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Auf dem Radar: George Hennessey


Nee, George Hennessey macht beileibe keinen Hehl daraus, großer Fan des Britpops der seligen Neunziger zu sein, damals als Cool Britannia und schiere Heerscharen toller neuer Bands aus Good Ol‘ England die (Musik)Welt regierten. Mal ist der Sound des aus London stammenden 29-jährigen Newcomers psychedelischer Natur wie bei The Verve, mal eher ebenso hymnisch wie vollmundig poprockend wie weiland bei Oasis. Inhaltsleere muss trotzdem niemand befürchten, denn seine Songs sind im Kern persönlich, handeln unter anderem von der Desillusionierung junger Menschen – das hat durchaus seine Gründe: Auch Hennessey wusste vor ein paar Jahren noch nicht so genau, was er wollte. Die Musik war damals sein Anker: „Kreativ und produktiv zu sein, hat mich glücklich gemacht, mir Hoffnung gegeben. Ich fühle mich wohler in meinem Leben, ich bin recht optimistisch.“ Das kann er auch sein, denn am 3. Februar erscheint mit „If You Can’t Find What You’re Looking For Please Ask“ nach der 2021er EP „Purified“ sowie einigen Singles endlich sein Debütalbum. Und auch selbiges dürfte so einige in die Zukunft weisende Retro-Songs bieten. Irgendwann erlebt halt alles mal wieder (s)ein Revival…

Rock and Roll.

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Song des Tages: CVC – „Good Morning Vietnam“


Foto: Promo / Dan Hall

Klingt fast wie ein Witz, ist aber so: Ihren grandiosen US-Roots-Rock haben CVC in einem Kaff in Wales erdacht und eingespielt. Noch nicht eigentümlich genug? Dann wäre da nämlich noch etwas: David und Elliott, die beiden singenden Gitarristen der walisischen Newcomer-Band, heißen mit Nachnamen Bassey und Bradfield und sind tatsächlich mit Shirley „Goldfinger“ Bassey und James Dean Bradfield (Manic Street Preachers) verwandt, wenn auch nur entfernt. Da liegt doch glatt der Gag auf der Hand, Wales als eine Art britisches Saarland zu betrachten, in dem nicht nur jeder jeden zu kennen, sondern man auch miteinander verwandt zu sein scheint. Doch Schluss mit den Witzen, her mit der Anerkennung, denn anders als aus dem Saarland kommt aus Wales eine Vielzahl grandioser Bands und Künstler*innen – man denke nur an die Stereophonics, Feeder, Catatonia, The Joy Formidable, Funeral For A Friend oder die Super Furry Animals (nebst den bereits erwähnten Manic Street Preachers, freilich). Viele von ihnen eint dabei die Eigenart, sich musikalisch recht selten um das zu kümmern, was gerade in den musikalischen Metropolen des „großen“ Nachbarlandes, in London, Manchester oder Liverpool, so angesagt ist, sondern oftmals höchst eigene Wege zu gehen.

Und weil Traditionen manchmal über die Muttermilch weitergegeben werden, folgt das Sextett CVC, zu welchem noch Sänger Francesco Orsi, Bassist Ben Thorne, Schlagzeuger Tom Fry sowie Keyboarder Daniel `Nanial‘ Jones gehören, ebenjener. Die Abkürzung steht für „Church Village Collective“ – Sektenalarm ausgelöst? Mitnichten, dezente Entwarnung: Das Kirchendorf Church Village, etwa 15 Kilometer nord-westlich von Cardiff gelegen, ist lediglich die Heimat der Band, gut 5.000 Menschen leben hier, alles ist zu Fuß erreichbar, man hat seine Ruhe – manchmal sogar wohl mehr, als einem lieb sein mag. CVC machen aus dieser Abgeschiedenheit – ganz nach walisischer Tradition – das Beste. 2019 gründet sich die Band, seitdem bastelt sie an einem Sound, der wie aus der Zeit gefallen scheint. Wer nicht wüsste, dass CVC aus einem beschaulichen Kaff bei Cardiff stammen, würde wohl viel sauer Erspartes auf eine Herkunft aus den US of A verwetten. Das just erschienene „Get Real“ ist nach einer EP (aus dem vorherigen Jahr) das erste Album der Band, es klingt aber so reif, dass man kaum an ein Debüt glauben mag. Diese Verwunderung mag auch im recht zeitlosen Sound begründet liegen, denn beeinflusst sind CVC von Westcoast-Rock-Bands mit ihren sonnigen Harmonien aus dem Laurel Canyon, aber auch die Americana-Virtuosen von The Band oder mehrstimmiger Harmoniegesang der Marken Beatles, Beach Boys oder Neil Young haben hier deutliche Spuren hinterlassen. Dass die erste Single – ein stampfendes Soul-Rock-Stück mit minimalen Disco-Anleihen im Refrain – den Titel „Good Morning Vietnam“ trägt, fügt sich da nur wie ein weiteres Puzzleteil ins Bild ein. Auch der Song „Music Stuff“ verrät viel über den Ansatz dieser Band: „Get Real“ klingt nach einem Album, das die Musik ganz selbstverständlich zur wichtigsten Sache der Welt erklärt und dementsprechend ernst nimmt. Also lieber „Größer, besser, weiter!“ als britisches Understatement? Gut möglich, schließlich meinte die Band unlängst selbstbewusst, dass sie rasch große Arenen füllen will, auch vom Privatjet mit Bandlogo war die Rede. Klar, das ist 2022 (noch) augenzwinkernde Ironie. Andererseits ab und an gar nicht mal so schlecht, in dieser Zeit eine Band mit dem großspurigen Mindset à la Oasis vorzufinden, eine, die noch an das große Heilsversprechen einer Rockbandgründung glaubt – und alles dafür tut, dass diese vielleicht doch wahr werden. Warum auch nicht? Das erste Album der Kings Of Leon war vor knapp zwanzig Jahren schließlich eine ähnlich coole, nerdige und großartige Roots-Rock-Platte. Der Rest ist keinesfalls ein Witz, sondern Geschichte…

Rock and Roll.

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Mein Senf: Harry, Dianas postume Zeitbombe


Lady Di und Charles mit Harry (links) und William im Jahr 1995 (Foto: afp)

Am Tag, als Diana Frances Spencer starb, waren ihre Söhne William und Harry 15 und 12 Jahre alt. Mit ihrem Sterben am 31. August 1997 in einem Tunnel in Paris, an der Seite ihres letzten Liebhabers Dodi al-Fayed, geschah etwas Unbegreifliches: eine Geschichte, die so tragisch war, dass man sie kaum einem Romanautor abnehmen würde, wurde Wirklichkeit. Aufstieg und Leiden der Prinzessin Diana hatten die Welt über fast zwei Jahrzehnte träumen und trauern, staunen und schäumen lassen. Im Nachhinein mag man das grausame Ende als fast zwangläufige Volte des Schicksals sehen. Damals aber löste sie eine Schockwelle auf, die den Globus erzittern und süffisant schluchzen ließ wie zuvor vielleicht nur das Attentat auf John F. Kennedy.

Die damals ohnehin fast absurde Heiligenansehung der ehemaligen Kindergärtnerin, die es kurzzeitig bis zur zukünftigen Königsgattin geschafft hatte (und postum als „Königin der Herzen“ noch berühmter wurde als ohnehin schon), überdeckte dabei wie glitzernder Mehltau die wahre Geschichte einer dysfunktionalen, aber in ihrem Scheitern im Grunde auch nicht sonderlich außergewöhnlichen Familie. Gut, es war ein Kostümdrama (welches unlängst für die „Netflix“-Serie „The Crown“ in Skandaleskem badend ausgeweidet wurde), es gab als besondere Ereigniskarten die strengen und vielleicht bizarren Regeln der Monarchie. Im Grunde genommen aber war es so: Eine Ehe scheitert. Zurück bleiben der Gatte und die Gattin, die einander die Schuld geben – und eben zwei kleine Söhne.

Eine Alltäglichkeit? Natürlich, schließlich müssen Millionen Familien landein, landaus mit solchen Situationen leben und kommen damit zurecht – mal mehr, mal weniger gut. Selten scheitert das Leben danach so brachial wie im Falle Windsor gegen Spencer. Die Erschütterungen sind bis heute spürbar, also auch nach mehr als 25 Jahren noch. Der Rache – und der Geldgierfeldzug, den Dianas jüngerer Sohn, Harry, gerade mit dem lautest denkbaren Kampfgebrüll gegen seine abseits bekannte royale Rest-Familie führt, wäre ohne das Schicksal der Prinzessin für ein Jahrzehnt und ihre seltsam und doch so erfolgreich kaschierte Egomanie nicht denkbar. Um es auf den Punkt zu bringen: wäre Diana eine gute Mutter gewesen, würde ihr Sohn heute vielleicht nicht der Ego-Berserker sein, der er eben ist.

Aber sie war es nicht, im Gegenteil. Denn anstatt sich in angemessenem Maße um ihre Kinder zu kümmern, beschäftigte sie sich vielmehr mit einer anderen, ihr wohlmöglich viel wichtigeren Person: mit sich selbst. Steile Thesen? Gibt’s anderswo.

Doch zurück zu jenem verhängnisvollen Augusttag im Jahr 1997: Den Morgen ihres Todestages hatte die damals 36-Jährige noch vor Sardinien begonnen, mit Croissants und Konfitüre auf einer Luxusyacht. Von dort aus trat Diana die verhängnisvolle Reise nach Paris an, wo sich die ehemalige Prinzessin mit ihrem neuem Liebhaber Dodi al-Fayed weiteren Zerstreuungen hingeben wollte. Denn Paris und auch Sardinien waren nur kurze Etappen eines heiteren Sommers, den Diana – fernab ihrer britischen Heimat und ihrer Kinder – verbrachte. Sicher: in deren Schulferien hatte man -wohlmöglich aus Pflichtschuld, wohlmöglich aus tatsächlicher Mutterliebe – gemeinsame Tage verlebt, aber anschließend begann Diana eine vielwöchige Reise durch Europa. Sie flog nach Mailand zur Trauerfeier für den ermordeten Modeschöpfer Gianni Versace, dann weiter zum Mittelmeer, wo sie auf der Yacht des Harrod´s-Erben al-Fayed eincheckte und in See stach. Zwischendurch lag ein Besuch in Bosnien-Herzegowina für eine Kampagne gegen Landminen.

Letzteres ist ehrenvoll, keine Frage, wie viele Charity-Projekte, die die ehemalige Princess of Wales anführte. Immer dabei, natürlich, denn wer Aufmerksamkeit braucht, benötigt die Presse: Paparazzi, Kamerateams, Journalisten. Das symbiotische Verhältnis zwischen Spencer und den Medien hatte sich seit ihrem Eintritt ins britische Königshaus in den frühen Achtzigern stetig entwickelt und war für beide Seiten äußerst lukrativ. Vor allem in den Jahren des Scheiterns ihrer Ehe mit Charles hatte Diana gelernt, wie man mit der Öffentlichkeit umgeht. In dem 1992 erschienenen Buch „Diana – ihre wahre Geschichte“ ließ sie sich von Andrew Morton als betrogene Unschuld vom Lande portraitieren, die, vom Gatten verhöhnt und vom Palast schikaniert, Jahre der Qual hinter sich hatte. Doppelmoral, ick hör‘ dir trapsen, denn ihre eigenen inner- und später außerehelichen Beziehungen zu unter anderen einem Reitlehrer und einem Herz-Chirurgen wurden ihr von der Öffentlichkeit verziehen. Und als ihr Image etwas ins Wanken geriet, gab sie Martin Bashir im Jahr 1995 ein legendäres Tränen-Interview. Das hörte sich dann – sie spricht über Charles – so an: „Ja, ich habe ihn vergöttert. Ja, ich war verliebt in ihn. Aber ich bin schrecklich im Stich gelassen worden.“ Dazu ihr Signature-Blick, ganz scheu und unschuldig, Kulleraugen nach oben, hollywoodreifes großes Kindchenschema-Kino.

Tatsächlich war Diana die Hohepriesterin der Meinungsbildung und der zufällig bestellten Fotos – man erinnere sich etwa an die sinnierende Bikini-Di im Bugspriet der Dodi-Yacht. Klatsch funktioniert durch immense Aufmerksamkeit, funktioniert dadurch, dass Menschen ihre eigenen Gefühle mit denen derer abgleichen, die es (vermeintlich) zu etwas gebracht haben – beispielsweise vom Kindergarten nach Kensington. Dieses Foto von Irgendwo in Jetsetistan sagt: Ja, sie bewegt sich zwar seit jeher in anderen Sphären und ist jetzt zwar mit einem etwas extrovertierten Multimillionär zusammen, aber, seht her – sie ist eine nachdenkliche Frau in den Dreißigern, die sich nichts vorschreiben lässt! Diana ließ sich von den besten Fotografen der Welt ablichten, in allen Rollen, die ihr gerade hilfreich erschienen: mal in der großen Robe der Society-Lady, mal mit kugelsicherer Weste. Diana, die Poserin. Ready as fuck for Instagram before it was even invented. Von Menschen wie ihr, sagte sie einmal, würden nur Bilder übrig bleiben. Damit könnte sie durchaus recht haben. Naja, und eine nun ihr gewidmete Schnulze von Elton John, die dieser ursprünglich 1973 in Gedenken an Marilyn Monroe (noch so eine gleichsam tragische wie polarisierende Persönlichkeit) geschrieben hatte…

Obwohl die Bilder höchst selten die ihnen zugedachte Wirkung verfehlten, war Diana Spencer – man kann’s kaum oft genug erwähnen – immer sehr mit sich selbst beschäftigt. Sie, die vorher haargenau und detailliert gewusst hatte, welche besonderen Anforderungen die Ehe mit Charles Philip Arthur George, nun König Charles III., an sie stellen würde, begann bald, sich über ihr Schicksal zu beklagen. Das Königshaus wusste damals nicht damit umzugehen – und weiß es heute angesichts des Flächenbombardements von Harry und seiner Ehefrau Meghan, einer ehemaligen amerikanischen Serien-Nebendarstellerin, kaum besser.

Außerhalb der Palastmauern wurde Dianas dauerndes Wehklagen allenthalben mit nach zerstreuendem Klatsch gierendem Genuss und offen kundgetanem Verständnis aufgenommen: War nicht genau dies der dunkle Punkt der in die Jahre gekommenen, angestaubten Monarchie, der Beweis dafür, dass, sich eine Königin zu halten, ihre Familie und Hofstaat zu unterhalten, absolut unmodern war? Brauchte es nicht ebensolche Frauen wie Diana? Brauchte es überhaupt noch eine Monarchie?

Rückblickend darf man durchaus feststellen, dass Diana ihre Mission Disruption des britischen Königshauses Jahrzehnte bevor der Begriff zum Allerweltswort wurde, begonnen und erfolgreich durchgeführt hat. Ihre Söhne, einer von ihnen (William) als zukünftiger König bestimmt, waren ihr dabei Instrument, jedenfalls nach der Scheidung. Vor allem Harry, ihr im Charakter ähnlicher, übernahm früh ihre Missgunst gegenüber dem Hof und dessen engem Reglement. Fotos zeigen Diana mit ihren Söhnen als fröhliches Trio, Botschaft: nur bei der Mama geht es den jungen Prinzen wirklich gut. In Wahrheit verbrachte Diana mehr Zeit mit sich selbst, als es ihre Kinder wohl gebraucht – und in jedem Fall verdient – hätten. Sie machte William und Harry zu Spielbällen zwischen sich und dem Hof, obwohl sie sie davor hätte bewahren müssen.

Als nach der Scheidung im August 1996 die offiziellen Gala-Auftritte beendet waren, schuf sich Diana eine Welt, in der sie selbst der Mittelpunkt war – und alle folgten ihr. Die Charity-Prinzessin der Herzen war geboren und wurde zur beste Auflagen und Einschaltquoten versprechenden weltweiten Mega-Marke. Vom Palast großzügig versorgt und ausgestattet, ging es dabei weniger um Geld als um die mächtigste Währung der Welt: Aufmerksamkeit. Heute wären es Klicks bei Instagram und Co, damals waren es Cover auf Klatschillustrierten und Modemagazinen. Die vor allem in England gleichsam omnipräsenten wie einflussreichen Yellow-Press-Tabloids musste man in Kauf nehmen.

Ihre Söhne waren im Internat, so ist das mit Königssöhnen (ihr Vater etwa verbrachte einen Großteil seiner Schulzeit auf einem Internat in Schottland). Aber es ist hart für Kinder aus gescheiterten Ehen. Erst recht, wenn beide Eltern voll berufstätig sind, beide in zeitraubenden Jobs. Der Vater als künftiger Thronfolger gut eingespannt im Königshaus-Business, die Mutter auf der nie endenden Ego-Tour. Diana jettete um die Welt, mal in wohltätiger, mal in Lust-und-Laune-Fotomission. Liebhaber kamen und gingen, sieben von ihnen listet etwa das Expertenmagazin für gehobenen Klatsch, der „Stern“, auf. Jeder ermöglichte der gewesenen Prinzessin einen Lebensstil, der den unermesslichen Reichtum der Windsors nicht konterkarierte, sondern spiegelte. Nein, Diana mag wohlmöglich ein Herz für die Armen, die Benachteiligten besessen haben, war jedoch keineswegs bescheiden. Sie war eine junge Frau, die Genuss hatte am süßen Leben des Jetsets.

Wo blieben da William und Harry? Wo blieben die Söhne? In Eton, dem Internat, beim Vater, bei der Großmutter und natürlich – wenn Ferien waren – auch bei Diana. Doch wie oft mögen sie ihre Mutter vermisst haben, in den alltäglichen Nächten? Sicher, man konnte telefonieren. Aber ersetzt das die Umarmung? Selbst der tröstende Satz „Wenn es ganz schlimm wird, komme ich dich holen“ konnte kaum fallen, wenn Diana gefühlt am anderen Ende der Welt, vielleicht mit ihrer „großen Liebe“ Hasnat Khan, weilte. Liebe ist Nähe. Vor allem die zwischen Mutter und Kind.

Nein, natürlich ist die Rabenmutter Diana nicht für alles verantwortlich, was vor allem Harry in späteren Jahren trieb und jetzt munter und PR-trächtig und einträglich in seiner Jammerographie „Reserve“ berichtet: Das Kiffen, das Koksen, die Entjungferung hinter dem Pub, die Nazi-Uniform als selten dämlicher Kostümpartyspaß, der Kampfeinsatz als britischer Soldat in Afghanistan, der immerfort schwelende, latente Rassismus hinter Palastmauern, die Prügelei mit seinem blaublütigen Bruder. Das meiste geschah, als die ehemalige Prinzessin, als ihre Mutter schon tot war. Doch die erzieherischen Grundlagen zur Wesensbildung werden früh gebildet. Sicher, Charles möchte man nicht zum Vater, Camilla kaum zur Stiefmutter gehabt haben. Aber wäre nicht gerade deshalb Dianas Aufgabe gewesen, da sie den beiden ja in Abneigung verbunden war und deren Gefühlskälte sie immer beklagt hatte, sich um ihre Söhne zu kümmern?

Harrys Buch, das in dieser Woche erschien, heißt „Reserve“ – und der Titel belegt schon all den Kummer des ehemaligen Prinzen darüber, eben – sowohl optisch als auch gefühlsmäßig – nicht in der ersten Reihe zu stehen, sondern hinter seinem Bruder, William. In dem Buch beschreibt es Harry, der auch bei seinem Vater den Spitznamen „Spare“ (also „Reserve“) trug, so: „Der ‚Heir‘ und der ‚Spare‘, der Erbe und die Reserve – es lag keine Wertung darin, aber auch nichts Missverständliches. Ich war der Schattenmann, die Stütze, der Plan B. Ich wurde geboren für den Fall, dass William etwas zustieß. Wurde hierher beordert, um ihm Ablenkung und Zerstreuung zu verschaffen und, wenn nötig, ein Ersatzteil. All das wurde mir schon zu Beginn meines Lebensweges glasklar zu verstehen gegeben und auch später regelmäßig aufgefrischt.“ So wie sich seine Mutter nicht mit ihrer Rolle am Hofe abfinden konnte, kann es auch ihr jüngster Sohn nicht. Eine Zeitlang sah es aus, als ob Harry klüger sei als die Mutter, auch, um seine eigenen Kinder zu schützen. Doch seine (mehr oder minder) stille Flucht aus dem Königshaus – mit der sich alle abgefunden hatten – war nur die Ouvertüre zu einem multimedialen Schlag gegen seine Familie und damit die Institution, die ihm bis dahin ein vergleichsweise sorgenfreies Leben ermöglichte. Erst war da, im Jahr 2021, ein tränenreiches Interview bei „Oprah“, dann unlängst die unter großem Tamtam angekündigte „Netflix“-Serie, eine Art verfilmte „Bunte“ mit Harry und vor allem seiner ach so bemitleidenswerten Gattin aus den US of A. Dann leakte – ob nun durch einen Fehler oder eben skandalträchtiges Kalkül – das Buch ein paar Tage im Voraus, dann kam ein weiteres Interview. Seit „God Save The Queen” von den Sex Pistols und Andrew Mortons Skandal-Biografie über Lady Di dürfte keine Veröffentlichung mehr royal müffelnde Schockwellen durch das altehrwürdige United Kingdom gejagt haben als die just erschienenen „Enthüllungen“ von Prinz Harry. Und nun? Ist der Schaden nicht mehr abzuwenden – für alle.

Frappierend ähnlich erscheinen hierbei die Parallelen im Umgang mit der Wirklichkeit von Mutter und Sohn. Beide betonten immer wieder, wie fatal für sie der Verlust von Privatsphäre in den Strukturen des Königshauses war. Nur um dann, diesem güldenen Käfig endlich entkommen, mit einer Macht in die Öffentlichkeit zu streben, wie man es sonst nur von Kandidaten bei Unterschichtenunterhaltungsformaten wie „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ kennt, und sich lauthals über das eigene Schicksal auszumären. Komm‘ her, geh‘ weg. We love to entertain you. Diana war auch hier für Harry, der sie verehrte, ein schlechtes Beispiel. Oder, etwas robuster geschrieben: Die Zeitbombe, die Diana – ohne Rücksicht auf das Seelenheil ihres Sohns – den verhassten Royals zum Abschied in den Palast gelegt hat. Shot’s fired.

Rock and Roll.

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Der Jahresrückblick – Teil 1


„High Fidelity“ lässt lieb grüßen, denn der Pop ist bekanntlich seit jeher besessen von Listen. Ob Verkaufscharts, Streamingzahlen oder höchst subjektive Kritiker*innen-Rankings – ständig weder Plattenregale uns -sammlungen, wird die Veröffentlichungsflut in Listenform gebracht, wird Altes in Listenform neu gewichtet. Zum Jahresende ist es besonders heftig, denn natürlich dürfen, sollen, müssen überall die besten Alben und Songs der vergangenen zwölf Monate gekürt werden. 

Vor dem Blick auf die Deutschen Charts scheue (nicht nur) ich auch sonst schon zurück, da sich dieses Land seit jeher durch (s)einen notorisch schlechten Geschmack auszeichnet und Fremdscham-Alarm jedes Mal aufs Neue garantiert ist. Und leider bilden die erfolgreichsten Titel des Jahres 2022 da – Bestätigung, hier kommt sie – keine Ausnahme: Das nervtötend ohrwurmige Vollpfosten-Lied „Layla“ von DJ Robin & Schürze belegt den ersten Platz der Single-Charts – neun Wochen hielt sich der dumpftumbe Ballermann-Hit, der ein Skandälchen auslöste, jedoch besser keinerlei Erwähnung verdient gehabt hätte, an der Chartspitze, mehr als 143 Millionen Mal wurde er gestreamt. Bei den Alben dann ebenfalls keine Überraschung: Mit „Zeit“ führen die Teutonen-Böller-und-Ballermänner von Rammstein erwartungsgemäß die Liste an – und zwar mit deutlichem Abstand. 340.000 Mal hat sich das elfte Nummer-Eins-Album der Berliner Band um das personifizierte rrrrrrrrollende „R“, Till Lindemann, insgesamt verkauft. Wie erwartbar, wie öde. Und irgendwie ja auch ein Spiegelbild der aktuellen Gesellschaft…

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Christian Lee Hutson – Quitters

In den zurückliegenden Monaten durfte man ein ums andere Mal kopfschüttelnd seinen Glauben an die Menschheit verlieren: Kriege, Krisen, Klimawandel und damit einhergehende Umweltkatastrophen, Inflation, dazu die – hoffentlich – letzten Ausläufer einer weltweiten Pandemie, gesellschaftliche Spaltungen, politischer Stillstand (oder gar der ein oder andere Rechtsruck) wohin man schaute. Gesellschaftliche Unruhen im Iran, weil irgendwelche gottverdammten Männer unter religiösen Deckmänteln an ihrem formvollendet sinnfreien Regelwerk der Unterdrückung von Frauen und Andersdenkenden festhalten wollen? Eine aus so vielen, so falschen Gründen aus dem heißen Wüstenboden hochgezogene und mit unvorstellbar viel Blutgeld durchgeführte Winter-Fußball-WM in Katar? Ja, auch 2022 fanden Tagesschau und Co. meist statt, wenn der Sprecher (oder die Sprecherin) einem einen „Guten Abend“ wünschte und darauf mit vielerlei Schlagzeilen bewies, dass es eben kein guter war. Dass die Musikwelt in diesem Jahr Größen wie Mark Lanegan, Taylor Hawkins (Foo Fighters), Meat Loaf, Jerry Lee Lewis, Andy Fletcher (Depesche Mode), Christine McVie (Fleetwood Mac), Loretta Lynn, Betty Davis oder Mimi Parker (Low) verlor, macht das Ganze keineswegs besser. Dass 2022 Konzerte und Festivals endlich wieder in halbwegs „normalem“ Rahmen stattfinden konnten, jedoch schon – wenngleich es der Live-Branche jedoch alles andere als gut geht und vor allem kleinere, unbekanntere Künstler*innen und Bands sich in der Post-Corona-Zeit mit immer neuen Schwierigkeiten konfrontiert sehen (wen es interessiert, dem sei ein recht ausführlicher Artikel mit dem Titel „Kuh auf dem Eis“ hierüber in der aktuellen Ausgabe der „VISIONS“ – Nummer 358 von 01/2023 – ans Herz gelegt). Ja, das noch aktuelle Jahr war rückblickend sowohl gesellschaftlich als auch fürs menschliche wie planetare Zeugnis kein tolles – musikalisch darf zum Glück das komplette Gegenteil behauptet werden.

Wie also sieht und wertet die schreiberische Zunft als Albumjahr 2022? Nun, beim deutschen „Rolling Stone“ landen Tom Liwas „Eine andere Zeit“, „And In The Darkness, Hearts Aglow“ von Weyes Blood sowie „Ytilaer“ von Bill Callahan auf dem Treppchen, beim erfahrungsgemäß hype- und pop-affinen „Musikexpress“ sieht man Kendrick Lamars „Mr. Morale & The Big Steppers“, „DIE NERVEN“ von Die Nerven und „Motomami“ von Rosalía vorn, bei der „VISIONS“ wiederum „DIE NERVEN“ von Die Nerven, „Eyes Of Oblivion“ von den Hellacopters sowie „Wet Leg“ von Wet Leg. International führt „Renaissance“, das siebente Studioalbum von Beyoncé, das Kritiker-Ranking an. Und bei ANEWFRIEND? Ich greife mal vorweg und verrate, dass es zwar ein kleinwenig Konsens, jedoch recht wenig Überschneidungen mit alledem bei mir gibt und meine persönliche Bestenliste der Qualität wegen auf eine amtliche Top 25 erweitert wurde…

Foto: Promo / Michael Delaney

Dass die vergangenen Monate die notwendige Untermalung fanden, lag auch an „Quitters„, dem vierten Langspieler von Christian Lee Hutson. Was mich rückblickend etwas erstaunt, ist, dass der im April erschienene Nachfolger zum 2020er „Beginners“ zwar seinerzeit von den einschlägigen kritischen Stimmen wohlwollend goutiert, in den jeweiligen Jahresendabrechnungen jedoch kaum berücksichtigt wurde. An den durch und durch großartigen 13 Songs des Albums kann’s kaum gelegen haben, denn näher an das Schaffen eines Elliott Smith ist lange, lange Zeit niemand herangekommen – und das ist vor allem aus meiner digitalen Feder als recht großes Kompliment zu verstehen. Zudem mischen einmal mehr keine Geringeren als Phoebe Bridgers und Conor Oberst mit. Heraus kommt eine Dreiviertelstunde musikalischer Zerstreuung und Realitätsflucht, die auch bei der Vielzahl an Konkurrenz im Jahr 2022 völlig zurecht auf meiner Eins landet. A singular ode to melancholy.

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2.  Nullmillimeter – Wer die Wahrheit sagt, der braucht ein schnelles Pferd

Nullmillimeter sind eine von so einigen tollen musikalischen Neuentdeckungen des zurückliegenden Musikjahres. Und knallen dem geneigten Hörer (oder eben der geneigten Hörerin) mit „Wer die Wahrheit sagt, der braucht ein schnelles Pferd“ mal eben ein derart faszinierendes Debüt vor die Lauscher, dass man sich im Wirbel kaum entscheiden mag, was hier toller ist. Das großartige Coverartwork mit dem auf einem Poller festgerittenen Pony? Der Albumtitel, in welchem wortwörtlich ebensoviel Wahrheit steckt wie in all den klugen Textzeilen? Die Stimme von Sängerin Naëma Faika, die der bundesdeutschen Musiklandschaft – tatsächlich, tatsächlich – gerade noch gefehlt hat? Die bockstarke Band hinter ihr, die manch eine(r) in der Vergangenheit bereits als Teile der Begleitbands von Kid Kopphausen, Staring Girl, Jochen Distelmeyer, Tom Liwa, Olli Schulz oder Gisbert zu Knyphausen zu hören bekam? Dass letztgenannter hier bei einer Coverversion eines Songs aus dem Solo-Schaffen von Pearl Jam-Frontstimme Eddie Vedder mitmischt? Dass sich diese Nummer dann noch ganz organisch in den Albumfluss einfügt und man sich immer wieder kopfüber in die Platte schmeißen möchte, die so voller Schmerz, so voll herrlicher Melancholie, aber vor allem so voller Leben steckt? Ach, herrje – man weiß es nicht. Man will’s auch gar nicht wissen, denn im Zweifel aller Zweifel ist’s all das. Doppelt. Dreifach. Gleichzeitig. Und es ist einfach so toll, dass man lediglich kritisieren mag, dass dem Album kein Booklet beiliegt.

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3.  Pianos Become The Teeth – Drift

Es gibt Bands, Alben und Songs, die einen vom ersten Moment an mit ihrer Atmosphäre und ihrer wunderbaren Unmittelbarkeit einfangen und so schnell auch nicht mehr loslassen. Pianos Become The Teeth wurden für mich anno 2014 mit ihrem dritten Langspieler „Keep You“ zu einer solchen Band (und schafften es damals auch völlig zurecht aufs Treppchen der „Alben des Jahres„). Ihr vorheriges Post-Hardcore-Brülloutfit war (und ist) mir im Gros herzlich schnuppe, aber mit ihrem einschneidenden Wechsel hin zu melancholischem Emo-Indie und mit den ersten Tönen des „Keep You“-Openers „Ripple Water Shine“ war ich unwillkürlich schockverliebt. Nach dem auf hohem Niveau stagnierenden 2018er Album „Wait For Love“ besitzt „Drift“ nun wieder diesen „Ripple Water Shine“-Effekt, denn das Album ist schlichtweg schonungslos emotional – in Ton und Wort. Dicht gewebte, hallende Rhythmen, melancholische Melodien und wenige, gut dosierte laute Momente. Dazu singt Kyle Durfey seine persönlichen Texte, die vom Leben und oft von dessen Schwere handeln. In „Pair“ etwa davon, wie Durfeys Frau Lou (die in vier Stücken namentlich genannt wird) und er lange auf ihren Nachwuchs warten mussten. Wie es sich für richtig gute Alben gehört, wechselt die Lieblingssongs von Zeit zu Zeit, neben der Übernummer „Genevieve“ sticht etwa das repetitive, an Radiohead erinnerte „Easy“ hervor. So oder so liefert die Band aus Baltimore, Maryland einmal mehr zehn wundervolle Tearjerker, zu denen es sich vortrefflich die Fäuste gen Firmament ballen lässt.

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4.  Frank Turner – FTHC

Apropos „liefern“, apropos „Fäuste gen Firmament“: Beides trifft natürlich auch auf Frank Turner zu, denn der britische Punkrock-Barde scheint Schlaf so nötig zu haben wie ein Uhu eine Badekappe. Nicht nur hat der 41-jährige Musiker bereits über 2.700 Shows unter eigenem Namen gespielt (etwa 140 allein in diesem Jahr, zudem fand mit den „Lost Evenings“ gar ein eigenes Festival in Berlin statt), er trägt das Herz auch am richtigen Fleck und liefert im Zwei- bis Drei-Jahres-Turnus auch verlässlich Alben ab, zu deren Songs man nur allzu gern die geballte Patschehand gen Himmel strecken und ein bierseliges „Aye, mate!“ ausstoßen möchte. Daran ändern die 14 Nummern (beziehungsweise 20 in der Deluxe Edition) von „FTHC„, seinem nunmehr neunten Studioalbum, mal so rein gar nix. Und so vielseitig, so frisch klang der nimmermüde Turner schon lange nicht mehr. Frank und frei – Sie wissen schon… Und wem bei „A Wave Across A Bay“, seinem Tribute an den zu früh verstorbenen Frightened Rabbit-Buddy Scott Hutchison, nicht das Herz holterdipolter gen Schlüppi rutscht, der hat statt pochendem Muskel nur einen ollen Betonklotz in der Brust sitzen…

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5.  Dreamtigers – Ellapsis

Nerds wissen es freilich längst: Die meisten Fachsimpeleien über Musik stützen sich manches Mal schon sehr auf eine Art von Genre-Taxonomie, bei welcher sowohl Kritiker als auch Fans Songs und Alben in verschiedene Bestandteile zerlegen und die Anatomie der verwendeten Formen in erkennbare Strukturen unterteilen. Doch was für die einen nützlich erscheinen mag, um dem lesenden Gegenüber Empfehlungen zu geben, dürfte all jene, die sich eben nicht knietief im musikalen Nerdtum bewegen, schnell abschrecken. Ein recht gutes Beispiel, dass man bei Empfehlungen lange wie kurze Wege gehen kann, ist „Ellapsis“, das zweite Album von Dreamtigers, einem Bandprojekt, das sich aus Mitgliedern der Melodic-Hardcore-Helden Defeater und den Post-Rock-Größen Caspian zusammensetzt. Denn auf dem Langspieler, dessen Titel ein erfundener Begriff für eine Krankheit, die durch den Lauf der Zeit hervorgerufen wird, ist, passiert eine ganze Menge, und vieles davon scheint unvereinbar zu sein. Das erste, das Unmittelbarste, was man wahrnimmt, ist die beständig zwischen fragilem und mächtigem Momentum pendelnde Instrumentierung. Die Gitarren werden durch eine ganze Reihe von Effektpedalen gejagt, dazu kommen ein unscharf ins Rund tönender Bass und souveräne Drums. Einen Moment lang könnte man meinen, es handele sich um ein eher konventionelles Post-Rock-Album – bis der Jake Woodruffs Gesang einsetzt, der auch in einer Alt-Country-Band nicht fehl am Platz wäre. Überhaupt lassen sich die Stücke stilistisch nur schwerlich festlegen, denn während des gesamten Albums schimmern verschiedene Nuancen durch, die wie Lichtstrahlen durch einen Kristall fallen: Folk-Songs brechen in Post-Rock-Höhepunkte aus, Indie-Rock-Hooks huschen durch Shoegaze-Atmosphären, wobei Gesang und Songwriting stets unbehelligt von dem akustischen Wirbelsturm aus Effektpedalen und treibenden Schlagzeugmustern um sie herum bleiben. Fast könnte man meinen, dass die Songs so sehr auf akustische Soloauftritte zugeschnitten zu sein scheinen, dass die üppigen, hymnisch empor steigenden Arrangements, welche mit ihrer Dringlichkeit und latent aggressiven Energie ein ums andere Mal an Defekter erinnern, fast trotzig klingen. Dennoch kommt man der Sogwirkung dieses Albums als Ganzes (ganz ähnlich wie bereits beim kaum weniger tollen 2014er Vorgänger „Wishing Well„) nicht wirklich nahe. Denn wie auch immer man das Zusammenspiel zwischen Instrumentalem und Gesang beschreiben mag, was bei dieser Platte wirklich heraussticht, sind all die Meditationen über das Verfliegen der Zeit und wie die Band aus Massachusetts hier selbst die flüchtigsten Momente ewig erscheinen lässt. Selbst die längeren Songs von „Ellapsis“ fühlen so kurz an wie die kürzeren, während die kurzen den längsten ebenbürtig erscheinen, und das Album als Ganzes hallt weit über seine lediglich dreißig Minuten Laufzeit hinaus. Angefangen beim Opener „Six Rivers“ umspülen einen die Stücke wie ans Ufer schlagende Wellen, die mit den Gezeiten verebben und fließen. Wenn der Albumabschluss „Stolen Moments“ schließlich sein Ende findet, fühlt es sich beinahe so an, als ob der Schlusschor schon ewig hinter dem Universum her gesummt wäre.

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6.  Pale – The Night, The Dawn And What Remains

Pale melden sich ein allerletztes Mal zurück – einerseits ja wunderbar, wären die Gründe für das unerwartete Comeback keine so traurigen. Umso schöner, dass die Aachener Indie-Rock-Band mit „The Night, The Dawn And What Remains“ umso trotziger sowohl ihre Freundschaft und den gemeinsamen Weg als auch das Leben feiert. Macht’s gut, Jungs – und danke für diese wundervolle Ehrenrunde! #träneimknopfloch

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7.  Muff Potter – Bei aller Liebe

Und wo wir gerade bei Comebacks wären, sind Muff Potter in diesem Jahr freilich nicht allzu weit, denn: Alle kommen sie wieder, irgendwann und irgendwie. Das traf 2022 selbst auf ABBA zu, die 2021 mit „Voyage“ zunächst die ersten neuen Songs seit fast vierzig Jahren präsentierten, um im Jahr darauf ausverkaufte Hologramm-Konzerte in London zu „spielen“- getreu dem schwedischen Erfolgsmotto „Entdecke die Möglichkeiten“. Und auch in der Rockmusik konnte man zuletzt vermehrt das Gefühl bekommen, selbige bestehe nur noch aus Reunions einst erfolgreicher Bands, die in Ermangelung neuer Ideen versuchen, mit den alten noch einmal abzukassieren. Dann wiederum gibt es Truppen wie eben Muff Potter, denen es mit ihrem Albumcomeback nach schlappen 13 Jahren Pause gelingt, selbst eingefleischte Per-se-Skeptiker umzudrehen, weil man „Bei aller Liebe“ bei allem frischen Ideenreichtum die Zeit anhört, die seit dem Abschied mit „Gute Aussicht“ vergangen ist. Die Platte zeugt davon, dass das Leben eben auch ohne gemeinsame Band weitergeht, und es töricht wäre, all die Erfahrungen beiseite zu lassen, die man in der Zwischenzeit zwangsläufig macht. Und deshalb steht hier Blumfeld-artiges wie „Ein gestohlener Tag“ neben Instant-Hits wie „Flitter & Tand“ oder einem 72 Sekunden kurzen Punkausbruch wie „Privat“. Verschränken sich in Thorsten „Nagel“ Nagelschmidts Texten seine schriftstellerische Arbeit (sic!) mit dem Punk-Fan, den es auch mal einfach braucht. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass man Muff Potter – bei aller Liebe – keineswegs zugetraut hätte, noch einmal so viel zu sagen zu haben und sich musikalisch so offen zu zeigen – mit Kurzweil wie mit Tiefgang. Andererseits ist’s natürlich umso schöner, wenn die eigenen Erwartungen übertroffen werden und man eine lange Zeit auf kreativem Eis liegende Herzensband neu für sich entdeckt.

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8.  Cat Power – Covers

Dass Chan „Cat Power“ Marshall für ihre Coverversionen bekannt ist, dürfte sich mittlerweile auch bis zu den allerletzten Hütern des guten Musikgeschmacks herumgesprochen haben, immerhin hat die 50-jährige US-Musikerin im Laufe ihrer annähernd dreißigjährigen Kariere bislang zwei verdammt formidable Coversong-Alben veröffentlicht, auf denen sie von unbekannteren Bob Dylan-Nummern über Blues’n’Soul-Stücken bis hin zu abgeschmackten Evergreens wie „(I Can’t Getroffen No) Satisfaction“ jedem Song derart ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Stempel aufdrücken konnte, dass es eine wahre Schau war. Nach „The Covers Record“ (2000) und „Jukebox“ (2008) macht Cat Power nun mit „Covers“ das Trio voll und liefert erneut formvollendet-exquisites Coverhandwerk – ganz egal, ob die Originale von von Nick Cave and the Bad Seeds („I Had A Dream, Joe“), Lana Del Rey („White Mustang“), den Replacements („Here Comes A Regular“) oder Billie Holiday („I’ll Be Seeing You“) stammen. Ja, die Frau kann mit ihrer so wunderbar rauen, so unendlich tiefen Stimme kaum etwas falsch und sich so ziemlich jede Fremdkomposition zueigen machen.

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9.  Tristan Brusch – Am Rest

Wie bereits in der dazugehörigen Rezension erwähnt, bin ich bei Tristan Bruschs dritten Album „Am Rest“ etwas late to the party, immerhin erschien die Platte bereits im Oktober 2021. Dennoch verpassen alle jene, die diese Musik gewordene Trübsalsfeierlichkeit ganz außen vor lassen, so einiges bei diesen Oden an das Ende der Dinge und an die Akzeptanz des Verlusts. Ja, im Grunde könnte es kaum bessere Stücke geben, um jenen so intensiv graumeliert schimmernden Tagen einen passenden Soundtrack zu liefern. Sucht wer die passenden Gegenstücke zu Max Raabes „Wer hat hier schlechte Laune“ (welches, wenn ihr mich fragt, übrigens als weltbeste Warteschleifenmusik für alle Kundendiesnthotlines taugen würde)? Nun, hier habt ihr sie – dargeboten von einem begnadeten Liedermacher, der alle nach billigem Tetrapack-Weißwein und zu vielen Marlboro-Kippen müffelnden, mieslaunigen Chansoniers ins piefige Bundesdeutsche überträgt.

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10. Betterov – Olympia

Freilich war die Vielzahl an Erwartungen, die an den Debüt-Langspieler von Manuel „Betterov“ Bittorf geknüpft waren, ebenso groß wie die Vorfreude auf neue Songs des gebürtigen Thüringers und Wahl-Berliners. Umso schöner, dass „Olympia“ diese Hürde beinahe mühelos nimmt und elf Songs präsentiert, denen man den Produzenten ebenso anhört wie die Platten, die beim Schreiben wohlmöglich im Hintergrund liefen. So mausert sich Betterov vom Newcomer-Geheimtipp zum amtlichen Senkrechtstarter, der völlig zurecht einen Platz in meinen persönlichen-Jahres-Top-Ten einfährt. Olympia-Norm? Vollends erfüllt.

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…auf den weiteren Plätzen:

Husten – Aus allen Nähten mehr…

Casper – Alles war schön und nichts tat weh

Death Cab For Cutie – Asphalt Meadows mehr…

William Fitzsimmons – Covers, Vol. 1

Caracara – New Preoccupations mehr…

Eddie Vedder – Earthling mehr…

Black Country, New Road – Ants From Up There

Gang Of Youths – Angel In Realtime.

Spanish Love Songs – Brave Faces Etc. mehr…

Faber – Orpheum (Live)

Die Nerven – DIE NERVEN

Ghost – Impera

Proper. – The Great American Novel mehr…

Rocky Votolato – Wild Roots mehr…

The Afghan Whigs – How Do You Burn?

Rock and Roll.

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Auch in 2022 – Das UK-Label Big Scary Monsters verschenkt (s)einen Label-Sampler


Weil Traditionen etwas Schönes sind – und freilich auch irgendwann, irgendwie verpflichten -, verschenkt das britische Indie-Label Big Scary Monsters auch in diesem Jahr – wie bereits 2021 und in den Jahren zuvor (bis auf 2020, wo man wohl eine Pause eingelegt hat) – (s)einen satte 20 Auszüge aus dem diesjährigen Veröffentlichungskatalog starken Label-Sampler mit einer bunten Auswahl querbeet durch sein aktuelles Künstlerangebot und Release-Oeuvre irgendwo zwischen Indie- und Punkrock, Emo, Post-Hardcore oder Mathrock.

Mit dabei sind 2022 Bands und Künstler*innen wie We Were Promised Jetpacks, Proper., Laura Jane Grace, Pedro The Lion, NOBRO, American Football, The Gloria Record oder Jamie Lenman (also auch der ein oder andere Name, von dem in diesem Jahr auf ANEWFRIEND zu lesen war). Wohl bekomm’s!

„Finally, as we start finishing for the year, it’s a great opportunity to say THANK YOU to each and every one of you for supporting the label this year, especially during these tough economic times. We appreciate you all so much, whether it’s reading these e-mails, interacting on socials, spreading your love of the bands, going to shows or buying records/merch – you are all truly amazing. Have a lovely holiday and see you in the new year for loads more of the same awesome music!“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Patrick Wolf – „Enter The Day“


Der britische Musiker Patrick Wolf hat gestern mit „Enter The Dark“ seinen ersten neuen Song seit dem 2012 erschienenen Doppelalbum „Sundark And Riverlight“ – beziehungsweise das erste musikalische Lebenszeichen seit der „Archive EP #3“ von 2017 – veröffentlicht. Außerdem kündigte er für nächstes Jahr eine neue EP an.

Der Tag des recht unerwarteten Comebacks des 39-jährigen Sängers, Multiinstrumentalisten und Komponisten ist hierbei nicht zufällig gewählt, im Gegenteil: Genau zwanzig Jahre zuvor erschien mit der „The Patrick Wolf E.P.“ das Debüt-Werk des britischen Singer/Songwriters.

Die neue, an Großtaten wie das zweite Album „Wind In The Wires“ erinnernde Single „Enter The Day“ beginnt nun mit einer sehr bewegenden, melancholischen Klaviermelodie, welche direkt zu Beginn die Atmosphäre des Songs eröffnet: nachdenklich, düster und dennoch hoffnungsvoll und groß – als würde das viereinhalbminütige Stück, eine wunderschön gestaltete Meditation über das Leben und seine unvermeidlichen Wechselfälle, eine neue Ära einläuten.

Dies spiegelt sich nicht nur in Wolfs reichhaltiger, so unverkennbar tiefer und doch irgendwie androgyner Stimme, sondern auch im Text wider, in welchem es darum geht, alle Altlasten der Vergangenheit hinter sich zu lassen und voller Euphorie in einen neuen Tag – symbolisch für einen neuen Lebensabschnitt – zu starten. Mit Worten wie „And somewhere deep in your disorder / Is a sleeping symmetry” spendet Patrick Wolf Hoffnung – auch an sich selbst, denn der Song ist in Gedenken an die verstorbene Mutter des Sängers entstanden.

„Eine Kohlezeichnung eines Sperbers war das letzte Werk, das meine Mutter anfertigte, bevor sie starb. Und als ich meinen ersten Spaziergang machte, um das Land rund um mein neues Zuhause zu erkunden, als ich damals umzog, um am Meer zu leben, schwebte ein Sperber in der Stille an der Mündung der Bucht über mir“, erzählt Wolf über die Entstehung des Songs. „An diesem Nachmittag ging ich nach Hause an mein Klavier und begann, diesen Song zu schreiben, der schließlich zum Epilog wurde, was ich auf ‚The Night Safari EP‘ erzählen möchte. Ich habe diesen Song so konzipiert, dass er eine Art Brücke darstellt, zwischen meiner letzten Produktion ‚Sundark & Riverlight‘ und der neuen EP, die den Hörer auf eine Safari mitnimmt.“

Der angedachte Brückenschlag zu seinem letzten, zehn Jahre zurückliegenden Longplayer „Sundark And Riverlight“, der überwiegend neue Versionen existierender Songs enthielt, gelingt ihm mit einem starken Klavierpart, dessen vorherrschende Melodie, wie auch alle anderen Instrumente des Arrangements, von dem Multiinstrumentalisten selbst eingespielt wurden. Darunter befindet sich auch eine sogenannte gebogene Psalter: Ein trapezförmiges Streichinstrument, mit dem Patrick Denis Apps, so der bürgerliche Name des Musikers, um den es in den letzten Jahren merklich still geworden war, auf dem Cover seiner neuen Single am Strand vor einem Meer abgebildet ist.

Wie bereits erwähnt soll „Enter The Dark“ zudem den ersten Vorgeschmack auf seine 2023 erscheinende EP „The Night Safari“ bilden – es bleibt also zur Freude der Fans vergangener Electronica-Folk-Großtaten wohl nicht bei nur einem Song. Schön, endlich wieder Neues von einem der talentiertesten und eigenwilligsten Musiker der Generation zu hören. Welcome back, Mr. Wolf!

Rock and Roll.

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