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Auf dem Radar: Silent Attic


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Fotos: Promo / Reinhold Hansen

Schon von Silent Attic gehört? Nope? Dann solltet ihr diese Lücke schleunigst schließen! Mit ihren einprägsamen Melodien und dynamischen Songs gelingt es der seit 2018 bestehenden vierköpfigen Newcomer-Band aus dem norddeutschen Flensburg einen atmosphärischen Indie-Rock-Sound zu kreieren, der mit seinen fast schon klassischen Retro-Rock-Elementen und dem ein oder anderen Einfluss aus dem Post-Punk-Umfeld durchaus  spannungsgeladene und mitreißende Indieclub-Shows verspricht.

Erste Achtungserfolge feierten Silent Attic, bestehend aus Eros Atomus Isler (Gesang, Gitarre), Leon Paul Paulsen (Gitarre), Benjamin Bajramovic (Bass) und Maik Klink (Schlagzeug) im April 2019 mit ihrem selbstproduzierten Debütalbum „Late Night Talks“, welches – wenn freilich noch in kleinerem Rahmen – deutschlandweiten Anklang fand und überwiegend positiv aufgenommen wurde. Im selben Sommer folgten neben einem ausverkauften Konzert in ihrer Heimatstad

Eine EP für Herbst 2020 ist seitens der Band bereits angekündigt. Dabei sollen die vorab veröffentlichten Singles „Turn Him Over“ und „Hide Away“ einen ersten Vorgeschmack auf die EP und den nahezu unverwechselbar-juvenilen Sound der Band geben, bei dem wohl nicht nur ich fast schon unweigerlich an offensichtliche Garage-Rock-Referenzen wie etwa die Arctic Monkeys oder The Strokes, sondern auch an 

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Hier gibt’s die frische Single „Hide Away“ für Ohren und Augen:

 

 

Und um euch das Newcomer-Quartett noch ein wenig näher zu bringen, hat ANEWFRIEND – freilich Corona-freundlich via E-Mail – dieser Tage ein Interview mit Silent Attic geführt. Und das? Gibt’s nun hier…

Hallo. Damit die Leser von ANEWFRIEND euch näher kennen lernen: Bitte stellt euch und eure Band Silent Attic doch einmal kurz näher vor…

Moin! Wir sind Silent Attic, eine vierköpfige Indie-Rockband aus Flensburg. Vor ’n paar Jahren haben wir gemerkt, dass wir total auf die selbe Musik abfahren und dachten, wir machen einfach mal eine Band auf. Daraus ist relativ schnell Silent Attic entstanden und wir freuen uns riesig, dass wir nach nur circa zwei Jahren jetzt hier sitzen und mit euch ein Interview führen dürfen!

Ihr kommt aus Flensburg. Inwieweit hält eure norddeutsche Heimat besondere Reize parat, die einem größere Metropolen wie Berlin, Köln oder Hamburg nicht bieten können?

Flensburg ist einfach so eine Hammerstadt! Man ist in fünf Minuten am Meer, die Gegend ist allgemein total schön hier oben im Norden und obwohl die Stadt relativ übersichtlich ist, geht hier nachts trotzdem gut was ab! Gerade weil Flensburg nicht so riesig ist, kennt man relativ schnell die meisten Leute aus der Musikszene, was natürlich als Band total hilfreich ist. Ohne die ganzen guten Connections hätten wir es niemals so weit geschafft! Wenn man ganz ehrlich ist, gibt es aber letztendlich eine Sache, die den Flensburgern am wichtigsten ist und das ist unser Bier, das Flens!

Lasst uns über den Entstehungs- und Aufnahmeprozess eurer Single „Hide Away“ im Oktober erscheinenden EP „Escape“ sprechen (oder, in diesem Fall wohl eher: schreiben). Wie, wann und wo entstanden die Songs dazu? Gab es größere Unterschiede zu eurem im vergangenen Jahr veröffentlichten Album „Late Night Talks“?

Wir sind an die EP um einiges strukturierter rangegangen als an unser Debüt-Album. Wir haben im letzten Jahr viele Erfahrungen gemacht und gemerkt, was gut klappt und was nicht und das hat uns bei der EP jetzt echt geholfen. Diesmal waren wir in einem richtigen Studio und hatten die Ehre mit Steen Skrydstrup zu arbeiten, der uns für die Aufnahmen eine Menge Equipment zur Verfügung gestellt hat. Wenn man eine Blick hinter die Kulissen von den Aufnahme-Sessions machen will, kann man sich gerne das offizielle Musikvideo zu „Hide Away“ angucken.

Wo wir gerade bei „Entstehungsprozessen“ sind: Wie – und mit wem – ist das neue Musikvideo zum Song „Hide Away“ entstanden?

Während den Aufnahmen hat unser Bassist Ben immer mal wieder gefilmt, was so hinter den Kulissen abgeht. Aus dem Material, das in der Zeit entstanden ist, haben wir dann das Video zusammengeschnitten. Wir wollten etwas Persönliches machen, dass diesen DIY-Charakter der Band gut einfängt. Schaut gerne mal auf YouTube rein.

Wo findet ihr eure musikalischen Inspirationen? Habt ihr bestimmte Vorbilder, was das Klangbild eurer Songs sowie die Herangehensweise ans Komponieren betrifft?

Meistens bringt jeder von uns immer mal wieder ein paar einfache Ideen mit in den Proberaum, aus denen dann die neuen Songs entstehen. Die Lyrics schreibt unser Sänger Eros immer, nachdem die Musik schon steht. Was Sound und Songwriting betrifft wird es keine große Überraschung sein, dass wir viel Inspiration aus der Indie-/Alterative-Rock-Szene der 2000er bekommen haben. Den Sound von „Hide Away“ haben ganz konkret aber auch noch andere Künstler beeinflusst, die 60er-Rock-Legenden The Kinks und die Indie-Rockband Wallows zum Beispiel.

Wie seht ihr selbst als musikschaffende Indie-Künstler die derzeitige Lage der Musikindustrie? Kann man, insofern man Wert auf Integrität legt und nicht nur auf den „schnellen Euro“ anhand von ein, zwei „Hits“ schielt, aktuell überhaupt noch von seiner Musik leben?

Es ist unglaublich schwer, sich heutzutage mit Musik über Wasser zu halten. Die absolut wichtigste Einkommensquelle für uns (so wie auch für die meisten anderen Künstler) sind Konzerte, da die Leute da nicht nur Tickets kaufen, sondern auch viel Merch. Wenn man zu viert oder zu fünft auf Tour ist, deckt meist selbst die Konzertgage kaum die Kosten, die eben auf Tour so anfallen und deshalb ist es schön, wenn die Leute hier und da ein T-Shirt mitnehmen, da von dem Geld am Ende dann tatsächlich oft etwas über bleibt.

Was sind eure nächsten Pläne mit Silent Attic? Kann man in der aktuellen, sehr von Corona und Co. geprägten Situation überhaupt Band-Pläne schmieden?

Die Konzerte, die die wir jetzt im Frühjahr gespielt hätten, wurden natürlich alle abgesagt oder verschoben. Planen ist momentan so gut wie unmöglich, da wir ja auch noch nicht wirklich voraussehen können, wann wir endlich wieder auf die Bühne können. Die meisten Konzerte wurden jetzt vorerst auf Ende des Jahres verschoben und wir drücken die Daumen, dass wir die dann auch spielen können! Natürlich hatten wir durch die ganze Krise jetzt auch massig Zeit, andere wichtige Dinge zu planen, für die man sonst eher selten Zeit findet. Wir haben gedacht, wenn wir schon nicht live spielen können, können wir den Fans zumindest auf andere Art und Weise etwas zurückgeben. Deshalb haben wir fleißig Musikvideos und Live-Sessions geplant, die jetzt in Arbeit sind. In den letzten drei Monaten sind auch unglaublich viele neue Songs entstanden, da wir alle fast den ganzen Tag nur zu Hause saßen und uns voll und ganz aufs Songwriting konzentrieren konnten.

Zum Abschluss noch ein paar allgemeinere Fragen…

Was sind deine frühesten musikalischen Erinnerungen?

Wir haben fast alle unseren größten musikalischen Einfluss direkt aus unserem Elternhaus bekommen. Dass wir heutzutage unsere Mukke machen, ist tatsächlich auch vielen Videospielen zu verdanken, die wir im Laufe unser Kindheit fast alle gespielt haben. Gerade die FIFA-Reihe hat einen jedes Jahr mit unglaublich guten Soundtracks versorgt, über die wir auf die ein oder andere Band aufmerksam geworden sind, die heute immer noch ’n riesen Einfluss auf uns haben!

Welches sind eure – insofern es die gibt – größten „musikalischen Helden“?

Man kann’s sich wahrscheinlich denken, aber gerade in der Anfangsphase der Band hatten die Arctic Monkeys einen unglaublichen Einfluss auf unseren Sound. Gerade die älteren Sachen von denen haben wir aufgesogen wie ein Schwamm. Aber auch andere Bands wie The Strokes, Catfish And The Bottlemen oder die Libertines gehören absolut zu unseren großen Vorbildern.

Wenn ihr die Möglichkeit hättet, mit einem bestimmten Musiker auf Tour oder ins Studio gehen zu können – welcher wäre das?

Wenn wir uns entscheiden müssten, würden wir wahrscheinlich mit der Kieler Band Leoniden auf Tour gehen. Die gehen live unglaublich ab und jedes Konzert gleicht einer riesigen Party. Da mal auf Tour mit dabei zu sein, stellen wir uns ziemlich interessant vor!

Was wären eure 5 Platten als Soundtrack für die Großstadt… 

1. Arcade Fire – The Suburbs

2. The Strokes – Room On Fire

3. Arctic Monkeys – Whatever People Say I Am, That’s What I Am Not

4. Kings of Leon – Aha Shake Heartbreak

5. Oasis – Definitely Maybe

…und eure 5 Platten für die einsame Insel?

1. Babyshambles – Shotter’s Nation

2. David Bowie – The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars

3. Cage The Elephant – Tell Me I’m Pretty

4. Lou Reed – Coney Island Baby

5. Catfish and the Bottlemen – The Balcony

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Winter Passing – „Resist“


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Fünf Jahre nach dem Debüt „A Different Space Of Mind“ und drei Lenze nach der „Double Exposure EP“ fügen The Winter Passing ihrer Diskographie endlich Album Nummer zwei hinzu. Der Sound von „New Ways Of Living“ klingt dabei zwar immer noch nach einer wilden, juvenilen Fahrt durch Emo, Indie- und Folkrock, allerdings stets in seiner gehobensten Form. Damit präsentiert sich das Quintett als einer der schillerndsten Rohdiamanten aus Dublins umtriebiger DIY-Szene…

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Passend dazu, dass The Winter Passing, die nicht nur in weitreichenden Einflüssen von Sonic Youth über No Doubt oder American Football sowie einer kollektiven Faszination für Filmografie, irische Redensarten und ländliche Küstenstädte viele gemeinsame Nenner finden, sich auch im Jahr 2020 musikalisch irgendwo zwischen den Genre-Stühlen Indie, Punk, Midwest Emo und Folk (die ja nie gänzlich ohne ein kapitales „ROCK“ auskommen) ansiedeln, arbeitet das Fünfergespann um die Geschwister Kate und Rob Flynn – wohl auch ein wenig aus der rationalen „Not“ heraus – bevorzugt in Eigenregie. Sie produzieren ihre Platten nahezu selbst, buchen – so denn Corona und Co. nicht eben alles zum Stillstand zwingen – eigene Shows rund um den Globus, waren in Großbritannien und Europa so bereits als Support von Bands wie Modern Baseball, The Wonder Years, Touché Amoré, The Dirty Nil oder Four Year Strong zu erleben. Und lassen nun endlich mit dem zehn Songs starken „New Ways Of Living“ neue Musik hören.

Mit dem zweiten Langspieler will die Band nicht nur einmal mehr mit ihrem irischen Working Class-Ethos überzeugen, sondern auch ein neues Kapitel aufschlagen. Die neuen Songs sollten noch dynamischer, die Texte von Kate und Rob Flynn noch persönlicher geraten. Ihre verletzliche Seite zu zeigen, gehört für sie selbstverständlich dazu. „Die neuen Songs handeln von Mental Health und Wohlbefinden, der Angst, die durch den ständigen Wechsel von Stabilität und Instabilität im Leben hervorgebracht wird und davon, sich damit abzufinden, auch einfach nur ‚OK‘ zu sein“, erklärt Sänger und Gitarrist Rob Flynn.

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Das eröffnende „Ghost Thing“ verbreitet von der ersten Sekunde an eine Art unruhige Aufbruchsstimmung, wirkt dabei unbequem und doch harmonisch. Der an mancher Stelle an Kapellen wie die kanadischen Indiepopper Stars oder die ebenfalls aus dem Ahorn-Staat stammenden Alternative-Rocker July Talk erinnernde Wechselgesang der Geschwister – er das Raubein, sie charmant und leichtfüßig (und manchmal eventuell etwas zu sehr in Richtung quietschige Kopfstimme unterwegs) – entwickelt schnell eine gewisse Eigendynamik, das zwingend indierockende Arrangement zwischen verbissenen Strophen und weit offenem Chorus erzielt so einige Volltreffer. Davon ist im folgenden „The Street And The Stranger“ erst einmal nicht allzu viel zu hören. Die Band nimmt das Tempo heraus, gibt sich fragiler und emotionaler. Erst über Umwege schleicht sich das Stück an, beißt sich dafür jedoch umso beharrlicher fest.

Eine gewisse Spannung ist in jeder Sekunde zu spüren, wenn beispielsweise die Single „Resist“ aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht und einen amtlichen Refrain zwischen Melancholie und Hoffnung lostritt. Das Duett der Flynns tönt gut und funktioniert immer wieder. So auch im recht punkigen „New York“, einem schönen Schrammel-Song mit kleinen Widerhäkchen, der wie im Rausch durch die Szenerie preschend und doch reich an Melodien erscheint. Anderswo, in „Greetings From Tipperary“, wird’s unaufdringlich-jingle-jangle-folkig, „I Want You“ gibt sich gleichsam nachdenklich und sentimental. Den Rausschmeißer gibt’s schließlich im XXL-Format: „Mind Yourself“ nähert sich der Sieben-Minuten-Marke an und entlädt sich in Druckwellen, rund um beklemmende Ruhe und blanke Emotionalität angesiedelt. Das geht gen Ende im besten Sinne an die Substanz.

Eines wird deutlich: Wenn The Winter Passing zulangen, dann so richtig. Ihr zweites Album braucht keinen Vorlauf, keine Aufwärmphase, sondern explodiert mit einem Mix aus gefühlvollen Harmonien, beklemmenden Emo-Teppichen, scharfkantigem Punk Rock, beinahe shoegaziger Atmosphäre und sanfter Hoffnung. „New Ways Of Living“, welches mit „Good Thing“, „Melt“ und „Resist“ gleich drei formidable Kandidaten für die Emo-Playlist des Jahres parat hat, mag dabei – dem vollmundigen Albumtitel zum Trotz – zwar auch keine Allerweltslösungen fürs menschliche Miteinander bieten, bahnt sich jedoch immer wieder den Weg aus der Niedergeschlagenheit und überrascht positiv mit kleinen, feinsten Kniffen. Zehn kleine Indie-Perlen, die nahelegen, dass die Songs von The Winter Passing in Zukunft sogar noch um einiges spannender geraten können…

 

Hier gibt’s das Musikvideo zur Single „Resist“, welches Corona-bedingt in den Wohnungen der Bandmitglieder entstand:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Warm Blue – „Every Castle“


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Foto: Promo / Flo Ehlich

Münster scheint nicht erst seit gestern ein recht gutes (Start)Pflaster für Bands aus dem Indie’n’Punk Rock, Emo- und Post Hardcore-Umfeld zu sein – man denke nur an Kapellen wie die Donots, Muff Potter, Messer oder Long Distance Calling, man denke nur ans „Gleis 22„, welches bereits seit den Achtzigern als einer der beliebtesten Indie-Clubs der Bundesrepublik gilt.

105894619_738906070194703_3907301730159260491_oAus der westfälischen 300.000-Einwohner-Universitätsstadt zwischen Dortmund und Osnabrück kommen auch Warm Blue. Gegründet hat sich die aus Sänger und Bassist Jan Rüther, den Gitarristen Jan Becker und Max Roling sowie Schlagzeuger Tim Löffeler bestehende Band erst im vergangenen Jahr. Frischlinge scheinen jedoch alle vier keineswegs zu sein, denn immerhin haben sie innerhalb der kurzen Zeit nicht nur eine gemeinsame Bandchemie gefunden, sondern mit Thies Neu in der Berliner Tonbrauerei sogar ihre Debüt-EP „To Draw A Face“ aufgenommen, welche zwar vorerst nur digital erscheinen soll, mit der die Münsteraner aber noch auf Label-Suche sind. Warm Blue selbst verorten sich zwischen melancholischem Post Rock, Emo und grungy Indie Rock à la Basement, Superheaven oder Pianos Become The Teeth – dem ist im Grunde nichts hinzuzufügen. Mit „Every Castle“ gibt’s bereits einen ersten Song, am 17. Juli soll mit „Sighs“ eine zweite Hörprobe folgen… Die Band dürfen Genre-Freunde also gern auf dem Schirm behalten.

 

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: The Bronze Medal


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Spätestens, wenn andere Bands und Künstler den eigenen, sehr charakteristischen Sound in mehr oder minder groben Zügen gleichsam eheerbietend wie ehrfürchtig kopieren, weiß man als Band: man hat’s geschafft, man ist endlich im Kanon der ganz Großen angekommen. Selbiges darf man mit Fug und Recht mittlerweile auch von The National behaupten, denn nicht nur bespielen die fünf US-Indierocker um Frontmann Matt Berninger – spätestens – seit ihrem verdienten Durchbruch mit dem unlängst eine Dekade jung gewordenen Album „High Violet“ die ganz großen Konzertsäle und Prime-Time-Festival-Slots, ihr Sound findet mittlerweile auch immer öfter seine Kopisten (freilich ohne dies despektierlich zu meinen). Man denke etwa an The Slow Show aus dem englischen Manchester, die sich nicht nur nach einem Song vom 2007er The National-Werk „Boxer“ benannten (selbst, wenn The Slow Show das immer wieder verneinten und vielmehr auf „die Liebe zu Showeinlagen und die Entschlossenheit der Band, keine überstürzte Musik zu machen“ verwies), sondern – nebst dem dezent heiseren Bariton von Sänger Rob Goodwin – auch in die Stücke ihrer bislang drei Alben ganz ähnliche grundmelancholische Strukturen einwoben wie die großen Vorbilder aus Cincinnati, Ohio. Natürlich tönen Plagiate anders, gewisse Ähnlichkeiten sind jedoch trotzdem kaum von der Hand zu weisen. Gleiches könnte man übrigens auch von The Bronze Medal behaupten…

a2632293468_16The Bronze… wer? Eben. Irgendeinen Grund muss es doch haben, dass selbst ich, der ja für The National-likes nun nicht erst seit gestern überaus empfänglich ist, erst vor wenigen Tagen auf das Quintett aus dem englischen Bristol aufmerksam geworden bin. Immerhin machen Chris Hillier, Robin Southwell, Rory O’Gorman, Daniel Rogers und Mike Barnett bereits seit 2009 gemeinsam Musik, und auch der feine Album-Erstling „Darlings“ erschien bereits 2014 (nach einer selbstbetitelten EP zwei Jahre zuvor). Da erscheint es fast tröstlich, dass The Bronze Medal, die sich ihrerseits nach einem Song der schottischen Indierocker Idlewild benannten, nicht nur hierzulande, sondern auch im heimischen UK in den vergangenen Jahren (leider) meist etwas unterhalb des internetten Hype-Radars flogen (das belegen etwa auch Facebook-Likes, bei denen etwa The Slow Show mit aktuell etwas über 16.000 bereits vier mal so viele vorweisen können wie Chris Hillier und Co.). Trotzdem konnte sich der Fünfer in den letzten Jahren zu einem absoluten Geheimtipp der Szene mausern und mit ihrem filigran-einfühlsamen Indiefolkrock neben vielen Fans auch vielversprechende Referenzen sammeln. Die renommierte The Times etwa nannte sie liebevoll “masters of slow-build indie minimal”  – und genau das passt wohl wie kaum eine andere Beschreibung auf den Sound von The Bronze Medal. Die Songs der Band laden zum bewussten Zuhören ein und fordern dabei die volle Aufmerksamkeit – die sollte man ihnen auch zuteil werden lassen, um die vielen Facetten in ihrer Musik zu entdecken.

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Klar, wenn es um die reine Bekanntheit geht, sind die fünf Lads um Chris Hillier, Robin Southwell, die sich einst in Norwegen trafen, im Vergleich mit Bands wie eben The National, Idlewild, The Slow Show oder Snow Patrol, aber auch zu anderen Ähnlich tönenden Kapellen wie die mittlerweile – aus recht unterschiedlichen Gründen – aufgelösten Frightened Rabbit oder Dry The River natürlich nahezu mikroskopisch klein, musikalisch müssen sie sich jedoch keineswegs hinter ebenjenen verstecken. Man höre da am besten das lediglich neun Songs umfassende Debütwerk „Darlings„, welches die fünf Herren aus Bristol im hohen isländischen Norden von Reykjavík zusammen mit Produzent Valgeir Sigurdsson, der seinerseits bereits mit Größen wie Björk, Damon Albarn, Feist oder Sigur Rós arbeitete, aufnahmen. Darauf präsentieren sich The Bronze Medal nicht nur als (noch immer) spannender Hoffnungsträger für alle Freunde von geduldigen Grower-Songs, sphärisch getragener Indiepop-Intimität, folkig-verträumtem Kaminknistern und minimalistischen, gen Indie-Drama schreitenden Songstrukturen, sondern tönen auch gleichzeitig intimer als auf ihrer zuvor veröffentlichten, manches Mal gar Richtung Postrock schielenden EP (von dieser sei etwa das feine „No Hospitals“ ans Hörerherz gelegt, welches live schonmal zum zehnminütigen Song-Epos gerät, das den Fokus mehr auf sich überlagernde Sounds denn auf Rhythmus oder Melodie legt).

Im Übrigen könnte es gut sein, dass sich The Bronze Medal in nächster Zeit mit einer neuen EP – eventuell gar mit einem neuen Langspieler – zurückmelden (was ja nach sechs Jahren Veröffentlichungsfunkstille durchaus angebracht wäre). Mit einer Rohfassung von „Can’t Beat“ ließ das englische Indierock-Quintett im April einen ersten formidablen Vorgeschmack hören. Bleibt eigentlich nur noch, der Band zu wünschen, dass sie es in Zukunft ein wenig aus dem Geheimtipp-Schatten heraus schaffen…

 

Wer sich einen ersten Eindruck von The Bronze Medal verschaffen möchte, der höre doch bei Bandcamp rein – oder eben die reduzierten „Home Sessions“…

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Braids – „Snow Angel“


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Foto: Promo / Melissa Gamache

Spannend war es schon immer, wie Braids zwischen organischen und elektronischen Elementen navigieren. Spätestens aber mit seinem dritten Album hatte das Trio aus dem kanadischen Montreal zu einem ganz und gar eigenen Artpop-Sound gefunden, und nachdem Raphaelle Standell-Preston (Gesang, Gitarre), Taylor Smith (Synths, Bass, Piano, Gitarre) und Austin Tufts (Schlagzeug, Percussion, Piano) auf „Deep In The Iris„, welches den kanadischen Juno Award 2015 für das „Alternative Album Of The Year“ erhielt, vor fünf Jahren so schwere Themen wie Misogynie und sexuellen Missbrauch verhandelt hatten, war der Weg nun wohl frei für ihre bisher persönlichste Veröffentlichung.

Shadow Offering_BraidsAuf dem hörbar vom ehemaligen Death Cab For Cutie-Gitarristen Chris Walla produzierten „Shadow Offering“ thematisiert Sängerin Raphaelle Standell-Preston die Irrungen sexueller Anziehung („Young Buck„) ebenso wie das Lieben („Ocean“) oder das Entlieben („Just Let Me„, ein minimalistischer Track mit perlenden Radiohead-Arpeggios sowie einem Refrain, welcher sogar Massive Attack Respekt abnötigen würde). Mit dem neunminütigen „Snow Angel“ gelingt den kanadischen Dreiergespann gar sein bisheriges Opus Magnum: ein ratloser Blick auf Klimaerwärmung, Umweltverschmutzung und Überbevölkerung, entstanden kurz nach Trumps Wahlsieg im Jahr 2016. „The polar bears floating away on a brink of ice / What have we done to them?“, fragt Raphaelle Standell-Preston in einer von vielen Spoken-Word-Passagen, nur um kurz darauf zu erkennen, dass sie nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems ist: Am I only just realizing the injustice that exists? / Cloaked in white privilege since the day I was born.“ Die Dynamik des facettenreichen Gitarrenspiels mit den entrückten Synthesizern zieht sich durch das gesamte Album.

Auf „Shadow Offering“, das bestenfalls noch Bat For Lashes, die Cocteau Twins, Blonde Redhead, stimmlich etwa Kate Bush oder freilich Radiohead als Referenzen zulässt, trotzen Braids mit zugleich eingängigen und innovativen Melodien der durchseuchten Gegenwart glaubwürdig etwas dringend benötigte Hoffnung ab, bevor alles im triumphalen Abschlusssong „Note To Self“ mündet: „One foot in front of the other, and the other, that’s all, there’s no reason, just breath and a beating of the heart.“ Alles in allem bilden die neun Stücke, die mal schäumen, mal zerfliessen, mal expandieren, sich zurückziehen und wieder neu ansetzen, ein geradezu melancholisches Konglomerat, welches von Standell-Prestons bewegender Stimme zusammengehalten wird.

 

 

„I think I killed my plant from over-watering it
Things don’t grow the same in the wintertime
I slipped on the stairs, winding myself of air
I can’t do anything but lie here for a momentI am a snow angel
Makes the bitterness feel romantic
This year there isn’t someone to keep me warm
I’m a bad girl with a cuddle and a budding roseI came home early from the show tonight
I was feeling low ‚cause I went out alone again
Dancing ‚round my house, age of 17
I remember when this was done for me

I am a snow angel
Makes the bitterness feel romantic
This year there isn’t someone to keep me warm
I’m a bad girl with a cuddle and a budding rose

Snow angel, snow angel, snow angel, snow angel…

Focusing on a flower
The clouds overhead
The lips of my lover
Mother Nature and her offerings
A reminder that life is beautiful still
Amongst all the madness, the chaos
The need to march in the streets
Fake news, and indoctrination
Closed borders, and deportation
I’ve been deeply sad
A sadness deeper than after reduction
Am I only just realizing the injustice that exists?
Cloaked in white privilege since the day I was born
Blinders on, blinders on
It’s a feeling where I wonder if everything is gonna be okay
And when I say everything, I’m not talking about my little everything, my little life
I mean the planet, I mean the oceans, people fighting for the right to a safe life
The polars bears floating away on a brink of ice
What have we done to them?
The only way I can ease the all consuming, rising feeling, as we reach no return is to grab that pillow and give a good, long scream
Sit with the release
Maybe go for a run
Come home, turn on the TV, go numb for a bit
Look at the suffering that I cause, that I cause, that I, I, I, I, I
I recycle, I compost, I buy second-hand
God, I’m disgusting
Like that’s enough of a plan
Staring at my iPhone
Green smoothie recipe
How to start your day right
Slipped right through my hand
Clean up the glass on the ground
Push little sharp bits around
Whole world’s going to shit
This white girl contributes to it
Oh, I wanna stop trying to hide it, oh, I wanna stop trying to hide it, oh, I wanna stop trying to hide it, oh I wanna stop trying
Will the lying be around when my child is born?
Should I even have a child at all?
This world is full up
I wanna be a mother, but I shouldn’t bring in another
I wanna be a mother, but I shouldn’t bring in another
What is it to mother?
We all need a mother
Kill our Mother Earth
Stab her and watch her, stab her and watch her (Bleed)
Stab her and watch her, stab her and watch her (Bleed)
Gather around, gather around, don’t watch her, watch her (Bleed)
Stab her and watch her, stab her and watch her, and watch her (Bleed)
For you and me
Four cute little outfits straight off the runway
Sparkles, high socks, vintage, no vanity
Brown paper bag, heard they were going green
Twenty bucks at H&M, baby
Can I get off of this ride? I’m feeling dizzy
It’s moving way too fast, and I wanna come down
Can I get off of this ride? I’m feeling dizzy
It’s moving way too fast, and I wanna come down
Come down, come down
I wanna come down…“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Birthday Suit – „A Bigger World“ (feat. Scott Hutchinson)


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Wer seine musikalischen Antennen verstärkt auf schottischen Indie Rock richtet, der kam (und kommt) seit Mitte der Neunziger kaum an Idlewild vorbei (wohl auch daher war die Band aus Edinburgh vor einiger Zeit mal hier präsent). Isso. Wenige allerdings wissen, dass etwa deren Frontmann Roddy Woomble in den letzten knapp 15 Jahren so einige Solo-Werke veröffentlicht hat (unlängst etwa die formidable „Everyday Sun EP„). Und noch weniger haben scheinbar bislang davon Wind bekommen, dass auch Idlewild-Gitarrist Rod Jones abseits von der Hauptband einen verdammt gut anliegenden Zweitanzug parat hat – wortspielpassenderweise hört dieser auf den Namen The Birthday Suit.

81mB+EoL9NL._SS500_Und obwohl deren jüngstes, drittes Album „A Hollow Hole Of Riches“ bereits sechs Jahre zurückliegen mag (Jones scheint sich aktuell vielmehr auf Idlewild zu konzentrieren, deren aktuelles Werk „Interview Music“ im vergangenen Jahr erschien), so würde den elf Songs voller ebenso aufregender wie vielfältiger, nicht weit weg von Idlewild geparkter Melodien und den Herz-auf-der-Zunge-und-Leidenschaft-im-Handgelenk-Texten eine deutlich größere Hörerschaft durchaus gut zu Gesicht stehen.

Bestes Beispiel: Die Single „A Bigger World“, ein mitreißender Dreieinhalb-Minuten-Rocker, der sich von Jones‘ emphatischem Gesang, eingängigen Riffs und jubilierenden Streichern tragen lässt, während das Lyrische einen ersten Einblick in die Grundthematik des restlichen Albums gibt: Isolation, denn jeder von uns existiert in (s)einer eigenen kleinen Welt. Das heißt jedoch keineswegs, dass die Texte von „A Hollow Hole Of Riches“ allzu düster sind – tatsächlich sind sie weit davon entfernt. Der Nachfolger zum 2012 veröffentlichten Werk „A Conversation Well Rehearsed“ ist in Gänze eine Feier der Vielfalt und der sich ständig verändernden Natur der Perspektive. Und wer nun an die ewig großen schottischen Lads von Frightened Rabbit denken muss, liegt gar nicht so falsch, denn immerhin ging Rod Jones, Jacqueline Irvine, David Jack, Steve Morrison, Seán McLaughlin und Catrin Pryce-Jones bei „A Bigger World“ niemand Geringeres als deren 2018 (zu) früh verstorbener Frontmann Scott Hutchison mit einem fulminant gespielten Gitarrensolo zur Hand…

 

 

Rock and Roll.

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