Song des Tages: Tigeryouth – „Mammon“


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Zunächst einmal ist das, was Tilman Benning aka. Tigeryouth zu seinem Stück „Mammon“ zu sagen hat, ebenso auf den Punkt, was das Verhältnis des heutigen Indie-Musikers zum „wahren Leben“ betrifft, wie entwaffnend ehrlich:

„Es ist immer einfach, diesen Punk-Ethos vor sich herzutragen und so zu tun, als wär‘ einem die Kohle scheißegal. Irgendwann musst du sie trotzdem verdienen, die Rechnungen zahlen sich nicht von alleine. Das ist eine Einsicht, für die ich recht lange gebraucht hab‘. Ein dickes Dankeschön an meine Eltern, für die Unterstützung und eine riesige Entschuldigung für all die Sorgen.

Ich sehe nicht ein, etwas anderes zu machen, als Musik. Nicht nach fast 500 Shows in den letzten sechs Jahren, meinem Label Zeitstrafe im Rücken und so vielen weiteren Menschen, die an mich und meine Musik glauben und dabei helfen, dass ich das machen kann, was ich mache. Also schlage ich mich zwischen den Konzerten, Proberäumen und Studios mit Nebenjobs durch, verkaufe hier Eis, bau‘ da ’ne Bühne auf, trete in U-Bahn-Schächten auf und versuche, das Musik-Ding nach meinen eigenen Regeln dahin zu bringen, dass ich irgendwie davon leben kann. Deswegen fahre ich ab dem Release meines neuen Albums für vier Monate auf Tour. Die Rechnung ist ja ganz einfach. DIY-Shows werfen nicht viel Kohle ab und ich hab‘ keinen Bock, den Menschen, die seit sechs Jahren Shows mit mir organisieren, jetzt mit Festgagen und Verträgen zu kommen. Aber wenn ich für vier Monate auf Konzerten Verpflegung & Schlafplätze habe, also so gut wie keine Kosten, summiert sich das, was an Kohle überbleibt. Mal gucken, was nach der Schuldentilgung übrig bleibt. Den nächsten Job für die Zeit nach der Tour hab‘ ich schon. Immer an der Leine!“

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Denn es stimmt ja: Auch als jemand, der gern 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche mit seinem schnöd-schönen Hobby Musikmachen verbringen würde, muss man ja irgendwann essen, leben, Miete und sonstige Rechnungen zahlen. Daher, dafür muss das Geld irgendwie zusammen kommen. Und das wird für all jene, die eben keine Songghostwriter für Plastikprinzessinnen á la Helene Fischer und Konsorten sind, bereits nach kurzer Zeit zu einem echten Problem. Also hilft nur eines: das Hobby doch zum guten Teil Hobby sein lassen, sich mit Broterwerbsjobs durchhangeln, über Wasser bleiben (was sich unromantisch lesen mag, ist auch 2016 die fiese Fratze der Realität). Das kenne ich als alleinunterhaltender Schreiberling dieses bescheidenen Blogs (welcher sich auch bereits in seinem fünften Jahr befindet) ebenso wie Tilman Benning.

Umso schöner ist es, dass es Musiker wie Benning gibt. Denn der gebürtige Ibbenbürener, aus dieser Stadt in Westfalen unweit der holländischen Grenze, die man in musikalischen Gefilden auch als Heimat der Donots kennt, weiß wohl eine ganze Menge übers Durchhalten, über Weitermachen, über das Irgendwie obwohl man sich manchmal schon fragt, warum. Und auch über die Liebe zur Musik.

ddebac54-tigeryouth_cover_2500px_72dpi_rgbWieviele Konzerte Tilman Benning, der sich bereits seit mehr als sechs Jahren als Tigeryouth in kleinen Clubs von Hamburg bis Stuttgart, von Köln bis Dresden den sprichwörtlichen Arsch abspielt, in all der Zeit absolviert hat, wird der Typ, der vor vielen, vielen Jahren „mit Filzmatte auf’m Kopf in der schlechtesten Grunge-Band der Stadt“ als Bassist („Der Bassverstärker war aber auf Konzerten nicht an.“) seine ersten Gehversuche unternahm, um schon bald eigene Stücke auf der Akustischen zu schreiben und sich in Fußgängerzonen zu stellen, wohl selbst kaum mehr wissen. Offensichtlich ist zumindest, dass das Unterwegssein seine Spuren hinterlassen hat, dass sich die Musik von Tigeryouth seit dem 2014 erschienenen Debüt „Leere Gläser“ ein klein wenig aus der stillen Singer/Songwriter-Ecke weg und hinein in den ranzigen Punkschuppen entwickelt hat, denn anders als noch vor zwei Jahren hört man auf dem jüngst erschienenen selbstbetitelten Zweitwerk nun ab und an Schlagzeug oder E-Gitarren im Hintergrund. Unverkennbar ist Bennings raues, stets ein bisschen verkatert daher torkelndes Gesangsorgan ja sowieso, und die Songs ebenso windschief wie ehrlich und kurz gefasst (nur zwei Mal wird auf „Tigeryouth“ die Drei-Minuten-Marke geknackt). Dass – neben seinem Label Zeitstrafe (u.a. auch Captain Planet, Matula, Adolar oder Escapado) – auch einige Leute aus der deutschen Indie-Szene an den Punk-Jungen mit der Gitarre und mehr Haaren um den Mund denn auf den Kopf glauben, zeigt die Gästeliste des neuen Albums, auf der sich unter anderem auch Jörg Mechenbier (Love A) oder Jan Arne von Twistern (Captain Planet) wiederfinden. Und all die Songs über Heim- und Fernweh, über Abende an langen Tresen, über die Wutbürger in Nord, Ost, Süd und West, über die Leere im Portemonnaie und die Angst vorm Morgen, über das Leben im Kleinen und lose Träume im Großen tun einfach gut. Plus: Einem Mann, der Brand News Meisterwerk „The Devil And God Are Rating Inside Me“ an die Spitze seiner Top-5-Platten setzt, würde ich eh alles abkaufen. Umso schöner, wenn es sich um mit einer Extraportion Herzblut und Attitüde vorgetragenen Akustikpunk handelt.

 

 

Wer mehr über Tilman Benning aka. Tigeryouth wissen mag, dem sei diese  Kurzdoku von Mario Borgmeier / POM an Herz gelegt:

 

Auch neu und toll: das Musikvideo zu „Herz schultern“, welches sich ebenfalls auf dem neuen Album befindet:

 

tigeryouth

Rock and Roll.

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