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Monday Listen: Flo Perlin – „Characters“


Flo Perlin hat den halben Globus bereist und dabei nahezu unweigerlich massig Eindrücke gesammelt, die nun ihr zweites Album „Characters“ ausmachen – stetig auf der Suche nach den besonderen Charakteren um sich herum wie in sich selbst. Sie ist im Nahen Osten, in den US of A, in Europa und Asien unterwegs gewesen, hat die Spuren ihrer jüdisch-irakischen Familie bis nach Myanmar verfolgt, wo sie zudem als buddhistische Nonne ordiniert wurde. Doch trotz all des immerwährenden Fernwehs ist der Nachfolger zum 2017 erschienenen „Cocooned“ ebenso das Ergebnis von Stillstand und innerer Einkehr – eine Bestandsaufnahme, nachdem 2015 bei ihr eine Autoimmunkrankheit diagnostiziert wurde und sie eine Zeit lang in Krankenhäusern ein- und ausging. Wie auch der Erstling ist „Characters“ ein Kokon meditativer Introspektion, der die Zuhörer in diese acht Stücke und in Perlins fast schon honigsüßen Gesang einhüllt.

Im Eröffnungsstück „Slowly Unfold“ schildert die Singer/Songwriterin ihre persönliche Reise hinein in die Selbstreflexion. Sie erzählt von einer Frau, die versucht, sich selbst durch ihre Kreativität zu verstehen, wenn sie singt: „She had her father’s hand / She wrote so she could understand“. Zudem beschreibt die Entfaltung, die erst dann möglich scheint, wenn das Unbewusste die Flucht ergreift. Perlins ebenso subtile wie melodiöse Stimme, welche manch eine(n) durchaus an die großartige Ane Brun denken lassen wird, ist eine durch sonnenbeschienenes Laub rauschende Brise, ist Ton und Klang gewordener Wasserfluss – sie zieht an, taucht ein und übertönt alles um sie herum. Das spärliche Arrangement ihrer sanft angeschlagenen Gitarre wird von einem dezent eingewobenem Bett aus Streichern unterstützt, aus dem sich immer wieder eine Geige Bahn bricht.

Aller feinsinnigen Instrumentierung zum Trotz – nichts an diesen Songs scheint zu viel, scheint überflüssig. Der Gesang der in London beheimateten Singer/Songwriterin, die seit ihrem fünften Lebensjahr auch Cello spielt, atmet frei durch das jazzige Folk-Arrangement von „Hold Up Your Head Child“, welches zudem mit subtiler Basslinie und den Bossa-Nova-beeinflussten Gitarrenrhythmen zu überzeugen weiß. Der Song entstand nach einem erneuten Aufflackern der Autoimmunkrankheit, die Perlin glauben ließ, dass sie wohlmöglich für immer mit chronischen Schmerzen zu kämpfen haben würde. Als sie sich davon erholt hatte, schrieb sie dieses Stück – um sich daran zu erinnern, nie gänzlich die Hoffnung zu verlieren: “Hold up your head, child / This will pass”.

„Baghdad“ wiederum zieht den Hörer mit seinem wehmütig-nostalgischen Intro aus Streichern und Gitarre schnell in seinen Bann. “She took a spade / She’s digging away / Through the sand with the hope / That she’ll find a new land”, singt Perlin über ihre Großmutter. Der wunderbar melancholische Song scheint durch und durch in Sehnsucht getränkt – Sehnsucht nach einem Zuhause, nach Wurzeln, nach einem vergangenen, gelebten und – zumindest zum Teil – erdachten Leben. Die Zeilen des Liedes geraten gleichsam bezaubernd und herzzerreißend, während Perlin tiefer in ihre Familiengeschichte eintaucht und einmal mehr ihre Großmutter beschreibt: “She couldn’t bear / The taste of mum’s tea / It runs through the roots of her / Family tree”.

„Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verbergen“, meinte einst der französische Staatsmann Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord. Dieses Zitat könnte wohlmöglich auch Perlin im Hinterkopf gehabt haben, die im darauffolgenden „Words“ singt: „Scream with your eyes / But your words can’t get through“, wobei sie auf ihre Weise die naturgemäße, höchst subjektive Unvollkommenheit von Worten hervorhebt und darauf hinweist, wie oft ebenjene zu kurz greifen. Nicht eben unsympathisch, dass sie sich selbst den ein oder anderen Fehler eingesteht, von dem wohl die meisten von uns ab und an heimgesucht werden: “Sometimes I listen / But sometimes I don’t”, gibt sie zu, oder: “Sometimes I talk / Though I don’t understand”.

„Blue Is The Colour“ ist ein Stück über den Wunsch nach Nähe und über die Beziehungen, die uns alle in irgendeiner Form prägen – sei es zu anderen Menschen, zur Natur oder schlicht zu uns selbst. Perlin meditiert darüber, wie man geben kann, ohne dass einem zu viel genommen wird, und verwendet das sprachliche Bild wachsender Wurzeln, um zudem sowohl auf die Identität als auch auf unsere Abkopplung von der Natur hinzuweisen: “I gave my roots to the people / But they took them from me”, wie sie singt. Streicher unterstützen gen Ende ihr sanftes Summen und treiben den Song plötzlich mit einer melodischen Hook vorwärts, die den Hörer eine nahende instrumentale Explosion vermuten lässt. Stattdessen klingt der Song sanft aus und macht Lust auf mehr.

Das abschließende „Move Through The Waves“ unterscheidet sich deutlich von allem anderen auf dem gut halbstündigen Album. Es ist das einzige Stück, in dem Perlin Klavier spielt – jenes Instrument, auf dem sie einst mit dem Schreiben von Musik begann. Zwar kommt auch dieser Song nicht aus der nachdenklichen Kaminecke hervor, macht es sich dort jedoch zu einem entspannten, jazzigen Beat, der an Lianne La Havas erinnert, gemütlich. „Simplify the outside“, wiederholt Perlin wie ein Mantra. Und: Mit „Move Through The Waves“ versucht die Musikerin, die verschiedenen Charaktere in sich selbst noch einmal unter einen Hut zu bringen, indem sie nach innen schaut, um alles Äußere zu vereinfachen. Es scheint beinahe, als sei der Song auch ein Versuch der Versöhnung der verschiedenen musikalischen Stimmen tief in Flo Perlin – er stellt ihre Vielseitigkeit als Songwriterin unter Beweis, ohne ihren Kern aus den Augen zu verlieren. „Let the silence give you space“, singt Perlin immer wieder. Wenn die Musik schließlich ihr Ende findet, scheint die Stille mit einem Mal ein klein wenig erträglicher – und vielleicht ist das das Geschenk, das Flo Perlin ihren Zuhörern macht: Gelassenheit in der Einsamkeit, Leichtigkeit im Unbehagen zu finden.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Eliza Shaddad – „Now You’re Alone“


Foto: Promo / Jodie Canwell

Manch ein Binger, so mache Bingerin hat vielleicht schon davon gehört: Im Abspann der britischen Netflix-Mini-Serie „Behind Her Eyes“ ertönte unlängst eine fast schon magische, beschwörerische Version des Nina Simone-Klassikers „Don’t Let Me Be Misunderstood“. Die Stimme dahinter stammt von Eliza Shaddad, Kind einer sudanesischen Astrophysikerin und eines schottischen Diplomaten, in sieben verschiedenen Ländern aufgewachsen. Entsprechend „globalisiert“ wirkt ihr Sound, der sich gefühlt das Beste aus nahezu allen musikalischen Welten zusammenklaubt. Da verwundert es kaum, dass sich „The Woman You Want„, ihr zweites Studioalbum, abermals auf keine bestimmtes Genre festlegen lassen will.

Und wenn man so mag, dann hat man es hier mit einem weiteren „klassischen“ Lockdown-Werk zu tun, denn eigentlich wollte Eliza Shaddad den Nachfolger ihres 2018er Debüts „Future“ mit Band aufnehmen. Ja: eigentlich. Corona. Pustekuchen. Stattdessen entstanden die neun neuen Stücke in Zusammenarbeit mit Ehemann und Produzent BJ Jackson zwischen schalldämmenden Matratzen im Schlafzimmer im heimischen Cornwall. Dass man bei gezwungener Nähe – so schön diese in mancher Minute auch sein mag – nicht konstant auf Wolke sieben schweben kann, haben die meisten im letzten Jahr am eigenen Leib erfahren. Und wer genau(er) hinhört, für den werden Lagerkoller und Corona-Blues auch auf Shaddads neuem Album spürbar: Beides steckt in der Enttäuschung von „The Man I Admire“ und „The Woman You Want„, in der Genervtheit von „Fine & Peachy„, aber vermutlich auch in „Blossom“ und „Heaven„, die Mut machen und den Frühling herbeisehnen. Während sich ersteres auf ihre sudanesische Herkunft bezieht (bevor die Sharia im Sudan eingeführt wurde, erlebte das Land von den Sechziger- bis in die Achtzigerjahre hinein eine echte Blütezeit, die heute als das goldene Zeitalter des sudanesischen Pop gilt) und zu psychedelisch angehauchtem Folk das Hörerherz erwärmt, bemüht letzteres die gitarrenlastigere Seite dieser Platte und erinnert an so vielfältige Künstler*innen wie Alanis Morissette und R.E.M. – die Neunziger lassen lieb grüßen. Ein fast schon beiläufiger Pop/Rock-Sound mit ausreichend Kante, um den Biss des Songs zu transportieren, dazu die ausdrucksstarke Stimme und kleine, aber feine Variationen tragen den Song. Die streicherdekorierte Verlust-Ode „In The Morning (Gradmother Song)„, welche ihrer an Demenz verstorbenen Großmutter gewidmet ist, entpuppt sich als konträre Schwester und wirkt beinahe wie von einem anderen Planeten. Eliza Shaddad, die sich vor einigen Jahren noch als Straßenmusikerin in London durchschlug, während sie Jazz und Philosophie studierte, bemüht sich um balladeskes Drama und Art Pop-Ansätze. Die reduzierte Instrumentierung rückt ihre außerordentliche, vielschichtige Stimme in den Mittelpunkt. Und wer sich nicht hütet, der findet sich schnell in einem Sog der Emotionen wieder.

Fine & Peachy“ hingegen bemüht zu herrlich angeissten Zeilen wie „Fuck you, just tell me what you wanted to say / Instead of screaming at my head for days“ verschmitzte Indie-Anklänge, tänzelt durchaus leichtfüßig mit einem Hauch von Folk im Unterboden, dazu mit etwas Pop-Appeal obenauf – Sheryl Crow und Lukas Nelson winken von fern. Das schleppende, ein wenig niedergeschlagene „Now You’re Alone“ bemüht erdrückende Melancholie, flirtet mit Selbstaufgabe und lässt das ausladende Arrangement sehnsüchtige Töne anschlagen – die Künstlerin selbst nennt’s „Ethereal Grunge“. Im dreampoppigen „Waiting Game“ weht Shaddads Sound eine Prise Kate Bush und Austra im die Ohren, aber auch Island scheint im opulenten Crescendo gefühlt nicht so weit weg. Kunterbunt, angenehm experimentell, irgendwie eingängig und strukturell doch herrlich unnahbar – ein gewiss unerwartetes, faszinierendes Herzstück dieser Platte.

“Es war wirklich sehr intensiv, ein ziemliches Auf und Ab der Gefühle. Ein ganzes Jahr lang rund um die Uhr immer zusammen zu sein, war zwar großartig, weil wir einander bedingungslos vertrauen und alle Zeit der Welt hatten, Dinge auszuprobieren. Aber gefühlsmäßig war es nicht immer leicht.” (Eliza Shaddad über die Albumaufnahmen)

Im ersten Moment mag einen „The Woman You Want“ wohlmöglich etwas überwältigen, weil hier einfach so viele verschiedene Faktoren, Klänge und Genres gefühlt nahtlos ineinander übergehen, sich gelegentlich sogar pointiert vermischen. Und gerade das macht Eliza Shaddads neues Album zu einem gelungenen. Kleine, kurzweilige Indie-Perlen treffen auf dramatische Gesten, nackte, emotionale Ehrlichkeit auf bodenständigen Folk-Rock-Pop (don’t you dare call it „altbacken“!) mit dem richtigen Hang zu kleineren, starken Experimenten. Wie eine kleinformatige Schlafzimmer-Produktion wirkt das Ganze keineswegs, vielmehr wie ein akustischer Schritt zurück ins Leben. So oder so überzeugt Eliza Shaddad auch mit ihrem zweiten Album und sollte längst viel mehr als ’nur‘ ein weiterer Geheimtipp sein – Netflix-Features hin oder her.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Orla Gartland – Woman On The Internet (2021)

-erschienen bei New Friends Music/Membran-

Früh übt sich, auch wenn manches Ding gut Weile haben will: Bereits im frühen Teenageralter veröffentlichte Orla Gartland erste Eigenkompositionen auf YouTube, weil sie für Open-Mic-Auftritte noch zu jung war. Später zog die gebürtige Irin nach London, wurde schnell Teil einer Community um das kaum weniger mit Talent gesegnete YouTube-meets-Indie-Pop-Sternchen dodie, zu deren Tour-Band sie schon bald Gitarre spielend gehörte. Zwischendurch schrieb Gartland weiterhin eigene Songs und veröffentlichte diverse EPs, die bis heute über 55 Millionen Streams anhäufen konnten. Warum also nicht mal ein vollwertiges LP-Projekt in Angriff nehmen? Gedacht, getan! Für das Debütalbum „Woman On The Internet“ setzte sich die 26-jährige Newcomerin intensiv mit sämtlichen Aspekten des Songwriting- und Aufnahmeprozesses auseinander. Um es bereits vorweg zu nehmen: Diese Hingabe hat sich gelohnt.

Foto: Promo / Karina Barberis

Aber wer ist denn nun diese „Frau im Internet“? Gartland selbst schreckt zwar nicht vor TikToks & Insta-Stories zurück, meint damit aber wohl vor allem die graue Masse an perfekt zur Schau gestellten Körpern, perfekten Leben, perfekten Stimmungen bei all den Influencer*innen. “I heard it from a woman on the internet / She told me to eat well and try to love myself” heißt es so noch in “More Like You”, worauf das lyrische Ich nur kleinlaut darum bittet, mehr so zu sein wie die anderen – digitale Grabenkämpfe, die wohl die meisten Heranwachsenden aus den sozialen Netzwerken kennen mögen. Aber: Gartland gesteht sich zwar Schwächen und Zweifel ein, setzt der ganzen Shitshow in “Pretending” jedoch ein Ende – auch hier tritt die Frau aus dem Internet wieder als heuchlerisches Gegenüber auf. Und manchmal strahlen sogar Selbstzweifel etwas Wohliges aus, wie etwa der selbstironisch-smarte Pseudo-Individualismus-Diss „You’re Not Special, Babe“ zu kurzweiligem Indie Pop thematisiert. Der vorwitzige Song, welcher graduell in Upbeat-Gefilde abdriftet, macht eine andere Art von Mut, stärkt das Selbstbewusstsein und zeigt, dass es sich durchaus bestens mit den eigenen Unsicherheiten leben lässt.

Was dieses Debüt so sympathisch macht, ist vor allem dessen Vielschichtigkeit. Die Patriarchat-Klatsche „Zombie!“ packt die Gitarre aus und lässt es nach einer falschen Fährte ordentlich krachen. Zwischendurch scheint Gartland sogar ihren angepunkten Vorbildern der Jugend nachzueifern. So laut wird es allerdings nur selten, oft rockt die Irin nur nebenbei mit. In „Pretending“ unterstreichen die Saiten die eigenwillige, nachdenkliche Stimmung, während „Do You Mind?“ vom Ende einer Liebe berichtet und direkt balladeske Klänge mit durchaus wuchtigem Beat und Piano anschlägt. Auch schön: „Codependency“, das zwischenzeitlich schön krachig daherkommen darf und so in ähnlicher Form auch bei der einen oder anderen Kapelle zwischen Pop Punk und Midwest Emo gut aufgehoben wäre. Das finale „Bloodline / Difficult Things“ ist tanzbar, rockend, verspielt poppig, fragil und post-modern zugleich – eine Sammlung unzähliger Ideen, lose zusammengehalten und auf assoziative Weise spannend.

Natürlich gibt es nicht den einen, archetypischen Orla Gartland-Sound, sondern viele verschiedene Einflüsse, die sympathisch zusammenfinden und das Bild einer Künstlerin mit Freude an der Musik und Suche nach dem Selbst zeichnen. Klar könnte es sich der geneigte Plattenkritik-Schreiberling jetzt einfach machen und attestieren, dass Gartland vornehmlich im Kielwasser von Phoebe Bridgers, Snail Mail oder Lucy Dacus schwimmt. Wer jedoch genauer hinhört, der erkennt außerdem, dass die umtriebige Indie-Musikerin oft genug auch den Furor von Fiona Apple und die Klugheit von Regina Spektor in Modern Pop überführt, wobei bestimmte Stücke eben poltern und krachen dürfen, andere wiederum ihre folkige Grundstruktur behalten. Interessant geraten auch die Rhythmen, welche von allerhand Körperbeats getragen werden (und damit ähnlich wie bei der Französin Camille tönen), was die Songs auf „Woman On The Internet“ organisch und lebendig hält und zur Grundhaltung dieser Platte passt: sich selbst nicht über alle Maßen ernst nehmen.

Alles in allem spiegeln sich in Orla Gartlands Debütalbum so einige Facetten – es ist vorwitzig und euphorisch, zerbrechlich und nachdenklich, bewegend und suchend. Vor allem bestätigt die britische Newcomerin damit die über die Jahre redlich erworbenen – und absolut gerechtfertigten – Vorschusslorbeeren ihrer diversen Kleinformate und erweitert ihre musikalische Spielwiese auf recht kurzweilige Weise. Und das, liebe Freunde der gepflegten musikalischen Unterhaltung, kann eigentlich nur der Anfang gewesen sein…

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Shitney Beers – Welcome To Miami (2021)

-erschienen bei Zeitstrafe/Indigo-

Manchmal sollte man sich nicht zu sehr von einem Albumtitel täuschen lassen… Schaut man sich die Promotion-Fotos zu Welcome To Miami“ an, so sieht nicht nur die Künstlerin selbst, sondern auch die Umgebung keineswegs nach dem „Sunshine State“ im Südosten der US of A aus. Wer mit Adleraugen hinschaut, der wird zudem bemerken, dass die Autos, die links und rechts straßenseits stehen, Mannheimer Kennzeichen besitzen. Und in der Kurpfalz ist Maxi Haug, die als Shitney Beers seit 2018 ihre Songs veröffentlicht, tatsächlich zu Hause. Dort hat die Halbkanadierin – wie so einige vor ihr – ein Studium an der Popakademie geschmissen und lieber in Eigenregie vier EPs veröffentlicht – frei nach dem Motto: Fuck off Pop Bizz, let’s go indie! Die daraus bekannten Songs gaben einen ersten Vorgeschmack auf das Talent des Twentysomethings, sind nun jedoch nur zum Teil auf ihrem unlängst erschienenem Debütalbum enthalten, was vor allem im Falle des feinen „I Don’t Like Horses“ durchaus schade ist. Dennoch werden alle Freunde der EPs sofort „ihren“ Sound wiedererkennen, der meist nur aus Gitarre, Gesang und winzigen Klangtupfern weiterer Instrumente besteht. Und wem Shitney Beers bisher noch nicht über dem musikalischen Weg gelaufen ist, darf nun eine Künstlerin für sich entdecken, die auf sehr intelligente Weise mit dem Erwachsenwerden als Frau im 21. Jahrhundert kämpft.

Fotos: Promo / Sebastian Igel

Insofern ist „Welcome To Miami“ doch ein recht passender Titel für diese Platte. Er gemahnt an das schnöd-schöne Versprechen von Glamour, Sorglosigkeit, Gesundheit und Wohlstand, das uns allenthalben vorgegaukelt wird, schlussendlich jedoch für fast niemanden Realität wird – und wegen des damit verbundenen Schönheitsideals für Frauen noch ein gutes Stück schwerer zu erreichen ist. Der Kontrast zu Mannheim, er könnte größer kaum sein. So besingt Shitney Beers etwa in „Lucky“ ein Pärchen als die einzigen beiden glücklichen Personen in einer „dog-shit city“, eine Slide-Gitarre und eine zweite Stimme verstärken das Gefühl vom Schweben und der Gewissheit, sich fallen lassen zu können. Es bleibt unklar, welche Stadt gemeint sein mag, und doch ist offenkundig: Die Diskrepanz zwischen Schein und Sein ist riesig, und den Schlüssel zum Glück inmitten einer kaputten oder feindlichen Welt kann man am Ende einzig in sich selbst entdecken. (Da fragt man sich übrigens auch, ob der Gedankensprung zum gleichnamigen Song einer Britney Spears – sic!- hier in rein zufälliger ist…)

Auch ein weiteres Prinzip lässt sich auf „Welcome To Miami“ schnell erkennen: Der Herausforderung, eine Identität zu entwickeln, wird hier ebenso sehr über Abgrenzung begegnet wie über Zugehörigkeit. Zuerst erkennt man, was man hasst, vermeiden möchte oder beunruhigend findet. Das ist dann schon einmal eine gute Voraussetzung, um im nächsten Schritt vielleicht herauszufinden, was man gerne möchte, wo man hin will und wer auf dem Weg dorthin mitkommen sollte. Man höre etwa das heimliche Platten-Herzstück „Keys“, das von der weiblichen Angst vor nächtlichen Übergriffen erzählt („You rarely see us walking at night / Without our keys held tight“), was mit einer schockierend spürbaren Angespanntheit umgesetzt wird. Oder „Lourdes“, ein Bericht über eine stürmische Affäre, die mit Stalking und der Falle von „I’m even afraid to leave my house“ endet, wobei die augenscheinlich fragile, folkige Komposition diesen beklemmenden Stimmungsumschwung sehr gekonnt spiegelt. „Next time I’ll make it right“, heißt die erste Zeile im Opener „Time“, der von einer Beziehung erzählt, für die vielleicht einfach nicht der richtige Zeitpunkt erreicht war. „Inevitable“ stellt die Frage, ob da jemand nur guter Freund oder mehr ist. Klar, die Musikerin kennt – der Songtitel deutet es galant an – die Antwort längst selbst, will sie sich aber noch nicht eingestehen und lässt Instrumente und Takt zwischendurch kurz dahinzuschmelzen.

SoKo, Chan „Cat Power“ Marshall, Marika Hackman oder Suzanne Vega darf man gern als passende Bezugspunkte ins Vergleichsfeld führen, noch lieber gar die drei in den Mainstream aufstrebenden boygenius-Damen Julien Baker, Phoebe Bridgers und Lucy Darcus, mit ihren oft leise tretenden und dennoch kraftvoll am Herzzipfel zupackenden Songs. Im wunderbar reduzierten „Modern Love“ (mit den tollen Leben-trifft-Popkultur-Zeilen „Your life is not a movie / And it’s not a Bloc Party song“ ) mag man auch an Stella Donnelly denken. Der Song zeigt zudem, wie Shitney Beers es mit Talent und Geschick hinbekommt, in diese zehn meist sehr reduzierten Stücke die nötige Spannung und Abwechslung hinein zu werkeln. Hektisches Picking sorgt hier für ein gerüttelt Maß an Unruhe, am Ende tönt gar ein Mini-Chor. „La Mort Hereuse“, benannt nach dem Debütroman von Albert Camus, bleibt eher abstrakt und schwer zu fassen, „Nourie Hadig“, wiederum tituliert nach einen Märchen aus Armenien, das einige vage Ähnlichkeiten mit dem Plot von Schneewittchen aufweist, gerät hingegen heiter und dezent verspielt. „Parents“ erzählt zu Ukulelenbegleitung von dem nervenaufreibenden Moment, wenn man zum ersten Mal die Eltern des Partners treffen soll. Dabei klingt das Stück so lo-fi und verschüchtert, als würde die Künstlerin direkt aus dem Kleiderschrank spielen, in dem sie nach dem passenden Outfit für diesen Anlass sucht. Zudem nimmt der Song mit seiner Prise Selbstironie vielen der Themen, die während der knappen halben Stunde angeschnitten werden, ein wenig von jener bleiernen Schwere, die ohne die so erschaffene Distanz wohl einzig zurück bliebe. „Marcel“ schließt den Beers’schen Erstling zwar ab, ist dabei jedoch meilenweit von einem versöhnlichen Schlussstrich entfernt.

Auch wenn der Platte am Ende vielleicht ein Song fehlen mag, der aus dieser sehr charakteristischen Ästhetik noch ein wenig herausragt (aka. der offensichtliche Indie-Hit), liefert Maxi „Shitney Beers“ Haug mit „Welcome To Miami“ ein durchaus starkes, beachtenswertes Debütalbum ab, das von (s)einer einnehmenden Stimme, schönen Melodien, ausreichend Riot Grrrl’scher Punk-Kredibilität und schlauen Arrangements lebt. Keine auf Hochglanz geschliffene Platte, sondern eine herrliche Zusammenstellung absichtlich roh gehaltener Perlen. Vor allem aber hat Shitney Beers wirklich etwas zu erzählen – da können selbst der klamaukige Bühnenname und das bunte Cover nicht drüber hinweg täuschen. Miami ist eben auch nicht mehr das, was es mal war…

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: The Provincial Archive


„Eines Lachens Läuten, das uns im Vorübergehen – kaum gestreift – ein Fest bedeuten oder wehtun kann“, dichtete Hermann Hesse einst in „In Sand geschrieben“. Und so wirkt auch das Coverfoto des The Provincal Archive-Albums „It’s All Shaken Wonder“. Menschen im Gegenlicht beim Überqueren einer großstädtischen Kreuzung. Alltäglich, dennoch irgendwie besonders – wie eines dieser Instagram-Fotos, bei denen man partout nicht weiß, warum zur Hölle sie einem eigentlich gefallen… Die Musik der vier Kanadier passt dazu. Sie ist gleichsam bittersüß wie lichtdurchflutet und tagträumt sich in die goldene Mitte zwischen Melancholie und Leichtigkeit. Indie-Pop mit Songwriter-Einschlag der nachdenklichen Art – irgendwo zwischen Death Cab For Cutie, Elliott Smith, Grizzly Bear, The National und Bright Eyes.

Obwohl The Provincial Archive mit „It’s All Shaken Wonder“ 2014 bereits das dritte Album vorlegten, war es ihr erstes mit offiziellem Europa-Release. Kaum verwunderlich also, dass sich die Band aus dem kanadischen Edmonton, Alberta bis dahin lediglich auf den Empfehlungszetteln der sogenannten „eingeweihten Zirkel“ befand – oder eben von all jenen, die dem Vierer 2013 beim Reeperbahn Festival oder im Vorprogramm von The Cave Singers, Chuck Ragan, Damien Jurado sowie The Rural Alberta Advantage lauschen durften.

Neben Frontmann Craig Schram (Gesang, Gitarre, Banjo, Piano) agieren R. Bramwell Park (Schlagzeug, Banjo, Gitarre, Gesang), Ryan Podlubny (Bass, Gitarre, Gesang) und Nathan Burge (Piano, Keyboards, Gitarre, Gesang). Das Quartett versteht es, feingeistige Melodien zu kreieren, die zwischen melancholisch und versonnen, wehmütig und lebensbejahend schwingen. Auf Fotos mögen sie wie intellektuelle Nerds wirken – ein kleines optisches Klischee, das sich zumindest andeutungsweise auch in ihren Songs niederschlägt. Dementsprechend strukturiert und durchdacht tönen selbige daher auch. Dabei geht ihnen die Leichtigkeit jedoch keineswegs verloren, vielmehr finden sie den Weg, beide Welten miteinander zu verknüpfen.

Manchmal sind es beinahe mechanische Rhythmusstrukturen, denen feine Melodielinien entgegengesetzt werden, wie etwa im Opener „Daisy Garden“ und in der dramatischen Ballade „In The Morning“. Anderswo, bei der Indiepopperle „Full Of Water“, zaubert die Band wiederum an sonnige Byrds-Jingle-Jangle-Gitarren angelehnte Sounds hervor, die einen im Nu betören. Oder „Land Machines“, welches mit zirpenden Banjo- und monoton-eindringlichen Akustikgitarrentönen überzeugt. Fürs distinguierte Hörervolk werden gar Jazz-Anklänge geboten, „The Lake“ rückt das Piano und den schleichenden Rhythmus ins Zentrum. Wiederholt lassen sich solche Details finden, die das Ganze zu einem kurzweiligen, dennoch anspruchsvollen Vergnügen werden lassen. Ganz besonders stechen hier die verspielten, urbane Horizonte öffnenden „The Market“ und „Every Pretty Girl“ heraus – bittersüß und wunderschön. 

„It’s All Shaken Wonder“ klingt wie ein Versprechen auf Großes, Wahrhaftiges. Es lädt zum Sinnieren, zur tagträumerischen Feingeistigkeit ein – trotzdem lassen die recht persönlichen Texte von Bandkopf Craig Schram genug Raum für eigene Vorstellungen und Visionen. Es ist Musik, die mit dir kommuniziert, dir dabei nicht zu nahe rückt und dich dennoch streichelt. Mit detailverliebten Arrangements, während sie andererseits von ihrer intimen Atmosphäre lebt. Musik, die nie zu überladen, aber auch nie zu reduziert wirkt. Indie-Folk durch die Nerd-Brille betrachtet, aber mit sanftem Blick. Schade eigentlich, dass es nach dem Album – mal abgesehen von einer 2015 nachgeschobenen EP sowie einer Single vor drei Jahren – recht ruhig um die mittlerweile zum Trio geschrumpfte Band geworden ist. So bleibt dieses Indiefolkpop-Kleinod wohl weiterhin den „eingeweihten Zirkeln“ vorbehalten…

Rock and Roll.

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Song des Tages: BOY – „Fit Back In“


BOY sind zurück und es fühlt sich an wie ein unverhofftes Wiedersehen mit alten Freundinnen – auf einen Schlag wird klar, wie sehr sie doch gefehlt haben. Valeska Steiners Stimme lässt beim ersten Ton jeden Lärm verstummen, die Musik von Sonja Glass hüllt den Raum in warmes Licht. Schon fühlt man sich zuhause in der gewohnt leichtfüßigen Melancholie, und doch ist nicht alles beim Alten…

Dankbarkeit mischt sich mit Trauer, Hoffnung mit Unruhe, und aus dem schnurgeraden Weg in den Sonnenuntergang ist ein verschlungener Pfad durch eine einst vertraute Stadt geworden: „Feeling like a stranger in my city and my skin, nothing around here reminds me of anything“, schreibt Valeska ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters mit dem Gefühl, nach dieser Zeit endlich wieder funktionieren zu müssen, zu wollen – nur um festzustellen, dass Trauer leider kein Verfallsdatum hat. Monate vergehen bis mit „Time doesn’t heal, it just goes by, spring and fall, and bloom and die, it just goes by“ die richtigen Worte ihren Weg in die Welt finden und „Fit Back In“ zu einem irgendwie tröstlichen Haiku der Vergänglichkeit machen: Nichts bleibt, alles ändert sich, und eben darin liegt auch Hoffnung.

Und wie zum Beweis ändert sich im Leben des deutsch-schweizerischen Duos noch vieles andere seit dem letzten Album „We Were Here“ von 2015 sowie ihrem letzten Auftritt zwei Jahre darauf: Valeska Steiner bekommt ihr erstes Kind und zieht zurück nach Zürich, während Sonja Glass in Hamburg bleibt, ihre erste Filmmusik komponiert und erste Schritte als Musik-Produzentin macht. Und Sonja wäre wohl nicht Sonja, wenn auf die ersten Schritte nicht gleich der große Sprung folgen würde: neben dem Schreiben der Musik wollte sie auch die Produktion des neuen Albums zu übernehmen. Frauen sind rar gesät in der Produzentenlandschaft (zumindest in der bundesdeutschen), aber wer hört, wie gleichermaßen kraftvoll, verspielt und zärtlich sich die Musik von „Fit Back In“ um Valeskas Stimme rankt, der ahnt, dass es höchste Zeit war, dass sich das ändert. Die beiden arbeiten aktuell an der Fertigstellung ihres dritten Langspielers und lassen parallel zur neuen Single auch eine Coverversion des 1981er Kim-Carnes-Welthits „Bette Davis Eyes“ hören.

BOY are back in town. Und wenn irgendwo Hoffnung wächst, dann hier.

„Feeling like a stranger in my city and my skin
Nothing around here reminds me of anything
Evenings growing shorter and the swallows spread their wings
Dislocate me, bend me, shake me, make me fit back in
Make me fit back in

With the people at the party, and them all are lost
Catching my breath behind the bathroom door
And I’m having drinks, and saying things, and laughing till I’m sore
No one around here knows me anymore

And another half won’t shine in half a light
Another day that came my way and passed me by
Swallowed by the night

Feeling like I’m lying, deciding my old lines
Life goes on and back to work, and thank you, I’m alright
I can’t remember what I need, somebody read my mind
Crack me open, come pull up the blinds

And another half won’t shine in half a light
I wish I could keep the days from passing by
Drift upstream, and travel back in time
Find your hand and hold it tight in mine

Moon-set, sunrise, time doesn’t heal
It just goes by, it just goes by
Sunset, moon-rise, time doesn’t heal
It just goes by, it just goes by
Tuck you in, I know your skies
It just goes by, it just goes by
Medicine and weary eyes
It just goes by, it just goes by
And summer birds, and winter flies
It just goes by, it just goes by
Spring and fall, and bloom and die
It just goes by, it just goes by, it just goes by“

Rock and Roll.

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