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Das Album der Woche


Faber – Sei ein Faber im Wind (2017)

71aztMRRAHL._SL1200_-erschienen bei Vertigo/Capitol/Universal-

Wikipedia ist mal wieder schlauer: „Der Begriff Homo faber (lat., ‚der schaffende Mensch‘ oder ‚der Mensch als Handwerker‘) wird in der philosophischen Anthropologie benutzt, um den modernen Menschen von älteren Menschheitsepochen durch seine Eigenschaft als aktiver Veränderer seiner Umwelt abzugrenzen.“

Nun ist freilich nicht bekannt, wie weit ein gewisser Julian Pollina ins Philosophische vorgedrungen sein mag. Vielmehr bleibt zu vermuten, dass sich der Schweizer Musiker, seines Zeichens Jahrgang 1993, seinen Kunst- und Künstlernamen Faber dem 1957 erschienenen Erfolgsroman „Homo faber“ seines Landsmanns Max Frisch entliehen hat. Denn die Parallelen, welche zwischen ebenjenem Buch und den Stücken des noch jungen Liedermachers bestehen, können kaum zufällig sein. Max Frisch erzählt in „Homo faber“ von Walter Faber, einem weltgewandten Ingenieur mit streng rationaler, technisch orientierter Weltanschauung, in dessen geordnetes Leben der Zufall und die verdrängte Vergangenheit einbrechen. Eine (unwissentliche) inzestuöse Liebesbeziehung mit tragischem Ende, todkranke Einsichten über Verfehlungen und Versäumnisse – die ganz große philosophische Tragikkeule. Worin die Parallelen zur Lyrik Pollinas liegen? Mehr dazu später…

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Denn vor allem brauchte der 24-Jährige wohl ein Pseudonym, um nicht ständig als „der Sohn von“ Pippo Pollina, einem in der Schweiz (und im italienischen Sprachraum) bekannten Musiker, den man in Deutschland wohl am ehesten über eine Zusammenarbeit mit Konstantin Wecker kennen könnte, verglichen zu werden. Und solange diese erschaffene Kunstfigur Faber die Authentizität nicht durch Gekünsteltes und Künstlichkeit erstickt, sollte das nur recht und billig sein.

Den Entschluss, sich fortan als alter ego aus Max Frischs wegweisendem Gesellschaftsroman durchs Musikgeschäft und über Konzertbühnen zu bewegen, fasste Julian „Faber“ Pollina irgendwann im Jahr 2013. Also scharrte der Züricher Liedermacher, dem in einer derart musikalischen Familie beinahe keine andere Wahl blieb, ein paar befreundete Musiker um sich, schrieb erste eigene Stücke, fasste sich irgendwann ein Herz und spielte diese seiner Landsfrau Sophie Hunger vor, welche das junge Talent kurze Zeit später als Vorgruppe mit auf Tournee nahm (die Schweiz erscheint klein genug, sodass man sich irgendwann einfach zwangsläufig über den Weg laufen muss). Wiederum zwei EPs später („Alles Gute“ 2015, „Abstinenz“ 2016), mit deren Songs sich der Musiker weitere Aufmerksamkeit – auch über die Grenzen seiner Schweizer Heimat hinaus – erspielte, erschien nun im Juli sein Debütalbum „Sei ein Faber im Wind“. Und das hat es in sich.

Warum?

Nun, spannen wir doch einfach einen lyrischen Bogen…

So heißt es – wenn auch noch ein wenig holprig getextet – im tollen „Tausenfrankenlang“, dem vierten Stück der damals noch via Crowdfunding finanzierten 2015er Debüt-EP „Alles Gute“:

„Ich habe dich geliebt / Tausend Franken lang / Und wenn du neben mir liegst / Sehe ich dich an / Dann schwebe ich davon / Tausend Meter hoch / Mir wird warm / Jetzt bin ich arm / Ich halt dich fest…“

Zwei Jahre später, im abschließenden Titelsong des Debütwerks „Sei ein Faber im Wind“, wiederum singt Faber folgende Zeilen:

„Einer von uns beiden hat gelogen / Und das war ich / Ich habe dir gesagt / Es sei egal, ich komme klar auch ohne dich / Und du hast es nicht geglaubt, hast laut gelacht / Und hast gesagt: ‚Mal schauen‘ / Und bist einfach abgehauen / Und jeder Jäger träumt von einem Reh / Jeder Winter träumt vom Schnee / Jede Theke träumt von einem Bier / Warum, du Nutte, träumst du nicht von mir?“

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Ja, Fabers Texte sind engmaschig durchzogen von einer nicht eben optimistischen Lebensweise. Meist haut er dem Hörer Sätze um die Ohren, die dieser – in ihrem durchlebten Fatalismus, behaftet mit lakonischer Resignation – vielleicht von jemandem erwartet hätte, der gerade das halbe Jahrhundert voll gemacht hat, kaum jedoch von einem Mittzwanziger. Und: Faber liebt es deftig. So heißt es etwa in „Bratislava“:

„Die Fischertöchter angeln sich nun Männer / Zeigen Bein und Brust, wenn’s denn sein muss / Für etwas Geld tut man alles in der Welt / Es sind dieselben, die bei uns Schlange stehen / Auf den Straßen, um dir schnell einen zu blasen / Oder sich ficken lassen in deinem Wagen…“

Jedoch ist dieser Gossenjargon bei dem Schweizer Musiker – und da besteht der größte Unterschied zu Bands wie Kraftklub, die ihre Ex-Freundin unlängst auch medienwirksam als „Hure“ in einem Song verewigten – nie pures Mittel, um 15 Minuten Aufmerksamkeit abzugreifen. Pollinas Skizze ebenjenes Fabers sieht einfach schmutzige, direkte Worte wie diese vor. Anderswo, im großartigen „Wer nicht schwimmen kann der taucht“ (allein der Titel – großartig!), singt er:

„Ich bin bestimmt kein Rassist / Und gegen Ausländer habe ich nichts / Aber ich schau euren Schlauchbooten beim Kentern zu / Im Liegestuhl, am Swimming Pool, am Mittelmeer / Kratz mich am Bart, kratz mich am Bauch / Wer nicht schwimmen kann, der taucht / Wer nicht schwimmen kann, der taucht…“

Trotz – oder gerade wegen – bitterer Zeilen wie dieser, welche im Satz „Wenn es mir schlecht geht, seh’ ich gern, dass es euch schlechter geht“ kulminiert, wird man 2017 kein treffenderes Stück Musik über Europas Haltung zur Flüchtlingspolitik finden – dass diese ausgerechnet von einem jungen Schweizer stammen, ist durchaus bezeichnend. Insgesamt trifft Fabers vor einigen Jahren selbst getroffene Beschreibung ganz gut: „Ich schreibe (wahn)witzige, traurige und ernste deutsche Texte über bedingungslose Liebe, Identität, Moral, kleinkriminelle Idole und alles was einen sonst so beschäftigt. Am liebsten würde ich wie Jacques Brel klingen. Ich klinge leider anders.“

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Doch wären all die tollen Texte freilich kaum etwas wert ohne die dementsprechende musikalische Begleitung. Und auch da setzt Julian Pollina, dieser süße, meist verlegen drein blickende Wuschelkopf, dem eine ganz ähnliche, scheinbar von – gefühlt – tausend Whiskey-und-Kippen-Nächten gegerbte Stimmfarbe wie AnnenMayKantereit-Kopf Henning May geschenkt wurde (auch wenn dessen Texte bisher nicht über die vier Wände der Studentenbude hinaus zu blicken wagen), die Messlatte hoch an. Gemeinsam mit seiner über die Jahre zusammen gestellten Begleitband entwerfen die dreizehn Songs von „Sei ein Faber im Wind“ einen musikalischen Road Trip durch Europa. Da gibt es Stücke, die Zach Condons Weltmusiker von Beirut kaum besser zu Gesicht gestanden hätten (die Trompete in der einminütigen „Ouverture“!). Da kommen einem die großen deutschsprachigen Liedermacher von Hannes Wader bis Reinhard Mey in den Sinn, genauso wie die ewigen französischen Chanson-Schwerenöter von Jaques Brel bis Leonard Cohen (näher an diesem als mit dem feinen „J’ai toujours rêvé d’être un gangster“ von der „Alles Gute“ EP kann man dem Kanadier in deutscher Sprache ohnehin nicht kommen). Wer bei Stücken wie „Nichts“ nicht mindestens mit einem Fuß wippt, der dürfte klinisch tot sein. Anderswo, bei „In Paris brennen Autos“, klingt der Tango an, während ein Song wie „Lass mich nicht los“ neue Maßstäbe in Punkto französisch-fatalistischer Schwermut setzt. Insgesamt brennen Faber und seine Band, deren Äußeres einen an eine lässige europäische Festland-Version der frühen Mumford & Sons denken lässt, eine reichhaltige Melange aus Folk, Balkan-Humpta, Jazz und Weltmusik ab, während der 24-jährige Frontmann in seinen Texten tief in kaputte männliche Egos abtaucht, dorthin wo sexueller wie gesellschaftlicher Frust, (National)Stolz und latente Aggression ein tristes Schattendasein fristen. Dort, wo auch der schönste Smartphoneschein nicht die eigene existenzielle Leere überstrahlen kann. Europäische First World Problems im 21. Jahrhundert, gebannt auf der besten deutschsprachigen Platte des Jahres. „Sei ein Faber im Wind“ ist mal leichte, mal fordernde Musik, jedoch zu jeder Minute große Kunst, durch und durch.

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Wer sich beim Hören des Debütalbums (zur Lektüre danach sei euch auch dieser „Musikexpress“-Artikel über Faber empfohlen) nicht allein auf die Musik beschränken mag, für den haben Faber zu nahezu jedem Albumstück ein oft ungewöhnliches, jedoch in jedem Fall ansehnliches Musikvideo gebastelt. Hier gibt’s die YouTube-Playlist:

 

Dass Faber durchaus Sinn für Humor und Ironie hat, beweist, dass er das Persiflage-Video von Luksan Wunder via Facebook mit „größte Ehre“ kommentierte:

 

Auch interessant: Fabers Auftritt bei Inas Nacht“, bei welchem er „Alles Gute“ zum Besten gab…

 

…sowie das „Blind Date“ mit „Musikexpress“-Redakteur Fabian Soethof, bei dem dem Schweizer Newcomer Einiges an (ihm meist hinlänglich bekannter) Musik vorgespielt wurde:

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


61gLcxNXArL._SS500Einar Stray Orchestra – Dear Bigotry (2017)

-erschienen bei Sinnbus/Rough Trade-

Schweden hat Abba, Finnland hat HIM, Dänemark hat Volbeat, Norwegen hat a-ha. Ist halt so. Und obwohl manch eine dieser Gruppen bereits seit Jahren Geschichte ist (Abba), sich gerade erst – der schnöde Mammon wird’s wohl möglich gemacht haben – für lukrative Konzert- und Plattendeals wieder zusammengefunden hat (a-ha) oder just bekannt gab, fortan das Zeitliche segnen zu wollen (HIM), verbindet mutmaßlich jeder popkulturell Geprägte zunächst einmal diese Bands mit den Ländern Skandinaviens.

Doch mal speziell zu Norwegen: Was hat das „Land der Fjorde“, das „Land der Trolle“, das „Land der Mitternachtssonne“, das „Land der Wikinger“ (das zumindest meint Google) denn noch zu bieten? Ja klar, weite, nordisch temperierte Landschaften, die ideal fürs Runterkommen fern des hektischen Großstadtdschungels oder für Angelurlaube sind, teuren Alkohol, eine gesunde Wettstreitsrivalität zum Rest Skandinaviens sowie faire und nicht selten recht lockere Arbeitsbedingungen – plus ein hervorragender, weit verbreiteter Gedanke namens „Janteloven“, entwickelt 1933 vom dänisch-norwegischen Autor Aksel Sandemoseder, der einen Verhaltenskodex über den Umgang der Norweger untereinander beschreibt. Es ist nicht erwünscht, sich für besser oder klüger zu halten als andere. Wer sich gerne in den Mittelpunkt stellt, wird schnell als Angeber verpönt. Könnten wir Festlandeuropäer uns mal ’ne Scheibe von abschneiden…

Und bei all den Künstlern und Bands, die sich da – eventuell ja im Norwegerpulli – in den letzten Jahren über die Landesgrenzen hinaus aufgemacht haben, die Welt zu erobern – von Leisetretern wie Kings Of Convenience über versierte Rocker wie Motorpsycho oder Madrugada bis hin zu Hardcore-Metal-Punk-Schreihälsen wie Kvelertak -, zeigt sich doch wieder, dass der Norweger Vielseitigkeit kann, denn die Musikszene in wie außerhalb Oslos hatte und hat freilich schon immer mehr zu bieten als a-ha, Ace of Base oder Aqua.

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Spätestens 2012, als sein Debütalbum „Chiaroscuro“ mit einjähriger Verspätung auch außerhalb der norwegischen Heimat erschien, erntete auch ein junger Mann namens Einar Stray allerlei möglichen Vorschusslorbeeren – und das völlig zu recht. Denn schon Strays Debüt war (und ist) ein Album voll mit aufwühlendem Indiepop, der mit der eigentlichen Einfachheit von Pop (oder zumindest von dem, was man so aus dem Formatradio kennt) so gar nicht zu vereinbaren war. Es enthielt orchestral instrumentierte Hymnen, komplexe Stücke, die mit Klassik, Folk und Postrock spielten und dabei so umarmend wie düster daher schlichen. „Chiaroscuro“ war (und ist) ein Album, so weit weg wie nur irgendwie möglich vom schnöden Indiepop – mit Klavier, Cello, Geige und Gesang als herausragende Elemente, entworfenen von ebenjenem Einar Stray, einem zierlich-dünnen Männlein Anfang zwanzig. Man höre nur den zehnminütigen, instrumentalen Schlusstrack „Teppet Faller“ – wer da nicht geplättet und zu Tränen gerührt die Arme gen Firmament reißt, dem seien an dieser Stelle Herz, Seele und musikalischer Sachverstand abgesprochen. Ernsthaft.

Danach folgte eine Umstrukturierung im aktuell fünfköpfigen Bandgefüge, die Songs des 2014 veröffentlichten Nachfolgers „Politricks“ wurden aggressiver, lauter, tobender, elektrisch verstärkte Gitarren und Feedback-Wände hielten mehr und mehr Einzug. „Politricks“ steckte, wenn auch noch mit einem Auge auf den Pop schielend, voll bitterer Bissigkeit, die sich im Ohr des Hörers gern bewusst quer legte, und wies den orchestralen Schönklang des Vorgängers nicht selten vehement zurück. Obendrauf gab es beim Bandnamen von nun an den Zusatz „Orchestra“.

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Dear Bigotry“ ist nun das dritte Album der Norweger um Einar Stray. Laut und wütend, ruhig und nachdenklich vereint es beide Seiten von „Chiaroscuro“ und „Politricks“ – und ist doch experimentierfreudiger als beide Alben zuvor. 2017 treffen bei dem norwegischen Bandleader, Jahrgang 1990, und seinen vier Bandmates Postrock auf klassische Klavier-Melodien und (beinahe) straighten Indiepop – nicht selten im selben Song. In „Glossolalia“ etwa versuchen sich Band und Soundeinspieler (eine Rede! eine Rede!) gegenseitig zu übertönen. Was versöhnlich beginnt, endet nicht selten in ausufernden Soundeskapaden.

Auch das Titelstück besitzt bereits in der Strophe eine gewisse unruhige Energie, man würde typischerweise eine Steigerung mit anschließender Entladung im Refrain erwarten, doch der verlagert nur das musikalische Gewicht auf den anderen Fuß, sodass hohle Bombastergüsse ausbleiben. Wenn das Schlagzeug dann doch losbollert, verhallt Vieles gewollt im luftleeren Raum, die dunkle wagnerianische Zuspitzung zum Schluss wirkt mit seinem stampfenden Klavier und sägendem Rhythmus wie eine ironische Überhöhung der Dramaturgie.

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Auch der Auftakt „Last Lie“ weist bereits zu Beginn einen gewissen Drive auf, Strays Gesang kühlt das unternehmungslustige Piano ein wenig runter, auch hier erwächst eine Erwartung des nahenden Ausbruchs, doch der Refrain gerät nicht zum himmelstürmenden Triumphzug, wirkt trotz der seidigen Hymnik nachdenklich: „I´m tired of the tiredness“. Dazu mischt die Band wunderschöne rhythmische Versätze, die besonders in der Songmitte für neue Farbgebung sorgen.

Auf dem Sprung ist direkt von Beginn an das tolle „As Far As I´m Concerned“, dass niemals so wirklich still hält und dem mächtige Gitarren und ein jubilierendes Keyboard in die Parade fahren, während das Auf- und Abschwellen der rhythmischen Frequenz dabei ein geradezu elastisches Klangkleid webt. In diesem Stück gibt es übrigens auch den einzigen lehrbuchmäßigen Bombastmoment (of Postrock fame): zwischen weit ausholendem Schlagzeugstakkato laufen delirierende Flöten und energische Streicher um ihr Leben, es kracht, die Balken brechen, der Himmel stürzt ein.

Klar, das Einar Stray Orchestra operiert zwar gerne und oft am oberen Ende der mit Pathos aufgeladenen Emotionsskala, ist aber schlau genug, Ruheinseln einzubauen. „Seen You Sin“ ist ein an- und abschwellender Strudel aus Klavier und Streichern, die dem Gesang von Einar Stray oftmals den sicheren Boden zu entziehen scheinen. Dass an solchen Stellen nicht zwangsläufig noch ein Knalleffekt eingeschoben werden muss, zeugt von der kompositorischen Weitsicht der Norweger. Der Musik gewordenen Verschnaufpause innerhalb all dieser Opulenz, dem schönen „20.000 Nights“, wird ebenso der Ausbruch verweigert. Der männlich-weibliche Duettgesang wirkt wie in einer staubigen Box eingeschlossen, draußen ist die bunte Welt, doch der Schlüssel bleibt unauffindbar, der Refrain zieht dann auch nur um ein Weniges die Intensität an, man bleibt unter sich: „And when the television hostess is put to ground / I’ll be on television singing on her song / With tears of joy cause, how I’ll love to announce / She was my savior and my youth, sometimes my doubts…“

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In den Songs von „Dear Bigotry“ verhandeln Einar Stray Orchestra die großen Themen rund um Politik, Religion und das harte Los der Liebe in modernen Zeiten, das Zaudern des Individuums mit der Gesellschaft, unsere Doppelmoral und innere wie äußerliche Zerrissenheit – die liebe Bigotterie. All das sind freilich nur allzu offensichtliche Themen für eine Bande weltoffener Mittzwanziger (man denke an den Ausspruch „Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.“, welcher mal dem französischen Politiker Georges Clemenceau, mal dem britischen Staatsmann Winston Churchill zugeschrieben wird), und sie sind selbst – und gerade – für das Einar Stray Orchestra keineswegs Neuland. 2012 etwa veröffentlichten die Norweger mit dem gespenstischen A-Capella-Stück „For The Country“ ihre ganz eigene Version eines Anti-Kriegs-Liedes, welches mit Zeilen wie „Good bye, my love, good bye / I will never see you again / The terrorist will hunt me down / The terrorist will kill your man / See you in heaven, my love“ auch einen unmissverständlichen Kommentar auf das darstellte, was sich nur ein Jahr zuvor auf der Insel Utøya, rund 30 Kilometer von der Hauptstadt Oslo entfernt, ereignete, als der irre Rechtsextremist Anders Behring Breivik innerhalb weniger Minuten ein Blutbad anrichte, bei dem insgesamt 77 Menschen, überwiegend Teilnehmer an einem Zeltlager der Jugendorganisation „AUF“ der sozialdemokratischen Arbeiderpartiet, ums Leben kamen (die Inspiration für „For The Country“ schreibt Einar Stray übrigens den kanadischen Postrock-Koryphäen A Silver Mt. Zion und deren Song „American Motor Over Smoldered Field“ zu). Doch obwohl das Einar Stray Orchestra spätestens mit dem seinen Zeigefinger bereits im Titel tragenden „Politricks“ als durchaus um Zeitgeist-Kritik bemühte Band bekannt sein dürfte, fügt das Quintett der eigenen Sozialkritik mit Album Nummer drei noch einige wichtige Nuancen hinzu. So singt Stray etwa im großartigen „As Far As I’m Concerned“: „Meeting people is easy / From a bar to a bed / But I can’t meet my own eyes / In the bathroom mirror of a stranger in the morning / Pixelating the girls of that dawn / Their flesh and bones in data codes / I thought I saw their souls, I saw their holes / The anthem of a hypocrite / Is shaking the arena seats / I wanna be the opposite / To prove you that I’m all the same“. Oder in „Penny For Your Thoughts“: „We got everything / But there’s something missing / We got everything we dreamed of except for dreams / We’re everything they ever wanted us to be“. Viel schöner als mit Zeilen wie diesen konnte auch einer wie Thom Yorke seine gesellschaftlichen Kommentare nicht ins Mikrofon greinen.

Dass all das nicht nach hinten los geht, liegt vor allem daran, dass die Kompositionen nicht hinter dem (nicht eben tief gestapelten) inhaltlichen Anspruch hinterherhinken, sondern eine konsequente klangliche Umsetzung finden. Vielleicht sollte man bei Einar Stray ohnehin besser von Kompositionen als von Songs reden. Die bis ins letzte Detail ausgestalteten Klanglandschaften tragen einen in eine fantastische Welt. Und so irgendwie auch weg von den besungenen Problemen, hinein in die eigene Gefühlswelt. Die Songs branden auf und fallen wieder in sich zusammen, wie das Meer an einer schroffen norwegischen Küste.

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Die Krux ist, dass einer der größten Trümpfe des Einar Stray Orchestra gleichzeitig das, wenn man so will, größte Manko von „Dear Bigotry“, das von Team-Me-Frontmann Marius Hagen produziert wurde, darstellt: Jede Ecke dieser Stück ist ausgemalt in schillernden Tönen, kein Winkel wurde vergessen. Wer es sich einrichten will in diesen Kompositionen, muss sich erst einmal durch all die Schichten wühlen, denn die Songs schwirren einem nur so um die Ohren, so dass man zunächst nicht weiß wo man zuerst hinhören soll. Doch bald erkennt man eine wohlsortierte Ordnung und hinter all den Chören, Streicherflächen und perlenden Klaviermelodien kommen wunderbar schillernde Popsongs zum Vorschein. Zusammengehalten werden die Songs vor allem durch Einars tiefe, beruhigend warme Stimme, die selbst dann nicht die Ruhe verliert, wenn außen herum alles anfängt in die Luft zu fliegen. Das erinnert manchmal vorsichtig an das Ergebnis, welches man wohl bekommen würde, würde man Künstler und Bands wie Yann Tiersen, Sufjan Stevens, Patrick Wolf und Sigur Rós zusammen in eine – zugegebenermaßen dann recht große – Holzkiste sperren und erst wieder herauslassen, wenn ebenjenes Team auf Zeit ihre Version eines Arcade-Fire-Coveralbums durch einen Bodenschlitz nach außen reicht. Klingt anstrengend? Ist’s auch, irgendwie, denn dieses Album fordert schon mehr als ein halbes Ohr im Hintergrund. Und wenn am Ende des letzten Stücks „Synthesis“ die zuvor noch jubilierenden Bläser verstummt sind, wenn nichts mehr zu hören ist, keine epischen Melodien mehr, keine irisierenden Klangflächen, keine euphorischen Chöre, keine diffizilen Rhythmen mehr und nur noch weißes Rauschen, dann ist auch der Zuhörer ein wenig müde. Im besten Fall jedoch auch: verzückt.

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Via Bandcamp kann man sich „Dear Bigotry“ in Gänze anhören…

(alle Texte findet man hier…)
 
 

…und hier die Musikvideos zu „As Far As I’m Concerned“…

 

…und „Penny For Your Thoughts“…

 

…sowie zweiteren Song auch als Live-Session-Version anschauen:

  

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Brutus – Burst (2017)

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Kleines Quiz gefällig? Dann: Hefte raus, Klassenarbeit! Und nun nennt mir mal bitte zehn singende Schlagzeuger! Auf die Plätze – fertig, los!

Ringo Starr vielleicht? Nee, der hielt sich bei den Beatles ja tunlichst im Hintergrund, wurde von Lennon/McCartney ja – vielleicht zu recht – gar bewusst in den Hintergrund seiner kleinen Fell-Schießbude platziert. Der ewige Poppunker Bela B? Ja klar, der umtriebige Trommler der Ärzte ist aus der deutschen Musiklandschaft kaum mehr weg zu denken. Und Phil Collins natürlich – man hat fast vergessen, was der Mann zuerst mit Genesis in den Siebzigern für den Progrock und ab den Achtzigern und in den Neunzigern auch solo popmusikalisch geleistet hat und was der heute 66-Jährige – zumindest anno dazumal – für waghalsige Rhythmen am Drumkit zustande gebracht hat. Oder Josh „Father John Misty“ Tillman, der ja vor einiger Zeit noch als Taktgeber und Harmoniesänger der Fleet Foxes fürs nötige Hintergrundfeeling zuständig war. Und freilich Dave Grohl, der ja in den Neunzigern mit Nirvana erst dankenswerterweise dem dämlich-dumpfen Hair Metal den Garaus gemacht und flugs Grunge salonfähig in den Pop überführt hat. Aber der trommelt heute bei seiner Hauptband, den Foo Fighters, wie man weiß kaum noch, macht(e) das eher bei den Queens Of The Stone Age (das Jahrhundertwerk „Songs For The Deaf“) oder bei Nebenprojekten wie Them Crooked Vultures (da mit an Bord: QOTSA-Vorsteher Josh Homme und LedZep-Basser John Paul Jones). Wer trotzdem eine Ahnung davon bekommen möchte, was Grohl am Schlagwerk draufhaben mag, der dürfte sich das Gerücht, dass der Sympath einst für die bis heute einmalige Led-Zeppelin-Reunion-Show im Jahr 2007 als Ersatz für den legendären, 1980 verstorbenen Drummer John Bonham im Gespräch war, bis dessen Sohn Jason – statt Dave Grohl – die Stöcke in die Hand nahm, genüsslich auf der Zunge zergehen lassen… Ansonsten jedoch? Pophistorisch Fehlanzeige. Gerade wenn man versucht, nach singenden SchlagzeugerINNEN Ausschau zu halten. Und, Leute: Meg White von den seit 2011 auf Eis liegenden White Stripes scheidet natürlich aus, die Dame kann ja – bei aller Liebe – nicht einmal ordentlich trommeln…

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Umso erstaunlicher ist das, womit Brutus auf ihren jüngst erschienenen Debütalbum „Burst“ um die Ecke biegen. Brutus? Gemeint sind hier natürlich weder die 2000 gegründete niederländische Death-Metal-Band noch die seit 2007 bestehende norwegische bluesende Hard-/Stoner-Rock-Formation. Nein, diese Brutus stammende aus dem belgischen Leuven und haben sich als Trio einst zusammengefunden, um den legendären Hardcore-Punk-Schweden von Refused als Tribute-Coverband ihre Ehre zu erweisen.

Mittlerweile sind Stefanie Mannaerts (Schlagzeug, Gesang), Stijn Vanhoegaerden (Gitarre) und Peter Mulders (Bass) den Coverband-Schuhen entwachsen und haben – wenn auch unter reichlich unkreativem Bandnamen, der geradezu zu Verwechselungen einlädt – ihren ganz eigenen Sound entwickelt, der Grenzen sprengt, sich allerhand Eigenwilligkeiten herausnimmt und gerade auf Albumlänge zu einem wahren Höllenritt zwischen den Genres gerät. So werfen Brutus Punkrock, (Post-)Hardcore, Shoegaze, Post-, Math- und Progrock in einen Topf und garnieren das Ganze auch noch mit einem Sträußchen sinistrem Black Metal. Ganz richtig: was sich so vogelwild liest, ist es auch. Dass diese Mischung dennoch aufgeht wie ein Hefezopf, ist das Verdienst von drei technisch höchst versierten Musikern, die mit allerhand frischem Herzblut an ihre Song gewordenen Kinder heran gehen und den schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn bestens zu beherrschen scheinen.

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Und das Dargebotene ist wirklich… besonders! Da ist zum einen diese rotzig-freche Stimme der – jawollja! – singenden Schlagzeugerin Stefanie Mannaerts, welche wie die belgische Schwester von The-Joy-Formidable-Frontfrau Ritzy Bryan klingt. Oder wie die wütende Nichte von Cranberries-Grand-Dame Dolores O’Riordan. Oder wie die exotisch-europäische Ausgabe von Ex-Distillers-Derwisch Brody Dalle, als diese noch Punkrock im Blut und Gift und Galle in den Mundwinkeln hatte. Man versteigt sich keineswegs mit der Aussage, dass Mannaerts in den lichten Momenten von „Burst“ ohne Aufhebens auch in eine unangepasst-angepunkte Alternative-Band passen würde. Voller Inbrunst changiert sie zwischen den Tonlagen, wechselt beinahe schon spielend zwischen aggressivem, fast nöligem Shouten und verträumten, leidenschaftlichen Momenten hin und her (man höre „Bird“!) und skandiert Textzeilen, die eher wie Parolen daherkommen, während sie ihr Schlagzeug bis hin zu Black-Metal-Blastbeat-Parts variantenreich bearbeitet (der Abschluss „Child“!). Zum anderen ist es vor allem die wirklich entfesselte Gitarrenarbeit, die wichtige Akzente setzt. Gitarrist Vanhoegaerden lässt sein Instrument flirrend für zwei singen, baut epische, turmhohe Soundkathedralen, entlockt ihm wild gefrickelte Solo-Kaskaden oder rifft auch einfach nur mal kräftig drauf los.
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Auch die Songstrukturen der elf Songs sind irgendwie… ungewöhnlich. Die Parts purzeln nur so durcheinander, dass dem geneigten Hörer bei all der Dynamik fast schon schwindelig wird. Der große Pluspunkt bei Brutus ist jedoch, dass die drei es dennoch verstehen, mitreißende Songs zu komponieren, denen es bei aller Härte keinesfalls an Melodien und Eingängigkeit fehlt. Im Gegenteil, die Stücke fesseln einen mit ihrer dichten Produktion, für welche sich Jesse Gander (Japandroids, White Lung, Comeback Kid), in dessen Studio im kanadischen Vancouver das belgische Trio an den Songs feilte, verantwortlich zeichnet, von der ersten Minute an, auch wenn es vielleicht ein paar Hördurchläufe braucht, bis man den ganzen Wahnsinn vollends begreift. Geduld wird in jedem Fall belohnt, denn Brutus haben ein unfassbares Talent und Gespür dafür, spannende, mitreißende Songs zustande zu bringen, die zu gleichen Teilen unvorhersehbar aber trotzdem äußerst eindringlich sind. Ein Höllenritt zwischen den Stilen, fürwahr. Aber einer, den man so seit Ewigkeiten nicht mehr erlebt hat!

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Mein Erstkontakt mit Brutus vor weniger Tagen war diese Live-Session-Version des Albumsongs „Horde II“. Mein erster Gedanke, ganz simpel: „Geil.“. Kann ich noch immer so unterschreiben…

 

Auch toll: diese live in den Pariser Red Bull Studios eingespielte Version des beinahe schon poppigen „All Along“…

 

…zu dem man sich hier auch das Musikvideo anschauen kann:

 

Ebenfalls „geil“ ist das bei aller Punk-Abfahrts-Härte verdammt eingängige „Drive“…

 

Rock and Roll.

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Aus Alt mach Neu – Animal Flag veröffentlichen ihre „LP“


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Fotos: Facebook / Nick DiNatale

Mit schöner Regelmäßigkeit finden sich bestimmte Bands und Künstler in den verschiedensten Rubriken dieses bescheidenen Blogs – auch über Jahre hinweg – wieder. Bestes Beispiel sind Animal Flag.

War das mittlerweile zur vollwertigen Band mutierte Ein-Mann-Projekt von Matthew „Matt“ Politoski im Dezember 2014 noch „Auf dem Radar„, befand ANEWFRIEND (beinahe auf den Tag genau) ein Jahr darauf die beiden simpel „EP1“ und „EP2“ betitelten, 2014 beziehungsweise 2015 veröffentlichten Mini-Alben für gelungen genug, um sie gemeinsam als „Album der Woche“ vorzustellen.

14359269_1086919884690043_295698165076442080_nUnd obwohl es auch ein Jahr später keine neuen Songs im eigentlichen Sinn von der aktuell vierköpfigen Indierockband aus Boston/NY zu hören gibt, sind Animal Flag mal wieder eine Erwähnung wert, denn Politoski und Co. haben heute beide EPs neu veröffentlicht – als „LP“ (der einfachen Namensgebung bleiben Animal Flag auch als Quartett treu) und mit den gleichen Stücken, die auch die beiden Mini-Alben so toll machten, nur eben neu abgemischt und in anderer Reihenfolge. Wahlweise gibt’s das ganze als 12“ LP, CD, Musikkassette (stay true to old school!) oder Download. Schlechter werden die Songs, welche sich klanglich mal in der Nähe von Conor Obersts Bright Eyes, mal eine Nasenlänge von Manchester Orchestra entfernt verorten lassen, freilich auch auf Albumlänge nicht. Warum aber etwas scheinbar Altes, das bereits vor Jahren das Licht der (digitalen) Plattenläden und Musikportale erblickt hat, erneut veröffentlichen? Frontmann Matt Politoski liefert die ausführliche Erklärung selbst:

„The songs on EP and also EP 2 were primarily recorded over the course of one week in May 2014 and were initially intended to be released as a full-length album. The rest of it was completed in early 2015 with the current lineup of the band. Because of member changes, botched tours, and other various inconveniences, the record was split in half and the cohesive album as a whole wasn’t fully realized until now. 

I wrote all of the songs on LP when I was between the ages of 17 and 21. These songs are snapshots of a version of myself that I am not entirely proud of and I view it as a deeply flawed work. It is a messy first sketch, sprinkled with some cringe-worthy lyrics, questionable musical choices, and a barrage of beliefs which I clung to helplessly as a child. I shed my former self throughout the process of writing this album. Through the mess, I hope some sort of beauty or truth came to exist in the form of these songs. 

The history of Animal Flag has been a confusing one. The first Animal Flag record was a drone album made on my parents’ desktop computer in 2007. The genre shifted to folk for a handful of releases around 2010 followed by an electronic pop album out of the left field in 2013 (re-released under the moniker Bad Dreams), among others with different lineups and collaborators. For us, what is presented here as LP is the pivot point.

This current incarnation of the band is the final form of Animal Flag. We have been working on a completely new record to be released in 2017 which I feel is the first real representation of what the band has grown into over the past year and a half. If you have ever given a shit about Animal Flag and our music at any point over the past ten or so years, I want to thank you from the bottom of my heart. It only goes up from here.“

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Wenige Tage vor der Veröffentlichung ihrer „LP“ machten Animal Flag reinen Tisch auf ihrer Bandcamp-Seite (deshalb lassen sich nun auch die beiden EPs nicht mehr da streamen) und luden nun ihr erstes vollwertiges Band-Album dort hoch, welches fortan fleißig gestreamt und im demokratischen „Name your price“-Verfahren wahlweise auch für lau aufs heimische Abspielgerät geladen werden darf. Ausreden sind also zwecklos.

 

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Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Julien Baker – Sprained Ankle (2015)

M0011901997--897742-erschienen bei 6131 Records-

„This very gentle young woman stepped up and started playing these songs, and it was one of these moments in life that genuinely felt golden, when you see something that is so special, and so fragile, that is just on the precipice of taking off.“

(Morgan Jon Fox, Filmemacher aus Memphis)

Kennt ihr noch dieses Gefühl, das wohl die meisten von uns hatten, als sie Anfang zwanzig waren? Dieses große Loch in der Brust, dass einen dazu brachte, sich einerseits jung und frei und lebendig und hungrig nach Abenteuern und dem Unbekannten zu fühlen, andererseits jedoch auch unsicher und bang ob der Zukunft und was nun mit einem werden soll? Klar, manch eine(r) mag schon im Kindergartenalter völlig sicher gewesen sein, welcher Weg bis zum Rentenalter einzuschlagen ist, aber für nicht wenige sind mindestens die Twen-Jahre eine Zeit des Suchens, des Sich-Ausprobierens, und bestenfalls: des Findens.

Solche Gedanken schießen einem (oder besser: mir) durch den Kopf, wenn ich „Sprained Ankle„, das Debütalbum von Julien Baker, höre. Denn obwohl – oder gerade weil – die US-Musikerin erst zwanzig Jahre jung ist, spricht aus den neun Stücken des Albums an allen Ecken und Enden die Sinnsuche. Doch dass nun tatsächlich so viele Menschen Notiz von Bakers Songs nehmen, war eigentlich so nie beabsichtigt…

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„For me personally, it’s like I’ve listened to a song of hers 200 times and on the 200th time I am just in my car weeping. She has that ability.“

(Sean Roher, Labelinhaber 6131 Records)

Ursprünglich stammt Julien Rose Baker aus den Suburbs von Memphis, Tennessee im Süden der USA. Dort wuchs sie auf, dort sammelte sie bereits in jungen Jahren Erfahrungen in Musikprojekten ihrer Kirchengemeinde (was ja gerade im südlichen Teil der USA um Einiges alltäglicher ist als etwa in religiösen Dingen doch zurückhaltenderen Deutschland) sowie später in der lokalen DIY-Punkszene, wo sie 2010 mit Gleichgesinnten ihre erste Band, The Star Killers (welche sich fünf Jahre später in Forrister umbenennen), gründet. Nebenjobs während der Highschool, in der Freizeit in Skaterparks abhängen, Zigaretten rauchen, ab und an törichte Dinge tun, der Kirchengemeinde angehören, bald die elektrische Gitarre des Vaters für sich entdecken – Julien Bakers Jugend war kaum anders, kaum wilder und kaum wenig widersprüchlich als die tausender US-Teenager ihres Alters.

Und doch spricht bei genauerem Hinhören aus ihren Songs so viel Erfahrung, Verletzlichkeit – ja: Verletztheit -, die man von einer jungen Frau ihres Alters, deren fast kindliches Gesicht obendrein nicht dem einer Anfangszwanzigerin entspricht, kaum erwarten würde. Und wie alles hat auch das Gründe, mit denen Baker erstaunlich offen umgeht. Dass Julien Baker homosexuell ist und daraus auch nie eine Hehl gemacht hat, braucht im Jahr 2016 (glücklicherweise!) keinen mehr zu wundern. Dass sie bereits ihre Erfahrungen mit legalen wie illegalen Drogen gemacht hat – und zum Klarkommen wohl wahre Dämonenkämpfe ausfechten musste -, sprechen ihre Stücke ebenfalls an. Dass sie, nachdem sie Freunde und Band in Memphis zurückließ, um an der Middle Tennessee State University (MTSU) in Murfreesboro zu studieren, viel und oft mit ihrer Einsamkeit zu kämpfen hatte, ebenfalls. Man hört den neun Songs klar an, dass sie eng beieinander liegend entstanden sind, denn sie wirken wie Bakers Tagebucheinträge, und ein ums andere Mal kommt die Musikerin einem fast ungemütlich nahe, denn „Wohlfühlatmosphäre“ wäre wohl das Letzte, was die Stücke von „Blacktop“ bis „Go Home“ verbreiten würden.

Und in der Tat sind diese Songs Julien Bakers erste abseits ihrer (alten) Band Forrister. Durch einen Freund an der MTSU, Michael Hegner, nahm sie erst einige Demos im universitätseigenen Studio auf. Nachdem beide feststellten, dass zwischen ihnen die Chemie stimmte, unternahmen sie einen gemeinsamen Trip nach Richmond, Virginia, um den Demo-Aufnahmen in den dortigen „Spacebomb Studios“, wo auch schon die letzten Alben von Matthew E. White oder Natalie Prass entstanden, noch einmal einen professionelleren Anstrich zu verpassen. Und trotzdem beabsichtigte Julien Baker zunächst nicht, ihre Stücke an die sprichwörtliche „große Glocke“ zu hängen und stellte das, was gemeinsam mit Hegner entstand, im Winter 2014 zuerst als EP auf ihre Bandcamp-Seite – nach dem Motto: Macht damit, was ihr wollt. Erst als ein weiterer Freund Sean Rhorer, Labelchef von 6131 Records, auf Bakers Musik aufmerksam machte, und dieser die junge Musikerin darum bat, die Stücke wieder offline zu stellen, damit sie noch einmal professionell gemastered (also ein wenig nachbearbeitet) und danach auf seinem Label veröffentlicht werden können, kam Bewegung in die Sache. Und so erschien Julien Bakers Debütwerk „Sprained Ankle“ noch einmal höchst offiziell im Oktober letzten Jahres bei 6131 Records.

Soweit, so Drumherum.

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Fotos: Promo / Jake Cunningham

Allerdings sollte man um eben jenes Drumherum wissen, um die Songs von „Sprained Ankle“ in ihrer Tiefe tatsächlich zu verstehen. Denn sie selbst – die Songs – betteln nicht gerade um Aufmerksamkeit. Im Gegenteil: während der 33 Minuten gibt es wenig mehr zu hören als Julien Baker und ihre Gitarre, nur höchst selten kommt kurzzeitig ein Schlagzeug dazu (etwa in „Brittle Boned“) oder, wie im Abschluss „Go Home“, ein Piano. Fast könnte man vermuten, dass Baker daran gedacht hat, diese (Demo-)Stücke eines Tages noch einmal als Full-Band-Versionen neu aufzunehmen. So jedoch erlangen die Songs noch mehr an Intensität, denn es steht höchst wenig zwischen der Musikerin und dem Hörer.

something-singleWas wohl auch an den Texten liegt. So singt Baker bereits im eröffnenden „Blacktop“ vom Verlorensein, einer unglücklichen Liebe, einem Autounfall und davon, sich nichts sehnlicher zu wünschen als ein vertrautes Gesicht („Come visit me / In the back of an ambulance“). Das recht kurze Titelstück bringt mit seiner Episode vom schüchternen Verliebtsein auch ein schönes sprachliches Bild mit („A sprinter learning to wait / A marathon runner / My ankles are sprained“) – verstauchte Knie vom Leben, der Liebe, der eigenen Courage, die einen davon abhalten, den nötigen Schritt weiter und vorwärts zu gehen. Ja, Julien Baker geht, wie bereits erwähnt, in ihren Songs recht offen mit ihren Problemen um – was zu Geständnissen („I’m so good at hurting myself“ – „Brittle Boned“) und der ein oder anderen pessimistischen Vorahnung („I know myself better than anybody else / You’re gonna run when you find out who I am / You’re gonna run, it’s alright, everybody does“ – „Everybody Does“) führt, während man doch die ganze verdammte Zeit versucht, alles irgendwie richtig und es allen irgendwie recht zu machen („I know I shouldn’t make my friends all worry / When I go out at night“ – „Good News“). Besonders großartig sind etwa das simpel gehaltene – ja: traurige – Liebeslied „Something“ geraten („I know you left hours ago / I still haven’t moved yet / I knew you were gone months ago / But I can’t think of anyone else / I should have said something, something, something / But I couldn’t find something to say / So I just said nothing, nothing, nothing / Sat and watched you drive away“) oder „Rejoice“, in welchem sie Gott mit sich beinahe überschlagender Stimme fragt, wo Hilfe ist, wenn man sie am nötigsten braucht („But I think there’s a god and he hears either way when I rejoice and complain / Lift my voice that I was made / And somebody’s listening at night with the ghosts of my friends when I pray / Asking ‚Why did you let them leave and then make me stay?‘ / Know my name and all of my hideous mistakes“). Ihren wohl bewegendsten Song bringt Julien Baker mit „Go Home“ ganz zum Schluss – eine am Piano vorgetragene Nummer, in der sie vom eigenen desolaten Zustand erzählt und doch nur einen Wunsch hat: nach Hause zu kommen – wo immer das auch sein möge… (fun fact am Rande: Als Baker gegen Ende von „Go Home“ selbstvergessen das christliche Stück „In Christ Alone“, welches sie noch aus ihrer Kirchengemeinde kennt, anspielt, fängt der mitlaufende Aufnahmeverstärker ausgerechnet Radiowellen eines Kirchenradiosenders ein, auf dem gerade die Ansprache eines Predigers übertragen wird. Zufall? Wohl kaum. Spooky? Auf jeden Fall. Die Musikerin ließ diese unbeabsichtigte Aufnahme trotzdem – oder gerade deshalb – auf dem Album.)

„I’ve been walking again.
I go out and forget to tell any of my friends where I’m going.
I’m drunk on the side of a road in a ditch when you find me.
I wanna go home. I’m sick.
There’s there’s more whiskey than blood in my veins,
More tar than air in my lungs.
The strung out call I make
Burned out at the edge of the highway.
I’m sorry for asking, but please come take me home.

I quit talking again.
I know you’re still listening.
I see you fell asleep.
It pierced my skin;
Needles to the worn out wrecks.
The folds in my arms are sticking in blood,
And I haven’t been taking my meds.
Lock all the cabinets, send me to bed,
Because I know you’re still worried I’m gonna get scared.
Because I’m alone again, and I don’t like the things I see.

And I haven’t been taking my meds,
So lock all the cabinets, send me to bed,
Because I know you’re still worried
I’m gonna get scared again.
And make my insides clean with the kitchen bleach;
I’ve kissed enough bathroom sinks
To make up for the lovers that never loved me.
And I know that my body is just dirty clothes.
I’m tired of washing my hands, God I wanna go home.“

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Ja, die neun Songs von „Sprained Ankle“ gehen – insofern man es zulässt – an die sprichwörtlichen Nieren. Was wohl auch daran liegt, dass Julien Baker eine talentierte Songwriterin ist, deren Stücke oft nach den frühen, reduzierten Tegan and Sara klingen, bevor sich diese dem Discopop verschrieben haben (eine andere Parallele zu den kanadischen Zwillingsschwestern mag sein, dass auch diese offensiv mit ihrer Homosexualität umgehen), mal nach der ebenfalls nicht um Frohsinn bemühten Torres, freilich nach dem großen Elliott Smith (zu passend, dass sie für die demnächst erscheinende Tribute-Compilation „Say Yes!“ Smiths „Ballad Of Big Nothing“ neu interpretierte) oder Sharon Van Etten. Andere mögen durch das in vielen Coffee-Shop-Konzerten geschulte Gitarrenspiel Jeff Buckley heraus hören. Einmal, in „Vessels“, klingt gar eine Ahnung von Lana Del Reys „Video Games“ an, das schöne „Something“ hätte unter der Ägide von Adele wohl das Zeug zum Hit (was den einfachen Grund hätte, dass Adele von Grund auf mehr Aufmerksamkeit zuteil werden würde). Julien Baker, die selbst Ben Gibbard (Death Cab For Cutie), David Bazar oder Aaron Weiss (mewithoutYou) zu ihren Vorbildern zählt und unlängst bereits mit Touché Amoré, EL VY oder Wye Oak touren durfte, stellt auf „Sprained Ankle“ viele Fragen – dem Leben, den Freunden, der Liebe, Gott und vor allem sich selbst -, findet jedoch nur selten Antworten. Was an sich auch völlig in Ordnung ist. Denn sie ist ja noch jung, und manchmal, ja manchmal ist auch der Weg das Ziel und die Suche nach Antworten eine Aufgabe, für die nicht wenige ein Leben lang brauchen. „Sprained Ankle“ liefert ein klein wenig den Soundtrack dazu – an einem Freitagabend, über die Kopfhörer direkt ins Herz.

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Wer mehr über Julien Baker erfahren möchte, der findet auf memphisflyer.com ein interessantes Porträt.

Auf Julien Bakers Bandcamp-Seite kann man das komplette Album hören…

 

…auf Soundcloud Julien Bakers bereits erwähnte Neuinterpretation den Elliott-Smith-Stücks „Ballad Of Big Nothing“, welche im Oktober auf dem Tribute-Sampler „Say Yes! – A Tribute To Elliott Smith“ erscheinen wird…

 

…und sich auf Youtube das Musikvideo zum Titelstück von „Sprained Ankle“…

 

…sowie Bakers Audiotree Live Session…

 

…und die OurVinyl Session ansehen:

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Daughter – Not To Disappear (2016)

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-erschienen bei 4AD/Beggars/Indigo-

Herzschlagfinale, die Erste: „Dry your smoke-stung eyes / So you can see the light / Staring at the sky / Watching stars collide“ – die letzten Minuten und Sätze des vor drei Jahren erschienenen Daughter-Debüts „If You Leave“ hatten es in sich. Wabernde Klänge, große Emotionen, eine Stimme, die einem ganz, ganz nahe ans Herz reichte, dieses erst beinahe zum Bersten und dann wieder zum Stillstand brachte. Heart skips a beat. Als sich der Soundnebel des Abschlussstückes „Shallows“ dann so langsam gelegt hatte, waren die Reaktionen nicht selten unisono: man wollte mehr. Mehr. Mehr. Mehr.

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Fotos: Promo / Sonny Malhotra

Und die Vermittlung ebendiesen Gefühls kommt bereits einer Leistung gleich, immerhin machen es Daughter dem Hörer nicht ganz einfach. Denn in der Tat muss der (oder die), der (oder die) tiefer in die Stücke des Londoner Trios eintauchen möchte, eine gehörige Prise endherbstlicher Melancholie in den Herzkammern mit sich herum schleppen. Für all jene, die lieber zu einheitsbreiigen DJs wie Avicii oder Skrillex ihr eigenes Happy-Go-Lucky zelebrieren, wären wohl schon drei Minuten der Daughter’schen vertonten Schwermut zu viel und die Mixtur aus in sich gekehrtem Folk, dezent angebrachtem Post-Rock, scheuem Shoegaze und gefächerten Elektronik-Experimenten nur schwer zu ertragen. Nein, einen Soundtrack fürs vergnügte nihilistische Wochenend-Partyvolk werden Elena Tonra (Gesang, Gitarre), Igor Haefeli (Gitarre) und Remi Aguilella (Schlagzeug) wohl nie liefern.
ffd0e860d82fa4132fde4dfe0665584aDas beweisen die drei nun auch auf ihrem neusten Werk „Not To Disappear„. Als verräterischen Beweis hierfür muss man noch nicht einmal eines der zehn Stücke hören, es reicht ein Blick aufs Cover, für das die Band ein Gemälde der britischen Künstlerin Sarah Shaw auswählte: Nachhimmel, einsame Straßen, von irgendwoher Lichter, die vor dem mutmaßlich benommenen Auge langsam verschwimmen. Es deutet sich an: Tonra und ihre Mannen haben wieder eine Dreiviertelstunde Schwermut im Gepäck.
Passend zum Artwork präsentiert sich da bereits Song Nummer eins, „New Ways“: „Washed out brain / I have a dirty mind / Oh, I need, I need new ways / To waste my time“ – zu schleppend elektronischen Beats schält sich Tora aus den Tiefen irgendeines gottverlassenen Clubs und in die Nacht. „I’ve been trying to stay out / But there’s something in you / I can’t be without / I just need it here / I’m trying to get out / Find a subtle way out / Not to cross myself out / Not to disappear“ – den anderen wollen, ihn vermissen, sich selbst nicht verloren gehen – es sind wieder die ganz großen Herzeleid-Themen, die Daughter bereits in den ersten Minuten anschneiden, bevor das Stück von geradezu sägenden Gitarren seinerseits ins Nachtdunkel geschnitten wird. Ähnlich gestaltet sich auch das darauf folgende „Numbers“, in dem Daughter kühlen Beats Gitarrenakkorde beimischen, zu denen sich alsbald Aguilellas Schlagzeug gesellt, während auch hier der Text erneut Skepsis an einer aufkeimenden Liebe offenbart: „Take the worst situations / Make a worse situation / Follow me home, pretend you / Found somebody to mend you / I feel numb / I feel numb in this kingdom /…/ You better, you better, you better / You better make me / Me better, me better / You better make me better“. Und überhaupt: die Texte. Klar war Vorsteherin Elena Tonra, die anfangs Daughter allein als scheues Folk-Projekt ins Leben rief, bevor 2010 der Schweizer Haefeli und der Franzose Aguilella dazustießen, auch auf den vorhergehenden Veröffentlichungen (das bereits erwähnte Debüt von 2013, dazu drei 2010 beziehungsweise 2011 veröffentlichte EPs sowie die „4AD Sessions EP“ von 2014) nicht als Sonnenscheinchen von Welt bekannt. Dementsprechend setzt sich auf „Not To Disappear“ das höchst melancholische Gefühl fort, das bereits „If You Leave“ zu vermitteln im Stande war. Das umspannende Sujet diesmal: Einsamkeit in all seinen Formen und Nuancen. Sei dies nun dieses mulmige Gefühl zwischen zwei Menschen in einer Beziehung, die sich irgendwann einmal kennengelernt haben, und am Ende doch irgendwo Fremde geblieben sind, während die Liebe längst Klingelstreiche an einer anderen Haustür spielt („How“, „Numbers“, „To Belong“…), oder, wie etwa im vorab veröffentlichten „Doing The Right Thing“ oder in „Mothers“, das einsame Gefühl, welches einen an Alzheimer erkrankten Menschen befällt – besonders herzzerreißend, wenn man weiß, dass Tonra hier aus der Perspektive ihrer Großmutter singt („Then I’ll lose my children / Then I’ll lose my love / Then I’ll sit in silence / Let the picture soak / Out of televisions / Float across the room“ – „Doing The Right Thing“). Neu sind vor allem die direkteren Worte, die die 26-Jährige zum Beispiel im tollen „Alone / With You“ wählt: „I hate living with you / I should get a dog or something / I hate walking with you / Talking to myself is boring conversation / You and I were once friends / Now you’re only an acquaintance“. Doch was zunächst wirkt wie die „Ich hasse dies, ich mag jenes nicht“-Abrechnung mit dem (Ex-)Freund, ist bei genauerem Hinhören die Abrechnung mit ihrem Alter Ego – ein cleverer lyrischer Kniff. Ebenfalls bissig zeigt sich etwa das atemlose „No Care“ mit pumpendem Schlagzeug, bei welchem sich (noch) elektronischere Remix-Neubearbeitungen geradezu aufdrängen, während anderswo, in „To Belong“, bereits die Resignation die Füße hochlegt („Don’t you think we’ll be better off / Without temptation to regress, to fake tenderness / Waiting to see someone we won’t know for long / In cities we’ll only leave /…/ I don’t want to belong“). Hin und hergerissen ist auch der große siebenminütige Quasi-Abschluss „Fossa“, der mal zu ebenso lieblich wie simpel-ehrlichen Zeilen wie „I don’t know you now / But I’m lying here, somehow“ oder „I don’t owe you much / But I miss you so / I’m missing you“ tendiert, mal zum offenen Bekenntnis „I feel alone“ (die Einsamkeit, da ist sie wieder), bevor alles von sich aufbäumenden Gitarren ins Aus gespielt wird (ein hervorragender Abschluss, denn nicht ohne Grund wählt die Band aktuell diesen Song als beendenden Rausschmeißer ihrer Konzerte). Dass Daughter darauf noch das reduziert gehaltene „Made Of Stone“ folgen lassen, mögen wohl nur sie selbst verstehen – immerhin bringt jedoch genau dieses Stück das Album mit der weltweise-versöhnlichen Zeile „You’ll find love, kid, it exists“ zu Ende.

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Während das Trio rein textlich noch immer zur Fraktion der winterlichen Stubenhocker zählen dürfte, hat sich – wohl auch bedingt durch die Tournee zu „If You Leave“ – musikalisch Einiges seit dem Debüt getan. Denn anders als noch auf dem Erstling gehen Daughter auf den zehn neuen Stücken, welches in London entstanden sind und gemeinsam mit Produzent Nicolas Vernhes (Animal Collective, Deerhunter, The War On Drugs) in Brooklyn, New York aufgenommen wurden, deutlich mehr Experimente ein, deren Gesamtergebnis gleichsam breitwandiger und gewohnt fragil klingt. Auf „Not To Disappear“ schaffen Elena Tora und Co. eine winterlich kalte Klanglandschaft, die gleichzeitig beängstigend und einladend wirkt. Präzise Gitarren, verwaschene Synthies, ein wuchtiges Schlagzeug – sie schichten Sounds und Klänge aufeinander und verpacken die Intimität der Texte in einen voluminösen Sound, der Elena Tonras Stimme diesmal mit weniger Hall klarer als noch auf „If You Leave“ in den Vordergrund stellt. Wer einen anderen Vergleich mag: war „If You Leave“ ein Landschaftsbildnis, so ist „Not To Disappear“ der Soundtrack zu den einsamen Nachtstunden in der Großstadt. Das mag einerseits an artverwandte Bands wie The xx erinnern, gleichzeitig aber auch – und das darf man gern als Kompliment verstehen – an ebenfalls mit Emotionen jonglierende Größen wie Sigur Rós. Intensiv bleibt „Not To Disappear“ dabei zu jeder Minute, das zweite Herzschlagfinale wählt jeder selbst.

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Zur filmischen Untermalung des Albums haben sich Daughter mit den britischen Filmemachern Iain Forsyth und Jane Pollard zusammengetan, die man bereits vom großartigen Nick-Cave-Porträt „20,000 Days On Earth“ kennen dürfte. Gemeinsam entstand eine Musikvideo-Trilogie, welche die Stücke „Doing The Right Thing“, „Numbers“ und „How“ verbindet:

 

Hier wiederum kann man sich den Auftritt der Band bei diesjährigen „BBC 6 Music Festival“ ansehen, bei welchem Daughter freilich auch einige Songs von „Not To Disappear“ zum Besten gaben:

Setlist: 
How 
Tomorrow 
Numbers 
Doing the Right Thing 
Smother 
Youth 
New Ways 
Fossa

 

Rock and Roll.

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