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Die Krux mit dem Musikstreaming – Arte beleuchtet die Ungerechtigkeiten des Musikgeschäfts


„Was passiert mit den Streaming-Milliarden?“, so lautet der Titel einer neuen Dokumentation des Arte-Formats „Tracks„. Darin befasst sich der französisch-deutsche Kultur-Sender mit der Verteilung der Gelder auf Spotify. Denn vom schnöden Kapitalismus-Triebmittel Mammon ist, so scheint es, mehr als genug vorhanden, schließlich wächst und wachsen die Streaming-Plattformen – ganz im Gegensatz zu manch physischem Datenträger – Jahr um Jahr. Ein paar Zahlen gefällig? Gern: So erwartet allein Spotify bis Ende 2021 zwischen 402 und 422 Millionen Nutzer, 172 bis 184 Millionen zahlende Abo-Kunden sowie einen Jahresumsatz zwischen 9,11 und 9,51 Milliarden Euro. Schon im ersten Quartal 2021 fiel ein Quartalsgewinn von immerhin 23 Millionen Euro an. Und Spotify-Günder Daniel Ek? Der ist inzwischen längst Milliardär und gerade in den Schlagzeilen, weil er an eine Übernahme der englischen Premier League-Größe FC Arsenal denkt.

Die Leidtragenden in diesem monopoly’esken Spiel aus „Höher! Schneller! Weiter!“ sind am Ende die Kunstschaffenden selbst, bei denen schlussendlich nur ein Bruchteil der Einnahmen ankommt (eine Beispielrechnung kann man anhand von Drakes neuerlichem Weltrekord von 50 Milliarden Streams gern selbst aufmachen). Denn die Auszahlung erfolgt im Grunde nicht per Stream, sondern per Marktanteil. Hierzu werden die Einnahmen in einen großen Topf geschmissen und je nach Anteil verteilt, den jemand an den Gesamtstreams hat – ein Verfahren, welches sich „Pro Rata“ nennt.

Kaum verwunderlich also, dass mittlerweile auch immer mehr Stimmen laut werden, die das schwedische Unternehmen, ebenso wie „Kollegen“ wie Apple Music oder Amazon Music, kritisieren – weltweite öffentliche Demonstrationen dies- wie jenseits des weltweiten Internets inklusive. Gefordert wird etwa bei der Protestaktion „Justice At Spotify“ 1 Cent pro Stream – derzeit liegt man zwischen 0,0025 und 0,0042 Euro. Ist diese Forderung allerdings zielführend oder sollte es nicht vielmehr (und viel mehr) sinnvolle Alternativen zu Spotify und Co. geben? Etwa das „User-Centric-Payment-System“, kurz UCPS, welches laut Spotify keine Alternative sei, aber zum Beispiel von Deezer bereits angeboten wird. Eine Unterstützung von den Majors? Bisher Fehlanzeige. Der Frage nach zielführenden Alternativen ist etwa auch dj-lab.de hier auf den Grund gegangen.

Die Dokumentation von „Tracks“ beschäftigt sich jedoch nicht nur mit dem Geldfluss, sondern schaut sich auch die Auswirkungen des Streamings auf die Gestaltung der Musik selbst an und wie Künstler*innen ihre Fans zum gemeinsamen Streamen mobilisieren. Zum Schluss versucht die sehenswerte halbstündige Doku noch einen Blick in die Zukunft zu wagen: Was müsste sich ändern um für mehr Gerechtigkeit in der Musikindustrie zu sorgen und wie sieht es mit Alternativen wie den Plattenläden oder Bandcamp aus? Zu Wort kommen Stimmen aus den Major-Labels und Indie-Künstler*innen wie die Art-Pop Sängerin Balbina, Juse Ju oder Mat Dryhurst.

Die gesamte „Tracks“-Dokumentation „Was passiert mit den Streaming-Milliarden?“ lässt sich aktuell in der Mediathek von Arte oder via YouTube – joppa, natürlich – streamen.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Burkini Beach – „Crying At The Soundcheck“


Derzeit wird das Livekonzert ja – verständlicherweise – romantisiert. Wir alle vermissen es, im stickigen Club Livemusik zu sehen. Aber sind wir mal ehrlich: Die Realität war oft eine andere. Schlecht besucht, eine Handvoll Getränkemarken, das Catering ein schlechter Witz, wenn es überhaupt welches gibt. In seiner neuen Single „Crying At The Soundcheck“ erzählt Rudi Maier aka Burkini Beach augenzwinkernd genau von diesen niederschmetternden Erlebnissen auf Tour. Das ist ein bisschen romantisch, ein bisschen traurig, und vielleicht für die jetzige Zeit genau richtig.

Aufgenommen und produziert wurde der Song, seines Zeichens der erste Vorbote vom Nachfolger zum feinen „Supersadness Intl.„, natürlich von Simon Frontzek aka Sir Simon – Maier und Frontzek sind seit Jahren gemeinsam als bestens eingespieltes Produzententeam für unter anderem Thees Uhlmann, Madsen, Late Night Berlin und viele weitere Projekte tätig. Die Corona-Pause haben beide Acts genutzt, um sich in ihrem Studio in Berlin-Kreuzberg zu verbarrikadieren und gegenseitig ihre neuen Soloalben zu produzieren, welche im Spätsommer 2021 parallel über Comfort Noise und Grand Hotel van Cleef erscheinen sollen. Und nachdem die neue Sir Simon-Single „A Little Less Bored“ (die erste seit schlappen zehn Jahren!) bereits vor kurzem das Licht der Musikwelt erblickte, legt der zweite Teil des Produzenten-Duos nun nach.

Und tönt schonmal recht vielversprechend. Zusammen mit der Pedal-Steel gleitet man in die neue Single von Burkini Beach, die sich vor einem ausbreitet wie eine weite amerikanische Landschaft. Überall Gitarren, überall Melodie. Wild Pink und The War On Drugs lassen lieb grüßen. Und nicht nur die strahlende zweite Stimme von Emma Elisabeth erinnert hier an Fleetwood Mac.

Im beschwingten Up-tempo cruist man mit offenem Verdeck und voller Vorfreude los, merkt jedoch bald: Howdy, hier stimmt etwas nicht! Das ist keine Road-Trip-Romantik, das ist ein indie’eskes Jammertal – wenn auch kein ganz ernst gemeintes. Rudi Maier erzählt vom Unwohlsein „on the road“, von einer ernüchternden Tournee, von quälenden Soundchecks und schlecht besuchten Konzerten. Mann ist schließlich nicht Taylor Swift.

I’m crying at the soundcheck
I’m terribly tired
I’m scared that it all sounds bad
I thought I was dead inside…“

Klar, ein wenig schwingt hier das augenzwinkernde Selbstmitleid von Phoebe Bridgers oder David Berman mit. In Zeiten der Pandemie schwer nachvollziehbar, aber: Irgendwann kommt auch für zarte Künstlerseelen immer und unausweichlich der Punkt, an dem man einfach nur noch nach Hause will…

Musikalisch konterkariert wird die Geschichte der scheiternden Independent-Tour von einem elaborierten Pop-Arrangement in glasklarer HiFi-Ästhetik. „Crying At The Soundcheck“ klingt nach US-amerikanischer Westküste, nach den großen Tonstudios im Los Angeles der 1970er Jahre. Klischee? Mag sein. Aber ein schön vertontes. It’s always summer in California.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Isaac Gracie


Foto: Promo / Mike Massaro

Sekunden der Stille verstreichen. Normalerweise nutzen Künstler instrumentale Pausen innerhalb oder zwischen den Songs, um eine gewisse Atmosphäre zu kreieren… Aber eine solche Kunstpause am Anfang eines Albums? Ungewöhnlich, fürwahr. Dann jedoch setzen endlich die ersten Klänge des Debüts von Isaac Gracie ein. Der heute 26-jährige Londoner zeigt auf dem gleichnamigen, 2018 erschienenen Album eine Mischung aus melancholisch-eleganten Chansons, gepaart mit einer ganzen Menge Wehmut. Das Frontcover ziert das aschfahle, jugendliche Gesicht seiner Person, die das Nachdenkliche ebenso im Blick trägt wie einen versteckten Ansatz von verschmitztem Lächeln. Ein Widerspruch? Mitnichten.

Das beweist bereits der Opener „Terrified„, in dem der ehemalige Chorknabe und Student für Englisch und kreatives Schreiben seine innersten Ängste besingt. Und bereits hier wird’s wohl schon zum ersten Mal autobiografisch, denn als Isaac Joseph Gracie-Burrow vor einigen Jahren mit „Last Words“ eine Demo-Version (s)einen ersten Songs via Soundcloud ins weltweite Netz entlässt, kam dieser auch dem einflussreichen BBC-Radio-Moderator Zane Lowe zu Ohren, der das Stück alsbald in seiner Show rauf und runter spielte. Die eigentlich recht positiven Folgen: Gracies Fanschar wuchs in den ersten Monaten exponentiell, die Musikindustrie wedelte mit lukrativen Verträgen. Ja, eigentlich, denn der gehypte Newcomer selbst versank in Selbstzweifeln, wusste nicht, was er davon halten, wie er nun reagieren sollte und fühlte sich so gar nicht auf das Leben als potenzieller Star vorbereitet. Aus diesen widerstreitenden Gefühlen also erwuchs sein zweiter Song „Terrified“ – und der wurde sofort zum zweiten Hit. Warum, dachte sich der junge Musiker, sollte man daraus nicht eine Methode machen?

Diesem Modus Operandi kommt natürlich zugute, dass Isaac Gracie mit einer Stimme gesegnet ist, die an die ganz Großen, an Künstler wie Jeff Buckley oder Nick Drake, erinnert. Eine Stimme, der eine Schwere anhaftet, als hätte man vor langer, langer Zeit eine Gefängniskugel von Problemen an seinem vor Schwermut müden Bein befestigt. Grau trifft Anthrazit, ganz frei nach dem Motto: Ich habe schon mit allem abgeschlossen, bevor es überhaupt richtig losgeht. Es trägt also schon etwas Juvenil-unbedarftes, etwas Ironisches in sich, dass „Last Words“ genau von dieser Art von Resignation erzählt. Trotzdem steckt hier viel mehr drin als lediglich ein weiterer Gitarre klampfender, introvertierter Lagerfeuertroubadour. So werden im Refrain von „The Death Of You & I“ zum ersten Mal die E-Gitarren aufgedreht und Gracie entlädt zu herzwunden Zeilen wie “Nothing ever felt so real since the death of you and I” all jene Emotionen, die bis dato weitestgehend unterdrückt blieben. Nevermind Nirvana? Nope. Die Wagenladung an negativen Gefühlen, welche das Album in sich trägt, verpackt Gracie – anders als weiland Kurt Cobain – in luftig-leichte Gitarrenriffs, mal akustisch, mal elektrisch und mit einer Singalong-Attitüde, wie man sie sonst vor allem von Britpop-Revival-Parties kennt. Da verpasst man doch beinahe Songs wie „Running On Empty“ oder das Streicher-Meer in „Telescope„, bei denen der Bohemian-Einfluss eines Peter Doherty, der Babyshambles und Libertines, deutlich mitschwingt – nur vielleicht mit etwas weniger hedonistischem Spektakel und Lust auf den nächstletzten Exzess.

Trotzdem kehrt Gracie immer wieder zum Melancholischen zurück. Vielleicht mag’s ja an seiner familiären Prägung liegen: Seine Mutter ist die Dichterin und Psychoanalytikerin Judith Gracie, im Elternhaus kam er recht früh mit vielfältigen musikalischen Einflüssen, die von Radiohead über Leonard Cohen, Kurt Cobain, Bob Dylan bis hin zu Tim und Jeff Buckley reichten, in Berührung. Mit 14 Jahren schrieb er erste eigene Songs, 2016 erschien die recht programmatisch „Songs From My Bedroom“ betitelte Debüt-EP. Doch zurück zur Schwermut, denn „That Was Then“ zerbricht beinahe an der stimmlichen Traurigkeit sowie einem starken Refrain, in dem Gracie die Zittrigkeit der Strophen ablegt und nach vorne schaut. Es ist immer wieder schön zu hören, wie Künstler ihren Gesang gekonnt einsetzen und in ihren Songs Kontraste erzeugen, um das emotionale Kaleidoskop noch direkter mit dem Hörer, der Hörerin zu teilen. Der melodramatische Hymnus „Silhouettes Of You“, welcher stark an den Radiohead’schen Gassenheuler „Creep“ erinnert, steht dem mit seinem stetig anschwellenden Crescendo in nichts nach.

Klar: Isaac Gracies musikalisches Gewand ist ein recht Spezielles. Manch eine(r) mag seine Songs aufgrund des kohärenten Klangbilds und der thematischen Wiederholungen – aller Wandelbarkeit zum Trotz – (vor)schnell als monotone Langweiliger-Platte eines Möchtegern-Bob-Dylans abstempeln (was bei Zeilen wie „Well, I sleep all day and drink all night“ zugegebenermaßen im ersten Moment ein Leichtes wäre). Für andere wiederum trifft der britische Nachwuchs-Singer/Songwriter mit seinem Debütalbum wortwörtlich ins vinylne Schwarze und verbindet Indie-Folk-Rock mit anthrazit-grauer Alltagslyrik. Alles in allem: ein solides, recht zeitloses Erstlingswerk.

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Pærish – „Fixed It All“


Foto: Promo / Nabila Mahdjoubi

Post-Hardcore-Experte Will Yip hat’s produziert, SideOneDummy Records hat’s veröffentlicht. So schlecht kann das, was Pærish hier an den Start gebracht haben, also kaum sein. Dass es aber an mancher Stelle dermaßen großartig tönt, überrascht dann aber doch. „Fixed It All“ – ab sofort ein neuer Lieblingsalbum-Kandidat für die Generation Post-Emo. Oder so ähnlich. 

Die 2010 von drei Filmstudenten gegründete Band kommt – ohlala! – aus Paris, klingt jedoch keineswegs nach Audrey Tautou, Café au Lait und dem Eiffelturm, sondern vielmehr nach der ganzen Alternative-Rock-Welt. Nach anno dazumal (meint: den frühen 2000ern) und heute. Man darf mit Fug und Recht vermuten, dass der Vierer von Bands wie Sparta oder Glassjaw und ganz sicher von Rival Schools bereits gehört hat (und das ein oder andere Werk ebenjener Kombos in der heimischen Plattensammlung hat). An mancher Stelle tönt gar der poppige Ohrwurm-Faktor von Weezer oder Jimmy Eat World durch, eingeweihte Szene-Füchse mögen zudem Vergleiche zu Bands wie Basement, Superheaven oder Narrow Head ziehen. Alternative Rock ist das, manchmal mit ein paar gut gemeinten Prisen Post Hardcore, mal eben auch das, was gemeinhin als Emo Punk durchs Rund rockt. Einfach eine unglaublich gute Mischung mit unglaublich guten Songs.

Da das Quartett vor allem in den vergangenen Jahren vornehmlich in Ton- statt in Filmstudios unterwegs war, lassen sich Pærish beim Schreiben ihrer Songs nun – mal mehr, mal weniger direkt – vom Kopfkino-Flimmern der weiten Filmwelt inspirieren (so etwa auch beim Bandnamen, zu welchem sich Pærish durch den von Robin Williams in „Jumanji“ verkörperten Charakter Alan Parrish inspirieren ließen). Newcomer sind die Franzosen aber keineswegs – bereits mit ihrem 2016 erschienenen Debüt „Semi Finalists“ schaffen sie es ins Vorprogramm von Bands wie Sum 41 oder den Silversun Pickups. Mit „Fixed It All“ dürfte es hoffentlich sogar noch höher hinausgehen, denn Will Yip (La Dispute, Pianos Become The Teeth, Tigers Jaw), der beim Erstling bereits fürs Mastern verantwortlich war, ist genau der Richtige, um ihre Songs mit seinem Trademark-Sound auf ein neues Level zu bringen. Gitarren und Bass klingen vor allem in den tiefen Tönen satt und wuchtig mit zeitlosem Grunge-Fuzz oder, wenn sie clean bleiben, mit leicht shoegazigem Hall wie bei den späteren Title Fight. Auch das Schlagzeug tönt groß und raumfüllend, wie im Intro von „Violet“, wo es allein für sich steht. Pærish scheuen keine dissonanten Akkordfolgen, die so aufgekratzt sind, wie es vor allem im Neunziger-Alternative-Rock üblich war. Diese Spannung geht fast immer in Refrains auf, in denen Sänger Mathias Court nicht nur ähnlich klingt wie Jim Adkins, sondern auch ein vergleichbares Talent für Melodien unter Beweis stellt wie der Jimmy Eat World-Frontmann. Klares Ding: Mit denen gehören Pærish als nächstes auf die Bühne. Ein Song wie „Archives“ wäre in einer besseren Musikwelt ein verdammter H.I.T., die „Journey Of The Prairie King“ dürfte gern niemals enden, „You & I“ punktet mit Patrick Miranda von Movements als Gast.

Unterm Strich steht ein Zweitwerk mit zehn eindringlichen, intensiven Stücken einer am internationalen Punkrock-Niveau schnuppernden Band, die weder die harten Gitarren noch das nötige Quäntchen Kitsch scheut. Je pense que ça me plaît.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Kings Of Convenience – „Rocky Trail“


Foto: Promo / Salvo Alibrio

Kings Of Convenience, anyone? Mehr als eine Dekade war es recht ruhig um das norwegische Indie-Folk-Pop-Duo (was aufgrund der Tatsache, dass ihr mittlerweile zwanzig Jahre zurückliegendes Debütwerk einst den Titel „Quiet Is The New Loud“ trug, noch einmal etwas amüsanter gerät). Umso schöner, dass das, was die Spatzen bereits seit etwa einem Jahr leise als Gerücht von den Dächern zwitscherten, nun offiziell ist: Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe melden sich in Kürze mit einem neuen Album – dem ersten in zwölf Jahren – zurück. Und präsentieren mit „Rocky Trail“ obendrein einen frischen Song, der fast nahtlos an alte Gassenhauer wie „I’d Rather Dance With You“ oder „Misread“ anknüpft.

Die Tatsache, dass die mehr als zehnjährige Veröffentlichungspause ihrem sanften Akustikgitarren-Trademark-Sound nichts anhaben konnte, dürfte wohl vor allem in der gefühlt ewigen Freundschaft des Duos begründet liegen – Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe kennen sich bereits seit Teenager-Zeiten. Anfang der Neunziger gründeten sie in ihrer Heimatstadt Bergen die Indie-Band Skog (auf Deutsch „Wald“ — vom The-Cure-Song „A Forest“ inspiriert). Auch wenn sich Skog nicht hielten und noch vor der Jahrtausendwende wieder auflösten, begannen die beiden Musiker zusammen ebenso melancholische wie poppig-ohrwurmige Songs als Kings Of Convenience zu schreiben. Stolze zwanzig Jahre ist es her, dass das Duo mit ihrem Debüt die vielsagende Maxime „Quiet Is The New Loud“ verkündeten. 2004 folgte „Riot On An Empty Street„, für das sie nicht nur Leslie Feist als Duettpartnerin gewinnen konnten, sondern ihnen auch einiges an Aufmerksamkeit über die norwegischen Landesgrenzen hinaus einbrachte. Eile für Ruhm war dennoch nie die Sache von Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe, denn erst fünf Jahre später erschien das bis dato letzte Album „Declaration Of Dependence„.

Was die beiden in der Zwischenzeit so getrieben haben? Nun, der optische Vorzeige-Nerd Erlend Øye war in der Zwischenzeit nicht nur als Produzent in der Bergener Musikszene aktiv (unter anderem für die Indie-Pop-Band Kakkmaddafakka), sondern arbeitete vornehmlich mit Electro-Acts wie Dntl oder Röyksopp zusammen und veröffentlichte Musik unter seinem eigenen Namen sowie als Teil der Berliner Band The Whitest Boy Alive. Nach Zwischenstopps in London, Manchester und Berlin, hat es ihn nun ins sonnige Sizilien verschlagen. Für „Peace Or Love„, ihr am 18. Juni erscheinendes viertes Album, gingen Øye und Bøe wieder zusammen ins Studio. Ganz nach dem Motto: Wer Bequemlichkeit wertschätzen kann, kann sich auch zwölf Jahre Zeit mit dem nächsten Album lassen. So verteilte sich der Aufnahmeprozess der elf neuen Stücke auf fünf Jahre und fünf verschiedene Städte – und dürfte wohl mutmaßlich manches Mal so entspannt abgelaufen sein wie das Musikvideo zu „Rocky Trail“, in dem simple Gitarren-Performance auf einen skandinavischen Atelierhaus-Traum trifft, es vermuten lässt.

Eirik Glambek Bøe beschreibt jedoch die Arbeit an der Platte so: „Natürlich wirkt es wie ein Comeback, aber so fühlt es sich gar nicht an. Es war ein sehr langsam zehrendes Projekt. Wir haben uns lange selbst angeflunkert, indem wir dachten, wir wüssten schon alles darüber, wie man Platten macht. Und dann waren wir im Studio und merkten, dass es bei den Aufnahmen wirklich darum geht, einen magischen Moment festzuhalten. Es ist ziemlich hart, etwas simpel klingen zu lassen.“

Und wie kam’s zum einmal mehr recht konträr zum Musikalischen lautenden Albumtitel? “Wir sind so an den Ausdruck ‘Peace And Love’ gewohnt, aber an einem Punkt muss man sich fragen: Kann ich beides haben?”, so Eirik Glambek Bøe. “Und die Wahrheit ist: wahrscheinlich nicht. Es ist ein autobiografischer Titel. Es ist eine Sammlung der Schwierigkeiten, die wir in den vergangenen acht Jahren bewältigen mussten.” In jedem Fall: Velkommen tilbake, Kings Of Convenicence!

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Mars Volta – „Inertiatic Esp“ (unfinished original recording)


Nicht, dass The Mars Volta, das infernalische Duo bestehend aus Cedric Bixler-Zavala und Omar Rodriguez-López, seit 2012, also nachdem das bisher letzte Album „Noctourniquet“ erschien, unproduktiv gewesen wären. Nach dem (vorläufigen) Ende der progrockenden US-Santana-goes-Soft Machine-goes-At The Drive-In-Superband riefen die beiden Masterminds 2014 zunächst Antemasque ins Leben, veröffentlichten unter diesem Namen ein selbstbetiteltes Album, um anschließend – zur allseits großen Überraschung – tatsächlich (kurzzeitig) At The Drive-In wiederzubeleben und mit „In•ter a•li•a“ und „Diamanté“ ein Album sowie eine EP unter die Fanschar zu hauen.

Und da haben wir noch nicht von Bixler-Zavalas Supergroup Anywhere gesprochen, die 2012 und 2018 Alben veröffentlichte sowie natürlich von Rodriguez-López, dessen Album-Output seit 2012 satte 29 Alben umfasst – im Juli 2020 dann neu ausgelesen, arrangiert und inszeniert in der zusammenfassenden Vinyl-Box „The Clouds Hill Tapes Parts I, II & III“. Umtriebig? Du machst dir ja keine Vorstellungen…

Ebenjenes Hamburger Label Clouds Hill (und somit freilich die Leute dahinter) ist seit Jahren eng mit den zwei Protagonisten befreundet. Rodriguez-López hat im dazugehörigen Studio solo gearbeitet, mit seiner Partnerin Teresa Suaréz (alias Teri Gender Bender von Le Butcherettes) dort das Projekt Bosnian Rainbows ins Leben gerufen (und mit ihr und den Melvins als Crystal Fairy 2017 ein Album veröffentlicht), und auch At The Drive-In haben dort bereits aufgenommen.

Nun erschien bei Clouds Hill auch eine beachtliche LP-Box von The Mars Volta: „La Realidad De Los Sueños“ enthält alle Studio-Alben und EPs der Band in einer schick aufgemachten, auf 5.000 Stück limitierten 18-LP-Box – kaum verwunderlich, dass das hübsch anzusehende Teil mit seinen 180-Gramm-Vinyls sowie dem dazugehörigen Bildband trotz des stattlichen Preises von knapp 400 Euro ruckzuck ausverkauft war (und nun zu Mondpreisen via Ebay und Co. weiterverscherbelt wird).

Freunde der Band, die die komplette Mars Volta’sche Diskografie – in welcher Form auch immer – bereits in ihrer heimischen Sammlung haben, bietet die in intensiver Zusammenarbeit zwischen Band und Label konzipierte Box, deren deutscher Titel passenderweise soviel wie „die Wirklichkeit der Träume“ bedeutet, neben den erstmals speziell fürs Vinyl gemasterten sechs Studioalben und der 2002er Debüt-EP „Tremulant“ dennoch etwas Neues: die Erstveröffentlichung des mythenumrankten Albums „Landscape Tantrums“, von dessen Existenz Fans jahrelang im Unklaren gelassen wurden. Viel Lärm um ein Bootleg? Denkste! Bei selbigem handelt es sich um nicht weniger als die zwar unfertigen, jedoch nichtsdestotrotz interessanten Originalaufnahmen der Sessions zum wegweisenden Debütlangspielers „De-Loused In The Comatorium„, der 2003 den energischen Sound der Vorgängerband At The Drive-In in Richtung Prog, Salsa und gefühlt zehn weiterer Genres lenkte, zugleich zig emotionale Tiefen auslotete und bis heute völlig zu Recht als ein absolutes Meisterstück gilt.

Die als „Landscape Tantrums“ benannte Demo-Sammlung erschien dieser Tage glücklicherweise auch separat als digitale Version und versammelt fast alle Originalsongs. Ein kleiner Wermutstropfen mag sein, dass ausgerechnet das zentrale Epos „Cicatriz Esp“ und ferner das Interlude „Tira me a las arañas“ außen vor bleiben. Ein seltsamer dramaturgischer Move ist zudem das Vorziehen von „Roulette Dares (The haunt of)“ auf die Opener-Position – ist „Son et lumière“ nicht die stimmungsvollste Eröffnung der Gruppe? Ansonsten bleibt es bei der Reihenfolge des Originalalbums und weitgehend auch bei dessen Inhalt. Naturgemäß sind die Kanten ohne die spätere Bearbeitung von Star-Produzent Rick Rubin etwas weniger geschliffen, der Fokus liegt noch etwas mehr auf dem Post-Hardcore von früher, was besonders der Version von „Roulette Dares“ recht gut zu Gesicht steht. Nach wie vor reißen Rodriguez-López‘ ebenso genialistische wie saitengefährdende Freakouts mit, während Bixler-Zavala hier noch ungehinderter barmt und heult und stellenweise noch mit textlichen Platzhaltern und irren Effektfiltern kämpft.

Eine Offenbarung ist das alles zwar – fast schon logischerweise – nicht, zumal „De-Loused In The Comatorium“ etwas später gerade von der Verheiratung der unbändigen Energie mit klinischer Präzision lebte – letztere geht diesen Demos freilich ab. Dennoch sind die Songs selbst zweifellos unkaputtbar und „Landscape Tantrums“ lässt durchaus einen absolut lohnenswerten Blick in die Gedankenwelt sowie auf das frühe Schaffen der Band zu. Letztlich bieten vor allem die beiden Closer doch noch ein wenig Neues: „Televators“ verzückt als gänzlich akustische Fassung und zeigt, wie stark das Songwriting auch ohne Rubin und jede Effekthascherei war. „Take The Veil Cerpin Taxt“ hat derweil weniger Gesang, dafür mit zwölfeinhalb Minuten mehr Laufzeit und somit mehr psychdedelisches Wandern zu bieten – quasi als Ersatz für das fehlende „Cicatriz Esp“. Das große Finale bleibt allerdings das gleiche: „Who brought me here?“, schreit Bixler-Zavala wie ein dem Fatalismus anheim gefallener Mann am Ende seiner Kräfte. „De-Loused In The Comatorium“ bleibt das mystische, jedes Mal aufs Neue faszinierende Manifest von The Mars Volta. Und „Landscape Tantrums“ gibt statt dem „wer“ nun ein paar mehr Antworten auf das „wie“.

Rock and Roll.

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