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Sunday Listen: Church Girls – „Still Blooms“


Foto; Promo / Anthony DiCaro

Auf ihrem letzten, im vergangenen Jahr erschienenen Album „The Haunt“ vermählten Church Girls (von denen hier bereits die Schreibe war) Post Punk mit dezent nach Garage tönendem Indie Rock und wurden daher allen, denen Amyl And The Sniffers zu aufgedreht und Girlpool zu verträumt waren, wärmstens ans Hörerherz gelegt. Kritikpunkte gab’s da eigentlich recht wenige, nur den eigenen Stil ließ die Band aus Philadelphia bei diesem Musik gewordenen Tanz auf vielen Hochzeiten hier und da noch ein wenig vermissen. Ob sich das auf dem neuen, dritten Langspieler „Still Blooms“ ändert?

Nun, in gewisser Weise sind sich Church Girls treu geblieben. Zum einen schon mal in dem Vorhaben, jährlich ein Veröffentlichungslebenszeichen – ob nun als vollwertiges Album, EP oder Single – von sich zu geben, zum anderen in dem Punkt, dass Mariel Beaumont (Gesang, Gitarre und Songwriting) auch 2021 das einzig konstante Mitglied der US-Band-Kollektivs bleibt (was wiederum den nahezu permanenten Aufnahme-, Veröffentlichungs- und Tourplänen geschuldet sein dürfte). Somit ist „Still Blooms“ vor allem die logische musikalische Fortsetzung von „The Haunt“ – wenn auch mit einigen kleinen Unterschieden, vor allem was den Sound angeht. Dieser gerät bei den zehn neuen Stücken nicht mehr ganz so “wuchtig”. Bass sowie Kick und Floor Tom tönen nun weniger dominant, dafür rücken die flimmernden Gitarren mehr in den Vordergrund und der Mix der Songs gestaltet sich heller, mit mehr Fokus auf die Mitten und Höhen, was die Stücke klarer wirken lässt und auch der Stimme von Mariel Beaumont etwas mehr zugute kommt. Darf man trotzdem hier und da die Wucht, Kraft und den damit einhergehenden Kontrast, der „The Haunt“ in seinen besten Momenten so besonders machte, vermissen? Klar.

Dennoch tönen gleich die ersten Songs des neuen Albums, darunter auch die Single „Separated“, recht „typisch Church Girls“ und damit genau so, wie langjährige Freunde der vierköpfigen Band, deren Name sich aus dem Fakt speist, dass Beaumont früher eine kirchliche Mädchenschule besuchte und in ihrer Jugend Messdienerin war, es sich erhofft haben. Mit „Vacation“ folgt dann das erste Stück, welches etwas aus der Reihe tanzt – im positiven Sinne: Gerät der Beginn noch ungewohnt ruhig, setzt dann langsam aber stetig das Schlagzeug von Julien Varnier ein, wenngleich der Grundton eher ruhig – für Church Girls-Verhältnisse – bleibt. Dass sich im weiteren Verlauf des Songs ruhige Parts, die sich durch melodisches Gitarrenspiel mit dezenten Drums auszeichnen, gekonnt mit den voll instrumentalisierten Parts abwechseln, macht „Vacation“ zu einem der Highlights des Albums.

„Separated‘ ist eine Ode an meinen Zwillingsbruder. Es geht um die Erkenntnis, dass unser Zuhause nicht mehr das war, was wir dachten, als sich der Kampf eines Familienmitglieds mit dem Alkoholismus zuspitzte. Der Song ist in gewisser Weise immer noch hoffnungsvoll, denn wir wussten, dass wir im anderen immer ein Zuhause haben würden. Er ist immer noch mein bester Freund und die erste Person, die jeden Song hört, den ich schreibe.“ (Mariel Beaumont)

Und dann ist da wieder dieser eine Song, der einen noch ein kleines bisschen mehr fesselt als der Rest. Ging dieser Titel auf dem Vorgänger noch an „Regression“, darf sich nun wohl „Undone“ mitsamt seinem treibenden Schlagzeug und seiner markanten Bassline als würdiger Nachfolger fühlen – kaum verwunderlich, schließlich stammen hier auch die titelgebenden Zeilen des Albums her: „Unwind the clocks / Pull the blinds / And you’ll find the sky still blooms“. Auch „Dune“ sticht heraus und lässt in der zweiten Hälfte des Songs – und nach einem Instrumentalteil mit wunderschön gespielter Gitarre – dank eines kurzen, leicht sphärisch angehauchten Parts aufhorchen.

Im Gros bietet auch „Still Blooms“ im Grunde genau das, was man von dem Philly-Quartett, zu dem sich dieses Mal – nebst Beaumont und Varnier – noch Mitchell Layton (Gitarre) und Vince Vullo (Bass) gesellen, erwarten durfte: treibende Indie Rock-Songs, die sich mal knapp unter-, mal knapp oberhalb der Drei-Minuten-Marke ansiedeln und hier und da Einflüsse aus Post Punk, College und Emo Rock einfließen lassen. Bei so viel überschwänglicher Kurzweil stört’s im Grunde wenig, dass sich Church Girls auch 2021 ihren Tanz auf vielen Hochzeiten kaum vermieten lassen…

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Kevin Devine & The Goddamn Band – „Matter Of Time II“


Klar, Rock-Methusalems wie Keith Richards, Bruce Springsteen oder Bob Dylan mag dieser Fakt lediglich ein müdes Schmunzeln ins faltige Antlitz wehen, aber: Auch Kevin Devine fährt nun schon lange genug in diesem Schnellzug namens Musik-Bizz, dass er früher, in den Anfangstagen seiner Solo-Karriere, neue Songs noch auf MySpace präsentierte. Wenig verwunderlich, dass diejenigen, die ihrerzeit etwa noch penibel Musik auf Kassetten überspielt und mitgeschnitten haben, sich nun wie fossile Relikte in der schönen neuen digitalen Welt zwischen der allzeitlichen Verfügbarkeit via Spotify, YouTube und Co. fühlen mögen…

Im Laufe der vergangenen zwei Dekaden hat sich so einiges verändert – wozu auch der Fokus von Kevin Devines Songs zählt. Klar, in denen sucht der mittlerweile 41-jährige Singer/Songwriter aus New York City noch immer nach der bestmöglichen Balance zwischen offenherzigen Liebesbekundungen und eindringlichen soziopolitischen Zeitgeist-Kommentaren. Und doch hat sich vieles gewandelt. War er früher noch ein selbsternannter „Twentysomething-Idiot“, der ungefilterte Geständnisse von den Hochhausdächern des Big Apple in die Welt hinausposaunte, während er auf Ecstasy war (Jugendsünden, wer kennt’s nicht), ist er heute Vater einer Fünfjährigen, der ebenso offen mit prägenden Momenten seiner Vergangenheit abrechnet. Nichts gänzlich Neues, schließlich sag Devine schon in dem 2003er Fan-Liebling „Ballgame“ über unerschütterliche Verhaltensmuster, die Phasen der Selbstzerstörung und das darauf folgende Scheitern. Ähnliche Töne wählt er 13 Jahre später in „I Was Alive Back Then„, dem Abschlusssong seines bislang jüngsten, auch bereits wieder fünf Jahre zurückliegenden Solo-Albums „Instigator„, in welchem er den ein oder anderen neuen Bezug zur eigenen Vergangenheit herstellt (und damit auch irgendwie einen nahezu perfekten Schlusspunkt unter seine bisherige Diskografie setzt), indem er über alle die Dinge schreibt, die er es endlich „kapiert“ habe, als seine Tochter Edie geboren wurde. „Als ich den Song schrieb, dachte ich: ‚Wenn morgen die Aliens kommen und den Planeten zerstören, dann habe ich diesen Song geschrieben, und das ist ein guter Ort, um aufzuhören'“, meint Devine.

Fünf Jahre sind seit dem letzten Album vergangen – das ist für einen wie Kevin Devine, der seit seinem ersten, 2001 erschienenen Solo-Debüt „Circle Gets The Square“ in der Regel höchstens zwei, drei Jährchen ins Land ziehen ließ, bevor er wieder mit einem neuen, frischen Langspieler um tönende Eck bog, eine recht lange Zeitspanne. Untätig war er – Corona hin, Pandemie und Beschränkungen her – jedoch auch in der letzten Zeit keineswegs. Gemeinsam mit seinen Kreativpartnern sowie seiner Goddamn Band hat der US-Musiker und ehemalige Frontmann von Miracle Of 86 bereits das ein oder andere Stück fürs neue Werk geschrieben und aufgenommen, zudem auf der „No One’s Waiting For Me Tonight“ EP im vergangenen Jahr schon fünf neue Songs hören lassen. Zudem ist Devine ja auch in anderen Band-Projekten aktiv – so veröffentlichte er mit Musiker-Buddy Andy Hull (seines Zeichens im Hauptjob Frontmann von Manchester Orchestra) 2019 die erste neue Bad Books-Platte nach sieben Jahren Funkstille. Zu Beginn des letztjährigen Lockdowns startete Devine außerdem den „Kevin Devine Social Club“ auf Patreon, wo er Fans, die bereit sind, einen kleinen, regelmäßigen Obolus springen zu lassen, mit privaten Live-Stream-Shows, handgeschriebenen Textblättern oder monatlichen exklusiven Coverversionen belohnt. Wer abseits dieser kreativen Lebenszeichen dennoch aufs neue Album wartet, muss wohl nicht mehr allzu lange ausharren – Devines Langspieler Nummer zehn sei bereits aufgenommen und abgemischt und soll 2022 erscheinen. Davor gönnt sich der umtriebige Indie-Musiker noch ein kleines Resümee anhand von „Matter Of Time II„, dem Nachfolger von „Matter Of Time“ aus dem Jahr 2015, auf dem er alte Songs aus dem eigenen Backkatalog gemeinsam mit seiner Goddamn Band neu arrangiert und ihnen, wenn man so mag, aufs Neue Flügel verliehen hat.

Diesem Ansatz, eine Art persönliche Best Of im Live-Gewand einzuspielen, bleiben Kevin Devine und seine Begleitband nun auch auf „Matter Of Time II“ treu: Während der Schwerpunkt von „Matter Of Time“ auf Stücken aus Devines Zwanzigern lag, konzentriert sich der zweite Teil der Reihe nun vornehmlich auf Songs von den Releases des letzten Jahrzehnts – fast logisch also, dass etwa die Titelsongs seines 2013er Album-Doppelschlags „Bulldozer“ und „Bubblegum“ ebenso nicht fehlen dürfen wie das ein oder andere Highlight von „Instigator“ (man höre zum Beispiel die berührende 9/11-Reminiszenz „No History“). Und wem „School“ bekannt vorkommt: Selbiger Song mag zwar nicht aus der Feder von Kevin Devine stammen, ist jedoch dessen Erinnerung daran, dass er sich gemeinsam mit seiner Band vor zehn Jahren Nirvanas „Nevermind“ vornahm, um jenes in Gänze zu covern (obwohl dann „School“ wiederum vom Nirvana-Debüt „Bleach“ stammt).

Nein, langweilig ist keine der 43 Minuten von „Matter Of Time II“ – was zum einen an der feinen Songauswahl liegen mag, zum anderen an der liebevollen Detailarbeit, mit welcher Devine und seine Band den dreizehn Stücken einiges an neuem Leben und mitreißender Live-Energie verleihen. Und so einmal mehr beweisen, dass sich alles ständig im Wandel befindet und nichts auf ewig Gültigkeit besitzt. Diese Erfahrung mussten auch die Betreiber von MySpace machen: Auf dem Portal, dass kurz nach der Jahrtausendwende für kurze Zeit einen ähnlich angesagten heißen Scheiß darstellte wie etwa eine Plattform wie StudiVZ, jetzt jedoch ein eher tristes digitales Karteileichen-Dasein fristet, gingen vor ein paar Jahren durch einen missglückten Serverumzug sämtliche Fotos, Videos und Audiodateien verloren, die in den Jahren 2003 bis 2016 hochgeladen wurden – und somit wohl auch einige jener Songs, die Kevin Devine seinerzeit dort hochlud. Passiert? Passiert. Es ist eben nichts so vergänglich wie die Vergangenheit…

„‚Matter Of Time II‘ is one of those recordings it takes a weekend to make, but three years to put in place. Zack and I started gently kicking the idea around in 2018, going back and forth about song selections, potential studios, visual presentation, waiting for a window. One of the unintended byproducts of a forced two-year hard stop to touring was more of those windows materializing. Planning picked up steam through the second half of 2020. We threw our hat over the wall and booked some time at Dreamland for February 2021, where we’d done drums for ‚Bubblegum‘ in 2013 – truly the perfect room for this project in this moment, a big converted church with massive, unbeatable natural acoustic ambience, plenty of sonic isolation and space to spread out to facilitate live recording. I reached out to Damon, Strand & Chris, shared the tracklist, had some – maybe three – rehearsals in Brooklyn. The Covid of it all was very much (obviously) at the forefront – those rehearsals and tracking were pre-vaccination and very much masked and distanced and angling myself towards a wall while singing so as to not accidentally spray anyone across the room. Meals in as open spaces as possible, mindful of facial direction and sorta wolfing things down and then remasking.

It’s bizarre, it’s reality, it’s suboptimal, and still, given all the precautions, it felt so good to be working on music with people in the same room, a clear contrast to a very fruitful, very specific passage working essentially totally remotely on the ‚No One’s Waiting Up For Me Tonight‘ EP, my monthly Patreon recordings, and the tenth studio record. I have experienced real growth and benefit through those processes, but there is no substitute for standing in front of collaborators and hammering it out. Especially hammering *this* out: an intuitive, seasoned, connected group of players (who also happen to be friends) in an immaculate-sounding room running through a few takes of material ranging from four months to 18 years old. It was adrenalized and enlivening and purely joyful. A note about the band: Damon, Mike, and Chris are each and all so *good,* so fluid & dynamic & expressive, with such depth of immersion in my songwriting brain and all of our various iterations of its collaborative articulation over the arc of a career.

Their abilities informed a total confidence heading into this process, despite the clear difference in methodology between ‚a handful of rehearsals and let’s go‘ and the three uninterrupted months of touring I did with Mike Fadem, Daniel Sparks and Strand before we made the first ‚Matter Of Time‘ in May 2012. I believe the results speak for themselves. I love what we’ve made; it feels exciting and alive, a vital document getting its arms around an entire timeline and translating it to a single moment.

We never anticipated the first ‚MOT‘ would grow to hold the high place it does in the estimation of so many of you; we hope this one earns its keep and slots neatly at its side.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Torres – Thirstier (2021)

-erschienen bei Merge/Cargo-

Für alle jene, die in ihrem Leben auch nur eine Fingerbreit an Erziehung genossen haben, mag sich das zwar wie eine obligatorische Selbstverständlichkeit lesen, aber: Ein gepflegter Umgang mit anderen Menschen ist sehr wichtig. Ein respektvolles, freundliches Miteinander ist in einer zivilisierten Gesellschaft ja fast schon eine Visitenkarte, Höflichkeit eine Selbstverständlichkeit. Gossensprache? Können die anderen gern für sich beanspruchen. Sich laut anschreien und beleidigen? Wohl vielmehr etwas für die Kommentarspalten in den sozialen Medien oder irgendwelche x-beliebigen Bewertungsforen. Kraftausdrücke? Bitte nur in absoluten Ausnahmefällen. Und ein solcher lag etwa im Januar 2020 vor, als Torres ihr damals neu erscheinendes viertes Album „Silver Tongue“ mit einem Waschzettel an ihr Ex-Label 4AD und dem recht drastischen Ausruf „Fuck the music industry“ garnierte – kein Wunder, schließlich hatte ebenjenes Label, einem vereinbarten Drei-Platten-Deal zum Trotz, die Künstlerin bereits nach einem Album fallen lassen, da die US-Musikerin ihnen „zu wenig kommerziell“ erschien. Gemessen in den Umständen ging dieses Zitat also vollkommen in Ordnung… Ebenso wie nun der spontane Ersteindruck, welcher wohl nicht wenigen Hörern und Hörerinnen angesichts von Torres‘ neuem Werk linguistisch entfleuchen dürfte: Verdammte Scheiße, ist das geil!

Foros: Promo / Shervin Lainez

Denn Mackenzie Ruth Scott alias Torres scheint auf „Thirstier„, dessen Albumcoverartwork wohl kaum zufällig einmal mehr von Scotts Lebensgefährtin, der Künstlerin Jenna Gribbon, stammt, neuerdings die Sonne aus dem nicht eben untalentierten Arsch. Ja, sorry – manche Dinge muss man eben einfach sagen, wie sie sind. Nach diversen Selbstfindungsprozessen und den bereits erwähnten Label-Schwierigkeiten war es nun aber auch mal an der Zeit, allen Zweiflern, Zweifeln und Ängsten ins Gesicht zu lachen und sich vor allem den positiven Dingen des Lebens zu widmen. Torres‘ fünftes Album macht genau das – nicht nur, dass es ihre optimistischste und gelungenste Platte bis dato ist, man hört ihr auch den neuen, schönen Ausblick in die Zukunft deutlich an. Typisch für jemanden, dem es nach einer längeren Durststrecke nun endlich – sowohl im Privaten als auch im Kreativen – richtig gut geht, will das Album zudem umso mehr erreichen. Warum nur dieses eine Land erobern, wenn es auch die ganze, weite Welt sein kann? Eben. Und insofern ist „Thirstier“ ein durchaus passender Albumtitel, denn Mackenzie „Torres“ Scott hat Durst. Und wahrscheinlich auch Hunger. Nach mehr von allem. Und nimmt es sich. Das Bankett ist hiermit eröffnet! Alle Ecken und Enden der zehn neuen Stücke vermitteln den Eindruck, dass die 30-jährige Musikerin aus New York City das ersehnte Licht am Tunnelende emotional und musikalisch erreicht hat. Gerieten die ersten beiden Platten noch etwas karg und spröde (man denke sich ein schwermütiges Gespräch zwischen PJ Harvey und Cat Power zurecht), war das 2017 erschienene „Three Futures“ eine musikalische Haltestation irgendwo zwischen Trance, Electro und Synth Pop, in deren Landschaft sie auf ihrer selbstproduzierten LP „Silver Tongue“ noch tiefer stolzierte, so deutete der Vorgänger jedoch bereits erste Züge jenes Grunge-Rocks an, den sie auf „Thirstier“ im strahlend bunten Cinemascope-Format nun selbstbewusster und fokussierter denn je zelebriert.

Ich wollte meine Intensität in etwas kanalisieren, das sich positiv und konstruktiv anfühlt, im Gegensatz zu einer intensiven, zerstörerischen oder ausweidenden Art und Weise. Ich liebe die Idee, dass Intensität tatsächlich etwas Lebensrettendes oder etwas Freudiges sein kann.“ (Mackenzie Scott)

Noch nicht überzeugt? Dann bitte doch mal direkt die tolle Single „Hug From A Dinosaur“ anwerfen, die – auch abseits des lustigen Bildes vorm inneren Auge ob des Titels – natürlich vor allem musikalisch, als dreckig tönendes Garage-Rock-Highlight der Platte, überzeugt. Vorwärts geht’s hier, mit Chor und Handclaps und viel Strom. Pompös ist das, opulent, ein bisschen kitschig wohlmöglich – und verflixt noch eins spaßig! Das lassen sich andere Songs nicht zwei Mal sagen und trumpfen ebenfalls auf: Der Opener „Are You Sleepwalking?“ vereint glatt zwei, drei Stücke in sich – und erinnert doch in jedem einzelnen an Annie „St. Vincent“ Clark, als wäre es ein verdammtes Kinderspiel. Ein bisschen gemäßigter, aber nicht weniger klasse schrammelt sich „Drive Me“ den Rest-Frust von der Seele und gibt obendrein noch explizite Anweisungen an den Uber-Fahrer – zielführend nennt man das wohl. Der darf sich dem wochenendlichen Indie-Club-Hopping gleich anschließen, wenn „Hand In The Air“ die hoffentlich baldige vollumfängliche Rückkehr aus sämtlichen Isolationen und Quarantänen einleitet und fast vergessen lässt, worauf man so lange verzichten musste.

Als genauso unberechenbar und facettenreich wie die Liebe, die Torres immer wieder besingt und in all ihren kunterbunten Dimensionen feierlich inszeniert, erweisen sich allerdings auch manche musikalischen Wendungen, die sie inmitten der bombastischen, zumeist Riff- und Hookline-orientiertem Grunge-Power-Pop-Ausrichtung des Albums platziert. „Constant Tomorrowland“ dürfte in dieser Hinsicht zunächst wohl für die meisten Fragezeichen sorgen. Eine klanglich irgendwo zwischen Mittelalter und Seemannslied angesiedelte Folk-Hymne über das Wassermannzeitalter ist schließlich nicht zwingend das erste, an das man nach einer ordentlichen Rock-Injektion rechnet. Mit „Kiss The Corners“ schleicht sich wenig später auch noch eine House-Nummer ein, die ebenfalls den Eindruck erweckt, als hätte sich Torres auf dem Weg zu einer anderen Platte irgendwo verlaufen (gern kann man’s jedoch als Echo der Langspielvorgänger hören). „Big Leap“ mag im Kontext des Albums weniger experimentell erscheinen, dafür jedoch deutlich ruhiger und minimalistischer. Den daraus entstehenden Fokus auf ihren Gesang nutzt Torres, um einige der am schwersten verdaulichen Textzeilen der Platte aufzufahren. Indem sie den schweren Unfall eines Freundes mit einem bittersüßen emotionalen Zwiespalt Revue passieren lässt, bricht sie für einen Moment mit der grundlegend optimistischen Thematik des Albums: „Somehow you’re still here / Got a birthday in three weeks / But now all I can do is cry and worry / I hounded you to stay on the ground / It’ll haunt me forever the way you came down.“ Uff? Uff. Aber nur Friede-Freude-Eierkuchen wäre ja auch langweilig, oder?

Ja, die Auswahl an Torres‘ „Thirstier“-Büfett gerät wahrlich ebenso zahlreich wie sättigend. Da fügt sich die fantastische erste Single „Don’t Go Puttin Wishes In My Head“ mitsamt ihrer Synthesizer-Stärke und den messerscharfen Gitarrenriffs genauso easy-peasy ins Gesamtbild ein wie das sanft startende und in einem fulminanten Feuerwerk endende fantastische Titelstück. „The more of you I drink / The thirstier I get“, singt Torres da und sorgt damit für eifrig zustimmendes Kopfnicken bei der Hörerschaft, sind solche Zeilen doch wie gemacht dafür, als Tattoos Parade getragen zu werden. Ein durch und durch brillanter, positiv gestimmter, gen Firmament jubilierender Love-Song im besten Sinne, der dem dezent angestaubten Genre endlich mal einen neuen Rock-Twist angedeihen lässt. Zum Schluss dann, wenn „Keep The Devil Out“ die letzte Power aus der Drum-Machine kitzelt und den Teufel in den letzten Sekunden wohl derart in die Erschöpfung zwingt, dass er von ganz allein aufgibt, bleiben nicht mal mehr genug Kraftausdrücke übrig, um die aktuelle Gefühlslage zu beschreiben. Also macht man es am besten so wie nach einer guten Mahlzeit: ein bisschen die olle Wampe tätscheln und selig lächeln. Alles ist gut – für Mackenzie Scott und nach dem Genuss dieses Albums, das einen von Mal zu Mal tiefer in seinen Bann zieht.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Baker Seats – „Pancake Sinatra“


Das Musikvideo katapultiert einen anhand allerlei optischer Impressionen zurück ins Jahr 1975, während die Musik selbst Erinnerungen an die seligen Indierock-Neunziger wachruft. Klares Ding, „Pancake Sinatra“ (dessen Titel wiederum wohlmöglich von diesem recht amüsanten Schnappschuss von Ol‘ Blue Eyes beim Schnabulat eines Bergs US-amerikanischer Plinsen inspiriert wurde) tönt verdammt gefällig!

Wer also steckt hinter der Band, die sich da Baker Seats nennt? Nun: Helge Jensen (Gesang), Jan Misdorf (Gitarre), Matthias Frank (Gitarre, Bass) und Timo Köhler (Schlagzeug) – vier Typen, die anscheinend zwar ihre Abneigung gegen Bandfotos und eine ausführliche Bandbio verbindet (zumindest hüllen sich Google und Co. vornehmlich in Schweigen), denen man in der Vergangenheit jedoch bereits in Bands wie Escapado, Grand Griffon oder The Creetins über den gen Punk Rock und Hardcore tönenden Weg laufen durfte. Und die nun eben unter dem Namen Baker Seats gemeinsame Sache machen. Let the music do the talking und so… Die beiden bisherigen EPs gibt’s – wie auch „Pancake Sinatra“ – via Bandcamp als „name your price“, für September ist mit „Pharisees“ ein erster Langspieler angekündigt. Und ist hiermit notiert. 🤘

Rock and Roll.

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Song des Tages: Eliza Shaddad – „Now You’re Alone“


Foto: Promo / Jodie Canwell

Manch ein Binger, so mache Bingerin hat vielleicht schon davon gehört: Im Abspann der britischen Netflix-Mini-Serie „Behind Her Eyes“ ertönte unlängst eine fast schon magische, beschwörerische Version des Nina Simone-Klassikers „Don’t Let Me Be Misunderstood“. Die Stimme dahinter stammt von Eliza Shaddad, Kind einer sudanesischen Astrophysikerin und eines schottischen Diplomaten, in sieben verschiedenen Ländern aufgewachsen. Entsprechend „globalisiert“ wirkt ihr Sound, der sich gefühlt das Beste aus nahezu allen musikalischen Welten zusammenklaubt. Da verwundert es kaum, dass sich „The Woman You Want„, ihr zweites Studioalbum, abermals auf keine bestimmtes Genre festlegen lassen will.

Und wenn man so mag, dann hat man es hier mit einem weiteren „klassischen“ Lockdown-Werk zu tun, denn eigentlich wollte Eliza Shaddad den Nachfolger ihres 2018er Debüts „Future“ mit Band aufnehmen. Ja: eigentlich. Corona. Pustekuchen. Stattdessen entstanden die neun neuen Stücke in Zusammenarbeit mit Ehemann und Produzent BJ Jackson zwischen schalldämmenden Matratzen im Schlafzimmer im heimischen Cornwall. Dass man bei gezwungener Nähe – so schön diese in mancher Minute auch sein mag – nicht konstant auf Wolke sieben schweben kann, haben die meisten im letzten Jahr am eigenen Leib erfahren. Und wer genau(er) hinhört, für den werden Lagerkoller und Corona-Blues auch auf Shaddads neuem Album spürbar: Beides steckt in der Enttäuschung von „The Man I Admire“ und „The Woman You Want„, in der Genervtheit von „Fine & Peachy„, aber vermutlich auch in „Blossom“ und „Heaven„, die Mut machen und den Frühling herbeisehnen. Während sich ersteres auf ihre sudanesische Herkunft bezieht (bevor die Sharia im Sudan eingeführt wurde, erlebte das Land von den Sechziger- bis in die Achtzigerjahre hinein eine echte Blütezeit, die heute als das goldene Zeitalter des sudanesischen Pop gilt) und zu psychedelisch angehauchtem Folk das Hörerherz erwärmt, bemüht letzteres die gitarrenlastigere Seite dieser Platte und erinnert an so vielfältige Künstler*innen wie Alanis Morissette und R.E.M. – die Neunziger lassen lieb grüßen. Ein fast schon beiläufiger Pop/Rock-Sound mit ausreichend Kante, um den Biss des Songs zu transportieren, dazu die ausdrucksstarke Stimme und kleine, aber feine Variationen tragen den Song. Die streicherdekorierte Verlust-Ode „In The Morning (Gradmother Song)„, welche ihrer an Demenz verstorbenen Großmutter gewidmet ist, entpuppt sich als konträre Schwester und wirkt beinahe wie von einem anderen Planeten. Eliza Shaddad, die sich vor einigen Jahren noch als Straßenmusikerin in London durchschlug, während sie Jazz und Philosophie studierte, bemüht sich um balladeskes Drama und Art Pop-Ansätze. Die reduzierte Instrumentierung rückt ihre außerordentliche, vielschichtige Stimme in den Mittelpunkt. Und wer sich nicht hütet, der findet sich schnell in einem Sog der Emotionen wieder.

Fine & Peachy“ hingegen bemüht zu herrlich angeissten Zeilen wie „Fuck you, just tell me what you wanted to say / Instead of screaming at my head for days“ verschmitzte Indie-Anklänge, tänzelt durchaus leichtfüßig mit einem Hauch von Folk im Unterboden, dazu mit etwas Pop-Appeal obenauf – Sheryl Crow und Lukas Nelson winken von fern. Das schleppende, ein wenig niedergeschlagene „Now You’re Alone“ bemüht erdrückende Melancholie, flirtet mit Selbstaufgabe und lässt das ausladende Arrangement sehnsüchtige Töne anschlagen – die Künstlerin selbst nennt’s „Ethereal Grunge“. Im dreampoppigen „Waiting Game“ weht Shaddads Sound eine Prise Kate Bush und Austra im die Ohren, aber auch Island scheint im opulenten Crescendo gefühlt nicht so weit weg. Kunterbunt, angenehm experimentell, irgendwie eingängig und strukturell doch herrlich unnahbar – ein gewiss unerwartetes, faszinierendes Herzstück dieser Platte.

“Es war wirklich sehr intensiv, ein ziemliches Auf und Ab der Gefühle. Ein ganzes Jahr lang rund um die Uhr immer zusammen zu sein, war zwar großartig, weil wir einander bedingungslos vertrauen und alle Zeit der Welt hatten, Dinge auszuprobieren. Aber gefühlsmäßig war es nicht immer leicht.” (Eliza Shaddad über die Albumaufnahmen)

Im ersten Moment mag einen „The Woman You Want“ wohlmöglich etwas überwältigen, weil hier einfach so viele verschiedene Faktoren, Klänge und Genres gefühlt nahtlos ineinander übergehen, sich gelegentlich sogar pointiert vermischen. Und gerade das macht Eliza Shaddads neues Album zu einem gelungenen. Kleine, kurzweilige Indie-Perlen treffen auf dramatische Gesten, nackte, emotionale Ehrlichkeit auf bodenständigen Folk-Rock-Pop (don’t you dare call it „altbacken“!) mit dem richtigen Hang zu kleineren, starken Experimenten. Wie eine kleinformatige Schlafzimmer-Produktion wirkt das Ganze keineswegs, vielmehr wie ein akustischer Schritt zurück ins Leben. So oder so überzeugt Eliza Shaddad auch mit ihrem zweiten Album und sollte längst viel mehr als ’nur‘ ein weiterer Geheimtipp sein – Netflix-Features hin oder her.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


The Killers – Pressure Machine (2021)

-erschienen bei Island/Universal-

Die Geschichte des knappe zwei Jahrzehnte jungen The Killers-Welthits „Mr. Brightside“ beweist unfreiwillig gleich zwei Dinge: die Überlebenskunst guter Musik und die absolute Vergänglichkeit der Zeit. Jene wurde unlängst auch durch die vermaledeite Corona-Pandemie deutlich: Stillstand auf Bühnen, in den Clubs, Theatern. Und Schockstarre in den Köpfen, die bisher vernehmlich das immer schneller und hektischer werdende Leben im Überholspurrausch kannten. Dennoch oder gerade deswegen brachte Corona unverhoffte kreative Impulse. Abseits des Tournee-Trotts entstanden Pandemie-Alben, trauten sich Künstler*innen Wege einzuschlagen, für die vorher wenig Raum war. Und Brandon Flowers? Anstatt mit seiner Band nach der letztjährigen Veröffentlichung von Album Nummer sechs, „Imploding The Mirage„, auf ausgedehnte Tournee zu gehen, holten den The Killers-Bandkopf die Jahre in Nephi ein, einem 5.000-Seelen-Örtchen im Nirgendwo von Utah, Vereinigte Staaten, wo er als zehn- bis 17-Jähriger lebte, bevor es ihn in seine Geburtsstadt Las Vegas zurück verschlug – das eine als Antithese zu der schrillen, hell erleuchtenden Glitzerscheinwelt des anderen. Erinnerungen überkamen ihn in der Stille, in den Momenten der Ruhe, ließen ihn nicht mehr los.

„Es war für mich das erste Mal seit langer Zeit, dass ich mit Stille konfrontiert wurde. Aus dieser Stille heraus begann diese Platte zu erblühen, voll von Songs, die sonst zu leise gewesen wären und vom Lärm typischer Killers-Platten übertönt worden wären.“ (Brandon Flowers)

Fotos: Promo / Danny Clinch

Erinnerungen und Beobachtungen von Menschen aus einer prägenden Zeit, die er erst jetzt, Jahre später, halbwegs einordnen konnte. Klar, als weltumreisender Rockstar muss das einstige Leben in solch einem verlassenen Kleinstadtkaff natürlich absolut surreal erscheinen, doch Überheblichkeit und Lästerei sind nicht Flowers‘ Antrieb für „Pressure Machine„, dem siebten Album seiner Band und – wenn man so will – dem „Nebraska“ oder „The Suburbs“ der Killers. Vielmehr ist dieses sehr persönliche Werk eine respektvolle und dennoch kritische Auseinandersetzung mit dem American Dream und dem Antrieb der Menschen auf dem weiten Land, ihrer schier unendliche Motivation, nach jenem Ideal zu leben – koste es, was es wolle und leider nicht ohne die bekannten Nebenwirkungen: Kummer, Enttäuschung und Schmerz, blinde Religiösität, gestrige Homophobie und platter Rassismus. Gut, dass Flowers seine nostalgische Rückschau trotz einer ordentlichen Menge an Düsternis stets auch in Hoffnung und flüchtige Momente des Glücks tränkt.

Schnell wird beim Hören der elf Stücke zudem klar, dass man es hier fraglos mit dem bisher ungewöhnlichsten Werk der vornehmlich schillernden Bandgeschichte, die 2001 bezeichnenderweise in Las Vegas begann, zu tun hat. Es handelt sich um ein Konzeptalbum, das selbstbewusst mit den Einflüssen von Bruce Springsteens reduziertem „Nebraska“ kokettiert, welches Flowers neben John Steinbecks tragischer Kurzgeschichtensammlung „Das Tal des Himmels“ als wichtigen Einfluss für die neuen Stücke erwähnt. Daher ist es nur konsequent, dass die US-Band diesmal keine Vorab-Single voraus schickte, sondern eine Reihe cineastischer Trailer ins weltweite Netz stellte. Darin kommen Protagonisten des öden Mormonen-Städtchens zu Wort, dem das Album gewidmet ist, erzählen mal von Pferden, die erschossen werden müssen, weil sie sich bei der Stampede ein Bein gebrochen haben, mal von den Opioden, die so viele nehmen. Diese Spoken-Word-Passagen bilden auch die verbindenden Zwischenteile der einzelnen Stücke. Auch deshalb bildet die Song gewordene melancholische Western-Novelle einen starken Kontrast zu den leider oft zwischen egal und platitüd daher rockenden, herzlos-euphorischen Album-Vorgängern.

Überhaupt atmet „Pressure Machine“ musikalisches Wild-West-Feeling, kommt oft mit Pedal-Steel-Gitarre, Fiddle, Mundharmonika und typischem Country-Western-Twang à la Hank Williams daher. Gesanglich präsentiert sich Brandon Flowers einmal mehr in Bestform. Gleich zum Auftakt setzt „West Hills“ ein ebenso berührendes wie majestätisches Ausrufezeichen. Der flirrende Sound steigt, getragen von Streichern, langsam an und baut sich zu epischer Größe auf, ohne dabei zu überdrehen. Nicht von ungefähr kommen Flowers, Ronnie Vannucci Jr. und Dave Keuning, der seine Leadgitarre auf dem vorhergehenden Album noch ruhen ließ und nun wieder zur Band stößt, mit diesem Stück dem Songwriting eines David Bowie näher, als sie es vermutlich je planten, während sie die tragische Geschichte eines drogensüchtigen Mannes erzählen, der dem Hillbilly-Heroin verfallen ist und nun in der Gefängniszelle sitzt. Was man eben so tut, um der inneren Einsamkeit Herr zu werden…

Zudem scheinen auch Scheuklappen und Geduld wichtige Überlebenseigenschaften zu sein, wie man in „Cody“, einem tollen Song über einen Jungen, der gerne mit Feuer spielte und wegen eines schlimmen Brandes im Ort einst geächtet wurde, erfährt. Jener Cody steht zudem stellvertretend für das Weitermachen, aber auch für die Sehnsucht nach einem anderen Leben: „So who’s gonna carry us away? / Eagles with glory-painted wings? / We keep on waiting for the miracle to come.“ Flowers beschreibt den Glauben an Gott und Gerechtigkeit, das Leben mit dem sozialen Druck einer zutiefst konservativen Gesellschaft, die bereits in den Neunzigern in (pseudo-)moralischen Werten ihres Glaubens versunken schien. „And Cody says / He didn’t raise the dead / Says ‚religion’s just a trick to keep hard-working folks in line‘.“ „Terrible Thing“ behandelt Homophobie in der religiösen Kleinstadt, erzählt aus der Perspektive eines schwulen Teenagers. „Runaway Horses“ – noch so ein feines Highlight – bildet im Duett mit Indie-Darling Phoebe Bridgers die Chronik einer Romanze nach. Einzig „Desperate Things“ ist eine rein fiktive Geschichte, eine Mörder-Ballade, die sich anhört wie ein vergessener, großartiger Song aus der Boss’schen „Nebraska“-Zeit. Er handelt von einem Polizisten, der sich in ein Opfer häuslicher Gewalt verliebt und schließlich den Täter umbringt. Erstaunlich, aber tatsächlich wahr – vermutlich machte es bislang selten solche Freude, Flowers‘ Texten zu lauschen, auch im Titelsong wird er deutlich: „But the Kingdom of God, it’s a pressure machine / Every step, gotta keep it clean.“

Bemerkenswert und zugleich logisch erscheint der Umstand, dass zunächst sämtliche Texte dieses Albums standen, bevor die Band überhaupt einen Takt der Musik komponierte. Daher trägt „Pressure Machine“ den fluffigen, Eighties-infizierten The Killers-Sound der jüngeren Vergangenheit nur in Nuancen in sich. Mit Fokus auf akustische Gitarre, Streicher-Arrangements und dezente Country- und Blues-Elemente verortet sich das Werk musikalisch ein ums andere Mal bewusst nah bei Springsteens süffisant-erdigem Heartland-Rock, an der ungeschönten Umweltschau eines Johnny Cash und ebenso oft bei klassischen Singer/Songwriter-Platten – manch eine(r) wird sich gar an die letztjährige Bright Eyes’sche Album-Großtat Down in the Weeds, Where the World Once Was“ erinnert fühlen. Etwas flotter lassen es eigentlich nur das gelungene „Sleepwalker“, „In The Car Outside“ mit seinen Synthie-Wänden sowie dem stoischen und doch beinah hymnischen Gitarrenfinale sowie das schwelgerische, von zarten Synthies und vom Akkordeon geküsste „Quiet Town“ angehen. „When that jukebox in the corner stops playing country songs that sound like mine / I spent my best years laying rubber on a factory line“, zwinkert Flowers selbstironisch in „In Another Life“, um sich dennoch der Frage zu widmen, die sich wohl nicht wenige irgendwann einmal stellen: „I wonder what I would’ve been in another life…“

Gegen Ende singt Flowers „People do desperate things“. Man glaubt es, man weiß es. Denn die bittersüße Melancholie des tristen Alltags im von aller Aufregung verlassenen Nirgendwo ist an allen Ecken und Enden greifbar. „Nephi in the nineties could’ve been Nephi in the fifties“, gibt der mittlerweile 40-Jährige zum Release zu Protokoll und macht deutlich, wie sehr manche Landstriche und deren Einwohner vom Fortschritt und Wohlstand übersehen und längst vergessen wurden. Dennoch weiß er auch um die Vorzüge: „Part of me is still that stainless kid / Lucky in this quiet town: salt of the land, hard-working people / If you’re in trouble, they’ll lend you a hand.“

„In der Pandemie fühlte es sich plötzlich für alle so an, als säße man mitten im Nirgendwo. Ich spürte plötzlich, dass es aus der Zeit dort viele negative Gefühle gab, die ich wohl verdrängt hatte, weil ein Großteil meiner Erinnerungen an Nephi sehr schön ist. Aber die, die mit Angst oder Traurigkeit verbunden waren, hallten sehr stark in mir nach. Ich verstehe sie nun besser als zu Anfangszeiten der Band und hoffe, ich konnte mit meinen Liedern den Geschichten und den Menschen dieser kleinen Stadt, in der ich aufgewachsen bin, gerecht werden.“ (Brandon Flowers)

In Gänze gerät „Pressure Machine“ zur ebenso unverhofften wie beeindruckend-ungewohnten, vom Corona-Stillstand beeinflussten Momentaufnahme im Killers-Albumkanon, der schon bald wieder in Richtung Stadionrock abbiegen könnte. Ein Album wie das Musik gewordene Äquivalent zum kaum weniger zu empfehlenden Oscar-Gewinner „Nomadland„. Die Geschichte des Welthits „Mr. Brightside“ mag die Killers bis in die großen Arenen und in die Herzen irischer Pubs geführt haben, ist jedoch ebenso unmittelbar mit diesem kleinen Ort im US-amerikanischen Niemandsland verbunden.

Rock and Roll.

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