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Song des Tages: Norbert Buchmacher – „Die Ballade von Willi und Walther“


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Foto: Robin Disselkamp

Aus gegebenem Anlass – wer sich die aktuellen Bilder der Unruhen in den Staaten von Amerika (das „Vereinigte“ scheinen sie derzeitig gut und günstig via eBay Kleinanzeigen verramschen zu wollen) anschaut, der weiß wohl recht schnell Bescheid – soll einmal mehr Norbert Buchmacher zu Wort kommen.

norbert-buchmacher-habitat-einer-freiheit-201828Regelmäßige Leser von ANEWFRIEND werden sich vielleicht vage in den Juni des vergangenen Jahres zurück erinnern, als der Berliner Musiker und sein aktuelles Album „Habitat einer Freiheit“ (das gibt’s derzeit als „name your price“ via Bandcamp, also hat wohl niemand von euch auch nur noch irgendeine Ausrede, da nicht reinzuhören!) hier vorgestellt wurden. Auf ebenjenem Werk findet sich auch der Song „Die Ballade von Willi und Walther“, in welchem Buchmacher im Stil von Brechts Dreigroschen-Oper auf rassistische Tendenzen innerhalb der deutschen Polizei aufmerksam macht – ein Stück, welches in diesen Tagen aktueller, wichtiger und zeitgeistiger denn je erscheint, und allen, die noch immer keinen Wind von all den Missständen da draußen bekommen haben, zu denken geben sollte…

 

Via Facebook teilte Norbert Buchmacher heute ein Kunst-Grafik des vor ein paar Tagen durch Polizeigewalt getöteten Afroamerikaners George Floyd (welche ihr auch weiter unten seht) sowie folgende Zeilen:

„In der Buchmacher-Welt seht ihr hier einen weiteren Willi. Manche Menschen mögen sich fragen, was damit gemeint ist. Wer sich jedoch intensiv mit uns befasst und auch nur ansatzweise Wert auf lyrische Inhalte legt, der wird ‚Die Ballade von Willi und Walther‘ verstanden haben. Denn in diesem Song geht es genau um das aktuelle Thema. Das ungerechte Behandeln und grundlose Morden von unschuldigen Menschen, welche einen anderen Hautton haben als die Herren in der Uniform. Die Menschheit kämpft nicht erst seit gestern mit diesem Problem und es scheint kein Ende in Sicht zu sein. Freund und Helfer sagt man. Das mag in vielen Fällen zutreffen, jedoch verliert diese Bezeichnung immer mehr an Bedeutung. Der Missbrauch von Macht und potentieller Überlegenheit rückt in den Vordergrund und sorgt immer wieder für Zündstoff. Solange Menschen diskriminiert und misshandelt werden, sollten wir als Künstler jede Möglichkeit nutzen die Faust zu heben und auch ein Mikrofon eignet sich doch bestens dafür 😉 Wir machen vielleicht Pop-artige Musik, aber wir sind im Herzen immer noch Punks und das wird sich auch nie ändern. Wem wir immer noch ein Rätsel sind, der darf sich gerne mit belangloser deutscher Pop Musik befassen, da muss man nicht so viel denken, right? Wir machen diese Musik, weil es Dinge gibt, die einfach gesagt werden müssen. Wir sehen es als unsere Pflicht, das Mikrofon für mehr als schöne Melodien zu nutzen. ‚Die Ballade von Willi und Walther‘ ist unser Soundtrack zu den aktuellen Geschehnissen und so schnell wird sie nicht aus unserem Set verschwinden.“

 

 

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Rock and Roll.

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Song des Tages: EAST – „Through The Smoke“


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Leser dieses Blogs, die über ein gutes Langzeitgedächtnis verfügen (oder mal eben die Suchfunktion weiter unten nutzen), wissen es wohl längst: Mit der zu Teilen aus Trier und Berlin stammenden Band East hat der Projektleiter von Tigeryouth, Tilman Benning, so ganz nebenbei noch eine waschecht-lupenreine Emo-Truppe am Start. Nach ein paar Jährchen des mal mehr, mal weniger häufigen Probens und Tüftelns hat das Quintett im Januar endlich ihr Debüt-Album „In An Instant“ auf die wartende Hörerschaft losgelassen. Kaum verwunderlich, dass die zehn Songs, welche sich stilistisch nah an den 2017 veröffentlichten „Bendorf-Live-Sessions“ orientieren, fast durchgehend live eingespielt wurden und – nebst den Fäusten – auch den DIY-Gedanken hoch oben halten…

4059251388074Klar, „Emo“ ist seit den Anfangstagen Mitte der Achtziger, als sich der Musikstil aus der sogenannten Washington D.C.-Hardcore-Punk-„Schule“ mit so wichtigen Wegbereiter-Bands wie Rites Of Spring oder Fugazi herausbildete, im Laufe der Jahre durch so einige an der Oberfläche kratzende Klischees wie Seitenscheitel, übermäßigen Kajalstift-Gebrauch oder weinerliche Selbstkasteiung zu einem grotesken modischen Witz fernab seiner Ursprünge verkommen. Dass es Ende der Neunziger sowie Anfang der Nullerjahre aber eine großartige Emo-Szene gab, die vor allem mit aus den US of A kommenden Bands wie The Get Up Kids, Texas Is The Reason, The Promise Ring, Sunny Day Real Estate oder Thursday für Aufsehen sorgte, gerät dabei schnell in Vergessenheit.

East schaffen nun, zwei Jahrzehnte später, das Kunststück, Songs zu schreiben, die an ebenjene Glanzzeit erinnern und trotz ihrem klar der Nostalgie verpflichteten Soundgewand genug Eigenständigkeit transportieren, um nicht als aus der Zeit gefallene Tribut-Band wahrgenommen zu werden. Die zehn Songs wollen entdeckt werden, wollen sich im Gemüt breit machen und Gefühle provozieren. Melancholie und Nachdenklichkeit, aber auch Euphorie und Hoffnung schwingen dabei in den Kompositionen mit. Das Ganze wird von Tilman und Co. mit warm flirrende Gitarren und einer ehrlich empfundenen Zerbrechlichkeit vorgetragen, die freilich ab und an an Bands wie The Get Up Kids, American Football oder Hot Water Music (oder meinetwegen auch an deutsche Vertreter wie Pale und Sometree) erinnern mag, in jedem Fall jedoch literweise Herzblut in sich trägt. Und trotzdem werden teils wuchtige Instrumental-Augenblicke erschaffen, die wohl so ziemlich jeden, der einen Meilenstein wie „False Cathedrals“ von Elliott im Plattenregal stehen hat oder auch wegbereitende Trauerkloß-Alben von Mineral und Chamberlain oder den Labelkatalog von Deep Elm Records bestens kennt, mit ein paar seligen Tränchen im Augenwinkel zurücklassen. Man fühlt sich an die Wand gedrückt, wird aber durch die akzentuierten Melodien befreit. Kein Zweifel: Da musiziert eine Band, die merklich Bock auf einige Momente des Jugend-Revivals hat. Die  nicht vergessen hat, dass dynamisches Songwriting das A und O für eine – bei aller gewürzten Kürze – unterhaltsame Platte ist. Die ruhige Parts sparsam dosiert, damit sich all die dezent post-rockigen Ausbrüche, all die rauen, dissonanten Momente in Schönheit entfalten können. Natürlich mag „In An Instant“ mit all seinen Trademarks kein Album für jedermann sein, jedoch haben East ein Respekt zollendes Werk geschrieben, welches dennoch ganz im Hier und Jetzt zuhause ist und sich referenziell sowie in tiefer Verbeugung an einem recht klischeefreien Emo-Sound bedient, der damals so viele Menschen inspiriert hat. So gesehen (und für mich): Eine spannende Reise in die eigene musikalische Vergangenheit… *hach*

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Zum dieser Tage veröffentlichten Musikvideo zum Song „Through The Smoke“ meinen East: „Eine kleine Erinnerung an eine Zeit, wo wir noch zu 11 im Kreis stehen konnten, wo die Clubs noch offen waren, wo wir noch zusammen Musik machen durften. Crazy!“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Dota Kehr – „Kompliziertes Innenleben“


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Foto: Promo / Annika Weinthal

Klare Sache, eigentlich: Dorothea „Dota“ Kehr scheut das Risiko nicht. Für die Berliner Musikerin, die seit über zehn Jahren vor allem wegen ihrer oft genug brillanten, vielschichtigen und lebendigen Texte gefeiert wird (so auch vor einigen Monden auf ANEWFRIEND), hat es schon eine gewisse Fallhöhe, wenn man diesen Bereich – erstmalig – mit Fremdschöpfungen abdeckt. Und auch nicht mit irgendwelchen: Die Texte auf ihrer neuen Platte „Kaléko„, dem Nachfolger zum 2018er Album „Die Freiheit„, welches seinerzeit immerhin Platz 11 der deutschen Album-Charts erreichte, stammen von der jüdischen Dichterin Mascha Kaléko – alle mit einer Hornbrille bestraften Schulstreber freuen sich nun sicherlich schon über Musik-, Deutsch- und Geschichtsstunden in einem, schließlich schuf die Schwester im Geiste eines Joachim Ringelnatz oder Erich Kästner in den 1920 und -30er Jahren in Berlin ihre innige, bisweilen ironische, oft herzblutig beseelte Großstadtlyrik, bevor sie als deutsche Jüdin in den Jahren vor Hitlers Machtergreifung nach New York emigrieren musste. Die verwendeten Texte, welche Kehr in einem Lyrik-Band, dem ihr vor einiger Zeit ein Konzertbesucher überließ, fand, sprühen tatsächlich vor Witz, sind manchmal nachdenklich, aber eigentlich immer eine Bejahung des Lebens und des jetzigen Moments. Dies packt die 40-jährige Liedermacherin mit ihrer Band dem damaligen Zeitgeist entsprechend in eine akustisch gewichtete Musik, die so tatsächlich oft einen Wink in Richtung Weimarer Republik und deren kulturellem Flair bietet. Ja, die schlichte Eleganz und zeitlose Strahlkraft von Kalékos Dichtkunst passt der Hauptstadt-Liedermacherin, welche einst als „Kleingeldprinzessin“ durch bundesdeutsche Fußgängerzonen tingelte, wie angegossen.

61gjjlNSfOL._SS500_Nur eines fällt dann doch auf: So charmant und beseelt Mascha Kalékos Texte auch sind – ein wenig eindimensional erscheinen sie – eventuell (auch) ihres Alters wegen – dann doch, wenn sie etwas platt und zu gewollt in Richtung Wortspiel schielen. Passagen wie „Eines Morgens wachst Du auf / Und bist nicht mehr am Leben“ oder „Die anderen sind das weite Meer / Du aber bist der Hafen“ mag zwar im ersten Moment eine gewisse Wucht innewohnen, doch sind sie auch eine Idee zu naheliegend und plakativ. Schlussendlich  ist „Kaléko“ jedoch ein Musikalbum, und so zählt auch die Kombination mit ebenjener (der Musik) – und da punktet die Platte in vielen Bereichen recht ordentlich. Denn Kehr hat eine Geheimwaffe im Köcher: ihre Gesangspartner, die eine Vielzahl der Songs mit Dota teilen. Der olle Bohemian Max Prosa gibt einen wunderbar beruhigenden Widerpart zu Dotas heller Stimme in „Für einen“ und vermittelt Gemütlichkeit, gar Geborgenheit auf wunderbar unaufgeregte Weise. Auch das fluffig dahin schunkelnde „Kein Kinderlied“ hat einen Schuss Extra-Witz, erhält aber auch dank der Kooperation mit Uta Koebernick gesangliche Harmonie.

Fest steht außerdem: Der kernig knisternde, von müder Lebenserfahrung geprägte Gesangspart Hannes Waders, der in diesem Jahr auch schon 78 Lenze jung wird, in „Auf eine Leierkastenmelodie“ ist ein emotionales Highlight. Die Gitarre tönt hier tatsächlich wie eine alte Drehorgel, Sehnsucht und die Vergeblichkeit derselben wachsen im Zusammenspiel der kontrastreichen Stimmen zu einer dicken Träne, die dem Hörer still die Wange hinunter kullert. „Kompliziertes Innenleben“ mit Konstantin Wecker, eher im abgedämpften Pathos unterwegs, verarztet mit seinem Text über Abschied, Nähe und die widersprüchliche Natur der Sehnsucht sowie durchaus angespannter Songstruktur erneut ein melancholisches Sehnen, das sich erstaunlich weich anschmiegt. Außerdem zu Duetten mit an Bord: Francesco Wilking (Die Höchste Eisenbahn), Karl die Große, Felix Meyer (wobei es ein weiterer Song mit ihm, das feine „Zum Trost„, eigenartigerweise nicht aufs Album geschafft hat) oder die befreundete Singer/Songwriterin Alin Coen (da gilt gleiches für „Gib mir deine kleine Hand„).

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Willkommene Einwürfe sind die zwei jazzig angehauchten Instrumentals, welche sich vom recht klassischen Aufbau der eigentlichen Songs entfernen. Hier findet man auch mal jene aus der Reihe tanzenden Verrücktheiten und Spleens, die dem Rest der Platte bei aller sorgsamen Behandlung ein wenig abhanden gekommen sind und bei Dota früher noch recht häufig anzutreffen waren. Ein weiterer Wermutstropfen von „Kaléko” ist auch die Kürze der einzelnen Stücke. Die meisten pendeln sich bei knapp zwei Minuten ein, wodurch der Fokus natürlich verstärkt auf den Texten liegt, obwohl bei einigen Nummern auch deutlich mehr Raum für instrumentale Ausflüge gewesen wäre, denn schließlich gibt es einige Songs auf dem Album, denen genau das gelingt: Gerade einmal sieben Zeilen braucht Kaléko in ihrem Gedicht „Für Chemjo zu Pessach 1944“, um ein Gefühl auf den Punkt zu bringen, über das andere ganze Bücher schreiben. Demnach braucht auch Dota Kehr nicht einmal eine Minute, um den Text, begleitet von zurückhaltender Gitarre und Tastenklängen mit ihrer unaufgeregten Stimme, zu vertonen. Was darauf folgt, sind fast zwei Minuten schönstes Blechbläser-Solo, dessen Melodiebögen und Phrasierungen denen Dotas in nichts nachstehen. Das Stück wirkt wie ein Dialog zwischen den beiden Liebenden, der sich nach dem Gedicht ereignen könnte, und geht erfreulicherweise einen Schritt weiter, als lediglich bloße Vertonung zu sein. Eine Ausnahme? Ja, aber eine gute! Schlussendlich ist „Kaléko“ ein liebevoll ausgearbeitetes Album, welches sich an mancher Stelle jedoch zu voreilig – und eventuell ein wenig zu ehrfürchtig – mit gängigen Strukturen zufrieden gibt. Und so manchmal eben doch das Risiko scheut.

 

„Es ist mir eine ganz besondere Freude, dass Konstantin Wecker bei diesem Lied mitsingt. Wir haben uns in Dresden getroffen und im Backstage-Raum aufgenommen. Das war sehr konzentriert.“ (Dorothea „Dota“ Kehr über die Entstehung des Songs „Kompliziertes Innenleben“)

 

 

(Übrigens: Ein recht gut zur aktuellen Weltlage passendes Reicht aus der Feder von Mascha Kaléko fand sich unlängst am „Gesuche“-Brett eines Leipziger Supermarktes wieder…)

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Berge – „LET US ALL UNITE“ (The Great Dictator Speech)


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Von Marianne Neumann und Rocco Horn aka. Berge war auf ANEWFRIEND ja bereits 2018 sowie einige Jahren zuvor zu lesen.

BcKFtIop_400x400Und natürlich sind die beiden, deren jüngstes Album „Für die Liebe“ im vergangenen Jahr erschein, idealistische Großstadt-Hippies, die mit ihren Texten schonmal ganz, ganz dicht an blumenstreuender Kumbaya-Attitüde vorbei schlittern. Schlimm? Nope. Und in jedem Fall erträglicher als auch nur ein auf Populismus-Plattitüden und stumpfes Hass-Schüren geeichter AfD-Politiker der Marke Höcke, Gauland oder Weidel. Just my two cents…

Im Kern ihrer Lieder transportieren Berge Gedanken, die uns alle etwas angehen, die durchaus Positives bewirken können (meine Freundin etwa hat der Song „10.000 Tränen“ final zum Vegetarismus gebracht). Und das ist tausendmal wichtiger als bloße Jutebeutel-Mentalität und ein schniek-fashionabler Berliner Hippie-Look…

 

Das beste Beispiel sind jene beiden Live-Videos, welche, wenn mich nicht alles täuscht, bereits vor einiger Zeit bei Shows des Duos im Berliner Kesselhaus mitgeschnitten wurden, und jeweils Neumann, Horn und ihre Band bei der musikalischen Untermalung von Charlie Chaplins bekannter Rede aus „Der große Diktator“ zeigen. Nicht ganz neu, jedoch – leider, leider (und ohne mich jetzt in Punkto „Flüchtlingskrise“ und Co. in Rage schreiben zu wollen) – auch 2020 zeitlos wichtig. Deshalb: zuhören, nachdenken, menschlich durch die Weltgeschichte leben. Danke. ❤️

Hier das Ganze in englischer…

 

…und in deutscher Sprache:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Nancy – „I Wanna Be Your Dog“


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Freddie Dickson, den ANEWFRIEND unlängst erst durch sein jüngstes Album „Blood Street“ auf dem Schirm hatte, scheint ein recht unruhiger kreativer Geist zu sein. Denn als wäre ihm seine eigene Solo-Karriere nicht genug, scheint der britische Singer/Songwriter auch großen Spaß an Kollaborationen zu haben. Ja denn: Vorhang auf für Nancy.

Das Duo, bei welchem sich Dickson in den Hintergrund verzieht und Sängerin Natalia den Gesang überlässt, scheint nach folgendem Motto entstanden zu sein: Man stecke zwei dezent desillusionierte, temporär frustrierte Künstler für eine gemeinsame Session in einen Raum – das zumindest war der Zeitpunkt, an dem Nancy 2018 entstanden. Im Herzen der Shabby Road Studios, der Wohnung im Norden Londons, in der sie ihre ersten Home-Demos aufnahmen, stießen die beiden recht schnell auf etwas, von dem sie gar nicht wussten, dass sie es suchten: „Wir hatten nie die Absicht, eine Band zu sein, aber die Songs entstanden so natürlich und schnell. Wir fühlten sofort eine besondere Verbindung zu der Musik und wussten, dass sie eine eigene Welt geschaffen hatte.“

three-birdsNach den rohen, gefühlsbetonten Live-Aufnahmen ihres „Three Birds EP„, welches 2018 erschien, und einer kurzen Pause (die Dickson für die Arbeit an „Blood Street“ nutzte), begann das Newcomer-Duo, zwischen London (Natalia derzeitiger Wohnort sowie Freddies Heimatstadt) und Berlin (wo der Singer/Songwriter aktuell und normalerweise seine kreativen Zelte wiederfindet) hin und her zu schreiben. Sobald man ein paar Handvoll Songs beisammen hatte, begannen Nancy damit, sich in den Bars der deutschen Hauptstadt-Metropole sowie in der beständig wandelnden Berliner Musikszene eine Namen zu machen und auch auf kleinen Bühnen versierter zu werden.

Wie’s klingt? Davon darf man sich etwa anhand der neusten Single „It’s Just You“ überzeugen, bei welcher dem Zweiergespann Produzent Noah Booth (Ratboy) zur Seite stand: Die geradezu herzzerreißende Traum-Pop-Ballade überzeugt mit delikaten Mazzy Star-Vibes, die sich auf warmen, organischen Instrumenten aufbauen und den perfekten Hintergrund für Natalias gleichsam eisig-hypnotischen, dennoch sinnlichen Gesang bilden. Cat Power meets The Velvet Underground, if you may like. Der Song soll der Vorbote einer in Kürze erscheinenden neuen EP sein.

 

„Take over, step in to my place
The spotlights on all of my mistakes
You know how that feels
I know you don’t mean no harm
Don’t want to be healed
Just hold me in your arms…“

 

Besonders toll: Nancys leicht gespenstische Coverversion des Iggy Pop & The Stooges-Dauerbrenners „I Wanna Be Your Dog“ (von der „Three Birds EP“), bei der sich Freddies hallende E-Gitarre und Natalias einnehmende Stimme in prickelnder Home-Demo-Atmosphäre umschmeicheln:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: TWINS – „Bathroom“


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Foto: Facebook

Es ist noch keine zehn Lenze her, da galt eine Band aus der sächsischen Provinz als Newcomer-Speerspitze wenn es darum ging, juvenile Emo-Gefühligkeit mit ausreichend verqueren Elementen aus Punk, Indie Rock, Screamo und Post Hardcore zu einen: MIKROKOSMOS23. Im Jahr 2005 in der recht beschaulichen Porzellan-und-Hahnemann-Stadt Meißen gegründet, entwickelt sich das aus Peter Löwe (Gesang, Gitarre), Tom Pätschke (Schlagzeug), Mathias Starke (Gitarre) und Steffen Oks (Bass) bestehende Quartett schnell zum potenten Geheimtipp der bundesdeutschen Alternative Rock’n’HC-Szene, produziert bereits den 2010 erschienenen zweiten Langspieler „Memorandum“ mit niemand Geringerem als Blackmails Sechs-Saiten-Schwinger Kurt Ebelhäuser, tourt fleißig durch die Indie-Clubs und AJZs der Republik, schiebt alsbald, 2013, mit „Alles lebt. Alles bleibt.“ Album Nummer drei nach (beide Werke gibt’s übrigens via Bandcamp im Stream sowie als „name your price“-Download). Gerade jenes wusste mit seiner Mischung aus frühen Kettcar und Captain Planet, mit seiner klanglichen Melange aus Blackmail, Muff Potter oder Adolar und den mal persönlich anmutenden, mal intellektuell müffelnden Texten, bei denen sich damals nicht nur die VISIONS fragte, „was so schief gelaufen ist, dass man sich sein Leben von einem anti-altklugen Campuspoeten wie Löwe erklären lassen muss“ (obgleich die anderswo gezogenen Vergleiche zu Kettcar-Vorsteher Marcus Wiebusch wohl nicht allzu weit an den Emotional-Harcore-Härchen herbei gezogen waren), zu überzeugen. Ja, da war man sich allerorten unisono einig: MIKROKOSMOS23 dürfte eine vielversprechende Zukunft bevorstehen. Nur kam Löwe, Pätschke und Co., die ihre musikalische Homebase mittlerweile ins deutlich größere, deutlich bekanntere, indie-szenisch deutlich besser vernetzte Dresden verlagert hatten, wohl der schnöd-unrockenrollige Alltag dazwischen, was dazu führte, dass der Vierer zwar mal hier, mal da versprach, an Album Nummero vier zu werkeln, schließlich allerdings – eine One-Time-Show bei der Hochzeit ihres Schlagzeugers mal außen vor – ihre gemeinsamen Aktivitäten bis heute aufs kreative Abstellgleis schob. „Life is what happens to you while you’re busy making other plans.“ – das wusste schon der olle Lennon-John…

a1551146331_16Umso überraschender, dass MIKROKOSMOS23 nun irgendwie und ebenso unerwartet ihr Comeback feiern. Obwohl: mit Tom Pätschke und Steffen Oks sind lediglich zwei Viertel der einstigen Anfangszwanziger-Indie-Radau-Hoffnungsträger bei den Quasi-Newcomern TWINS mit am Start. Und ebenjenes Vierergespann mit Zentrale in der sächsischen Landeshauptstadt und weiteren kreativen Zelten in Leipzig und Berlin knüpft mit (s)einer Mischung aus Indie-, Noise- und Mathrock sowie Hardcore gleich auch bestens an die gesteckten Pfade der Vorgänger-Band an. Hinter jeder Ecke lauert eine weitere Ecke und dann noch eine und dann brüllt einer heiser und dann twinkeln die Gitarren ein bisschen und dann ist man bereits nach den ersten Vorboten „Library“ und „Bathroom“ schnell überzeugt: Mit dem für den 14. Februar angekündigten Debüt „Soon“  kommt eine der vielversprechendsten Platten des noch jungen Musikjahres auf die versammelte Post-Hardcore-Gemeinde zu. Bekannteste Verwandte: Blood Brothers, At The Drive-In, die alten Pianos Become The Teeth. Ja klar, meinetwegen könnte der Gesang ein bisschen cleaner sein, ansonsten gefällt’s: sehr.

 

Schlagzeuger Tom meint zur Entstehung des frisch veröffentlichten Musikvideos zu „Bathroom“: “Für unser erstes Musikvideo, welches wir komplett selbst geschrieben und produziert haben, sind wir 3 Tage voll beladen, mit Greenscreens unter den Armen zwischen unzähligen Locations hin und her gesprungen. Und dank all der Szenen, die dabei entstanden – irgendwo zwischen Supermärkten, Basketballfeldern, Clubs, Bibliotheken, Wäldern usw. – ist das ganze Video nun eine Art Kaninchenbau geworden, der letztlich wunderbar zu uns passt: alles ist wild und durcheinander – wie ein komischer, mitreißender Strudel. Und tatsächlich ist das sogar eine ganz gute Analogie für die gesamte Art wie wir als Band denken und schreiben: durchdenken, ausprobieren, verwerfen, von vorn anfangen, neu denken, wiederholen. Wie kreisende Gedanken – Viel. Zu. Kompliziert.”

 

 

Rock and Roll.

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