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Song des Tages: Machine Gun Kelly & Travis Barker  - “Killing In The Name“


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Colson Baker, der – zumindest in den US of A – besser bekannt unter seinem street name Machine Gun Kelly sein sollte, und Blink-182-Schlagzeuger Travis Barker haben ein Cover des Rage Against The Machine-Klassikers „Killing In The Name“ veröffentlicht. Motiviert wurden die beiden Musiker hierbei von der„Black Lives Matter“-Bewegung, die nach George Floyds Tod durch unverhältnismäßige Polizeigewalt erneut weltweit Demonstrant*innen auf der Straße versammelt und sich lautstark gegen den leider noch immer grassierenden Rassismus speziell in den derzeit gar nicht mal so Vereinigten Staaten (aber freilich auch hierzulande) stark macht.

Die recht nah am unkaputtbaren Original gehaltene Coverversion selbst entstand, nachdem MGK, der in den letzten Jahren vor allem als Rapper und Gelegenheitsschauspieler (etwa in „Birdbox“) in Erscheinung trat, und Barker gemeinsam an einer ebenjener Demos in Los Angeles teilgenommen hatten. „Sie schrieben den Song 1992. Das ist 28 Jahre her und jedes Wort trifft immer noch zu“, erklärt Machine Gun Kelly die fast schon offensichtlich folgerichtige Songwahl via Twitter. Den allseits bekannten Textzeilen “Fuck you, I won’t do what you tell me!” fügt Machine Gun Kelly die entschlossenen Worte “To the protesters in these streets / Fight the system! / Fuck the system! / We will be heard!” hinzu.

Im dazugehörigen, in schwarz-weiß gehaltenen Clip sieht man die beiden Musiker, die Schilder mit Aufschriften wie “STOP ARRESTING PROTESTORS! ARREST KILLER COPS!” und “NO JUSTICE. NO PEACE.” in den Händen halten und jüngst bereits den ein oder anderen Song gemeinsam aufgenommen hatten, im Studio neben Zusammenschnitten von aktuellen Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt. „End systematic racism“, heißt es am Ende des Videos – welch‘ frommer Wunsch, für den sich in den Neunzigern bereits Zack de la Rocha, Tom Morello und Co. stark gemacht haben…

 

 

„Killing in the name of

Some of those that work forces
Are the same that burn crosses…

Uh!

Killing in the name of…

Now you do what they told ya…
And now you do what they told ya…
But now you do what they told ya
Well, now you do what they told ya

Those who died are justified
For wearing the badge, they’re the chosen whites
You justify those that died
By wearing the badge, they’re the chosen whites
Those who died are justified
For wearing the badge, they’re the chosen whites
You justify those that died
By wearing the badge, they’re the chosen whites

Some of those that work forces
Are the same that burn crosses…

Uh!

Killing in the name of…

Now you do what they told ya…
And now you do what they told ya
(Now you’re under control) And now you do what they told ya…

Those who died are justified
For wearing the badge, they’re the chosen whites
You justify those that died
By wearing the badge, they’re the chosen whites
Those who died are justified
For wearing the badge, they’re the chosen whites
You justify those that died
By wearing the badge, they’re the chosen whites
Come on!

Ugh!
Yeah!
Come on!
Ugh!

Fuck you, I won’t do what you tell me…
Motherfucker
Ugh!“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Norbert Buchmacher – „Die Ballade von Willi und Walther“


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Foto: Robin Disselkamp

Aus gegebenem Anlass – wer sich die aktuellen Bilder der Unruhen in den Staaten von Amerika (das „Vereinigte“ scheinen sie derzeitig gut und günstig via eBay Kleinanzeigen verramschen zu wollen) anschaut, der weiß wohl recht schnell Bescheid – soll einmal mehr Norbert Buchmacher zu Wort kommen.

norbert-buchmacher-habitat-einer-freiheit-201828Regelmäßige Leser von ANEWFRIEND werden sich vielleicht vage in den Juni des vergangenen Jahres zurück erinnern, als der Berliner Musiker und sein aktuelles Album „Habitat einer Freiheit“ (das gibt’s derzeit als „name your price“ via Bandcamp, also hat wohl niemand von euch auch nur noch irgendeine Ausrede, da nicht reinzuhören!) hier vorgestellt wurden. Auf ebenjenem Werk findet sich auch der Song „Die Ballade von Willi und Walther“, in welchem Buchmacher im Stil von Brechts Dreigroschen-Oper auf rassistische Tendenzen innerhalb der deutschen Polizei aufmerksam macht – ein Stück, welches in diesen Tagen aktueller, wichtiger und zeitgeistiger denn je erscheint, und allen, die noch immer keinen Wind von all den Missständen da draußen bekommen haben, zu denken geben sollte…

 

Via Facebook teilte Norbert Buchmacher heute ein Kunst-Grafik des vor ein paar Tagen durch Polizeigewalt getöteten Afroamerikaners George Floyd (welche ihr auch weiter unten seht) sowie folgende Zeilen:

„In der Buchmacher-Welt seht ihr hier einen weiteren Willi. Manche Menschen mögen sich fragen, was damit gemeint ist. Wer sich jedoch intensiv mit uns befasst und auch nur ansatzweise Wert auf lyrische Inhalte legt, der wird ‚Die Ballade von Willi und Walther‘ verstanden haben. Denn in diesem Song geht es genau um das aktuelle Thema. Das ungerechte Behandeln und grundlose Morden von unschuldigen Menschen, welche einen anderen Hautton haben als die Herren in der Uniform. Die Menschheit kämpft nicht erst seit gestern mit diesem Problem und es scheint kein Ende in Sicht zu sein. Freund und Helfer sagt man. Das mag in vielen Fällen zutreffen, jedoch verliert diese Bezeichnung immer mehr an Bedeutung. Der Missbrauch von Macht und potentieller Überlegenheit rückt in den Vordergrund und sorgt immer wieder für Zündstoff. Solange Menschen diskriminiert und misshandelt werden, sollten wir als Künstler jede Möglichkeit nutzen die Faust zu heben und auch ein Mikrofon eignet sich doch bestens dafür 😉 Wir machen vielleicht Pop-artige Musik, aber wir sind im Herzen immer noch Punks und das wird sich auch nie ändern. Wem wir immer noch ein Rätsel sind, der darf sich gerne mit belangloser deutscher Pop Musik befassen, da muss man nicht so viel denken, right? Wir machen diese Musik, weil es Dinge gibt, die einfach gesagt werden müssen. Wir sehen es als unsere Pflicht, das Mikrofon für mehr als schöne Melodien zu nutzen. ‚Die Ballade von Willi und Walther‘ ist unser Soundtrack zu den aktuellen Geschehnissen und so schnell wird sie nicht aus unserem Set verschwinden.“

 

 

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Rock and Roll.

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Song des Tages: The Dresden Dolls – „I’m Going To Go Back There Someday“


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Zwölf Jahre nach dem letzten Album „No, Virginia…“ und zwei Jahre nach den letzten gemeinsamen Shows in London haben The Dresden Dolls mit „I’m Going To Go Back There Someday“ tatsächlich einen neuen Song aufgenommen – was umso bemerkenswerter erscheint, wenn man bedenkt, dass Amanda Palmer derzeit – teils selbstgewählt, teils Corona-bedingt – im fernen Neuseeland weilt (über das Wieso kann man ausführlich bei Patreon oder etwa Facebook lesen), während es Schlagzeuger Brian Viglione im vergangenen Jahr gemeinsam mit seiner Frau Olya (mit der er übrigens auch die bislang leidlich erfolgreiche Alternative-Rock-Band Scarlet Sails anführt) vom Big Apple ins sonnige Los Angeles verschlug.

Und obwohl es sich bei dem Song, dessen Einnahmen selbstredend karitativen Zwecken zugute kommen (an den Boston Resiliency Fund, der Menschen in und um Boston hilft, die besonders hart von der Corona-Krise betroffen sind), „nur“ um eine Coverversion handelt (aus dem anno 1979 erschienenen „The Muppet Movie“), so ist es doch schön, mal wieder etwas Gemeinsames von der legendären Cabaret-Punk-Band zu hören…

Brian Viglione gab dem Stück via Facebook folgende Zeilen mit auf den Weg:

„This is extremely exciting to be teaming up with Amanda across thousands of miles to record one of the most achingly beautiful Muppet songs, and contribute support to the Boston Resiliency Fund to provide food for children and seniors, technology for remote learning for students, and support to first responders and healthcare workers in the City of Boston.

I had a whirlwind night at my apartment after I received Amanda’s vocal and piano tracks, and I was reminded of the tenderness of this song, and working to maintain that feeling of longing that is so perfect in the original.

As we know from The Muppet Movie, so often these unforeseen and often devastating challenges are really just a test of our ability to let go, our resiliency and ability to adapt, our patience to step back out of our own personal wants and little bubbles of control or expectation and just patiently wait things out with by placing more gratitude on the love of those around us.

I hope that the funds raised from this release continue aid the brave efforts of all the frontline healthcare workers, teachers and educators, and provide some relief and escape to anyone listening.

Thank you all for being out there and spreading your light.“

Amanda Palmers kaum weniger ausführliches und emotionales Statement kann man hier lesen.

 

(oder via YouTube)

 

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Foto: Facebook

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Holy Hive – „Float Back To You“


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Homer Steinweiss, ein Soul/Funk-Schlagzeuger aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn, hatte schon immer ein Faible für Folk Music. Paul Spring, ein junger, idealistischer Folk-Sänger, der mit seiner Gitarre bereits durch das Land reiste, hatte in all diesen Bildern von einem bleichgesichtigen Sixties-Troubadour-HoBo à la Bob Dylan oder Hank Williams, die sich nun wohl unweigerlich vorm inneren Auge auftun, stets ein wunderschönes Falsettgesangsass in seiner Gesäßtasche. Und wie das Schicksal es manchmal, manchmal so will, trafen sich die Cousins im richtigen Moment bei einer Familienfeier. Zunächst produzierte Homer Steinweiss einige Soloplatten von Paul Spring, schließlich gründete das Duo Holy Hive. Für etwas mehr Rhythmus engagierten sie Joe „Tone“ Harrison am Bass und begannen, ihre ersten Stücke als Band aufzunehmen. Eine Tournee mit Soul-Legende Lee Fields sollte einen unerwarteten Effekt auf ihren Sound haben, da sie ihr Material nun vor einer Menge tanzwütiger Soul-Fanatiker testen konnten. Und brachte die ein oder andere Erkenntnis mit sich, die den nächsten Schritt in ihrer Entwicklung bewirkte und einen Sound hervorbrachte, der in mach einem Moment nahezu einzigartig wirkt. Einen Sound, dessen Harmonien beinahe so formvollendet tönen, dass schlussendlich gar ein neues Genre dabei herausspringt: Folk-Soul (man korrigiere mich bitte, falls es das schon geben sollte!).

HolyHive_FloatBacktoYou-Cover_200319Und obwohl heute mit „Float Back To You“ das Debütalbum von Holy Hive erscheint, hat man es hier keineswegs mit noviziellen Newcomern zu tun. So trommelt Homer Steinweiss bereits seit 2000 professionell und hat seitdem den Backbeat zu Platten von Amy Winehouse, Bruno Mars, den Jonas Brothers oder Lady Gaga (um nur einige zu nennen) geliefert und mit Soul-Acts wie Sharon Jones & The Dap Kings und The Arcs die ganze weite Welt bereist. Trotz all diesen Erfahrungen ist Holy Hive die erste Band, die wirklich ihm gehört, und wer die Lauscher spitzt, der kann hören, wie sehr sie ihm am Herzen liegt. Paul Spring wiederum stammt aus einem kleinen Kaff in Minnesota, wo er seine prägenden Jahre damit verbrachte, altgriechische Mythologie zu studieren und Songs auf seiner Akustischen zu üben. Mit selbiger im Schlepptau tourte er anschließend jahrelang durch die heimatlichen Vereinigten Staaten, spielte mal hier, mal da Solo-Shows, um über die Runden zu kommen, oder gelegentlich Auftritte in Bibliotheken, um seine selbst veröffentlichte Kinderplatte „Home Of Song“ zu promoten.

Beim Hören ihres Debütalbums zeigen sich ihre unterschiedlichen Erfahrungen und Einflüsse denn auch recht schnell. Vom heftigen Downbeat der das Werk eröffnenden Lead-Single „Broom“ bis hin zum intimen Cover des Honeybus-Stücks „Be Thou By My Side“ zeigt „Float Back To You“ sowohl ihre jeweiligen Fähigkeiten als Songschreiber als auch ihre tadellose Musikalität. Auch Springs Vorliebe für die antike Mythologie zeigt sich an einigen Stellen des Albums und fügt dem Werk so eine weitere recht interessante Ebene hinzu. Auf „Embers To Ash“ etwa adaptieren Holy Hive das „Fragment 31“ des griechischen Dichters Sappho fürs Musikalische oder überarbeiten die irische Volksweise „Red Is The Rose“ vollständig zu einem modernen Two-Stepper. Ein weiterer herausragender Song ist der Fast-schon-Klassiker „Oh I Miss Her So„, welcher erstmals auf ihrer 2018 erschienenen „Harping EP“ zu hören war und auf dem die versierte Harfenistin Mary Lattimore und die Trompete von Dave Guy (The Roots) zu hören sind.

Freilich steht stets die prägnante symbiotische Verknüpfung des mal funky, mal bullig platziertem Drummings und der flatternden Folkgitarre, zu der sich neben Springs beseelt-zartem, aber auch gleichzeitig folk-affinen Gesang gerne vom Jazz geküsste Bläser(sätze) gesellen, im Zentrum der Songs, in denen es – bei aller Luftigkeit – massig zu entdecken gibt. Wenn man so mag, sind Holy Hive in der Tat Meister der Ebenen, einige davon tauchen stante pede an der Oberfläche auf, andere wiederum sind wie der Titelsong des Albums: zunächst meint man lediglich ein wunderschönes Liebeslied zu hören (und daran ist ja auch nix auszusetzen), nur um später herauszufinden, dass es im Grunde um das Nachhausekommen zu einer geliebten Katze geht. Und das mag vielleicht das Schönste und Aufschlussreichste an den Songs von Holy Hive sein: sie machen es einem gleich beim ersten Hören leicht, sie zu mögen, aber wenn man etwas mehr Zeit mit ihnen verbringt, fügen sich immer mehr Puzzleteile zu einem größeren Ganzen zusammen…

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Dears – „I Know What You’re Thinking And It’s Awful“


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Montréal. Rockband. Da denkt wohl fast jede(r) sofort an Arcade Fire, Post-Rock-Degustinatos eventuell noch an Godspeed You! Black Emperor. Dabei sollte – ja: müsste – Connaisseuren der kanadischen Musikszene schon seit Jahren der Name The Dears weitaus mehr als nur ein Randbegriff sein. Ein sattes Vierteljahrhundert gibt es die Band bereits, 2003 erschien ihr – gerade im retrospektiven Rückspiegel – gigantisches Debütalbum „No Cities Left“, das im Grunde ausschließlich aus epochalen Post-9/11-Hymnen bestand, deren Mixtur aus herbstlich-melancholischem, britisch gefärbtem Indie Rock und hinreißenden Streichern-Orchestrierungen mutmaßlich wohl sogar Größen wie Pulps Jarvis Cocker vor Rührung die Hornbrille beschlagen ließ.

Und wie so oft liegt hier die Crux: der große Anfangswurf bildet von nun an gleichzeitig die Messlatte. Wer wie die Band um das Ehepaar Murray A. Lightburn und Natalia Yanchak bereits so früh sein Limit erreicht, ja vielleicht sogar überschreitet, der hat’s von nun an verdammt schwer. Konnte der Nachfolger von 2006, „Gang Of Losers“, noch mit gesteigertem Popappeal und fantastischen (Einzel-)Songs glänzen (und stellenweise einmal mehr entzücken), wurde die Quote an richtig gelungenen Songs kleiner und die der durchschnittlichen und recht lieblosen Lieder von Veröffentlichung zu Veröffentlichung leider größer (wobei ich hier das fünfte, 2011 erschienene Studiowerk „Degeneration Street“ lobend von dieser Kritik ausnehmen möchte).

Ja, selbst als großer, langjähriger Fan dieser Band war es schwer, da stets mitzugehen. Erschwerend kam hinzu, dass Lightburn, Yanchak und Co. auch immer seltener durch Deutschland tourten. Zwischen den letzten beiden Berlin-Shows etwa, die jeweils 2006 und 2017 stattfanden, verging zu viel Zeit, um ein neues Indie-Publikum mit Musik zu füttern, und so war die letzte Show im Berliner Privatclub schlecht besucht und auch die Band „glänzte“, wie man vielerwebs las, mit derart erschreckender Lustlosigkeit, aufgesetzten Rockposen und gruseligem Live-Sound, dass wohl nicht wenige der Besucher diese Show zur letzten der Band (zumindest mit ihnen) erklärten. In diese Phase fielen auch die letzten zwei, 2015 beziehungsweise 2017 veröffentlichten Alben „Times Infinity Volume One“ und „Volume Two“, denen man im Gros passenderweise ebenjene fehlende Spannung und innere Konsistenz anhörte.

71cXE1KekwL._SS500_Nachdem sich der zum Workaholic neigende Frontmann Murray A. Lightburn im vergangenen Jahr auf seinem zweiten Solo-Werk „Hear Me Out“ deutlich reduzierter und bluesiger austoben konnte, kehrt die Band, die im Grunde nur aus besagtem Kreativ-Ehepaar und einer permanent wechselnden Belegschaft an Mitmusiker*innen besteht (seit 1995 wechselten sich sage und schreibe 21 verschiedene Kreative an den Instrumenten ab), mit ihrem nunmehr achten Album „Lovers Rock“ zurück. Und nach dem eher mäßigen Output der letzten Jahre (sowie dem jüngst im britischen NME erschienenen Quasi-Verriss) war es wohl keinem zu verdenken, dem Ganzen mit guter Skepsis zu begegnen. Jedoch: hört hört – das neue Album ist richtig, richtig gut geworden! Und wäre nicht Corona über die Welt, die Lightburn und seine The Dears hier einmal mehr mit düster-dystopischen Bildern besingen, gekommen, so hätte man bereits im April Montréals schönste Band – sorry, Arcade Fire! – mit diesem Werk auf deutschen Bühnenbrettern bewundern dürften – Spielfreude und Motivation freilich vorausgesetzt.

Lovers Rock“ benötigt mit dem Opener-Doppel aus „Heart Of An Animal“, einem epischen Stück, wie maßgeschneidert für eine Pandemie, und „I Know What You’re Thinking And It’s Awful“ auch keinerlei Anlaufzeit, bis sich die Ohrwürmer in den Gehörgängen entfalten. Der grundlegende Sound gerät rauer als zuletzt und wie mit einem kaputten Radiergummi scheinen alle überladen-schmalzigen, leidlich gelungenen Popskizzen der Vorgängeralben zu einem jugendlich-brillanten Werk verschmiert. Die Songs verlaufen nicht mehr linear oder gewollt verkünstelt. Angetrieben von dichten Gitarrenriffs wird so eine Stimmung erzeugt, die oft genug an Rock-Hymnen der Neunziger und Nuller-Jahre erinnert. Auch „No Place On Earth“ befasst sich mit der Tragik der Vergänglichkeit, der Unwissenheit, wohin das alles führen wird, und komplementiert damit das Gesamtbild der Gesamtsituation. Noch treffender wird es dann in „Play Dead“, einem apokalyptischen Love-Song, welcher eine unsagbare Schwere ausstrahlt. Das jazzige „Stille Lost“ als Dreh- und Angelpunkt der zehn neuen Stücke ist raffinierter Darling und beinahe erdrückend schön, und der feine Abschluss „We’ll Go Into Hiding“ hat genug Drive, um einen für eine längere Weile – einem Satelliten gleich – um den bandinternen Backkatalog kreisen zu lassen.

Klare Sache, das – da hat eine Band wieder Blut geleckt und keinerlei Lust (mehr), irgendwem gefallen zu wollen. Das tut jeder Sekunde des auch mit 43 Minuten verdammt kurzweilig geratenen Albums gut, welches thematisch mit Themen-Komplexen wie Isolation und Überlebenskampf unerwartet auf der Höhe des Zeitgeists operiert und schlussendlich an so viele geliebte Einflüsse erinnert: Soul’n’Jazz, Morrissey und The Smiths, die Weezer der frühen Jahre, Blur (Lightburns Gesang ist da ohnehin naturgemäß verwandt) – und The Dears selbst zu ihrer Anfangszeit. „Orchestral Pop Noir“ nennt das die Band seit eh und je selbst. Wir verbuchen’s unter: Rückkehr zu alter Stärke.

 

 

„A true crime
It happened here
Better lay low till the coast clears

Your mother weeps
Your father cries
Out why in the middle of the night

Innocent
Can’t prove it
Malevolent hearts are seething

Entanglement
Web-weaving
Is there anybody
Worth deceiving here

I know what you’re thinking
And it’s awful
An abomination

Ooh I can’t forget it
I can’t forget it
I’m not over you…

Waited long
Maybe years
Fear against hope, hope against fear

But you and I
It’s do-or-die
Right now in the middle of the night

I know what you’re thinking
And it’s awful
An abomination

I’ll never let it go
I’m entitled
Even though you’re long gone

Ooh I can’t forget it
I can’t forget it
I’m not over you…

I know what you’re thinking
And it’s awful
An abomination

But I’ll never let it go
I’m entitled
Even though you’re long gone

Ooh I can’t forget it
I can’t forget it
I’m not over you…

I know I’m not over you
I said I’m not over you
I said I’m not over you
I’m not over you“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Matt Berninger – „Serpentine Prison“


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Als Sänger von The National ist Matt Berninger schon länger ein Name, den man auf dem Schirm hat (oder, falls bislang unerklärlicherweise noch nicht, dringend haben sollte). Nun hat der 49-Jährige US-Musiker sein erstes Soloalbum angekündigt, das am 2. Oktober erscheinen wird. Vorab veröffentlicht der dauermelancholische Brummler bereits heute den Titelsong „Serpentine Prison“ als Single.

29135Der Song entstand im Dezember 2018, kurz nachdem Berninger die Aufnahmen zum jüngsten The National-Album „I Am Easy To Find“ beendet hatte.  „Ich habe lange Musik für Film, Musials und andere Projekte geschrieben, bei denen ich in den Kopf einer anderen Person eindringen und ihre Gefühle vermitteln musste“, erzählt der umtriebige Musiker, der im vergangenen Jahr außerdem einen gemeinsamen Song mit Indie-Singer/Songwriterin Phoebe Bridgers veröffentlichte, über das Stück. „Das hat mir gefallen, aber ich war bereit, vor meiner eigenen Tür zu kehren, und das war die erste Sache, die dabei herausgekommen ist.“

Den Titel der Platte sowie des Titelstücks erklärt er denn wie folgt: Er „stammt von einem gewundenen Abwasserrohr, das in der Nähe des LAX (Los Angeles International Airport) in den Ozean abfließt. Am Rohr befindet sich ein Käfig, der verhindert, dass Menschen aufs Meer hinausklettern. Ich habe mit Sean O’Brien und Harrison Whitford an dem Song gearbeitet und ihn ungefähr sechs Monate später mit Booker T. Jones aufgenommen. Es fühlt sich an wie ein Epilog, also habe ich die Platte danach benannt […].“

Beim Musikvideo zum Song, in welchem Berninger mit andern Musikern bei der Arbeit im Studio zu sehen ist und dessen Aufnahmen im Earthstar Creation Center in Venice entstanden, war konsequenterweise sein Bruder Tom Berninger für die Regie zuständig. Über die recht komplizierte Beziehung der beiden in recht unterschiedlicher Art und Weise Kreativen gibt es sogar bereits einen abendfüllenden, 2014 erschienenen Doku-Film titels „Mistaken For Strangers„. Auch hier der Tipp: Wer es noch nicht getan hat, sollte sich selbigen unbedingt zu Gemüte führen…

Für das neue Album arbeitete Berninger neben seinen Bandkollegen von The National unter anderem mit Drummer Matt Barrick (The Walkmen, Jonathan Fire*Eater), Bassistin Gail Ann Dorsey (David Bowie, Lenny Kravitz), Multiinstrumental-Singer/Songwriter Andrew Bird sowie Brent Knopf zusammen, mit dem er bereits 2015 als EL VY ein Album veröffentlicht hatte. Produziert wurde „Serpentine Prison“ von Produzent und Multiinstrumentalist Booker T. Jones.

 

 

Rock and Roll.

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