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Das Album der Woche


Raye Zaragoza – Woman In Color (2020)

-erschienen bei Rebel River Records-

Raye Zaragoza weiß ziemlich genau, wie es ist, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die außerhalb des amerikanischen Mainstreams existiert. Ihr Vater hat indianische Wurzeln, ihre Mutter ist japanischer Abstammung. Zaragoza selbst wuchs in der Enge eines kleinen New Yorker Apartments auf. In einem sehr realen Sinne brachte ihr ihre Erziehung also eine Verbindung zu anderen, die sich ausgegrenzt, diskriminiert und an den Rand der modernen Gesellschaft gedrängt fühlen – da scheint der Fakt, dass ihr Vater in ihrer Kindheit den Sioux-Häuptling Sitting Bull im Broadway-Stück „Annie Get Your Gun“ gab, nur allzu gut ins nicht eben klischeefreie Bild zu passen. Wenig verwunderlich also, dass die 27-jährige Folk-Musikerin, die bereits seit einiger Zeit im sonnigen Kalifornien lebt, diese Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken in ihre Songs einfließen lässt.

Ebenso wenig verwunderlich ist es, dass auch ihr aktuelles, recht programmatisch „Woman In Color“ betiteltes Album vom aktuellen Kampf für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung all jener inspiriert wurde, die in den US of A der Gegenwart auf so viele verschiedene Weisen ausgegrenzt, verleumdet und generell gemieden werden – ein Thema, auf das Zaragoza im Laufe des Albums immer wieder zurückkommt, vor allem in Songs wie „They Say„, „Fight Like A Girl„, The It Girl“ oder „Warrior“, die sich, jeder für sich, bei genauerem Hinhören zu essentiellen kleinen Hymnen erheben, die erhaben sind und doch in sich ruhen, während sie andererseits vor Leidenschaft und Zielstrebigkeit nur so strotzen. Dennoch wählt Raye Zaragoza nie die Lautstärke als Mittel zum Kampf, ihre im Americana-Folk angesiedelten Melodien bleiben meist zurückhaltend und verführerisch tänzelnd, in jeder Sekunde durchdrungen von einer geradezu hypnotischen Aura, die den Hörer in ihren Bann zu ziehen vermag, ohne die Botschaften außer Acht zu lassen. Neben den oben genannten umschmeicheln besonders zwei Stücke, „Ghosts Of Houston Street“ und dem ihrer Mutter gewidmeten „Change Your Name“, in diesem Sinne den Hörer und hinterlassen so einen nachhaltigen Eindruck.

(Foto: Promo / Cultivate Consulting)

„Meine Erziehung und meine ethnische Identität waren immer eine treibende Kraft für meinen Wunsch, eine Geschichtenerzählerin sein zu wollen“, betont Zaragoza. „Farbige Frauen werden so oft aus der amerikanischen Erzählung ausgeklammert, und das möchte ich mit meiner Musik ändern. Bei dieser Platte geht es vor allem darum, wie wichtig es ist, diejenigen Geschichten zu erzählen, die so oft übersehen werden – vermisste und ermordete indigene Frauen, die Darstellung in den Medien, Gentrifizierung, Immigration und so weiter. Ich hoffe, dass meine neue Platte die Wichtigkeit des Erzählens verschiedener Geschichten hervorhebt.“

Raye Zaragoza, die als frühe musikalische Einflüsse Harry Chapin, Jewel, Selena oder Avril Lavigne nennt, sagt, sie sei auf einem mehr oder weniger großen Umweg zu der Entscheidung gekommen, Musik zu machen. „Ich habe in der Dienstleistungsbranche als Kellnerin, Barkeeperin und Hostess gearbeitet“, erinnert sie sich. „Dabei ging es darum, das Publikum, welches in diesem Fall am Tisch saß, glücklich zu machen und dafür ein Trinkgeld zu bekommen. In dieser Zeit wurde mir klar, dass ich das Gleiche als Musikerin tun konnte, indem ich einfach in einem anderen Teil des Raumes stehe und eine Gitarre in den Händen halte. Von da an spielte ich fünf bis sechs Tage pro Woche in Restaurants, Weingütern, Brauereien und auf Bauernmärkten. Das war meine erste Erkenntnis: dass ich, wenn ich hart arbeite, so viel verdienen kann, wie ich in einem Restaurant als Kellnerin verdiene, indem ich stattdessen für die Menschen Musik mache. Ich spiele keine Restaurant-Gigs mehr, aber es war eine erstaunliche Brücke, die mich dahin gebracht hat, wo ich jetzt bin.“

Produziert von Tucker Martine, einem Grammy-nominierten musikalischen Tausendsassa, der unter anderem bereits für Bands und Künstler wie die Decemberists, R.E.M., My Morning Jacket, Neko Case, Modest Mouse, First Aid Kit oder Sufjan Stevens hinter den Reglern saß, ist das im vergangenen Oktober erschienene Album typisch für Zaragozas entschlossene Haltung: Sie gräbt mit beiden Händen tief im Erbe des US-Folk, lässt politischen Aktivismus sowie ihre eigenen Erfahrungen mit einfließen und fördert so solide ausgefeilte Americana-Songs mit dezenten Indie-Rock-Noten zutage, die oft von funkelnden E-Gitarren, lebendigem Bass und beherzt zupackenden Perkussion-Instrumenten flankiert und manchmal gar von sparsamen Bläser-Arrangements und anschwellenden Streichern untermalt werden. Zaragozas eindringliche, wunderbar dunkel schimmernde Stimme bahnt sich ihren Weg durch starke, nicht selten feministisch geprägte Hymnen und zärtelnde Balladen, die in ihrem Unterboden Biografisches ebenso wie Historisches zu tragen scheinen, der Melancholie jedoch auch ausreichend Luft und Raum zum Tagtraum bieten. Politisch und persönlich, mutig und aufrichtig – Raye Zaragozas unerschütterlich ermutigende Story-Songs stellen sich allen Ungerechtigkeiten mit sorgenvoller Gewissheit und festem Glauben. Alles fürwahr keineswegs neu, dennoch schafft sie es im Herzen ihrer Songs, sowohl ihrem Stil als auch ihren Mantren treu zu bleiben.

(Fotos: Promo / Ursula Vari)

„Ich habe das Gefühl, dass meine früheren Veröffentlichungen das Sprungbrett zu ‚Woman In Color‘ waren“, reflektiert die Folk-Musikerin, welche hierzulande immer noch als Geheimtipp zählen darf. „Mit [dem 2017 veröffentlichten Vorgängeralbum] Fight For You‚ war ich immer noch dabei herauszufinden, wer ich bin und wie ich meine Geschichte erzählen will. Es war ein gutes Album, um meine Stimme zu finden. ‚Woman In Color‘ fühlt sich wie eine Fortsetzung dieser Platte an, aber auch wie ein Abschluss mit allem, was ich in den Jahren, in denen ich ‚Fight For You‘ schrieb, zu finden versuchte. Ich habe mein eigenes Plattenlabel Rebel River Records auf Patreon gegründet, um dieses Album zu verwirklichen, und ich bin allen so dankbar, die diese Platte unterstützt haben und sich mit mir für diese zwar indie’eske, jedoch wichtige Veröffentlichung zusammengetan haben.“

Letztendlich ist Raye Zaragozas Engagement offensichtlich, und das ist auch die Botschaft, die bei jedem einzelnen Song des Albums mitschwingt. Die Musikerin möchte einen, anstatt, wie es etwa der – zum Glück! – scheidende 45. US-Präsident in den vergangenen vier Jahren seiner Amtszeit getan hat, zu spalten. Sie sucht nach Unterstützung für eine gemeinsame Sache und für all jene Gruppen, welche darum kämpfen, in der aktuell so vielfältigen US-amerikanischen Malaise gehört anstatt mit tumbem Nonsens übertönt zu werden.

„Ich denke, jede Bewegung, die für Gerechtigkeit und Gleichheit kämpft, hilft sich gegenseitig“, so Zaragoza. „Die ‚Black Lives Matter‘-Bewegung hilft der ‚Indigenous Rights‘-Bewegung und so weiter. Wir alle kämpfen darum, gehört und gesehen zu werden, und der Sieg für einen von uns ist ein Sieg für uns alle. Ich habe absolut das Gefühl, dass wir alle ein Teil einer größeren Gemeinschaft sind, die Gerechtigkeit fordert.“ Außerdem sie ihre Hoffnung, dass die Menschen aufhören ihr Leben von Habgier bestimmen zu lassen, denn „Habgier verblendet und verleitet Menschen dazu, schreckliche Dinge zu tun. Habgier wird unseren Planeten zerstören. Wir müssen dankbar für unsere Mutter Erde sein und ihr mit Respekt begegnen.“ Raye Zaragozas Songs leisten in jedem Fall ihren kleinen Beitrag zum großen Ganzen.

Via Bandcamp gibt’s „Woman In Color“ im Stream…

…und hier Musikvideos zu „They Say“…

…“Rebel Soul“…

…“Fight Like A Girl“…

…“The It Girl“…

…“Warrior“…

…oder „Run With The Wolves“:

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Bright Eyes – Down in the Weeds, Where the World Once Was (2020)

-erschienen bei Dead Oceans/Cargo-

Ein schlaksiger Mann um die Zwanzig singt in den Sonnenuntergang hinein, und Zehntausende hängen an seinen Lippen. Begleitet nur von seiner Gitarre, das schwarze Haar im Gesicht, trägt er „Lua“ vor, einen Song voller Einsamkeit, dessen aufs Minimalste reduzierte Lebensbejahung seinen Zuhörern offensichtlich aus den leidwunden Herzen spricht: „It’s not something I would recommend / But it is one way to live…“ Das Video, aufgenommen auf dem Coachella Festival in Kalifornien, stammt aus dem Jahr 2005.

Fünfzehn Jahre später ist von der Schlaksigkeit des Sängers nichts mehr zu erahnen, auch das Altern ist kaum mehr zu leugnen. Conor Oberst, um die Jahrtausendwende Posterboy gewordene Galionsfigur der Emo-Kultur im Indie Rock, nun mittlerweile runde Vierzig und durch „A“ wie „Alkoholismus“ bis „S“ wie „Scheidung“ vom Leben abseits der Bühnen nicht eben mit Samthandschuhen behandelt, trat Mitte des Jahres erstmals seit langem wieder gemeinsam mit seiner Haupt- und Herzensband Bright Eyes auf. Auf dieses, auf solch ein Comeback hätte selbst jemand, der die nun schon mehr als zwanzigjährige Karriere der Band aus dem vergleichsweise verschlafenen Omaha, Nebraska begleitet, nicht wirklich sein sauer Erspartes verwettet. Dafür hatte sich vor allem Oberst zu gemütlich in seine Karrieren abseits der Bright Eyes eingerichtet, welche einige mal mehr, mal weniger gelungene Solo-Werke, 2015 ein „Payola“ betiteltes Comeback-Album mit den Krawallbrüdern der Desaparecidos sowie im vergangenen Jahr ein tolles gemeinsames Album mit seiner weiblichen Kreativ-Hälfte Phoebe Bridgers unter dem Moniker Better Oblivion Community Center abwarf. Und nun? Konnten sowohl der Ort als auch die Bedingungen des Auftritts der Bright Eyes zeichenhafter kaum sein: Um die Vorgabe des Social Distancing zu wahren, wurde die Band, zu deren festen Stamm neben Oberst auch die Multiinstrumentalisten Mike Mogis und Nate Walcott zählen, aus einem Studio ins derzeitige Leitmedium der außerparlamentarischen Opposition zugeschaltet. Der Song, den sie für Stephen Colberts „Late Show“ auswählten, markiert den Abgrund, der sich zwischen 2005 und 2020 auftut: Das kalifornische Abendrot ist verloschen, was nunmehr vorherrscht, ist die lichtlose Schwärze am tiefsten Punkt der Erde, dem „Mariana Trench“ (Marianengraben).

Der Song, unterlegt von marschierenden Beats, sich überlagernden Schlagzeugspuren sowie Gitarrenelementen und getragen von sphärischen Synthesizerklängen, trifft eine mehr als pessimistische Zeitdiagnose: Die Todesglocke erklingt, während die kränkelnden kapitalistischen Märkte zusammenbrechen. Der Cowboy, gerade erst aus der Reha entlassen, säuft sich zu Tode. Eine Riesenwelle verschlingt die legendäre Interstate 405, die Nord- und Südkalifornien miteinander verbindet. Und während man sich selbstgenügsam aufs Kleine und vermeintlich Heile zurückzieht („They’d better save some space for me / In that growing cottage industry“), bereitet man sich zugleich auf den bevorstehenden Krieg vor: „And now I’m ready for the war“. Hätte man „Mariana Trench“ im Jahr 2005 gehört, welches mit dem Hurrikan Katrina selbst ein katastrophisches war, hätte man den Song vermutlich als „dystopisch“ bezeichnet. Aber das? War einmal.

„I could have been a famous singer

If I had someone else’s voice

But failure’s always sounded better

Let’s fuck it up, boys – make some noise!“

(aus „Road to Joy“ von „I’m Wide Awake, It’s Morning“)

Unverändert, vielleicht nur etwas dunkler, ist allerdings Conor Obersts markant-spezielle Stimme, die gerade durch ihre unverhohlene Schwäche, durch das so sympathisch Unperfekte und Trauerkloßig-brüchige im einem Maße betört, dass man ihr am liebsten eine warme Decke und einen dampfenden Kakao anbieten würde. Sie hat als Trademark immer schon die wichtigste und zentralste Rolle bei Bright Eyes gespielt, allein der Kontext ist jetzt, neun Jahre nach dem bislang letzten Album „The People’s Key“ und satte 18 Lenze nach dem fulminanten Durchbruchswerk „Lifted or The Story Is in the Soil, Keep Your Ear to the Ground“ ein anderer: Während Oberst Gesangsorgan in „Lua“ und eigentlich auf dem gesamten dazugehörigen Album „I’m Wide Awake, It’s Morning“ die in Seventies-Folkrock getauchte Selbstreflexionen eines jungen Amerikaners zu Beginn des 21. Jahrhunderts zum Ausdruck brachte (deren ausgestellte Melancholie irgendwann auch zu einem gewissen Überdruss führen konnte), dient sie nun als Reflektormedium für das Große und Ganze, für all die Schrullen und menschlichen Makel. Mit seiner bisweilen wegbrechenden, sich dann aber wieder aggressiv aufbäumenden Stimme artikuliert Oberst – als stellvertretend Leidender, wenn man so mag – die Unruhe und Zerrissenheit der amerikanischen Gegenwart. Ein bisschen hört sich das an mancher Stelle an, als würde er späteren Generationen vom Fall einer verantwortungslosen Zivilisation berichten, deren Hochmut er nie geteilt hat. Ganz im Gegenteil: Oberst beschäftigt sich gern und öffentlich mit Politik und Spiritualität (zu hören etwa im Bright Eyes-Werk „Cassadaga„), alternativen Energien und Gesellschaftsformen sowie dem Leben der amerikanischen Ureinwohner, um sich dort Hinweise für eine bessere, gerechtere Welt zu holen. 

Down in the Weeds, Where the World Once Was“ lautet der Titel des neuen, im August erschienenen Albums – ein konzeptuelles, opulentes und daher zuweilen nicht eben stolpersteinfrei zugängliches Werk, sowohl was das Textliche betrifft als auch, was das Musikalische angelangt. Es ist ein Musik gewordener dezent dystopischer Zeitroman, der jede Vorstellung von harmonischer Einheitlichkeit abgeworfen hat, ja sich vielmehr wie ein kopfüber zusammenzitiertes Gebilde ausnimmt: Es beginnt, direkt im Anschluss an eine (beinahe schon traditionelle) enigmatische Sound- und Wortcollage, mit einer Dixieland-Nummer („Pageturners Rag“). Im Folkrock von „Just Once in the World“ spielen im Hintergrund zitternde Mandolinen, die an den großen Ennio Morricone erinnern. Was läge da näher als die Vertonung der scheinbar letzten Tage einer Zivilisation, des raschen Zerfalls einer lange gehegten Weltanschauung und des Verblühens der Gefühle, welcher sich das wunderschön melancholische „One And Done“ mitsamt einem Streichorchester widmet? Das mit Beats aus dem stoisch dahinpluckernden Drumcomputer unterlegte „Pan And Broom“ derweil darf als Referenz an die LoFi-Ästhetik der Neunzigerjahre gehört werden (und damit auch auf die Anfänge der eigenen Bandgeschichte, die Oberst im zarten Alter von 14 Jahren legte). „Stairwell Song“ handelt vom „cinematic ending“ einer Liebe, das der Song mit einem beinahe schon zärtlichen Trompetensolo musikalisch gleich selbst in die Tat umsetzt, während das vorab veröffentlichte „Persona Non Grata“ mit einer Armada aus Dudelsäcken (!) ins Gefecht zieht und Oberst in „Tilt-A-Whirl“ gleichsam seinem 2016 verstorbenen Bruder ein bewegendes letztes Geleit bietet und das Älterwerden seiner Mutter beobachtet. Bemerkenswert auch, dass sich die Band im trotzig-erbaulichen „Forced Convalescence“ in die für sie völlig ungewohnten Gefilde des Funkpop begibt – passenderweise begleitet von Red Hot Chili Peppers-Bassist Flea, der nebst Schlagzeuger Jon Theodore (The Mars Volta, Queens Of The Stone Age) für die kraftvolle Rhythmusarbeit gewonnen werden konnte. Man könnte diese Liste wohl noch lang, länger und ewig weiterführen – und müsste dabei natürlich auch Obersts gewohnt scharfsinnige Texte miteinbeziehen: Das astwerkene Spektrum der Referenzen reicht von den Visionen des Propheten Ezechiel über den Anschlag auf das Pariser Bataclan bis hin zu Pink Floyds immergrüner Prog-Ballade „Wish You Were Here“.

Verbindet man den ausufernden Zitatcharakter des neuen Werks mit dem apokalyptischen Szenario, das im Kernsong „Mariana Trench“ entfaltet wird, so ergibt dies – ja, was eigentlich? Einmal eingetaucht, wird man nicht so schnell fertig mit diesem Album: Was ist mit dem pontifikalen „Benedicente, benedicente, benedicente“ in einem Song mit dem Titel „To Death’s Heart (In Three Parts)“ anzufangen? Und was bitte soll die Erwähnung des Tiananmen-Massakers in „Persona Non Grata“ bedeuten? Fragen wie diese werden während der knappen Stunde allerorten aufgeworfen, hier aber zumindest ein Deutungsansatz: Dem Selbstanspruch nach ist „Down in the Weeds, Where the World Once Was“ eine popmusikalische Summe der modernen Zivilisation in ihrer ganzen faszinierenden Vielfalt und verletzlichen Heterogenität – ein Ansatz übrigens, dem auch der große David Bowie zeitlebens nachspürte und den Bob Dylan (noch so ein Säulenheiliger der Musikhistorie) seit einigen Jahren ebenfalls und auf seine höchst eigene Weise verfolgt. Wie eine Arche will es sie in sich aufnehmen, bevor die große Flut – „that big wave“ – sie unweigerlich erfassen wird. Und zugleich liefert das Album, das programmatischerweise an so einigen Stellen herrlich überfrachtet daher tönt, den Soundtrack zu diesem Untergang: „Now all I can do / Is just dance on through“. Es scheint, als seien Conor Oberst und seine Bright Eyes nunmehr unter die Tanzmusiker gegangen, aber es ist eine Tanzmusik im Zeichen des Fatalismus, der Werke wie Arcade Fires „Funeral“ oder Father John Mistys „Pure Comedy“ recht nahe stehen. Oder unter die Maler, denn schöner und umfassender hat schon lange niemand die Liebe und das Leben in immer neuen katastrophischen, apokalyptischen Farben abgebildet, voller Flammen, Kometen, Unglücke, Vergnüglichkeiten, Geburten und Tode. „To love and to be loved, let’s just hope it is enough…“

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Spanish Love Songs – Brave Faces Everyone (2020)

-erschienen bei Pure Noise/Soulfood-

Rückblick in den Februar: Das Jahr 2020 war gerade mal ein paar Wochen alt, aber schon fühlte es sich mit all den weltlichen Entwicklungen an, als ob wir mindestens schon wieder Halbzeit gehabt hätten: Die USA mit ihrem Ex-Reality-Show-Darsteller im Weißen Haus waren einmal mehr aufs militärische Säbelrasseln aus, Australien brannte lichterloh, Flüchtlinge ertranken im Mittelmeer und das Coronavirus machte sich auf, für die nächste große Panikwelle zu sorgen (welche uns bekanntlich noch immer im Griff hält). Mehr als genug also, um den Kopf in den Sand stecken zu wollen, oder? Wer in solch sowieso schon niederschlagenden Zeiten voll düstrer Wasserstandsmeldungen dann auch noch mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte, konnte sich nur allzu schnell komplett am gefühlten absoluten Tiefpunkt wiederfinden…

Ein Glück, dass sich Spanish Love Songs genau zum richtigen Zeitpunkt mit neuem Material zurückmeldeten. Zwei Jahre nach dem von Kritikern wie Fans gefeierten Zweitlingswerk „Schmaltz“ lieferte die Combo aus Los Angeles wieder den gewohnten und geliebten Emo-Punkrock in Perfektion. Und zugleich eine für alle zugängliche Katharsis, die mit dem Weltgeschehen am Hadern waren. “Es ist tröstend zu wissen, dass wir uns alle auf dem selben sinkenden Schiff befinden. Wir wollen uns das mit dem Album eingestehen und die Welt damit ein kleines bisschen erträglicher machen, wenn sie es auch nur für vierzig Minuten ist“, so Frontmann Dylan Slocum.

Wie schon sein 2018 erschienener Vorgänger, ist auch „Brave Faces Everyone“ der wohl schönste und hörbarste Win-Win-Deal der Indie-Musikszene. Slocum singt und schreit sich einmal mehr mit massig Emphase das eigene Chaos aus Gedanken und Dämonen aus Hirn und Leib, bis die Stimme kurz davor ist vollends weg zu brechen. Kein Wunder, schließlich ist er diesmal mit noch eindeutigeren Songtiteln wie “Routine Pain”, “Self-Destruction” oder “Losers” wieder Sprachrohr einer stetig wachsenden Bevölkerungsschicht mit Mental Health-Problemen und anderen inneren wie äußeren Kämpfen. 

„Stuck working at that third job driving
Well-meaning moms to protest for minimum wage
Still depressed, still living for the weekend
Still terrified to die at your age
No cancer, no crash
It better all go as planned
One day soon you’re not gonna get by
You know damn well they’re ain’t a promised land
The cost of living means
It costs to stay alive…“

(„Losers 2„)

Und in der Tat liefert „Brave Faces Everyone“ zehn neue Beweise dafür, dass das Quintett weitaus mehr ist als ein mit großem Momentum von der Szene abgefeiertes “One-Trick-Pony” und auch “Schmaltz” eben nicht nur ein feiner Zufallserfolg voller melodieseliger Punkrock-Hits war. Schon die 2019 veröffentlichte (Vorab-)Single “Losers” hatte gezeigt, wohin die Reise mit “Brave Faces Everyone” gehen sollte – Sänger Dylan Slocum betonte darin: “We’re mediocre / We’re losers forever”. Für alle Wegbegleiter wenig überraschend, zieht sich diese Thematik doch wie ein roter Faden durch das Schaffen der 2013 gegründeten Band, die das Vorgänger-Album übrigens zunächst “The Fear Of Being Normal” nennen wollte. So überrascht es auch nicht, dass der Album-Opener “Routine Pain” mit der gleichsam großartigen wie lakonischen und trivialen Zeile “On any given day I’m a 6/10” beginnt – sechs von zehn Punkten, das ist natürlich nicht ganz schlecht, aber auch nicht besonders gut, sondern eben: “mediocre”. So braucht es nur Sekunden um festzustellen: Der Weltschmerz hält Dylan Slocum und seine Spanish Love Songs weiter fest im Griff.

Was auf “Brave Faces Everyone” jedoch als neue Zutat dazukommt, ist zwar zaghafter, jedoch zum Teil fast schon versöhnlicher Optimismus (welchen man auch aus Slocums „Selbes sinkendes Schiff“-Zitat weiter oben herauslesen kann). Dieser zeigt sich in Songs wie dem grandiosen “Beachfront Property”, “Optimism (as a radical life choice)” oder „Self-Destruction (as a sensible career choice)“ sehr deutlich: „It won’t be this bleak forever / And I hope you’re right…“.

Obwohl sich im Bandsound – vom tieftraurigen Americana-Abschweif „Dolores“ einmal abgesehen – einmal mehr Punkrock-Brett an Punkrock-Brett reiht und somit all jenen gefallen dürfte, die auch schon Platten von The Gaslight Anthem, The Menzingers, The Smith Street Band, Hot Water Music, Against Me! oder – natürlich – Bruce Springsteen (dessen „Born To Run“ Slocum völlig zurecht verehrt, wie er verriet) in ihrer Sammlung haben, verändern Spanish Love Songs also ihre Sichtweise – weg von reiner Selbstbeobachtung und einer Menge Selbstkritik hin zu Blick auf das große Ganze. Immer wieder tauchen dabei Themen wie beispielsweise der Verlust einer geliebten Person („Generation Loss„), Klimawandel oder Konsumkritik auf, wenn Slocum entwaffnende Zeilen wie “Can’t even have my coffee without exploiting someone / Or making another millionaire a billionaire” singt. Und auch Kritik an dem heute so oft vorherrschenden Selbstoptimierungszwang beziehungsweise der tumben “Wir können alles sein und schaffen”-Mentalität bleibt ein wichtiger Pfeiler, wie die zweite Single “Kick” beweist: “Say ‘Keep your head up, if you’re not okay’ / But not okay is what’s expected”.

Spanish Love Songs zeigen auf ihrem dritten Langspieler, der übrigens von Gitarrist Kyle McAulay produziert wurde, wie wichtig es gerade in turbulenten, unsicheren Zeiten wie diesen ist, weniger zu urteilen, mehr Empathie zu zeigen – und auch einfach mal den Mund zu halten und zuzuhören. Dabei zeigt sich oft, dass positive wie negative Wendungen im Leben selten plötzlich und unerwartet passieren, dass es immer Zeichen gibt, auf die man achten, auf die man hören sollte. Dass eben niemand als rundum perfektes Sonnenscheinchen geboren wurde und alle unsere Fehler uns zu dem machen, was wir sind. Die zehn Songs dazu sind eine auf Tonträger gepresste Audio-Therapie, ein Dampfablassen ohne den Mund aufzumachen oder irgendetwas kaputthauen zu müssen. Selten (und schon gar nicht in diesem Jahr) hat sich ein Bad in süßer Melancholie, schmerzender Nostalgie und harter Selbstreflexion so gut, so erlösend angefühlt wie auf „Brave Faces Everyone“, mit dem Dylan Slocum, Kyle McAulay, Ruben Duarte, Trevor Dietrich und Meredith Van Woert weitaus mehr geschaffen haben als ein „Schmaltz 2.0“ und sich sogar noch dringlicher, noch hymnischer, noch melodiöser, noch mitreißender präsentieren – ein durchaus emotionaler Vollgastrip. Gut vierzig Minuten wie ein Gespräch nach einer extrem beschissenen Woche – dafür mit dem besten Freund bei ein paar Bier.

“Brave Faces Everyone” appelliert dabei daran, die Hoffnung nicht aufzugeben, egal wie mies es derzeit aussehen mag. „Wenn man etwas laut und lang genug singt,“ so Slocum, „finden die Leute hoffentlich etwas Frieden darin.“ Passend dazu endet der Titelsong ganz zum Schluss mit den Zeilen „We don’t have to fix everything at once / We were never broken, life’s just very long / Brave faces, everyone„.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Phoebe Bridgers – Punisher (2020)

0656605150024-erschienen bei Dead Oceans/Cargo-

Klingen hier nun Traumschlossgebilde an – oder sind’s eher Albtraumnachtmähre? So ganz deutlich wird auf Anhieb nicht, in welchen Sphären sich Phoebe Bridgers eigentlich bewegt. Für eine klassische Singer/Songwriterin ist ihr Sound zu ungewöhnlich, für gängigen Pop sind ihre Songs zu tiefsinnig. „Indie“ mag das, was sie macht, gewiss auf seine Weise sein, dabei aber auch sanft und zugänglich. Und „emo“ ist ihre Haltung ganz bestimmt, aber nicht auf die übliche „ach-wie-schwer-ist-das-Leben-doch“ Art. Denn Phoebe Bridgers jammert nicht, sie säuselt, haucht und klagt, liebkost und umarmt einen dabei. Und lässt dann plötzlich wieder den ihr eigenen, gerne auch mal düsteren-geekigen Humor aufblitzen.

Schwer zu glauben, dass die vielerorts – zurecht – hochgelobte „Queen of Indie-Emo“ gerade einmal 26 Jahre jung ist. Als sie vor drei Jahren ihr weit beachtetes Debütalbum „Stranger In The Alps“ veröffentlichte, durfte sie erfahren wie die Industrie versucht, hinter dem Erfolg (und vor allem der unleugbaren kreativen Qualität) einer jungen Künstlerin einen Mann auszumachen, der die eigentlichen Fäden in der Hand hält – chauvinistische Gestrigkeit, ick hör‘ dir trapsen! Anfang 2019 gehörte sie zu einer Reihe von Musikerinnen, die in einem Artikel in der „New York Times“ Alt.Country-Rocker Ryan Adams körperlichen und psychischen Missbrauch vorwarfen. Als „Stranger In The Alps“ erschien, hatte sie sich aus der toxischen Beziehung zu ihrem einstigen Mentor bereits befreit, ihre Erfahrung verarbeitete sie unter anderem in dem Song „Motion Sickness“, der sie einem breiterem Publikum zugänglich machte.

Wer genauer hinschaut, der erkennt schnell: Phoebe Bridgers liebt zwar den kreativen Austausch, braucht jedoch keinen männlichen Strippenzieher im Hintergrund, sie hat ihr Leben und ihre außerordentliche Kreativität höchstselbst in der Hand. Nicht ganz grundlos gehört sie, die einst in einem iPhone-Werbespot in Erscheinung trat (und daraufhin ihre erste Band Sloppy Jane ad acta legte), zu den aktivsten Indie-Künstlerinnen der letzten Jahre, gründete gemeinsam mit Lucy Dacus und Julien Baker – ihres Zeichens zwei weitere, ähnliche talentierte, ähnlich von Feuilleton und Publikum umjubelte Jung-Künstlerinnen – die Supergroup boygenius, veröffentlichte gemeinsam mit Conor Oberst im vergangenen Jahr ein formidables Album unter dem Projektnamen Better Oblivion Community Center, nahm einen gemeinsamen Song mit The National-Grantler Matt Berninger auf, sorgte auf dem jüngsten Werk von The 1975 für etwas Folk-Sensibilität, produzierte das zweite Album des aufstrebenden Singer/Songwriters Christian Lee Hutson (der passenderweise auch in ihrer Begleitband spielt). Und trotzdem bleibt immer noch Raum für mehr – mehr Entwicklung, mehr Kreativität, mehr Freiheit. Ihr neues Album „Punisher“ klingt nun wie der nächste logische Schritt. Aber auch: nach sehr viel Eigensinn, Verweigerung und irgendwie nach einem formvollendeten Befreiungsschlag.

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„What if I told you
I feel like I know you?
But we never met
It’s for the best…“

Dass man sich dem Charme ihrer Songs nur schwer entziehen kann, liegt an Bridgers‘ Ehrlichkeit, dem Mut zur Verletzlichkeit und dem bei ihr wenig vorhandenen Bestreben, sowohl als Frau als auch als Künstlerin in irgendeiner Weise „glatt“ zu sein. Ihre Songs handeln von Liebe, vermitteln aber kein romantisiertes Weltbild. Auch bleibt stets Raum für Widersprüchlichkeit. In „Kyoto“ etwa erzählt sie von dem Gefühl, sich an einem eigentlich perfekten Ort trotzdem falsch zu fühlen. Im zerbrechlichen „Garden Song“ erinnert sich Bridgers kulminierend an ihre Kindheit, die Erlebnisse, die ihr Leben prägten – eine Art Comig-of-Age-Song und traumartiger Dialog mit ihrem vergangenen Ich, quasi: „The doctor put her hands over my liver / She told me my resentment’s getting smaller„, singt sie. Der Groll mag noch lange nicht verheilt sein, aber sie erahnt nun, im Rückspiegel, den Weg zur Ausgeglichenheit. Das wahnsinnig große, für minutenlange Gänsehaut sorgende Titelstück wiederum behandelt Phoebe Bridgers‘ beinahe schon beängstigende Liebe zum Schaffen des 2003 verstorbenen Singer/Songwriters Elliott Smith (so ist ein „Punisher“ jemand, der seinem Idol nachstellt). In „ICU“, welches, ähnlich wie auch „Halloween„, von einer vergangenen Beziehung berichtet, findet sie das vielleicht schönste Bild für das Gefühl, jemandem zu nahe zu stehen: „If you’re a work of art / I am standing too close / I can feel the brush strokes“. Und setzt hinterher: „I hate your mom / I hate it when she opens her mouth / It’s amazing to me / How much you can say / When you don’t know what you’re talking about“ – mal eben Hände hoch, wer sich noch nie ähnlich gefühlt hat.

Bridgers umrundet die stärksten Emotionen, ohne mit einem Dartpfeil auf das das Bulls Eye zielen zu müssen. Mitten ins Schwarze trifft sie dabei trotzdem verdammt oft. Wachstumsschmerz war nie schöner, Hoffnungen nie wehmütiger. Kein Festlegen, kein in Stein meißeln, nur das Leben in einem einzigen somnambulen Moment. Phoebe Bridgers fängt damit – ungewollt und unbewußt, schließlich entstanden die Songs bereits zwischen 2018 und 2019 – unwillkürlich auch die kollektive Gemütslage der vergangenen Monate ein, die durch Selbstisolation und beunruhigenden Eilmeldungspushnachrichten dirigiert wurden und eine unvermeidliche Eigenreflexion mit sich brachten. Klar fragt man sich da: Würde sich „Punisher“ ohne all das etwa anders anfühlen? Die Musik anders berühren, die vielen tollen Songzeilen weniger aufwühlen? Oder ist eine weltweite Pandemie nur eine weitere Karte in der Ausredenkartei, um das eigene Gefühlschaos zu legitimieren?

Musikalisch pendelt „Punisher“ dabei beständig zwischen Zurückhaltung, Verspieltheit und sanftem Bombast. „DVD Menu“ ist das einminütige Intro und gemäß des Titels das, was vergessen wird abzustellen, wenn man nach einem ergreifend tiefgründigen Film paralysiert und apathisch auf der Couch klebt und die Wiederholungen des Menüs nur widerwillig durchdringen (und wer genau hinhört, der wird merken, dass hier das letzte Stück ihres Vorgängeralbums, “You Missed My Heart”, gesammelt wird). Andererseits ist das den Abschluss bildende „I Know The End“ vielleicht das größte Stück Musik, das Phoebe Bridgers bisher geschrieben hat – immer hymnischer schraubt sich der Musik gewordene Nachtmahr-Koloss im Laufe seiner fast sechs Minuten in die Höhe, bis nur noch Furor und ihre nackte Stimme bleiben. Das Grundtempo des Albums jedoch ist ein sanftes, der fast schon energetische Uptempo-Song „Kyoto“ (mit Jenny Lee Lindberg von Warpaint am Bass, während sich Bright Eyes‘ Nathaniel Walcott für Bläser-Arrangements verantwortlich zeichnete) bildet da eher eine an Juliana Hatfield und Spätneunziger-Collegerock gemahnende Ausnahme. Gleichzeitig lässt sie sich stilistisch wenig festlegen, was zum Beispiel der fiebrige MDMA-Traum „Graceland Too“ beweist, der mit Banjo, Fiddle, Country-Anleihen und der freundlichen Unterstützung ihrer boygenius-Kolleginnen Lucy Dacus und Julien Baker überrascht. Anderswo, im tollen „Halloween“, schaut auch Kreativ-Buddy Conor Oberst zur stimmlichen Veredelung vorbei. Umso witziger, dass ausgerechnet das Gesamtbild des Albumsounds mehr an die melancholisch-nachtträgen Großtaten eines Elliott Smith als an die troubadour’schen Hansdampf-Launen ihres Better Oblivion Community Center-Kollegen Oberst erinnert.

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In Gänze besticht „Punisher“, bei dem aufgrund des tollen, in der kalifornischen Wüste aufgenommenen Coverartworks und dem liebevoll gestalteten Booklet jedem explizit die großformatige Vinyl-Ausgabe ans Herz gelegt sei, durch Phoebe Bridgers‘ beeindruckendes Songwriting, das irgendwo zwischen knallharten Wahrheiten, ungewöhnlichen Metaphern und ihrem geschätzten Hintersinnhumor pendelt – sinnbildlich etwa jene Zeile aus „Moon Song“ („We hate ‚Tears In Heaven‘ / But it’s sad that his baby died“), in der sie Eric Clapton eben nicht nur seine ihrer Einschätzung nach „extrem durchschnittliche Musik“ ankreidet, sondern auch seine rassistische Vergangenheit. Mehr noch als auf dem Vorgänger „Stranger In The Alps“ gibt sich Bridgers auf den zehneinhalb Stücken einem permanenten, ungebrochenen Empfindsamkeitsgestus hin. Sie singt darüber, was sie fühlt – mal nichts, mal irgendwas, mal das gesamte Spektrum in einem einzigen Moment. Aber sie fühlt immer. Die daraus resultierenden Songs sind bei genauer Betrachtung wahre Füllhörner popkultureller Bezüge von „Harry Potter“ bis hin zu Carmen Maria Machado („In The Dream House“), von Phoebe Waller-Bridge („Fleabag“) bis hin zur Zerstreuung durch irgendwelche YouTube-Tutorials (über die Inspirationen kann man hier sowie hier mehr lesen) – da passt es doch nur zu gut ins dunkel schimmernde Kaleidoskop, dass die Musikerin offen über das Thema Mental Health spricht, für ein Interview mit dem US-„Playboy“ kurzerhand blank zog oder während der Corona-bedingten Ausgangssperre mal eben eine „Welttournee“ in den eigenen vier Wänden spielte. Wer mag, den nimmt Phoebe Bridgers gern mit auf diesem Kopfhörersoundtrack gewordenen nächtlichen Spaziergang durch Echo Park, jenen Stadtteil von Los Angeles, in dem Elliott Smith einst starb und die Singer/Songwriterin nun zu Hause ist. Wäre all das ein Film, so hätte wohl Sofia Coppola Regie geführt (und Bill Murray mindestens einen Gastauftritt gehabt). Berührender als mit diesen Traumschlössern aus Albträumen wird’s in diesem eigenartigen Musikjahr wohl nimmermehr. *hach*

 

Hier findet man die Musikvideos zu „Garden Song“…

 

…“Kyoto“…

 

…“I Seee You“…

 

…und „I Know The End“…

 

…sowie Live-Versionen von „ICU“ und „Halloween“, welche im März vor kleinem Publikumskreis im Los Angeles Memorial Coliseum aufgenommen wurden:

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Faber – Sei ein Faber im Wind (2017)

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Wikipedia ist mal wieder schlauer: „Der Begriff Homo faber (lat., ‚der schaffende Mensch‘ oder ‚der Mensch als Handwerker‘) wird in der philosophischen Anthropologie benutzt, um den modernen Menschen von älteren Menschheitsepochen durch seine Eigenschaft als aktiver Veränderer seiner Umwelt abzugrenzen.“

Nun ist freilich nicht bekannt, wie weit ein gewisser Julian Pollina ins Philosophische vorgedrungen sein mag. Vielmehr bleibt zu vermuten, dass sich der Schweizer Musiker, seines Zeichens Jahrgang 1993, seinen Kunst- und Künstlernamen Faber dem 1957 erschienenen Erfolgsroman „Homo faber“ seines Landsmanns Max Frisch entliehen hat. Denn die Parallelen, welche zwischen ebenjenem Buch und den Stücken des noch jungen Liedermachers bestehen, können kaum zufällig sein. Max Frisch erzählt in „Homo faber“ von Walter Faber, einem weltgewandten Ingenieur mit streng rationaler, technisch orientierter Weltanschauung, in dessen geordnetes Leben der Zufall und die verdrängte Vergangenheit einbrechen. Eine (unwissentliche) inzestuöse Liebesbeziehung mit tragischem Ende, todkranke Einsichten über Verfehlungen und Versäumnisse – die ganz große philosophische Tragikkeule. Worin die Parallelen zur Lyrik Pollinas liegen? Mehr dazu später…

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Denn vor allem brauchte der 24-Jährige wohl ein Pseudonym, um nicht ständig als „der Sohn von“ Pippo Pollina, einem in der Schweiz (und im italienischen Sprachraum) bekannten Musiker, den man in Deutschland wohl am ehesten über eine Zusammenarbeit mit Konstantin Wecker kennen könnte, verglichen zu werden. Und solange diese erschaffene Kunstfigur Faber die Authentizität nicht durch Gekünsteltes und Künstlichkeit erstickt, sollte das nur recht und billig sein.

Den Entschluss, sich fortan als alter ego aus Max Frischs wegweisendem Gesellschaftsroman durchs Musikgeschäft und über Konzertbühnen zu bewegen, fasste Julian „Faber“ Pollina irgendwann im Jahr 2013. Also scharrte der Züricher Liedermacher, dem in einer derart musikalischen Familie beinahe keine andere Wahl blieb, ein paar befreundete Musiker um sich, schrieb erste eigene Stücke, fasste sich irgendwann ein Herz und spielte diese seiner Landsfrau Sophie Hunger vor, welche das junge Talent kurze Zeit später als Vorgruppe mit auf Tournee nahm (die Schweiz erscheint klein genug, sodass man sich irgendwann einfach zwangsläufig über den Weg laufen muss). Wiederum zwei EPs später („Alles Gute“ 2015, „Abstinenz“ 2016), mit deren Songs sich der Musiker weitere Aufmerksamkeit – auch über die Grenzen seiner Schweizer Heimat hinaus – erspielte, erschien nun im Juli sein Debütalbum „Sei ein Faber im Wind“. Und das hat es in sich.

Warum?

Nun, spannen wir doch einfach einen lyrischen Bogen…

So heißt es – wenn auch noch ein wenig holprig getextet – im tollen „Tausenfrankenlang“, dem vierten Stück der damals noch via Crowdfunding finanzierten 2015er Debüt-EP „Alles Gute“:

„Ich habe dich geliebt / Tausend Franken lang / Und wenn du neben mir liegst / Sehe ich dich an / Dann schwebe ich davon / Tausend Meter hoch / Mir wird warm / Jetzt bin ich arm / Ich halt dich fest…“

Zwei Jahre später, im abschließenden Titelsong des Debütwerks „Sei ein Faber im Wind“, wiederum singt Faber folgende Zeilen:

„Einer von uns beiden hat gelogen / Und das war ich / Ich habe dir gesagt / Es sei egal, ich komme klar auch ohne dich / Und du hast es nicht geglaubt, hast laut gelacht / Und hast gesagt: ‚Mal schauen‘ / Und bist einfach abgehauen / Und jeder Jäger träumt von einem Reh / Jeder Winter träumt vom Schnee / Jede Theke träumt von einem Bier / Warum, du Nutte, träumst du nicht von mir?“

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Ja, Fabers Texte sind engmaschig durchzogen von einer nicht eben optimistischen Lebensweise. Meist haut er dem Hörer Sätze um die Ohren, die dieser – in ihrem durchlebten Fatalismus, behaftet mit lakonischer Resignation – vielleicht von jemandem erwartet hätte, der gerade das halbe Jahrhundert voll gemacht hat, kaum jedoch von einem Mittzwanziger. Und: Faber liebt es deftig. So heißt es etwa in „Bratislava“:

„Die Fischertöchter angeln sich nun Männer / Zeigen Bein und Brust, wenn’s denn sein muss / Für etwas Geld tut man alles in der Welt / Es sind dieselben, die bei uns Schlange stehen / Auf den Straßen, um dir schnell einen zu blasen / Oder sich ficken lassen in deinem Wagen…“

Jedoch ist dieser Gossenjargon bei dem Schweizer Musiker – und da besteht der größte Unterschied zu Bands wie Kraftklub, die ihre Ex-Freundin unlängst auch medienwirksam als „Hure“ in einem Song verewigten – nie pures Mittel, um 15 Minuten Aufmerksamkeit abzugreifen. Pollinas Skizze ebenjenes Fabers sieht einfach schmutzige, direkte Worte wie diese vor. Anderswo, im großartigen „Wer nicht schwimmen kann der taucht“ (allein der Titel – großartig!), singt er:

„Ich bin bestimmt kein Rassist / Und gegen Ausländer habe ich nichts / Aber ich schau euren Schlauchbooten beim Kentern zu / Im Liegestuhl, am Swimming Pool, am Mittelmeer / Kratz mich am Bart, kratz mich am Bauch / Wer nicht schwimmen kann, der taucht / Wer nicht schwimmen kann, der taucht…“

Trotz – oder gerade wegen – bitterer Zeilen wie dieser, welche im Satz „Wenn es mir schlecht geht, seh’ ich gern, dass es euch schlechter geht“ kulminiert, wird man 2017 kein treffenderes Stück Musik über Europas Haltung zur Flüchtlingspolitik finden – dass diese ausgerechnet von einem jungen Schweizer stammen, ist durchaus bezeichnend. Insgesamt trifft Fabers vor einigen Jahren selbst getroffene Beschreibung ganz gut: „Ich schreibe (wahn)witzige, traurige und ernste deutsche Texte über bedingungslose Liebe, Identität, Moral, kleinkriminelle Idole und alles was einen sonst so beschäftigt. Am liebsten würde ich wie Jacques Brel klingen. Ich klinge leider anders.“

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Doch wären all die tollen Texte freilich kaum etwas wert ohne die dementsprechende musikalische Begleitung. Und auch da setzt Julian Pollina, dieser süße, meist verlegen drein blickende Wuschelkopf, dem eine ganz ähnliche, scheinbar von – gefühlt – tausend Whiskey-und-Kippen-Nächten gegerbte Stimmfarbe wie AnnenMayKantereit-Kopf Henning May geschenkt wurde (auch wenn dessen Texte bisher nicht über die vier Wände der Studentenbude hinaus zu blicken wagen), die Messlatte hoch an. Gemeinsam mit seiner über die Jahre zusammen gestellten Begleitband entwerfen die dreizehn Songs von „Sei ein Faber im Wind“ einen musikalischen Road Trip durch Europa. Da gibt es Stücke, die Zach Condons Weltmusiker von Beirut kaum besser zu Gesicht gestanden hätten (die Trompete in der einminütigen „Ouverture“!). Da kommen einem die großen deutschsprachigen Liedermacher von Hannes Wader bis Reinhard Mey in den Sinn, genauso wie die ewigen französischen Chanson-Schwerenöter von Jaques Brel bis Leonard Cohen (näher an diesem als mit dem feinen „J’ai toujours rêvé d’être un gangster“ von der „Alles Gute“ EP kann man dem Kanadier in deutscher Sprache ohnehin nicht kommen). Wer bei Stücken wie „Nichts“ nicht mindestens mit einem Fuß wippt, der dürfte klinisch tot sein. Anderswo, bei „In Paris brennen Autos“, klingt der Tango an, während ein Song wie „Lass mich nicht los“ neue Maßstäbe in Punkto französisch-fatalistischer Schwermut setzt. Insgesamt brennen Faber und seine Band, deren Äußeres einen an eine lässige europäische Festland-Version der frühen Mumford & Sons denken lässt, eine reichhaltige Melange aus Folk, Balkan-Humpta, Jazz und Weltmusik ab, während der 24-jährige Frontmann in seinen Texten tief in kaputte männliche Egos abtaucht, dorthin wo sexueller wie gesellschaftlicher Frust, (National)Stolz und latente Aggression ein tristes Schattendasein fristen. Dort, wo auch der schönste Smartphoneschein nicht die eigene existenzielle Leere überstrahlen kann. Europäische First World Problems im 21. Jahrhundert, gebannt auf der besten deutschsprachigen Platte des Jahres. „Sei ein Faber im Wind“ ist mal leichte, mal fordernde Musik, jedoch zu jeder Minute große Kunst, durch und durch.

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Wer sich beim Hören des Debütalbums (zur Lektüre danach sei euch auch dieser „Musikexpress“-Artikel über Faber empfohlen) nicht allein auf die Musik beschränken mag, für den haben Faber zu nahezu jedem Albumstück ein oft ungewöhnliches, jedoch in jedem Fall ansehnliches Musikvideo gebastelt. Hier gibt’s die YouTube-Playlist:

 

Dass Faber durchaus Sinn für Humor und Ironie hat, beweist, dass er das Persiflage-Video von Luksan Wunder via Facebook mit „größte Ehre“ kommentierte:

 

Auch interessant: Fabers Auftritt bei Inas Nacht“, bei welchem er „Alles Gute“ zum Besten gab…

 

…sowie das „Blind Date“ mit „Musikexpress“-Redakteur Fabian Soethof, bei dem dem Schweizer Newcomer Einiges an (ihm meist hinlänglich bekannter) Musik vorgespielt wurde:

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


61gLcxNXArL._SS500Einar Stray Orchestra – Dear Bigotry (2017)

-erschienen bei Sinnbus/Rough Trade-

Schweden hat Abba, Finnland hat HIM, Dänemark hat Volbeat, Norwegen hat a-ha. Ist halt so. Und obwohl manch eine dieser Gruppen bereits seit Jahren Geschichte ist (Abba), sich gerade erst – der schnöde Mammon wird’s wohl möglich gemacht haben – für lukrative Konzert- und Plattendeals wieder zusammengefunden hat (a-ha) oder just bekannt gab, fortan das Zeitliche segnen zu wollen (HIM), verbindet mutmaßlich jeder popkulturell Geprägte zunächst einmal diese Bands mit den Ländern Skandinaviens.

Doch mal speziell zu Norwegen: Was hat das „Land der Fjorde“, das „Land der Trolle“, das „Land der Mitternachtssonne“, das „Land der Wikinger“ (das zumindest meint Google) denn noch zu bieten? Ja klar, weite, nordisch temperierte Landschaften, die ideal fürs Runterkommen fern des hektischen Großstadtdschungels oder für Angelurlaube sind, teuren Alkohol, eine gesunde Wettstreitsrivalität zum Rest Skandinaviens sowie faire und nicht selten recht lockere Arbeitsbedingungen – plus ein hervorragender, weit verbreiteter Gedanke namens „Janteloven“, entwickelt 1933 vom dänisch-norwegischen Autor Aksel Sandemoseder, der einen Verhaltenskodex über den Umgang der Norweger untereinander beschreibt. Es ist nicht erwünscht, sich für besser oder klüger zu halten als andere. Wer sich gerne in den Mittelpunkt stellt, wird schnell als Angeber verpönt. Könnten wir Festlandeuropäer uns mal ’ne Scheibe von abschneiden…

Und bei all den Künstlern und Bands, die sich da – eventuell ja im Norwegerpulli – in den letzten Jahren über die Landesgrenzen hinaus aufgemacht haben, die Welt zu erobern – von Leisetretern wie Kings Of Convenience über versierte Rocker wie Motorpsycho oder Madrugada bis hin zu Hardcore-Metal-Punk-Schreihälsen wie Kvelertak -, zeigt sich doch wieder, dass der Norweger Vielseitigkeit kann, denn die Musikszene in wie außerhalb Oslos hatte und hat freilich schon immer mehr zu bieten als a-ha, Ace of Base oder Aqua.

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Spätestens 2012, als sein Debütalbum „Chiaroscuro“ mit einjähriger Verspätung auch außerhalb der norwegischen Heimat erschien, erntete auch ein junger Mann namens Einar Stray allerlei möglichen Vorschusslorbeeren – und das völlig zu recht. Denn schon Strays Debüt war (und ist) ein Album voll mit aufwühlendem Indiepop, der mit der eigentlichen Einfachheit von Pop (oder zumindest von dem, was man so aus dem Formatradio kennt) so gar nicht zu vereinbaren war. Es enthielt orchestral instrumentierte Hymnen, komplexe Stücke, die mit Klassik, Folk und Postrock spielten und dabei so umarmend wie düster daher schlichen. „Chiaroscuro“ war (und ist) ein Album, so weit weg wie nur irgendwie möglich vom schnöden Indiepop – mit Klavier, Cello, Geige und Gesang als herausragende Elemente, entworfenen von ebenjenem Einar Stray, einem zierlich-dünnen Männlein Anfang zwanzig. Man höre nur den zehnminütigen, instrumentalen Schlusstrack „Teppet Faller“ – wer da nicht geplättet und zu Tränen gerührt die Arme gen Firmament reißt, dem seien an dieser Stelle Herz, Seele und musikalischer Sachverstand abgesprochen. Ernsthaft.

Danach folgte eine Umstrukturierung im aktuell fünfköpfigen Bandgefüge, die Songs des 2014 veröffentlichten Nachfolgers „Politricks“ wurden aggressiver, lauter, tobender, elektrisch verstärkte Gitarren und Feedback-Wände hielten mehr und mehr Einzug. „Politricks“ steckte, wenn auch noch mit einem Auge auf den Pop schielend, voll bitterer Bissigkeit, die sich im Ohr des Hörers gern bewusst quer legte, und wies den orchestralen Schönklang des Vorgängers nicht selten vehement zurück. Obendrauf gab es beim Bandnamen von nun an den Zusatz „Orchestra“.

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Dear Bigotry“ ist nun das dritte Album der Norweger um Einar Stray. Laut und wütend, ruhig und nachdenklich vereint es beide Seiten von „Chiaroscuro“ und „Politricks“ – und ist doch experimentierfreudiger als beide Alben zuvor. 2017 treffen bei dem norwegischen Bandleader, Jahrgang 1990, und seinen vier Bandmates Postrock auf klassische Klavier-Melodien und (beinahe) straighten Indiepop – nicht selten im selben Song. In „Glossolalia“ etwa versuchen sich Band und Soundeinspieler (eine Rede! eine Rede!) gegenseitig zu übertönen. Was versöhnlich beginnt, endet nicht selten in ausufernden Soundeskapaden.

Auch das Titelstück besitzt bereits in der Strophe eine gewisse unruhige Energie, man würde typischerweise eine Steigerung mit anschließender Entladung im Refrain erwarten, doch der verlagert nur das musikalische Gewicht auf den anderen Fuß, sodass hohle Bombastergüsse ausbleiben. Wenn das Schlagzeug dann doch losbollert, verhallt Vieles gewollt im luftleeren Raum, die dunkle wagnerianische Zuspitzung zum Schluss wirkt mit seinem stampfenden Klavier und sägendem Rhythmus wie eine ironische Überhöhung der Dramaturgie.

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Auch der Auftakt „Last Lie“ weist bereits zu Beginn einen gewissen Drive auf, Strays Gesang kühlt das unternehmungslustige Piano ein wenig runter, auch hier erwächst eine Erwartung des nahenden Ausbruchs, doch der Refrain gerät nicht zum himmelstürmenden Triumphzug, wirkt trotz der seidigen Hymnik nachdenklich: „I´m tired of the tiredness“. Dazu mischt die Band wunderschöne rhythmische Versätze, die besonders in der Songmitte für neue Farbgebung sorgen.

Auf dem Sprung ist direkt von Beginn an das tolle „As Far As I´m Concerned“, dass niemals so wirklich still hält und dem mächtige Gitarren und ein jubilierendes Keyboard in die Parade fahren, während das Auf- und Abschwellen der rhythmischen Frequenz dabei ein geradezu elastisches Klangkleid webt. In diesem Stück gibt es übrigens auch den einzigen lehrbuchmäßigen Bombastmoment (of Postrock fame): zwischen weit ausholendem Schlagzeugstakkato laufen delirierende Flöten und energische Streicher um ihr Leben, es kracht, die Balken brechen, der Himmel stürzt ein.

Klar, das Einar Stray Orchestra operiert zwar gerne und oft am oberen Ende der mit Pathos aufgeladenen Emotionsskala, ist aber schlau genug, Ruheinseln einzubauen. „Seen You Sin“ ist ein an- und abschwellender Strudel aus Klavier und Streichern, die dem Gesang von Einar Stray oftmals den sicheren Boden zu entziehen scheinen. Dass an solchen Stellen nicht zwangsläufig noch ein Knalleffekt eingeschoben werden muss, zeugt von der kompositorischen Weitsicht der Norweger. Der Musik gewordenen Verschnaufpause innerhalb all dieser Opulenz, dem schönen „20.000 Nights“, wird ebenso der Ausbruch verweigert. Der männlich-weibliche Duettgesang wirkt wie in einer staubigen Box eingeschlossen, draußen ist die bunte Welt, doch der Schlüssel bleibt unauffindbar, der Refrain zieht dann auch nur um ein Weniges die Intensität an, man bleibt unter sich: „And when the television hostess is put to ground / I’ll be on television singing on her song / With tears of joy cause, how I’ll love to announce / She was my savior and my youth, sometimes my doubts…“

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In den Songs von „Dear Bigotry“ verhandeln Einar Stray Orchestra die großen Themen rund um Politik, Religion und das harte Los der Liebe in modernen Zeiten, das Zaudern des Individuums mit der Gesellschaft, unsere Doppelmoral und innere wie äußerliche Zerrissenheit – die liebe Bigotterie. All das sind freilich nur allzu offensichtliche Themen für eine Bande weltoffener Mittzwanziger (man denke an den Ausspruch „Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.“, welcher mal dem französischen Politiker Georges Clemenceau, mal dem britischen Staatsmann Winston Churchill zugeschrieben wird), und sie sind selbst – und gerade – für das Einar Stray Orchestra keineswegs Neuland. 2012 etwa veröffentlichten die Norweger mit dem gespenstischen A-Capella-Stück „For The Country“ ihre ganz eigene Version eines Anti-Kriegs-Liedes, welches mit Zeilen wie „Good bye, my love, good bye / I will never see you again / The terrorist will hunt me down / The terrorist will kill your man / See you in heaven, my love“ auch einen unmissverständlichen Kommentar auf das darstellte, was sich nur ein Jahr zuvor auf der Insel Utøya, rund 30 Kilometer von der Hauptstadt Oslo entfernt, ereignete, als der irre Rechtsextremist Anders Behring Breivik innerhalb weniger Minuten ein Blutbad anrichte, bei dem insgesamt 77 Menschen, überwiegend Teilnehmer an einem Zeltlager der Jugendorganisation „AUF“ der sozialdemokratischen Arbeiderpartiet, ums Leben kamen (die Inspiration für „For The Country“ schreibt Einar Stray übrigens den kanadischen Postrock-Koryphäen A Silver Mt. Zion und deren Song „American Motor Over Smoldered Field“ zu). Doch obwohl das Einar Stray Orchestra spätestens mit dem seinen Zeigefinger bereits im Titel tragenden „Politricks“ als durchaus um Zeitgeist-Kritik bemühte Band bekannt sein dürfte, fügt das Quintett der eigenen Sozialkritik mit Album Nummer drei noch einige wichtige Nuancen hinzu. So singt Stray etwa im großartigen „As Far As I’m Concerned“: „Meeting people is easy / From a bar to a bed / But I can’t meet my own eyes / In the bathroom mirror of a stranger in the morning / Pixelating the girls of that dawn / Their flesh and bones in data codes / I thought I saw their souls, I saw their holes / The anthem of a hypocrite / Is shaking the arena seats / I wanna be the opposite / To prove you that I’m all the same“. Oder in „Penny For Your Thoughts“: „We got everything / But there’s something missing / We got everything we dreamed of except for dreams / We’re everything they ever wanted us to be“. Viel schöner als mit Zeilen wie diesen konnte auch einer wie Thom Yorke seine gesellschaftlichen Kommentare nicht ins Mikrofon greinen.

Dass all das nicht nach hinten los geht, liegt vor allem daran, dass die Kompositionen nicht hinter dem (nicht eben tief gestapelten) inhaltlichen Anspruch hinterherhinken, sondern eine konsequente klangliche Umsetzung finden. Vielleicht sollte man bei Einar Stray ohnehin besser von Kompositionen als von Songs reden. Die bis ins letzte Detail ausgestalteten Klanglandschaften tragen einen in eine fantastische Welt. Und so irgendwie auch weg von den besungenen Problemen, hinein in die eigene Gefühlswelt. Die Songs branden auf und fallen wieder in sich zusammen, wie das Meer an einer schroffen norwegischen Küste.

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Die Krux ist, dass einer der größten Trümpfe des Einar Stray Orchestra gleichzeitig das, wenn man so will, größte Manko von „Dear Bigotry“, das von Team-Me-Frontmann Marius Hagen produziert wurde, darstellt: Jede Ecke dieser Stück ist ausgemalt in schillernden Tönen, kein Winkel wurde vergessen. Wer es sich einrichten will in diesen Kompositionen, muss sich erst einmal durch all die Schichten wühlen, denn die Songs schwirren einem nur so um die Ohren, so dass man zunächst nicht weiß wo man zuerst hinhören soll. Doch bald erkennt man eine wohlsortierte Ordnung und hinter all den Chören, Streicherflächen und perlenden Klaviermelodien kommen wunderbar schillernde Popsongs zum Vorschein. Zusammengehalten werden die Songs vor allem durch Einars tiefe, beruhigend warme Stimme, die selbst dann nicht die Ruhe verliert, wenn außen herum alles anfängt in die Luft zu fliegen. Das erinnert manchmal vorsichtig an das Ergebnis, welches man wohl bekommen würde, würde man Künstler und Bands wie Yann Tiersen, Sufjan Stevens, Patrick Wolf und Sigur Rós zusammen in eine – zugegebenermaßen dann recht große – Holzkiste sperren und erst wieder herauslassen, wenn ebenjenes Team auf Zeit ihre Version eines Arcade-Fire-Coveralbums durch einen Bodenschlitz nach außen reicht. Klingt anstrengend? Ist’s auch, irgendwie, denn dieses Album fordert schon mehr als ein halbes Ohr im Hintergrund. Und wenn am Ende des letzten Stücks „Synthesis“ die zuvor noch jubilierenden Bläser verstummt sind, wenn nichts mehr zu hören ist, keine epischen Melodien mehr, keine irisierenden Klangflächen, keine euphorischen Chöre, keine diffizilen Rhythmen mehr und nur noch weißes Rauschen, dann ist auch der Zuhörer ein wenig müde. Im besten Fall jedoch auch: verzückt.

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Via Bandcamp kann man sich „Dear Bigotry“ in Gänze anhören…

(alle Texte findet man hier…)
 
 

…und hier die Musikvideos zu „As Far As I’m Concerned“…

 

…und „Penny For Your Thoughts“…

 

…sowie zweiteren Song auch als Live-Session-Version anschauen:

  

Rock and Roll.

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