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Das Album der Woche


Wolfgang Müller – Die Nacht ist vorbei (2021)

-erschienen bei Fressmann/Indigo-

Dieses eine Album noch, danach ist Schluss… Wirklich. Mit diesem und ganz ähnlichen Gedankengängen plagt sich der Liedermacher (was in diesem Fall deutlich passender erscheint als das neuzeitliche „Singer/Songwriter“) Wolfgang Müller in seiner Wahlheimat Hamburg immer wieder herum, von Jahr zu Jahr, von Veröffentlichung zu Veröffentlichung. “Konzerte sind für ihn der Horror, Stichwort Sozialstress, und er ist ungefähr so gefallsüchtig wie eine Buche im Wald, also nicht so sehr”, berichtet etwa der Pressetext. Glaubt man also den Informationen, die aus dem Hause des bescheidenen Musikers nach außen dringen, so ist jedes Album eine Anstrengung, ein ungeheurer Haufen Arbeit, ein wahrer Koloss an Selbstüberwindung. Sicher, kaum einem kunstschaffenden Menschen, der heutzutage noch Wert auf Anspruch, Aussagen und Tiefgang legt, fällt das Endergebnis locker-flockig aus Hand, Herz und Hirn. Was dennoch ausgesprochen verblüffend ist: Auch „Die Nacht ist vorbei„, seines Zeichens bereits Müllers sechstes Album, trägt nun keinesfalls die Last des kreativen Prozesses mit sich herum, sondern kommt mit faszinierender Leichtigkeit daher. Im Grunde also alles wie gehabt: Eine Reihe durchaus starker Alben erfährt (s)eine souveräne Fortsetzung.

Wolfgang Müller – so unspektakulär und alltäglich und nichtssagend sein Name, so außergewöhnlich und anrührend ist seine Musik. Wohl auch aufgrund der Tatsache, dass er nie großes Bohei um seine Songs macht, ist der 46-jährige Wahl-Hanseat (der übrigens keineswegs mit diesem Künstler selben Allerweltsnamens verwechselt werden sollte) noch immer irgendwie der große Unbekannte unter den besten deutschen Künstlern in diesem musikalischen Segment. Dennoch durfte er sich selbst vom „Stern“ schon ein feines, verdientes Lob abholen: „Solche Texte – klug, versonnen, konzentriert – sind ganz, ganz selten in Deutschland zu hören.“

Große Richtungswechsel braucht man auch auf „Die Nacht ist vorbei“ nicht erwarten, während sich Müller auf seinem neuesten Werk mit gewohnt warmer Stimme und charakteristischer Manier einmal mehr auf intime kleine Momente und (Zwischen)Töne fokussiert. Mit absolut zurückgenommener Instrumentierung aus Akustikgitarre, Klavier und ein wenig Beat-Rhythmus setzt er seine tiefsinnigen Texte in Szene und strickt eine „nur“ halbstündige Ode an die musikalische Schönheit („leider“ möchte man nachsetzen, denn diese zehn Stücke sind so schön, dass man gern noch den ein oder anderen Nachschlag genommen hätte). Wolfgang Müller ist damit ein Liedermacher im besten Sinne, in bester Tradition von Reinhard Mey, Gisbert zu Knyphausen, Moritz Krämer und Co.: Seine Stimme ist über jeden Zweifel erhaben, seine Songs mögen sich zwar nicht aufdrängen, überzeugen jedoch in Sachen Komposition ebenso wie im Hinblick auf die feinsinnige Lyrik. Müller geht es um die große Unsicherheit, die in Zeilen wie „Ich werde wissen, was ich will / Sobald ich weiß, worum es geht“ zum Ausdruck kommt, um das Erkunden der eigenen Rolle in der Welt, was in „Ein Teil von mir lebt in der stillen Hoffnung / Auf ein Leben ohne Selbstbeteiligung“ durchscheint, oder um den Umgang mit Tugenden: „Ein neues Wort für Hoffnung / Wär‘ vielleicht Geduld“. Geduld, die in unseren gleichsam rast- wie ratlosen Zeiten im Grunde immer weniger angesagt ist… En vouge? Ist hier mal nix – ist das scheint auch ganz gut so. Dennoch ist gerade diese Zeile so aktuell und wichtig wie nie.

Ein paar ungewohnte Sachen gibt’s trotzdem zu hören. In “Verschwinden” versucht Wolfgang Müller es dann mit Sprechgesang und baut in seine Texte gar das “Kaugummisilberpapier” ein – geistreich und sympathisch. “Da ist ein See mitten im Wald, den keiner kennt außer uns beiden”, heißt es im Anschlussstück herrlich verschwörerisch, bevor das Hauptthema von “Die Nacht ist vorbei” vor allem im ebenso tollen wie mit nicht einmal zwei Minuten recht kurzen Titelsong vorbei zieht: Die Hoffnung (oder wie auch immer sie gerade genannt werden mag), die in jeder Rührung spürbar gerät. In “Wolken” geht es um die Hamburger Heimat, “Sag Ja” ist eine wunderschöne Liebeserklärung und “Blauwasser” setzt noch einmal zu einem Metaphern-Feuerwerk an, bevor sich das Album seinem Ende nähert.

Mit „Die Nacht ist vorbei“ hat Wolfgang Müller, der in der Vergangenheit unter anderem auch als Initiator der wunderbaren Kinderlieder-Alben-Reihe „Unter meinem Bett“ in Erscheinung trat und sich auf seiner Facebook-Seite regelmäßig und mit Verve zu gesellschaftlichen Themen äußert, 14 Jahre nach dem Debüt-Langspieler „In der Zwischenzeit“ ein neues liebevolles Stück Musik in die Welt gesetzt. Eine halbe Stunde voller Poesie, voller Leidenschaft für das, was er am besten kann: sehr gute Songs schreiben. Es ist ein Album, das man jedem Liebhaber handgemachter Tonkunst unter den Weihnachtsbaum legen oder einfach zwischendurch mal schenken möchte, ja: sollte. Denn eine größere Zuhörerschaft hätte der gebürtige Limburger, der an der Elbe Album um Album an der Perfektion feilt, allemal verdient. Ein Großer ist er, nur eben auch weiterhin – zu unrecht – ein großer Unbekannter.

Die gute Nachricht zum Schluss: Nach diesem Album hat Wolfgang Müller explizit betont, dass mindestens ein weiteres folgen soll. Auch wenn man freilich ahnt, wie viel Arbeit, Schweiß und Zweifel er dafür wieder aufwenden wird und auch wenn jedem Freund seiner Musik klar ist, dass er dann erneut allerlei Künstlerqualen leiden, ganz viel verwerfen, neu beginnen und schließlich bis an die Grenze zum eigenen Wahnsinn hinab steigen wird: einfach machen, Wolfgang Müller – wir hören gern weiter zu. Solche Musik braucht’s in ebensolchen oft genug tristen Wintertagen wie die warme Jacke und die dampfende Tasse Tee.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche



Biffy Clyro – The Myth Of Happily Ever After (2021)

-erschienen bei 14th Floor/Warner-

Dieses Album hätte es eigentlich nicht geben sollen. Zumindest nicht in dieser Form, als einen weiteren vollwertigen, krachenden, fordernden Biffy Clyro-Langspieler – nur 14 Monate nach dem üppigen „A Celebration Of Endings„. In Ermangelung der üblichen Welttour auf den Schwingen des neunten (regulären) Studioalbums hockten Simon Neil sowie die Johnston-Zwillinge James und Ben im Herbst 2020 wieder in ihrem Proberaum auf einer Farm in Ayrshire, irgendwo im schottischen Nirgendwo. Songwriting als Zeitvertreib. Während Tagen, Wochen und Monaten, in denen das mit dem In-die-Ferne-Schweifen eben nur mittelgut klappte, lag das Gute, das einzig Richtige für ein kreatives Dreiergespann wie Biffy Clyro, einfach umso näher. Flugs rüsteten sie ihren Probeschuppen gemütlich zum Aufnahmestudio um und drückten mal hier, mal da auf „Record“ – nicht einmal ihr Label soll allzu viel davon gewusst haben. Und so war es – unterbrochen von den während des Corona-Lockdowns beinahe obligatorischen Wohnzimmer-Livestreams sowie einer Ohne-Publikum-Live-Aufführung im Glasgower Barrowland Ballroom (welche dem neuen Album nun als zweite Scheibe beiliegt) – alsbald einfach fertig, das Schwesternalbum zu „A Celebration Of Endings„. Und das erste, welches „Mon The Biff!“ in unmittelbarer Heimatnähe aufgenommen haben. Ob es nach so wenig Zeit, die währenddessen ins Land gezogen ist, schon wieder genug Geschichten zu vertonen gab? Oder wurde von Simon Neil und Co. einfach flugs die kreative Resterampe entladen? Obwohl „Ausschuss“ ja mal so gar nix bedeuten muss bei diesen drei Scottish Lads

Fotos: Promo / Kevin J. Thomson

Überhaupt haben B-Seiten-Veröffentlichungen ja fast schon Tradition im Hause Clyro: Bei „Puzzle“ hieß es „Missing Pieces“, „Only Revolutions“ hatte seine „Lonely Revolutions“ und „Opposites“ natürlich „Similarities“. Bis auf die komplementären Titel meist ein bunt zusammengewürfelter Haufen an Restideen, zwar ohne roten Faden, aber trotzdem immer wieder mit so einigen versteckten Songperlen. Es verwundert trotzdem wenig, dass „The Myth Of The Happily Ever After“ das Spiel nicht nur nicht mit, sondern noch ein ganzes Stück weiter spielt…

Freilich nehmen schon Titel und Artwork direkten Bezug auf den Vorgänger: wurde gerade noch das Ende gefeiert, wird nun – ganz schottisch, ganz nonchalant und bodenständig – die Mär vom „Auf immer und ewig“ entmystifiziert. Märchen? Sind gerade aus – sorry not sorry, for fuck’s sake. Diesmal sollte es jedoch ein gleichwertiges Brüderchen sein anstatt einer B-Seiten-Kollektion oder einem als Soundtrack getarnten Album wie „Balance, Not Symmetry„, das damals – glücklicherweise – den doch etwas fremdelnden Pop von „Ellipsis“ weitgehend rausbügelte. Und so besinnt sich „The Myth Of The Happily Ever After“ – mehr sogar noch als „A Celebration Of Endings“ – darauf, was Biffy Clyro ursprünglich einmal groß machte: die Verbindung von sinistrer Verstörung und derbem Krach mit zauberhaften Himmelsstürmer-Melodiepassagen. GitarreSchlagzeugBass, ein scheinbar endloser Quell an Hard Rock-, Metal- und Prog-Riffs, Mut zu Rückschritten und zu ungehörten Experimenten – in ihren besten Momenten führen die neuen Songs das Trio in ihrer Stadionrock-Phase endgültig in die passende Spur.

Nur um gar nicht erst falsche Hoffnungen zu wecken – es ist nicht so, dass diese elf Stücke so komplex und wendig daher brettern wie zu Zeiten von „The Vertigo Of Bliss“ oder „Infinity Land“ (die beide schon fast zwei Dekaden zurückliegen). Aber schon die famose Single „A Hunger In Your Haunt“ zeigt, dass auch ein waschechter Hit eine Prise Geschrei und eine unüblich sperrige Coda vertragen kann. Damit wird die Behauptung „This is how we fuck it from the start“ aus dem sphärischen Opener „DumDum“ natürlich, je nach sinnbildlicher Bedeutung, Lügen gestraft oder wahr gemacht. „Denier“ traut sich noch einen Schuss mehr Melodie, zieht mit voller Wucht nach vorn und verdichtet den Sound auf tolle Weise. Endgültig im Bandolymp kommt die Platte daraufhin wohlmöglich mit „Separate Missions“ an. Das scharfe Kreischen, welches die Strophen durchzieht, kontrastiert sich auf wunderbare Art mit dem schönen Falsettrefrain, den Simon Neil zu anmutigen Achtziger-Synths und Gitarrenspuren aufs Parkett legt – im Grunde ist gerade dieser Song wie prädestiniert dafür, eines der zahlreichen Cover der Landsleute von CHVRCHES zu werden.

Und Langeweile kam wohl wenig auf im Biffy’schen Lockdown-Studio, denn „The Myth Of The Happily Ever After“ lässt sich auch nach diesem geradezu sensationellen Beginn höchst ungern festnageln. Grundsätzlich gerät die Produktion massiv, die wuchtigen Parts drücken, aber eindimensional auf dicke Hose macht hier so gar nichts. So gibt das pompöse Gebläse von „Witch’s Cup“ immer wieder einen sensiblen Kern frei und schwankt gekonnt zwischen den Extremen. Wer außerdem bei „Holy Water“ oder „Haru Urara“ schon großzügige Entspannungspausen vermutet, darf sich von überraschenden, teils brutalen Abschlüssen die Matte wegföhnen lassen. „Unknown Male 01“, die traurige Ode an einen früheren, zu früh verstorbenen Wegbegleiter, breitet sich episch aus. „Step out to the unknown / I’ll catch you on the way down“, singt Neil, bevor der Song nach gut zwei Minuten loszetert. Auch hier steigert sich das Stück wie in einen finalen Rausch hinein – ein Kniff, der auf „The Myth Of The Happily Ever After“ einmal mehr durchaus Methode hat.

Dennoch bewegt sich das schottische Dreiergespann ein wenig weg vom Modus Operandi früherer Platten. So ist „Existed“ tatsächlich das einzige Mal, dass auf dem Album ungehindert das Wort „Ballade“ fallen darf. Synth und Drumbeat sorgen zwar nicht für ein Highlight, aber es toppt als hübsche Auflockerung vergangene Versuche wie „Re-arrange“ oder „Space“ (das zwar keineswegs schlecht war, aber eben auch eine Überdosis Schmonz in petto hatte) mit links. Und letztlich braucht es ein Gegenstück zu dem, was Biffy Clyro im abschließenden „Slurpy Slurpy Sleep Sleep“ da abfackeln. Wer noch „Cop Syrup“ vom Vorgänger oder „In The Name Of The Wee Man“, den „Ellipsis“-Abschluss der Herzen (da lediglich auf der Deluxe Edition vorhanden), im Gedächtnis hat, darf sich hier neue Verkabelung abholen. Vocoderstimmen wiederholen den Titel als Mantra, und unvermittelt setzt ein Gewitter ein, das zu den härtesten Momenten der Band gehört und schon jetzt mächtig Böcke auf dessen Live-Umsetzung macht. Ehrensache, dass der melodische Mittelteil Zeit zum Luftholen lässt, bis das Grande Finale noch eine Schippe drauflegt, lauter und lauter wird und schließlich mit heller Flamme verglüht. Eine sechsminütige Noise-Orgie, die nicht nur galant den Bogen zum Albumvorgänger schlägt, sondern auch flott alles an Härte in die Tasche steckt, was die Schotten in den letzten 15 Jahren fabriziert haben. „There’s a mystery at large / And the story should be beautiful / We’re just another species to explode / I’m ready to explode“, heißt es vier Songs vorher in „Errors In The History Of God“. Schönheit und Explosion – einfach bei Biffy Clyro nachfragen, wie das bestens unter einen Karomuster-Hut geht.

Nur schlüssig ist es da, dass auch das Thematische in die Zahnräder des Musikalischen greift. War „A Celebration Of Endings“ noch ein verhältnismäßig optimistischer Prä-Pandemie-Kicker, haut das zum Lockdown-Höhepunkt geschriebene neue Werk ziemlich verbittert die Fensterläden zu und versperrt mit sechs Fuß Abstand nicht nur den Blick auf die schottische Einöde, sondern auch auf so manche geschürte Hoffnung. „I will ignore / The bodies piled up on the floor“ lamentiert Simon Neil etwa im Opener „DumDum“ über die Auswirkungen der weltweiten Hilflosigkeit in der letztjährigen Pandemiebekämpfung, während der schwer stampfende Groove rund um ihn immer mehr Lücken füllt, bis die Soundwand zu einem Ungetüm heranwächst, das wohl selbst den alten Hadrian begeistert hätte. Klar, der größte Optimist war der bärtige 42-jährige Frontmann zwar nie, aber Corona hat ihm sichtlich ein paar weitere Taschen in seinen mentalen Mantel genäht, aus denen Simon Neil sich hier breitwillig bedient. Wie geht man um, mit der plötzlichen Isolation, dem Kollaps des Alltags, dem Tod und dem Leben danach? Davon erzählt nicht nur „Unknown Male 01“, jenes zur Tränen rührende Tribute an Frightened Rabbit-Kopf Scott Hutchison, sondern auch „Haru Urara“. Bei dem seltsam anmutenden Songtitel handelt es sich um ein japanisches Rennpferd, welches über einhundert Rennen verlor und deshalb zu einem Schlachter gebracht werden sollte. Glücklicherweise setzte sich jedoch der Trainer für den armen Gaul ein, der von (s)einem Ende als Sauerbraten verschont blieb. Trotz der Niederlagen gab man nie auf und das Pferd erreichte schlussendlich sogar weltweite Popularität. Fall und Aufstieg, Enden und Anfänge – nichts kann eben ohne dessen Gegenpart existieren. Und ließ einen die Band auf dem Vorgänger noch mit gezücktem Mittelfinger und lautstarken „Fuck everybody“ zurück, bittet das neue Album nach der ganzen Aufregung noch einmal um Versöhnung: „Don’t waste your time / Love everybody„. Carpe diem, you fuckheads.

Auch auf „The Myth Of The Happily Ever After“ haben Biffy Clyro – gerade mit solchen Themen im Gepäck – keine seichten musikalischen Rinnsale, sondern kraftvolle Wellenbrecher zusammengezimmert. Zwischen Krach und Kitsch, seit jeher die beiden Achsen im musikalischen Oeuvre, fahren die Schotten anno 2021 mit ordentlich Experimentierfreude im Anhänger noch viel öfter Schlitten, oft und gern mehrmals pro Song. Dass das nicht zum klanglichen Haggis wird, zeugt von der langjährig gestählten Kraft dieser Band im Songwriting und deren nahezu blindem Verständnis füreinander. Die Zeiten mögen ein stückweit unberechenbar sein, auf „Mon The Biff“ ist einfach Verlass.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Dooms Children – Dooms Children (2021)

-erschienen bei Dine Alone Records-

Wade MacNeil ist hauptberuflich dritte Stimme und zweiter Gitarrist bei der kanadischen Post-Hardcore-Band Alexisonfire. Da es bei denen in den vergangenen Jahren eher ruhig war, hatte MacNeil ausreichend Zeit, um sich anderweitig auszutoben. So gründete er 2008 die Punk-Band Black Lungs und wurde 2012 Sänger der britischen Hardcore-Punker Gallows. Noch nicht umtriebig genug? Scheint ganz so, denn der 37-jährige Musiker trat zudem als Gast bei Bands wie Anti-Flag, Cancer Bats oder Bedouin Soundclash in Erscheinung und arbeitete nebenbei an Film- und Game-Scores.

Trotz all der vielen kreativen Hochzeiten erlebte MacNeil 2019 ein depressives Tief. „Ich dachte immerzu daran: ‚Wenn ich nur den heutigen Tag hinter mich bringe, fühle ich mich morgen vielleicht schon besser.‘ Ich musste mich mit einem Trauma rumschlagen und damit, dass die Dinge um ich herum auseinanderfielen. Ich wollte einfach nur woanders sein, irgendwo, um meiner Realität zu entfliehen.“

Kaum verwunderlich, dass ausgerechnet die Musik ihm eine Flucht bot. So begann er am Höhepunkt im Kampf mit seinen inneren Dämonen, neue Songs zu schreiben. Er finalisierte sie nüchtern in den Wochen in einer Entzugsanstalt und während er bei seiner Familie in St. Catherines, Ontario verweilte, die ihm dabei half, wieder zu sich selbst zu finden. Das Ergebnis ist Dooms Children sowie das selbstbetitelte Debütalbum, welches er unter ebenjenem Namen aufgenommen hat. Dass die darauf enthaltenen elf Songs ganz anders als die seiner Hardcore-Bands tönen, hat einen einfachen Grund: „Ich war zu der Zeit in einer tiefen Depression und konnte so etwas wie Punk, Rap oder irgendwas Aggressives nicht hören. Ich hatte genug Chaos in meinem eigenen Leben und konnte das nicht auch noch als Soundtrack gebrauchen.“

So entdeckte MacNeil während der Zeit in Therapie Klassiker-Größen wie etwa Grateful Dead für sich. Wohl auch deshalb sei die Platte das „am wenigsten aggressive Ding“, das er je veröffentlicht hat. Und diese Einschätzung bestätigt bereits „Flower Moon“ fast zu Beginn des Albums. Der beinahe sechsminütige Song, in dessen Musikvideo man übrigens Team-Canada-Skateboarderin Anna Guglia durch die Straßen von Montreal fahren sieht, ist zwar Universen von kitschiger Einheitspopmusik entfernt, legt dafür aber mit atmosphärisch heulenden Gitarren und Orgel los, um sich danach mit gedoppelten oder gar getrippelten Gitarren aufzubäumen – ganz so, wie man es von den Allman Brothers oder Lynyrd Skynyrd kennt und liebt. Überhaupt: Das Stück erinnert wohl nicht von ungefähr stark an Skynyrds grandioses „Simple Man“, das sich einst auch die Deftones vorgeknöpft haben.

Foto: Promo / Rashad Bedeir

„Es ist eine Platte über mein Leben, das auseinander fällt, und den Versuch, die Scherben aufzusammeln. Sie handelt vom Verlust der Liebe, von Sucht und davon, nachts wach zu liegen und sich zu fragen, ob man jede Entscheidung im Leben falsch getroffen hat“, so Wade MacNeil. Kaum verwunderlich also, dass der in Hamilton, Ontario beheimatete Musiker auch im melodischen Southern-Rock-Song „Psyche Hospital Blues“ ebendiese großen Gefühle mit seiner gewohnt rauen Stimme besingt – und, dem ernsten Thema zum Trotz, durchaus Humor beweist: Im dazugehörigen Musikvideo nimmt er das Klischee vom „harten Rocker“ aufs Korn und stellt dieses mit der Verletzlichkeit seiner Textzeilen in Kontrast.

„Ich habe es geschafft, viel von mir selbst in diese Platte zu packen – eine Menge Schmerz und eine Menge Hoffnung. Ich war nie offener und ehrlicher, und ich glaube, dass das nicht nur in den Texten durchkommt, sondern auch in der Musik.“ (Wade MacNeil)

Alles in allem lassen einen die 55 Minuten des Dooms Children-Debüts, welches gemeinsam mit Tausendsassa Daniel Romano, der zwischen Country und Punk in den vergangenen anderthalb Jahren elf (!) Platten veröffentlicht hat, dessen Bruder Ian, Multiinstrumentalist und vornehmlich Schlagzeuger, sowie dem aus Montreal stammenden Gitarristen Patrick Bennett entstand, ohne große Umschweife in lyrisch zwar recht düstere und bedrückende, musikalische dafür umso schönere, häufig ruhige und gefühlvolle Indie-Musik eintauchen, die – abseits von dessen gewohnten Hardcore-Aktivitäten – schlicht perfekt zu MacNeils Stimme passt. Ein bisschen verraucht, aber nicht zu dreckig, sehr besonders, sehr berührend, ebenso nachdenklich wie aufrichtig. Prosaische Zeitgeister mögen es wohl als ein Album des Bedauerns und der Erlösung, ein Album als Musik gewordene Bitte um neue Perspektiven und eine zweite Chance beschreiben. Dazu lässt MacNeil immer wieder Psychedelic Rock sowie Folk der Sechziger und Siebziger in seine Songs einfließen (und liefert, passend dazu, direkt eine wunderbare Version des Grateful Dead-Evergreens „Friend Of The Devil“ ab) und zockt obendrauf auch noch das sensationelle „Morningstar“. Man könnte es progressiven Blues nennen. Oder einfach: Dooms Children.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Samia – The Baby (2020)

-erschienen bei Grand Jury/Membran-

Erwachsenwerden ist meist eine recht heikle Angelegenheit. Und freilich machen die Irrungen und Wirrungen der Adoleszenz auch vor zwischen Los Angeles und New York aufgewachsenen Töchtern von Hollywood-Schauspieler*innen keinen Halt. Gut, Samia Finnerty wird es, dank Vater Dan und Mutter Kathy Najimy finanziell abgesichert und mit einem angeborenen Fuß in der Unterhaltungsbranche (zumal ihr Vater als Schauspieler, Comedian und Musiker gleich mehrere kreative Standbeine besitzt), wohl durchaus etwas einfacher gehabt haben als viele ihrer Altersgenossinnen. Dennoch plagt auch sie sich mit klassen- und herkunftsübergreifenden Universalien herum: mit Selbstzweifeln, angeknacksten Herzen und nicht zuletzt einer gesellschaftlich immer noch präsenten Misogynie. All die Dinge eben, vor denen man sich in manch banger Minute so hilflos und verletzlich vorkommt, als wäre man auch mit Anfang Zwanzig noch „The Baby„. Davon singt Samia auf ihrem passend betitelten, bereits im vergangenen Jahr erschienenen Debütalbum, aber sie jammert nicht. Das wird schon musikalisch deutlich, wenn sie ihre folkigen Singer/Songwriter-Gerüste mit dem ein oder anderen großen Pop-Hook sowie einer warmen Spätsommerstimmung ausstattet. Die Produktion der elf Songs gönnt sich trotz aller Subtilität flexible Texturen und auch die Stimme der mittlerweile 24-Jährigen sprüht voller Leben ­– sie bebt vor den in alle Richtungen schießenden Emotionen, wechselt beständig den Tonfall, flüstert zurückhaltend, schreit theatralisch. Großes Kino, das ihr wohl die guten Gene in die Wiege gelegt haben.

Fotos: Promo / Muriel Margaret

Im Kontrast zu seiner akustischen Vitalität wird „The Baby“ thematisch jedoch von Gevatter Tod umrahmt. So beginnt „Pool“ mit der letzten Sprachnachricht, die Samia von ihrer verstorbenen Großmutter erhielt, ehe die Enkelin selbst vor ihren Bindungsängsten zu kollabieren droht: „Are my legs going to last? / Is it too much to ask?“. Stilistisch ist dieser mysteriöse Ambient-Strudel zwar keineswegs repräsentativ für den Rest der Platte, wohl aber in seiner rohen Intimität, die das Hörerlebnis fast schon voyeuristisch geraten lässt. Und als würde sie hier mitlesen, entblättert sich die Protagonistin im selbstbewussten Indie Pop von „Fit N Full“ wörtlich – auch wenn sich ihr Striptease im Restaurant eher als surreale Kritik am vor allem in der Scheinheiligkeit der „Traumfabrik“ vorherrschenden Fitnesswahn deuten lässt. Etwas unaufgeregter, jedoch kaum weniger catchy groovt das tolle, mit einer Ethereal-Wave-Patina und nonchalanter Unaufgeregtheit ausgestattete „Big Wheel“ um rissige Beziehungen – und beweist dabei auch Samias Sinn für Selbstironie: „God, I’m really gonna blow with all this empathetic shit“. Noch mehr empathischen Scheiß gibt es im unsicheren „Triptych“ und im sexuell expliziten „Limbo Bitch“, das lauwarm trällernde Pop-Stimmchen wie Ariana Grande wohl nur allzu gern auf dem Studiopult liegen gehabt hätten. Und wo wir gerade bei Referenzen sind: Als Ganzes ist „The Baby“ mit einem vergleichbaren Maß an Indie-Pop-Kredibilität ausgestattet wie der 2019er Debütlangspieler der unter ähnlich begünstigten Umständen aufgewachsenen Billie Eilish. Geeint wird Samias kurzweiliger 36-minütiger Ausflug in so unterschiedliche Winkel des jungen Erwachsenenlebens von ihrer stets sympathisch ungefilterten Offenheit, den eingängigen Melodien sowie kleinen Reizpunkten in Form von Synthies oder Bläsern.

Und: „The Baby“ funktioniert auch in seinen getragensten Momenten. Mit sanften Gitarrenanschlägen und einem beständigen Rhythmus bohrt sich etwa „Stellate“ immer tiefer in eine inspiriert bebilderte, gescheiterte Liebe. Das folkig zu subtilen Bläsern gezupfte, fragil-schöne „Does Not Heal“ doppelt metaphorische mit tatsächlichen Wunden, lässt die aufgeschnittene, gelb-violett zusammenwachsende Haut fast plastisch erscheinen. Kurz vor Schluss gönnt sich das Album zwei musikalische Ausreißer – den pluckernden Synthie-Minimalismus von „Winnebago“ und den souligen Piano-Stampfer „Minnesota“ –, ehe im krönenden Americana-Anschluss schließlich alle juvenilen Dämme brechen: Nur von einer Akustischen begleitet erzählt das flehende „Is There Something In The Movies?“ von der 2009 tragisch verstorbenen Schauspielerin Brittany Murphy, einer Freundin der Familie Finnerty, die der kleinen Samia einst ein Stofftier schenkte. „Everyone dies but they shouldn’t die young“, brüllt die Trauernde voller Inbrunst und bringt mit diesem Tribut und Abgesang an die kindliche Unschuld jeden noch so verdorrten Tränenkanal zum Platzen. Manchmal werden die Babies eben auch in den besten Häusern schneller groß, als man es ihnen zutraut.

Selbst in seinen leersten Metern überzeugt „The Baby“ mindestens mit (s)einer kecken Liebenswürdigkeit, deren Beiläufigkeit immer auch etwas Gefällig-schmissiges, wenngleich – soviel Kritik sei erlaubt – kaum wirklich Nachhaltiges transportiert – alles am Ende jedoch Kinderkrankheiten, die auch ohne den entsprechenden Albumtitel keine Probleme darstellen würden, einfach weil das Album lyrisch grundsätzlich universelle Themen behandelt – ein Film wie „Clueless“ (um noch einmal eine verbindende Brücke zu Brittany Murphy zu schlagen) funktionierte Mitte der Neunziger ja schließlich auch durch alle Klassen des Publikums. Samias Coming-of-Age-Talentprobe hat seinerseits genug Qualitäten um noch zu wachsen, genug Charisma, um über zwei Sommer hinaus zu betören und genug Potential, um zukünftig kein Wort mehr über die familiären Background der Urheberin zu verlieren.

(Übrigens hat Samia in der Zwischenzeit veröffentlichungstechnisch bereits mehrfach nachgelegt: So erschien im Juli diesen Jahres die „Scout EP„, deren vier neue Songs sich qualitativ keineswegs hinter denen von „The Baby“ verstecken brauchen. Für Dezember ist mit „Before The Baby“ eine Sammlung von Singles, welche vor dem Langspieldebüt erschienen, abgekündigt, welche man via Bandcamp bereits hören kann. Und dass die Newcomerin bereits so einige Fans unter US-Indie-Musikern hat, beweist das im Januar veröffentlichte „The Baby Reimagined„, auf dem Künstler wie Bartees Strange, Christian Lee Hudson oder Charlie Hickey die Songs des Albums auf ihre Weise neu interpretieren.)

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Moritz Krämer – Die traurigen Hummer (2021)

erschienen bei Tapete/Indigo-

Als Bob Dylan 2016 den Nobelpreis für Literatur gewann, setzte eine muntere Diskussion über den Sinn oder Unsinn dieser Entscheidung ein. Ein Musiker erhält die höchstmögliche Auszeichnung in der Welt des geschriebenen Wortes? Freilich mag diese Ehrung im Fall von His Bobness – je nachdem, wie tief man bisher ins reichhaltige Schaffen der Singer/Songwriter-Legende eingetaucht ist, je nachdem, wie fest die Fanbrille sitzen mag – durchaus verdient sein, mindestens ungewöhnlich war sie dennoch. Spinnt man die Idee ein wenig weiter und denkt über deutschsprachige Interpretinnen und Interpreten nach, die für einen Literaturpreis infrage kommen, dann dürften rasch Namen wie etwa Gisbert zu Knyphausen, Niels Frevert, Tom Liwa oder Sven Regener fallen. Wobei: Regener? Der hauptberufliche Frontmann von Element Of Crime stellt ohnehin einen Sonderfall dar, denn abseits seines anerkannt fulminanten musikalischen Outputs hat er sich über die Jahre auch einen Ruf als exzellenter Schriftsteller erworben und (s)einen eigenen popkulturellen Kosmos erschlossen – man denke nur an „Herr Lehmann“. Neben einigen anderen mehr sollte einer jedoch keineswegs vergessen werden: Moritz Krämer. Der legt mit „Die traurigen Hummer“ nun sein drittes Soloalbum vor und begeistert darauf nicht nur mit wunderbaren Songs, sondern eben auch einmal mehr mit herausragenden Texten.

Foto: Promo / Max Zerrahn

Krämer, normalerweise als ein Viertel der Indiepopper von Die Höchste Eisenbahn künstlerisch ordentlich ausgelastet, hatte 2011 mit „Wir können nix dafür“ ein durch und durch entzückendes Debüt veröffentlicht und 2018 sowie 2019 sein Doppelalbum „Ich hab einen Vertrag unterschrieben 1 & 2“ folgen lassen. Während beim Erstling der Funke dank einer Platte voll wundersamer Stadt-Land-Fluss-Beobachtungen am Abgrund sofort übersprang, benötigte sein zweites Werk einige Durchläufe, um zu zünden – was wohl auch daran liegen mochte, dass dieser Konzeptalbum gewordene musikalische Aufruf zum Widerstand gegen die Selbstausbeutung mit all seinen Liebe-und-Business-Reflexionen und Meta-Ebenen tatsächlich nach den Aufnahmen zu „Die traurigen Hummer“ entstand, einfach weil noch Zeit im Studio übrig war. Liest sich eigenartig? Ist aber so. Von daher: Herzlich willkommen in der herrlich verqueren Gedankenwelt von Moritz Krämer!

2021 macht der 41-jährige gebürtige Schweizer, der im Hochschwarzwald aufwuchs und einst ins wuselige Berlin kam, um Regisseur zu werden (und dieses Vorhaben in der Vergangenheit, abseits vom Musikalischen, auch bereits mit einigen Kurz- und Indie-Filmchen umgesetzt hat), es der geneigten Hörerschaft wieder deutlich einfacher. Die zehn neuen alten Songs gehen sofort ins Ohr, machen es sich dort gemütlich und gehen auch so schnell nicht mehr fort – ist ja Herbst, wer will bei dem Schmuddelwetter noch vor die Tür? Über die Spieldauer von rund vierzig Minuten ist es dabei insbesondere dieser charakteristische Tonfall, der den Sänger so einzigartig macht und einen Zeile für Zeile, Strophe für Strophe tiefer hineinzieht in diese ursympathische Form der musikalischen Darbietung. In der Wörter sich immer mal wieder soaneinanderschmiegendasssieganzohneleerzeichen gesungen, nein: weggenuschelt werden. Denn eben das beherrscht Moritz Krämer wie fast kein Zweiter: Nuschelliteratur. Auch wenn es in dieser nur am Rande um melancholische Schalentiere gehen mag…

„Viele sind immer im Urlaub / Viele schreiben ihren Roman / Viele kriegen gerade Kinder, kommen endlich an / Viele laufen jeden Tag / Viele in Paris, für Prada / Viele kaufen Bitcoins / Ich lieg‘ im Bett mit Kater…“ (aus „Rhythmus“)

Inhaltlich unternimmt der kreative Tausendsassa lakonische Ausflüge in allzu alltägliche, allzu menschliche Bereiche des Daseins, parliert über Versagensängste („Auffliegen“), den lieben Nachwuchs („Finster“), Gegenentwürfe zur heutigen Wegwerfgesellschaft (Verlieren“), über Depressionen und Eleganz („Schwarzes Licht“), über Verlust, Tod und Austauschbarkeit („Austauschbar“), über den Optimierungs- und Leistungsdruck der Freizeitgesellschaft („Rhythmus“), über Schuld und Unschuld, Pech und Glück sowie alle Graustufen dazwischen („Jeder muss gucken wo er bleibt“) oder die Flucht aus der Stadt („Jetzt“). Und immer wieder sind da feine und feinsinnige Texte wie im Auftaktstück „Nackt und einsam“, in dem er singt: „Deine Synapsen sind träge / Und du lachst ohne Grund / Wenn das deine Krankheit sein soll / Werd‘ bitte nie mehr gesund, nie wieder“. Klare Gedanken, diffuse Ängste, immanente Zweifel und sanfte Hoffnungen: Mitten aus dem Leben, das selten nur direkte Verbindungen kennt, kommen Krämers zeitlose Geschichten auf der Höhe des Zeitgeists, eben weil er konkrete und persönliche Geschichten abstrakt zu verpacken weiß. Manchmal, wie in „Beweisen“, besitzen sie gar die erzählerische Dichte eines Romans, immer wohnt ihnen eine sanfte, gen Optimismus gerichtete Melancholie inne. Diese Bilder, diese Sätze und Gedanken: „Ich war da, ich hab’ mich für irgendwas zurechtgemacht, was dann gar nicht kam“ – kaum vorstellbar, aber Krämer macht daraus eine der besten Popzeilen des Jahres. Ein Glücksfall für den zurückhaltend auftretenden, abseits der Bühne meist recht scheuen Sänger ist übrigens die Band, die er für das Album um sich herum gruppiert hat, denn Hanno Stick am Schlagzeug, Alex Binder am Bass und Andi Fins an den Tasten setzen die Ideen Krämers ebenso pointiert wie pfiffig um. Weitere Gastmusiker fügen sich souverän ein, auch das Duett mit Larissa Pesch in „Schwarzes Licht“ reiht sich nahtlos ein in diesen starken Songreigen, der häufig weitaus fröhlicher ausfällt, als es die Inhalte hergegeben hätten.

Jenseits seiner Solo-Aktivitäten hat Moritz Krämer mit Die Höchste Eisenbahn seit nunmehr drei Alben eine zusätzliche musikalische Heimat gefunden, die zu ihm und seinen Stärken uneingeschränkt passt, schließlich stimmt auch dort oft genug die Mischung aus Ideen, Texten und künstlerischer Freiheit. Dennoch beweist der kauzige Indiepop-Troudabour mit „Die traurigen Hummer“ einmal mehr deutlich, dass man sein Solo-Schaffen keinesfalls außer Acht lassen sollte. Denn dieser Mann, der so offenkundig ungerne im Mittelpunkt steht, hat sich mit seiner Klasse, die völlig frei von Prätentiösität, Muskeln, Lack und Fassade im Raum steht, das Rampenlicht überaus verdient. Auch, wenn er wohl ohne Literaturpreis leben müssen wird…

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Christopher Paul Stelling – Forgiving It All (2021)

-erschienen bei Tone Tree Music-

Noch bevor das vergangene Jahr, in dem so unglaublich viel gleichzeitig zu passieren schien, während die Welt doch im selben Atemzug still stand, schlussendlich aus den Fugen geriet, sah sich Christopher Paul Stelling mit der ein oder anderen wichtigen Lektion in Akzeptanz und Dankbarkeit konfrontiert. Im Dezember 2019 brach der US-Singer/Songwriter zu einen weiteren Tour quer durchs Land, von Kalifornien bis nach Florida, auf, die dort enden sollte, wo der 39-jährige Musiker, der Asheville im Westen von North Carolina schon lange sein Zuhause nennt, einst aufwuchs. Neben den Aufnahmen zu seinem fünften Album „Best Of Luck“ befand er sich also für einen Großteil des Jahres auf Achse und drehte unermüdlich Konzerte spielend seine Runden durch Nordamerika. Das Ziel: Er wollte nicht nur pünktlich zu Weihnachten nach Hause kommen, sondern auch Emma, seine 92-jährige Großmutter, besuchen. Man darf es wohl als strategisch bitteres Zwinkern des Lebens, das einem eben manchmal auf die verdammte harte Tour die wahren Prioritäten aufzeigen möchte, betrachten, dass ihm letzteres nicht gelang – seine Großmutter verstarb nur wenige Tage vor seiner Ankunft. Von diesem traurigen Schicksalsschlag erzählt nun auch Stellings neues Werk „Forgiving It All“, das der Musiker allein im bescheidenen weißen Ranchhaus seiner Großmutter in Daytona Beach aufnahm. Es ist Stellings bisher lebensweiseste, intimste und ruhigste Platte sowie seine erste selbstveröffentlichte LP seit acht Jahren, die sich wie ein letzter Tribut an sie und im Grunde an alles anfühlt, was er und wir verloren oder gewonnen haben. Schließlich wohnt jedem noch so schlechten Ereignis im Kern das ein oder andere Gute inne – und sein es nur Erfahrungen, welche erst die von der Zeit geheilten Wunden offenlegen mögen…

Ja, wie für viele von uns schien das vergangene Jahr auch für Christopher Paul Stelling voller Transformationspotenzial zu stecken. Fast ein ganzes Jahrzehnt lang war er ein wie im Fieber umherziehender Troubadour, der während seiner Solokonzerte Blut, Schweiß und Tränen vergoss. Er lebte diesen nomadischen, unsteten Lebensstil und spülte das aufkommende Heimweh auf der Bühne oft genug mit Hochprozentigem hinunter. Ende 2017 dann der Cut: er schwor dem abgründigen Teufel Alkohol ab, nachdem er erkannt hatte, dass Teile seines Lebens Stück für Stück verschwunden waren – eine weise Entscheidung, wie sich zeigen sollte. Das ein Jahr später aufgenommene „Best Of Luck“, das erste, für das er sich einen Produzenten, der in diesem Fall kein Geringerer als Ben Harper war, mit ins kreative Boot holte (kaum verwunderlich, dass sich Harpers Impulse schwerlich überhören lassen), schien ihm einen ganz neuen Publikumskreis zu eröffnen, denn die Mischung aus wehmütigen akustischen Balladen und zutiefst US-amerikanischem Roots Rock war sowohl ausgefeilt als auch… nunja: ursprünglichback to basics, aber auch auf zu neuen Ufern. Unterm Strich eine geschickte Verbindung im weiten Feld von Folk und Singer/Songwritertum, da wie dort dezent und gekonnt angereichert mit einem Quäntchen Blues, Soul, Gospel oder Pop – dies alles jedoch nicht in der Art von zusätzlicher, dick aufgetragener Studio-Schminke, sondern in Form eines organischen Zusammengehens der erfreulichen Art (wenngleich Ben Harper hier als Produzent wohlmöglich die ein oder andere Kante zu viel abgeschliffen haben mag). Die Auftritte häuften sich, und zwar so sehr, dass Stellings Tourneekalender zum Jahresanfang 2020 für die kommenden Monate kaum einen einzigen freien Tag aufwies…

Und dann? Wurde auch bei ihm alles gestrichen. Ende, aus, Corona-Quarantäne. Als er an der Westküste entlang gen Norden der US of A tourte, überschlugen sich die Nachrichten wie Meldungen um ihn herum. Also lenkte er, mit drei Vierteln Verzweiflung und einem Rest Hoffnung im Gepäck, seine kommenden Tourneestops nach Osten und kam bis nach Colorado, wo er in einer Raststätte in Kansas eine Panikattacke erlitt. Wer könnte es ihm auch verdenken, dass er, der ja schließlich kein Paul McCartney oder Chris Martin mit einem durch Millionen gepolsterten Bankkonto war, ob der ungewissen Aussicht es plötzlich mit existenziellen Ängsten zu tun bekam, während die Welt um ihn herum gerade aus den Angeln gehoben wurde? Also kehrte Stelling notgedrungen nach Hause zurück und gab, wie viele von uns, sein Bestes, sich „neue Routinen“ in einer Welt zu erschaffen, die ihm auf Anhieb so seltsam fremd war. Natürlich hatten jene Routinen auch ihr Gutes: Zum ersten Mal seit Jahren verbrachte er eine tagelange Zeitspanne mit seiner Partnerin und ihrem jungen Hund. Er machte lange Spaziergänge, las viel und schaute endlos Fernsehen, um die in manchem Moment überwältigende Angst so gut es eben ging zu besänftigen. Nachdem er seinen Plattenvertrag erfüllt hatte (und überzeugt war, dass er ohnehin keinen neuen wollte), startete Stelling eine Crowdfunding-Kampagne und bat seine Fans darum, in seine neuen Songs zu investieren. Zu seiner großen Erleichterung stimmten sie zu. Noch besser sogar: er verkaufte in den ersten 48 Stunden mehr Platten als er je zuvor im Voraus an Hörer und Hörerinnen gebracht hatte.

Gepackt von neuer Hoffnung begann Stelling endlich, ein Jahrzehnt Revue passieren zu lassen, in dem so viel passiert war – oder doch nicht? Was hatte ihn die Musik gelehrt, was er vom Leben jenseits der Konzertbühnen und Aufnahmestudios nicht gelernt hatte, und umgekehrt? Was hatte er am Ende über all das, was er erlebt hatte, eigentlich zu erzählen, zu singen? Die zwar leisetretenden, aber dennoch fesselnden zehn Stücke von „Forgiving It All“ sind das aus der Tiefe hervor geholte Destillat dieser Reflexion. Ein Jahr, nachdem Stelling seine eigentlich nicht enden wollende Tournee abgebrochen hatte, nahm er jene Songs im Haus seiner verstorbenen Großmutter auf. Sie sind die Lektionen eines einst wilden, unsteten jungen Mannes, der nun auf seine (nicht ganz) vierzig Jahre zurückblickt, ein Stückweit seinen Frieden mit all den Kämpfen und Freuden des Lebens macht und seine Dankbarkeit für den simplen Fakt, noch am Leben zu sein, besingt.

Gleich der Opener „Die To Know“ ist eine zärtliche Ode an die Unschuld, eine Erinnerung an einfache Freude und Aufrichtigkeit, bevor die Erfahrungen des Alters unseren juvenilen Enthusiasmus Stück für Stück zurecht stutzen. „Wildfire“, das sich – jaja, jetzt kommt so ein Fall eines klischeehaften Bildes! – mit der unvergleichlichen Anmut von Wellen auf einem idyllischen Teich bewegt, starrt wiederum aus der Ferne auf die aufgestauten Ängste der Erwachsenen und bittet um die Gnade der Wiedergeburt. „WWYLLYD“ ist in seiner beinahe schon Dylan’esken Folk-Simplizität eine Übung in radikaler Empathie, welche bestens für jene allgemein schwierige Zeiten geeignet scheint. “Remember, everyone is suffering, not just you“, mahnt Stelling zu gezupften Akkorden, die rauschen wie das Blut in unser aller Adern. Der Titel ist übrigens ein Akronym für „When What You Love Lets You Down“. Wir sind alle mögen – auf die ein oder andere Weise – hungernde Künstler sein, und die glücklichsten von uns werden durch das, was ihnen Freude bereitet, am Leben gehalten – oder besser noch: lebendig.

„Kürzlich machte ich einen Spaziergang über den Friedhof hinunter zum Fluss, um ein wenig zu angeln. Mein Freund Josh Finck schloss sich mir an und brachte seinen alten Camcorder mit, und so entstand ein Video für meinen Song ‚Die To Know‘. Ich habe diesen Friedhof in Asheville schon oft besucht, habe 2007 sogar gegenüber gewohnt, bevor ich nach New York City zog. Meine Familie hat dort eine Grabstelle aus den 1800er-Jahren, gegenüber dem Grab des Schriftstellers Thomas Wolfe (‚Look Homeward Angel‘). Dort liegt der Namensvetter meines Vaters und seines Vaters, aber niemand kannte sie direkt, ihre Geschichten sind größtenteils im Laufe der Zeit verloren gegangen. Alle Flüsse scheinen mich zum Sinnieren und Nachdenken einzuladen. Es ist friedlich, sie vorbeiziehen zu sehen, auch wenn man nichts fängt…“ (Christopher Paul Stelling über das Musikvideo zu „Die To Know“)

Bis zu einem gewissen Grad geht es in diesen Songs darum, sich selbst von Zwängen zu befreien, seine Unvollkommenheiten zu akzeptieren, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Das Titelstück, welches ebenso fesselnd und motivierend wie ein religiöses Mantra gerät, weist darauf hin, dass wir nicht allein die Verantwortung für all unser Gepäck tragen, dass auch andere in unseren Leben eine gewichtige Rolle gespielt haben. Wenn wir mit uns selbst ins Reine kommen wollen, so Stelling, müssen wir andere dazu ermutigen, das Gleiche zu tun und an dieser Katharsis teilzuhaben. „Let the doubtful confide in you“ (Lass die Zweifler sich dir anvertrauen), singt er gleich zu Beginn, was sich im besten Fall wie die offenste Therapiesitzung anfühlen mag, die man seit langem erlebt hat. Stelling, bei genauerem Ohrenschein ein hervorragender Fingerpicking-Gitarrist, der sich lediglich nie damit begnügt hat, „nur“ wortlose Musik zu machen, legt kurz vor Schluss für das wunderschöne Instrumental „For Your Drive“ eine Pause ein und beendet sein neues Album mit einer eigenen Hymne, „They’ll All Proclaim“. Es ist ein anmutiges, geradezu prächtiges Sonnenaufgangsständchen für das, was noch kommen mag – ob nun morgen, übermorgen, nach dieser gottverdammten Pandemie, oder wann auch immer.

Ja, nicht wenige von uns werden in vielfältiger Weise unser Leben lang mit vielem von dem ringen, was im Jahr 2020 passiert ist und was danach kommen könnte. „Forgiving It All“ ist eine instinktive und ehrliche Antwort auf den Versuch, das Beste aus der Misere zu machen: die Vergangenheit neu und reflektiert zu sortieren und die Gegenwart zu nutzen, um sich auf eine ebenso ungewisse wie ungeschriebene Zukunft vorzubereiten. Diese soulful Folk-Songs erinnern nicht nur Christopher Paul Stelling, sondern auch uns alle daran, dass wir – allem Alltagsgrau, allem Mühsal zum Trotz – Glück haben, hier zu sein – egal, was oder wem wir am Ende des Weges zu vergeben haben.

Rock and Roll.

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