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Song des Tages: Black Pumas – „Colors“ (live)


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Der frühe Vogel hört frische Töne. Oder: Manchmal entdeckt man schon früh morgens tolle neue Bands – in meinem Fall waren das just gestern Black Pumas im ARD Morgenmagazin, als die Band aus Austin, Texas zu früher Stunde im Kölner Studio der Öffentlich-rechtlichen Halt machte, um das im Juni veröffentlichte Debütalbum zu bewerben. Der Song dafür? „Colors“. Spontanes Urteil beim ersten Kaffee des Tages? Macht Bock auf mehr.

Also mal eben Dr. Google und Co. bemüht, und in weitere Stücke hinein gehört. Danach wundert es kaum, dass der renommierte Radiosender NPR die Band als „The Breakout Band Of 2019“ nannte und KCRW den Sound der Black Pumas als „Wu-Tang Clan meets James Brown“ beschrieb. Beim SXSW Festival im heimischen Austin, Texas bekam die Band weiteres, durchweg positives Feedback und sogar die Auszeichnungen für „Song Of The Year“ („Black Moon Rising“, die Eröffnungsnummer des selbstbetitelten Debüts) sowie „Best New Band“. Doch obwohl Black Pumas auf dem (digitalen) Papier der neuste „heiße Scheiß“ der Musiksaison sein mögen, ist der Geist dieser Band ist schon sehr viel älter, und – wenn überhaupt – lediglich in Petitessen innovativ. Das Besondere liegt vielmehr im Zusammenspiel des Quasi-Duos…

BlackPumas_BlackPumas.jpgBislang spielte der Grammy-prämierte Produzent und Gitarrist Adrian Quesada bei einigen außerhalb des Genres (sowie über Austins Grenzen hinaus) eher mittelbekannten Latin-Rock-Formationen  wie Brownout oder Grupo Fantasma. Für eine neue Band, für die ihm bereits die ein oder andere Idee durch die Hirnwindungen spukte, suchte er vor etwa zwei Jahren noch eine Stimme – und fand diese durch den Tipp eines Freundes in Eric Burton (nicht zu verwechseln mit Eric Burdon, dem ehemaligen Sänger der Animals und War). Burton wuchs im kalifornischen San Fernando Valley in einer sehr kirchlichen Umgebung auf und machte seine ersten kreativen Gehversuche zunächst in kleinen Musiktheaterstücken, dann als Straßenmusiker in Santa Monica und später in Austin. Im Grunde also eine Entdeckung, ein Newcomer – doch wer seine Stimme hört, die so voller Volumen, so voller Wärme ist, der denkt wohl unweigerlich weniger an die musikalische Formatradio-Stangenware von heute, sondern weiter zurück: an die goldenen Zeiten von Soulgrößen der Siebziger, wie den legendären James Brown. An Marvin Gaye. An Al Green. Eventuell noch an heutige Künstler wie Michael Kiwanuka oder Charles Bradley (der eine, Kiwanuka, steht mit seinem Talent beinahe allein auf weiter Flur, der andere, Bradley, wurde sträflichst spät entdeckt und verstarb 2017 viel zu früh). Wie weiches Vinyl auf digitalen Spuren…

Gemeinsam kreieren Adrian Quesada und Eric Burton auf dem Debütwerk zehn Songs, die ihre Bezüge wohl auf eine ganze Heerschar von großen Nummern der (Rock-)Musikhistorie nehmen. Mal spielt ein Titel auf Creedence Clearwater Revival an (der Opener „Black Moon Rising“ lässt einen wohl unweigerlich an deren „Bad Moon Rising“ denken). Mal gemahnt der E-Gitarren-Sound eines Stückes wie „Know You Better“ an die Beatles zu „Abbey Road“-Zeiten. Mal gelingt Quesada und Burton wie mit „Fire“ ein astreiner Neo-Western-Song, der durch die Kombination von Soul und dem typischen Ennio-Morricone-Fuzz-Sound direkt auf Soundtracks von „Shaft“ oder einem der vielen Quentin-Tarrantino-Filme gepasst hätte. Ansonsten? Bläser. Standesgemäßer Backgroundgesang. Ab und an ein paar Streicher. Und es gibt „Colors“, das Herzstück des Albums, mit seinen schönen Gitarrenakkorden, einem Boom-Bap-Beat und dem gegen Ende hin ausrastenden Piano, in dem Burton „It’s a good day to see my favorite colors“ singt – und kurioserweise mit seiner Stimme mal nicht im Zentrum steht.

Alles in allem ist das selbstbetitelte Debüt von Black Pumas eine feine Mischung aus klassischem Soul und Funk mit Elementen von East-Coast Hip-Hop und Jazz. Und hat dabei alles, was ein ordentlich groovendes Album braucht. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger (wer mag, darf natürlich im Kopf noch den obligatorischen „Retro“-Sticker drauf pappen). Es lässt den Fuß wippen und den Kopf nicken, während man sich die Spätsommersonne ins Gesicht scheinen lässt. Dafür lohnt es sich glatt, früher aufzustehen…

 

 

 

Das komplette Album kann via Bandcamp gestreamt werden…

 

…während man hier ein recht interessantes Interview mit Adrian Quesada und Eric Burton findet.

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Caspian Sea Monster


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Fotos: Facebook

„Bereits vor mehr als fünf Jahren schmiedeten Musiker von Playfellow, Calaveras und Might Sink Ships Pläne eines neuen Bandprojektes, das auf den Namen Caspian Sea Monster hört und lange Zeit nur im Proberaum existierte. Nun endlich veröffentlicht das Quartett sein selbstbetiteltes Debütalbum. Sieben wundervoll atmosphärische Postrocknummern auf CD und LP gepresst und über Stargazer Records veröffentlicht. Nicht erst vor fünf Jahren, als sich die Musiker von Caspian Sea Monster zum ersten Mal zusammen rotteten, gab es schon so eine kleine Chemnitzer Bandkommune: Playfellow, Calaveras, Radar, Neon Blocks, Dollys Meat, Suralin, Might Sink Ships, Volt usw. Chemnitz ist nicht groß und man lief sich ständig über den Weg, teilte sich Proberäume oder spielte gemeinsam Konzerte. Jeder verstand sich mit jedem, man tauschte sich aus und es entstanden einige Nebenprojekte. Dass es bei Caspian Sea Monster ganze fünf Jahre dauerte, bis das selbstbetitelte Debütalbum fertig gestellt wurde, ist der Tatsache geschuldet, dass man zunächst erstmal sporadisch Musik machte. Schließlich galt die Band ja noch als Nebenprojekt von Toni Niemeier (Gitarre und Gesang – Playfellow), André Dettmann (Bass, Keys – Playfellow), Marc Ebert (Gitarre, Bass und Gesang – Might Sink Ships) und Tom Müller (Drums – Calaveras). Erst nach und nach festigten sich die sieben mindestens 5-minütigen Songs ihres Debütalbums, die zum Teil erst im Studio fertig geschrieben wurden. Caspian Sea Monster kreieren epischen Postrock mit Gesang und bieten genug Fläche, um sich komplett fallen zu lassen und in den Klangteppichen zu versinken. Tolles Debüt und große Empfehlung für Postrock-Fans.“

Soweit der offizielle, durchaus informative Pressetext.

Und der regelmäßige Vorbeisurfer auf diesen digitalen Seiten mag sich – zurecht – fragen: Chemnitz, die x-te? Karl-Marx-Stadt, echt – schon wieder? Japp. Denn obwohl das beschauliche sächsische Städtchen von einer internationalen Kulturmetropole á la New York City, London, Paris oder meinetwegen Berlin in etwa so weit entfernt ist wie Frauke Petry vom Bau eines Flüchtlingsheims, weist Chemnitz eine beachtliche Dichte an durchaus interessanten neuen Bands auf – und das nicht erst seit gestern…

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Neues Beispiel: Caspian Sea Monster. Allein schon der Name, den die vier Herren, welche in etwa eine All-Star-Truppe von Chemnitz‘ Finest darstellen (Might Sink Ships! Playfellow! Da fehlen eigentlich nur noch Kraftklub…), ihrem neusten musikalischen Baby gegeben haben: benannt nach einem russischen Fluggerät, das erstmals über dem kaspischen Meer gesichtet wurde – technoide Null-Aussage, die zur Mystik verführt. Oder Caspian: eine amerikanische Post-Rock-Band, die 2003 in Beverly, Massachusetts gegründet wurde, und sich, mit nunmehr vier Alben im Gepäck, auch diesseits des Atlantiks einen Namen erspielt hat – der klangliche Verweis bis nach Sachsen könnte ferner liegen. Und trotzdem klingt das, was Caspian Sea Monster da in knapp 55 Minuten fabrizieren, verdammt eigen.

4250137215037Das fängt bereits bei Toni Niemeiers Gesang an, welcher dem ein oder anderen Freund deutschen Indierocks bereits von Playfellow bekannt vorkommen dürfte. Eine sehr eigene Stimme hat der Mann, der im „wahren Leben“ – das mag kein Punkrock sein, aber irgendwo müssen die Brötchen ja herkommen – einem Job an der TU Chemnitz nachgeht (das Internet vergisst nichts). Klar. Ein Gesangsorgan, das vor allem bei seiner Hauptband an manch einer Stelle an einen wie Radioheads Thom Yorke mit angenehmem Tremolo und mächtig Emphase und Drama erinnert. Nicht die schlechteste Referenz? Sicher. Aber eben auch: mächtig Geschmacksache. Und die Gitarren: Lassen sich massig Zeit, bis die Schlagzeug-Bass-Rhythmusfraktion gemeinsam mit dem Keyboard das musikalisch-atmosphärische Fundament errichtet hat (nur eines der sieben Stücke des Debütalbums bleibt knapp unterhalb der Fünf-Minuten-Marke), um schlussendlich mit gekonnten Licks um Berge aus Effektgeräten zu flirren, brettern und steigen. Post-Rock, Baby! Damit der Hörer bei all der klanglichen Reizüberflutung nicht gleich vom Stuhl kippt, baut die Band jedoch immer wieder melancholische Ruhephasen in ihre Songs ein: hier mal eine Akustische („Spinning Wheel“), da eine weite Synthie-Fläche, dort ein paar elektronische Experimente („Parts“). Im feinen „The Trembling“ meint man gar ein Banjo zu hören! So ganz mögen sich Caspian Sea Monster nie festlegen, wählen im finalen „Into Dust“ etwa einen beinahe klassisch nervösen Alternative-Rock-Abgang.

Als Ganzes lassen sich, bei all dem Geplucker, den Soundwänden und dem Gitarrengegniedel, die unvermeidlichen Pink Floyd zwar nie so ganz von der Hand weisen (und die ein oder andere Platte der britischen Progrock-Götter hat sicher jeder der vier Chemnitzer im heimischen Plattenschrank stehen), jedoch haben an vielen Stellen auch andere Brüder im Geiste, wie Mogwai, Maybeshewill, Jeniferever, Steaming Satellites oder iLiKETRAiNS, den Fuss auf dem mentalen Effektpedal. Zwar mag nicht jede Minute des Debütalbums fesseln, aber wer bitte hätte ein Werk, das durchaus internationale Reife besitzt und fast wie aus einem geproggten Post-Rock-Guss daher schwebt, im piefigen Chemnitz verortet? Bedrohlich, schräg, entspannt, klassisch – aber auch: irgendwie anders und mit viel Dynamik, Facettenreichtum und Spielfreude im Schlepptau. Chapeau.

 

 

Via Bandcamp kann das Album gestreamt und erstanden werden…

 

…während man via YouTube den ein oder anderen Live-Mitschnitt…

 

oder ein Interview mit Teilen der Band findet:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Brett Newski – „Garage“


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„Brett Newski – Nomad / Songman / Hi-Fi DIY“ – So beschreibt sich Brett Newski auf seiner Homepage mit wenigen Worten selbst. Und in der Tat bestimmte in den letzten fünf Jahren vor allem das Nomadendasein das Leben des US-Musikers, dessen eigentlicher Familienname Wisniewski weitaus weniger *hust* schmissig klingt als der Stage Name.

So verschlugen private Probleme den aus dem beschaulichen Madison, Wisconsin stammenden ehemaligen Angestellten einer großen Fast-Food-Kette (die mit dem „M“) und selbsterwählten Singer/Songwriter 2011 nach Südostasien – per One-Way-Ticket, ohne direkte Rückreiseoption. Dort tourte er, nur mit seiner Akustischen im Gepäck, durch die Gegend, traf viele neue Couchsurfer-Freunde, schrieb die Songs seines Debütalbums „In Between Exits“ sprichwörtlich on the road und nahm sie bei Gelegenheit in Low-Budget-Hostels und -Apartments irgendwo zwischen Thailand, Vietnam, Hong Kong, Korea und den Philippinen auf, während er sich mal da, mal dort mit dem Schreiben von Werbejingles ein Zubrot verdiente.

brettnewski1Bald schon wurde wohl auch Südostasien zu klein für Brett Newski und er ging, um die Songs seines Debüts live vorzustellen, in Südafrika auf Tournee, bei der er sich ausschließlich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln da von Veranstaltungsort zu Veranstaltungsort fortbewegte (auch das wohl ein Abenteuer für sich). 2012 ging es zurück nach Vietnam, wo er sich eine als „Brett Newski & the Corruption“ musizierende College-Rock-Band zusammenstellte, ein gemeinsames Album („Tiny Victories„) aufnahm und für einige Zeit auf Tour in den USA und Asien ging. Wieder auf Solo-Pfaden wandelte er 2014 mit dem Zweitwerk „American Folk Armageddon„, dessen Sound ihm gar Vergleiche mit Jack White einbrachte und unter anderem auch das deutsche Indie-Label Make My Day Records auf den Plan rief, welches die Platte auch in Europa veröffentlichte. Und wieder ging der Mann, dessen Tourvehikel sogar – in Anlehnung an den On/Off-Frontmann der Emo-Heroen Hot Water Music – einen eigenen Namen („Chuck Ragan the Car“) und eine eigene Facebook-Seite besitzt, auf ausgedehnte Tournee auf dem amerikanischen, europäischen und afrikanischen Kontinent, bevor 2015 mit der „Hi-Fi D.I.Y. EP“ neue Songs erschienen. Ein Nomadenleben? Zweifellos. Ein „Songman“? Freilich, denn wer, so wie Newski, quasi ständig auf Achse ist, hat sicherlich Geschichten noch und nöcher parat (die erzählt er denn auch in Web-Artikeln wie „The 7 best countries (and 3 to avoid) for travelling musicians“ oder „Musician’s guide to touring Europe without a booking agent or label„). „Hi-Fi DIY“? Ein Leben aus der Tasche, das einfach keine großen Sprünge oder gar Extravaganzen zulässt, macht eben erfinderisch.

land-air-sea-garage-300x300Seinem Stil, welcher sich irgendwo zwischen Endachtziger-College-Rock á la Lemonheads oder den Violent Femmes (die er unlängst auch schon als Support unterstützen durfte), Indiefolk-Hymnen der Duftmarke von Mumford & Sons, Classic Rock nach Art von Tom Petty oder klassischen Singer/Songwriter-Kleinoden, die an Bob Dylan oder Elliott Smith (minus dessen Traurigkeit) gemahnen, verfängt, ist der kontaktfreudige Spaßvogel freilich auch auf seinem aktuellen, dritten Album „Land Sea Air Garage“ treu geblieben. Und freilich erzählt Newski auf einem Großteil der elf neuen Stücke, welche mal im US-amerikanischen Milwaukee, mal in Sri Lanka (!) aufgenommen wurden, viel vom Leben als Musik machender Wandervogel, der, wie er selbst schreibt, alles daran setzt, den „American Dream“ zu vermeiden. So heißt es etwa im feinen, dezent an Weezer erinnernden Albumopener „Garage“: „Everybody’s got their mind made / But the truth is so loose / It’s not winning every battle / It’s the battles you choose“ – lieber tägliche Kämpfe für Musik und Leidenschaft als der öde 9-to-5-Job im Büro (oder an der Fritteusenfront). Mal findet sich Newski in London wieder („I Won’t Die A Nun“), mal in Lagerfeueratmosphäre in Barcelona („Barcelona“), mal irgendwo im Nirgendwo und vom fernen Kalifornien träumend (der Abschlusssong „While The World Outside Dissolves“). Gut, dass er sich zu keiner Minute zu ernst nimmt (man höre „D.I.Y.“). Und selbst wenn der US-Musiker gerade in der Albummitte nicht die hoch angesetzte Qualitätsmesslatte der ersten Songs halten kann, machen die 37 kurzweiligen Minuten von „Land Air Sea Garage“ eine Menge Spaß.

Dass der passionierte YouTuber (auch das noch!) Brett Newski auch in den kommenden Jahren nicht sesshaft wird, sollte anhand einer  Ankündigung auf seiner Homepage feststehen: „Aiming for 2017, Brett plans to route the ‚Weirdest Venues in the World‘ tour, with gigs all over the world in unconventional spaces like attics, boats, barns, funeral homes, haunted forests, and atheist tool sheds. The Worst of Brett Newski is another ongoing project in the works, featuring 100 mini songs written about the road, on the road.“ Na denn…

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„Hi-Fi D.I.Y.“ sind übrigens auch die Musikvideos von Brett Newski. Den Clip zum feinen Albumopener „Garage“ etwa hat der Mann im tschechischen Prag aufgenommen, in welchem er dem großen Tom Petty (oder ist’s doch eher ein Imitator?) hinterher jagt…

 

…während er im ebenfalls tollen „Mind At Large“  auf dem Segway irgendwo durch die deutsche Einöde düst:

 

 

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Nachtrag: Über die Leute drüben bei NoiseTrade bietet Brett Newski, der dieser Tage seine Europa-Tournee zu Ende gebracht hat, einen „6 Pack Track Attack“ betitelten, sechs Songs starken Überblick über sein aktuelles Schaffen zum (wahlweise) freien Download an. Da darf man gern zugreifen!

 

 

 

 

Rock and Roll.

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Abgehört…


Nehmen wir doch einmal die ebenso platte wie wahre Pointe vorweg und legen die Karten gleich zum Anfang auf den Tisch: Eines Tages müssen wir uns alle – ob wir wollen oder nicht – auf die ein oder andere Art und Weise von denen, die wir lieben und die uns lieben, verabschieden. Man mag es wahrhaben oder geflissentlich verdrängen, aber dennoch macht der Tod auch vor unseren Leben nicht Halt. True story.

In der Musikwelt ist dieses Thema natürlich auch kein fremdes. Spontan kommen mir hier etwa Sufjan Stevens letztjähriges berührendes „Carrie & Lowell“ oder viele, viele der jüngsten großartigen Stücke von Mark Kozelek in den Sinn. Und: Seit ein paar Tagen, kann der, der sich an diese nicht eben wattebauschig leichte Thematik heran traut, zwei weitere großartige Platten in den Plattenregalen finden…

 

 

Nick Cave & The Bad Seeds – Skeleton Tree (2016)

packshot1-768x768-erschienen bei Bad Seed Ltd/Rough Trade-

Nicholas „Nick“ Edward Cave ist ein Getriebener. Ein Wahnsinniger. Ein wahnwitzig im Zeitplan arbeitender Kreativer. Und das seit über 30 Jahren. Und einer, der selbst seine den Wahn längst gewöhnten Fans immer noch zu überraschen weiß. Das hatte der 58-jährige Australier und Wahl-Engländer unlängst mit dem vor drei Jahren erschienenen Meisterwerk „Push The Sky Away“ bewiesen, dass ihn sowie seinen engsten musikalischen Vertrauten Warren Ellis und seine kongeniale Begleitband The Bad Seeds auf der Höhe ihres Könnens präsentierte – mit Songs voller Biss und untergründigem Drama, freilich massig dunklen Seiten und mannigfaltig bösem Witz. Wer danach unbedingt mehr Cave sehen wollte, bekam mit „20,000 Days On Earth„, der 2014 erschienenen abendfüllenden Dokumentation der Filmemacher Iain Forsyth und Jane Pollard, welche einen Tag im Leben des Musikers/Texters/Dichters/Schriftstellers/Drehbuchautors/Schauspielers zeigt (und dabei – ebenso wie Caves Songs – einen Bogen zwischen Genialität und Banalität spannt), noch mehr Futter zur (Über)Interpretation hinein in Nick Caves Wirken. Ja, dem Mann, der sich in all den Jahren seine eigene diabolische Welt der Narrenfreiheit zurecht gehauen hat, ging es gut. Und man kennt es ja nur zu gut von sich selbst. Kam möchte man zugeben, dass alles – frei nach Faustischem Prinzip – „eigentlich ganz okay“ ist, – und ich bitte meine Wortwahl zu verzeihen – fickt einen das Schicksal plötzlich umso härter.

Und so war es auch in Nick Caves Fall. Am 14. Juli 2015 starb sein 15-jähriger Sohn Arthur bei einem tragischen Unfall (Gossip-Spoiler: er stürzte im LSD-Rausch von einer Klippe in der Nähe des südenglischen Seebads Brighton, wo Cave und seine Familie leben). Nur böse Geister mögen hier wohl das Karma zur Verantwortung ziehen, denn ausgerechnet Cave, der es vor allem in den Achtzigern und Neunzigern mit bewusstseinserweiternden Substanzen und Parties so wild getriebenen hat wie vor ihm (fast) nur good ol‘ Keith Richards, Cave, der jahrelang intensiv heroinabhängig war, durch die Liebe (zu) seiner jetzigen Ehefrau Susie Bick jedoch glücklicherweise noch rechtzeitig den Absprung schaftte, dieser Nick Cave verlor nun – mutmaßlich durch im jugendlichen Leichtsinn durchgeführte Drogenexperimente – auf tragische Weise einen seiner vier Söhne. Ja, Karma ist eine miese kleine Schlampe.

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Caves nun erschienenes neustes Album „Skeleton Tree“ als „Werk über den Tod seines Sohnes“ zu werten, fällt da nur allzu leicht. Und: Ja, zu einem nicht unerheblichen Teil ist es das wohl auch (oder wird so zumindest in den allgemeinen Tenor der Musikhistorie eingehen). Dabei war ein guter Teil der acht Stücke bereits zu großen Teilen fertig, als sich die Tragödie ereignete. Und doch kann, will, sollte man „Skeleton Tree“ nicht ohne das Wissen um die Hintergründe seiner Entstehung hören, denn Zeilen wie „I call out, I call out right across the sea / But the echo comes back empty / Nothing is for free“ (im abschließenden Titelstück) brauchen die Metaebene. Außerdem klingt Cave nur drei Jahre nach „Push The Sky Away“, das ihn als zwar alterweisen Weltbeobachter, jedoch allzeit angriffslustigen Hansdampf in allen Gossen präsentierte, so ganz anders (und das ist wohl keine Überinterpretation): traurig, vom Schicksal betrogen, manchmal gar müde. Zwar sind auch 2016 seine Bad Seeds wieder mit im Boot, jedoch hört man kaum eine elektrische Gitarre, kommt das Schlagzeug – wenn überhaupt – nur sehr gediegen zum Einsatz. Stattdessen Piano, Vibraphon und akustische Gitarren, welche von Co-Produzent Warren Ellis hinter einem Vorhang versteckt werden, der sie eins werden lässt mit der Ambience, die er mit dem Synthesizer und den Loops erzeugt. Hinter diesem pechschwarzen Vorhang: Nick Cave. Natürlich war der stets edle Anzüge tragende Musiker nie der freundliche Kasper für die gepflegte Massenunterhaltung, jedoch ist selbst für ihn diese Stufe der Traurigkeit, wenn an manch einer Stelle die Stimme gerade noch fürs Letzte reicht, wenn er etwa „With my voice / I am calling you“ („Jesus Alone“) ins Studiomikrofon singt, recht harter Tobak, welcher schließlich im flehentlichen „I Need You“ seine Spitze erreicht („I will miss you when you’re gone / I’ll miss you when you’re gone away forever / Cause nothing really matters / I thought I knew better, so much better / And I need you / I need you“). Da wirkt das in sich ruhende „Distant Sky“, ein geradezu zum Beerdigungsmarsch prädestiniertes Stück, bei welchem Cave Unterstützung von der dänischen Sopranistin Else Torp erhält, geradezu wie Balsam auch auf die Hörerseele.

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Wie bereits der „Rolling Stone“ in seiner Review schrieb: „‚Skeleton Tree‘ ist nicht entstanden, weil Nick Caves Sohn gestorben ist, sondern obwohl er gestorben ist.“ Freilich  werden Album und Tragödie immer miteinander verknüpft bleiben. Freilich wäre auch die gemeinsam mit dem Album erschienene Dokumentation „One More Time With Feeling“ von Regisseur Andrew Dominik, welche Cave und seine Vertrauten bei der Entstehung von „Skeleton Tree“ begleitet und nicht selten persönlichste nahe kommt, ohne die Ereignisse vom Juli 2015 kaum so möglich gewesen. Doch Nick Cave wahrt in jeder der knapp 40 Albumminuten ein Stückweit kreative Distanz, macht keinen der acht Songs nur zu seinen, schafft so etwas universell Trauriges, Berührendes, geradezu Meditatives, dem in keinster Weise der Kirschfaktor eines „Tears In Heaven“ (das damals ja Eric Clapton unter ähnlich tragischen Umständen in die Saiten gefallen war). Und obwohl der Hörer (zumindest ist das bei mir der Fall) diese Distanz auch selbst für sich wahrnimmt, gehen die Gefühle, die Cave in „Skeleton Tree“ durchlebt, durch Mark und Bein – und über allem steht die Hoffnung, dass die Stücke vor allem dem Musiker selbst helfen werden, seinen Frieden mit dem Stich ins Herz zu machen, die ihm diese miese Schlampe Karma an jenem 14. Juli 2015 verpasst hat.

 

Hier gibt es Impressionen von „Skeleton Tree“ in Form von Musikvideos zu „Jesus Alone“ und „I Need You“:

 

 

Touché Amoré – Stage Four (2016)

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-erschienen bei Epitaph-

Auf den ersten Blick scheint Nick Cave und Jeremy Bolm gar nicht so viel zu einen. Der eine ist ein in Südengland beheimateter Australier, der in dreißig Jahren Musikgeschäft so ziemlich jede Höhe und Tiefe mitgenommen hat, der alles Helle, alle Dunkle in unser aller Seelen gesehen hat, in absehbarer Zeit das halbe Dutzend Jahrzehnte Lebenszeit auf diesem von Gott oder wemauchimmer verlassenen Planeten voll machen wird und sich dabei doch in beinahe jeder Minute seine künstlerische Restwürde bewahrt hat. Der andere ist der vorstehende Schreihals einer vor neun Jahren gegründeten Post-Hardcore-Formation aus dem US-amerikanischen Burbank, Kalifornien, der mit knapp über dreißig Jahren gut und gern Sohn des ersteren sein könnte. Klar könnte man Parallelen beim steten Arbeitsethos ziehen (Cave weist in dreißig Dienstjahren mindestens ebensoviele Veröffentlichungen plus Bücher plus Filme plus etc. pp. aus, Bolm hat mit seiner Band Touché Amoré nun vier Alben sowie  massig EPs und Split Singles vorzuweisen), eventuell könnte man beiden auch einen gewissen „heiligen Ernst“ (nebst bösem Augenzwinkern) unterstellen. Zudem sind weder Nick Cave noch Jeremy Bolm als große Spaß verbreitende Jubelcharaktere in Erscheinung getreten. Aber sonst? Ganz eigene Welten.

Und doch ist „Stage Four“, das vierte Album der fünfköpfigen Post-Hardcore-Band Touché Amoré, dem neusten Nick-Cave-Werk näher, als alle Genre-Grenzen vermuten lassen, denn die elf Stücke von Bolms Formation beschäftigen sich voll und ganz mit dem Krebstod seiner Mutter. Oder, genauer: mit dem, was bleibt.

„Stage Four“, das bedeutet: die letzte Stufe einer Krebserkrankung, Metastasen, Endstadium, keine Hoffnung mehr. Als Bolms Mutter und somit auch er und sein Bruder, die die Mutter als Alleinerziehende groß zog, von der finalen Diagnose erfuhren, kam diese wohl einem Schock gleich. Jeremy selbst schien, schenkt man der Musik Glauben, gerade auf dem sprichwörtlichen aufsteigenden Ast, denn mit Touché Amoré lief es nach drei veröffentlichten Alben, welche immer größere Zuhörerscharen anzogen, super, und vor allem „Is Survived By„, 2013 erschienen, ließ rein lyrisch nach Werken, welche offen zu erkennen gaben, sich zu jeder Zeit fehl am Platze zu fühlen, positive Tendenzen erkennen (freilich noch immer lautstark). Dann jedoch schlug das Schicksal mit voller Breitseite zu – nach dem Motto „Dir geht’s prima? Dann wart‘ mal ab!“. Plötzlich wurde Bolm der Boden unter den Füßen weg gezogen – also auch: der Bühnenboden. Seine Band steckte zwangsläufig in dieser Zeit zurück, damit der Sohn sich voll und ganz um seine erkrankte Mutter kümmern konnte. Da jedoch Jeremy wusste, dass seine Mutter nie gewollt hätte, dass sein Leben, seine Leidenschaft wegen ihrem Schicksal in die Brüche gehen würde, kehrte der Frontmann schließlich wieder zu Touché Amoré zurück, um eine Tour abzuschließen. Vielleicht sogar zum Schutz seiner eigenen geistigen Gesundheit. Und: Es kam wie es kommen musste – seine Mutter starb, während Jeremy Bolm auf der Bühne stand.

Und obwohl sie es wohl genauso gewollt hätte, macht sich Bolm – verständlicherweise, irgendwie – noch heute Vorwürfe deswegen. Wieso war ich nicht da? Wäre ich stark genug gewesen? Hätte sie nicht genau das verdient? Bin ich ein schlechter Mensch, ein schlechter Sohn gewesen? Tausend und noch mehr Fragen, welche nie eine Antwort finden werden…

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Und Fragen, davon gibt es während der gut dreißig Albumminuten von „Stage Four“ so einige. Nur Antworten, die findet Bolm selbst nicht. Vielmehr fühlt man sich als Hörer, als würde man den oft lautstark in Mikro geschrieenen, manchmal kehlig geraunten, mal verdruckst gesungenen Tagebucheinträgen des Thirtysomethings lauschen. Heißt auch: Feelgood-Atmosphäre sollte man verdammt nocheinmal woanders erwarten, nur nicht hier. „You died at 69 /  With a body full of cancer /  I asked your god: ‚How could you?‘ /  But I never heard an answer“ („Displacement“) – weder Gott noch irgendsonstjemand kann einen von der Schuld, der Leere, dem Alleinsein, der Hilflosigkeit erlösen. Und: Nein, die Zeit heilt auch lange nach der Todesnachricht („New Halloween“), lange nach existenziellen Sinnkrisen („Displacement“) keine Wunden, lässt höchstens ein wenig Gras darüber wachsen. So sortiert Bolm bei der Auflösung der Habseligkeiten seiner Mutter auch Momente, Erinnerungen, lässt den Schmerz des definitiven Abschieds Stück für Stück zu, um zum Schluss – im letzten Stück „Skyscraper“, bei welchem er Unterstützung von Singer/Songwriterin Julien Baker erhält – in New York City anzukommen, der Stadt, welche seine Mutter über alles liebte, und in der ihn von nun an jede Ecke, jedes Geräusch, jeder Geruch an die Frau erinnern wird, über deren Verlust er wohl nie so ganz hinweg kommen wird. Ein Hoffnungsschimmer ganz am Ende ist jedoch, dass der Sohn es endlich schafft, die letzte Sprachnachricht, die seine Mutter ihm hinterlassen hat, anzuhören. Und der Hörer ebenso. In den letzten Sekunden, die bleiben.

Rein musikalisch reihen sich Touché Amoré in die letzten Veröffentlichungen artverwandter „The Wave“-Bands wie La Dispute oder Pianos Become The Teeth ein, deren aktuelle Alben („Rooms Of The House“ beziehungsweise „Keep You„) ja auch schon einen Schritt weg vom dumpfen Haudrauf-Zwei-Minuten-Mathcore und hin zu progressive gefärbten Indierock-Klangstrukturen machten. Zwar bewegen sich Jeremy Bolm und Co. dabei näher an ihren Vorgängern als etwa Pianos Become The Teeth, die vor zwei Jahren auf „Keep You“ auf grandiose Art und Weise einen Richtungswechsel zu vergleichsweise sanfteren Songstrukturen suchten, lassen jedoch trotzdem fast erstmalig so etwas wie Melodien, Refrains, Wiederholungen in ihren Stücken zu, was der Musik bei allen Rimshot-Beats, glasigen Wave-Gitarren und Tom-Drumming nur zu mehr Vielschichtigkeit verhilft.

„Stage Four“ ist ein ebenso emotionales wie direktes und aufrichtiges Wechselbad aus Trauer und dem Kampf darum, damit klar zu kommen. Es erzählt von denen die gehen und wird von einem erzählt, der zurück blieb, um die Fragezeichen zu zählen und die Erinnerung zu wahren.

 

Eindrücke gefällig? Hier gibt’s die Musikvideos zu „Palm Dreams“ und „Skyscraper“:

 

Rock and Roll.

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Abgehört…


Um eines vorweg zu nehmen: Ich mag es nicht, Verrisse zu schreiben. Zum einen ist unser aller Zeit viel zu kurz für – freilich subjektiv empfunden – schlechte Musik. Zum anderen bin ich mir all der Mühe, die die jeweiligen Künstler in ihre zu Alben kumulierten Stücke haben fließen lassen, all der Zeit beim Schreiben und Proben der Songs, all dem Herzblut, die sie in vielen, vielen Stunden Studioarbeit haben einfließen lassen (ganz zu schweigen von den Kosten), durchaus bewusst. Wenn ein Stück, wenn ein Album irgendwann das Licht der Plattenläden erblickt, dann nur, weil die Künstler ihren Hörern wohl etwas zu sagen, etwas zu geben haben. Und nichts läge mir ferner, als sie, nur weil es eben nicht meine sprichwörtliche cup of tea ist, dafür zu kritisieren. Andererseits bin auch ich nur ein Fan, ein Hörer mit all seinen Erwartungshaltungen. Mag sein, dass man im Alter wählerischer wird und weniger offen für Neues. Mag sein, dass die Hürden beim Hören, beim Gefallen und Nichtgefallen mit der Zeit – auch bei mir – höher angesetzt worden sind. Umso trauriger ist es, wenn einen dann einstige Lieblingskünstler immer wieder aufs Neue herb enttäuschen. Also muss es wohl sein… here we go!

 

 

The Good Life – Everybody’s Coming Down (2015)

GD30OB2-N.cdr-erschienen bei Saddle Creek/Cargo-

Einer dieser Allzeit-Lieblingskünstler war (und ist) Tim Kasher. Nicht nur ist der Ü40er seit den Neunzigern eine der stetigen kreativen Triebfedern des renommierten US-Indie-Labels Saddle Creek, über die Jahre hat der Mann mit dem dritten, 2004 erschienenen Album „Album Of The Year“ seines Zweitprojekts The Good Life ANEWFRIENDs potentielles All-Time-Fav-Werk abgeliefert, ohne das es diesen Blog vielleicht nie gegeben hätte – zumindest würde er nicht diesen Namen tragen (mehr dazu eventuell in Zukunft). Obwohl: Zweitprojekt? Das war ja bei Kasher nie so klar. Mal veröffentlichte der Musiker unter dem Namen Cursive (acht Alben bis dato), mal unter dem The-Good-Life-Deckmantel (fünf Alben), mal wieder solo (zwei Alben) – alles in mehr oder minder kurzen Abständen. Und wo Kasher drauf stand, war freilich am Ende auch sehr viel Kasher drin. Den Herren, Jahrgang 1974 und waschechter Omaha’laner (genauso wie sein Herzenslabel Saddle Creek), erkannte man schon immer an seinem windschiefen *hust* Gesang und den wortgewaltigen Texten. Die wurden denn mal von Ausbrüchen, gepflegten Disharmonien und Post-Hardcore mit Hang zum überkandidelten Konzept umrahmt (Cursive), mal von ruhigen, melancholischen bis depressiv-nachtschwarzen Momenten (The Good Life) oder von einem zwischen den Stühlen changierenden Singer/Songwriter mit Lust auf kleine elektronische Experimente (solo). Über die Jahre sprangen so mindestens eine Handvoll toller Alben heraus (etwa „Black Out“ oder das bereits erwähnte „Album Of The Year“ von The Good Life, „The Ugly Organ“ oder „Happy Hollow“ von Cursive oder Tim Kashers Solo-Einstand vor fünf Jahren, „The Game Of Monogamy“), mit denen Kasher und seine jeweiligen Mitmusiker ihre Nische gefunden hatten, die die Orientierungslosigkeit (vom Endzwanziger bis zum Ü40er) in einer immer verworrener erscheinenden Welt als stetes Sujet hatte – auch etwas, was nicht nur mich durch schwere Tage und Nächte gerettet hat.

Mit dem neusten The Good Life-Werk „Everybody’s Coming Down“ verhält es sich nun anders. Zwar ist Tim Kasher noch immer nicht der himmelhoch jauchzende Rosarotmaler (der er freilich nie war). Zwar dominieren noch immer die Gitarren. Aber The Good Life klingen so gar nicht mehr nach der Band, die da einst, auf dem bereits stattliche acht Jahre zurückliegenden letzten Album „Help Wanted Nights„, musizierte und so wunderbar melancholische Barschemel-Musik zustande brachte. Vielmehr haut Kasher anno 2015 alle Haupt- und Nebenschauplätze seiner Kreativität – Cursive, The Good Life, Soloaktivitäten – gleich in einen Topf. Das wäre natürlich nicht weiter schlimm, denn bei Borussia Dortmund würden sich wohl auch nur die Wenigsten beschweren, wenn ihr Verein plötzlich wie der verhassten Bayern aus München spielen, solange man(n) nur Spiele gewinnt. Das Problem ist nur (um einmal bei dieser Analogie zu bleiben): „Everybody’s Coming Down“ fährt keineswegs den Sieg oder die drei Punkte ein…

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Stattdessen schlagen die zwölf neuen Stücke eine Brücke vom Cursive-Krach zum Solo-Pop – und reißen diese in Sekundenbruchteilen mit exorbitant windschiefen Melodien wieder ein. Manch einer mag bei Stücken wie „Everybody“ an Pavement denken, klar. Und gegen die ein oder andere eingestreute Disharmonie mag auch gar nichts zu sagen sein. Allerdings klingt der Großteil der Stücke auf „Everybody’s Coming Down“ derart schräg nach unfertigen Proberaum-Demos, dass man sich wünscht, dass der ein oder andere Song auf ewig dort geblieben wäre. Elektronische Experimente (das Interlude „Happy Hour“) nerven, von hinten aufgezogene Stücke („Flotsam Locker Into A Groove“) gehen komplett nach hinten los. Ganze zehn Songs als sichere Skip-Kandidaten – einzig das gemächliche „The Troubadour’s Green Room“ und der Abschluss „Midnight Is Upon Us“, in welchem Kasher verpassten Gelegenheiten nachtrauert, erinnern im Ansatz an einstige geliebte Großtaten.

Wieso Tim Kasher „Everybody’s Coming Down“ unter dem Deckmantel von The Good Life veröffentlicht hat (außer der Tatsache, dass Schlagzeuger Roger L. Lewis, Gitarrist Ryan Fox und Bassistin Stefanie Drootin-Senseney daran beteiligt waren), wird wohl auf ewig sein Geheimnis bleiben – ebenso wie die Tatsache übrigens, dass diese Stücke überhaupt durch seine Qualitätskontrolle kommen konnten. Wo sind die tollen Melodien, wo die majestätischen Refrains, wo die feinen Books und Wendungen? Nervöse Widerhaken und Stacheldrahtriffs statt bekömmlicher Folk-Atmosphäre. Es scheint fast so, als würde sich beinahe jeder Song des aktuellen The Good Life-Werks der Hörbarkeit verweigern. Und das wäre selbst für die Widerspenstigkeit von Cursive bei Weitem zu wenig. „I’m singing for show and tell / I’m singing for a spot on your record shelf“ – hiermit wohl kaum…

 

 

 

Ben Folds – So There (2015)

bf-sothere-72dpi-erschienen bei New West/Rough Trade-

Ganz ähnlich verhält es sich bei Ben Folds. Wie auch Tim Kasher kann der heute 48-jährige Musiker auf eine lange Diskographie in den verschiedensten Formation und Variationen zurückblicken, welche bis Mitte der Neunziger zurückreicht. Mal spielte er mit seiner Stammband Ben Folds Five, die 2012 – nach schlappen 13 Jahren Veröffentlichungsauszeit – ihr viertes Studioalbum „The Sound Of The Life Of The Mind“ in die Plattenläden stellten, mal – und vor allem – solo (drei Alben, von denen das letzte, „Way To Normal„, 2008 erschien), mal gemeinsam mit Ben Lee und Ben Kweller als „The Bens“. Nebenbei verdingte sich der US-Musiker noch als Produzent (etwa für William „Captain Kirk“ Shatner, Regina Spektor oder Amanda Palmer), vertonte Nick-Hornby-Texte (das 2010 veröffentlichte Album „Lonely Avenue„) oder als passabler Fotograf. Doch wenn man ehrlich war, so liegt das letzte richtig gute Ben-Folds-Werk („Songs For Silverman„) schon ganze zehn Jahre zurück. Ganz zu schweigen vom Ben Folds Five-Meilenstein „Whatever And Ever Amen„, der 1997 erschien…

So gesehen hätte er mit „So There“ einiges gut zu machen. Doch wer Ben Folds kennt und dessen Karriere aufmerksam verfolgt, der weiß, dass der gewitzte Songwriter Billy-Joel’scher Couleur sich einen feuchten Kehricht um derlei Erwartungshaltungen schert. Stattdessen hat Folds sich für sein neustes Album mit dem New Yorker Klassik-Sextett yMusic zusammen getan.

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Klassik? Nun ist auch das nichts Neues in Folds‘ Betätigungsfeld, immerhin hatte der Mann schon seit jeher einen Hang zum Getragenen, Sentimentalen. Und: auch Streicher fanden bereits des Öfteren den Weg in seine Songs – ob nun bei Ben Folds Five, auf Solo-Werken oder auf Tournee (siehe die Live-DVD „Ben Folds and WASO Live in Perth“, die ein gemeinsames Konzert mit dem West Australian Symphony Orchestra dokumentiert). Nun also stellte er sich ein Klassik-Sextett zur Seite, um mit diesem acht neue Songs sowie ein dreiteiliges, zwanzigminütiges „Concerto For Piano And Orchestra“ einzuspielen und nebenbei die ein oder andere seiner oft so tollen, gewitzten, hintergründigen Geschichten zu erzählen. Gelungen ist das leider nur teilweise.

Dabei mangelt es – wie so oft – nicht an den Texten. Ben Folds weiß, wie er den Hörer zu Lachen, zum Weinen bringen kann (siehe das ewig große „Brick“ oder die große Elliott-Smith-Hommage „Late„). Ben Folds weiß, wie er Stücke mit doppelten Böden, zeitgeistigen Hakenschlägen und offen sezierten Gefühlsenden schreibt. Nur hört man all das auf „So There“ leider viel zu selten. Klar, „Capable Of Anything“ mag recht flott einleiten, „Phone In A Pool“ (fast) an den „alten“ Ben Folds erinnern, der Songreigen-Abschluss „I’m Not The Man“ (welches, den Gerüchten nach, tatsächlich für den Soundtrack des Al-Pacino-Films „Danny Collins“ gedacht war, von den Filmmachern jedoch abgelehnt wurde) fein sentimental ausfallen. Sonst bleibt jedoch von „So There“ (der Witz steckt hier bereits im Titel!) kaum etwas hängen – Klassik hin oder her. Festzustellen bleibt auch: Betrachtet man 20 Jahre Ben Folds, so fällt auf, dass er immer dann am besten war, wenn er die Balance zwischen rumpelnder Ätze und väterlicher Milde hielt. Stücke wie „Song For The Dumped“, „Rockin’ The Suburbs“ oder „Landed“ zogen ihre Stärke nicht nur aus der Form, sondern auch aus dem Inhalt. „So There“ bietet viele Fingerübungen, jedoch wenig Konkretes. „I stopped caring what you think about me“ – sieht ganz so aus. Schlagfertig geht definitiv anders. Und Ben Folds ohne Schlusspointe funktioniert einfach nicht.

 

 

Rock and Roll.

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Abgehört…


K’s Choice – The Phantom Cowboy (2015)

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Mit der Musik ist es manchmal so wie mit dem wahren Leben. Von so einigen Schulfreunden hat man, wenn überhaupt, schon seit Jahren nicht mehr viel gehört. Klar, man weiß so ungefähr, so in etwa, wo und wie sie heute leben, und ab und an melden sie sich mal mit der ein oder anderen Urlaubspostkarte, mit der ein oder anderen knappen Mail oder Facebook-Statusmeldung auf dem Erinnerungsradar zurück. Aber sonst? Nicht viel gehört…

So ist es wohl auch mit K’s Choice. Obwohl die belgische Band nun schon seit mehr als zwanzig Jahren existiert, haben es Frontfrau Sarah Bettens und ihr Bruder Gert bis erst auf ganze sieben Alben gebracht. Okay, kein so schlechter Schnitt, wenn man dazu noch bedenkt, dass nach einer längeren Bandpause zwischen 2000 und 2010 in den Jahren darauf gleich zwei neue Alben erschienen („Echo Mountain“ 2010 und das Akustik-Pendant „Little Echoes“ 2011), und beide immer wieder auch für Solo-Ausflüge gemeinsame Sache machten – Geschwister kann eben kaum etwas trennen. Trotzdem löste die Band nie wirklich das Versprechen ein, dass sie spätestens mit ihrem dritten, 1998 erschienenen Werk „Cocoon Crash„, aufgenommen unter der Ägide von Studioass Gil Norton (unter anderem Foo Fighters, Pixies, Maxïmo Park), gegeben hatten. Die vielen kleinen und großen Hymnen des Albums lassen einen – oder zumindest: mich – noch heute von den Grunge-lastigen Neunzigern träumen, als sich K’s Choice mit Songs wie „Everything For Free„, „Believe“ oder dem fragilen „Now Is Mine“ anschickten, mit ihrer Mischung aus gefühligem Alternative Rock (etwa: Indigo Girls meets R.E.M.) auf Weltformat zu reifen. Doch trotz ausgiebigen Tourneen dies- wie jenseits des Atlantiks behielt die Band ihren Geheimtippstatus, mit dem sie zwar in Benelux hofiert wurden, aber anderswo mit kleineren Festivalslots Vorlieb nehmen mussten. Und: sie arrangierten sich damit. Gert Bettens konzentrierte sich nebenbei aufs Produzieren anderer Künstler oder seine zweite Band Woodface, Schwester Sarah auf ihre Solokarriere (die bislang zwei Alben abwarf). Und wenn sie nicht gerade mit ihrer Gattin die vier gemeinsamen Kinder bespaßt, arbeitet Bettens in ihrer US-amerikanischen Wahlheimat Johnson City, Tennessee, als Feuerwehrfrau.

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Fotos: Anton Coene / Promo

Behält man allein diesen Fakt im Hinterkopf, so ist es kaum verwunderlich, dass das neue, siebente Studioalbum von K’s Choice so klingt, wie es klingt: im positiven Sinne amerikanisch, treibend und gemacht für die mittlere Highway-Fahrspur. Noch dazu hat sich die Band nicht irgendjemanden als Produzenten von „The Phantom Cowboy“ mit ins Boot geholt – hinter den Reglern saß ausgerechnet Queens Of The Stimme Age-Intimus Alain Johannes. Und diese Entscheidung macht sich in den elf neuen Stücken wohl mehr als alles andere bemerkbar. Denn der Mann, der auch als Musiker Bands wie den QOTSA, Them Crooked Vultures oder den Eagles Of Death Metal ordentlich Wüstensand durch den Allerwertesten blies/bläst, hat hörbar am K’s Choice’schen Bandsound geschraubt. So ist „The Phantom Cowboy“ das wohl erste Werk der Bandhistorie, das komplett ohne Ballade(n) auskommt. Freilich mochte man die nicht selten am meisten – dafür war die Kombination aus Akustikgitarren, Piano und Sarah Bettens‘ brüchig-tiefer Stimme einfach zu schön, zu passend. Doch auch das neue Johannes’sche Konzept weiß (mit Abstrichen) zu gefallen. Ist der Opener „As Rock And Roll As It Gets“ noch recht gefällig auf Uptempo getrimmt, kracht schon bei „Woman“ satter Bluesrock über den Hörer herein. Mit „Private Revolution“, „We Are The Universe“, „Come Alive“ oder „Down“ spielt die Band ein bisschen mit bassgetriebenem, melodischem Alternative Rock irgendwo zwischen Foo Fighters, Pearl Jam oder Placebo, und gerade in „Woman“ wird Johannes‘ Arbeit mit den QOTSA mehr als deutlich hörbar gewiss, während anderswo rotzige Gitarrensoli durchs Feld pflügen. Ein potentieller Höhepunkt ist auch das Titelstück, das mit rostiger E-Gitarre und Piano eine wunderbar staubige Westernatmosphäre schafft. „I came a long, long way just to be where I am / I followed no one down and I’m not the same / I saw the wretched mountain of disbelief / I walked right through it and I know what I need“, raunzt Sarah Bettens ins Mikrofon, und ist dem Cowboy-Ideal damit für einen Moment näher als manch ein Genosse vom vermeintlich starken Geschlechts. Leider können gerade auf diesem Album Bettens‘ sonst so feinen Texte nicht mit dem durchgetreteneren Gaspedal-Rock mithalten – viel Erbauungslyrik (seit jeher ja ihr Spezialgebiet), der es sich aber zu oft in Universellem, in Gemeinplätzen gemütlich macht. Und das, obwohl die Frau sonst eine ausgezeichnete Geschichtenerzählerin ist. Da wurde die Kreativität wohl in einem Wildwestkaff stehen gelassen…

Obwohl die gerade einmal 30 Minuten von „The Phantom Cowboy“ viel Licht und Schatten bieten, ist es mit K’s Choice wohl eben wie mit alten Bekannten aus der Jugend, aus der Schulzeit. Man hört zwar nicht mehr viel von ihnen, ist aber jedes Mal froh, die ein oder andere Postkarte im Briefkasten zu finden. An dieser klebt sogar noch ein wenig Wüstenstaub aus den USA…

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Hie gibt es die Musikvideos zu den beiden neuen Songs „Private Revolution“ und „Bag Full Of Concrete“ im Stream:

 

Rock and Roll.

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