Wundertüte „22, A Million„) geht sogar noch einen Schritt weiter, schließlich stellt das Bon Iver’sche Ausgangsstück Justin Vernons Gesang, der mit einem Prismizer-Effekt autotune’esk stark modifiziert wurde, ohne jede weitere Begleitung in den Vordergrund – der Text sowie Vernons emotionale Darbietung benötigen in diesem Fall einfach keinerlei Schmückwerk.

Milioti hingegen entscheidet sich bei ihrer Interpretation dafür, ihre Stimme weitaus natürlicher und ohne derlei Verfremdung auskommen zu lassen, nur begleitet von einem Klavier und einigen Streichern. Versehen mit ausreichend Fallhöhe zunächst wohlmöglich ein gewagter Plan, der jedoch aufgeht, denn mit ihrer Stimme weiß sie voll und ganz zu überzeugen. Wenngleich der Höhepunkt des Originalsongs so kraftvoll daherkommt, dass es unmöglich scheinen mag, ihn ohne Vernons spezielle Gesangseffekte nachzubilden, macht sich Cristin Milioti mit ihrem Talent das Stück dennoch zueigen. Es schwillt an den richtigen Stellen an und hält sich an anderen Stellen wiederum zurück, um die Stille sprechen und der Melancholie Raum zu lassen. Wundersam berührend. Und macht gerade deshalb durchaus gespannt auf ihr zwar versprochenes, aber noch nicht erschienenes Debütalbum…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Cat Power – „I’ll Be Seeing You“


Foto: Promo / Mario Sorrenti

Chan Marshall aka Cat Power covert oft und gerne Das hat sie bereits mit ihren 2000 beziehungsweise 2008 erschienenen Alben „The Covers Record“ und „Jukebox“ bewiesen. Von The Velvet Underground über Bob Dylan und Joni Mitchell bis hin zu neuen Versionen ihrer eigenen Songs – aus jedem Stück bastelt sie eine verdammt eigene, aber dafür absolut unnachahmliche Cat Power-Version. Anfang nächsten Jahres folgt mit „Covers“ das dritte Coveralbum und vollendet somit die Trilogie.

Aus jenem Werk, ihrem mittlerweile elften Studioalbum und der Nachfolger zum 2018er „Wanderer„, hat die wandelbare 49-jährige US-Musikerin nun, nach Interpretationen von Frank Oceans „Bad Religion„, The Pogues‘ „A Pair Of Brown Eyes“ und Dead Man’s Bones‘ „Pa Pa Power„, den nächsten Vorgeschmack veröffentlicht. „I’ll Be Seeing You“ ist ihre persönliche Version des oft mit Jazz-Ikone Billie Holiday assoziierten Standards. Gewählt hat sie ihn, um den ihr nahestehenden Menschen zu gedenken, die sie in jüngster Zeit verlieren musste, unter anderem den 2019 auf tragische Weise verstorbenen Cassius- und French-House-DJ Philippe Zdar, der unter anderem auch ihr 2012er Album „Sun“ produzierte. Die Auswahl begründet Chan Marshall selbst wie folgt:

“When people who you love have been taken from you, there’s always a song that holds their memory in your mind.  It’s a conversation with those on the other side, and it’s really important for me to reach out to people that way.” 

Auch das dazugehörige Musikvideo ist eine Art Tribut an die Holiday’sche Variante, welche immerhin bereits amtliche 77 Jahre auf dem musikalischen Buckel hat (das Original ist gar noch älter und stammt von 1938). Um die von Nostalgie getränkte Atmosphäre vergangener Tage in den bewegten Bildern einzufangen, performt Chan Marshall in Frack und Zylinder auf einer kleinen Bühne eines dunklen Kabarett-Saals im Stil der 1940er Jahre, während nur ein kleines, scheinbar elitäres Publikum und die Mitarbeiter*innen der samtigen, zugleich zurückhaltend zärtlich und doch kraftvollen Stimme von Cat Power lauschen.

Das Cover ist übrigens der B-Part der Doppelsingle “Unhate / I’ll Be Seeing You”. In “Unhate” covert die Musikerin sogar sich selbst, indem sie ihren Song “Hate” aus dem 2006 erschienenen Album “The Greatest” in ein neues Gewand taucht. Einen besseren Soundtrack für den eigenen Winterblues mag man sich kaum vorstellen…

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Wolfgang Müller – Die Nacht ist vorbei (2021)

-erschienen bei Fressmann/Indigo-

Dieses eine Album noch, danach ist Schluss… Wirklich. Mit diesem und ganz ähnlichen Gedankengängen plagt sich der Liedermacher (was in diesem Fall deutlich passender erscheint als das neuzeitliche „Singer/Songwriter“) Wolfgang Müller in seiner Wahlheimat Hamburg immer wieder herum, von Jahr zu Jahr, von Veröffentlichung zu Veröffentlichung. “Konzerte sind für ihn der Horror, Stichwort Sozialstress, und er ist ungefähr so gefallsüchtig wie eine Buche im Wald, also nicht so sehr”, berichtet etwa der Pressetext. Glaubt man also den Informationen, die aus dem Hause des bescheidenen Musikers nach außen dringen, so ist jedes Album eine Anstrengung, ein ungeheurer Haufen Arbeit, ein wahrer Koloss an Selbstüberwindung. Sicher, kaum einem kunstschaffenden Menschen, der heutzutage noch Wert auf Anspruch, Aussagen und Tiefgang legt, fällt das Endergebnis locker-flockig aus Hand, Herz und Hirn. Was dennoch ausgesprochen verblüffend ist: Auch „Die Nacht ist vorbei„, seines Zeichens bereits Müllers sechstes Album, trägt nun keinesfalls die Last des kreativen Prozesses mit sich herum, sondern kommt mit faszinierender Leichtigkeit daher. Im Grunde also alles wie gehabt: Eine Reihe durchaus starker Alben erfährt (s)eine souveräne Fortsetzung.

Wolfgang Müller – so unspektakulär und alltäglich und nichtssagend sein Name, so außergewöhnlich und anrührend ist seine Musik. Wohl auch aufgrund der Tatsache, dass er nie großes Bohei um seine Songs macht, ist der 46-jährige Wahl-Hanseat (der übrigens keineswegs mit diesem Künstler selben Allerweltsnamens verwechselt werden sollte) noch immer irgendwie der große Unbekannte unter den besten deutschen Künstlern in diesem musikalischen Segment. Dennoch durfte er sich selbst vom „Stern“ schon ein feines, verdientes Lob abholen: „Solche Texte – klug, versonnen, konzentriert – sind ganz, ganz selten in Deutschland zu hören.“

Große Richtungswechsel braucht man auch auf „Die Nacht ist vorbei“ nicht erwarten, während sich Müller auf seinem neuesten Werk mit gewohnt warmer Stimme und charakteristischer Manier einmal mehr auf intime kleine Momente und (Zwischen)Töne fokussiert. Mit absolut zurückgenommener Instrumentierung aus Akustikgitarre, Klavier und ein wenig Beat-Rhythmus setzt er seine tiefsinnigen Texte in Szene und strickt eine „nur“ halbstündige Ode an die musikalische Schönheit („leider“ möchte man nachsetzen, denn diese zehn Stücke sind so schön, dass man gern noch den ein oder anderen Nachschlag genommen hätte). Wolfgang Müller ist damit ein Liedermacher im besten Sinne, in bester Tradition von Reinhard Mey, Gisbert zu Knyphausen, Moritz Krämer und Co.: Seine Stimme ist über jeden Zweifel erhaben, seine Songs mögen sich zwar nicht aufdrängen, überzeugen jedoch in Sachen Komposition ebenso wie im Hinblick auf die feinsinnige Lyrik. Müller geht es um die große Unsicherheit, die in Zeilen wie „Ich werde wissen, was ich will / Sobald ich weiß, worum es geht“ zum Ausdruck kommt, um das Erkunden der eigenen Rolle in der Welt, was in „Ein Teil von mir lebt in der stillen Hoffnung / Auf ein Leben ohne Selbstbeteiligung“ durchscheint, oder um den Umgang mit Tugenden: „Ein neues Wort für Hoffnung / Wär‘ vielleicht Geduld“. Geduld, die in unseren gleichsam rast- wie ratlosen Zeiten im Grunde immer weniger angesagt ist… En vouge? Ist hier mal nix – ist das scheint auch ganz gut so. Dennoch ist gerade diese Zeile so aktuell und wichtig wie nie.

Ein paar ungewohnte Sachen gibt’s trotzdem zu hören. In “Verschwinden” versucht Wolfgang Müller es dann mit Sprechgesang und baut in seine Texte gar das “Kaugummisilberpapier” ein – geistreich und sympathisch. “Da ist ein See mitten im Wald, den keiner kennt außer uns beiden”, heißt es im Anschlussstück herrlich verschwörerisch, bevor das Hauptthema von “Die Nacht ist vorbei” vor allem im ebenso tollen wie mit nicht einmal zwei Minuten recht kurzen Titelsong vorbei zieht: Die Hoffnung (oder wie auch immer sie gerade genannt werden mag), die in jeder Rührung spürbar gerät. In “Wolken” geht es um die Hamburger Heimat, “Sag Ja” ist eine wunderschöne Liebeserklärung und “Blauwasser” setzt noch einmal zu einem Metaphern-Feuerwerk an, bevor sich das Album seinem Ende nähert.

Mit „Die Nacht ist vorbei“ hat Wolfgang Müller, der in der Vergangenheit unter anderem auch als Initiator der wunderbaren Kinderlieder-Alben-Reihe „Unter meinem Bett“ in Erscheinung trat und sich auf seiner Facebook-Seite regelmäßig und mit Verve zu gesellschaftlichen Themen äußert, 14 Jahre nach dem Debüt-Langspieler „In der Zwischenzeit“ ein neues liebevolles Stück Musik in die Welt gesetzt. Eine halbe Stunde voller Poesie, voller Leidenschaft für das, was er am besten kann: sehr gute Songs schreiben. Es ist ein Album, das man jedem Liebhaber handgemachter Tonkunst unter den Weihnachtsbaum legen oder einfach zwischendurch mal schenken möchte, ja: sollte. Denn eine größere Zuhörerschaft hätte der gebürtige Limburger, der an der Elbe Album um Album an der Perfektion feilt, allemal verdient. Ein Großer ist er, nur eben auch weiterhin – zu unrecht – ein großer Unbekannter.

Die gute Nachricht zum Schluss: Nach diesem Album hat Wolfgang Müller explizit betont, dass mindestens ein weiteres folgen soll. Auch wenn man freilich ahnt, wie viel Arbeit, Schweiß und Zweifel er dafür wieder aufwenden wird und auch wenn jedem Freund seiner Musik klar ist, dass er dann erneut allerlei Künstlerqualen leiden, ganz viel verwerfen, neu beginnen und schließlich bis an die Grenze zum eigenen Wahnsinn hinab steigen wird: einfach machen, Wolfgang Müller – wir hören gern weiter zu. Solche Musik braucht’s in ebensolchen oft genug tristen Wintertagen wie die warme Jacke und die dampfende Tasse Tee.

Rock and Roll.

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Song des Tages: All The Luck In The World – „Five Feathers“


“Euphancholie” taufte Benedict Wells in seinem unlängst erschienenen Coming-of-Age Roman „Hard Land“ diesen magischen Gefühlsmix von Melancholie und Euphorie. Ein positiv aufgeregtes Traurigsein, das einem Energie verleiht; ein kleiner Rausch, in dem man trotz des Traurigkeitsanteils doch allzu gern etwas länger verharren mag. Und obwohl der deutsch-schweizerischere Schriftsteller sie zwar nicht in seine dazugehörige Playlist aufgenommen hat, bringen All The Luck In The World ebenjenes Gefühl zum Klingen wie möglicherweise kaum eine andere Band. Und stellen dies einmal mehr mit dem neuen Album „How The Ash Felt“ unter Beweis.

Überhaupt: All The Luck In The World – was für ein schöner Bandname, hört man doch tagein, tagaus vielmehr von all dem Unglück in der Welt. Dabei würde ein etwas schwermütigerer Name auf den ersten Blick sogar besser zum durchaus melancholischen Mix aus Indie Folk und Art Rock der Herren Neil Foot, Ben Connolly und Kelvin Barr passen. Die drei Songwriter und Multi-Instrumentalisten stammen allesamt aus dem beschaulichen Roundwood in den irischen Wicklow Mountains, sind jedoch mittlerweile ins pulsierende Berlin umgezogen. Und wem der Name gerade recht wenig sagen sollte, der wird trotzdem bereits von dem Wahlberliner-Trio gehört haben, denn 2013 verwendete die Reiseplattform trivago ihren Song „Never“ als musikalische Untermalung eines TV-Spots, was dem damaligen Newcomer-Dreiergespann seinerzeit immerhin Platz 85 in den deutschen Single-Charts bescherte. Es folgten mit dem selbstbetitelten Debüt (2014) und „A Blind Arcade“ (2018) zwei Alben, mit denen All The Luck In The World zwar nicht Mumford-und-Söhne-mäßig durch die Decke gingen, auf denen die Band jedoch ein ums andere Mal ein Näschen für feinen, tagträumerischen Indie Folk bewies. Als Foot, Connolly und Barr dann den dritten Langspieler in Angriff nehmen wollten, kam ihnen Corona in die Quere – aufhalten ließen sie sich davon freilich nicht.

Dennoch konnten sich die Iren aufgrund der Pandemie, wie viele von uns, über lange Zeit hinweg nicht sehen und so entstand „How The Ash Felt“ unter Corona-Bedingungen in verschiedenen Ländern quer durch Europa. Trotzdem – oder vielleicht auch gerade deshalb? – klingen die elf neuen Songs extrem intim und nah, zugleich gerät deren Produktion im Vergleich zu den vorherigen Aufnahmen noch detailverliebter, hier und da elektronischer und auch elegischer. Den Anfang macht „Five Feathers“, ein Lied über den Cowboyhut von Neil Foots Vater, der in der örtlichen Dorfkneipe Country-Konzerte organisierte und so auch dafür sorgte, dass die drei Jugendfreunde schon früh mit handgemachter Musik in Kontakt kamen. Der Song beginnt mit glitzernden elektronischen Versatzstücken und endet mit dem zu Herzen gehenden Gesang der drei Musiker. Danach übernimmt „Waves Poem“ mit fein ziselierten Melodien, bevor die erste Single „Only Avenues“ Kopfkino-Filmchen mit klanglichen Verweisen an Bands wie Radiohead oder alt-J entwirft und damit als recht gutes Beispiel für das komplexe Songwriting des neuen Longplayers taugt. Auch das nachfolgende „Patterns“ wurde bereits ausgekoppelt und unterstreicht die Eindringlichkeit des aktuellen ATLITW-Sounds. Im Fall von „Talons“ fällt dieser auf verspielt-muntere Art und Weise aus, die es keineswegs an Emotionen fehlen lässt, ehe „Holding My Arms In“ als reduziertes Interlude grüßt und dem sehr persönlichen „Rue de l’Enfer“ den Weg ebnet. „Hollowing“ übernimmt mit munteren Melodien, während „Equinox“ wieder ruhiger daher kommt und „Sparky“ einmal mehr mit subtilen elektronischen Einsprengseln zu überraschen weiß. „I’ve Been Trying“ heißt es zum Schluss – und obwohl dieses Stück zunächst tatsächlich wie ein letzter unbearbeiteter Gruß aus dem Studio klingt, entwickelt es sich dann jedoch zum aufwendig arrangierten Finale voller Gefühl.

In Zeiten, in denen uns allen das Reisen etwas schwerer gemacht wird, spielen die Songs von „How The Ash Felt“ mal in New York City, mal in Frankreich, an der Ostküste Irlands und natürlich auch in Berlin. Sie handeln davon, sich seinen Emotionen zu stellen und zu akzeptieren, dass man den eigenen Geistern manchmal einfach nicht entkommen kann. All The Luck In The World gelingt dabei das Kunststück, extrem persönliche Gefühle und nostalgische Erinnerungen mit der Weite des Unterwegsseins sowie einer gewissen Unbeschwertheit zu verbinden. Nahezu perfekte November-Musik, bei der die Wicklow Mountains auf Berlin-Friedrichshain treffen. Euphancholie pur.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Samia – The Baby (2020)

-erschienen bei Grand Jury/Membran-

Erwachsenwerden ist meist eine recht heikle Angelegenheit. Und freilich machen die Irrungen und Wirrungen der Adoleszenz auch vor zwischen Los Angeles und New York aufgewachsenen Töchtern von Hollywood-Schauspieler*innen keinen Halt. Gut, Samia Finnerty wird es, dank Vater Dan und Mutter Kathy Najimy finanziell abgesichert und mit einem angeborenen Fuß in der Unterhaltungsbranche (zumal ihr Vater als Schauspieler, Comedian und Musiker gleich mehrere kreative Standbeine besitzt), wohl durchaus etwas einfacher gehabt haben als viele ihrer Altersgenossinnen. Dennoch plagt auch sie sich mit klassen- und herkunftsübergreifenden Universalien herum: mit Selbstzweifeln, angeknacksten Herzen und nicht zuletzt einer gesellschaftlich immer noch präsenten Misogynie. All die Dinge eben, vor denen man sich in manch banger Minute so hilflos und verletzlich vorkommt, als wäre man auch mit Anfang Zwanzig noch „The Baby„. Davon singt Samia auf ihrem passend betitelten, bereits im vergangenen Jahr erschienenen Debütalbum, aber sie jammert nicht. Das wird schon musikalisch deutlich, wenn sie ihre folkigen Singer/Songwriter-Gerüste mit dem ein oder anderen großen Pop-Hook sowie einer warmen Spätsommerstimmung ausstattet. Die Produktion der elf Songs gönnt sich trotz aller Subtilität flexible Texturen und auch die Stimme der mittlerweile 24-Jährigen sprüht voller Leben ­– sie bebt vor den in alle Richtungen schießenden Emotionen, wechselt beständig den Tonfall, flüstert zurückhaltend, schreit theatralisch. Großes Kino, das ihr wohl die guten Gene in die Wiege gelegt haben.

Fotos: Promo / Muriel Margaret

Im Kontrast zu seiner akustischen Vitalität wird „The Baby“ thematisch jedoch von Gevatter Tod umrahmt. So beginnt „Pool“ mit der letzten Sprachnachricht, die Samia von ihrer verstorbenen Großmutter erhielt, ehe die Enkelin selbst vor ihren Bindungsängsten zu kollabieren droht: „Are my legs going to last? / Is it too much to ask?“. Stilistisch ist dieser mysteriöse Ambient-Strudel zwar keineswegs repräsentativ für den Rest der Platte, wohl aber in seiner rohen Intimität, die das Hörerlebnis fast schon voyeuristisch geraten lässt. Und als würde sie hier mitlesen, entblättert sich die Protagonistin im selbstbewussten Indie Pop von „Fit N Full“ wörtlich – auch wenn sich ihr Striptease im Restaurant eher als surreale Kritik am vor allem in der Scheinheiligkeit der „Traumfabrik“ vorherrschenden Fitnesswahn deuten lässt. Etwas unaufgeregter, jedoch kaum weniger catchy groovt das tolle, mit einer Ethereal-Wave-Patina und nonchalanter Unaufgeregtheit ausgestattete „Big Wheel“ um rissige Beziehungen – und beweist dabei auch Samias Sinn für Selbstironie: „God, I’m really gonna blow with all this empathetic shit“. Noch mehr empathischen Scheiß gibt es im unsicheren „Triptych“ und im sexuell expliziten „Limbo Bitch“, das lauwarm trällernde Pop-Stimmchen wie Ariana Grande wohl nur allzu gern auf dem Studiopult liegen gehabt hätten. Und wo wir gerade bei Referenzen sind: Als Ganzes ist „The Baby“ mit einem vergleichbaren Maß an Indie-Pop-Kredibilität ausgestattet wie der 2019er Debütlangspieler der unter ähnlich begünstigten Umständen aufgewachsenen Billie Eilish. Geeint wird Samias kurzweiliger 36-minütiger Ausflug in so unterschiedliche Winkel des jungen Erwachsenenlebens von ihrer stets sympathisch ungefilterten Offenheit, den eingängigen Melodien sowie kleinen Reizpunkten in Form von Synthies oder Bläsern.

Und: „The Baby“ funktioniert auch in seinen getragensten Momenten. Mit sanften Gitarrenanschlägen und einem beständigen Rhythmus bohrt sich etwa „Stellate“ immer tiefer in eine inspiriert bebilderte, gescheiterte Liebe. Das folkig zu subtilen Bläsern gezupfte, fragil-schöne „Does Not Heal“ doppelt metaphorische mit tatsächlichen Wunden, lässt die aufgeschnittene, gelb-violett zusammenwachsende Haut fast plastisch erscheinen. Kurz vor Schluss gönnt sich das Album zwei musikalische Ausreißer – den pluckernden Synthie-Minimalismus von „Winnebago“ und den souligen Piano-Stampfer „Minnesota“ –, ehe im krönenden Americana-Anschluss schließlich alle juvenilen Dämme brechen: Nur von einer Akustischen begleitet erzählt das flehende „Is There Something In The Movies?“ von der 2009 tragisch verstorbenen Schauspielerin Brittany Murphy, einer Freundin der Familie Finnerty, die der kleinen Samia einst ein Stofftier schenkte. „Everyone dies but they shouldn’t die young“, brüllt die Trauernde voller Inbrunst und bringt mit diesem Tribut und Abgesang an die kindliche Unschuld jeden noch so verdorrten Tränenkanal zum Platzen. Manchmal werden die Babies eben auch in den besten Häusern schneller groß, als man es ihnen zutraut.

Selbst in seinen leersten Metern überzeugt „The Baby“ mindestens mit (s)einer kecken Liebenswürdigkeit, deren Beiläufigkeit immer auch etwas Gefällig-schmissiges, wenngleich – soviel Kritik sei erlaubt – kaum wirklich Nachhaltiges transportiert – alles am Ende jedoch Kinderkrankheiten, die auch ohne den entsprechenden Albumtitel keine Probleme darstellen würden, einfach weil das Album lyrisch grundsätzlich universelle Themen behandelt – ein Film wie „Clueless“ (um noch einmal eine verbindende Brücke zu Brittany Murphy zu schlagen) funktionierte Mitte der Neunziger ja schließlich auch durch alle Klassen des Publikums. Samias Coming-of-Age-Talentprobe hat seinerseits genug Qualitäten um noch zu wachsen, genug Charisma, um über zwei Sommer hinaus zu betören und genug Potential, um zukünftig kein Wort mehr über die familiären Background der Urheberin zu verlieren.

(Übrigens hat Samia in der Zwischenzeit veröffentlichungstechnisch bereits mehrfach nachgelegt: So erschien im Juli diesen Jahres die „Scout EP„, deren vier neue Songs sich qualitativ keineswegs hinter denen von „The Baby“ verstecken brauchen. Für Dezember ist mit „Before The Baby“ eine Sammlung von Singles, welche vor dem Langspieldebüt erschienen, abgekündigt, welche man via Bandcamp bereits hören kann. Und dass die Newcomerin bereits so einige Fans unter US-Indie-Musikern hat, beweist das im Januar veröffentlichte „The Baby Reimagined„, auf dem Künstler wie Bartees Strange, Christian Lee Hudson oder Charlie Hickey die Songs des Albums auf ihre Weise neu interpretieren.)

Rock and Roll.

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Monday Listen: Flo Perlin – „Characters“


Flo Perlin hat den halben Globus bereist und dabei nahezu unweigerlich massig Eindrücke gesammelt, die nun ihr zweites Album „Characters“ ausmachen – stetig auf der Suche nach den besonderen Charakteren um sich herum wie in sich selbst. Sie ist im Nahen Osten, in den US of A, in Europa und Asien unterwegs gewesen, hat die Spuren ihrer jüdisch-irakischen Familie bis nach Myanmar verfolgt, wo sie zudem als buddhistische Nonne ordiniert wurde. Doch trotz all des immerwährenden Fernwehs ist der Nachfolger zum 2017 erschienenen „Cocooned“ ebenso das Ergebnis von Stillstand und innerer Einkehr – eine Bestandsaufnahme, nachdem 2015 bei ihr eine Autoimmunkrankheit diagnostiziert wurde und sie eine Zeit lang in Krankenhäusern ein- und ausging. Wie auch der Erstling ist „Characters“ ein Kokon meditativer Introspektion, der die Zuhörer in diese acht Stücke und in Perlins fast schon honigsüßen Gesang einhüllt.

Im Eröffnungsstück „Slowly Unfold“ schildert die Singer/Songwriterin ihre persönliche Reise hinein in die Selbstreflexion. Sie erzählt von einer Frau, die versucht, sich selbst durch ihre Kreativität zu verstehen, wenn sie singt: „She had her father’s hand / She wrote so she could understand“. Zudem beschreibt die Entfaltung, die erst dann möglich scheint, wenn das Unbewusste die Flucht ergreift. Perlins ebenso subtile wie melodiöse Stimme, welche manch eine(n) durchaus an die großartige Ane Brun denken lassen wird, ist eine durch sonnenbeschienenes Laub rauschende Brise, ist Ton und Klang gewordener Wasserfluss – sie zieht an, taucht ein und übertönt alles um sie herum. Das spärliche Arrangement ihrer sanft angeschlagenen Gitarre wird von einem dezent eingewobenem Bett aus Streichern unterstützt, aus dem sich immer wieder eine Geige Bahn bricht.

Aller feinsinnigen Instrumentierung zum Trotz – nichts an diesen Songs scheint zu viel, scheint überflüssig. Der Gesang der in London beheimateten Singer/Songwriterin, die seit ihrem fünften Lebensjahr auch Cello spielt, atmet frei durch das jazzige Folk-Arrangement von „Hold Up Your Head Child“, welches zudem mit subtiler Basslinie und den Bossa-Nova-beeinflussten Gitarrenrhythmen zu überzeugen weiß. Der Song entstand nach einem erneuten Aufflackern der Autoimmunkrankheit, die Perlin glauben ließ, dass sie wohlmöglich für immer mit chronischen Schmerzen zu kämpfen haben würde. Als sie sich davon erholt hatte, schrieb sie dieses Stück – um sich daran zu erinnern, nie gänzlich die Hoffnung zu verlieren: “Hold up your head, child / This will pass”.

„Baghdad“ wiederum zieht den Hörer mit seinem wehmütig-nostalgischen Intro aus Streichern und Gitarre schnell in seinen Bann. “She took a spade / She’s digging away / Through the sand with the hope / That she’ll find a new land”, singt Perlin über ihre Großmutter. Der wunderbar melancholische Song scheint durch und durch in Sehnsucht getränkt – Sehnsucht nach einem Zuhause, nach Wurzeln, nach einem vergangenen, gelebten und – zumindest zum Teil – erdachten Leben. Die Zeilen des Liedes geraten gleichsam bezaubernd und herzzerreißend, während Perlin tiefer in ihre Familiengeschichte eintaucht und einmal mehr ihre Großmutter beschreibt: “She couldn’t bear / The taste of mum’s tea / It runs through the roots of her / Family tree”.

„Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen“, meinte einst der französische Staatsmann Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord. Dieses Zitat könnte wohlmöglich auch Perlin im Hinterkopf gehabt haben, die im darauffolgenden „Words“ singt: „Scream with your eyes / But your words can’t get through“, wobei sie auf ihre Weise die naturgemäße, höchst subjektive Unvollkommenheit von Worten hervorhebt und darauf hinweist, wie oft ebenjene zu kurz greifen. Nicht eben unsympathisch, dass sie sich selbst den ein oder anderen Fehler eingesteht, von dem wohl die meisten von uns ab und an heimgesucht werden: “Sometimes I listen / But sometimes I don’t”, gibt sie zu, oder: “Sometimes I talk / Though I don’t understand”.

„Blue Is The Colour“ ist ein Stück über den Wunsch nach Nähe und über die Beziehungen, die uns alle in irgendeiner Form prägen – sei es zu anderen Menschen, zur Natur oder schlicht zu uns selbst. Perlin meditiert darüber, wie man geben kann, ohne dass einem zu viel genommen wird, und verwendet das sprachliche Bild wachsender Wurzeln, um zudem sowohl auf die Identität als auch auf unsere Abkopplung von der Natur hinzuweisen: “I gave my roots to the people / But they took them from me”, wie sie singt. Streicher unterstützen gen Ende ihr sanftes Summen und treiben den Song plötzlich mit einer melodischen Hook vorwärts, die den Hörer eine nahende instrumentale Explosion vermuten lässt. Stattdessen klingt der Song sanft aus und macht Lust auf mehr.

Das abschließende „Move Through The Waves“ unterscheidet sich deutlich von allem anderen auf dem gut halbstündigen Album. Es ist das einzige Stück, in dem Perlin Klavier spielt – jenes Instrument, auf dem sie einst mit dem Schreiben von Musik begann. Zwar kommt auch dieser Song nicht aus der nachdenklichen Kaminecke hervor, macht es sich dort jedoch zu einem entspannten, jazzigen Beat, der an Lianne La Havas erinnert, gemütlich. „Simplify the outside“, wiederholt Perlin wie ein Mantra. Und: Mit „Move Through The Waves“ versucht die Musikerin, die verschiedenen Charaktere in sich selbst noch einmal unter einen Hut zu bringen, indem sie nach innen schaut, um alles Äußere zu vereinfachen. Es scheint beinahe, als sei der Song auch ein Versuch der Versöhnung der verschiedenen musikalischen Stimmen tief in Flo Perlin – er stellt ihre Vielseitigkeit als Songwriterin unter Beweis, ohne ihren Kern aus den Augen zu verlieren. „Let the silence give you space“, singt Perlin immer wieder. Wenn die Musik schließlich ihr Ende findet, scheint die Stille mit einem Mal ein klein wenig erträglicher – und vielleicht ist das das Geschenk, das Flo Perlin ihren Zuhörern macht: Gelassenheit in der Einsamkeit, Leichtigkeit im Unbehagen zu finden.

Rock and Roll.

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