Schlagwort-Archive: News

Moment! Aufnahme.


Quelle: Facebook

Großartiger Typ, der Turner-Frank. Setzt seinem Troubadour-Buddy Will Varley mit einem eigenen Eintrag im Urban Dictionary mal so mir nichts, dir nichts bereits zu vergleichsweise jungen Lebzeiten ein augenzwinkerndes kleines Flügelwort-Denkmal – und schlüpft anschließend mit ein wenig Stolz im Gesicht seinen Morgenkaffee aus dem Merch-Ergebnis. Wer solche Freunde hat…

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Norah Jones – „Black Hole Sun“ (live)


Foto: Promo / Vivian Wang

Norah Jones juckt es derzeit mächtig in den Fingern. Nachdem die US-Musikerin wegen der Corona-Pandemie über ein Jahr lang keine Konzerte vor Live-Publikum geben konnte, brennt auch sie förmlich darauf, endlich wieder auf Tournee gehen zu können. Sie wartet nur noch auf ihre zweite Impfdosis und grünes Licht für die Konzertbranche. “Ganz gleich, ob wir nun Musiker oder Fans sind, wir alle vermissen das gemeinsame Erlebnis von Live-Musik”, sagt die neunfache Grammy-Gewinnerin, die vergangenes Jahr für ein Duett mit Mavis Staples ihre nunmehr 17. Nominierung erhielt. “Ich werde auf meiner Facebook-Seite jede Woche auf ein andere Wohltätigkeitsorganisation hinweisen, um den Leuten Respekt zu zollen, die unermüdlich hinter den Kulissen der Live-Musikindustrie gearbeitet haben und deren Jobs auf Eis gelegt wurden. Ich kann es kaum erwarten, wieder mit ihnen allen zusammen zu sein.” Fans von Live-Musik geht es natürlich kaum anders.

Ein bisschen werden sie sich aber voraussichtlich doch noch gedulden müssen. Da kommt ein exzellent aufgenommenes Live-Album der 42-Jährigen, bei der sich Pop-Gelehrte wie Kritiker – mehr als zwanzig Jahre im Musikgeschäft, so einige Nummer-Eins-Alben, zig Auszeichnungen und etwa 35 Millionen verkaufte Tonträger hin oder her – noch immer streiten, ob das einstige Wunderkind nun Jazz, Pop, Soul oder „Adult-Music“ (was böse Zungen wohl gern mit „Fahrstuhlmusik“ übersetzen würden) macht, gerade recht. Auf „‘Til We Meet Again“ – ganz nebenbei tatsächlich das erste wirkliche Live-Album der vielseitigen Pianistin, Sängerin und Gelegenheitsschauspielerin – gibt es so nicht nur einige ihrer größten Hits zu hören, sondern auch eine ebenso überraschende wie bewegende Coverversion von Soundgardens “Black Hole Sun“ (welche vor einiger Zeit aus gegebenem Anlass bereits Platz auf ANEWFRIEND fand).

Die erzwungene Auszeit im vergangenen Jahr nutzte Norah Jones, die obendrein noch einen recht berühmten Vater hat, um sich durch Mitschnitte ihrer Konzerte der zurückliegenden acht Jahre zu hören. Besonders angetan war sie von einigen Aufnahmen, die im Dezember 2019 – also kurz vor Beginn der Corona-Pandemie – bei Auftritten in Südamerika entstanden waren. “Es war einfach ein tolles Gefühl, vor allem, weil wir keinen Zugang zu Live-Musik hatten und nicht auftreten konnten”, verriet sie „grammy.com“ unlängst in einem Interview. “Deshalb wollte ich die Aufnahmen rausbringen.” Mit den Musikern ihrer Band durchkämmte die New Yorkerin dann ihre Konzertarchive nach Aufnahmen, die sie mit ähnlichen Besetzungen gemacht hatte, um wirklich die besten Versionen der gespielten Songs herauszufiltern. Das Ergebnis präsentiert sie nun auf der Zusammenstellung “‘Til We Meet Again”, die bei einer Laufzeit von fast 76 Minuten vierzehn Songs und einen wunderbaren Querschnitt durch Norah Jones‘ bisherige Karriere enthält, darunter offensichtliche Hits wie “Don’t Know Why”, “Sunrise” oder “Flipside” sowie Titel aus ihrer 2018/19 veröffentlichten Singles-Serie.

Die eine Hälfte der Aufnahmen stammt von besagter Südamerika-Tournee, die Norah Jones, Bassist Jesse Murphy und Schlagzeuger Brian Blade unter anderem nach Rio de Janeiro, São Paulo und Buenos Aires geführt hatte. In Rio präsentierte das Trio als Gäste zwei bestens bekannte brasilianische Musiker – den Perkussionisten Marcelo Costa (Mariza, Maria Bethânia, Michael Bublé) und den Flötisten Jorge Continentino (Bebel Gilberto, Milton Nascimento, Brazilian Girls) – sowie ihren alten Songwriting-Partner und Gitarristen Jesse Harris. Harmonisch kombiniert wurden diese sieben Aufnahmen mit sechs weiteren, die Jones im Jahr zuvor mit dem Hammond-Organisten Pete Remm, Bassist Chris Thomas und wiederum Brian Blade am Schlagzeug in den USA, Frankreich und Italien gemacht hatte.

Den krönenden Abschluss bildet die wahrlich unter die Haut gehende Solodarbietung von Soundgardens “Black Hole Sun”. Norah Jones‘ von Herzen kommende (und genau dahin gehende) Hommage an Chris Cornell wurde am 23. Mai 2017 im Fox Theatre in Detroit aufgenommen – nur fünf Tage nach dem Tod des Soundgarden-Frontmanns, der am 17. Mai 2017 am selben Ort sein letztes Konzert mit der Band gegeben hatte. Vor ihrem Auftritt hatte Norah Jones in ihrer Garderobe den ganzen Tag über an dem Arrangement des Songs herumgefeilt. “Ich war ein bisschen nervös”, gibt sie zu. “Aber ich dachte: ‘Ich werde ihm meinen Respekt erweisen und diesen Song von ihm spielen.’” Das Publikum stand vor lauter Begeisterung kopf, als es die Nummer nach dem Klavier-Intro endlich erkannte. “Es war wahrscheinlich einer der schönsten Live-Momente, die ich je erlebt habe”, erinnert Jones sich. “Ich weiß nicht, ob sein Geist im Raum war oder was auch immer, aber er hat mich auf eine Art durch diesen Song getragen, wie ich es mir nie hätte vorstellen können.” Ergreifend. Gelungen. Soulful.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Auf dem Radar: Hey, King!


Hier lohnt es sich schon mal, ein klein wenig weiter auszuholen, denn manchmal haben kleine Dinge große Auswirkungen… 

Die kanadische Songwriterin Natalie London war auf dem besten Weg, einen attraktiven Plattenvertrag an Land zu ziehen, als ihr Leben durch einen Zeckenbiss aus der Bahn geworfen wurde und sie sich eine schwere Borreliose-Infektion zuzog. Vier Jahre verbrachte sie mehr oder minder bettlägerig damit, sich gegen diese Krankheit zu wehren und zu stemmen, den damit verbundenen Gedächtnisverlust zu kompensieren und sprichwörtlich alles – das Lesen, Sprechen, Gehen und Schreiben – neu zu erlernen.

Dass das Schlechte auch immer sein Gutes im Gepäck mit sich trägt, bewies ihr Schicksal, denn zum Glück lernte London während dieser Zeit die gebürtige Texanerin Taylor Plecity kennen und lieben. Das Paar beschloss im Anschluss an Natalies Erkrankung das Band-Projekt Hey, King! ins Leben zu rufen, um diese Phase ihres Lebens in gemeinsamen Songs zu zelebrieren. Einen kompetenten Unterstützer fand das sowohl beruflich wie private Zweiergespann aus Burbank, Kalifornien dabei in Blues-Rocker Ben Harper, der das Talent der Damen früh erkannte und sie erst unter seine Fittiche und anschließend als Support mit auf Tournee nahm, noch bevor er sich entschloss, auch ihr Debütalbum zu produzieren – allerdings mehr als prominenter Mentor und ohne diesem über alle Maßen hörbar (s)einen Stil aufzudrücken.

Es ist letztlich wenig verwunderlich, dass das Album – trotz einiger melancholischer Momente – auf der musikalischen Seite vor positiven Vibes geradezu und weitestgehend zu bersten droht, während Natalie inhaltlich nicht nur ihre überstandene Krankheitsphase, sondern auch ihre Beziehung mit Taylor facetten- wie nuancenreich thematisiert und kommentiert. Freilich sollte man gar nicht erst erwarten, dass dabei musikalisch irgendeine Ben-Harper-Light-Emulation herauskommt. Hey, King! bieten auf ihrem selbstbetitelten Debütlangspieler organischen, recht klassischen Gitarrenpop, der sich jedoch – auch dank Harper, diesem songwriterischen, stilistischen und produktionstechnischen Hansdampf in allen Gassen – seiner zweifelsohne vorhandenen Mainstream-Attitüde nicht zu schämen braucht, da das Songmaterial eine durchweg authentische und somit glaubwürdige Basis für das Tun des Newcomer-Duos bietet, das seinen Bandnamen passenderweise dem Spike-Jonze-Film und gleichnamigen Kinderbuch-Klassiker „Where The Wild Things Are“ entliehen hat – ohne dabei auf die Tränendrüse zu drücken, aber auch ohne sich in popmusikalische Banalitäten zu flüchten.

Ein recht gelungenes Beispiel für diesen Spagat ist etwa die Eröffnungsnummer „Beautiful“. „Wenn es jemals ein Jahr gab, in dem die Leute ausbrechen wollten, dann war es das vergangene“, meint London. „Sowohl mit dem Musikvideo als auch mit dem Song selbst haben wir versucht, dieses Gefühl zu vermitteln, all die Monotonie, die Enttäuschungen, die Sorgen und die Wut, die wir alle haben, abzustreifen und den Scheiß einfach loszulassen.“ Und Plecity fügt hinzu: „Besonders während COVID wusste und weiß keiner von uns, wie unser Leben auch nur in sechs Monaten aussehen wird, also ist alles, was zählt, wann immer es geht Abenteuer zu finden, und die Menschen – oder Tiere – zu lieben, die man zum Glück gerade hat.“ Anderswo, im ebenso kraftvollen wie intimen „Half Alive“, wird die Beziehung der beiden ebenso thematisiert wie Natalie Londons lange Reise dahin, der Liebe in ihrem Leben wieder einen Platz zu geben. Trotzdem sollte man Zeilen wie “I was only half alive before I loved you” nicht zu absolut verstehen, wie sie erklärt: „Das heißt nicht, dass man außerhalb einer Beziehung kein vollkommener Mensch ist, aber erst als ich mich wirklich lieben ließ, wurde mir klar, wie viel von mir sich mittlerweile in der Gefühllosigkeit bequem gemacht hatte.“ Ein wenig schwingt hier der ungeschliffene Geist der frühen Tegan & Sara mit, gepaart mit einer Messerspitze Roadmovie-Gefühl: ungezogen, ungezähmt und mit wilder Lebenslust. Gut, dass Ben Harper die DIY-Attitüde des Duos nicht allzu glatt gebügelt hat – so kann „Sorry“ sein Arcade-Fire-Herz sperrangelweit öffnen, die Trompete bei „Walk“ etwas windschiefe Tex-Mex-Schönheit entfalten, „Road Rage“ mit geballter Faust weibliches Empowerment feiern oder „Get Up“ seinen quirligen Indie-Pop-Charme versprühen. „Thelma & Louise“ in musikalischer Umsetzung, quasi.

Es gibt Platten, die entstehen, um damit die Öffentlichkeit zu suchen. Andere wiederum müssen aus einem inneren Drang heraus einfach gemacht werden. Es gibt Platten, mittels derer die betreffenden Musiker*innen ihre Erlebnisse verarbeiten und therapieren. Und es gibt welche, die einfach aus einem Gefühl der Lebensfreude heraus entstehen. Unterm Strich ist das Debütalbum von Hey, King! wohl eine Art Hybrid aus all dem.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Zitat des Tages


(gefunden bei Facebook)

(Sir Karl Raimund Popper, 1902-1994, österreichisch-britischer Philosoph)

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , ,

„Save Ralph“ – Ein Kurzfilm gegen Tierversuche


Der sehenswerte Stop-Motion-Kurzfilm „Save Ralph“ von Regisseur Spencer Susser ist Teil einer Kampagne der Humane Society International, welche sich für ein weltweites Verbot von Tierversuchen einsetzt. Die Nonprofit-Organisation ist auch für die Produktion des Films verantwortlich, zu dessen Team, neben einigen anderen Stars wie Taika Waititi, Olivia Munn, Pom Klementieff, Rodrigo Santoro oder Tricia Helfer, auch die beiden vegan lebenden Schauspieler Ricky Gervais und Zac Efron zählen.

Die Story des Films im Dokustil, welche ebenfalls von Susser stammt, handelt von einem Kaninchen namens Ralph, das durch Tierversuche auf einem Auge blind und fast taub ist und von Ricky Gervais zunächst in seinem Zuhause interviewt wird. Dabei erzählt es aus seinem Leben – davon, wie es, wie der Rest seiner Familie auch, zum Testobjekt in einem Versuchslabor wurde.

Auf seinem Twitter-Account schreibt Ricky Gervais:

„Ich bin so stolz, Teil dieses Films zu sein und damit den Kampf gegen die Tierversuche zu unterstützen.“

Der britische Comedian, Radiomoderator, Schauspieler, Autor und Regisseur machte in den letzten Jahren immer wieder Schlagzeilen mit seinem Einsatz in Sachen Tierrechte. Zuletzt setzte er sich in seiner englischen Heimat etwa für das Pelzverbot und gegen Massentierhaltung ein.

Das Kaninchen Ralph wird im Film von Oscar-Gewinner Taika Waititi („Jojo Rabbit“) gesprochen. Das neuseeländische Multitalent schreibt in gewohnt doppeldeutiger Manier auf Twitter:

„Wenn ihr euch den Film nicht anschaut oder ihn nicht mögt, hasst ihr Tiere und seid nicht mehr meine Freund*innen.“

Leider leiden noch heute nach wie vor Millionen von Tieren weltweit absolut unnötigerweise und bar jeden Mitgefühls in Versuchslaboren – auch hierzulande. Und auch wenn bereits hier und da Fortschritte zu verzeichnen sind, ist es noch ein langer Weg bis zu einem kompletten Verbot. Einen weiteren beachtlichen Schritt machte in diesem Monat China. Das Land kündigte das Ende der obligatorischen Tierversuche für Kosmetika an, was es Unternehmen in Zukunft möglich macht, ihre Produkte zu verkaufen, ohne dafür qualvolle Tests an Tieren durchzuführen.

Fakt ist, dass alles, was die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Grausamkeit und Sinnlosigkeit von Tierversuchen lenkt, zur Lösung des Problems beiträgt. Damit ist der knapp vierminütige Kurzfilm „Save Ralph“, zu dem man hier die passende Petition findet, abseits seiner absolut gelungenen Machart ein weiterer kleiner Schritt in die richtige Richtung. Gute Sache, so oder so. 👍

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Arab Strap – As Days Get Dark (2021)

-erschienen bei Rock Action/PIAS/Rough Trade-

Achtung, die schlecht gelaunten Männer sind zurück – älter, bärtiger und grimmiger als je zuvor: 2005 (und all die Jahre darauf, bis heute) glaubte man, Aidan Moffat und Malcolm Middleton hätten sich mit ihrem Album „The Last Romance“ ein letztes, hinreißend misanthropisches Denkmal gesetzt. Doch jetzt haben sich die beiden schottischen Musiker noch mal ins Studio geschleppt. Zusammen mit Drummer und Band-Intimus Paul Savage, der 1996 schon das Debüt von Arab Strap produziert hatte, ist ihnen – recht unerwartet, aber so ist’s ja oft – ihr zugleich vielleicht bestes, fiesestes und feinfühligstes Album gelungen. Ein verblüffendes Comeback zur richtigen Zeit, bei dem auch der Titel wie die trunkene Faust aufs müde Auge passt, denn wenn die Tage dunkler werden, gibt es schließlich mehr herunterbekommende Verstecke für Arab Straps schattige Geschäfte. Daran haben auch die 15 Jahre Abstinenz des Duos, welches sich zuzeiten ihrer Gründung 1995 nach einem Sexspielzeug für den Herrn gebannte, nichts geändert.

Und mal ehrlich: Was braucht man in diesen Tagen des Corona-bedingten Grollbürgertums und der allerorten grassierenden Lockdown-Melancholie dringender als Pop, der einen in den düstersten Winkeln der eigenen Mickrigkeit abholt? Der einem beim sauertöpfischen Aufstoßen niederster Triebe im Homeoffice-Geschlumpfe ertappt, umarmt und zum erlösenden Sicherheitsabstandstänzchen bittet: Ist schon okay, wir sind alle mies drauf, schmoren alle im eigenen, stinkenden Saft… Wie unendlich tröstlich. Aye.

Fotos: Promo / Kat Gollack

Dabei entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn ausgerechnet Sänger und Songwriter Aidan Moffat gleich im ersten, sanft schubsenden Song „The Turning Of Our Bones“ zum Salsa-Rave und zum Ausschütteln der morschen Knochen auffordert. Das Stück pumpt und klappert wie ein Voodoo-Tanz im schottischen Hochmoor, bis die unterm Morast vergrabenen Toten wenigstens eine beinharte Erektion bekommen. Hatte er nicht gerade noch, vor schlappen 17 Jahren, im ähnlich sinisteren „Don’t Ask Me To Dance„, ebensolche Animationsversuche verdammt? Na ja… fuck it, mate – man wird älter.

Aber nicht milder: „I don’t give a fuck about the past, our glory days gone by / All I care about right now is that wee mole inside your thigh“, deklamiert Moffat, mittlerweile 47 Lenze alt, sichtlich ergraut und mehrfacher Familienvater, im ungehobelten Falkirk-Dialekt, als wäre er Leonard Cohens zynischer kleiner Saufbruder aus dem Norden: sexfixiert, desillusioniert, moralisch korrumpiert, jedoch ohne die abfedernde Frömmigkeit und heilige Wucht von Cohen oder Nick Cave. Bei Moffat und Middleton, die in den späten Neunzigern so etwas wie den Soundtrack zur „Generation Trainspotting“ – keine Romantik, bloß keine Herzscheiße und als solches ein ätzendes Gegenmittel zum gockelnden Brit-Pop-Gewese jener Zeit – lieferten und nach dem zwischenzeitlichen Ende von Arab Strap jeder für sich kleine Indie-Solokarrieren starteten, taten die vom Bodensatz des Lebens gekratzten Wahrheiten schon immer eine wenig mehr weh.

Zum Beispiel in „Another Clockwork Day“, einer Akustikballade, die davon handelt, wie ein sentimentaler Tropf zu alten, pixeligen Erotik-JPGs in den geheimen Ordnern auf seiner Festplatte masturbiert, während seine Frau nebenan leise schnarcht. Es geht um den Verfall des männlichen Körpers in diesen lakonisch humorvollen Geschichten, um das Aufbäumen der Libido, Viagra, Selbstekel – critical oldness, wenn man so will. Was will man auch, irgendwo inmitten der großstädtischen Anonymität und jenseits der Vierzig, noch groß erwarten? Well, for fuck’s sake: Eine Rollo-runter-Atmosphäre aus schlechtem Sex, billigem Alkohol und deftigem Schämkater, für die das Duo seit jeher in Fan-Kreisen so geschätzt wird. Und 2021 endlich ein paar neue traurige Geschichten über kaputte Orte, gescheiterte Träume, verzweifelte Menschen liefert – und natürlich immer wieder über die beschissene Liebe und das trostlose Leben, die aus Sicht von Arab Strap ungefähr gleichermaßen ernüchternd daherkommen.

Die elf neuen Songs, welche sich um die ewig kreisenden Gitarren-Loops Middletons herum aufbauen, diesmal jedoch auch mit apokalyptischem Streicher-Schwirren und fiesem Saxofon-Drama ausgeschmückt werden, treiben den geneigten Zuhörer ein ums andere Mal durch Quälgeisterstunden. Klare Sache: Arab Strap sind, immer noch, Meister des heiteren Nihilismus und schwitzigen Unbehagens auf dem Kaschemmen-Dancefloor. Ihr Sound, irgendwo im Halbdunkel zwischen Mogwai-Post-Rock, Indietronica und Slowcore, ist auch 2021 mehr denn je einzigartig im Limbo zwischen Nervosität und Lethargie. Wie Folk gewordene Joy Division aus den Highlands, abzüglich des gefrorenen Pathos.

„Bluebird“, noch so eine elektronisch zittrige Moritat, erzählt vom gemeinen Schwarzmilan, der in Großbritannien fäkalistisch „Shite-hawk“ genannt wird, ein unsympathischer Greifvogel, der seiner Beute nachts in den Büschen auflauert. Ein waschechter Kackvogel also, aus dessen Perspektive Moffat alles schön schwarzmalt: „Ich will deine Liebe nicht, ich brauche sie“, bringt er die Notgeilheit in einer depravierten Welt auf den Punkt; Sex ja, aber bloß niemalsnie keine Zuneigung: „Give me your love, don’t love me“. Wir reden mit niemandem und allen, wir ratschen mit Geistern in Computerfenstern, philosophiert Moffat, der grummelige Crooner, dieser versierte Geschichtenerzähler mit großer Beobachtungsgabe fürs Alltäglich-abgründige und Profan-widrige, über die allgemeine Zoom-Entfremdung (sowieso schon und unter Corona-Bedingungen besonders), um – vielleicht etwas zu banal – im Existenziellen zu landen: „And who are you anyway? Who am I anyway? Does anybody care?“

In „Tears On Tour“ nimmt das Glaswegian Duo sein eigenes Image als sauertöpfische Trauerklöße aufs Korn, das wundervoll betitelte „Kebabylon“ ist eine Ode an die Schönheit im schottischen Schmutz. Nicht ganz so stark ist die zweite Hälfte des Albums: „Here Comes Comus!“ und „I Was Once A Weak Man“ sind Porträts von Unholden, die man sich auch als Single-B-Seiten vorstellen könnte, die „Fable Of The Urban Fox“ eine politische Folk-Allegorie über Fremdenfeindlichkeit (in der jedoch ausnahmsweise mehr Menschenliebe als Selbstverachtung mitschwingt). Aber dann ist da eben noch „Sleeper“, so etwas wie das schottische „Hotel California“ auf Schienen, eine albtraumhaft-hypnotische Horrorgeschichte, die mit ihrem Gefühl der Heimatlosigkeit durchaus Lust auf mehr in ähnlicher Tonart macht. 

Der Cringe-Faktor dieser Männer, die mit unbarmherzigem Blick auf das letzte Zucken ihrer schwindenden Virilität starren, ist hoch, aber auch heilsam und kathartisch. Zumindest, aber nicht nur, für Angehörige derselben Alterskohorte. Those lads are fucking back, aye! Und ringen ihren großstädtischen Odysseen zwischen Flaschen- und Körperöffnungen auch auf „As Days Get Dark“ das höchste Maß akustischer Poesie ab.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
<span>%d</span> Bloggern gefällt das: