Schlagwort-Archive: Berlin

Song des Tages: Adult Mom – „Sober“


Foto: Promo / Daniel Dorsa

Stevie Knipe meldet sich mit ihrem DIY-Soloprojekt Adult Mom zurück und wird in wenigen Tagen „Driver„, ihr erstes neues Album seit der Trennung von ihrem mittlerweile auf Eis liegendem Label Tiny Engines und den Nachfolger zum 2017er Werk „Soft Spots„, veröffentlichen. Mit der Auskopplung „Sober“, welches ebenso wie die bereits im Februar 2020 erschienene Single „Berlin“ auf dem neuen, dritten Album zu hören sein wird, kann man sich bereits jetzt einen ersten Eindruck von den neuen Songs des Indie-Pop-Projekts aus Purchase, New York machen.

Passenderweise konzentriert sich auch „Sober“ auf die Nachwirkungen einer zerbrochenen Beziehung, wobei Knipes Erzählerin sich von jemandem entfernt, den sie schlicht nicht mehr liebt. Ihr Keyboard und ein Drum-Machine-Beat geben zunächst den Ton an, während Knipe die Situation mit unerschrockener Ehrlichkeit und einer Prise schwarzem Humor einschätzt: „The only thing that I’ve done / This month is drink beer and / Masturbate, and ignore / Phone calls from you / What else am I supposed to do?“. Treibende Indie-Rock-Gitarren treten darauf den Song vorwärts, bis Knipe schließlich einen letzten Schlussstrich zieht: „Now I don’t even think of you / When I am sober“. Das Musikvideo zu „Sober“, bei dem Maddie Brewer Regie führte und das von Noah Gallagher animiert wurde, zeigt in ruhigen, lebendigen Bildern, wie jemand schmerzhafte Erinnerungen und ungesunde Trinkgewohnheiten hinter sich lässt und sich auf eine Reise der Selbstfindung begibt, die sich langsam aber sicher in etwas ziemlich Surreales verwandelt. Und passend findet auch musikalisch eine Reise statt: das Stück beginnt als reduzierter Bedroom Pop und wandelt sich dann zum angenehmen Power-Pop-Understatement.

Knipe hat „Driver“ zusammen mit Kyle Pulley (Shamir, Diet Cig, Kississippi) co-produziert, während befreundete Künstler wie Olivia Battell und Allegra Eidinger bei der Arbeit an den zehn Stücken halfen. Das Album, welches „den Soundtrack zu jener queeren Liebeskomödie liefert, von der sie seit 2015 träumte“, wie es in einer Pressemitteilung heißt, folgt auf das 2015er Debüt „Momentary Lapse Of Happily„, das gut drei Jahre zurückliegende Zweitwerk „Soft Spots“ sowie einige EPs, die Stevie Knipe zwischen 2012 und 2014 veröffentlichte. „Driver“, das auf Epitaph erscheint, wird außerdem die erste Langspieler-Veröffentlichung von Adult Mom auf einem anderen Label als Tiny Engines sein, das zusammenbrach, nachdem Stevie Knipe und eine Reihe anderer Unterzeichner*innen die Label-Macher im Jahr 2019 beschuldigten, unter anderem Zahlungen an die unter Vertrag stehenden Künstler*innen zurückzuhalten. Nun wagt Stevie „Adult Mom“ Knipe einen Neustart, und dieses Mal sitzt sie am Steuer.

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Milliarden – „Himmelblick“


Warum machen es manche einem so schwer? Was im Sozialen am komplexen Zusammen- oder Gegenwirken von Charakter-Eigenschaften liegt, ist aufs Musikalische bezogen manches Mal fast schon rätselhaft. „Ich bin wie du / Du bist wie ich / Warum lieben wir uns nicht?“, fragen Millarden etwa voller Emphase in ihrem bereits im vergangenen September vorgereichten Folk-Popper-Hymnus „Himmelblick“, und auch wenn ich in diesem Leben wohl kein wirklicher Seelenverwandter der Jungs werde, so bleibt das Dilemma doch, dass das hier eigentlich verdammte Großstadt-Hipster-Musik sein müsste – zumindest grundlegend. Besagtes Stück klingt inmitten seiner auf Drama gepolten Millenial-Problemblase zwar nicht wirklich kalkuliert (na gut, höchstens ein klein wenig), auch die Instrumentierung ist mehr als passabel, aber der tönende Funke mag das Feuer partout nicht gänzlich entfachen… So weit, so bekannt. Alles also weiterhin „so egal“ – auch in Bezug auf „Schuldig„, dem bereits dritten Album der Berliner Band?

Zunächst einmal gilt: Milliarden fallen auf – und das, trotz durchaus nachvollziehbarem Nerv-Faktor, jedoch keineswegs durchweg negativ (worin sie sich – zumindest meiner bescheidenen Meinung nach – ganz und gar von den oft als Referenz aufgeführten Wienern von Wanda unterscheiden). Sie punkten mit Ben Hartmanns feiner Reibeisen-Stimme. Sie punkten mit zwar kaum komplexem, aber passablem Songwriting, das sich auch auf die Klavier-Ideen von Johannes Aue stützt, Part zwei des 2013 gegründeten Quasi-Duos. Dazu gibt’s immer mal bräsige Punk-meets-Indie-Rock-Gitarren und hin und wieder auch die in der Magengrube sitzende Rock’n’Roll-Faust, damit nur ja keiner mehr an intellektuelle Studenten-Bubis wie AnnenMayKantereit denkt – was freilich nicht immer funktioniert. Vorwürfe jedoch, man sei lediglich eine weitere tendenziell vom drögen Arbeitsalltagsgrau gelangweilte Ton Steine Scherben-Coverband, müssen die Truppe dann doch nicht wirklich jucken. Die Diskussion über musikalische Daseinsberechtigung, bloß weil sich junge Musiker irgendwo etwas abhören, hat ja ohnehin einen Bart, der weitaus länger als der des Scherben-Rocks sein dürfte. „Neues Leben“ oder „Swing“ jedoch, für die Milliarden erneut kopfüber in den Pathos-Teich hüpfen, hätte es andererseits auch nicht wirklich gebraucht.

Dennoch ist „Schuldig“, der Nachfolger zum 2018 erschienenen „Berlin“ und der erste Output auf ihrem neuen DIY-Label Zuckerplatte, das zweifellos bisher stärkste Werk der Hauptstadt-Formation. Vor allem, weil die Texte eindeutig weniger Fremdscham auslösen als noch auf dem fünf Jahre alten Langspiel-Debüt „Betrüger„. Und weil die Platte durchaus das ein oder andere Highlight bietet. Man nehme etwa den Opener und Quasi-Titelsong, der gleich kräftig in den Neunzigern wühlt (Selig! Selig! Selig!) und mit den Gallaghers ein paar süffige Pints hinunterspült. Oder das fröhlich mit frecher Zunge in den Untergang rockende „Die Fälschungen sind echt„. Ebenso der an frühe Herrenmagazin erinnernde Indie-Rocker „Wenn ich an dich denke„, der trotz seines Herzschmerz-Themas genug Punsch im Vorratsschrank hat, damit das Glas in jedem Fall stets halbvoll bleibt.

Selbst wenn harmlos-rührselige Stücke wie „Die Gedanken sind frei“ lyrisch an bekannte „Macht doch sowas nicht!“-Grenzen stoßen, kehrt bei Hartmann, Aue und Co. insgesamt mehr Lockerheit, mehr urban geprägte Weitsicht ein. Auch Sozialkritik steht Milliarden recht gut zu Gesicht: Das punkrockende „Trenn dich“ macht zum Abschluss kurzen Prozess, jedoch eher mit dem selbstverliebten Ich inmitten der Konsum- und Instagram-Gesellschaft. „Wonderland“ packt nochmal das selige Oasis-Feeling aus (nur denken die Gallaghers in diesem Moment eher an die Rolling Stones denn an die Beatles) und verlässt sich anstatt eines Dauer-Refrains auf seine feinen Strophen. Und wenn selbst schmachtende Piano-Balladen zukünftig ähnlich unpeinlich gelingen wie „Ich schieß dir in dein Herz“, wird mit dieser Band eventuell doch noch zu rechnen sein. Und sei es allein aufgrund der Tatsache, dass diese verwegenen Underdog-Typen mit schmierigen Haaren, Reibeisenstimme und speckiger Lederjacke, die ihre Liebste „Baby“ nennen und mit der Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger am Abgrund entlang tänzeln, wohl nie so ganz aus der Mode kommen werden. In den elf Song gewordenen Akten von „Schuldig“ geht es um Aufstand und Exzess, Liebe und Schmerz. Kleine Brötchen? Sind grad aus, Keule. Da wird sich anstelle eines Frühstücks die erste Kippe angesteckt und später der vermaledeite Tod weggefickt. Leben am Limit! Hedonismus in der Hauptstadt! Revolution! Und natürlich ist alles super intensiv und voll authentisch, denn Ben Hartmann reißt sich am Mikro den Arsch auf und das Herz heraus, brüllt, barmt, lallt fast. Das Ergebnis bemüht sich gar nicht erst großartig, so offensichtliche wie unvermeidliche Referenzen von Rio Reiser (Ton Steine Scherben) über Jan Plewka (Selig) oder Marco Fitzthum (Wanda) bis hin zu Henning May (AnnenMayKantereit) von der Hand zu weisen. Druff jeschissen, wa! Wer sich an Klischees und Theatralik nicht stört, bekommt hier gute, kurzweilige Unterhaltung geboten.

(Wer mehr wissen mag, der findet hier und hier aktuelle Interviews mit Milliarden-Frontmann Ben Hartmann…)

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Emma Elisabeth – „I’ll Be Your Mirror“


Manchmal braucht es eben ein wenig Hilfe von „oben“. So wurde Emma Elisabeths Version des Velvet Underground-Klassikers „I’ll Be Your Mirror“ für die Werbekampagne eines PC-Herstellers verwendet, was wiederum ihr Label dazu bewog, im Mai 2020 endlich ihr dazugehöriges Album „Cover Stories“ (digital) zu veröffentlichen…

Endlich? In der Tat, denn selbiges nahm die 37-jährige schwedische Musikerin, die bereits seit einiger Zeit in Berlin wohnt, dort vornehmlich im Hintergrund an Filmmusik oder als Songwriterin für andere Künstler ihre Brötchen erarbeitet und 2013 unter ihrem alten Künstlernamen Betty Dittrich – kaum zu glauben, aber wahr – am deutschen Eurovision-Song-Contest-Vorentscheid teilnahm, bereits vor gut vier Jahren nahezu komplett im DIY-Alleingang in ihrem Heimstudio auf. „Das ganze Album wurde in meinem Wohnzimmer aufgenommen und durch ein Portastudio festgehalten. Ich liebe die Schwankungen und Geräusche des Kassettenrekorders. Es fühlt sich an wie eine Zeitkapsel“, erklärt Emma Elisabeth. Zwar veröffentlichte die Wahl-Hauptstädterin, der die Liebe zu den Tönen als Kind zweier Musiker-Eltern quasi in die Wiege gelegt wurde, die zwölf Songs starke Cover-Sammlung bereits 2016 unter ihrem damaligen Künstlernamen (und damit drei Jahre vor ihrem eigentlichen Debütalbum „Melancholic Milkshake„), jedoch ging das Release anno dazumal – aus welchen Gründen auch immer – im Getöse unter…

Neben The Velvet Undergrounds „I’ll Be Your Mirror“, welches sich doch recht nah am Original bewegt, nahm sich Emma Elisabeth auch weiterer Stücke an – und beweist ein ums andere Mal ein gutes Händchen. So ist etwa „Stop Me If You’ve Heard This One Before“ (The Smiths) nicht nur der Opener dieses Albums, sondern auch eine leicht provokant-augenzwinkernde erste Hörempfehlung. Oder ihre LoFi-Version des Black Sabbath-Evergreens „Paranoid“ – trefflicher wurde dieser Song selten entschleunigt, um alles Zehrende und Flehende darin ans Tageslicht zu befördern. Auch toll: die Variante des Steppenwolf-Gassenhauers „Born To Be Wild“ mit ihrem unheimlichen Gesang und umgekehrten Fuzz-Gitarrensoli. Black Rebel Motorcycles Clubs „Howl“ bewahrt seinen düsteren Charme durch Elisabeths samtige Stimme, die zeitweise an Chelsea Wolfe sowie mit ihrem dunklen Mystizismus an den Grunge der Neunziger erinnert. Und sonst so? Allerlei weitere Anzeichen eines erlesenen Musikgeschmacks mit „Play With Fire“ (Rolling Stones), „Don’t Think Twice It’s Alright“ (Bob Dylan), „Satellite Of Love“ (Lou Reed), „Love Enchanted“ (Daniel Johnston), „The Chain“ (Fleetwood Mac), „Only Happy When It Rains“ (Garbage) oder dem fulminanten Abschluss mit einer exquisiten Version des durch „Almost Famous“ zu neuen Ehren gelangten Elton John-Klassikers „Tiny Dancer“. Beinahe bekommt man ein Gefühl dafür, wie ein Album klingen würde, das Penny Lane, welche Kate Hudson in ebenjenem Film verkörpert, aufgenommen hätte. Wie würde denn ein Film aussehen, den man quasi aus Emma Elisabeths Musik schneidern würde? „Vielleicht wie ein Neunzigerjahre-Road-Trip-Western mit Bill Murray und Drew Barrymore in den Hauptrollen, unter der Regie von Jim Jarmusch…“

Und der Name des Albums? „Eine Zeit lang habe ich überlegt, es ‚Songs By Dirty Old Men‘ zu nennen, weil fast alle Songs von Kerlen komponiert wurden. Ich denke darüber nach, ein weiteres Album aufzunehmen, das weibliche Songwriterinnen umfasst. Vielleicht wird das ein zukünftiges Projekt von mir werden“, so Elisabeth. Auch wenn dieser Titel sicherlich für zusätzliche Publicity gesorgt hätte, wird „Cover Stories“ der Sammlung voll von in reduziertem Gewand neu interpretierter Lieblingslieder ebenso gerecht. 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Kind Kaputt – „Gründe“


„Es tut mir leid…“ – Die neue Single von Kind Kaputt ist eine Entschuldigung an die Boomer-Generation.

Die vierköpfige Alternative-Rock- und Post-Hardcore-Band, deren Mitglieder aus Leipzig, Eschwege, Nürnberg und Berlin stammen, hat den diesjährigen „Sommer ohne Festivals“ notgedrungen im Studio verbracht und zusammen mit Mathias Bloech (Sänger der Band Heisskalt) an neuen Songs gearbeitet. Der erste davon trägt den vielsagenden Titel „Gründe“.

Rastlos treibt es die Band darin gut drei Minuten lang vorbei an überholten Werten und konservativen Idealen. Johannes Prautzsch (Gesang, Gitarre), Konstantin Cajkin (Gitarre) und Mathis Kerscher (Schlagzeug) – das vierte Bandmitglied, Fabian Willi Simon, zeichnet sich etwas weiter im Hintergrund für die visuelle Arbeit in Form von Videos, Artworks sowie Fotos verantwortlich (und hat sich diesmal ein paar schicke Lego-Animationen einfallen lassen) – arbeitet sich ab an einer Generation, die ihre Kinder viel zu oft als Taugenichtse und Faulenzer verklärt – und bittet im selben Atemzug doch ganz kleinlaut um Verzeihung.

Energischer als zuvor und durchaus tanzbar wirkt das erste musikalische Lebenszeichen seit dem im vergangenen Jahr erschienenen Debütalbum „Zerfall„, das das unbedarft-theatralisch weltschmerzende Post-Harcore-Geschrei des Erstlings gegen ein gut knirschendes Alternative-Rock-Pfund eintauscht, um im Vers erst stampfend mit pointierten Noise-Ausflügen und Gitarren-Feedbacks an die Türen Heisskalts (war ja klar!) zu klopfen und im Chorus mit einer wohltuend indie-esquen Melodie aufzuwarten, die schonmal eine galante Bewerbung für alle – hoffentlich! – im kommenden Jahr stattfindenden Festivals, zu denen auch Kapellen wie eben Heisskalt, aber auch Marathonmann, 8kids oder Fjørt geladen werden, abgibt.

Offen bleibt, wie ernst die Entschuldigung in diesem Song gemeint ist. Aber das wird man Kind Kaputt wohl verzeihen…

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Song des Tages: Fenne Lily – „Berlin“


Foto: Nicole Loucaides / Promo

Ein alter Philosophen-Witz lautet: Treffen sich zwei Solipsisten. Ein(e) Solipsist(in) geht davon aus, dass das er oder sie das einzig existierende Ich auf der Welt ist. Philosophisch begründet: Weil man in der eigenen Wahrnehmung über andere Individuen keine begründeten Aussagen treffen kann. Und küchenpsychologisch begründet: Weil man sich ohnehin wie der einzige Mensch auf Erden fühlt. Sogar unter Leuten im Supermarkt. Wenn man aber wirklich allein ist auf der Welt, kann man auch Bananen mit offenem Mund zerkauen. Wie Fenne Lily in ihrem halb schwermütigen, halb slackigen “Solipsism”…

Um 2014 herum, mit gerade mal 17 Jahren, fängt die junge britische, in London geborene Songwriterin an, von ihrer Heimatstadt Dorset nach Bristol zu pendeln – weil da mehr geht und sie irgendwann Support-Slots für etwa Marika Hackman und KT Tunstall übernehmen darf. 2018 veröffentlicht sie ihr Debütalbum „On Hold“ selbst. Selbiges erschien genau zur richtigen Zeit. Warum? Weil für diese Art von Musik im Grunde jede Zeit die absolut richtige ist. Manche mochten sich anfangs wohl ein wenig gewundert haben, wie eine blutjunge Britin mit ihren unscheinbar gezupften, introvertierten Folk-Miniaturen schon vor Veröffentlichung der ersten Platte millionenfache Streams und Klicks aufweisen konnte. Die Antwort ist eigentlich ganz simpel: weil diese sanft sprudelnden akustischen Trostquellen eine universale Sprache sprechen. Lily schreibt in ihrer emotionalen Zugänglichkeit massentaugliche Songs, die aber unbedingt alleine und in Ruhe gehört werden wollen (Stichwort: Kopfhörermusik). Ihr zweites, vor wenigen Tagen erschienenes Album „BREACH“ kommt also mit einem noch besseren Timing als ohnehin schon, da Isolation und Trostbedürfnis in diesem so seltsamen, so unheilvollen Jahr 2020 Sonderrollen spielen. Und als hätte Lily einen Moment der Vorahnung gehabt, hatte sie sich, noch bevor Corona und Co. uns alle in unsere Schlafzimmer drängte, auf einen Selbstfindungstrip in die eigene Isolation begeben. Zwar hat die junge Songwriterin die elektronischen Akzente des Vorgängers im klingenden Endergebnis durch ein paar dezente, von keinem Geringeren als Noise-Pabst Steve Albini unterstützte Rock-Gesten ersetzt, doch an Empathie und Subtilität ging dabei nichts, aber auch mal so gar nichts verloren.

Dass „BREACH“ jedoch auch Biss hat, beweist schon allein die Single „Alapathy„. Piano und Schlagzeug pulsieren mit einem nervösen, aber bestimmten Momentum, die schrammelige E-Gitarre erfährt ein paar mittelschwere Noise-Zuckungen. Lilys tiefe, verträumte Stimme klingt so warm und wohlmeinend wie immer, doch giftet sie hier – der Titel ist ein Kofferwort aus den Begriffen „apathy“ und „allopathic“ – gleichsam gegen die misslungene Medikation ihrer psychischen Erkrankungen und den sehr westlichen Ansatz, nur die Symptome des Problems zu behandeln und nicht den eigentlichen Grund. Für den Großteil der Platte steht allerdings eher ein Stück wie „Elliott“ stellvertretend, welches mit Streichern und Fahrradklingeln sein folkiges Sehnsuchtsskelett umschmeichelt. „Seicht“, „kitschig“ oder „selbstmitleidig“ könnte der Berufszyniker diese einfachen, melancholischen Kompositionen nennen, die schlichte Schönheit vor musikalische Ambitionen stellen. Doch wer emotional noch nicht völlig grau und abgestorben ist, findet in den Gedanken und Geschichten der 23-Jährigen alters- wie geschlechtsübergreifende Bezugspunkte und einen verständnisvollen Resonanzraum des eigenen juvenilen Seelenlebens.

Ähnlich wie ihre stilistische Kollegin Phoebe Bridgers schmückt Lily die im Kern reduzierten Songs gerne mit üppigeren Arrangements aus (passenderweise veröffentlichen beide mittlerweile beim Label Dead Oceans). Dies geschieht – wohl auch dem Budget sei Dank – merklich opulenter als noch auf „On Hold“, jedoch keinesfalls weniger organisch. Kein Instrument wirkt wie angepappt, die Melodien und Harmonien wachsen natürlich in die Höhe wie Efeu an einer urbanen Hinterhofhauswand. Vor allem „Berlin“ und „Birthday“ türmen sich mit grandiosen klimaktischen Steigerungen auf, lassen ihre Streicher und Gitarren ums Licht konkurrieren. Mit dem bereits erwähnten „Solipsism“ bekommt auch die zweite Plattenhälfte ihren rohen Rocksong: Ein besonders motivierter Bass erzeugt mit Feedback-Rauschen und einer gelegentlich aufblitzenden Orgel einen hypnotischen Groove, der ein wenig an das selige Slackertum oder psychedelischen Britpop erinnert. Lily stellt diese raren Ausbrüche allerdings nicht zur Schau, sondern integriert sie unaufdringlich in den Albumfluss.

„Zu unaufdringlich“, ließe sich hier anbringen, möchte man auf hohem Niveau etwas zum Meckern haben. Fenne Lily schwimmt eher etwas im Strom mit, anstatt sich von den anderen ebenfalls sehr guten Singer/Songwriterinnen ihrer Generation abzuheben, die es auf beiden Seiten des Atlantiks zuhauf gibt (man denke – neben eben Phoebe Bridgers – nur an Laura Marling, Lucy Dacus, Elena Tonra, Adrianne Lenker, Julien Baker oder Angel Olsen). Doch warum sollte man ein Album zwanghaft mit der Außenwelt vergleichen, wenn es sich vor genau dieser hermetisch abriegeln möchte? Dem Talent sei’s gedankt, dass die talentierte Indie-Künstlerin mit „BREACH“ für genau jenes Rückzugsgefühl ein knapp 40-minütiges Luftloch reißt. Hier kann sie sich mit der jugendwunden Vergangenheitsabrechnung „I Used To Hate My Body But Now I Just Hate You“ ein Bad der Selbstreinigung eingießen, während ein fragil-puristisches Folk-Meisterstück wie „Someone Else’s Trees“ auch die Seelen aller anderen pflastert.

Fenne Lily vermag also weiterhin zwischen Nabelschau und Selbstreflexion pendelnde Herz-auf-der-Zunge-Songs für ein weitläufiges Publikum zu schreiben, die sich im richtigen Moment anfühlen, als hätte man sie ganz für sich allein. Ein solcher lärmgeschützter Hort der Schwermut und Intimität ist auch außerhalb von globalen Krisen und Pandemien pures Klanggold wert – und das nicht nur für alle musikverliebten Philosophen. Bedroom Pop klingt typischerweise eher minimalistisch und reduziert – wer hat schließlich schon noch genug Platz für fünfzig Instrumente im Schlafzimmer. Die Songs auf „BREACH“ haben hingegen spätestens beim zweiten Hören erstaunlich viel Herz und Tiefgang. 

„Listen to the siren call, it’s crying
Bleeding on a foreign floor, slow dying

It’s not hard to be alone anymore
Though I’m sleeping with my key in the door

Run until your lungs are sore, ash flying
You’re looking like you want it more but you’re lying

And it’s not hard to be alone anymore
Though you’re waking to a day you ignore

And it’s not hard to be alone anymore
It’s not hard to be alone anymore
It’s not hard to be alone anymore
It’s not hard to be alone anymore
It’s not hard to be alone anymore
It’s not hard to be alone anymore

Listen to the siren call, it’s crying“

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Sunday Listen: „A Brief Smile – Tribute to Elliott Smith“


0e568bd0

Fast 17 Jahre sind seit dem tragischen Tod von Singer/Songwriter Elliott Smith vergangen, erst vor wenigen Tagen erschien eine „Expanded 25th Anniversary Edition“ seines 1995 – vor eben einem Vierteljahrhundert – veröffentlichten selbstbetitelten zweiten Solo-Albums, und nach all dieser Zeit wissen Freunde gepflegt-melancholischer Songwriterkunst die Schönheit seiner Musik noch immer zu schätzen (in Musikerkreisen bewies dies unlängst etwa Phoebe Bridgers auf ihrem aktuellen Album „Punisher„). Und auch die durchaus namenhafte Künstlerriege, die zu „A Brief Smile – Tribute to Elliott Smith“ beitrug, einer 2017 von der Berliner „creative diy music company“ Funk Turry Funk veröffentlichten Tribute-Compilation, deren Erlöse dem Elliott Smith Memorial Fund, einer Stiftung, die sich sowohl für Opfer von Kindesmissbrauchs als auch für jugendliche Obdachlose einsetzt, zugute kommen, tut dies gewiss…

Klar, ein wenig Ehrfurcht mag man an mancher Stelle schon heraushören, wenn sich einige der zwanzig Beiträge nicht allzu weit von Smiths Originalkompositionen weg bewegen und sich damit zufrieden geben, „einfach nur Coverversionen“ zu sein. Logischerweise wird es gerade dann interessant, wenn Künstler versuchen, dem ein oder anderen Smith’schen Evergreen neue Aspekte abzugewinnen. The Smoking Popes etwa machen aus „Let’s Get Lost“ eine schlagkräftig-fröhliche Punk-Nummer, während Daria „Waltz #1“ einen Doom-Metal-Stempel aufdrücken – und bei aller Genre-Abweichung damit durchkommen.

Für aufgestellte Lauscher sorgt auch SEA+AIRs Variante von „Everything Means Nothing To Me“, welche ebenso zurückhaltend wie wirbelnd psychedelisch daher kommt. Das deutsche Indie-Pop-Duo verändert das eigentliche Arrangement nicht allzu sehr und spielt vielmehr auf effektiv-spookige Art und Weise mit selbigem, was für eine dezent beunruhigende Atmosphäre sorgt. Auf der anderen Seite tönt etwa Ducking Punches‘ „Needle In The Hay“ etwas enttäuschend, denn Dan Allens Gesang kann in keinem Moment das Pathos von Elliott Smiths ursprünglicher Darbietung vermitteln.

John Allens „Between The Bars“ und Franz Nicolays „Everything Reminds Me Of Her“ werden von den gewohnt großartigen Darbietungen der beiden Sänger getragen, während Rob Moirs „Bled White“ ein schönes Duett mit Abigail Lapell bietet. Andrew Paleys Version von „Waltz #2“ wirkt durch seine vorsichtig fließenden Synthesizer und das leise klingende Klavier etwas romantischer als das Original. Ebenjene Beiträge beweisen, dass es durchaus möglich ist, dem emotionalen Gefühlsgewicht hinter Smiths Gesang gerecht zu werden – kein ganz leichtes Unterfangen, denn auch heute noch wird der Musiker von nicht wenigen als John Lennon seiner Generation gefeiert.

Alles in allem schlägt „A Brief Smile“, welches via Bandcamp im Stream sowie als „name your price“-Download zu finden ist (während man hier etwas mehr über die Hintergründe erfährt), in eine recht ähnliche Kerbe wie die ein Jahr zuvor erschienene Tribute-Compilation „Say Yes!“ und wird weder Kenner der Elliott Smith’schen Diskographie noch Neulinge des wegweisenden, zu früh gestorbenen  Singer/Songwriters über alle Maßen überraschen. Dennoch gibt es auch hier die ein oder andere durchaus gelungene Würdigung zu hören. Und wem das nicht reichen mag, der sei daran erinnert, dass alle Erlöse einem guten Zweck zugute kamen (und kommen).

a-brief-smile

 

 

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
%d Bloggern gefällt das: