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Das Album der Woche


Moritz Krämer – Die traurigen Hummer (2021)

erschienen bei Tapete/Indigo-

Als Bob Dylan 2016 den Nobelpreis für Literatur gewann, setzte eine muntere Diskussion über den Sinn oder Unsinn dieser Entscheidung ein. Ein Musiker erhält die höchstmögliche Auszeichnung in der Welt des geschriebenen Wortes? Freilich mag diese Ehrung im Fall von His Bobness – je nachdem, wie tief man bisher ins reichhaltige Schaffen der Singer/Songwriter-Legende eingetaucht ist, je nachdem, wie fest die Fanbrille sitzen mag – durchaus verdient sein, mindestens ungewöhnlich war sie dennoch. Spinnt man die Idee ein wenig weiter und denkt über deutschsprachige Interpretinnen und Interpreten nach, die für einen Literaturpreis infrage kommen, dann dürften rasch Namen wie etwa Gisbert zu Knyphausen, Niels Frevert, Tom Liwa oder Sven Regener fallen. Wobei: Regener? Der hauptberufliche Frontmann von Element Of Crime stellt ohnehin einen Sonderfall dar, denn abseits seines anerkannt fulminanten musikalischen Outputs hat er sich über die Jahre auch einen Ruf als exzellenter Schriftsteller erworben und (s)einen eigenen popkulturellen Kosmos erschlossen – man denke nur an „Herr Lehmann“. Neben einigen anderen mehr sollte einer jedoch keineswegs vergessen werden: Moritz Krämer. Der legt mit „Die traurigen Hummer“ nun sein drittes Soloalbum vor und begeistert darauf nicht nur mit wunderbaren Songs, sondern eben auch einmal mehr mit herausragenden Texten.

Foto: Promo / Max Zerrahn

Krämer, normalerweise als ein Viertel der Indiepopper von Die Höchste Eisenbahn künstlerisch ordentlich ausgelastet, hatte 2011 mit „Wir können nix dafür“ ein durch und durch entzückendes Debüt veröffentlicht und 2018 sowie 2019 sein Doppelalbum „Ich hab einen Vertrag unterschrieben 1 & 2“ folgen lassen. Während beim Erstling der Funke dank einer Platte voll wundersamer Stadt-Land-Fluss-Beobachtungen am Abgrund sofort übersprang, benötigte sein zweites Werk einige Durchläufe, um zu zünden – was wohl auch daran liegen mochte, dass dieser Konzeptalbum gewordene musikalische Aufruf zum Widerstand gegen die Selbstausbeutung mit all seinen Liebe-und-Business-Reflexionen und Meta-Ebenen tatsächlich nach den Aufnahmen zu „Die traurigen Hummer“ entstand, einfach weil noch Zeit im Studio übrig war. Liest sich eigenartig? Ist aber so. Von daher: Herzlich willkommen in der herrlich verqueren Gedankenwelt von Moritz Krämer!

2021 macht der 41-jährige gebürtige Schweizer, der im Hochschwarzwald aufwuchs und einst ins wuselige Berlin kam, um Regisseur zu werden (und dieses Vorhaben in der Vergangenheit, abseits vom Musikalischen, auch bereits mit einigen Kurz- und Indie-Filmchen umgesetzt hat), es der geneigten Hörerschaft wieder deutlich einfacher. Die zehn neuen alten Songs gehen sofort ins Ohr, machen es sich dort gemütlich und gehen auch so schnell nicht mehr fort – ist ja Herbst, wer will bei dem Schmuddelwetter noch vor die Tür? Über die Spieldauer von rund vierzig Minuten ist es dabei insbesondere dieser charakteristische Tonfall, der den Sänger so einzigartig macht und einen Zeile für Zeile, Strophe für Strophe tiefer hineinzieht in diese ursympathische Form der musikalischen Darbietung. In der Wörter sich immer mal wieder soaneinanderschmiegendasssieganzohneleerzeichen gesungen, nein: weggenuschelt werden. Denn eben das beherrscht Moritz Krämer wie fast kein Zweiter: Nuschelliteratur. Auch wenn es in dieser nur am Rande um melancholische Schalentiere gehen mag…

„Viele sind immer im Urlaub / Viele schreiben ihren Roman / Viele kriegen gerade Kinder, kommen endlich an / Viele laufen jeden Tag / Viele in Paris, für Prada / Viele kaufen Bitcoins / Ich lieg‘ im Bett mit Kater…“ (aus „Rhythmus“)

Inhaltlich unternimmt der kreative Tausendsassa lakonische Ausflüge in allzu alltägliche, allzu menschliche Bereiche des Daseins, parliert über Versagensängste („Auffliegen“), den lieben Nachwuchs („Finster“), Gegenentwürfe zur heutigen Wegwerfgesellschaft (Verlieren“), über Depressionen und Eleganz („Schwarzes Licht“), über Verlust, Tod und Austauschbarkeit („Austauschbar“), über den Optimierungs- und Leistungsdruck der Freizeitgesellschaft („Rhythmus“), über Schuld und Unschuld, Pech und Glück sowie alle Graustufen dazwischen („Jeder muss gucken wo er bleibt“) oder die Flucht aus der Stadt („Jetzt“). Und immer wieder sind da feine und feinsinnige Texte wie im Auftaktstück „Nackt und einsam“, in dem er singt: „Deine Synapsen sind träge / Und du lachst ohne Grund / Wenn das deine Krankheit sein soll / Werd‘ bitte nie mehr gesund, nie wieder“. Klare Gedanken, diffuse Ängste, immanente Zweifel und sanfte Hoffnungen: Mitten aus dem Leben, das selten nur direkte Verbindungen kennt, kommen Krämers zeitlose Geschichten auf der Höhe des Zeitgeists, eben weil er konkrete und persönliche Geschichten abstrakt zu verpacken weiß. Manchmal, wie in „Beweisen“, besitzen sie gar die erzählerische Dichte eines Romans, immer wohnt ihnen eine sanfte, gen Optimismus gerichtete Melancholie inne. Diese Bilder, diese Sätze und Gedanken: „Ich war da, ich hab’ mich für irgendwas zurechtgemacht, was dann gar nicht kam“ – kaum vorstellbar, aber Krämer macht daraus eine der besten Popzeilen des Jahres. Ein Glücksfall für den zurückhaltend auftretenden, abseits der Bühne meist recht scheuen Sänger ist übrigens die Band, die er für das Album um sich herum gruppiert hat, denn Hanno Stick am Schlagzeug, Alex Binder am Bass und Andi Fins an den Tasten setzen die Ideen Krämers ebenso pointiert wie pfiffig um. Weitere Gastmusiker fügen sich souverän ein, auch das Duett mit Larissa Pesch in „Schwarzes Licht“ reiht sich nahtlos ein in diesen starken Songreigen, der häufig weitaus fröhlicher ausfällt, als es die Inhalte hergegeben hätten.

Jenseits seiner Solo-Aktivitäten hat Moritz Krämer mit Die Höchste Eisenbahn seit nunmehr drei Alben eine zusätzliche musikalische Heimat gefunden, die zu ihm und seinen Stärken uneingeschränkt passt, schließlich stimmt auch dort oft genug die Mischung aus Ideen, Texten und künstlerischer Freiheit. Dennoch beweist der kauzige Indiepop-Troudabour mit „Die traurigen Hummer“ einmal mehr deutlich, dass man sein Solo-Schaffen keinesfalls außer Acht lassen sollte. Denn dieser Mann, der so offenkundig ungerne im Mittelpunkt steht, hat sich mit seiner Klasse, die völlig frei von Prätentiösität, Muskeln, Lack und Fassade im Raum steht, das Rampenlicht überaus verdient. Auch, wenn er wohl ohne Literaturpreis leben müssen wird…

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Christopher Paul Stelling – Forgiving It All (2021)

-erschienen bei Tone Tree Music-

Noch bevor das vergangene Jahr, in dem so unglaublich viel gleichzeitig zu passieren schien, während die Welt doch im selben Atemzug still stand, schlussendlich aus den Fugen geriet, sah sich Christopher Paul Stelling mit der ein oder anderen wichtigen Lektion in Akzeptanz und Dankbarkeit konfrontiert. Im Dezember 2019 brach der US-Singer/Songwriter zu einen weiteren Tour quer durchs Land, von Kalifornien bis nach Florida, auf, die dort enden sollte, wo der 39-jährige Musiker, der Asheville im Westen von North Carolina schon lange sein Zuhause nennt, einst aufwuchs. Neben den Aufnahmen zu seinem fünften Album „Best Of Luck“ befand er sich also für einen Großteil des Jahres auf Achse und drehte unermüdlich Konzerte spielend seine Runden durch Nordamerika. Das Ziel: Er wollte nicht nur pünktlich zu Weihnachten nach Hause kommen, sondern auch Emma, seine 92-jährige Großmutter, besuchen. Man darf es wohl als strategisch bitteres Zwinkern des Lebens, das einem eben manchmal auf die verdammte harte Tour die wahren Prioritäten aufzeigen möchte, betrachten, dass ihm letzteres nicht gelang – seine Großmutter verstarb nur wenige Tage vor seiner Ankunft. Von diesem traurigen Schicksalsschlag erzählt nun auch Stellings neues Werk „Forgiving It All“, das der Musiker allein im bescheidenen weißen Ranchhaus seiner Großmutter in Daytona Beach aufnahm. Es ist Stellings bisher lebensweiseste, intimste und ruhigste Platte sowie seine erste selbstveröffentlichte LP seit acht Jahren, die sich wie ein letzter Tribut an sie und im Grunde an alles anfühlt, was er und wir verloren oder gewonnen haben. Schließlich wohnt jedem noch so schlechten Ereignis im Kern das ein oder andere Gute inne – und sein es nur Erfahrungen, welche erst die von der Zeit geheilten Wunden offenlegen mögen…

Ja, wie für viele von uns schien das vergangene Jahr auch für Christopher Paul Stelling voller Transformationspotenzial zu stecken. Fast ein ganzes Jahrzehnt lang war er ein wie im Fieber umherziehender Troubadour, der während seiner Solokonzerte Blut, Schweiß und Tränen vergoss. Er lebte diesen nomadischen, unsteten Lebensstil und spülte das aufkommende Heimweh auf der Bühne oft genug mit Hochprozentigem hinunter. Ende 2017 dann der Cut: er schwor dem abgründigen Teufel Alkohol ab, nachdem er erkannt hatte, dass Teile seines Lebens Stück für Stück verschwunden waren – eine weise Entscheidung, wie sich zeigen sollte. Das ein Jahr später aufgenommene „Best Of Luck“, das erste, für das er sich einen Produzenten, der in diesem Fall kein Geringerer als Ben Harper war, mit ins kreative Boot holte (kaum verwunderlich, dass sich Harpers Impulse schwerlich überhören lassen), schien ihm einen ganz neuen Publikumskreis zu eröffnen, denn die Mischung aus wehmütigen akustischen Balladen und zutiefst US-amerikanischem Roots Rock war sowohl ausgefeilt als auch… nunja: ursprünglichback to basics, aber auch auf zu neuen Ufern. Unterm Strich eine geschickte Verbindung im weiten Feld von Folk und Singer/Songwritertum, da wie dort dezent und gekonnt angereichert mit einem Quäntchen Blues, Soul, Gospel oder Pop – dies alles jedoch nicht in der Art von zusätzlicher, dick aufgetragener Studio-Schminke, sondern in Form eines organischen Zusammengehens der erfreulichen Art (wenngleich Ben Harper hier als Produzent wohlmöglich die ein oder andere Kante zu viel abgeschliffen haben mag). Die Auftritte häuften sich, und zwar so sehr, dass Stellings Tourneekalender zum Jahresanfang 2020 für die kommenden Monate kaum einen einzigen freien Tag aufwies…

Und dann? Wurde auch bei ihm alles gestrichen. Ende, aus, Corona-Quarantäne. Als er an der Westküste entlang gen Norden der US of A tourte, überschlugen sich die Nachrichten wie Meldungen um ihn herum. Also lenkte er, mit drei Vierteln Verzweiflung und einem Rest Hoffnung im Gepäck, seine kommenden Tourneestops nach Osten und kam bis nach Colorado, wo er in einer Raststätte in Kansas eine Panikattacke erlitt. Wer könnte es ihm auch verdenken, dass er, der ja schließlich kein Paul McCartney oder Chris Martin mit einem durch Millionen gepolsterten Bankkonto war, ob der ungewissen Aussicht es plötzlich mit existenziellen Ängsten zu tun bekam, während die Welt um ihn herum gerade aus den Angeln gehoben wurde? Also kehrte Stelling notgedrungen nach Hause zurück und gab, wie viele von uns, sein Bestes, sich „neue Routinen“ in einer Welt zu erschaffen, die ihm auf Anhieb so seltsam fremd war. Natürlich hatten jene Routinen auch ihr Gutes: Zum ersten Mal seit Jahren verbrachte er eine tagelange Zeitspanne mit seiner Partnerin und ihrem jungen Hund. Er machte lange Spaziergänge, las viel und schaute endlos Fernsehen, um die in manchem Moment überwältigende Angst so gut es eben ging zu besänftigen. Nachdem er seinen Plattenvertrag erfüllt hatte (und überzeugt war, dass er ohnehin keinen neuen wollte), startete Stelling eine Crowdfunding-Kampagne und bat seine Fans darum, in seine neuen Songs zu investieren. Zu seiner großen Erleichterung stimmten sie zu. Noch besser sogar: er verkaufte in den ersten 48 Stunden mehr Platten als er je zuvor im Voraus an Hörer und Hörerinnen gebracht hatte.

Gepackt von neuer Hoffnung begann Stelling endlich, ein Jahrzehnt Revue passieren zu lassen, in dem so viel passiert war – oder doch nicht? Was hatte ihn die Musik gelehrt, was er vom Leben jenseits der Konzertbühnen und Aufnahmestudios nicht gelernt hatte, und umgekehrt? Was hatte er am Ende über all das, was er erlebt hatte, eigentlich zu erzählen, zu singen? Die zwar leisetretenden, aber dennoch fesselnden zehn Stücke von „Forgiving It All“ sind das aus der Tiefe hervor geholte Destillat dieser Reflexion. Ein Jahr, nachdem Stelling seine eigentlich nicht enden wollende Tournee abgebrochen hatte, nahm er jene Songs im Haus seiner verstorbenen Großmutter auf. Sie sind die Lektionen eines einst wilden, unsteten jungen Mannes, der nun auf seine (nicht ganz) vierzig Jahre zurückblickt, ein Stückweit seinen Frieden mit all den Kämpfen und Freuden des Lebens macht und seine Dankbarkeit für den simplen Fakt, noch am Leben zu sein, besingt.

Gleich der Opener „Die To Know“ ist eine zärtliche Ode an die Unschuld, eine Erinnerung an einfache Freude und Aufrichtigkeit, bevor die Erfahrungen des Alters unseren juvenilen Enthusiasmus Stück für Stück zurecht stutzen. „Wildfire“, das sich – jaja, jetzt kommt so ein Fall eines klischeehaften Bildes! – mit der unvergleichlichen Anmut von Wellen auf einem idyllischen Teich bewegt, starrt wiederum aus der Ferne auf die aufgestauten Ängste der Erwachsenen und bittet um die Gnade der Wiedergeburt. „WWYLLYD“ ist in seiner beinahe schon Dylan’esken Folk-Simplizität eine Übung in radikaler Empathie, welche bestens für jene allgemein schwierige Zeiten geeignet scheint. “Remember, everyone is suffering, not just you“, mahnt Stelling zu gezupften Akkorden, die rauschen wie das Blut in unser aller Adern. Der Titel ist übrigens ein Akronym für „When What You Love Lets You Down“. Wir sind alle mögen – auf die ein oder andere Weise – hungernde Künstler sein, und die glücklichsten von uns werden durch das, was ihnen Freude bereitet, am Leben gehalten – oder besser noch: lebendig.

„Kürzlich machte ich einen Spaziergang über den Friedhof hinunter zum Fluss, um ein wenig zu angeln. Mein Freund Josh Finck schloss sich mir an und brachte seinen alten Camcorder mit, und so entstand ein Video für meinen Song ‚Die To Know‘. Ich habe diesen Friedhof in Asheville schon oft besucht, habe 2007 sogar gegenüber gewohnt, bevor ich nach New York City zog. Meine Familie hat dort eine Grabstelle aus den 1800er-Jahren, gegenüber dem Grab des Schriftstellers Thomas Wolfe (‚Look Homeward Angel‘). Dort liegt der Namensvetter meines Vaters und seines Vaters, aber niemand kannte sie direkt, ihre Geschichten sind größtenteils im Laufe der Zeit verloren gegangen. Alle Flüsse scheinen mich zum Sinnieren und Nachdenken einzuladen. Es ist friedlich, sie vorbeiziehen zu sehen, auch wenn man nichts fängt…“ (Christopher Paul Stelling über das Musikvideo zu „Die To Know“)

Bis zu einem gewissen Grad geht es in diesen Songs darum, sich selbst von Zwängen zu befreien, seine Unvollkommenheiten zu akzeptieren, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Das Titelstück, welches ebenso fesselnd und motivierend wie ein religiöses Mantra gerät, weist darauf hin, dass wir nicht allein die Verantwortung für all unser Gepäck tragen, dass auch andere in unseren Leben eine gewichtige Rolle gespielt haben. Wenn wir mit uns selbst ins Reine kommen wollen, so Stelling, müssen wir andere dazu ermutigen, das Gleiche zu tun und an dieser Katharsis teilzuhaben. „Let the doubtful confide in you“ (Lass die Zweifler sich dir anvertrauen), singt er gleich zu Beginn, was sich im besten Fall wie die offenste Therapiesitzung anfühlen mag, die man seit langem erlebt hat. Stelling, bei genauerem Ohrenschein ein hervorragender Fingerpicking-Gitarrist, der sich lediglich nie damit begnügt hat, „nur“ wortlose Musik zu machen, legt kurz vor Schluss für das wunderschöne Instrumental „For Your Drive“ eine Pause ein und beendet sein neues Album mit einer eigenen Hymne, „They’ll All Proclaim“. Es ist ein anmutiges, geradezu prächtiges Sonnenaufgangsständchen für das, was noch kommen mag – ob nun morgen, übermorgen, nach dieser gottverdammten Pandemie, oder wann auch immer.

Ja, nicht wenige von uns werden in vielfältiger Weise unser Leben lang mit vielem von dem ringen, was im Jahr 2020 passiert ist und was danach kommen könnte. „Forgiving It All“ ist eine instinktive und ehrliche Antwort auf den Versuch, das Beste aus der Misere zu machen: die Vergangenheit neu und reflektiert zu sortieren und die Gegenwart zu nutzen, um sich auf eine ebenso ungewisse wie ungeschriebene Zukunft vorzubereiten. Diese soulful Folk-Songs erinnern nicht nur Christopher Paul Stelling, sondern auch uns alle daran, dass wir – allem Alltagsgrau, allem Mühsal zum Trotz – Glück haben, hier zu sein – egal, was oder wem wir am Ende des Weges zu vergeben haben.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Thrice – Horizons/East (2021)

-erschienen bei Epitaph/Indigo-

Wie viel Entwicklung verkraftet eine Fanbase? Wo anderorts wütend über die Abkehr von den meist härteren Gangarten geschimpft wird, zählen Thrice zu den wahrlich gesegneten Bands, die es nicht nur schaffen, konstant – im Gesamteindruck – recht gelungene Platten fernab fester Genrekonventionen zu veröffentlichen, sondern sich dadurch auch den Respekt von Kritikern wie Fans erarbeitet haben, welcher ihnen eine gewisse Freiheit ermöglicht, einfach das zu tun, was ihnen am meisten Freude bereitet: anspruchsvolle und unkonventionelle Songs zu schreiben. Kaum verwunderlich also, dass die vier Kalifornier ihren beinahe unantastbaren Status mit ihrem neusten Album “Horizons/East” erneut unterstreichen.

Foto: Promo / Matty Vogel

“Die einhundertprozentige Thrice-Erfahrung” nennt Schlagzeuger Riley Breckenridge es, als er unlängst in einem Interview erklärte, warum es eben doch hilfreich sein kann, wenn man die kreativen Zügel selbst in der Hand behält. Kein Produzent, der eigene Ideen einstreut und somit die Vorstellungen der Band verwässern könnte. Kein gemietetes Studio, das unnötig Budgets frisst und somit Zeitdruck hin zur überstürzten Hauruck-Ferigstellung entstehen lässt. Und vor allem: die absolute Freiheit, gewisse Dinge einfach umzusetzen, wie man es sich selbst vorstellt. Dass Dustin Kensrue (Gitarre, Gesang), Teppei Teranishi (Gitarre), Eddie Breckenridge (Bass) und Riley Breckenridge (Schlagzeug) damit gut fahren können, bewiesen etwa bereits “Beggars” (2009) oder die längst legendäre, verdammt groß gedachte “Alchemy Index”-Albumreihe (von 2007 bzw. 2008). Alle drei Platten wurden ebenfalls im eigenen Studio aufgenommen und gehören mittlerweile zu den Highlights der nunmehr elf Alben umfassenden Thrice’schen Diskografie.

Wer das kreative Schaffen des US-Alternative-Rock-Quartetts mit etwas mehr Tiefgang betrachtet, der weiß zudem, dass Kensrue und Co. jedem Werk ein grundlegendes Konzept widmen – beim neuen Album thematisieren sie dabei übergreifend die Akzeptanz des Ungewissen. Und schon in der Eröffnung brennt direkt die musikalische Luft: Der Opener “Color Of The Sky” glänzt durch (s)eine intensive Atmosphäre, die durch ein düsteres Synthie-Intro eingeleitet wird, nur um darauf von Dustin Kensrues dunkler Stimme gebrochen zu werden. Weit im Hintergrund kündigt sich das Schlagzeug an, bevor die Band gemeinsam in den Song einsteigt. Während die wuchtige Instrumental-Fraktion förmlich gegen die Synthie-Wand ankämpft, schwebt Kensrue über dem Ganzen, was eine unheimliche Stimmung erzeugt. Die tolle Produktion tut hier ihr übrigens, sodass die verschiedenen Sound-Ebenen wunderbar zur Geltung kommen. Klares Fazit: Bereits die erste Nummer kann mithalten im Konzert der ganz großen Nummern im Thrice’schen Backkatalog.

Mit “Scavengers”, das als erste Single vorab veröffentlicht wurde, folgt darauf einer der heimlichen Hits der Platte. “I will find you in the black light / Of that cold, dry land / Nevermind who held you last night / Come and take my, come and take my hand” – Nicht nur lyrisch, sondern auch musikalisch geben sich Thrice hier einmal mehr recht düster und nehmen damit in gewisser Weise Bezug auf ihr 2016er Album „To Be Everywhere Is To Be Nowhere„. Gleiches gilt für “Buried In The Sun”, einen der härteren Songs der neuen Platte, der in bester Fugazi-Manier den Bass in den Vordergrund setzt, während Dustin Kensrue bissig ins Mikro keift: “2, 4, 6, 8, USA! (all right!)”.

Ebenso ein Highlight: “Northern Lights”, einer dieser Songs, der stellvertretend dafür steht, dass Thrice gern “andere Wege” gehen wollen. Denn anstatt es auf ein typisches Rockfundament zu stellen, baut die Band das Stück auf einer jazzigen Pianoline auf. Hier zeigen Thrice auch, wie raffiniert und detailverliebt sie oft genug zu Werke gehen, ohne jedoch an Durchschlagskraft und Fokus einzubüßen. In nicht einmal vier Minuten durchlaufen sie so gleich mehrere Gefühls- und Tempowechsel. Schlagzeuger Riley Breckenridge prägt die Strophen mit einem rastlosen, synkopierten Beat, während Gitarrist Teppei Teranishi einen von der Fibonacci-Folge inspirierten Lick daddelt. Im Refrain wiederum wechselt der Vierer zu maximaler Harmonieseligkeit, leicht angekitscht mit Shaker und getragen von Dustin Kensrues sehnsüchtig vorgetragener Balladenhook – nur wenige Bands wissen Klangräume so effektiv zu gestalten wie Thrice. Zudem gerät der Sound hier – ähnlich wie beim zweiten “Alchemy Index”-Teil (“Air/Earth”) – sehr organisch und natürlich, da eben auch vermeintlich unwichtige Nebengeräusche beim Ein- und Anspielen zu hören sind und das Ergebnis sich beinahe wie eine live im Studio entstandene Aufnahme anfühlt. “Wir wollten erreichen, dass es so klingt, als ob wir gemeinsam in einem Raum sitzen. Möglicherweise hätten wir das mit einem Produzenten anders gemacht”, erklärt Riley Breckenridge dazu. Auch “Still Life” hätte stimmungstechnisch wohl (s)einen Platz auf “Air“ oder “Earth” finden können, strahlt der Song doch eine gewisse Schwere und Melancholie aus, während Kensrue eine schaurige Geschichte erzählt, die in ihrer Bedeutung frei erscheint und doch Bilder von einem verlassenen Schlachtfeld aufkommen lassen (wenngleich dem Crescendo doch ein wenig der „Saft“ fehlt).

Während “The Dreamer” – mit dezenter Referenz an John Lennons „Imagine“ – dramatisch in den Strophen, dafür aber mit angezogener Handbremse in den Refrain geht, sucht der Kopfnicker “Summer Set Fire To The Rain” eher die Weite. Hier spielen Thrice einmal mehr ihre Stärken aus und bewegen sich zwischen treibendem Post Rock-Riffs und einem Finale, das seinen Shouts wegen auch dem einen oder anderen Fan der härteren (Früh)Phasen der Band gefallen dürfte. Und sagte man Thrice zuletzt gewisse Einflüsse von Radiohead nach, so werden diese wohl bei “Robot Soft Exorcism” am deutlichsten. Angetrieben von einem beinahe hypnotisierendem Beat (im 7/8-Takt), der zunächst synthetisch klingt, dann aber instrumental aufgenommen wird, gibt sich die 1998 in Irvine, Kalifornien gegründete Band hier zunächst geheimnisvoll, bis der Refrain die Anspannung auflöst und sich im Verlauf immer weiter öffnet. „Dandelion Wine“ pendelt zwischen Ruhe und Extase, kann seine Dringlichkeit jedoch nicht auf Dauer aufrecht halten. Ungewöhnlich auch der Abschluss „Unitive/East“: kein „typischer“ Rausschmeißer, sondern vielmehr einer klassischer Atmosphäre-Aufmacher, der Lust darauf schürt, sich in eine neue Welt hineinziehen zu lassen. 

Foto: Promo / Dan Monick

Wie so oft bei Thrice ist auch “Horizons/East” ein Album, das vor allem von den Bildern lebt, welche es schon von der ersten Sekunde an vor dem inneren Auge zu malen beginnt und – natürlich – auch von den letzten beiden Jahren inspiriert ist. Doch anders als viele andere Quarantäne-Ergebnis-Platten, die sich eben mit der Pandemie und den Folgen für uns und unser Miteinander direkt auseinandersetz(t)en, gehen Thrice eher subtil vor. Das mag vor allem an Kensrues gewohnt offenen Texten liegen, die viel Raum für eigene Interpretation lassen. Und auch wenn der Horizont an sich ein Bild der Weite (oder eben sichtbaren Begrenzung) symbolisiert, so klingt “Horizons/East” doch im Gros alles andere als leicht und einfach – es ist schlichtweg kein musikalischer Luftikus fürs Nebenbeihören. Das Album fordert die volle Aufmerksamkeit und wohl auch einige Wiederholungen, um es wirklich (be)greifen zu können. Und aller komplexen Dynamik, allen Experimenten zum Trotz erfinden sich Thrice keineswegs neu, sondern besinnen sich auf ihre mittlerweile im Alternative Rock angesiedelten Stärken, holen dabei jedoch auch Grunge-, Post Rock-, Post Hardcore- und sogar Jazz-Fans mit ins tönende Boot, während sich Dustin Kensrue und seine Bandmates vor legendären Bands wie Fugazi oder Frodus verneigen, aber auch Post Rock der Marke God Is An Astronaut durchklingen lassen. So darf’s nach dem recht durchwachsenen Vorgänger „Palms“ gern weitergehen, meine Herren.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Torres – Thirstier (2021)

-erschienen bei Merge/Cargo-

Für alle jene, die in ihrem Leben auch nur eine Fingerbreit an Erziehung genossen haben, mag sich das zwar wie eine obligatorische Selbstverständlichkeit lesen, aber: Ein gepflegter Umgang mit anderen Menschen ist sehr wichtig. Ein respektvolles, freundliches Miteinander ist in einer zivilisierten Gesellschaft ja fast schon eine Visitenkarte, Höflichkeit eine Selbstverständlichkeit. Gossensprache? Können die anderen gern für sich beanspruchen. Sich laut anschreien und beleidigen? Wohl vielmehr etwas für die Kommentarspalten in den sozialen Medien oder irgendwelche x-beliebigen Bewertungsforen. Kraftausdrücke? Bitte nur in absoluten Ausnahmefällen. Und ein solcher lag etwa im Januar 2020 vor, als Torres ihr damals neu erscheinendes viertes Album „Silver Tongue“ mit einem Waschzettel an ihr Ex-Label 4AD und dem recht drastischen Ausruf „Fuck the music industry“ garnierte – kein Wunder, schließlich hatte ebenjenes Label, einem vereinbarten Drei-Platten-Deal zum Trotz, die Künstlerin bereits nach einem Album fallen lassen, da die US-Musikerin ihnen „zu wenig kommerziell“ erschien. Gemessen in den Umständen ging dieses Zitat also vollkommen in Ordnung… Ebenso wie nun der spontane Ersteindruck, welcher wohl nicht wenigen Hörern und Hörerinnen angesichts von Torres‘ neuem Werk linguistisch entfleuchen dürfte: Verdammte Scheiße, ist das geil!

Foros: Promo / Shervin Lainez

Denn Mackenzie Ruth Scott alias Torres scheint auf „Thirstier„, dessen Albumcoverartwork wohl kaum zufällig einmal mehr von Scotts Lebensgefährtin, der Künstlerin Jenna Gribbon, stammt, neuerdings die Sonne aus dem nicht eben untalentierten Arsch. Ja, sorry – manche Dinge muss man eben einfach sagen, wie sie sind. Nach diversen Selbstfindungsprozessen und den bereits erwähnten Label-Schwierigkeiten war es nun aber auch mal an der Zeit, allen Zweiflern, Zweifeln und Ängsten ins Gesicht zu lachen und sich vor allem den positiven Dingen des Lebens zu widmen. Torres‘ fünftes Album macht genau das – nicht nur, dass es ihre optimistischste und gelungenste Platte bis dato ist, man hört ihr auch den neuen, schönen Ausblick in die Zukunft deutlich an. Typisch für jemanden, dem es nach einer längeren Durststrecke nun endlich – sowohl im Privaten als auch im Kreativen – richtig gut geht, will das Album zudem umso mehr erreichen. Warum nur dieses eine Land erobern, wenn es auch die ganze, weite Welt sein kann? Eben. Und insofern ist „Thirstier“ ein durchaus passender Albumtitel, denn Mackenzie „Torres“ Scott hat Durst. Und wahrscheinlich auch Hunger. Nach mehr von allem. Und nimmt es sich. Das Bankett ist hiermit eröffnet! Alle Ecken und Enden der zehn neuen Stücke vermitteln den Eindruck, dass die 30-jährige Musikerin aus New York City das ersehnte Licht am Tunnelende emotional und musikalisch erreicht hat. Gerieten die ersten beiden Platten noch etwas karg und spröde (man denke sich ein schwermütiges Gespräch zwischen PJ Harvey und Cat Power zurecht), war das 2017 erschienene „Three Futures“ eine musikalische Haltestation irgendwo zwischen Trance, Electro und Synth Pop, in deren Landschaft sie auf ihrer selbstproduzierten LP „Silver Tongue“ noch tiefer stolzierte, so deutete der Vorgänger jedoch bereits erste Züge jenes Grunge-Rocks an, den sie auf „Thirstier“ im strahlend bunten Cinemascope-Format nun selbstbewusster und fokussierter denn je zelebriert.

Ich wollte meine Intensität in etwas kanalisieren, das sich positiv und konstruktiv anfühlt, im Gegensatz zu einer intensiven, zerstörerischen oder ausweidenden Art und Weise. Ich liebe die Idee, dass Intensität tatsächlich etwas Lebensrettendes oder etwas Freudiges sein kann.“ (Mackenzie Scott)

Noch nicht überzeugt? Dann bitte doch mal direkt die tolle Single „Hug From A Dinosaur“ anwerfen, die – auch abseits des lustigen Bildes vorm inneren Auge ob des Titels – natürlich vor allem musikalisch, als dreckig tönendes Garage-Rock-Highlight der Platte, überzeugt. Vorwärts geht’s hier, mit Chor und Handclaps und viel Strom. Pompös ist das, opulent, ein bisschen kitschig wohlmöglich – und verflixt noch eins spaßig! Das lassen sich andere Songs nicht zwei Mal sagen und trumpfen ebenfalls auf: Der Opener „Are You Sleepwalking?“ vereint glatt zwei, drei Stücke in sich – und erinnert doch in jedem einzelnen an Annie „St. Vincent“ Clark, als wäre es ein verdammtes Kinderspiel. Ein bisschen gemäßigter, aber nicht weniger klasse schrammelt sich „Drive Me“ den Rest-Frust von der Seele und gibt obendrein noch explizite Anweisungen an den Uber-Fahrer – zielführend nennt man das wohl. Der darf sich dem wochenendlichen Indie-Club-Hopping gleich anschließen, wenn „Hand In The Air“ die hoffentlich baldige vollumfängliche Rückkehr aus sämtlichen Isolationen und Quarantänen einleitet und fast vergessen lässt, worauf man so lange verzichten musste.

Als genauso unberechenbar und facettenreich wie die Liebe, die Torres immer wieder besingt und in all ihren kunterbunten Dimensionen feierlich inszeniert, erweisen sich allerdings auch manche musikalischen Wendungen, die sie inmitten der bombastischen, zumeist Riff- und Hookline-orientiertem Grunge-Power-Pop-Ausrichtung des Albums platziert. „Constant Tomorrowland“ dürfte in dieser Hinsicht zunächst wohl für die meisten Fragezeichen sorgen. Eine klanglich irgendwo zwischen Mittelalter und Seemannslied angesiedelte Folk-Hymne über das Wassermannzeitalter ist schließlich nicht zwingend das erste, an das man nach einer ordentlichen Rock-Injektion rechnet. Mit „Kiss The Corners“ schleicht sich wenig später auch noch eine House-Nummer ein, die ebenfalls den Eindruck erweckt, als hätte sich Torres auf dem Weg zu einer anderen Platte irgendwo verlaufen (gern kann man’s jedoch als Echo der Langspielvorgänger hören). „Big Leap“ mag im Kontext des Albums weniger experimentell erscheinen, dafür jedoch deutlich ruhiger und minimalistischer. Den daraus entstehenden Fokus auf ihren Gesang nutzt Torres, um einige der am schwersten verdaulichen Textzeilen der Platte aufzufahren. Indem sie den schweren Unfall eines Freundes mit einem bittersüßen emotionalen Zwiespalt Revue passieren lässt, bricht sie für einen Moment mit der grundlegend optimistischen Thematik des Albums: „Somehow you’re still here / Got a birthday in three weeks / But now all I can do is cry and worry / I hounded you to stay on the ground / It’ll haunt me forever the way you came down.“ Uff? Uff. Aber nur Friede-Freude-Eierkuchen wäre ja auch langweilig, oder?

Ja, die Auswahl an Torres‘ „Thirstier“-Büfett gerät wahrlich ebenso zahlreich wie sättigend. Da fügt sich die fantastische erste Single „Don’t Go Puttin Wishes In My Head“ mitsamt ihrer Synthesizer-Stärke und den messerscharfen Gitarrenriffs genauso easy-peasy ins Gesamtbild ein wie das sanft startende und in einem fulminanten Feuerwerk endende fantastische Titelstück. „The more of you I drink / The thirstier I get“, singt Torres da und sorgt damit für eifrig zustimmendes Kopfnicken bei der Hörerschaft, sind solche Zeilen doch wie gemacht dafür, als Tattoos Parade getragen zu werden. Ein durch und durch brillanter, positiv gestimmter, gen Firmament jubilierender Love-Song im besten Sinne, der dem dezent angestaubten Genre endlich mal einen neuen Rock-Twist angedeihen lässt. Zum Schluss dann, wenn „Keep The Devil Out“ die letzte Power aus der Drum-Machine kitzelt und den Teufel in den letzten Sekunden wohl derart in die Erschöpfung zwingt, dass er von ganz allein aufgibt, bleiben nicht mal mehr genug Kraftausdrücke übrig, um die aktuelle Gefühlslage zu beschreiben. Also macht man es am besten so wie nach einer guten Mahlzeit: ein bisschen die olle Wampe tätscheln und selig lächeln. Alles ist gut – für Mackenzie Scott und nach dem Genuss dieses Albums, das einen von Mal zu Mal tiefer in seinen Bann zieht.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Gisbert zu Knyphausen & Kai Schumacher – Lass irre Hunde heulen (2021)

-erscheint bei Neue Meister/Edel-

Es sind zuweilen die puren Zufälle, die große Projekte möglich machen. Gisbert zu Knyphausen beispielsweise, einem der zweifellos besten deutschen Musiker unserer Zeit, wurde einst in einer alkoholreichen Silvesternacht ein Lied von Franz Schubert vorgesungen. Das Stück blieb in seinen Ohren und dürfte Jahre später dabei mitgeholfen haben, bei einer Idee des Musikerkollegen Kai Schumacher nicht gleich abzuwinken. Der nämlich hatte sich in das Werk Schuberts hineingehört und eine Neuinterpretation ins Auge gefasst. Schumachers Wunschsänger für die Stücke des Komponisten: ausgerechnet Gisbert zu Knyphausen. „Lass irre Hunde heulen“ ist nun das auf Konserve gebannte fulminante Ergebnis dieser Zusammenarbeit, welches immerhin zehn der insgesamt über 600 Lieder des Österreichers im modernen Gewand bereithält.

„Die Schubert-Lieder gehören für mich mit zum Schönsten, was das 19. Jahrhundert an Musik hervorgebracht hat. Allerdings geht für mich bei klassischen Liederabenden die Unmittelbarkeit der Lieder verloren. Das ist mir oft zu artifiziell. Der klassische Sänger verkörpert auf der Bühne eine Rolle – perfekte Intonation und Werktreue sind oft wichtiger als Gefühl und Intention. Ich war schon immer neugierig wie es klingt, wenn jemand da ganz ungekünstelt rangeht, ohne klassische Etikette und die Lieder unvoreingenommen zu seinen eigenen macht. Dieser Sänger musste dabei eigentlich von Anfang an Gisbert zu Knyphausen sein.“ (Kai Schumacher)

Als mich Kai fragte, ob ich Lust auf dieses Projekt hätte, das zunächst nur als reines Konzert in Duisburg und beim Reeperbahn Festival Hamburg angelegt war, dachte ich gleich: ‚Toll, das will ich unbedingt ausprobieren!‘ Auf dem Flohmarkt hatte ich mir früher mal eine Platte mit Schubert-Liedern gekauft, aber so richtig war der Funke damals nicht übergesprungen. Eine erste Ahnung von der Schönheit des Kunstliedes bekam ich, als mir eine Freundin am Ende eines sehr betrunkenen Silvesterfestes den ‚Leiermann‘, gesungen von Dietrich Fischer Dieskau, vorgespielt hat und wir beide sehr ergriffen davon waren. In den Katertagen danach habe ich mir dann die gesamte ‚Winterreise‘ reingezogen. Nach Kais Anfrage habe ich mich natürlich intensiver mit den Liedern beschäftigt, aber es dauerte zugegeben noch eine ganze Weile, bis mir die Lieder so richtig ans Herz gingen. Irgendwann hat es dann aber ‚Klick‘ gemacht und ich fing an, all die besonderen Momente zu entdecken: die großen Melodien, die kunstfertigen Harmoniewechsel.“ (Gisbert zu Knyphausen)

Franz Schubert, der im Alter von nur 31 Jahren starb, ist ein Vertreter der Romantik und war, wenn man so mag, der große Singer/Songwriter des 19. Jahrhunderts. Zu Lebzeiten stand er ein wenig im Schatten einiger namhafter Zeitgenossen wie Beethoven, Schumann, Mendelssohn-Bartholdy oder Brahms, was wohl auch daran gelegen haben dürfte, dass er nicht für die vornehmen Konzertsäle schrieb, sondern für kleine, private Kreise bei Wein und Zigarren. Gar nicht immer die ganz große Kunst, dafür vielmehr: ewige Melodien. Zudem sind viele Themen, die Schubert in seinen späten Liederzyklen anstimmt, alles andere als piefig-gestrig, sondern ganz und gar von heute, wohlmöglich sogar recht zeitlos: die Angst vor dem Unbehausten, die Sehnsucht nach Wärme und Menschlichkeit, der Widerstand gegen die starren Normen des Establishments. Wenn Gisbert zu Knyphausen also Schuberts Stücke neben seine eigenen stellt, dann werden die Parallelen sofort hörbar: Da ist eine tiefe Melancholie des Momentums, die beide Klangwelten verbindet, eine Schönheit, die unmittelbar aus dem Schmerz kommt. Da ist aber auch ein Hunger nach Leben, nach Freundschaft und Liebe, nach Rausch und Party. Wenn Gisbert vom „Taumel der Nacht“ singt, dann nimmt er einen mit – und schon ist man mittendrin in der Erlebniswelt der Romantik.

Nichtsdestotrotz ist es bemerkenswert, dass den Herren zu Knyphausen und Schumacher hier ein derart eindrucksvoller Spagat gelingt. Einer zwischen der Historie und der Gegenwart, denn die beiden geben sich nicht als bloße Kopisten der teilweise bestens aus Schulunterricht und Allgemeinbildungsmusestunden bekannten Vorlagen, sondern als selbstbewusste Interpreten mit Mut zu Neuerungen und vielen eigenen Ideen. Deutlich wird das gleich zum Auftakt mit den beiden Stücken „Gute Nacht“ und „Der Wegweiser“, welche beim Hören einen tiefen Eindruck, gelegentlich gar Gänsehaut hinterlassen und hineinführen in eine besondere Klangwelt. „Suche mir versteckte Stege“, singt zu Knyphausen und bringt damit auf den Punkt, was die Besonderheit ausmacht: nicht auf bekannten Pfaden zu wandern, sondern offen zu bleiben für Außergewöhnliches. Und je länger man an der Seite des Duos beseelt durch die zehn Songs gleitet und beschwingte Momente („Aufenthalt“) ebenso erlebt wie ganz und gar ruhige Passagen („Die Krähe“), desto mehr lässt sich trotz der klar in der Vergangenheit liegenden Wurzeln dieser Musik behaupten: Das ist Gisbert zu Knyphausen pur! Und in noch einer Erkenntnis scheinen sich Schubert und zu Knyphausen einig: Dass zu viel Selbstmitleid, zu viel Melancholie ja kein Mensch verträgt – so wird eine mögliche Wesensverwandtschaft in ihrer Art, Liebe und Trauer in der Musik zu verbinden, deutlich. In Liedern in Moll scheint plötzlich in völlig irrealem Dur Unwirkliches auf; in Dur-Liedern bricht im Gegensatz dazu ein trockenes, im Satz oft reduziertes Moll hinein. Im Glück die Trauer und in der Traurigkeit die krass schöne Utopie von Liebe und Geborgensein.

„Uns war bei der Songauswahl und den Arrangements die Balance wichtig: ein Schubert-Album zu machen mit ausschließlich traurigen Liedern und viel zu viel Pathos wäre vielleicht in dieser Neubesetzung das gewesen, was man hätte erwarten können. Und hätte auch stur das viel zu einfache Klischee des armen unglücklichen Franz Schubert erfüllt. Deshalb war es notwendig, manchmal fast ironisch mit den Vorlagen zu brechen, wie zum Beispiel beim ‚Ständchen‘ oder ‚Nähe des Geliebten‘. Außerdem wollte ich diesen schmalen Grad halten zwischen klassischem Anspruch und Respekt vor dem Original einerseits, und sehr persönlicher und zeitgeistiger Interpretation auf der anderen Seite. Also weder neo-romantischer Kitsch, noch glattgebügelter Crossover-Pop.“ (Kai Schumacher)

Der Liedermacher mit familieneigenem Weingut, auf welchem er in schöner Regelmäßigkeit sein mit erlesener Hand kuriertes „Heimspiel Knyphausen“ veranstaltet, taucht ganz tief ein in die Welt des Franz Schubert, wird eins mit den Stücken des Komponisten; er lebt, liebt und leidet mit, als wären es seine eigenen. Diese unbedingte Hingabe ergibt im Zusammenspiel mit der fantastischen Instrumentierung unter Regie seines Kompagnons und versierten Pianisten Schumacher ein Spektakel außergewöhnlichen Zuschnitts. Das Duo ist auf eine musikalische Entdeckungsreise gegangen und wieder aufgetaucht mit einem Experiment, das durchzuführen sich durch und durch gelohnt hat. Glücklicherweise nicht nur, wie ursprünglich einmal angedacht, als zweimalige Aufführung, sondern inzwischen immer und immer wieder auf die Bühne gebracht und nun auch auf Tonträger gebannt. Romantik und Moderne gehen hier eine zauberhafte, ebenso sensible wie authentische und herrlich unverkopfte Verbindung ein. Wenig verwunderlich also, dass das Interpretieren der Schubertlieder offenkundig Einfluss auf von Knyphausens sonstige Projekte hatte: Mit Husten, seinem Band-Projekt mit Musikproduzent Moses Schneider und Der Dünne Mann, veröffentlichte er unlängst zwei neue Songs, von denen der erste, „Weit leuchten die Felder„, eindeutig musikalisch vom klassischen Lied beeinflusst ist. Obwohl ich als jahrelanger Fanboy des durchaus vielseitigen Schaffens (zu dem man unbedingt und sowieso auch Kid Kopphausen zählen sollte) des wohlmöglich besten deutschen Liedermachers der Gegenwart natürlich nie gänzlich objektiv sein mag, darf weiterhin bezweifelt werden, ob Gisbert zu Knyphausen etwas wirklich Ungelungenes zustande bringen kann.

Neben den bisherigen drei Musikvideo-Auskopplungen findet man hier den Arte-Mitschnitt des Auftritts von Schumacher, Knyphausen und Band beim Reeperbahn Festival im vergangenen Herbst. Der war, wie auch das nun vorliegende Album: ganz großes Tennis. 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


The Killers – Pressure Machine (2021)

-erschienen bei Island/Universal-

Die Geschichte des knappe zwei Jahrzehnte jungen The Killers-Welthits „Mr. Brightside“ beweist unfreiwillig gleich zwei Dinge: die Überlebenskunst guter Musik und die absolute Vergänglichkeit der Zeit. Jene wurde unlängst auch durch die vermaledeite Corona-Pandemie deutlich: Stillstand auf Bühnen, in den Clubs, Theatern. Und Schockstarre in den Köpfen, die bisher vernehmlich das immer schneller und hektischer werdende Leben im Überholspurrausch kannten. Dennoch oder gerade deswegen brachte Corona unverhoffte kreative Impulse. Abseits des Tournee-Trotts entstanden Pandemie-Alben, trauten sich Künstler*innen Wege einzuschlagen, für die vorher wenig Raum war. Und Brandon Flowers? Anstatt mit seiner Band nach der letztjährigen Veröffentlichung von Album Nummer sechs, „Imploding The Mirage„, auf ausgedehnte Tournee zu gehen, holten den The Killers-Bandkopf die Jahre in Nephi ein, einem 5.000-Seelen-Örtchen im Nirgendwo von Utah, Vereinigte Staaten, wo er als zehn- bis 17-Jähriger lebte, bevor es ihn in seine Geburtsstadt Las Vegas zurück verschlug – das eine als Antithese zu der schrillen, hell erleuchtenden Glitzerscheinwelt des anderen. Erinnerungen überkamen ihn in der Stille, in den Momenten der Ruhe, ließen ihn nicht mehr los.

„Es war für mich das erste Mal seit langer Zeit, dass ich mit Stille konfrontiert wurde. Aus dieser Stille heraus begann diese Platte zu erblühen, voll von Songs, die sonst zu leise gewesen wären und vom Lärm typischer Killers-Platten übertönt worden wären.“ (Brandon Flowers)

Fotos: Promo / Danny Clinch

Erinnerungen und Beobachtungen von Menschen aus einer prägenden Zeit, die er erst jetzt, Jahre später, halbwegs einordnen konnte. Klar, als weltumreisender Rockstar muss das einstige Leben in solch einem verlassenen Kleinstadtkaff natürlich absolut surreal erscheinen, doch Überheblichkeit und Lästerei sind nicht Flowers‘ Antrieb für „Pressure Machine„, dem siebten Album seiner Band und – wenn man so will – dem „Nebraska“ oder „The Suburbs“ der Killers. Vielmehr ist dieses sehr persönliche Werk eine respektvolle und dennoch kritische Auseinandersetzung mit dem American Dream und dem Antrieb der Menschen auf dem weiten Land, ihrer schier unendliche Motivation, nach jenem Ideal zu leben – koste es, was es wolle und leider nicht ohne die bekannten Nebenwirkungen: Kummer, Enttäuschung und Schmerz, blinde Religiösität, gestrige Homophobie und platter Rassismus. Gut, dass Flowers seine nostalgische Rückschau trotz einer ordentlichen Menge an Düsternis stets auch in Hoffnung und flüchtige Momente des Glücks tränkt.

Schnell wird beim Hören der elf Stücke zudem klar, dass man es hier fraglos mit dem bisher ungewöhnlichsten Werk der vornehmlich schillernden Bandgeschichte, die 2001 bezeichnenderweise in Las Vegas begann, zu tun hat. Es handelt sich um ein Konzeptalbum, das selbstbewusst mit den Einflüssen von Bruce Springsteens reduziertem „Nebraska“ kokettiert, welches Flowers neben John Steinbecks tragischer Kurzgeschichtensammlung „Das Tal des Himmels“ als wichtigen Einfluss für die neuen Stücke erwähnt. Daher ist es nur konsequent, dass die US-Band diesmal keine Vorab-Single voraus schickte, sondern eine Reihe cineastischer Trailer ins weltweite Netz stellte. Darin kommen Protagonisten des öden Mormonen-Städtchens zu Wort, dem das Album gewidmet ist, erzählen mal von Pferden, die erschossen werden müssen, weil sie sich bei der Stampede ein Bein gebrochen haben, mal von den Opioden, die so viele nehmen. Diese Spoken-Word-Passagen bilden auch die verbindenden Zwischenteile der einzelnen Stücke. Auch deshalb bildet die Song gewordene melancholische Western-Novelle einen starken Kontrast zu den leider oft zwischen egal und platitüd daher rockenden, herzlos-euphorischen Album-Vorgängern.

Überhaupt atmet „Pressure Machine“ musikalisches Wild-West-Feeling, kommt oft mit Pedal-Steel-Gitarre, Fiddle, Mundharmonika und typischem Country-Western-Twang à la Hank Williams daher. Gesanglich präsentiert sich Brandon Flowers einmal mehr in Bestform. Gleich zum Auftakt setzt „West Hills“ ein ebenso berührendes wie majestätisches Ausrufezeichen. Der flirrende Sound steigt, getragen von Streichern, langsam an und baut sich zu epischer Größe auf, ohne dabei zu überdrehen. Nicht von ungefähr kommen Flowers, Ronnie Vannucci Jr. und Dave Keuning, der seine Leadgitarre auf dem vorhergehenden Album noch ruhen ließ und nun wieder zur Band stößt, mit diesem Stück dem Songwriting eines David Bowie näher, als sie es vermutlich je planten, während sie die tragische Geschichte eines drogensüchtigen Mannes erzählen, der dem Hillbilly-Heroin verfallen ist und nun in der Gefängniszelle sitzt. Was man eben so tut, um der inneren Einsamkeit Herr zu werden…

Zudem scheinen auch Scheuklappen und Geduld wichtige Überlebenseigenschaften zu sein, wie man in „Cody“, einem tollen Song über einen Jungen, der gerne mit Feuer spielte und wegen eines schlimmen Brandes im Ort einst geächtet wurde, erfährt. Jener Cody steht zudem stellvertretend für das Weitermachen, aber auch für die Sehnsucht nach einem anderen Leben: „So who’s gonna carry us away? / Eagles with glory-painted wings? / We keep on waiting for the miracle to come.“ Flowers beschreibt den Glauben an Gott und Gerechtigkeit, das Leben mit dem sozialen Druck einer zutiefst konservativen Gesellschaft, die bereits in den Neunzigern in (pseudo-)moralischen Werten ihres Glaubens versunken schien. „And Cody says / He didn’t raise the dead / Says ‚religion’s just a trick to keep hard-working folks in line‘.“ „Terrible Thing“ behandelt Homophobie in der religiösen Kleinstadt, erzählt aus der Perspektive eines schwulen Teenagers. „Runaway Horses“ – noch so ein feines Highlight – bildet im Duett mit Indie-Darling Phoebe Bridgers die Chronik einer Romanze nach. Einzig „Desperate Things“ ist eine rein fiktive Geschichte, eine Mörder-Ballade, die sich anhört wie ein vergessener, großartiger Song aus der Boss’schen „Nebraska“-Zeit. Er handelt von einem Polizisten, der sich in ein Opfer häuslicher Gewalt verliebt und schließlich den Täter umbringt. Erstaunlich, aber tatsächlich wahr – vermutlich machte es bislang selten solche Freude, Flowers‘ Texten zu lauschen, auch im Titelsong wird er deutlich: „But the Kingdom of God, it’s a pressure machine / Every step, gotta keep it clean.“

Bemerkenswert und zugleich logisch erscheint der Umstand, dass zunächst sämtliche Texte dieses Albums standen, bevor die Band überhaupt einen Takt der Musik komponierte. Daher trägt „Pressure Machine“ den fluffigen, Eighties-infizierten The Killers-Sound der jüngeren Vergangenheit nur in Nuancen in sich. Mit Fokus auf akustische Gitarre, Streicher-Arrangements und dezente Country- und Blues-Elemente verortet sich das Werk musikalisch ein ums andere Mal bewusst nah bei Springsteens süffisant-erdigem Heartland-Rock, an der ungeschönten Umweltschau eines Johnny Cash und ebenso oft bei klassischen Singer/Songwriter-Platten – manch eine(r) wird sich gar an die letztjährige Bright Eyes’sche Album-Großtat Down in the Weeds, Where the World Once Was“ erinnert fühlen. Etwas flotter lassen es eigentlich nur das gelungene „Sleepwalker“, „In The Car Outside“ mit seinen Synthie-Wänden sowie dem stoischen und doch beinah hymnischen Gitarrenfinale sowie das schwelgerische, von zarten Synthies und vom Akkordeon geküsste „Quiet Town“ angehen. „When that jukebox in the corner stops playing country songs that sound like mine / I spent my best years laying rubber on a factory line“, zwinkert Flowers selbstironisch in „In Another Life“, um sich dennoch der Frage zu widmen, die sich wohl nicht wenige irgendwann einmal stellen: „I wonder what I would’ve been in another life…“

Gegen Ende singt Flowers „People do desperate things“. Man glaubt es, man weiß es. Denn die bittersüße Melancholie des tristen Alltags im von aller Aufregung verlassenen Nirgendwo ist an allen Ecken und Enden greifbar. „Nephi in the nineties could’ve been Nephi in the fifties“, gibt der mittlerweile 40-Jährige zum Release zu Protokoll und macht deutlich, wie sehr manche Landstriche und deren Einwohner vom Fortschritt und Wohlstand übersehen und längst vergessen wurden. Dennoch weiß er auch um die Vorzüge: „Part of me is still that stainless kid / Lucky in this quiet town: salt of the land, hard-working people / If you’re in trouble, they’ll lend you a hand.“

„In der Pandemie fühlte es sich plötzlich für alle so an, als säße man mitten im Nirgendwo. Ich spürte plötzlich, dass es aus der Zeit dort viele negative Gefühle gab, die ich wohl verdrängt hatte, weil ein Großteil meiner Erinnerungen an Nephi sehr schön ist. Aber die, die mit Angst oder Traurigkeit verbunden waren, hallten sehr stark in mir nach. Ich verstehe sie nun besser als zu Anfangszeiten der Band und hoffe, ich konnte mit meinen Liedern den Geschichten und den Menschen dieser kleinen Stadt, in der ich aufgewachsen bin, gerecht werden.“ (Brandon Flowers)

In Gänze gerät „Pressure Machine“ zur ebenso unverhofften wie beeindruckend-ungewohnten, vom Corona-Stillstand beeinflussten Momentaufnahme im Killers-Albumkanon, der schon bald wieder in Richtung Stadionrock abbiegen könnte. Ein Album wie das Musik gewordene Äquivalent zum kaum weniger zu empfehlenden Oscar-Gewinner „Nomadland„. Die Geschichte des Welthits „Mr. Brightside“ mag die Killers bis in die großen Arenen und in die Herzen irischer Pubs geführt haben, ist jedoch ebenso unmittelbar mit diesem kleinen Ort im US-amerikanischen Niemandsland verbunden.

Rock and Roll.

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