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Song des Tages: Matt Simons – „Amy’s Song“


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Ja, natürlich gibt in den tagtäglichen Untiefen aller regionalen wie überregionalen Formatradiosender, die vollmundig vorgeben, „das Beste aus den Achtzigern, Neunzigern und von heute“ (oder so) zu spielen, und am Ende auch nur den immergleichen Einheitsbrei aus Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Bridge-Refrain-Refrain servieren, Künstler, die zwar nicht zum Weiterskippen, jedoch auch kaum zum genauen Hinhören animieren. Matt Simons etwa.

5400863007270.jpgUnd freilich klingt auch auf „After The Landslide„, dem dritten Album des Pop-Singer/Songwriters aus Palo Alto, Kalifornien viel von jenen Zutaten an, die in jüngerer Vergangenheit Songs eines gewissen Ed Sheeran zu übermäßig platinierten Streaming-Hits gemacht haben – man höre nur „Open Up“ oder „We Can Do Better„. Fraglos beherrscht der 32-Jährige auch das kleine Romantik-Ein-Mal-Eins bestens, und hat obendrein also noch die ein oder andere Spätsommer-Ballade wie „Summer With You“ (sic!) am Start (von welcher es übrigens eine feine Sessions-Version gibt).

All das würde jedoch – regelmäßige Leser von ANEWFRIEND ahnen es wohl bereits – kaum reichen, um Matt Simons zu einem Platz als „Song des Tages“ zu verhelfen. Und hier kommt „Amy’s Song“ ins Spiel. In ebenjenem berührendem Stück setzt Simons, der am Purchase Conservatory of Music der State University of New York Jazz und Saxophon (fürwahr nicht eben das gewöhnlichste Instrument für einen Studienkurs) studierte, ein Zeichen gegen die Diskriminierung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender.

912n0nhRL4L._SS500_.jpgGanz allein kam Matt Simons jedoch nicht auf die Idee: „Amy’s Song“ schrieb er gemeinsam mit der seit Jahren als Co-Songwriterin für Künstler(innen) wie etwa Kelly Clarkson erfolgreichen und mit ihren Songs aus US-Serien wie „One Tree Hill“ oder „Gilmore Girls“ bekannten Singer/Songwriterin Amy Kuney (aka. AMES). Der Song wurde von Kuneys eigenen Erfahrungen inspiriert, die als homosexuelle Frau in Amerika aufwuchs. “Amy’s Song” ist ihre Geschichte. Eine Geschichte über eine junge Frau, die als Tochter zweier christlicher Missionare in einem streng konservativen Umfeld in Oklahoma aufwuchs und im zentralen Süden der USA früh Opfer von Anfeindungen und Diskriminierung wurde. Mal ehrlich: „Does your god really give a damn?“ – Hell, no!

Und obwohl das gospelige „Amy’s Song“ – anders als gefälliger Einweg-Pop wie „Open Up“ oder „We Can Do Better“ – leider nie (s)einen Weg in die Nachmittags-Playlists aller Formatradiosender mit dem „Besten aus den Achtzigern, Neunzigern und von heute“ finden wird (und das trotz der Tatsache, dass der Song im vergangenen Jahr als Single erschien), transportiert Matt Simons in diesem Stück eine wichtige Botschaft für ein offeneres, toleranteres, bunteres Miteinander. Auf das Leben. Das Leben-lassen. Daumen hoch für Pop wie diesen. 👍

 

Hier gibt’s das auch abseits der Textzeilen aussagekräftige Musikvideo…

 

…ein Making Of…

 

…sowie „Amy’s Song“ in einer gemeinsam mit Co-Schreiberin und Namensgeberin Amy Kuney in den Boulevard Recording Studios in Los Angeles, Kalifornien aufgenommenen Live-Session-Variante:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Luna Sol – „Below The Deep“


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Foto: Promo / George Blosser

Blitze leuchten weit oben in den Bergen auf. Sie hallen noch auf der Iris nach, als das ferne Grollen des Donners längst verklungen ist. Dunkle Wolken schieben sich über die Gipfel und Kämme. Sie tragen Regen in sich, den sie über den Hängen ausspucken als würden sie sich übergeben. Aber so ist die Natur in den Bergen. Roh, ungezähmt, gefährlich.

Natürlich ist man bei all dieser buchstabenen Bildmalerei nur ein, zwei Pinselstriche von Caspar David Friedrich entfernt. Und wäre obige Worte Musik, sie würde klingen wie die Songs aus dem Hause Luna Sol: Wuchtiger, dröhnender Rrrrrrock, geboren in der Einsamkeit der Rocky Mountains. Doch Luna Sol sind mehr. Ihr Signature Sound aus dem trockenen Groove des Desert Rock, der sumpfigen Gravitas des Blues und den naturmystischen Legenden verschrobener Bergbewohner trägt auf dem kürzlich erschienenen zweiten Album „Below The Deep“ das Gefühl von etwas Gewaltigem, Übermächtigen in sich, das stets außerhalb der Wahrnehmung lauert. Und wohlmöglich ziemlich verkatert ist…

81yX9dITTCL._SS500_.jpgDrei Jahre nach dem süffigen Luna Sol-Debüt „Blood Moon“ legt Stoner-Rock-Veteran David Angstrom (Ex-Supafuzz, Hermano) ein Album vor, das so wohl nur in der felsigen Abgeschiedenheit Colorados entstehen konnte und dennoch den Southern Rock seiner ursprünglichen Heimat Kentucky in sich trägt wie Restalkohol im Blut. „Ich liebe Colorado und mein Leben hier, singe immer noch leidenschaftlich gern über die Legenden dieser kleinen Bergdörfer, die ich oft besuche. Diesmal wollte ich aber ein paar meiner Southern Roots und meine Südstaaten-Erziehung exhumieren“, sagt er. Das ist nicht alles, was sich auf „Below The Deep“ verändert hat. Für Shanda und Pat sind Justin Baier (Schlagzeug) und David Burke (Gitarre) in die Band gekommen, außerdem, so Angstrom, „klingen Luna Sol jetzt deutlich mehr, wie er sich das in seinem Kopf immer schon vorgestellt hat. Damit können wir gut leben.“

Angstrom ist einer dieser Künstler, die sehr von ihrer Umgebung geprägt werden. Morgens macht er Yoga in der Stille der freien Natur, trinkt Kaffee und hört Tom Waits, danach fährt er mit seinem alten Truck an der Seite seiner Frau durch die Gegend und sammelt Sagen und Mythen ein wie ein Schrotthändler verrostete Einzelteile. „Außerdem liebe ich Denver und seine Musikszene“, betont er. „Hier kann ich einfach ich sein. Als Künstler, Ehemann, Vater – und als Musik-Nerd!“ 

David Angstrom ruht in sich. Das merkt man ihm an, das merkt man auch seiner Musik an, bei deren Selbstbeschreibung „High Mountain Southern Kentucky Desert Blues Rock“ sich Luna Sol erst gar nicht großartig Mühe geben, irgendwelche spezifischen Grenzen abzustecken. Was für den einen nach allerlei Stoner-Rock-Klischees tönt, klingt für den anderen frisch wie der morgendliche Bergtau: bratende Rock-Riffs, dicke Grooves, John Garcia-/Mark Lanegan-ähnlicher Gesang, Southern Licks á la Corrosion Of Conformity. Und freilich lugen die üblich-verdächtigen Referenzen von Kyuss über die (frühen) Queens Of The Stone Age bis hin zu Baroness (zumindest deren wilde Lust auf Jam-Sessions) ums Eck. Gibt’s trotzdem die ein oder andere Überraschung auf „Below The Deep“? Klaro! „Along The Road“ beginnt mit einer rückwärtslaufenden Gesangsspur, holt sich eine Orgel und weibliche Gesangsunterstützung von Bassistin Shannon Fahnestock dazu und endet als A-cappella-Gospel. „Man Worth Killing“ ist ein ZZ Top-artiger Blues, extra herrlich crunchy. Mit „Sometimes We Get It Right“ gibt es eine Art Upbeat-Hit mit vielschichtigem Gesangsarrangement. Das fast siebenminütige „Garden Of The Gods“ nimmt sich zurück, wirkt wie eine der großen Grunge-Hymnen der Neunziger (Güteklasse: Alice In Chains). „Halleluja“ ist Southern Rock mit Gospel-Schmiss, „The Dying Conglomerate“ eine als Riff-Furor getarnte Abrechnung mit US-amerikanischen Politikern und bei „Mammoth Cave“ kommt neben der psychedelischen Orgel eine Akustikgitarre dazu. All das gelingt freilich nur, wenn man seine Persönlichkeit in die Musik legt. Oder gleich die der ganzen Sippe: Seine Frau ist am Piano zu hören, seine beiden Kinder singen in einem Song, die engen Freunde David W. Prasse und Jason Groves halfen bei der Produktion.

Zeitlos? Auf der Höhe des Zeitgeistes? Desert Rock aus den Rocky Mountains? David Angstrom wird’s herzlich egal sein. „Ich bin sehr glücklich, dass ich dieses Leben führen darf. Luna Sol ist da das absolute Tüpfelchen auf dem ‚i‘. Und verhindert“, lacht er, „dass meine Finger einrosten.“. Mission übererfüllt.

 

 

(Weitere Infos gefällig? Bei den Kollegen von rockhard.de findet man ein aktuelles Interview mit Luna Sol-Mastermind David Angstrom…)

 

Rock and Roll.

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„Girls to the front!“ – Die Dokumentation „The Punk Singer“ über „Riot Grrrl“-Sprachrohr Kathleen Hanna


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Sie gilt als „Rebel Girl“ und „Punk Feminist“. Als die Symbolfigur der Riot Grrrl-Bewegung Anfang der Neunzigerjahre und vereint feministische „Pro Choice!“-Revolution mit lautstarkem Punk Rock: Kathleen Hanna. Die 2013 erschienene Dokumentation „The Punk Singer“ zeichnet ein gleichsam persönliches wie einzigartiges Bild der Frontfrau von Bikini Kill, Le Tigre und The Julie Ruin.

 

„I’ve always thought that ‚punk‘ wasn’t really a genre. My band started in Olympia where K Records was and K Records put out music that didn’t sound super loud and aggressive. And yet they were punk because they were creating culture in their own community instead of taking their cue from MTV about what was real music and what was cool. It wasn’t about a certain fashion. It was about your ideology, it was about creating a community and doing it on your own and not having to rely on, kinda, ‚The Man‘ to brand you and say that you were okay.“

(Kathleen Hanna)

 

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Zwanzig Jahre Filmmaterial visualisieren mit collagenhaften Rückblenden sowie zahlreichen Interviews und Konzertausschnitten den Kampf für Frauenrechte und weibliche Selbstbestimmung sowie gegen Gewalt, Sexismus und männlichen Machismus. Die via Kickerstarter finanzierte Dokumentation von Regisseurin Sini Anderson taucht noch einmal ein in den DIY-Zeitgeist der frühen Neunziger und in eine ebenso wilde wie kreative Keimzelle, welche während dieser Zeit im US-amerikanischen Nordwesten um Portland, Olympia und Seattle herum entstand, und aus der eben nicht nur Bands wie Pearl Jam, Soundgarden oder Nirvana hervorgingen, sondern eben auch Bikini Kill. (Übrigens: Der Legende nach hätte es Nirvanas Grunge-Evergreen „Smells Like Teen Spirit“ ohne Kathleen Hannas Zutun so nie gegeben, schließlich entstand der Songtitel, als Hanna, die damals gut mit Frontmann Kurt Cobain befreundet war, den Satz „Kurt Smells Like Teen Spirit“ – auf deutsch: „Kurt riecht nach Teen Spirit“ – an eine Wand in dessen Wohnung schrieb, da Cobain nach dem Deodorant namens „Teen Spirit“ roch, welches seine damalige Freundin Tobi Vail benutzte. Cobain gefiel die Implikation des Satzes, also verwendete er ihn schließlich als Songtitel. Der Rest? Ist allseits bekannte Musikgeschichte.) Und obwohl gerade Bikini Kill zwar einflussreich, bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1997 jedoch lediglich leidlich kommerziell erfolgreich waren, machte gerade ihr Wirken Bands wie Pussy Riot (gerade bei den radikalen russischen Aktivistinnen ist der Einfluss unverkennbar), Gossip, Petrol Girls, War On Women oder Screaming Females erst möglich, während auch bei mit Lust die Grenzen der Konventionen sprengenden Künstlerinnen wie Amanda Palmer, Kate Nash und Miley Cyrus Hanna’sche Einflüsse deutlich erkennbar sind…

MV5BMjEzNzQxNzUxNF5BMl5BanBnXkFtZTgwMDY5MTY1MDE@._V1_UY1200_CR90,0,630,1200_AL_.jpgNeben Hanna selbst lässt Regisseurin Sini Anderson in ihrer 80-minütigen Dokumentation auch Freunde und Wegbegleiter wie Kim Gordon (Sonic Youth), Joan Jett (The Runways, Joan Jett & the Blackhearts), Carrie Brownstein und Corin Tucker (Sleater-Kinney), Johanna Fateman (Le Tigre) oder Ehemann Adam Horovitz (Beastie Boys) zu Wort kommen. Kathleen Hanna selbst nutzte vor einigen Jahren den Film, um ihr langjähriges Schweigen zu beenden und den tatsächlichen Grund ihres Rückzugs aus dem Rampenlicht im Jahr 2005, als sich ihre neue Electropunk-Band Le Tigre anschickte, größere Erfolge zu feiern und als neues Sprachrohr der LGBTQ-Bewegung zu etablieren, zu erklären. Denn obwohl es um das einstige Gesicht der Riot Grrrls still geworden sein mag (ihr letztes kreatives Lebenszeichen war 2016 das The Julie Ruin-Album „Hit Reset„), macht „The Punk Singer“ eines deutlich: heute wie damals nimmt die mittlerweile 50-jährige Ex-Bikini Kill-Frontfrau (politisch) kein Blatt vor den Mund. All girls to the front!

(Übrigens: Für all diejenigen, denen der Name Kathleen Hanna bislang rein gar nichts sagte, haben die Kollegen des ByteFM Blog eine musikalische Übersicht von „Kathleen Hanna in fünf Songs“ zusammengestellt. Feine Sache, das. Allen anderen sei so oder so der Soundtrack zu „The Punk Singer“ empfohlen.)

 

Hier gibt’s den Trailer…

 

…und hier „The Punk Singer“ komplett im Stream:

 

 

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Foto: Allison Michael Orenstein

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Miss June – „Best Girl“


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Cartoons und knallige Farben verbindet man wohl unweigerlich mit dauerniedlichem Kinderprogramm, Neuseeland mit Hobbits, paradiesischen Landschaften und sonnigen Temperaturen. Und dann kommen Miss June mit ihrem Debütalbum ums Eck und stellen direkt mal zwei Stereotypen komplett auf den Kopf. Denn eins ist klar: Mit sommerlichem Spaßsound hat der kantige Punk-Entwurf der Newcomer-Band genau so wenig zu tun wie das bizarre Artwork von „Bad Luck Party“ mit Prinzessin Lillifee (viel eher könnte man vermuten, dass bei Alices letztem Trip ins Wunderland etwas mit dem psychedelischen Kuchenstück nicht stimmte).

miss-june-bad-luck-party-music-review-punk-rock-theoryBeschrieben wird das neuseeländische Quartett vielerorts als “Verbindung aus Sonic Youth und Le Tigre” und genau diese beiden, einerseits avantgardistisch rockenden, andererseits Riot Grrrl-ig poppenden Pole treffen den Soundrahmen der elf Songs, die ganz ähnlich zu Werke gehen wie Grammy-nominierten und 2018 mit dem renommierten „Mercury Prize“ ausgezeichneten britischen Indierocker Wolf Alice, wohl am ehesten auf den Kopf. Denn während der Opener “Twitch” oder “Orchid” mit klebrigen Hallschichten und Fuzz-Gitarren dem Grunge der Neunziger und den wilderen Saiten von Bands wie den Smashing Pumpkins, Hole, Garbage oder gar (den frühen) No Doubt huldigen, reißen viele andere Songs in nahezu klassischer Riot-Grrrl-Manier die Verstärker von den Wänden. Ob nun der Breitwand-Rock und die doppelten Gesangsspuren von “Best Girl”, der rumpelnde Garage von “Enemies” oder das sich vor Schnelligkeit überschlagende “Aquarium” – man mag sich gar nicht vorstellen, was für derbe Energien der Vierer aus Auckland bei Liveshows auszulösen vermag…

Neben dem beeindruckend wandelbaren Klangvolumen von Frontfrau Annabel Liddell überholt vor allem das erfrischend unbedarfte Songwriting einen guten Teil der Genre-Kolleg*innen mit links. Liddell und ihre Mitstreiter Jun Park (Gitarre), Chris Marshall (Bass) und Tom Leggett (Schlagzeug) beherrschen schließlich sowohl knackig-wütende Raser wie “Two Hits” als auch düstere Grower wie “Anomaly”, Shoegazer wie „Orchid“ oder zarte Intros (“Double Negative”), ohne dabei jemals gezwungen zu wirken. Und anstelle wie so viele andere Acts den Spannungsbogen in den letzten Songs schleifen zu lassen, setzen die vier Kiwis das heimliche Highlight “Polio” auch noch ans Ende: Vor finsterem Wummern behauptet sich Liddell mit gezischten Ansagen tapfer, um anschließend gar in einem fiesen Instrumentalsturm kreischend unterzugehen.

Und auch sonst haben Miss June zwischen feministischem Fäusterecken und juvenilem Aufbegehren den ein oder anderen überraschenden wie originellen Inhalt am Start: In „Twitch“ etwa besingt die studierte Medizinerin Annabel Liddell beispielsweise ihre erste echte Operation, auf die sie sich auch nach Sezierkursen an Toten unvorbereitet fühlte, als die Anästhesie versagte: „I’m not used to you being alive / Twitch on the bed“. Da möchte man weder in der einen noch in der anderen Haut stecken, aber wie immer im Punk gilt natürlich, dass eh alle Menschen irgendeinen Schaden haben und sich Geschichten durchaus übertragen lassen. Liddell macht den Gedankensprung direkt mal vor, wenn sie in der nächsten Strophe singt: „I used to throw my time into boys who didn’t care / Ones who thought they’re in love“. Well… das gilt ja nun wirklich universell, oder?

Zwar keineswegs frei von Stereotypen oder mal mehr, mal weniger offensichtlichen Vorbildern destillieren Miss June mit ihrem gut halbstündigen Erstling „Bad Luck Party“ einen hochenergetischen, frisch zurecht geschüttelten Mix aus Post Punk, No Wave und Indie Rock, der mit melodischen Hooks und verzerrten Langäxten ebenso kurzweilig wie grandios zu Kopfe steigt. This girl’s got rockin‘ balls.

 

 

„I wanna be your best girl
I wanna be the one that takes down the world
One spot in a lineup of six and there’s a view from the top that they tell me exists

I wanna be your best girl
I wanna be the one who takes down the world

I wanna be your best girl
I wanna be the one who takes down the world
Antevert my uterus and birth you all
Anarchy can only be about a girl
Anarchy can only be about a…

It’s a bad luck party and nobody wins but me…

I wanna be your best girl
I wanna be the one who takes down the world
I heard a rumour that it’s a boy’s world
I Heard about, I heard about that girl
Did you hear about her?
I heard she’s the best – well, that could be me, you know

It’s a bad luck party and nobody wins but me…

Did you hear about her?
Did you hear about her?
I heard she’s the best – I heard

That’s just bad luck
That’s just bad luck
That’s just bad luck, baby
It’s just bad luck, that’s just bad luck, it’s a bad luck party“

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: wrest – „Coward Of Us All“


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Bands wie Frightened Rabbit, Bright Eyes, The National oder die frühen (!) Coldplay – das sind nicht nur die gemeinsamen Nenner im Musikgeschmack von Stewart Douglas (Gesang, Gitarre), Stephen Whipp (Gitarre), Craig Robertson (Bass) und Jonny Tait (Schlagzeug), sondern auch einige der wohl naheliegendsten Referenzen, die einem beim Hören von „Coward Of Us All„, dem im Mai erschienenen Debütalbum von wrest, in den Sinn kommen könnten.

Denn obwohl sich keiner der zehn Songs mit Pauken und Trompeten aufdrängen mag (was ja etwa bei Coldplays aktuellstem Stadion-Pop-Abklatsch ihrer selbst anders aussehen würde), überzeugen wrest im Gros mit Indie Rock, der atmosphärisch und treibend („Out Of Sight„, „Human„, „Breathe Out„), mal verträumt-balladesk („White Flowers„) ausfällt. Und selbst, wenn es sich wie die x-te Wiederholung eines Klischees lesen mag (und ich dieses Mal nicht einmal den unüberhörbaren, feinst-tollen schottischen Akzent von Frontmann Stewart Douglas  erwähne), so klingt „Coward Of Us All“ in seinen schönsten Momenten doch wie die Landschaft, die die vierköpfige Newcomer-Band aus Edinburgh da in ihrer schottischen Heimat umgibt…

 

„The biggest highlight is hearing from people who enjoy our music. It’s great to think someone somewhere cares enough about it to say so, or to come and see us live.“

(Stewart Douglas)

 

Via Bandcamp kann man das Debütalbum von wrest in Gänze hören:

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Knorkator – „Rette sich wer kann“


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Ein Vierteljahrhundert gibt’s Knorkator nun schon, und noch immer entzieht sich die fünfköpfige Berliner Band im Grunde – zumindest für mich – jeglicher Einordnung. Denn mal ehrlich: So richtig ernst kann das, was Frontderwisch Stumpen, Keyboarder Alf Ator,  Gitarrist Buzz Dee, Bassist Rajko Gohlke und Schlagzeuger Nick Aragua da seit den Neunzigern veranstalten, kaum gemeint sein. Da treffen Slayer’sche Death Metal-Blastbeats auf sanften Lounge Jazz auf Rammstein’sche Boller-Rhythmik auf sinistre Mittelalter-Ballade (das recht bekannte „Weg nach unten“ von 1999). Dazu Texte im weiten Feld zwischen Gaga, Dada und ernstzunehmender, vor Wut schäumender Gesellschafts- und Zeitgeistkritik. File under? Fun-Core? Fun Metal? Neue Deutsche Härte? Oder sind Knorkator einfach, wie sie in Anlehnung an befreundete Hauptstädter wie Die Ärzte selbst augenzwinkernd meinen „Deutschlands meiste Band der Welt“? Nix Jenaues weeß keen Schwein, Keule…

knorkator-widerstand-ist-zwecklos-204336Und doch fällt es in manchem Momenten recht leicht, Stumpen, Alf Ator und Co. gerade für ihre clever-bissige Gesellschaftskritik, bei der bundesweit wohl – in guten Momenten – lediglich Felix Schönfuss und seine Jungs von Adam Angst mithalten können, zu mögen (selbst wenn die Herren ansonsten weniger meinen eigenen Musikgeschmack bedienen mögen). Der Kenner weiß: Damit haben Knorkator auch in den letzten Jahren – siehe Stücke wie „Sie kommen„, „Arschgesicht“ oder „Setz Dich hin“ kaum hinterm Berg gehalten. Wer weitere hörbare Beweise braucht, der nehme sich das gestern erschienene neunte Album „Widerstand ist zwecklos“ vor, welches mit Songs wie der Eröffnungsnummer „Revolution“ (wurde unlängst bei den Leipziger „Off The Road“-Sessions grandios durchgezimmert), „Krieg“ oder eben „Rette sich wer kann“ neue bissig-gewitzt geriffte Kommentare zum Zeitgeschehen enthält. Die nicht nur der braunen Suppe Würze und Schärfe stehlen, sondern auch Konsumgier, Klimawandel-Leugnung, Hysterie und sonstige menschliche Irrwege aufs Korn nehmen. Dazu bezeichnend diese wunderbare Textzeile aus „Rette sich wer kann“: „Da vorn is’n Abgrund, aber is‘ ja noch’n Stück / Wir könnten auch abbiegen, tun wir aber nicht / Da is‘ ja nur’n Sandweg – schlecht für die Achsen…“ Denn selbst wenn der lyrische Hochgenuss fürs humorige Gift-und-Galle-Spucken hier mal für Momente ad acta gelegt wird, sind Knorkator der laut tönende Beweis, dass einem subtil blödelnder Deutschrock abseits von Till Lindemann und Konsorten auch in etwas düsteren Zeiten ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann, und die grauen Zellen dazu anregt, darüber nachzudenken, was „Menschsein“ eigentlich bedeutet…

 

Hier gibt’s das Musikvideo zu „Rette sich wer kann“, bei dem Knorkator einmal mehr auf prominente Unterstützung bauen konnten – dieses Mal etwa sind Ex-Boxbirne Axel Schulz (wo ist die „Fackelmann“-Mütze?) und Hans Werner „Luise Koschinsky“ Olm mit von der Partie…

(Den Text findet man etwa hier…)

 

Rock and Roll.

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