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Song des Tages: TWINS – „Bathroom“


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Foto: Facebook

Es ist noch keine zehn Lenze her, da galt eine Band aus der sächsischen Provinz als Newcomer-Speerspitze wenn es darum ging, juvenile Emo-Gefühligkeit mit ausreichend verqueren Elementen aus Punk, Indie Rock, Screamo und Post Hardcore zu einen: MIKROKOSMOS23. Im Jahr 2005 in der recht beschaulichen Porzellan-und-Hahnemann-Stadt Meißen gegründet, entwickelt sich das aus Peter Löwe (Gesang, Gitarre), Tom Pätschke (Schlagzeug), Mathias Starke (Gitarre) und Steffen Oks (Bass) bestehende Quartett schnell zum potenten Geheimtipp der bundesdeutschen Alternative Rock’n’HC-Szene, produziert bereits den 2010 erschienenen zweiten Langspieler „Memorandum“ mit niemand Geringerem als Blackmails Sechs-Saiten-Schwinger Kurt Ebelhäuser, tourt fleißig durch die Indie-Clubs und AJZs der Republik, schiebt alsbald, 2013, mit „Alles lebt. Alles bleibt.“ Album Nummer drei nach (beide Werke gibt’s übrigens via Bandcamp im Stream sowie als „name your price“-Download). Gerade jenes wusste mit seiner Mischung aus frühen Kettcar und Captain Planet, mit seiner klanglichen Melange aus Blackmail, Muff Potter oder Adolar und den mal persönlich anmutenden, mal intellektuell müffelnden Texten, bei denen sich damals nicht nur die VISIONS fragte, „was so schief gelaufen ist, dass man sich sein Leben von einem anti-altklugen Campuspoeten wie Löwe erklären lassen muss“ (obgleich die anderswo gezogenen Vergleiche zu Kettcar-Vorsteher Marcus Wiebusch wohl nicht allzu weit an den Emotional-Harcore-Härchen herbei gezogen waren), zu überzeugen. Ja, da war man sich allerorten unisono einig: MIKROKOSMOS23 dürfte eine vielversprechende Zukunft bevorstehen. Nur kam Löwe, Pätschke und Co., die ihre musikalische Homebase mittlerweile ins deutlich größere, deutlich bekanntere, indie-szenisch deutlich besser vernetzte Dresden verlagert hatten, wohl der schnöd-unrockenrollige Alltag dazwischen, was dazu führte, dass der Vierer zwar mal hier, mal da versprach, an Album Nummero vier zu werkeln, schließlich allerdings – eine One-Time-Show bei der Hochzeit ihres Schlagzeugers mal außen vor – ihre gemeinsamen Aktivitäten bis heute aufs kreative Abstellgleis schob. „Life is what happens to you while you’re busy making other plans.“ – das wusste schon der olle Lennon-John…

a1551146331_16Umso überraschender, dass MIKROKOSMOS23 nun irgendwie und ebenso unerwartet ihr Comeback feiern. Obwohl: mit Tom Pätschke und Steffen Oks sind lediglich zwei Viertel der einstigen Anfangszwanziger-Indie-Radau-Hoffnungsträger bei den Quasi-Newcomern TWINS mit am Start. Und ebenjenes Vierergespann mit Zentrale in der sächsischen Landeshauptstadt und weiteren kreativen Zelten in Leipzig und Berlin knüpft mit (s)einer Mischung aus Indie-, Noise- und Mathrock sowie Hardcore gleich auch bestens an die gesteckten Pfade der Vorgänger-Band an. Hinter jeder Ecke lauert eine weitere Ecke und dann noch eine und dann brüllt einer heiser und dann twinkeln die Gitarren ein bisschen und dann ist man bereits nach den ersten Vorboten „Library“ und „Bathroom“ schnell überzeugt: Mit dem für den 14. Februar angekündigten Debüt „Soon“  kommt eine der vielversprechendsten Platten des noch jungen Musikjahres auf die versammelte Post-Hardcore-Gemeinde zu. Bekannteste Verwandte: Blood Brothers, At The Drive-In, die alten Pianos Become The Teeth. Ja klar, meinetwegen könnte der Gesang ein bisschen cleaner sein, ansonsten gefällt’s: sehr.

 

Schlagzeuger Tom meint zur Entstehung des frisch veröffentlichten Musikvideos zu „Bathroom“: “Für unser erstes Musikvideo, welches wir komplett selbst geschrieben und produziert haben, sind wir 3 Tage voll beladen, mit Greenscreens unter den Armen zwischen unzähligen Locations hin und her gesprungen. Und dank all der Szenen, die dabei entstanden – irgendwo zwischen Supermärkten, Basketballfeldern, Clubs, Bibliotheken, Wäldern usw. – ist das ganze Video nun eine Art Kaninchenbau geworden, der letztlich wunderbar zu uns passt: alles ist wild und durcheinander – wie ein komischer, mitreißender Strudel. Und tatsächlich ist das sogar eine ganz gute Analogie für die gesamte Art wie wir als Band denken und schreiben: durchdenken, ausprobieren, verwerfen, von vorn anfangen, neu denken, wiederholen. Wie kreisende Gedanken – Viel. Zu. Kompliziert.”

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Chefket – „Wir“ (Akustik Session)


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Wenn man so mag, war Chefket zu Zeiten der Veröffentlichung seines Major-Label-Debüts „Nachtmensch“ im Jahr 2015 so etwas wie der wohl älteste Newcomer im Deutschrap. Mit heute 38 Lenzen ist der aus dem schwäbischen Heidenheim an der Brenz stammende Deutschtürke beispielsweise knappe zehn Jahre älter als sein Essener Kollege 3Plusss. Şevket Dirican nach nunmehr vier Studioalben, einer ganzen Reihe von EPs und Mixtapes, Support-Shows für deutlich bekanntere Hip-Hop-Größen wie Marteria, Samy Deluxe oder Jan Delay sowie seinen zahlreichen Beiträgen zu Alben und Songs prominenter Kollegen tatsächlich noch als „Newcomer“ zu bezeichnen, ist indes reichlich fresh… ähm: frech. Auch mit seinem gesellschaftlichen Engagement, etwa für die Linksjugend, hat sich der Wahlberliner einen Namen als „größter Zeigefinger Deutschlands“ gemacht. Warum zum Geier ist der Typ also kein Star? (Und – Spoiler, Spoiler! – leider auch mit seiner vierten Platte „Nachtmensch“ keiner geworden?)

R-7350475-1439540313-9285In „Rap & Soul“, Vorab-Appetizer und gleichzeitig Opener von Chefkets jüngstem Werk (zu dem auch ein Remix mit Promi-Features von Joy Denalane, Max Herre und Xatar existiert),  erklärt der Wahlhauptstädter seine augenzwinkernde und durchaus nachvollziehbare musikalische Prämisse: Rap allein macht auch nicht glücklich. Jetzt aber einen weiteren huttragenden Flummi im Textmarker-Outfit à la Jan Delay zu erwarten, wäre nicht nur reichlich öde, sondern schlichtweg bescheuert. So geht „Nachtmensch“, welches in Zusammenarbeit mit Beat-Bastler Farhot („Chabos wissen wer der Babo ist.“) entstand, im Gros herrlich unaufgeregt mit seinen Neo-Soul-Einflüssen à la Gnarls Barkley um. Wenn hier einmal die Trompete gezückt wird, dann nicht um feurige Fanfaren zu blasen, sondern um der Stimmung weitere – jawollja! – Deepness einzuhauchen. Und so gelingt dem Rapper gleich zu Beginn von „Nachtmensch“ ein Tiefschlag gegen das Profane: Mit Hammond-Orgel, pendelnd zwischen Single- und Double-Time, zeichnet Chefket auf, was er vor hat, zitiert einige seiner Lieblingskünstler und erklärt die Runde für eröffnet, ohne dabei gleich zum ultimativ-lachhaften Bling-Bling-Schwanzvergleich zu fordern: „Ich bin Rap, ich bin Soul, ich bin Jazz, Rock ’n‘ Roll / Ich bin cool, easy, Chef, du bist high, denn ich bin dope.“

Gleich anschließend zeigt er auf, was der vorherige Track schon anklingen ließ, und positioniert sich als „Glücklichster Rapper„: „Alle prahlen die ganze Zeit und sagen, sie hätten viel Geld / Aber Chefket ist der glücklichste Rapper der Welt“ lautet die Quintessenz seiner Zeilen über dem dissonanten Gummi-Beat, die klarstellen, wie sehr der Rapper auf den Fame (leider) artverwandter Sonnenbräune-und-Protzkarren-Besitzer scheißt – und das kauft man diesem Typen – Deutschtürken-Klischee hin oder her – nur allzu gern ab. Im Soul-Titel „Fliegen“ indes, genau wie im argwöhnischen „Nachtmensch“ und im depressiven „Kater“, gibt sich Chefket weitaus nachdenklicher, spricht von der Sehnsucht nach dem High-Sein, der Schlaflosigkeit und dem Katzenjammer im Nachgang. Mit dem leicht pathetischen „Träume“ (das mit einem Melody Gardot-Sample aufwartet) berappelt er sich und formuliert sein eigenes kleines „Die Gedanken sind frei„, um sich anschließend ins Getümmel zu stürzen und sich selbst zu sagen: „Lass gehn'“. Mit Handclaps und schwungvollem Rhythmus bringt er ein Schippchen Jackson Five ins Geschehen ein, denn für eine Nacht wird mit zufälligen Club-Bekanntschaften getanzt und nicht länger übers Grüblerische nachgedacht. Auf dem Fuße folgt der urbanen Party jedoch wieder die große Infragestellung, bis sich schließlich das hörenswerte „Wir“ zeitlos (leider) wichtigen Themen wie Vorurteilen, Integration, Identität und Rassismus widmet (und damit dem verwandten, anno 2018 deutlich zu kurz gekommenem Eko Fresh-Song „Aber“ recht nahe steht) und „Immer mehr“ erklärt, wie es sich eben so verhält mit dem Leben: Streben, fallen, weitermachen.

So liefert Chefket ein Album voller Schwankungen, welches dennoch zur kurzweilig-runden, stellenweise dezent melancholischen Sache wird, indem es sich mit dem Gang der Dinge anfreundet und seine Kraft aus der Bipolarität zieht, während über allem die Aussage vom Anfang steht: Glücklichsein ist umstandsunabhängig. Dass Chefket damit einmal mehr nicht der große (kommerzielle) Durchbruch gelang und er mit „Nachtmensch“ eben nicht den Charts-Mainstream enterte, mag zwar zunächst für ein wenig Kopfschütteln sorgen – wenn man jedoch auch nur kurz ein, zwei Ohren bei unsäglichen Autotone-Kaspern wie Capital Bra und Co. riskiert, ist schnell alles klar… Dann doch lieber ein durch und durch exzellenter, mit einem feinen Flow gesegneter Rapper wie Chefket, der sich auch für seinen Soul-Stimme keineswegs verstecken muss, und dessen jüngste Auseinandersetzung mit der (zumindest nach außen) ach so weltoffenenFridays For Future“-Clique oder seine eigenen Erfahrungen mit (potentiellem) Alltags-Rassismus ihn nicht unbedingt weniger sympathisch erscheinen lassen. Guter Mann.

 

Sehr zu empfehlen: Chefkets 2016er „Nachtmensch (Akustik EP)„, auf der er fünf Stücke aus „Nachtmensch“, nur von Klavier, Geige und einer Background-Sängerin begleitet, im reduzierten Gewand in den Berliner Red Bull Studios neu interpretierte (und wer weiterlesen mag, dem sei dieses im Zuge von „Nachtmensch“ auf tagespiegel.de erschienene Porträt nahegelegt):

 

Wenn du wissen willst wie Deutsche leben, geh‘ und frag‘ sie
Und wenn du mal mit ihnen streitest, nenn‘ sie nicht einfach ‚Nazi‘
Ja, es gab sie, es gibt sie und es wird sie immer geben
Steiger‘ dich nicht rein, denn die meisten sind dagegen
Wenn du wissen willst wie Türken leben, geh‘ und frag‘ sie
Aber nicht in ’nem Dönerladen oder im Taxi…

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Talitha Ferri – „Tribute To Her“ (Live Session)


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Foto: Facebook

Dieser Tage landete ein „Gesponsert“-Link in meiner Facebook-Timeline, von dessen Güteklasse in Zukunft gern mehr ebenda auftauchen dürfen: eine Live-Session des Songs „Tribute To Her“ aus der Feder von Talitha Ferri.

Talitha…who?

Eben. Sagte auch mir: nichts.

Und auch eine kurze Recherche bei Google und Co. verstärke recht schnell den „Newcomer“-Verdacht. Talitha Ferri ist eine dänische Singer/Songwriterin mit US-Wurzeln, die bereits seit einiger Zeit ihre kreativen Zelte in Kopenhagen aufgeschlagen hat. Von der seit eh und je ebenso sauteuren wie hippen dänischen Hauptstadt aus kombiniert sie (fast schon) klassischen Indie-Folk mit Stilmitteln aus Rock’n’Pop sowie fragilen Melodien und recht offenherzigen Texten, die den geneigten Hörer mit ihrer rohen und beschwörenden Art schonmal direkt ins singende, klingende Herz treffen können – wie eben „Tribute To Her“, einer Hymne an das Weibliche, das wunderschön Unperfekte, die für gut fünf Minuten fast schon himmlische Brückenschläge von Emilíana Torrini über Tim Buckley und Lisa Hannigan bis hin zum selig-großen Leonard Cohen wagt. Recht phantastisch, und leider bereits der einzige Solo-Song der (noch und mit gerade einmal knapp 500 Facebook-Likes dekorierten) unbekannten Nachwuchs-Musikern der sich – insofern ich nicht schlampig gesucht habe (in diesen Fall würde ich mich natürlich über einen Kommentar und digitalen Fingerzeig freuen) –  aktuell im weltweiten Netz auftreiben lässt…

(Übrigens, wem es denn auf Teufelkommraus nach einem akustischen Nachschlag gelüstet: Bei der Live-Session von „Tribute To Her“ spielen auch Joseph „Joe“ Willem Ricci, Janus Jakobsen, Jamie Metcalfe an Gitarre, Bass und Violine mit, die gemeinsam mit Ferri auch im ebenfalls relativ frischen Alt.Folk-Band-Projekt Anima & Ennui musizieren, deren Debüt-Single „Nothing Better“ im vergangenen April erschien. Gute Nachricht an dieser Stelle: Das gemeinsame Debütwerk „An & En“ ist für dieses Jahr versprochen!)

 

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Austin James Craig – „Ghosts Of Ohio“


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Foto: Facebook

Manchmal scheint ein Musiker derart unbekannt (oder zumindest potentiell desinteressiert dem digital-viralen Internetz-Leben gegenüber) zu sein, dass selbst die hartnäckigste Google-Suche wenig Informatives ausspuckt…

So etwa im Fall von Austin James Craig. Schnell hat man zwar in Erfahrung gebracht, dass der Newcomer aus Akron im Nordosten des US-Bundesstaats Ohio mit aktuell knapp unter 700 Facebook-Likes durchaus ausbaufähiges Potential in Sachen Hörerschaft besitzt. Dass Craigs Debütalbum „Ghosts Of Ohio“ im Oktober 2019 erschien (und via Bandcamp nicht nur im Stream, sondern auch als „name your price“ zu finden ist). Anderswo ist zwar zu lesen, dass ebenjenem Werk „vor einigen Jahren“ bereits eine EP vorausging, diese wiederum findet nicht einmal vonseiten des Künstlers selbst Erwähnung…

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Der Qualität der Songs von „Ghosts Of Ohio“ selbst tut all die Abwesenheit von Hintergrundinfos natürlich keinen Abbruch, schließlich bewegen sich die sieben Stücke stilistisch irgendwo im Spannungsfeld von Singer/Songwritertum, elegischem Alt.Country und wehmütiger Americana – alles musikalische Fächer, die einem Native aus der „Rubber Capital of the World“ (aus der übrigens auch eine Band namens The Black Keys stammt) durchaus liegen dürften. Da kommen einem die frühen Werke eines Noah Gundersen ebenso in den Sinn wie Bruce Springsteens reduziert-düstere Trilogie aus „Nebraska“, „The Ghost Of Tom Joad“ und „Devils & Dust“ (dazu passt wiederum, dass Craig kürzlich eine Coverversion des Boss-Evergreens „Atlantic City“ auf den einschlägigen Streaming-Plattformen online brachte).

Songs, die irgendwie den good ole All-American-Zeitgeist der Sixties atmen (was wiederum von den Artworks der einzelnen Stücke auf YouTube stilistisch ergänzt wird), andererseits jedoch inmitten ihrer Melancholie auch zeitlos klingen… Genre-Freunde sollten bei Austin James Craig durchaus ein Ohr riskieren!

 

 

Rock and Roll.

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