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Song des Tages: Burkini Beach – „Crying At The Soundcheck“


Derzeit wird das Livekonzert ja – verständlicherweise – romantisiert. Wir alle vermissen es, im stickigen Club Livemusik zu sehen. Aber sind wir mal ehrlich: Die Realität war oft eine andere. Schlecht besucht, eine Handvoll Getränkemarken, das Catering ein schlechter Witz, wenn es überhaupt welches gibt. In seiner neuen Single „Crying At The Soundcheck“ erzählt Rudi Maier aka Burkini Beach augenzwinkernd genau von diesen niederschmetternden Erlebnissen auf Tour. Das ist ein bisschen romantisch, ein bisschen traurig, und vielleicht für die jetzige Zeit genau richtig.

Aufgenommen und produziert wurde der Song, seines Zeichens der erste Vorbote vom Nachfolger zum feinen „Supersadness Intl.„, natürlich von Simon Frontzek aka Sir Simon – Maier und Frontzek sind seit Jahren gemeinsam als bestens eingespieltes Produzententeam für unter anderem Thees Uhlmann, Madsen, Late Night Berlin und viele weitere Projekte tätig. Die Corona-Pause haben beide Acts genutzt, um sich in ihrem Studio in Berlin-Kreuzberg zu verbarrikadieren und gegenseitig ihre neuen Soloalben zu produzieren, welche im Spätsommer 2021 parallel über Comfort Noise und Grand Hotel van Cleef erscheinen sollen. Und nachdem die neue Sir Simon-Single „A Little Less Bored“ (die erste seit schlappen zehn Jahren!) bereits vor kurzem das Licht der Musikwelt erblickte, legt der zweite Teil des Produzenten-Duos nun nach.

Und tönt schonmal recht vielversprechend. Zusammen mit der Pedal-Steel gleitet man in die neue Single von Burkini Beach, die sich vor einem ausbreitet wie eine weite amerikanische Landschaft. Überall Gitarren, überall Melodie. Wild Pink und The War On Drugs lassen lieb grüßen. Und nicht nur die strahlende zweite Stimme von Emma Elisabeth erinnert hier an Fleetwood Mac.

Im beschwingten Up-tempo cruist man mit offenem Verdeck und voller Vorfreude los, merkt jedoch bald: Howdy, hier stimmt etwas nicht! Das ist keine Road-Trip-Romantik, das ist ein indie’eskes Jammertal – wenn auch kein ganz ernst gemeintes. Rudi Maier erzählt vom Unwohlsein „on the road“, von einer ernüchternden Tournee, von quälenden Soundchecks und schlecht besuchten Konzerten. Mann ist schließlich nicht Taylor Swift.

I’m crying at the soundcheck
I’m terribly tired
I’m scared that it all sounds bad
I thought I was dead inside…“

Klar, ein wenig schwingt hier das augenzwinkernde Selbstmitleid von Phoebe Bridgers oder David Berman mit. In Zeiten der Pandemie schwer nachvollziehbar, aber: Irgendwann kommt auch für zarte Künstlerseelen immer und unausweichlich der Punkt, an dem man einfach nur noch nach Hause will…

Musikalisch konterkariert wird die Geschichte der scheiternden Independent-Tour von einem elaborierten Pop-Arrangement in glasklarer HiFi-Ästhetik. „Crying At The Soundcheck“ klingt nach US-amerikanischer Westküste, nach den großen Tonstudios im Los Angeles der 1970er Jahre. Klischee? Mag sein. Aber ein schön vertontes. It’s always summer in California.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Danger Dan – „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“


Foto: Promo / Jaro Suffner

Kein Techniker, kein Empfangspersonal, kein Zuschauer ist zu sehen. Daniel Pongratz ist allein im Theater. Auf der Bühne steht ein Flügel, er setzt sich davor. Jetzt wäre der Moment, in dem der 38-jährige Berliner Musiker eine Ballade über den bevorstehenden Corona-Sommer anstimmen könnte – eine Zeit, in der der gebürtige Aachener vermutlich wieder nicht vor Publikum auftreten kann. Doch Pongratz haut ziemlich schnell auf die Tasten ein und singt: „Also jetzt mal ganz spekulativ / Angenommen, ich schriebe mal ein Lied / In dessen Inhalt ich besänge, dass ich höchstpersönlich fände / Jürgen Elsässer sei Antisemit.“ 14 Sekunden, 24 Wörter, die auch ganz ohne örtliche Gäste ihre Hörer schnell finden.

Als Pongratz – der sich den Künstlernamen Danger Dan gegeben hat und als ein Drittel der HipHop-Formation Antilopen Gang bekannt wurde – vor wenigen Tagen dieses Video aus dem Theatersaal ins weltweite Netz lud, geht es quasi übers Wochenende viral. Der Satiriker Jan Böhmermann, die Schriftsteller Saša Stanišić und Max Czollek sowie so einige befreundete wie gleichgesinnte Musiker*innen und Bands teilen es auf ihren Kanälen. Was mit dem rechtspopulistischen Journalisten Jürgen Elsässer beginnt, führt über Verleger Götz Kubitschek oder Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen und den AfD-Politiker Alexander Gauland und schließlich zur Aussage, die Geschichte habe gezeigt, dass man mit Faschisten nicht diskutieren könne. Doch bevor die Angesprochenen den Musiker dafür anzeigen wollten – Ken Jebsen tat es bereits in der Vergangenheit wegen des Antilopen-Songs „Beate Zschäpe hört U2“ (was wiederum darin resultierte, dass Ken Jebsen sowohl die Gerichts-, als auch die Anwaltskosten der Antilopen Gang zahlen musste) – , verweist der Song aufs Grundgesetz. So heißt es im Refrain: „Juristisch wär die Grauzone erreicht / Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht / Zeig‘ mich an und ich öffne einen Sekt / Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt.“ Die Strategie, ein Zuviel an Eindeutigkeit zu umgehen, erinnert dabei an Jan Böhmermanns Gedicht „Schmähkritik„. Mit diesem veranschaulichte der satirische ZDF-Moderator 2016 den Unterschied zwischen der von der Kunstfreiheit gedeckten Satire und einer strafrechtlich relevanten Schmähung, was seinerzeit sogar in ernsthaften diplomatischen Verstimmungen zwischen Deutschland und der Türkei resultierte.

Ende des Monats wird Danger Dan das dazugehörige Album veröffentlichen, welches passenderweise ebenfalls den Titel „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ trägt und – was wohl auch den Corona-bedingten Lockdowns und Kontaktbeschränkungen geschuldet sein dürfte – vornehmlich reduziert am Piano entstand. Wenn man so mag, klingt das Ganze wie eine Melange aus Hannes Wader und Comedian Harmonists (man höre an dieser Stelle auch Danger Dans viralen Hit „Nudeln und Klopapier“ sowie die erste Single „Lauf davon„). Im Theatersaal – oder eben auf Konzertbühnen – wird man ihn als Zuschauer voraussichtlich erst 2022 sehen können. Doch seine Musik gewordene, unverblümt politische Gesellschaftskritik zeigt ganz gut: Manchmal genügt notgedrungen auch die digitale Bühne.

„Also jetzt mal ganz spekulativ
Angenommen, ich schriebe mal ein Lied
In dessen Inhalt ich besänge, dass ich höchstpersönlich fände
Jürgen Elsässer sei Antisemit
Und im zweiten Teil der ersten Strophe dann
Würde ich zu Kubitschek den Bogen spann’n
Und damit meinte ich nicht nur die rhetorische Figur
Sondern das Sportgerät, das Pfeile schießen kann

Juristisch wär die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Also jetzt mal ganz spekulativ
Ich nutze ganz bewusst lieber den Konjunktiv
Ich schriebe einen Text, der im Konflikt mit dem Gesetz
Behauptet, Gauland sei ein Reptiloid
Und angenommen, der Text gipfelte in ei’m
Aufruf, die Welt von den Faschisten zu befrei’n
Und sie zurück in ihre Löcher reinzuprügeln noch und nöcher
Anstatt ihnen Rosen auf den Weg zu streuen

Juristisch wär die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Vielleicht habt ihr schon mal von Ken Jebsen gehört
Der sich über Zensur immer sehr laut beschwert
In einem Text von meiner Band dachte er, er wird erwähnt
Und beschimpft und hat uns vor Gericht gezerrt
Er war natürlich nicht im Recht und musste dann
Die Gerichtskosten und Anwältin bezahl’n
So ein lächerlicher Mann, hoffentlich zeigt er mich an
Was dann passieren würde? Ich kann es euch sagen

Juristisch wär die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Nein, ich wär nicht wirklich Danger Dan
Wenn ich nicht Lust hätte auf ein Experiment
Mal die Grenzen auszuloten, was erlaubt und was verboten ist
Und will euch meine Meinung hier erzähl’n
Jürgen Elsässer ist Antisemit
Kubitschek hat Glück, dass ich nicht Bogen schieß‘
An Reptilienmenschen glaubt nur der, der wahnsinnig ist
Gauland wirkt auch eher wie ein Nationalsozialist
Faschisten hören niemals auf, Faschisten zu sein
Man diskutiert mit ihnen nicht, hat die Geschichte gezeigt
Und man vertraut auch nicht auf Staat und Polizeiapparat
Weil der Verfassungsschutz den NSU mitaufgebaut hat
Weil die Polizei doch selbst immer durchsetzt von Nazis war
Weil sie Oury Jalloh gefesselt und angezündet hab’n
Und wenn du friedlich gegen die Gewalt nicht ankommen kannst
Ist das letzte Mittel, das uns allen bleibt, Militanz

Juristisch ist die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht mach‘ ich es mir dann wieder leicht
Zeig mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der, alles von der, alles von der, alles von der
Alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Rock and Roll.

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Song des Tages: Adult Mom – „Sober“


Foto: Promo / Daniel Dorsa

Stevie Knipe meldet sich mit ihrem DIY-Soloprojekt Adult Mom zurück und wird in wenigen Tagen „Driver„, ihr erstes neues Album seit der Trennung von ihrem mittlerweile auf Eis liegendem Label Tiny Engines und den Nachfolger zum 2017er Werk „Soft Spots„, veröffentlichen. Mit der Auskopplung „Sober“, welches ebenso wie die bereits im Februar 2020 erschienene Single „Berlin“ auf dem neuen, dritten Album zu hören sein wird, kann man sich bereits jetzt einen ersten Eindruck von den neuen Songs des Indie-Pop-Projekts aus Purchase, New York machen.

Passenderweise konzentriert sich auch „Sober“ auf die Nachwirkungen einer zerbrochenen Beziehung, wobei Knipes Erzählerin sich von jemandem entfernt, den sie schlicht nicht mehr liebt. Ihr Keyboard und ein Drum-Machine-Beat geben zunächst den Ton an, während Knipe die Situation mit unerschrockener Ehrlichkeit und einer Prise schwarzem Humor einschätzt: „The only thing that I’ve done / This month is drink beer and / Masturbate, and ignore / Phone calls from you / What else am I supposed to do?“. Treibende Indie-Rock-Gitarren treten darauf den Song vorwärts, bis Knipe schließlich einen letzten Schlussstrich zieht: „Now I don’t even think of you / When I am sober“. Das Musikvideo zu „Sober“, bei dem Maddie Brewer Regie führte und das von Noah Gallagher animiert wurde, zeigt in ruhigen, lebendigen Bildern, wie jemand schmerzhafte Erinnerungen und ungesunde Trinkgewohnheiten hinter sich lässt und sich auf eine Reise der Selbstfindung begibt, die sich langsam aber sicher in etwas ziemlich Surreales verwandelt. Und passend findet auch musikalisch eine Reise statt: das Stück beginnt als reduzierter Bedroom Pop und wandelt sich dann zum angenehmen Power-Pop-Understatement.

Knipe hat „Driver“ zusammen mit Kyle Pulley (Shamir, Diet Cig, Kississippi) co-produziert, während befreundete Künstler wie Olivia Battell und Allegra Eidinger bei der Arbeit an den zehn Stücken halfen. Das Album, welches „den Soundtrack zu jener queeren Liebeskomödie liefert, von der sie seit 2015 träumte“, wie es in einer Pressemitteilung heißt, folgt auf das 2015er Debüt „Momentary Lapse Of Happily„, das gut drei Jahre zurückliegende Zweitwerk „Soft Spots“ sowie einige EPs, die Stevie Knipe zwischen 2012 und 2014 veröffentlichte. „Driver“, das auf Epitaph erscheint, wird außerdem die erste Langspieler-Veröffentlichung von Adult Mom auf einem anderen Label als Tiny Engines sein, das zusammenbrach, nachdem Stevie Knipe und eine Reihe anderer Unterzeichner*innen die Label-Macher im Jahr 2019 beschuldigten, unter anderem Zahlungen an die unter Vertrag stehenden Künstler*innen zurückzuhalten. Nun wagt Stevie „Adult Mom“ Knipe einen Neustart, und dieses Mal sitzt sie am Steuer.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Milliarden – „Himmelblick“


Warum machen es manche einem so schwer? Was im Sozialen am komplexen Zusammen- oder Gegenwirken von Charakter-Eigenschaften liegt, ist aufs Musikalische bezogen manches Mal fast schon rätselhaft. „Ich bin wie du / Du bist wie ich / Warum lieben wir uns nicht?“, fragen Millarden etwa voller Emphase in ihrem bereits im vergangenen September vorgereichten Folk-Popper-Hymnus „Himmelblick“, und auch wenn ich in diesem Leben wohl kein wirklicher Seelenverwandter der Jungs werde, so bleibt das Dilemma doch, dass das hier eigentlich verdammte Großstadt-Hipster-Musik sein müsste – zumindest grundlegend. Besagtes Stück klingt inmitten seiner auf Drama gepolten Millenial-Problemblase zwar nicht wirklich kalkuliert (na gut, höchstens ein klein wenig), auch die Instrumentierung ist mehr als passabel, aber der tönende Funke mag das Feuer partout nicht gänzlich entfachen… So weit, so bekannt. Alles also weiterhin „so egal“ – auch in Bezug auf „Schuldig„, dem bereits dritten Album der Berliner Band?

Zunächst einmal gilt: Milliarden fallen auf – und das, trotz durchaus nachvollziehbarem Nerv-Faktor, jedoch keineswegs durchweg negativ (worin sie sich – zumindest meiner bescheidenen Meinung nach – ganz und gar von den oft als Referenz aufgeführten Wienern von Wanda unterscheiden). Sie punkten mit Ben Hartmanns feiner Reibeisen-Stimme. Sie punkten mit zwar kaum komplexem, aber passablem Songwriting, das sich auch auf die Klavier-Ideen von Johannes Aue stützt, Part zwei des 2013 gegründeten Quasi-Duos. Dazu gibt’s immer mal bräsige Punk-meets-Indie-Rock-Gitarren und hin und wieder auch die in der Magengrube sitzende Rock’n’Roll-Faust, damit nur ja keiner mehr an intellektuelle Studenten-Bubis wie AnnenMayKantereit denkt – was freilich nicht immer funktioniert. Vorwürfe jedoch, man sei lediglich eine weitere tendenziell vom drögen Arbeitsalltagsgrau gelangweilte Ton Steine Scherben-Coverband, müssen die Truppe dann doch nicht wirklich jucken. Die Diskussion über musikalische Daseinsberechtigung, bloß weil sich junge Musiker irgendwo etwas abhören, hat ja ohnehin einen Bart, der weitaus länger als der des Scherben-Rocks sein dürfte. „Neues Leben“ oder „Swing“ jedoch, für die Milliarden erneut kopfüber in den Pathos-Teich hüpfen, hätte es andererseits auch nicht wirklich gebraucht.

Dennoch ist „Schuldig“, der Nachfolger zum 2018 erschienenen „Berlin“ und der erste Output auf ihrem neuen DIY-Label Zuckerplatte, das zweifellos bisher stärkste Werk der Hauptstadt-Formation. Vor allem, weil die Texte eindeutig weniger Fremdscham auslösen als noch auf dem fünf Jahre alten Langspiel-Debüt „Betrüger„. Und weil die Platte durchaus das ein oder andere Highlight bietet. Man nehme etwa den Opener und Quasi-Titelsong, der gleich kräftig in den Neunzigern wühlt (Selig! Selig! Selig!) und mit den Gallaghers ein paar süffige Pints hinunterspült. Oder das fröhlich mit frecher Zunge in den Untergang rockende „Die Fälschungen sind echt„. Ebenso der an frühe Herrenmagazin erinnernde Indie-Rocker „Wenn ich an dich denke„, der trotz seines Herzschmerz-Themas genug Punsch im Vorratsschrank hat, damit das Glas in jedem Fall stets halbvoll bleibt.

Selbst wenn harmlos-rührselige Stücke wie „Die Gedanken sind frei“ lyrisch an bekannte „Macht doch sowas nicht!“-Grenzen stoßen, kehrt bei Hartmann, Aue und Co. insgesamt mehr Lockerheit, mehr urban geprägte Weitsicht ein. Auch Sozialkritik steht Milliarden recht gut zu Gesicht: Das punkrockende „Trenn dich“ macht zum Abschluss kurzen Prozess, jedoch eher mit dem selbstverliebten Ich inmitten der Konsum- und Instagram-Gesellschaft. „Wonderland“ packt nochmal das selige Oasis-Feeling aus (nur denken die Gallaghers in diesem Moment eher an die Rolling Stones denn an die Beatles) und verlässt sich anstatt eines Dauer-Refrains auf seine feinen Strophen. Und wenn selbst schmachtende Piano-Balladen zukünftig ähnlich unpeinlich gelingen wie „Ich schieß dir in dein Herz“, wird mit dieser Band eventuell doch noch zu rechnen sein. Und sei es allein aufgrund der Tatsache, dass diese verwegenen Underdog-Typen mit schmierigen Haaren, Reibeisenstimme und speckiger Lederjacke, die ihre Liebste „Baby“ nennen und mit der Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger am Abgrund entlang tänzeln, wohl nie so ganz aus der Mode kommen werden. In den elf Song gewordenen Akten von „Schuldig“ geht es um Aufstand und Exzess, Liebe und Schmerz. Kleine Brötchen? Sind grad aus, Keule. Da wird sich anstelle eines Frühstücks die erste Kippe angesteckt und später der vermaledeite Tod weggefickt. Leben am Limit! Hedonismus in der Hauptstadt! Revolution! Und natürlich ist alles super intensiv und voll authentisch, denn Ben Hartmann reißt sich am Mikro den Arsch auf und das Herz heraus, brüllt, barmt, lallt fast. Das Ergebnis bemüht sich gar nicht erst großartig, so offensichtliche wie unvermeidliche Referenzen von Rio Reiser (Ton Steine Scherben) über Jan Plewka (Selig) oder Marco Fitzthum (Wanda) bis hin zu Henning May (AnnenMayKantereit) von der Hand zu weisen. Druff jeschissen, wa! Wer sich an Klischees und Theatralik nicht stört, bekommt hier gute, kurzweilige Unterhaltung geboten.

(Wer mehr wissen mag, der findet hier und hier aktuelle Interviews mit Milliarden-Frontmann Ben Hartmann…)

Rock and Roll.

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Song des Tages: Emma Elisabeth – „I’ll Be Your Mirror“


Manchmal braucht es eben ein wenig Hilfe von „oben“. So wurde Emma Elisabeths Version des Velvet Underground-Klassikers „I’ll Be Your Mirror“ für die Werbekampagne eines PC-Herstellers verwendet, was wiederum ihr Label dazu bewog, im Mai 2020 endlich ihr dazugehöriges Album „Cover Stories“ (digital) zu veröffentlichen…

Endlich? In der Tat, denn selbiges nahm die 37-jährige schwedische Musikerin, die bereits seit einiger Zeit in Berlin wohnt, dort vornehmlich im Hintergrund an Filmmusik oder als Songwriterin für andere Künstler ihre Brötchen erarbeitet und 2013 unter ihrem alten Künstlernamen Betty Dittrich – kaum zu glauben, aber wahr – am deutschen Eurovision-Song-Contest-Vorentscheid teilnahm, bereits vor gut vier Jahren nahezu komplett im DIY-Alleingang in ihrem Heimstudio auf. „Das ganze Album wurde in meinem Wohnzimmer aufgenommen und durch ein Portastudio festgehalten. Ich liebe die Schwankungen und Geräusche des Kassettenrekorders. Es fühlt sich an wie eine Zeitkapsel“, erklärt Emma Elisabeth. Zwar veröffentlichte die Wahl-Hauptstädterin, der die Liebe zu den Tönen als Kind zweier Musiker-Eltern quasi in die Wiege gelegt wurde, die zwölf Songs starke Cover-Sammlung bereits 2016 unter ihrem damaligen Künstlernamen (und damit drei Jahre vor ihrem eigentlichen Debütalbum „Melancholic Milkshake„), jedoch ging das Release anno dazumal – aus welchen Gründen auch immer – im Getöse unter…

Neben The Velvet Undergrounds „I’ll Be Your Mirror“, welches sich doch recht nah am Original bewegt, nahm sich Emma Elisabeth auch weiterer Stücke an – und beweist ein ums andere Mal ein gutes Händchen. So ist etwa „Stop Me If You’ve Heard This One Before“ (The Smiths) nicht nur der Opener dieses Albums, sondern auch eine leicht provokant-augenzwinkernde erste Hörempfehlung. Oder ihre LoFi-Version des Black Sabbath-Evergreens „Paranoid“ – trefflicher wurde dieser Song selten entschleunigt, um alles Zehrende und Flehende darin ans Tageslicht zu befördern. Auch toll: die Variante des Steppenwolf-Gassenhauers „Born To Be Wild“ mit ihrem unheimlichen Gesang und umgekehrten Fuzz-Gitarrensoli. Black Rebel Motorcycles Clubs „Howl“ bewahrt seinen düsteren Charme durch Elisabeths samtige Stimme, die zeitweise an Chelsea Wolfe sowie mit ihrem dunklen Mystizismus an den Grunge der Neunziger erinnert. Und sonst so? Allerlei weitere Anzeichen eines erlesenen Musikgeschmacks mit „Play With Fire“ (Rolling Stones), „Don’t Think Twice It’s Alright“ (Bob Dylan), „Satellite Of Love“ (Lou Reed), „Love Enchanted“ (Daniel Johnston), „The Chain“ (Fleetwood Mac), „Only Happy When It Rains“ (Garbage) oder dem fulminanten Abschluss mit einer exquisiten Version des durch „Almost Famous“ zu neuen Ehren gelangten Elton John-Klassikers „Tiny Dancer“. Beinahe bekommt man ein Gefühl dafür, wie ein Album klingen würde, das Penny Lane, welche Kate Hudson in ebenjenem Film verkörpert, aufgenommen hätte. Wie würde denn ein Film aussehen, den man quasi aus Emma Elisabeths Musik schneidern würde? „Vielleicht wie ein Neunzigerjahre-Road-Trip-Western mit Bill Murray und Drew Barrymore in den Hauptrollen, unter der Regie von Jim Jarmusch…“

Und der Name des Albums? „Eine Zeit lang habe ich überlegt, es ‚Songs By Dirty Old Men‘ zu nennen, weil fast alle Songs von Kerlen komponiert wurden. Ich denke darüber nach, ein weiteres Album aufzunehmen, das weibliche Songwriterinnen umfasst. Vielleicht wird das ein zukünftiges Projekt von mir werden“, so Elisabeth. Auch wenn dieser Titel sicherlich für zusätzliche Publicity gesorgt hätte, wird „Cover Stories“ der Sammlung voll von in reduziertem Gewand neu interpretierter Lieblingslieder ebenso gerecht. 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Kind Kaputt – „Gründe“


„Es tut mir leid…“ – Die neue Single von Kind Kaputt ist eine Entschuldigung an die Boomer-Generation.

Die vierköpfige Alternative-Rock- und Post-Hardcore-Band, deren Mitglieder aus Leipzig, Eschwege, Nürnberg und Berlin stammen, hat den diesjährigen „Sommer ohne Festivals“ notgedrungen im Studio verbracht und zusammen mit Mathias Bloech (Sänger der Band Heisskalt) an neuen Songs gearbeitet. Der erste davon trägt den vielsagenden Titel „Gründe“.

Rastlos treibt es die Band darin gut drei Minuten lang vorbei an überholten Werten und konservativen Idealen. Johannes Prautzsch (Gesang, Gitarre), Konstantin Cajkin (Gitarre) und Mathis Kerscher (Schlagzeug) – das vierte Bandmitglied, Fabian Willi Simon, zeichnet sich etwas weiter im Hintergrund für die visuelle Arbeit in Form von Videos, Artworks sowie Fotos verantwortlich (und hat sich diesmal ein paar schicke Lego-Animationen einfallen lassen) – arbeitet sich ab an einer Generation, die ihre Kinder viel zu oft als Taugenichtse und Faulenzer verklärt – und bittet im selben Atemzug doch ganz kleinlaut um Verzeihung.

Energischer als zuvor und durchaus tanzbar wirkt das erste musikalische Lebenszeichen seit dem im vergangenen Jahr erschienenen Debütalbum „Zerfall„, das das unbedarft-theatralisch weltschmerzende Post-Harcore-Geschrei des Erstlings gegen ein gut knirschendes Alternative-Rock-Pfund eintauscht, um im Vers erst stampfend mit pointierten Noise-Ausflügen und Gitarren-Feedbacks an die Türen Heisskalts (war ja klar!) zu klopfen und im Chorus mit einer wohltuend indie-esquen Melodie aufzuwarten, die schonmal eine galante Bewerbung für alle – hoffentlich! – im kommenden Jahr stattfindenden Festivals, zu denen auch Kapellen wie eben Heisskalt, aber auch Marathonmann, 8kids oder Fjørt geladen werden, abgibt.

Offen bleibt, wie ernst die Entschuldigung in diesem Song gemeint ist. Aber das wird man Kind Kaputt wohl verzeihen…

Rock and Roll.

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