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Song des Tages: Other Lives – „Lost Day“


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Die Musik von Other Lives zu beschreiben, fällt nicht ganz leicht. Da ist einerseits eine Verwurzelung im Folk und Country, da ist eine Nähe zu Indie (Rock), aber auch eine Affinität zu orientalischen Ornamenten. Leichter fällt es dagegen, die Besonderheit dieser Mischung zu erkennen. Die Band besetzt seit ihrem Debüt-Album „Tamer Animals“ von 2011 eine Nische, zu deren Erreichung nur sie den Weg zu kennen scheinen. Leider gilt das nicht nur für andere Musiker, sondern auch für den Großteil des Publikums. Und so blieb die große Anerkennung – prominente Fans wie unter anderem Thom Yorke oder Philipp Glass hin oder her – bislang aus. Wie man liest gibt es gar Musikkritiker, die behaupten, Other Lives seien die unterschätzteste Band ihrer Generation…

„I think it would be a wonderful world where countries supported their artists“, sagt Jesse Tabish, Sänger und Vordenker der Band, ein wenig niedergeschlagen – es wäre zwar eine wundervolle Welt, wenn Länder in Zeiten von Corona ihre Künstlerinnen und Künstler unterstützen würden, aber er selbst habe absolut keine Hoffnung, dass die US-Regierung (gerade jetzt) etwas unternehmen werde, um die Kunstszene zu unterstützen.

Wohl auch deshalb nimmt Tabish es mit ein wenig Galgenhumor: Vielleicht sollten er und seine deutsche Frau Kim einfach auswandern. Das neue Album seiner Band zu verschieben, wie viele Musikerinnen und Musiker es zurzeit tun, sei allerdings keine Option gewesen, sagt der Mittdreißiger. Im Gegenteil: Aus seiner Sicht sei es sogar eine gute Zeit, um Musik zu veröffentlichen. Weil Menschen auf einmal wieder Muße hätten, Musik nicht nur beiläufig zu hören.

5400863025595Vielleicht kann die Krise dazu beitragen, sich auf das Wesentliche zurückzubesinnen, hofft Tabish. Mit seiner Band hat der Musiker damit schon begonnen. Beim letzten Album, dem 2015 erschienenen „Rituals„, hatten Other Lives noch verstärkt mit Elektronik gearbeitet, auf der neuen Platte „For Their Love“ macht die Band das bewusst nicht – keine ewig frickelige Feinarbeit an elektronischen Texturen mehr, weniger Songs, weniger Overdubs, dafür eine bewusste Rückkehr zum Analogen.

„Wir haben so viel Zeit am Computer verbracht. Ich habe wirklich das menschliche Element vermisst und wollte zurück zu uns als Band kommen. In einem Raum, wie wir an den Songs arbeiten. Das war einer der ersten Gedanken, als wir anfingen mit der neuen Platte: ‚Lasst uns den Computer nur als Aufnahmegerät nutzen!‘ Ich wollte nicht, dass die Musik aus dem Computer kommt, sie sollte wieder von uns als Band kommen.“

Vor ein paar Jahren waren Jesse Tabish, Jonathan Mooney und Josh Onstott, die drei Kernmitglieder der Band, welche ursprünglich aus Stillwater, Oklahoma stammen, an die Westküste nach Portland, Oregon gezogen. Die Aufnahmen zu „For Their Love“ entstanden jedoch in Tabishs recht einsam gelegenen (und nun auch auf dem Cover abgebildeten) Haus, etwa eine halbe Stunde von der linken Künstlermetropole der USA entfernt – Thoreau meets Neoklassizismus. Das Konzept der allzeit zum Jam bereiten Hippie-Kommune ist längst ein altbekannter Pop-Topos, und zumindest bei der Entstehung ihres neuen Werks schien sich dem auch die US-Indie-Band verpflichtet gefühlt zu haben, denn nicht nur vom Sound, sondern auch der äußeren Erscheinung nach könnte man bei Bärten, langen Haaren und Röhrenjeans an eine Rockband aus den Sechziger- oder Siebzigerjahren denken. Hippies, aber uneitel und stylish-lässig dabei. Mit Folkrock hatte die Band um Sänger Jesse Tabish einmal angefangen. Mit der Zeit wurde der Sound jedoch ausladender – und Other Lives eine Mischung aus Rockband und Kammerorchester mit Streichern, Bläsern und Pauken.

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Auf „For Their Love“ festigen Other Lives nun ihren typischen Sound: Die Songs verlaufen nicht linear wie gängige Popsongs mit ihren bekannten Abläufen, mit Strophe, Refrain und hier und da mal einer Bridge. Stattdessen entsteht eine detailverliebte Klanglandschaft – ohne Anfang, ohne Ende, in der sich Ohr und Gemüt verlieren können. Wie der epische Filmsoundtrack à la Ennio Morricone zu einem Western mit dem jungen Clint Eastwood. Sehnsucht schwingt mit, etwas Melancholisch-Mitreißendes. Trotz Streichern und Pauken klingt die Songs dabei nie überladen, sondern strahlen – ähnlich wie einst bei Scott Walker und den frühen Fleet Foxes – Weite und Erhabenheit aus, während der Gesang von Frontmann Jesse Tabish über den cineatischen Melodien schwebt. Fast ist die Musik, deren Flair einen wohl unweigerlich an eine Melange aus Lee Hazlewood, The Doors oder Spaghettiwestern-Soundtracks denken lässt, etwas zu schön und gefällig. Den Bruch, der in den Songs oftmals zu fehlen scheint, schaffen jedoch die Texte.

„Für mich ist es ein sehr persönliches Album, bei dem ich mich mit Ängsten auseinandersetze. Wie gehen wir damit um? Wie überwinden wir sie?“ – solche Fragen beschäftigen Tabish. Im Song „We Wait“ zum Beispiel singt er über den Tod eines Freundes, der erschossen wurde, als er noch ein Teenager war (und in einer frühen Formation der Band The All-American Rejects spielte). Ein Verlust, der ihn bis heute umtreibt. Es geht aber auch um Ängste allgemeinerer Art. Ängste, die er mit anderen Menschen seiner Heimat teilt, oder gesellschaftspolitische Zustände, die auch ihm Kopfzerbrechen bereiten.

„Wenn du jeden Tag aufwachst, arbeiten gehst und deine Steuern zahlst, sollte eigentlich alles okay sein. Wir leben nur unglücklicherweise in einem Land, das seine ‚Working Class‘ nicht wertschätzt und keinen Sinn darin sieht, für die Bedürftigen zu sorgen. Die Regierung hilft ihren Bürgerinnen und Bürgern leider nicht, und deshalb gibt es eine echte Angst in Amerika. Menschen sind teilweise nur ein Monatsgehalt von der Obdachlosigkeit entfernt. Wenn ihr Kind krank wird, und sie die Miete nicht mehr bezahlen können, was können sie dann noch machen? Diese Angst ist existenziell.“

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Songs wie „Hey Hey I“ sprechen diese Missstände an. Streckenweise klingt das Album so wie ein Abgesang auf den amerikanischen Traum. In Zeiten von Corona scheint sich dieser „Traum“ sowieso überlebt zu haben, wenn gesellschaftlich benachteiligte Menschen besonders vom Virus betroffen sind. Zum Beispiel Alte, Obdachlose und People of Color – nicht nur in den USA. Trotzdem klingt auch Hoffnung auf dem neuen Album von Other Lives an, so Tabish: „Ich denke, es kann auch etwas Gutes aus der Krise heraus entstehen. Vielleicht ist es eine Reset-Taste für uns als Gesellschaft und überholte Ideen unseres früheren Zusammenlebens werden wegspült. In diese Richtung habe ich Hoffnung.“

Und so gibt es beinahe nichts, was sich in diesen kraftvoll heraufgeschraubten, dramaturgisch mit feiner Nadel inszenierten Songs nicht am rechten Platz befände; und kaum etwas, was einem in diesen ebenso opulenten wie melancholischen Geisterbeschwörungen, die sich mal dramatisch aufbäumen und während der knapp 37 Minuten oft genug zwischen kammerfolkenem Americana-Lagerfeuer und weltoffenem Konzerthaus pendeln, vor dem Hintergrund eines in sich zusammengesackten hohlen American Dream nicht direkt unter die Haut fahren würde…

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Craig Alan Hughes – „Nature Boy“


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Ach, das Internet mit seinen Youtubes und Bandcamps und Soundclouds ist so voller noch unentdeckter Talente, das glaubste gar nicht! Und dann… Und dann stößt man plötzlich auf verschlungenen Wegen auf ein neues. Craig Alan Hughes etwa.

Auf selbigen bin ich in einer Elliott Smith-Gruppe bei Facebook aufmerksam geworden, wo ein Mitglied unlängst (s)eine bereits ein paar Jährchen alte Coverversion des Smith-Songs „St. Ides Heaven“ teilte. Und man höre: Covern kann der junge Singer/Songwriter aus dem schottischen Edinburgh, der seine Einflüsse via Facebook grob mit „Mathieu Boogaerts, Elliott Smith, Sufjan Stevens, Divine Comedy, Simon and Gar-slamdunkda-funkel“ umreißt, in der Tat recht formidabel – und dann nicht nur Songs von Songwriter-Heroen wie Elliott Smith, Sufjan Stevens oder Jeff Buckley, sondern auch etwas unwahrscheinlichere Gassenhauer von Weezer oder Van Halen. Besonders magisch gerät etwa seine Variante des sage und schreibe auch bereits siebzig (!) Jahre jungen Nat King Cole-Klassikers „Nature Boy“ (bei manch einem wird vor allem David Bowies Version vom Soundtrack des 2001 erschienenen Baz Luhrmann-Films „Moulin Rouge“ ein paar Glöckchen zum Klingeln bringen).

Wer jedoch denkt, dass Craig Alan Hughes bei aller Coverei – die bekommen zugegebenermaßen ja viele recht passabel hin – nichts Eigenes zustande bringen würde, der irrt – und sollte schleunigst mal bei Bandcamp vorbei schauen, wo der Newcomer (aktuell knapp 550 Facebook-Likes) derzeit zwei EPs sowie ebenso viele Alben (das jüngste, „Afraga„, erschien 2016) – allesamt als „name your price“ – anbietet.

 

„Craig is a songwriter who lives next to a zoo in Edinburgh, Scotland. Sometimes he gets woken up when the lions roar, but all in all it’s a satisfactory arrangement. His music has been featured on BBC, XFM and has soundtracked television shows on MTV and Showtime…“

 

 

 

„There was a boy
A very strange, enchanted boy
They say he wandered very far
Very far, over land and sea
A little shy and sad of eye
But very wise was he

And then one day
One magic day he passed my way
While we spoke of many things
Fools and Kings
This he said to me:
‚The greatest thing you’ll ever learn
Is just to love and be loved in return…'“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Johanna Warren – „Only The Truth“


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Das Cover von Johanna Warrens fünftem Studioalbum „Chaotic Good“ zeigt die US-amerikanische Singer/Songwriterin in Fötushaltung gehockt, ihr verschwommenes Selbstbild aus Gram und Andacht spiegelt sich in den glänzenden Dielen. In seiner Vieldeutigkeit mag dies wohl die nahezu perfekt verbildlichte Darstellung des Albums als Ganzes und ein Hinweis auf das, was in den darauf enthaltenen zehn Songs noch folgen mag – ein Werk der Innenschau, übers Introspektive und Alleinsein. Warren selbst sagt, dass es bei „Chaotic Good“ darum ginge, zu lernen, wie man nach vielen semi-abhängigen Beziehungen zu sich selbst findet, mit sich selbst zusammen sein könne, und beschreibt jene Erkenntnis als ihren „Phönix-Moment“. Aus rein klanglichen Aspekten stellt das Werk eine zwar nicht radikale, jedoch hörbare Abkehr von Warrens früherem, mit weicher Stimme gesungenem Folk dar, und während einige Spuren dieses Sounds durchaus noch vorhanden sein mögen, ist „Chaotic Good“ oft schon in ganze andere Richtungen unterwegs…

a2248220859_16Ein großes Plus ist dabei Johanna Warrens Fähigkeit, ihre Wut und ihre Unruhe so zu lenken, dass diese bei langsameren, leiseren Songs lediglich dezent an der Oberfläche brodeln, um schon bald darauf, bei etwas schnelleren, lauteren Songs, über den Rand schwappen. So besitzt etwa „Part Of It„, passend zum Text, welcher von einer Trennung berichtet, einen eingängigen, gemächlich voran trabenden Rhythmus. Im Gegensatz dazu schaukelt sich Warrens Gesang bei „Twisted“ zu einem vor Schmerz nur so triefenden Kreischen herauf, und lässt das grungy Endergebnis wie ein recht unentspanntes Neunzigerjahre-Alanis-Morissette-Stück klingen – muss man mögen, sowas. Am besten gelingen der vielseitigen Künstlerin aus dem US-Hipster-Mekka Portland, die ab und an auch schonmal in kleineren Indie-Produktionen vor der Kamera steht, noch immer die Balladen. Vielschichtig tönender Gesang, Gitarren und Klavier schweben in meditativer Versunkenheit wie Morgennebelschwaden durch „Rose Portion“, „Only The Truth“ und „Bed Of Nails„, wo Warrens Gesangsorgan und -muster an eine moderne Joan Baez oder Joni Mitchell, machmal gar an ewig große Feen-Sängerinnen wie Tori Amos oder Amanda Rogers erinnern. Auch mit „Every Death“ ist Warren ein herausragender Song, eine eindringliche Ballade, gelungen, die sich auf ihrem unheimlichen melodischen Weg ein ums andere Mal biegt und windet.

„Chaotic Good“, der Nachfolger zum 2018 erschienenen „Gemini II„, mag sicherlich zu Johanna Warrens bisher rohesten Werken zählen, und ihre präzise Melange aus Zart- und Wildheit lässt die schnöde Menschlichkeit eines gebrochenen Herzens ebenso zu Tönen werden wie das Lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. (Wer mehr wissen mag, findet auf gaesteliste.de ein ausführliches mit der Indie-Singer/Songwriterin…)

 

„Das Video handelt von einer zeitreisenden Zaubererin, die sich für Hunderte von Jahren schlafen legte, um in die Zukunft zu blicken.“ (Johanna Warren über das von V Haddad gedrehte Musikvideo zu „Only The Truth“)

 

 

„The wound in me picked out the knife in you
Shadows find where shadows meet, like shadows do
The edge that lacerates all lovely things
And perforates the loftiest of dreams
Before they get a chance at coming true
They punctuate our sighs of pleasure with their shadow screams

I’d been told, but to believe it
I had to see it with my own two eyes

I see love everywhere I go
I see the light inside of all of you
What more can I do?

All my words are little incantations
And I wish to invoke only the truth
Though it may ring false at first inside the echo chambers
Of my past, the labyrinth that holds the remnants of the embers,
The sacred well of pain 
That I’ve returned to time and time again
To fill my vessels with the nectar-torture-poison
That my thirsty muse took a liking to

I’d been told, but to believe it
I had to see it with my own two eyes

I see love everywhere I go
I see the light inside of all of you
What more can I do?“

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Cry Monster Cry


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Das aus Irland stammende Brüderpaar Richie und Jamie Martin hat sich wohl schon immer für Musik interessiert – so weit, so schon x Male in unzähligen Promotexten zu lesen gewesen. Auch, dass die beiden ihr eigenes Faszinosum auf die frühe Auseinandersetzung mit Plattensammlung und dem durchaus erlesenen Musikgeschmack ihrer Eltern zurückführen, dient in der Tat kaum als Alleinstellungsmerkmal. Und alle, denen der Gedanke an Kassettenbandsalate sowie an bunt und doch mit herzblutener Bedacht durch den Gemüsegarten der Töne zusammengestellte Mixtapes selbst heute noch wohlig-nostalgische Gänsehautschauer über die Epidermis jagt, können wohl nachvollziehen, dass die Martins ebenfalls gern an jene Tage zurückdenken, als Sommerferien und lange Autofahrten durch die irische Landschaft zum Haus ihrer Mutter in Donegal immer von den eigenen Mixtapes begleitet wurden…

Diese nostalgischen Jugendjahre sind in ihrer retrospektiven Erinnerung eingehüllt in die Klänge von Bob Dylan, den Everly Brothers, Van Morrison, Ray Charles oder Simon & Garfunkel. Es dauerte nicht lange, bis die Brüder lernten, selbst Instrumente zu spielen. Richie begann mit der Geige, bevor er als Teenager zur Gitarre wechselte. Sein Interesse führte ihn zum Musikstudium am College, wo er mit verschiedenen Klängen experimentierte. Jamie begann auf den weißen und schwarzen Tasten des Klaviers, bevor er von fast jedem Instrument besessen wurde, das er in die Finger bekam. Seine Liebe zum geschriebenen Wort brachte ihn dazu, Englisch am College zu studieren. Die oberste Prämisse der beiden blieb jedoch stets, gemeinsam Musik zu machen. Man erhebe den Vorhang für Cry Monster Cry!

71Syp5Kd+2L._SS500_Zusätzlich sind die Martin-Brüder auch tief in ihrer Heimat verhaftet. So ist es kaum verwunderlich, dass in ihren Songs ein tiefes Interesse an den Traditionen des Geschichtenerzählens in Irland deutlich spürbar scheint. Texte, Melodien und Rhythmen steten dabei gleichberechtigt in einer Reihe. Oft verschmelzen sie in Harmonie miteinander, um gen Firmament jubilierende Klanglandschaften zu erschaffen, während sie andererlieds gegensätzlich und kontrastierend scheinen, um darunter liegende, sanft reibende Spannungen zu erzeugen.

Ihr 2015 erschienenes Debütalbum „Rhythm Of Dawn“ ist dabei – sowohl in künstlerischer als auch in thematischer Hinsicht – ein Werk des Übergangs. Das zyklische Sujet der Platte markiert die Reise von der Nacht in den Tag. Vögel ziehen sich wie ein federner roter Faden durch das ganze Werk und scheinen wie eine Naht in den Stoff der zehn Stücke vernäht. Bei aller Ruhe und Schönklang gelingt es den Brüdern, die sich Zeit nahmen, um mit verschiedenen Sounds zu experimentieren, und neben traditionellen Folk-Instrumenten wie Banjos, Mandolinen und Akustikgitarren auch subtil flirrende Synthesizer, druckvolle E-Gitarren, hypnotische afrikanische Perkussion und Kammerorchester in ihren Sound einbunden, eine offensichtliche Spannung zwischen den melodischen Harmonien und den schwereren, dunkleren Untertönen in den Texten und Klängen, aus denen das Werk besteht, zu erzeugen.

A1Vz-CAbnSL._SS500_Und diesen Weg geht auch das im vergangenen Jahr veröffentlichte Album „Tides“ recht konsequent weiter – nur dass das zweite Werk von Richie und Jamie Martin diesmal einen noch dunkleren, noch einnehmenderen Sog erzeugt. Den beiden Dublinern ist dabei eine – im besten Sinne – wunderbar trügerische Alt.Folk-Platte gelungen – und das trotz ihrer kaum als „happy-go-lucky“ zu umschreibenden Grundthematiken (die auch die Pressemitteilung umreißt): „Der vernichtende Schmerz des Verlusts… Selbstzweifel. Probleme mit Depressionen. Siege. Niederlagen. Neue Lieben…“ – All das könnte natürlich der Grundstoff für harten Songtobak sein, glücklicherweise nimmt die Wärme der ohne viel Tamtam geschrieben Stücke den Zuhörer oft genug kumpelhaft in den Arm. Alles in allem ist „Tides“ gleichsam tröstlich wie widersprüchlich, Ebbe ebenso wie die nahende Flut. Hier lässt es sich von ganzem Herzen ebenso gut träumen wie heulen, lächeln wie grübeln.

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Zu den Highlights von „Tides“ zählen ohne Zweifel die Songs „Citadel“…

 

…und „High“…

 

…oder das Titelstück, welches Richie und Jamie Martin bei dieser Live Session inmitten der fast schon kitschig malerischen Kulisse des Brienzersee, welcher eingebettet zwischen den Emmentaler und Berner Alpen im Schweizer Kanton Bern liegt, zum Besten geben (das Ganze ist wiederum Teil des knapp halbstündigen Kurzfilms „When The Snow Falls I’ll Be Gone„, welcher Cry Monster Cry bei ihrer Reise in die Schweizer Alpen begleitet):

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: The 1975 – „Jesus Christ 2005 God Bless America“


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Mag sein, dass ich es in den letzten Jahren in bestimmten Momenten scheinbar vorgezogen habe, das ein oder andere Mittagsschläfchen unter einem schalldichten Stein zu halten, aber: bis vor wenigen Tagen habe ich noch nie (nie nie nie nie) einen Song von The 1975 gehört – und das, obwohl die englische Indie-Pop-Rock-Band bereits seit ein paar Jährchen mit HitsHitsHits, Charts-Spitzenplazierungen hüben wie drüben, sowohl im heimischen UK als auch in den USA, Kanada, Australien oder Neuseeland, sowie so einigen prominenten Fans wie Taylor Swift (der sogar ein Techtelmechtel mit Frontmann Matthew Healy nachgesagt wurde) für Furore sorgt. Vielleicht befinde ich mich nur außerhalb des The 1975’schen Zielgruppen-Radius, vielleicht bin ich einfach auch zu alt dafür, jeden „hippen Scheiß“ mitzumachen. Trotzdem: nie gehört.

71uGnJmp2vL._SS500_Außerdem scheinen Matthew Healy, George Daniel, Adam Hann und Ross Macdonald ein Händchen dafür zu haben, ihre Hörerschaft bei Laune zu halten, wie sich aktuell zeigt: Zunächst sollte ihr viertes Album „Notes On A Conditional Form“, der Nachfolger zum erfolgreichen 2018er Werk „A Brief Inquiry Into Online Relationships“ im Februar erscheinen, dann im April. Anfang der Woche meldete sich die vierköpfige Band aus Manchester erneut und kündigte eine weitere Verschiebung um einen Monat an. Zuvor hatten The 1975 bereits die Songs „The 1975“, „People“, „Frail State Of Mind“, „Me & You Together Song“ und „The Birthday Party“ veröffentlicht. Die Wartezeit wird nun erneut verkürzt durch die neue Single „Jesus Christ 2005 God Bless America“ (welch‘ enigmatischer Titel!), in der sich Sänger Matthew Healy in ein Duett mit Phoebe Bridgers begibt. Eine zufällige Zusammenarbeit? Keineswegs, denn die umtriebige US-Indie-Singer/Songwriterin sollte die Band eigentlich auf ihrer Nordamerika-Tour begleiten.

Die neuste Vorab-Single zeigt außerdem: The 1975 lieben allem Anschein nach das Unberechenbare. Während „People“ beispielsweise von punkigen, gitarrenlastigen Riffs lebte und „The 1975“ ein Spoken-Word-Feature von Umweltaktivistin Greta Thunberg (!) aufbot, bringt einen „Jesus Christ 2005 God Bless America“ zurück in die wohligen Nuller-Jahre – die Zeit der Bands und Künstler wie Bon Iver, Fleet Foxes, Laura Marling, Sufjan Stevens oder Noah and the Whale. Deshalb verwundert es kaum, dass sich Healy und Co. ausgerechnet Phoebe Bridgers „schnappten“, die selbst erst vor kurzem mit ihrem neuen Stück „Garden Song“ erneut tief in die Indie-Folk-Welt eintauchte. Der Viereinhalbminüter „Jesus Christ 2005 God Bless America“ ist ein bewegender Song über die Liebe und den Glauben geworden, welcher mit seiner weitestgehenden Reduktion auf Akustikgitarre und Trompeten musikalisch auch locker ein Bonus Track auf Bon Ivers melancholischem Album-Geniestreich „For Emma, Forever Ago“ hätte sein können…

 

 

„I’m in love with Jesus Christ
He’s so nice
I’m in love, I’ll say it twice
I’m in love (I’m in love)

I’m in love, but I’m feeling low
For I am just a footprint in the snow
I’m in love with a boy I know
But that’s a feeling I can never show

Fortunately I believe, lucky me
I’m searching for planes in the sea, that’s irony
Soil just needs water to be, and a seed
So if we turn into a tree, can I be the leaves?

(Ooh, ooh)

I’m in love with the girl next door
Her name’s Claire
Nice when she comes ‚round to call
Then masturbate the second she’s not there

Fortunately I believe, lucky me
I’m searching for planes in the sea, that’s irony
Soil just needs water to be, and a seed
So if we turn into a tree, can I be the leaves?

(Ooh, ooh)“

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Baswod – „I Need You To Pencil In The Rest“


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Seit sechs Jahren begeistert der Österreichische Dream-Folk-Musiker Baswod seine Hörerschaft nun schon mit feinfühligen Songs. Den Bürojob hat er unlängst aufgegeben, er möchte seine Brötchen jetzt als Musiker verdienen – kein einfacher Zeitpunkt in unbeständigen Zeiten ohne (echte) Live-Konzerte. Vor wenigen Tagen erschien sein neues Album „I Need You To Pencil In The Rest“, auf welchem feinfühliger Folk auf handgemachten Indie Pop trifft. Es ist eine Reise zu den innersten Empfindungen…

Eigentlich kommt Dominik Linder alias Baswod aus Kärnten, lebte bis vor Kurzem jedoch für einige Zeit als Wahlwiener in Österreichs Hauptstadt (mittlerweile hat es ihn nach Hamburg verschlagen). Sein Debütalbum „The Ships Have Set“ erschien 2015, seitdem gilt der junge Musiker als einer der hochkarätigsten Indie-Geheimtipps des Alpenstaats. Jedes seiner Alben ist eine kleine Stubenhocker-Reise, sanft und intensiv zugleich, stets verträumt und mit offenen Augen schlafend. Dass Dominik Linder als Ein-Mann-Band agiert, verstärkt den Eindruck eines introvertierten Schlafzimmer-Dichters – den wird er auch auf seinem dritten Album „I Need You To Pencil In The Rest“, welches noch in Wien entstand, nicht los.

a3690063639_16Vor einigen Jahren, so um 2012, machte ein US-amerikanischer Singer/Songwriter namens Nigel Wright von sich reden, der – wenn auch in ähnlich erlesenem Indie-Rahmen wie Dominik „Baswod“ Linder –  international gelobt wurde – und genau an jenen (oder meinetwegen den bei derartiger Musik reichlich oft zitierten Sufjan Stevens) erinnern Baswods Songs an mancher Stelle. Schon beim ersten Titel „Kids They Always Knew We’d Stay Together“ verfällt man leicht in tiefe Trance, kann sich von den sorgfältig komponierten Melodien kaum losreißen. So nostalgisch der Songtitel klingt, so fühlt sich auch die Musik an. Wer hüpfende Fröhlichkeit sucht, wird sie hier nicht finden – das Glück ist in den Songs still und in sich gekehrt, nach innen strahlend. Dieses Gefühl zieht sich durch alle Lieder und wird wohl am intensivsten bei „0000 | All I Did Was Wandering“: Eine vielschichtige Gitarrenmelodie verdichtet sich immer wieder und löst sich wieder auf, verbunden durch Linders Gesang. Der Rhythmus gleicht häufig dem eines plätschernden Gebirgsbaches, durchzogen von melodischen Sonnenstrahlen.

Ein ganz ähnliches Bild vor dem inneren Auge erzeugt fast unausweichlich auch „Rain And The Obscure Taste Of Distilled Water“, bei dem die lyrische Eleganz des Titels direkt in ein musikalisches Bild umgewandelt wird. Instrumental verwendete Baswod scheinbar so ziemlich alles, was um ihn herum Geräusche erzeugte – von Gitarren über ein Piano und Glas bis hin zu Holzböden ist alles dabei. Der Mut des Dream-Folk-Musikers zum Experiment erzeugt oftmals komplexe, fast mysteriöse Klänge, bei denen man sich nie ganz sicher ist, ob man das soeben bespielte Instrument überhaupt kennt. Fast wie zufällig legen sich die Töne übereinander und kreieren eine harmonische Symmetrie. Dabei hilft natürlich auch, dass Linders Songtexte niemals versuchen, die Melodien zu übertrumpfen, sondern sich trotz ihrer lyrischen Schönheit zurücknehmen, in den Hintergrund treten und nur sichtbar werden, wenn man aktiv versucht, ihnen zu lauschen – ein Ton gewordenes Shangri-La.

Für verträumte, ruhige Stunden an Sonn- und Quarantäne-Tagen ist „I Need You To Pencil In The Rest“, dessen Titel mutmaßlich einer Textzeile aus dem Frightened Rabbit-Song „My Backwards Walk“ entnommen ist, mit all seiner berührenden Zartheit wohl der optimale Begleiter. Die elf Stücke behandeln introspektive Themen wie Identität, den Blick in Vergangenheit und in die Zukunft oder die Frage, was von einem selbst übrig bleibt, wenn man alles Äußere außen vor lässt. Und sobald wieder Veranstaltungen erlaubt sind, sollte man sich Baswods wunderbar tagträumerische Lieder wohl unbedingt live anhören…

 

 

Rock and Roll.

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