Hat jemand eine Familienpackung handgerösteter Backpfeifen bestellt? Denn für eine Lieferung haben sich, schenkt man dem Frittenbude-Song „Die Dunkelheit darf niemals siegen“ Glauben, so Einige beworben. Etwa all die sexy Sexisten und swaggy-identitären Antisemiten, all die misogynen Vollidioten, all die privilegierten Bio-Company-Wichser, all die Höhlenkacker auf La Gomera, all die weißen Zahnärzte mit St.-Pauli-Hoodies, all vermeintlich trendsettenden Red-Bull-Trinker und AfD-Wähler, alle, die irgendwas mit Medien machen, aber nichts mehr dagegen, selbst die seit eh und je begabungslose Charlotte Roche…
Eigentlich bewegt mich ja kaum etwas schneller dazu, einen fixen Skip zum nächsten Künstler zu machen, als der Electropop der drei Wahl-Berliner von Frittenbude, die den Indie-Punker zwar noch im gebürtig bajuwarischen Herzen tragen mögen, den Popper-Schalk aber meist sehr nach ähnlich nervtötenden Bands wie den „Remmidemmi“-Deichkindern lugen lassen. Nee, nicht meins – normalerweise. Wäre da nicht das Refrain-Feature von Jörkk Mechenbier. Denn wer bitteschön könnte einem gepflegt-distinguierte Misanthropie musikalisch besser verkaufen als der Love-A-Frontkeifer? Eben, da gibt’s nicht viele:
„Schau meiner Toleranz weiter beim Verbluten zu Und sie blutet, sie blutet, sie blutet Mache auf Kopf kaputt, ihr macht auf weiter so Einfach weiter so, einfach weiter so Wenn alles dunkel wird Steigt niemals ohne Axt ins Boot Niemals ohne, niemals ohne Weil Rudern gar nichts bringt Wenn die Idioten kommen Die Idioten!
Die Dunkelheit darf niemals siegen! Da die die schweigen, immer schwiegen Die Dunkelheit darf niemals siegen! Erst nach dem Krieg kommt wieder Frieden! Die Dunkelheit darf niemals siegen! Bis man beginnt den Hass zu lieben Die Dunkelheit darf niemals siegen! Doch nach dem Krieg kommt wieder Krieg“
Und obwohl Vieles an „Die Dunkelheit darf niemals siegen“ (wer Inspirationen bei Tocotronic sieht, darf sie gern behalten) ebenso plakativ sein mag, wie all die scheinheiligen Idioten, die sich das bereits im vergangenen Oktober veröffentlichte Stück vom neuen Frittenbude-Album „Rote Sonne“ da zur Punk-by-heart-Brust nimmt, so ist der Zorn, der sich bewusst mit in die bunte Keilerei mit einmischt, umso echter. Aus Gründen.
Frittenbude liefern dazu – wie so oft mit geschmeidigen Loops und medium hart böllernden Beats im Hipster-Gepäck – ihren Teil des Soundtracks zur heraufdämmernden Katastrophe, zum Tanz auf dem Vulkan – ein fein gezüngelter Zeitgeist-Kommentar, zu dem einmal mehr vor allem die getroffenen Hunde bellen werden…
Apropos Jörkk Mechenbier: Der umtriebige Hamburger Musiker hat mit Love A nicht nur eine der besten und wortgewandtesten Punk-Kapellen der Bundesrepublik am Start, sondern mit den kürzlich hier vorgestellten Trixsi eine neue Band sowie mit – wann zur Hölle schläft der Mann denn mal? – freilich Schreng Schreng & La La auch noch sein Akustik-Punk-Duo, welches am 29. März seine neue EP „Alles muss brennen“ veröffentlichen wird. Mit „Mit dem Rücken zur Nacht“ lässt sich hier bereits ein erster Song hören. Und der fällt – gerade für einen notorischen Keifer wie Jörkk Mechenbier – überraschen besinnlich aus…
„‚Typen von Herrenmagazin, Jupiter Jones, Love A, Findus – und all das zusammen in einem Raum mit Gitarren und Bass und Schlagzeug und all dem. Tja. Supergroup! Metaband! Hör mir auf. Was am Ende dabei rauskommt, das hat man sich jetzt aber gefälligst anzuhören, so viel Vorschuss sei von mir gewährt. Denn es darf angenommen werden, dass es nicht halb so schlimm ist, wie der ganze andere Mist.‘ (Carsten Köhner/Mathildas Musikbüro)
Lasst uns Namen droppen: Schlagzeug: Paul Konopacka (ex Herrenmagazin) / Bass: Klaus Hoffmann (Barner 16, ex Jupiter Jones) / Gitarre: Kristian Kühl (ex Findus) / Gitarre: König Wilhelmsburg (ex Herrenmagazin) / Gesang: Jörkk Mechenbier (Love A, Schreng Schreng & La La).
Dem Alter und der Milde geschuldet, geht es in dieser Zusammenrottung Hamburger Gewohnheitstrinker hier und da eher im Pixies- und Weezer-Midtempo zu Werke. Ein bisschen Schrägness, die dem Wunsch aller nach Abhebung vom gesamtdeutschen Einheitsgitarrenpopbrei die Hand reicht, blitzt manchmal auf – und doch kracht es hier und da, wenn sich ein flotter Punkklopper dazwischen schmuggelt. Über all diesen Wohlklang kräht dann stets Mechenbiers Stimme seine kritisch/humoristische Alltagsbewältigung in einem Deutschland voller Igel – sonst kann er ja auch nichts. Gottseidank. Ehrlicher Arbeiter-Rock, gespielt von kriminellen Faulenzern.“
Und siehe da: Trixsi, ebenjene frische „Supergroup“ und „Metaband“ aus „Hamburger Gewohnheitstrinkern“ mit Love A-Frontschwein Jörkk Mechenbier am Mikro, hat, „da der Trend ja in Richtung Zweit-, Dritt- oder auch Viert-Band geht“, nun mit der Demo-Version von „Ab Morgen“ eine erste, sehr feine Song-Hörprobe am Start. Lässt sich hören!
Was für Musik braucht man in einem Jahr wie diesem? Solche, bei der die Halsschlagader wild pocht und der ganze gerechte Zorn auf die Welt ein brodelndes Ventil bekommt. Solche, die einem sanft über den Kopf streicht und einem die Hoffnung einhaucht, dass alles schon besser werden wird – irgendwann, irgendwie. Und auch solche, die einen in ihrer Euphorie einfach gnadenlos mitreißt, und einen – im besten Fall – alles andere – das Gute wie Schlechte – für Momente vergessen lässt. Zwischen diesen drei Fixpunkten ist in meiner Bestenliste der persönlich tollsten Alben des Musikjahres 2017 wenig zu finden, an den Endpunkten dafür umso mehr. Bühne frei und Vorhang auf für ANEWFRIENDs Alben des Jahres!
Man kennt ja die Vorurteile gegenüber Schweizern: Reserviert seien sie, irgendwie meinungslos (oder mit selbiger stets hinterm Berg haltend), geheimniskrämerisch und außen vor. Nun, all das trifft auf Julian Pollina eben nicht zu.
Oder zumindest auf dessen alter egoFaber. Dessen Songs weisen den Mann als distinguierten Trinker, Raucher, Macker und Lebemann aus, der auch – wenn’s der Kontext denn erfordert – schon mal markige Worte wie „ficken“, „blasen“ oder „Nutte“ benutzt, sich die Häute seiner Landsleute überstreift und ihnen – ganz nonchalant, ganz un-schweizerisch – im Zerrspiegel ihre häßliche Fratze aus von Angst getriebenem Fremdenhass, oberflächlicher Geltungssucht oder gelangweilter Medien- und Konsumgeilheit vorhält. Dafür, dass das Ganze – in Form der Songs des Debütalbums „Sei ein Faber im Wind“ – nicht zur enervierend-hochgestochenen Gesellschaftsschelte gerät, sorgt die feine Liedermacher-Rock-Instrumentierung, die mal zu den Norddeutschen von Element Of Crime, mal zum Chanson á la Jaques Brel oder Leonard Cohen, mal auch gen Balkan schielt. Insgesamt stehen Fabers Stücke mit all ihrer unangenehmen Bissigkeit und Direktheit, mit ihrem Willen zur Kritik und dem unbedingten Wunsch, Salz in halb geschlossene Wunden zu streuen, in bester Tradition meines persönlichen Jahreshighlights von 2015, dem Debütwerk von Adam Angst. Dass all die unterhaltsame Zeitgeistigkeit aus der Feder eines Mittzwanzigers stammt, ist einerseits erstaunlich und lässt ebenso auf weitere Großtaten von Faber und Band hoffen…
Brand New – absolute Herzensband, spätestens seit dem 2006 erschienenen und bis heute und wohl alle Ewigkeit nachwirkenden Album-Monolithen „The Devil And God Are Raging Inside Me“. Und hätten all das lange Warten auf ein neues Werk (das vormals letzte Album „Daisy“ stammt von 2009), all das Kokettieren mit der eigenen Bandauflösung (vor einigen Monaten boten Brand New T-Shirts mit dem Aufdruck„2000-2018“ zum Kauf an), all die mysteriös in weltweite Netz gestreuten (Falsch)Informationen und einzelnen Appetithappen in Form von neuen Songs wie „Mene“ oder „I Am A Nightmare“ die letzten Fan-Jahre nicht schon schwierig genug gestaltet, bekam die Euphorie um das am 17. August in einer erstaunlichen Nacht-und-Nebel-Aktion (digital) veröffentlichte neue Album „Science Fiction“ bereits kurz darauf einen erheblichen Dämpfer.
Es passt wohl zum Jahr 2017 und all den Enthüllungen rund um #meetoo (wozu ich ja bereits unlängst meinen „Senf“ abgelassen habe), dass ausgerechnet einer Band wie Brand New, die ja Zeit ihres Bestehens einerseits um die Wahrung ihrer Privatsphäre auf der einen Seite (was wiederum die mysteriöse Aura ihrer Songs noch verstärkte) und größtmöglicher Fannähe auf der anderen Seite bemüht war, nun die Verfehlungen ihres Frontmanns vorzeitig das Genick brechen (werden). Stand heute hat das Alternative-Rock-Quartett aus Long Island, New York seit Oktober alle für Ende 2017 und Anfang 2018 geplanten – und wohlmöglich letzten – Konzerttermine abgesagt. Und ob Jesse Lacey, Vinnie Accardi, Brian Lane und Garrett Tierney überhaupt je wieder gemeinsam auf einer Bühne stehen werden, darf angesichts der Begleitumstände bezweifelt werden…
Die zwölf Songs von „Science Fiction“, das der Band überraschenderweise ihr erstes Billboard-Nummer-eins-Album überhaupt bescherte, hätten diese unrühmliche Nebenschauplatz-Promo freilich nicht nötig gehabt, bilden sie doch in Gänze all das perfekt ab, was Fans der Band bislang so faszinierend und mitreißend fanden: Stücke, die sich mal Zeit bis zur nicht selten plötzlichen Eruption nehmen, während andere wiederum diese komplett verweigern. Eine enorme stilistische Bandbreite an Musikalität und Einflüssen, die kaum noch etwas mit jenen Pop-Punk-Anfangstagen des 2001 erschienenen Debütalbums „Your Favorite Weapon“ gemein hat, sondern sich – vor allem auf den letzten Alben – vielmehr auf Post-Hardcore- und Indie-Rock-Szene-Favoriten wie The Jesus Lizard oder Neutral Milk Hotel bezog. Und Jesse Laceys enigmatische Texte, welche den geneigten Genau-Hinhörer und Lyrik-Goldgräber geradezu dazu einladen, sich via Reddit und Co. tagelang in ihnen und ihren tausendfachen Deutungswegen zu verlieren. Dass die Songs zwar deutlich reduzierter als noch auf dem wütend und (ver)quer um sich beißenden Album-Brocken „Daisy“ daher kommen und all die düsteren, geradezu apokalyptischen Schauer und Vorahnungen auch mal zur Akustischen anbieten (während die Band anderswo, wie im grandiosen Song-Doppel aus „137“ und „Out Of Mana“, mit Gitarren-Soli-Ausbrüchen aufwartet), beweist, wie sehr Brand New über die Jahre als Band gewachsen sind. Dass Lacey im finalen „Batter Up“ noch wiederholt „It’s never going to stop“ verspricht, dürfte zwar für die nach wie vor ungebrochene Anziehungskraft der Brand New’schen Stücke gelten, nicht jedoch für die Zukunft der Band. „Science Fiction“ ist ein leider definitiver Schwanengesang. Und zum Glück einer, dessen Wirkung auch über Jahre nicht nachlassen wird…
Das am sehnlichsten erwartete Album des Jahres. Mein liebster deutschsprachiger Liedermacher. Die Erwartungshaltung an das neue, dritte Album von Gisbert zu Knyphausen hätte – auch durch das vorab veröffentlichte Titelstück – kaum höher sein können…
Vieles hat sich seit dem letzten, 2010 erschienenen Werk „Hurra! Hurra! So nicht.“ verändert. Und am meisten wohl Knyphausens Sichtweise auf das Leben selbst. Schuld daran dürften vor allem der plötzliche Tod seines Freundes Nils Koppruch im Jahr 2012 (kurz zuvor hatten beide noch als Kid Kopphausen noch ein gemeinsames Album in die Regale gestellt) sowie Knyphausens darauf folgendes, selbstgewähltes zeitweises Verschwinden in die musikalische Versenkung, welches er fürs Reisen und Gewinnen neuer Perspektiven und Eindrücke nutzte, gewesen sein.
Herausgekommen ist mit „Das Licht dieser Welt“ ein Album, das dem melancholischen Grau des Vorgängers nun vermehrt lichtdurchflutete Anstriche verpasst und mit „Teheran Smiles“ und „Cigarettes & Citylights“ sogar erstmals englischsprachige Songs aus der Feder des Liedermachers enthält. Für all jene wie mich, die sich über die Jahre so tief und fest in die Melancholie der Vorgängerwerke eingelebt haben, mag der 2017er Gisbert zwar Einiges an Gewöhnungsbreitschaft erfordern, wer jedoch, wie bei „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“, dem großen Tribut an seinen Freund Nils Kopproch, nicht mindestens ein Tränenlächeln im Mundwinkel sitzen hat, dürfte aus Stein sein. Willkommen zurück, Gisbert!
Besser, effektiver, überraschender und ungewöhnlicher durchgerockt als das Trio aus dem belgischen Leuven hat mich 2017 keine Band. Nuff said. Hörbefehl!
Joshua Michael Tillman ist schon ein eigenartiger Kauz. Erst setzt sich der US-amerikanische Musiker jahrelang bei anderen hinters Schlagzeug (unter anderem in der Begleitband von Damien Jurado oder bei den Fleet Foxes), veröffentlicht nebenher etliche Alt.Country-Kleinode, die – trotz ihrer Großartigkeit – freilich unter dem Radar liefen, um dann ab 2012 als Father John Misty den groß angelegten Alleingang zu wagen. Das brachte ihm und den galant zwischen Seventies-California-Rock und Dandy-Chanson pendelnden Songs der ersten beiden Alben „Fear Fun“ (2012) und „I Love You, Honeybear“ (2015) zwar den Ruf des Kritikerlieblings ein, die breite Billboard-Masse fühlte sich von der Reichhaltigkeit seiner Werke jedoch – scheinbar – überfordert.
Ob sich das mit „Pure Comedy“ ändert? Darf bezweifelt werden. Besonders was die Texte betrifft – sind auch 2017 die ein- wie ausladenden Stücke des Fathers alles andere als leicht verdaulich. Denn Tillman geht es um nicht weniger als den Nukleus aus menschlich-philosophischer Existenz, apokalyptischen Vorahnungen und gesellschafts- wie konsumkritischer Revueschau, musikalisch versetzt mit Piano-Pop á la Billy Joel oder verschrobenem Songwriter-Folk wie einst bei Gram Parsons. Darf’s ab und zu noch eine Schippe Orchester-Pomp oder dicke Big Band-Soße sein? Aber gern doch! Und so tänzelt Josh „Father John Misty“ Tillman während der 75 Albumminuten scheinbar spielerisch zwischen tonnenschwer-kritisch und unterhaltsam-federleicht. Zum Entertainment-Gesamtpaket gehören auch die teils weirden Musikvideos zu „Total Entertainment Forever“ (in dem der einstige Kinderstar Macaulay Culkin als Kurt-Cobain-Verschnitt ans Kreuz genagelt wird, während Tillman seinerseits den Ronald McDonald gibt), zum Titelstück (eine Collage als bildhafte politische Gesellschaftskritik), zu „Things It Would Have Been Helpful To Know Before The Revolution“ (ein wunderbar geratenes Animationsvideo) oder „Leaving LA“ (ein passend intimer Clip zum mantraartigen 13-Minüter, welcher den Father im Studio zeigt). Und als wäre das noch nichts, hat der scheinbar um Dauerbeschäftigung bemühte Kreativling „Pure Comedy“ noch ein 25-minütigen Kurzfilm zur Seite gestellt, bevor im kommenden Jahr bereits das nächste Album erschienen soll… Der allumfassende Wahnsinn.
Wer ein Prise zuviel an reichhaltig instrumentiertem Indiepop, mehrstimmigen Chören und hippie’esk duftendem Pathos nicht scheut, für den war (und ist) „Dear Bigotry“, das dritte Werk der zur Band angewachsenen Norweger des Einar Stray Orchestra, ein gefundenes Fressen.
Und: Kaum ein Song bringt auch Ende 2017 die bedrohlich schiefe Weltlage besser zum Ausdruck als „As Far As I’m Concerned“. Isso.
Mit den Songs ihres 2015 erschienenen Debütalbums „Sprained Ankle„, die die oft spröde aufleuchtende Intimität eines Jeff Buckley mit der teils bitteren Melancholie eines Elliott Smith vermengten, setzte eine aus Memphis, Tennessee stammende junge Newcomerin namens Julien Baker gleich mehrere Ausrufezeichen.
Mit dem zweiten Album „Turn Out The Lights“ setzt die 22-Jährige nun diesen Weg fort. Und während sich der Großteil der Stücke des Debüts noch musikalisch auf ihrer Fender Telecaster abspielte, entlädt die Musikerin all ihren juvenilen Herz- und Weltschmerz auf dem Nachfolger vornehmlich auf den weißen und schwarzen Tasten ihres Pianos. Anders, jedoch keineswegs schlechter. Und immer noch herzerweichend intim, herzzerreißend groß.
Mittlerweile sieht auch die Band selbst es so ehrlich: Mit dem 2012 erschienenen Album „Zwischen den Runden“ war – zumindest vorerst – die Luft raus.
Also legten die fünf Hamburger eine Bandpause ein, während derer sich ihr Chef Marcus Wiebusch auf seine Solo-Karriere konzentrierte und als Ergebnis das formidable Album „Konfetti“ (Platz 4 in ANEWFRIENDs Bestenliste 2014) veröffentlichte, auf dem der ehemalige …But Alive-Punker einmal mehr verstärkt die Finger in gesellschaftliche Fleischwunden legte.
Selbiges tun nun auch Kettcar wieder. Und spätestens mit dem ebenso großartigen wie ungewöhnlichen und wichtigen Song „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ weiß man, wie sehr diese Band und ihr Pathos, ihr mahnender Zeigefinger, ihr Nicht-damit-anfinden der bundesdeutschen Indie-Szene gefehlt hat…
Verschrobener Singer/Songwriter-Pop made in Germany. Was bereits 2015 als vielversprechender Geheimtipp begann, findet in diesem Jahr – und mit den zehn Stücken des Debütalbums „Supersadness Intl.“ – seinen vorläufigen Höhepunkt.
Hinter dem eigenartigen Bandnamen steckt – ganz frei von Glamour – Rudi Maier, einst Teil des bayrischen Indie-Rock-Duos The Dope (welches ja seinerzeit selbst nie über den Status eines Geheimtipps hinaus kam). Und zaubert mal eben Songs wie das längst bekannte „Luxembourg“ oder die faszinierende Bonnie-und-Clyde-Lovesory „Bodyguards“ hervor…
Einen Extrapunkt heimsen Burkini Beach für die schönste Albumverpackung ein: Zwar wurde das Debüt (bislang) nur digital veröffentlicht. Wer jedoch via Bandcamp für verhältnismäßig schlanke 15 Euro zuschlägt, bekommt zum Download-Code noch ein fein aufgemachtes, 48-seitiges Hardcover-Buch mit dazu. Toppy!
Die wütenden Punkpopper um Frontmann Jörkk Mechenbier lassen auch 2017 mit ihrem mittlerweile vierten Album „Nichts ist neu“ nicht nach und machen ebenso unnachgiebig wie unnachahmlich beinahe genau da weiter, wo Love A mit dem formidablen Vorgänger „Jagd & Hund“ anno 2015 aufgehört hatten.
Die zwölf neuen Stücke schlagen sich durchs Feld des „Wir schaffen das!“-Palavers von Mutti Merkel oder der selbstgerechten Wutbürgerei von Petry, Gauland, von Storch, Höcke und Konsorten und bieten all jenen eine Stimme, die viel zu oft durchs gesellschaftliche Raster fallen. Da poltert das linke Punkerherz freudig-fies gegen den Takt, während Mechenbier schon wieder Gift und Galle spuckt! Wichtig.
Es bleibt zwar dabei: Auch im 18. Bandjahr können Matt Berninger und Co. kein wirklich schlechtes Album veröffentlichen. Allerdings muss ich ebenso feststellen, dass ich auch nach mehreren Hördurchgängen – und trotz dem ein oder anderen tollen Einzelsong wie „Day I Die“ oder „Carin At The Liquor Store“ – nie so ganz warm mit dem im September erschienenen siebenten The National-Werk „Sleep Well Beast“ werde. Dafür verfranzt sich die fünfköpfige Band aus dem US-amerikanischen Cincinnati, Ohio auf ihrem neusten Album einfach zu oft im halbgaren Experiment, welches jedoch – und da liegt wohl der musikalische Hund begraben – viel zu oft ins Nirgendwo führt. Da kann auch eine Weltstimme wie die von Matt Berninger nix mehr rausreißen…
Ähnliches gilt auf für Casper, dessen letzten beiden Alben „XOXO“ und „Hinterland“ ja 2001 beziehungsweise 2013 noch in meinen persönlichen Top 5 landeten.
Doch mit „Lang lebe der Tod“, welches bereits 2016 erscheinen sollte, bevor der Wahl-Berliner „Emo-Rapper“ die Veröffentlichung schlussendlich um ein komplettes Jahr verschob, werde ich nicht so richtig warm. Klar, die Trademarks des gebürtigen Bielefelders sind noch immer da: Benjamin „Casper“ Griffeys raue Stimme, die mal dicke Instrumentierung aus der Studiokonserve, mal via rockigem Bandsound nach vorn gepeitschten Songs. Und, wenn man so möchte, sind auch die Stücke selbst, in denen sich Casper auf Missstände im Jetzt, draußen in der Welt, aber auch im eigenen seelischen Milieu konzentriert, gut. Aber eben nur: gut. Das Gesamtbild von „Lang lebe der Tod“ wankt irgendwie unrund daher. Hat sich die verlängerte Wartezeit hierfür gelohnt. Leider nein. Leider gar nicht.
„Zu poppig für die Punker, zu punkig für die Indiedisko, aber trotzdem ganz gut“ – so beschrieb Bassist Dominik Mercier einst den Sound der Band, die sich 2010 als Love Academy gründete. Der Bandname wurde jedoch wegen „markenrechtlicher Bedenken“ noch vor Veröffentlichung des ersten Albums „Eigentlich“ (2011) in Love A abgekürzt. Seit ihrem Erstling ist der Trierer Vierer beim Hamburger Indie-Label Rookie Records unter Vertrag, das unter anderem auch Bands wie Pascow, Keele, Koeter, Die Aeronauten oder Schreng Schreng & La La, seines Zeichens das zwar musikalisch ruhigere (da vornehmlich auf Akustikgitarre schrammelnd), jedoch kaum angepisstere Nebenprojekt von Love-A-Frontmann Jörkk Mechenbier, eine Veröffentlichungsheimat bietet.
In der Folgezeit produzierten Jörkk Mechenbier (Gesang), Stefan Weyer (Gitarre), Dominik Mercier (Bass) und Karl Brausch (Schlagzeug) mit „Irgendwie“ (2013) und „Jagd und Hund„, welches sich völlig zu recht in ANEWFRIENDs 2015er Jahres-Bestenliste wiederfand, zwei weitere Alben und waren auch für Kollaborationen mit befreundeten Bands immer wieder gern zu haben. So entstanden etwa zwei Split-Singles mit Frau Potz und Koeter sowie ein Song mit den Flensburger Grummel-Punkern von Turbostaat. Und; Ja, gerade letztere Band kann getrost man als Love As grimmige „Brüder im Geiste“ bezeichnen und wird gerne als Vergleich herangezogen, wenn es um den mal zackigen, mal schroff-stürmischen, aber immer angepisst und aus Gründen unzufriedenen Sound von Love A geht. Die Texte wiederum stammen seit Jahr und Tag aus der Feder von Sänger Jörkk Mechenbier, geraten nicht selten wütend bis zynisch und legen gefühlt gleich mehrere salzgetränkte Finger in so ziemlich alle Wunden der Gesellschaft. Und für all jene, die nicht fühlen können, bleibt das Hören, denn Mechenbiers unverkennbare und fordernde Sprechsing-Stimme unterstreicht das noch zusätzlich.
Mit Sachen wie Altersmilde oder Gesetztheit mag es zwar herzlich wenig zu tun haben (so etwas wird bei den vier (Exil-)Trierern wohl nie einsetzen), jedoch springen die zwölf Stücke des im Mai erschienenen neuen, vierten Love-A-Albums „Nichts ist neu“ (sic!) dem Hörer zwar noch immer lauthals geifernd um die Ohren, haben einen guten Teil des bewussten Ätzens, welches anno 2011 auf dem Debüt noch Gang und Gebe war, eingebüsst. Schlimm? Nope. Stattdessen poltern diesmal Anklänge an Postpunk und New Wave durch die Songs, auf deren noch immer düstere Grundstimmung selbst Ian Curtis oder Peter Hook mit von Stolz geschwellter Brust und von Seelenpein gebücktem Rücken durchs englische Manchester-Grau-Grau getrottet wären. Und der Pop wird von Love A auf „Nichts ist neu“ freilich noch immer fies polternd auf linke Punkerherz gezogen. Tristesse royale – auch 2017 stellen sich Jörkk Mechenbier und Co. als persönlich-musikalische Antithese zum „Wir schaffen das!“-Palaver von Mutti Merkel oder der selbstgerechten Wutbürgerei von Petry, Gauland, von Storch, Höcke und Konsorten auf die Indieclubbühnen der Bundesrepublik. Gesellschaftliche Veränderung? Schön wär’s…
Die erste, bereits im Februar erschienene Single „Nichts ist leicht“ kam dann jedoch mit einem Musikvideo daher, dass den Zuschauer/Zuhörer an einen Ort mitnimmt, welcher kaum ferner von all dem gesellschaftlichen Irrsinn, der in so ziemlich jedem Love-A-Song das Topos bildet, entfernt sein könnte: in die schwedische Finmark, also mitten in die Natur.
Es erzählt die Geschichte eines jungen Husky-Trainers. Sein Name ist Espen Falter, er ist dreizehn Jahre alt und er hat das Training von seinem Vater Stefan übernommen, der schwer verletzt wurde, als das Haus seiner Familie in Brand geriet. Stefan musste in ein künstliches Koma versetzt werden. Love A dazu: „In der Zwischenzeit organisierten seine Lebensgefährtin Helena und Espen Freunde, die sich um die Hunde kümmerten. Während sich Stefan langsam ins Leben zurück kämpfte, übernahm Espen das Training der Huskys. Mittlerweile leben sie in einem neuen Haus, mitten in der Natur, mit neun ausgewachsenen Schlittenhunden und über einem Dutzend Welpen. Sie trainieren die Tiere jetzt gemeinsam.“ Falls ihr mehr über die Protagonisten des Videos wissen wollt: Hier entlang, bitte.
„Ich hab’s versucht Ja, beinahe jeden Tag Aber es will mir nicht gelingen Ich kann nicht sein wer ich bin Weil ich weiß was ich weiß Und ich weiß, das muss seltsam klingen
Aber es ändert sich so gar nichts Und es macht alles keinen Sinn Und ich änder‘ mich so gar nicht Weil das überhaupt nichts bringt
Wär so gerne wie die Anderen Die, die scheinbar funktionieren Aber anstatt die Nerven zu behalten Bin ich kurz vorm Explodieren
Nichts ist leicht Nein, das hab‘ ich nie gesagt Aber es häufen sich die Dinge, die mich komplett zerstören Weil ich bin wer ich bin Und ich weiß das muss abartig klingen
Aber es ändert sich so gar nichts Und es macht alles keinen Sinn Und ich änder‘ mich so gar nicht Weil das überhaupt nichts bringt
Dinge, über die ich mich selbst wundere, Teil 1034: dass ich im vergangenen Jahr nie das noch immer tolle „Ekel & Abscheu“ zum „Song des Tages“ gemacht habe.
Zwar ist das Stück nur eines von vielen richtig guten auf „Echtholzstandby„, dem im April 2016 erschienenen zweiten Album von Schreng Schreng & La La, seines Zeichens wiederum das Nebenprojektbaby von Jörkk Mechenbier, und doch passt „Ekel & Abscheu“ mit seiner expliziten Wortwahl auch 2017 noch zur unterschwellig latent aggressiven Stimmung, welche aktuell sowohl in Deutschland als auch anderswo in der Welt herrscht: „Männer küssen Männer im Bus / Und irgendein Depp meint, dass er was sagen muss / Weil er, weil er – ich weiß es nicht / Vielleicht einfach ein Arschloch ist“, heißt es schon zu Beginn. Auch im Folgenden charakterisiert Mechenbier jene gerade beim „Besorgte Bürger“-Klientel von AfD bis Pegida oft angetroffenen Leute treffend, die „ignorant aus Tradition“ ihren Mitmenschen gegenübertreten: „Mir ist immer alles scheißegal, aber diese Menschen hass‘ ich wohl“, blickt Mechenbier den Homophobikern und Kulturskeptikern am Ende des Refrains in den Kopf.
Im dazugehörigen Musikvideo unterstützen zahlreiche Freunde und Kollegen Schreng Schreng & La La: Diverse Personen halten Zettel mit Anti-Homophobie-Sprüchen in die Kamera, darunter auch Jupiter Jones, Adam-Angst-Vorsteher Felix Schönfuss, Tilman Benning (tigeryouth) und Donots-Frontmann Ingo Knollmann.
Apropos Jörkk Mechenbier: die meist akustisch-reduzierten Töne, die er mit Schreng-Schreng-Kompagnion Lasse Paulus anstimmt, kennt man zwar von seiner Hauptband Love A nicht (die machen ja eher so Punkrock mit ordentlich Wumms in den Saiten und Becken), aber auch da gibt der Mann textlich ordentlich Breitseite, dass es sich gewaschen hat – und das ist gut und wichtig. Nachzuhören etwa auf dem vor wenigen Tagen erschienenen vierten Love A-Album „Nichts ist neu„, dass ich, wie auch schon seine Vorgänger, nur wärmstens empfehlen kann.
„Frauen küssen Frauen im Fernsehen Und wenn das Radio dann darüber spricht Rufen sie an und sagen ihre Meinung Und ich merk‘, die merk‘ ich mir lieber nicht!
Männer küssen Männer im Bus Und irgendein Depp meint, dass er was sagen muss Weil er, weil er – ich weiss es nicht Vielleicht einfach ein Arschloch ist
Die Leitung lange und die Zündschnur zu kurz Und ignorant aus Tradition Mir ist immer alles scheißegal Aber diese Menschen hasse ich wohl Immer jede Menge Meinung dabei Fallen sie gerne mit der Tür ins Haus Ohne zu wissen, wer eigentlich da wohnt
Freunde sind nur Freunde, wenn sie sich kennen So wie du und ich Das Geheimnis ist das Kennenlernen Aber lernen wollen viele nicht Fremde bleiben Fremde, wenn für dich Nur die Angst und der Zweifel spricht Weil du selbst nicht weißt, was du sagen sollst Sagst du jetzt besser nichts
Die Leitung lange und die Zündschnur zu kurz Und ignorant aus Tradition Mir ist immer alles scheißegal Aber diese Menschen hasse ich wohl Immer jede Menge Meinung dabei Fallen sie gerne mit der Tür ins Haus Ohne zu wissen, wer eigentlich da wohnt“
Zunächst einmal ist das, was Tilman Benning aka. Tigeryouth zu seinem Stück „Mammon“ zu sagen hat, ebenso auf den Punkt, was das Verhältnis des heutigen Indie-Musikers zum „wahren Leben“ betrifft, wie entwaffnend ehrlich:
„Es ist immer einfach, diesen Punk-Ethos vor sich herzutragen und so zu tun, als wär‘ einem die Kohle scheißegal. Irgendwann musst du sie trotzdem verdienen, die Rechnungen zahlen sich nicht von alleine. Das ist eine Einsicht, für die ich recht lange gebraucht hab‘. Ein dickes Dankeschön an meine Eltern, für die Unterstützung und eine riesige Entschuldigung für all die Sorgen.
Ich sehe nicht ein, etwas anderes zu machen, als Musik. Nicht nach fast 500 Shows in den letzten sechs Jahren, meinem Label Zeitstrafe im Rücken und so vielen weiteren Menschen, die an mich und meine Musik glauben und dabei helfen, dass ich das machen kann, was ich mache. Also schlage ich mich zwischen den Konzerten, Proberäumen und Studios mit Nebenjobs durch, verkaufe hier Eis, bau‘ da ’ne Bühne auf, trete in U-Bahn-Schächten auf und versuche, das Musik-Ding nach meinen eigenen Regeln dahin zu bringen, dass ich irgendwie davon leben kann. Deswegen fahre ich ab dem Release meines neuen Albums für vier Monate auf Tour. Die Rechnung ist ja ganz einfach. DIY-Shows werfen nicht viel Kohle ab und ich hab‘ keinen Bock, den Menschen, die seit sechs Jahren Shows mit mir organisieren, jetzt mit Festgagen und Verträgen zu kommen. Aber wenn ich für vier Monate auf Konzerten Verpflegung & Schlafplätze habe, also so gut wie keine Kosten, summiert sich das, was an Kohle überbleibt. Mal gucken, was nach der Schuldentilgung übrig bleibt. Den nächsten Job für die Zeit nach der Tour hab‘ ich schon. Immer an der Leine!“
Denn es stimmt ja: Auch als jemand, der gern 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche mit seinem schnöd-schönen Hobby Musikmachen verbringen würde, muss man ja irgendwann essen, leben, Miete und sonstige Rechnungen zahlen. Daher, dafür muss das Geld irgendwie zusammen kommen. Und das wird für all jene, die eben keine Songghostwriter für Plastikprinzessinnen á la Helene Fischer und Konsorten sind, bereits nach kurzer Zeit zu einem echten Problem. Also hilft nur eines: das Hobby doch zum guten Teil Hobby sein lassen, sich mit Broterwerbsjobs durchhangeln, über Wasser bleiben (was sich unromantisch lesen mag, ist auch 2016 die fiese Fratze der Realität). Das kenne ich als alleinunterhaltender Schreiberling dieses bescheidenen Blogs (welcher sich auch bereits in seinem fünften Jahr befindet) ebenso wie Tilman Benning.
Umso schöner ist es, dass es Musiker wie Benning gibt. Denn der gebürtige Ibbenbürener, aus dieser Stadt in Westfalen unweit der holländischen Grenze, die man in musikalischen Gefilden auch als Heimat der Donots kennt, weiß wohl eine ganze Menge übers Durchhalten, über Weitermachen, über das Irgendwie obwohl man sich manchmal schon fragt, warum. Und auch über die Liebe zur Musik.
Wieviele Konzerte Tilman Benning, der sich bereits seit mehr als sechs Jahren als Tigeryouth in kleinen Clubs von Hamburg bis Stuttgart, von Köln bis Dresden den sprichwörtlichen Arsch abspielt, in all der Zeit absolviert hat, wird der Typ, der vor vielen, vielen Jahren „mit Filzmatte auf’m Kopf in der schlechtesten Grunge-Band der Stadt“ als Bassist („Der Bassverstärker war aber auf Konzerten nicht an.“) seine ersten Gehversuche unternahm, um schon bald eigene Stücke auf der Akustischen zu schreiben und sich in Fußgängerzonen zu stellen, wohl selbst kaum mehr wissen. Offensichtlich ist zumindest, dass das Unterwegssein seine Spuren hinterlassen hat, dass sich die Musik von Tigeryouth seit dem 2014 erschienenen Debüt „Leere Gläser“ ein klein wenig aus der stillen Singer/Songwriter-Ecke weg und hinein in den ranzigen Punkschuppen entwickelt hat, denn anders als noch vor zwei Jahren hört man auf dem jüngst erschienenen selbstbetitelten Zweitwerk nun ab und an Schlagzeug oder E-Gitarren im Hintergrund. Unverkennbar ist Bennings raues, stets ein bisschen verkatert daher torkelndes Gesangsorgan ja sowieso, und die Songs ebenso windschief wie ehrlich und kurz gefasst (nur zwei Mal wird auf „Tigeryouth“ die Drei-Minuten-Marke geknackt). Dass – neben seinem Label Zeitstrafe (u.a. auch Captain Planet, Matula, Adolar oder Escapado) – auch einige Leute aus der deutschen Indie-Szene an den Punk-Jungen mit der Gitarre und mehr Haaren um den Mund denn auf den Kopf glauben, zeigt die Gästeliste des neuen Albums, auf der sich unter anderem auch Jörg Mechenbier (Love A) oder Jan Arne von Twistern (Captain Planet) wiederfinden. Und all die Songs über Heim- und Fernweh, über Abende an langen Tresen, über die Wutbürger in Nord, Ost, Süd und West, über die Leere im Portemonnaie und die Angst vorm Morgen, über das Leben im Kleinen und lose Träume im Großen tun einfach gut. Plus: Einem Mann, der Brand News Meisterwerk „The Devil And God Are Rating Inside Me“ an die Spitze seiner Top-5-Platten setzt, würde ich eh alles abkaufen. Umso schöner, wenn es sich um mit einer Extraportion Herzblut und Attitüde vorgetragenen Akustikpunk handelt.
Wer mehr über Tilman Benning aka. Tigeryouth wissen mag, dem sei diese Kurzdoku von Mario Borgmeier / POM an Herz gelegt:
Auch neu und toll: das Musikvideo zu „Herz schultern“, welches sich ebenfalls auf dem neuen Album befindet: