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Sunday Listen: Jenny Berkel – „These Are The Sounds Left From Leaving“


Obwohl doch beileibe keine Newcomerin mehr, mag Jenny Berkel in unseren Breiten – und selbst unter eingeweihten Singer/Songwriter-Connaisseuren – noch kein „Household Name“ sein. Verwundert das? Nun, ein wenig schon.

Denn immerhin ist es bereits satte zehn Jahre her, dass die in London, Ontario beheimatete kanadische Songwriterin ihr Debütalbum „Here On A Wire“ veröffentlicht hat. Selbigem ließ sie im vergangenen Jahr „Pale Moon Kid“ folgen, dazwischen lag noch eine EP – und der Poetik hat sie sich als Dichterin ebenfalls verpflichtet. Überhaupt: das Lyrische. Die Verbindung zwischen Poesie und Musik funktioniert auch auf Berkels neustem Werk „These Are The Sounds Left From Leaving“ in durchaus überragender Form. Das mag vor allem mit den Umständen der Entstehung der zehn neuen Stücke zusammenhängen, welche ihrem Plan, eine leichte, beschwingte und unbeschwerte Platte zu machen, einen dicken Strich durch die Rechnung machten: “Ich habe das Album in einer winzigen Wohnung geschrieben, zu einer Zeit, als sich alles groß und überwältigend anfühlte”, sagt die Musikerin. Und meint weiter: “Die Songs selbst sind eine Studie über Nähe, die große Ängste in kleine Räume bringt.“

Hört man nun ihren dritten Langspieler, so besteht – bei aller Ernsthaftigkeit – durchaus Hoffnung, dass Berkel mit diesem nun endlich auch in Deutschland einem etwas größeren Publikum bekannt bekannt werden dürfte. Das lässt sich schon alleine daran festmachen, dass hier keiner der ebenso leichtfüßig wie transparent inszenierten Folk-Pop-Songs musikalisch in besonderer Weise als klares Highlight herausragt, sondern jedes einzelne der zwei Handvoll Stücke auf insgesamt recht hohem Niveau seinen eigenen Reiz zu entwickeln weiß.

Wie sicher sich die Musikerin inzwischen in ihrem Bestreben ist, ihre Songs zwischen düster und hoffnungsvoll, transparent und opulent, intim und raumgreifend, leise und bestimmt, geradlinig und vertrackt auszubalancieren, zeigt auch der Umstand, dass sie – zusammen mit Dan Edmonds und dem auch als Musiker in Erscheinung tretenden Ryan Boldt (Deep Dark Woods) – erstmals selbst produktionstechnisch Hand anlegte und sich dabei von Colin Neales schwindelfreie, luftige Streicherarrangements schreiben ließ, die viel Raum für ihre beeindruckend klare und durchsetzungsfähige Alt-Stimme bieten.

Tatsächlich erinnert das Setting an nicht wenigen Stellen an das, was weiland Joe Boyd für den großen, jedoch viel zu früh verglühten Trauer-Troubadour Nick Drake leistete. Diverse Gitarren, Piano, Mellotron, Wurlitzer-Orgel, Bass, Schlagzeug und Streicher – hier wird ein durchaus breites Instrumentarium aufgefahren, über welchem Berkels wohltuend graziöse Stimme ruht. Und auch der Vorwurf, den Kenner der Songwriterin bislang ungestraft machen durften – nämlich dass alle ihre Stücke im gleichen balladesken Gleichstrom-Setting angesiedelt seien – gilt ab diesem Album nicht mehr, denn obwohl Jenny Berkel natürlich noch immer keine derb drauflos prügelnde Rockmusik macht, gibt es mit „Kaleidoscope“, welches mit seinen wehmütigen Streichern die nachdenkliche Wirkung noch unterstreicht, mit „July“ und dem Trennungslied „Lavender City“ gleich mehrere durchaus munter pulsierende Songs im Mittelteil des Albums, die sich längst nicht mehr als „reine Balladen“ einsortieren lassen. Dem gegenüber stehen schwermütige, recht mystisch verzierte, mit viel Liebe zum feinsinnigen Detail ausgestattete Folksongs wie „Watch You Fade“ oder das walzer’eske „Under A Sky“, während sich „You Think You’re Like The Rain“ ganz der Sehnsucht hingibt oder „Here Comes The Morning“ auf bessere Zeiten hofft.

Klar, besonders erbaulich mag sich das alles nicht gerade lesen. Und: Ja, man sollte schon das richtige Gemüt für diese von tiefer Traurigkeit durchdrungene Platte haben, bei welcher sich die Einsamkeit, die Furcht vor zu großer Nähe, aber auch vor dieser Welt da draußen vor der Wohnungstür, oftmals zwischen verwunschenen Vibrafonharmonien und zarten Gitarrenakkorden verstecken. Und irgendwie haben uns zwei Jahre weltumspannende Pandemie und die zuweilen überwältigende Reizüberflutung, welche auch durch die in ständig schnellerer Abfolge auf uns einprasselnden Katastrophenmeldungen auslöst wird, ja alle mehr oder minder müde und mürbe gemacht, oder? Eben. Da kann einem manchmal für Momente durchaus die Haut dünn und vor allem und im Grunde gar nichts Angst und Bange werden. Wer allerdings vermutet, dass sich Jenny Berkel hier als musikalisches Zitterkaninchen vor der Schlange präsentiert, sieht sich auf angenehme Weise enttäuscht, denn mittels ihrer blumigen, allegorischen Poesie-Sprache findet die Songwriterin immer wieder Wege, ihr Anliegen eher ermutigend in Form von aus der Natur gezogenen Metaphern im Format fiktiver Konversationen (welche teilweise im Zwiegespräch mit sich selbst stattfinden) deutlich zu machen. Und schafft damit berückende Kammerpop-Kostbarkeiten, welche sie hoffentlich baldigst aus der Geheimtipp-Ecke hinausführen werden.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


The Smile – A Light For Attracting Attention (2022)

-erschienen bei XL/Beggars/Indigo-

Ein Blick ins proppenvolle Rock’n’Roll-Lexikon verrät dem interessierten Leser und angehenden Musikhistoriker, dass das Wort „Smile“ in der so langen und an Wendungen reichen Rockgeschichte oft genug von besonderer Bedeutung war. Einerseits trugt die von Gitarrist Brian May gegründete Queen-Vorgängerband diesen Namen. Erst als deren ursprünglicher Sänger Tim Staffell ausstieg und ein gewisser Farrokh Bulsara, welcher sich wenig später den schmucken Künstlernamen Freddie Mercury gab, ihn ersetzte, wechselte man zum royalen Bandtitel und startete eine Weltkarriere. Kaum weniger legendär ist natürlich auch „Smile„, das unvollendete, in vielerlei Hinsicht mythisch verklärte Album der Beach Boys, welches Bandkopf Brian Wilson einige Nervenzusammenbrüche und Jahrzehnte später in etwas anderer Form veröffentlichte. Noch früher, 1936, komponierte Charlie Chaplin ein von Puccinis „Tosca“ inspiriertes Stück titels „Smile“ für seinen Film „Modern Times“, welches einige Jahre später auch einen Text erhielt und wiederum etwas später von Größen wie Nat King Cole oder Michael Jackson gecovert wurde. Und nun machen sich weitere – man darf sie wohl auch „Legenden“ nennen – Musiker ans Werk, um mit ihrem neuen Nebenprojekt The Smile einen frischen Eintrag in den Geschichtsbüchern der Rockmusik zu hinterlassen. Bevor auch nur irgendjemand hier auf den Gedanken kommen könnte, dass Frevelei im Spiel sei, lösen wir denn am besten auch gleich das Ratespiel um die Köpfe dahinter: Hinter jenen The Smile stehen mit Thom Yorke und Jonny Greenwood die vermutlich ausschlaggebenden 40 Prozent von Radiohead (was natürlich höchst nüchtern gemeint ist und keinesfalls despektierlich gegenüber Colin Greenwood, Ed O’Brien und Philip Selway), unterstützt von Tom Skinner, dem Schlagzeuger der vielgelobten britischen Jazz-Gruppe Sons Of Kemet. Produziert wird der recht zwanglos tönende Spaß obendrein von Radioheads Haus- und Hof-Engineer Nigel Godrich. Was kann man von dem Debütalbum „A Light For Attracting Attention“ nun erwarten? Frickelige Radiohead-Mucke mit derber Jazz-Schlagseite? Verkopfte Klänge für beflissene Akademiker? Oder gar poppige Singles mit Niveau?

All das – und irgendwie auch nichts davon. Wer beim Hören des Debütwerks des Trios einen klaren Bruch mit Yorkes und Greenwoods Stammband erwartet, der hat womöglich die im Vorfeld veröffentlichten Songs nicht mitbekommen, denn anhand derer wurde bereits recht früh klar, dass The Smile soundästhetisch auch auf Albumlänge gar nicht so weit entfernt vom Mutterschiff ankern würden. Das mag nicht nur an der musikalischen Orientierung der 13 Songs liegen, sondern vor allem an Yorkes seit eh und je charakteristischer Stimme, die bislang noch jedem Projekt ihren Stempel aufgedrückten konnte (wer’s nicht glauben mag, dem seien etwa Atoms For Peace, Yorkes kurzlebige Experimental-Rock-Supergroup mit Nigel Godrich, Chili-Peppers-Bassist Flea, Schlagzeuger Joey Waronker und Perkussionist Mauro Refosco wärmstens ans Hörerherz gelegt). Bereits der sich langsam steigernde Opener „The Same“ tönt fast mokant nach „klassischen“ 21.-Jahrhundert-Radiohead und versprüht so den „klassischen“ Yorke-Vibe – gut, vielleicht etwas mehr den des Solowerks, aber immerhin. Ganz ähnlich wie beim etwas mehr im elektronischen Experiment angelegten Alleingangsschaffen des 53-jährigen britischen Musikers kommen die unheilvollen Beats hier gefühlt durch alle Ritzen gekrochen, wie feiner Nebel – oder, besser noch, wie Rauch – erfüllen sie den Klangraum, während Yorkes Stimme durch den Äther schwebt. Manche Ohren mag das Ganze an Moderat erinnern, was auch durchaus Sinn ergibt: Mit dem deutschen Eletronica-Trio hat der Radiohead-Frontmann in der Vergangenheit ja auch schon gemeinsame Sache gemacht. Das Komplementär-Stück „The Opposite“ startet hingegen mit nervös-vertrackten Breakbeat-Drums, der Bass vollführt einige Derwisch-Moves und die Lyrics stolpern auch irgendwie ungelenk in die Szenerie: Hier musizieren sich The Smile in einen reichlich weirden Strudel, inspiriert von teutonischem Krautrock, patinierter Psychedelia und ausgelassener Jam-Musik.

Und ganz so, als wäre jeder Song die unmittelbare Reaktion auf den vorangegangenen, steigt die noise-verliebte, gegen Monster wie Jeffrey Epstein lärmende Vorab-Single „You Will Never Work In Television Again“ deutlich geradliniger in die Eisen: So viel Uptempo und ungezügelte Dynamik gab es im weitschweifigen Yorke-Greenwood-Kosmos schon länger nicht mehr – fast meint man, dass sich die beiden hier in Radioheads britrockige Neunzigerjahre zurück rumpeln. „Pana-vision“ wirkt dagegen wie eine düster schillernde Klavier-Etüde, die irgendwann zu „Kid A“-Zeiten mal vom Laster gefallen sein mag. Apropos „Kid A„, apropos „Amnesiac„: Ganz ähnlich wie bei jenem zu Beginn der Jahrtausendwende erschienenem Album-Meilenstein-Doppel musizieren The Smile sich hier – vom London Contemporary Orchestra unterstützt – am apokalyptischen Abgrund entlang und liefern damit wohl bedauerlicherweise wirklich einen passenden Soundtrack zur aktuellen Zeit – einmal mehr, schließlich vertonten Radiohead damals wie kaum eine andere Band sonst jenes so diffus nach Dritten Weltkrieg müffelnde Gefühl nach dem 11. September 2001. Was bei alldem jedoch auch klar wird: Würde auf diesem Album das Etikett „Radiohead“ stehen, man würde es zu keiner Sekunde ernsthaft hinterfragen. The Smile machen so viel nämlich nicht anders. Und der Jazz, den man vielleicht angesichts der Bandkonstellation erwartet hatte? Nun, der mag zwar vorhanden sein, man findet ihn jedoch lediglich in Spurenelementen. Skinner trommelt sich nicht in den Vordergrund, lediglich in den paar temporeicheren Songs setzt er bewusste Akzente. Die ausgeklügelte Rhythmik spielt auf „A Light For Attracting Attention“ dennoch eine durchaus wichtige Rolle.

Am besten wird das Album zur Mitte seiner 53 Minuten hin, wo die wahren, aber stillen Highlights warten: „Speech Bubbles“ ist eine luftige, fast schon zärtliche Hymne, die von Orgeltönen und Yorkes Falsett getragen wird, später gesellen sich Akustikgitarre und Streicher hinzu. Ein fragiles, passenderweise den vorherrschenden Informations-Overkill behandelndes Drama in vier Minuten, das man sich so auch auf der jüngsten, bereits sechs Jahre zurückliegenden Radiohead-Platte „A Moon Shaped Pool“ hätte vorstellen können. „Open The Floodgates“ schlägt in eine ähnliche Kerbe, hier spielen The Smile ihren Außerirdischen-Pop mit jeder Menge Fingerspitzengefühl und einem ausgeprägten Sinn für Arrangements, während es anderswo, bei „The Smoke„, zu ahnungsvoll von Umweltzerstörung dräuendem Text gar Dub-lastig wird. Der wohlmöglich größte Song hier folgt auf dem Fuße: „Free In The Knowledge“ ist eine herrlich entgeisterte, verblüffend geradlinig balladeske Komposition, die schon jetzt zum schönsten gehören dürfte, was Yorke und Co. bislang erschaffen haben (und von Thom Yorke Ende letztes Jahres bereits live und solo dargeboten wurde). Hier kommt auch Greenwoods langjährige Erfahrung als Oscar-nominierter Filmmusikkomponist zum Tragen, denn diese Nummer hat im Grunde alles, was ein Song, der selbst ein kleines Epos sein will, benötigt, um vollkommen aufzublühen. „A Light For Attracting Attention“ bewegt sich also mit dem gebührenden Selbstbewusstsein durch die Stile und Möglichkeitsräume, surft mit sicherer Orientierung durch das Radiohead’sche Koordinatensystem und hat letzten Endes das Zeug, um mindestens eines zu sein: eine zwar kleine, dafür jedoch umso wunderbarere Fußnote in der Geschichte der Rockmusik. Für ein Lächeln außer der Reihe reicht’s allemal.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Nullmillimeter – Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd (2022)

-erschienen bei Fressmann/Indigo-

Manchmal passiert es eben doch. Da erwische ich mich als durchaus erfahrener Rezensent und World-Wide-Web-Schreiberling, der ja sonst kaum um eine weitläufige Umschreibung, um eine in überaus blumige Worte gefasste Empfehlung verlegen ist, dabei, dass mir plötzlich die passenden Buchstabenkombinationen für ein aus allerlei tollen Liedern zurecht gezimmertes Album fehlen. „Was tun?“, sprach Zeus.

Nun, vielleicht sollten die Band, um die es hier eigentlich geht, Nullmillimeter (welche kürzlich bereits hier Erwähnung fanden), und meine Wenigkeit einmal kurz beiseite treten und den Menschen würdigen, ohne den diese Lieder vielleicht nicht die Beachtung finden würden, die ihnen zweifellos gebührt. Daher: Tausend Dank, Wolfang Müller. Der Wahl-Hamburger Liedermacher, der zuletzt mit seinem wundervollen Album „Die Nacht ist vorbei“ zu begeistern wusste, traf nämlich vor nicht allzu langer Zeit die weise Entscheidung, Nullmillimeter für sein eigenes Label Fressmann unter Vertrag zu nehmen. Und stellte dem – keineswegs ein Aprilscherz – am 1. April erschienenen und mit „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd“ ebenso toll betitelten wie im Coverartwork verbildlichten Debütalbum gleich noch so einige wunderbar blumige Worte voran:

„Ich habe gerade das erste Mal das Album ‚Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd‘ gehört, und jetzt renne ich über meine innere Wiese, um alle Gedanken und Gefühle einzufangen, die wie aufgescheuchte Hasen kreuz und quer über das Feld jagen. Hoffentlich erwische ich jeden einzelnen, sonst bleibt der Bericht unvollständig, aber das wird er wohl ohnehin. Bei diesem über einstündigen Sturz in ein Universum aus Wörtern und Musik bleiben alle Bilder verwischt, oder einfacher gesagt: es hat mir das Gehirn raus gesprengt, einmal neu sortiert und wieder sanft zusammengefügt. Und das Herz dazu.

Es gibt eine bestimmte Sorte Sehnsucht, eine ganz eigene Art von Melancholie und Lebensfreude, die nur wenige Menschen in Musik gießen können. Naëma Faika und ihre Band Nullmillimeter haben das geschafft. Jedenfalls bei mir. Während ich auf meinem Sofa lag, die Arme in Blumen-Haltung über mir, und diese 12 Songs über mich ergossen habe, gab es glaube ich keine Emotion, die nicht in mir zum schwingen gebracht wurde. Siehe aufgescheuchte Hasen. Song für Song hat mich am Kragen gepackt, irgendwo hin geschleudert, drei mal um mich selbst gedreht, und bevor ich auch nur ‚toll‘ sagen konnte kam schon der nächste und hat das gleiche nochmal gemacht. Und nochmal. Und nochmal.

Dieses Album ist so tief und so breit wie die Songs lang sind, und ich will gar nicht wissen, wieviele Spuren die Aufnahme-Sessions gehabt haben müssen, um so einen Klang zu erzeugen. Ich schätze mal ein dutzend Kraken wären wahrscheinlich nicht ausreichend, um alle Fäden in den Händen zu halten, aber das Erstaunliche ist, oder das Unfassbare, dass es dieses Dutzend anscheinend wirklich gab, denn alles klingt wie aus einem Guss, all dieses Getöse, Rauschen, Raunen, Flüstern und Kreischen, der Beat, die ständigen unvorhersehbaren Wendungen, ein Sound von Sommerwind bis Orkan, und nur wer diese Arrangements selber gehört hat, kann verstehen, was ich meine. Ich bemühe mich erst gar nicht, hier irgendwelche Band-Referenzen zu zitieren, ich habe eh keine Ahnung von Musikgeschichte. Es muss reichen wenn ich sage: Es ist, als ob meinem einem lebendigen Element beim Tanzen zuschaut. Nur mit den Ohren. Und es hat mich erschüttert bis in die Fingerspitzen.

Normalerweise kommt jetzt die Stelle, an der ein Rezensent Text-Zitate einbaut, um dem Leser eine Vorstellung davon zu geben, was ihn zu erwarten hat. Ich sage nur: Fuck off. Und damit ist alles erzählt. Nur soviel: Es sind keine Songtexte, es sind Geschichten, die jeweils ihren passenden Song geheiratet haben. Und in ihrer Intensität, ihrer Authentizität und ihrer Wucht diesen selber mitreißen, auf die Füße stellen, wieder herumwirbeln und zu Boden sinken lassen. Es ist eine Symbiose, ein Verschmelzen und wieder Auseinandergehen, und manchmal fällt es schwer zu sagen wer den Tanz führt, die Geschichte oder die Musik. Ist das leichte Kost? Auf keinen Fall. Wer als Präludium eine Minute lang nur den Wind rauschen lässt, schreckt vor gar nichts zurück. In diesem Fall: Sich Zeit zu lassen. Zeit ist eine wichtige, wenn nicht DIE wichtigste Zutat dieser so außergewöhnlichen Platte. Vermutlich hat sich das letzte Mal eine Band in den 70ern getraut, ihre Songs so auszuformulieren – und dann auch noch, ohne eine Sekunde zu nerven oder zu langweilen. Aber das Geschenk, dass einem dort gemacht wird, bekommt man nur, wenn man seinerzeit ein Geschenk macht – sich nämlich selber Zeit nimmt, eine stille Stunde, um dieses Album zu hören und einzuatmen. Jetzt habe ich fast alle Hasen an den Ohren.

Das Album zu hören ist, als ob man die quietschende und halb überwucherte Tür zu einem geheimen Garten aufdrückt, der immer größer wird, je länger man in ihm herumwandert. Und der, selbst wenn man an der selben Stelle zweimal vorbeikommt, jedes Mal anders aussieht. Es schimmert, vedreht sich in sich selbst, und explodiert in tausend Farben bevor es sich wieder zusammenfügt und so tut, als wäre das immer schon so gedacht gewesen. Mit einer fast schon quälenden Mischung aus tiefster Rastlosigkeit und sprudelnder Lebensfreude. Was soll ich sagen. Ich habe vor einem Jahr den ersten Song von Naëma gehört, und durch einen wundersamen Zufall haben sich unsere Wege gekreuzt und dazu geführt, dass ich ihr Debütalbum auf meinem Label veröffentlichen darf, und ich freue mich darüber sehr. Denn ich sage das nicht oft, und, je älter ich werde, desto mehr gehen mir Bands und Songwriter auf den Keks, aber das hier, diese Songs, diese Musik, die liebe ich aus tiefstem Herzen. Am Ende also vielleicht dann doch noch ein Text-Zitat:

‚This is a love song. This is your love song.'“

Verbindlichsten Dank für diese mit Herz, Hirn und Hand verfassten Sätze, Herr Müller. Nuff said?

Natürlich könnte man es in der Tat dabei belassen, könnte das Ganze als „nachdenkliche Version von Wir sind Helden“ einordnen (obwohl jene nun keineswegs frei von Grübelei waren), könnte zur weiteren Einordnung noch erwähnen, dass Nullmillimeter keine „Newcomer“ im klassischen Sinn sind, schließlich traten die fünf Musiker der in Hamburg und Berlin ansässigen Band in der Vergangenheit bereits als Teile der Begleitbands von Gisbert zu KnyphausenKid KopphausenStaring Girl, Jochen Distelmeyer, Tom Liwa oder Olli Schulz in Erscheinung. Blutige Anfänger? Musizieren in diesem Fall ein paar Proberäume weiter. Trotzdem dient diese als gefühltes Who-is-who anspruchsvollen deutschsprachigen Liedermachertums in den Referenzraum geworfene Aufzählung bereits als erste Standortbestimmung, wenngleich es Sängerin Naëma Faika, Bassist Frenzy Suhr, die beiden Gitarristen Marcus Schneider und Gunnar Ennen sowie Schlagzeuger Lennart Wohlt durchaus gelingt, höchst eigene (Zwischen)Töne zu treffen.

Dennoch ist dieses Debütwerk keineswegs zur Hintergrundbeschallung geeigneter Radiohit-und-weg-Wohlfühl-Pop für schwache Nerven. Nope, die Songs von „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd“, von denen kaum einer die Fünf-Minuten-Marke unterschreitet und jeder doch seinen ganz eigenen Charakter besitzt, sind nichts anderes als raues, pures, handgemachte Musik gewordenes Leben. Sind ein mal wilder, mal federleichter Ritt durch diese Welt – klar, dass die größtenteils deutschen Texte nicht übertrieben lustig durch die 68 Minuten galoppieren, jedoch auch nicht mit überbordender Traurigkeit gesattelt sind. So rockt etwa „Selbstermächtigung“ als Schnittmenge zwischen schlauer Alltagsbeobachtung und John Lennon’schem Revoluzzertum wie ein vom Insekt wild gewordener Klapper, durch „Nö Du“ ziehen ebenso kraftvolle wie luftige Bläser, in „Graue Schimmel“ gehen selbige ein stückweit mit der Band durch. Anderswo, in „Unstet“, kann man den Einfluss der Hamburger-Schule-Größen Blumfeld nicht nur rauszuhören, sondern sogar aus dem Text herauszulesen: „Die Geschichte von zwei Menschen, schöner Anfang“, heißt es da, bevor die jähen Hoffnungen gesprengt werden: „Doch am Ende ist es immer der Instinkt, der gegen uns gewinnt.“ In „Wenn ich für einen Tag…“ gehen Naëma Faika und Gastsängerin Desiree „DESI“ Klaeukens sogar noch offener mit ihren Einflüssen um: „Ich hätte diesen Song geschrieben, wenn ich für einen Tag Niels Frevert wär‘.“ Apropos „Gastsänger“: Ein weiterer kommt mit dem eh immer gern gehörten Gisbert zu Knyphausen zu „Long Nights“ an Bord – großartig, wie hier das Eddie Vedder-Cover von Faika, ihm und dem instrumentalen Teil der Band hinaus in schwelgerische Roadtrip-Sphären veredelt wird. Geht kaum besser? Wer das annimmt, der bekommt im höchst intimen „Zwillingsschwester“, in welchem sich alles um ebenjene dreht, die „nur ein paar Stunden hier“ war, ein paar wohlige Klöße im Hals spendiert. Ein beklemmender Moment auf einem außergewöhnlichen Album, dessen Vielfalt sich eben erst bei genauerem Hinhören offenbart.

Foto; Promo / Victor Kataev

Es bleibt wohl dabei: Diese Musik, dieses Kaleidoskop aus Euphorie, Empathie, Nackenschlag und pragmatischen Aufbauhilfen, will gehört, will genossen werden. Sie beansprucht deine Zeit – und verdient sich diese mit jeder faszinierenden Sekunde zurück. Mit „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd“ ist Nullmillimeter bereits jetzt eines der tolltollsten (mehrheitlich) deutschsprachigen Alben des Musikjahres gelungen, bei welchem im Grunde der einzige Kritikpunkt ist, dass dem Silberling (bei der Langspielplatte dürfte es wohl ähnlich sein) leider kein Booklet mit Texten beiliegt. Aber wer mag schon auf einem Triumphzug jammern?

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Tim Kasher – Middling Age (2022)

-erschienen bei 15 Passenger/Thirty Something Records-

„Don’t wanna live in the now / Don’t wanna know what I know.“ So hieß es, des Hier und Jetzt ziemlich überdrüssig, anno 2008 auf Cursives „Mama, I’m Swollen“ – Tim Kasher halt, der alte Berufsskeptiker. Ein sorgsam erarbeiteter Status, der auch aus seinen Soloplatten „The Game Of Monogamy“ (2010), „Adult Film“ (2013) oder zuletzt „No Resolution“ (2017) sprach: Liebe, Treue, das potenziell prekäre Künstlerdasein und die Vielzahl von Albträumen, die einem der Alltag nach dem Aufwachen bereitet – es bleibt schwierig. Auch auf Kashers viertem Album „Middling Age„, einer durchaus existenzialistischen Abhandlung über beinharte Themen wie Sterblichkeit und Verlust, die ungewollt in einer Zeit erscheint, in der die Welt mit ganz ähnlichen Problemen kämpft. Wobei dem inzwischen 47-jährigen Musiker aus Omaha, Nebraska, der sonst Bands wie den bereits genannten Cursive oder The Good Life vorsteht, die Erkenntnis dämmert: Heute ist zwar irgendwie doof, aber früher war auch scheiße. Midlife Crisis deluxe quasi, wie es der Titel bereits andeutet, aber immerhin stellt das Cover ein geruhsames Lebensabendidyll unter südlicher Sonne in Aussicht. Oder doch eher in der „Klinik unter Palmen„? Möglich, aber auch egal – erstmal müssen wir uns ja mit der lästigen Realität herumschlagen…

Und die sieht 2022 nicht viel rosiger aus als zu Zeiten von „The Game Of Monogamy“, wenn Kasher in „I Don’t Think About You“ zu reduzierten Klängen mit folkiger Note und Zweitstimme von Cursive-Kollegin Megan Siebe die Mängelliste jahrelangen Zusammenlebens überschlägt: ungelenke Zweisamkeit im Bad, während sie unter der Dusche steht und er auf dem Klodeckel sitzt, lächerlich großes Doppelbett auf Wunsch einer einzelnen Dame, im Streit zerdepperte Hochzeitsgeschenke als brüchiges Unterpfand einer allmählich Risse zeigenden Ehe. Es ist dem Mann mit kredibler „Saddle Creek„-Vergangenheit hoch anzurechnen, dass er – ganz ähnlich wie anno 2004 auf dem großartigen The Good Life-Meisterwerk „Album Of The Year“ – eine so trübe Bestandsaufnahme in ein flockig-trostreiches Stück Americana-Folk einwickelt und mit dem deprimierenden Lebenslauf aus „You Don’t Gotta Beat Yourself Up About It“ genauso verfährt: „We complete education / Then snag a vocation / And then maybe a retirement party / Life’s work and then you die.“ Arbeit tadelt, Songs wie diese keineswegs.

Dennoch: Hätte Kasher das ursprünglich geplante Akustik-Album konsequent in die Tat umgesetzt, wäre aus „Middling Age“ auf Dauer wohlmöglich eine arg spröde, vielleicht sogar fade 40-Minuten-Angelegenheit geworden – und den Dämonen von Kindheit und Jugend, die er hier zuweilen exorziert, nicht gerade angemessen. Wir erinnern uns: Früher war auch scheiße. Zum Beispiel wegen des Serienmörders John Joubert, der in den Achtzigern drei Zeitungsjungen umbrachte und dem damals infantilen Tim solche Angst einjagte, dass er im Traum eine nach dem Killer benannte Band gründete. Entsprechend erinnert „The John Jouberts“ an dessen Opfer und knatscht und rumort ansatzweise im Stil psychotischer Meisterwerke wie Cursives „The Ugly Organ“ oder The Paper Chases „Now You Are One Of Us“ – freilich, ohne vollends deren jeweilige Klasse zu erreichen. Einige tolle Momente hat Kasher, der in diesem Interview mi „SPIN“ mehr zu „Middling Age“ und auf seine bisherige Indie-Karriere zurückblickt, bei seinem neusten Alleingang natürlich trotzdem noch auf der Pfanne.

Etwa das von einem Cello, mystischer Atmosphäre und beklemmenden Singer/Songwriter-Soundscapes ausgestattete „Whisper Your Death Wish“, eine herrlich bedrückende, im Abgang sogar jazzige Episode, das vorwitzige, pointierte „100 Ways To Paint A Bowl Of Limes“ oder den nervösen, an Bläser-Plärren und sägendem Cello geschärften Uptempo-Shuffle „On My Knees“, welcher dem Begriff Gottesfurcht ganz neue Seiten abringt: „Not scared of hell / Went to Catholic school / I found Jesus / To be a terrifying presence in my life.“ Und wenn Kasher, der auf „Middling Age“ einmal mehr seine Fähigkeit, komplexe Themen mit Einfühlungsvermögen, Menschlichkeit sowie Witz zu erforschen (und sich dabei nie übermäßig bierernst nimmt), unter Beweis stellt, schon zu Lebzeiten so lichterloh brennt wie hier oder in der hektischen Selbstoptimierungsparodie „Life Coach“, scheint er nur allzu gut gerüstet für die Kehrwoche im Fegefeuer. Oder eben für die Zukunft als liebenswerter Zombie im wunderbar ausladenden Abschluss „Forever Of The Living Dead“. Against Me!-Frontfrau Laura Jane Grace leidet als zweite Stimme mit, Jeff Rosenstock pflastert den Weg zur Hölle mit einem schmierigen Saxofonen, im Intro und Outro des Albums bringt sich Tim Kashers neunjährige Nichte Natalie Tetro schon mal als Songwriterin der nächsten Generation in Stellung. Für uns mittelalte Säcke bleibt nur der Nachtfrost auf dem Friedhof. Rosige Aussichten, oder? Na denn: ein Prosit auf alles Endzeitliche!

Rock and Roll.

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Song des Tages: Veronica Swift – „Sing“


Bereits im zarten Alter von neun Jahren nahm die in ein musikalisches Elternhaus hineingeborene Sängerin Veronica Swift das Album „Veronica’s House Of Jazz“ auf. Es folgten im Laufe der Jahre ein paar weitere vielversprechende Platten (zuletzt 2019 „Confessions„), später trat sie zudem mit Weichspülern wie dem Jazz-Trompeter Chris Botti oder Traditionalisten wie dem Pianisten Benny Green auf. Wer hört, wie sie gemeinsam mit Wynton Marsalis ein minutenlanges Live-Scat-Solo über „Cherokee“ hinlegt, für den scheint die Sache klar: Die 1994 geborene New Yorker Sängerin gehört zu jener Kategorie von Wunderkindern, die zwar technisch virtuos, aber sonst eher unoriginell tönen. You may call it „Hintergrundberieselung“…

Nun, von diesem möglicherweise etwas vorschnell gefällten Vorurteil kann man sich spätestens mit ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Album „This Bitter Earth“ getrost verabschieden. Sicher: Auch dort singt Swift gewohnt intonationssicher und solistisch versiert einiges an Standard- und Mainstreamware, wie etwa George Gershwins „The Man I Love“ oder ein schmissig-flottes „Youʼre The Dangerous Type”, bei dem sich eine ganze Heerschar anderer Vokalistinnen wohl die Zunge verknoten würde. 

Doch nicht nur wie sie singt, sondern vor allem was sie singt, überzeugt. Denn die 27-jährige US-Jazz- und Bebop-Musikerin zeigt bei der Stückauswahl großes Geschick und löst ein, was das von Dinah Washington entliehene Titelstück verspricht: Hier stellt sich jemand sehr erwachsen und frei von großen Illusionen den Widrigkeiten der Gegenwart, erstellt einen dreizehnteiligen Liederzyklus, der sich mit Sexismus, häuslicher Gewalt, Umweltproblemen, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder den Gefahren von Fake News befasst und somit Merkmale von wegweisenden Klassikern wie Marvin Gayes „What’s Going On“, Kate Bushs „Hounds Of Love“ oder Mary J. Bliges „My Life“ aufnimmt. Und auch wenn bei den zum Großteil bereits 2019 – und somit bevor die Coronavirus-Pandemie die Welt fast völlig zum Stillstand brachte – aufgenommenen Songs gelegentlich Streicher watteweiche Teppiche auslegen und die musikalische Begleitung von einem blitzsauber swingenden Piano-Trio unter der Leitung Emmet Cohens kommt, so fehlt von dem unschuldig-nostalgischen Eskapismus der Vorgänger-Jazzgesangsgeneration um Jane Monheit und anderen doch jede Spur.

„Ich habe seit Jahren darauf gewartet, dieses Album zu machen und wollte, dass es zwei verschiedene Ansätze hat. Ich habe mit der Stellung der Frau in der heutigen Gesellschaft begonnen und wie sie sich verändert. In der zweiten Hälfte wollte ich andere Missstände in der Welt ansprechen, sei es Rassismus oder Fake News. Aber ich beziehe keine politische Position. Ich bin mir mit meinem Publikum sehr darüber im Klaren, dass ich als Künstler bestimmte Themen als Außenstehender anspreche, der hineinschaut.“ (Veronica Swift)

Ganz im Gegenteil: Mit an Zynismus grenzender Schärfe interpretiert Swift mithilfe von energischen Scat-Vocals etwa die Rodgers- und Hammerstein-Nummer „Youʼve Got To Be Carefully Taught“ aus dem Jahr 1949 und dem Musical „South Pacific“, die davon handelt, dass man Kinder früh zu Angst und Hass erziehen sollte, damit sie brav die rassistischen oder religiösen Vorurteile ihres Umfeldes übernehmen. Ganz sanft und naiv wiederum intoniert sie zu akustischer Gitarre den durch die Vokalgruppe The Crystals bekannt gewordenen Carole King-Song „He Hit Me (And It Felt Like A Kiss)“, welcher unverblümt von häuslicher Gewalt handelt. Nur von Armand Hirsch auf der akustischen Gitarre begleitet, setzt Swift mit ihrem Gesang einen Kontrast zu dem bombastisch instrumentierten Original und entlarvt den im Titel angedeuteten Sexismus mit sanften Tönen Auch toll: das gleichermaßen großartige wie unbekannte „The Sports Page“ von 1971 aus der Feder des Jazz-Pianisten und Journalisten Dave Frishberg, welches sich nun wie ein genialer Kommentar zur Donald Trump’schen Fake-News-Pest, vielsagend-hohlem Verschwörungsgeschwurbel und der US-Wahl 2020 anhört. Andere Stücke stammen aus Musicals wie „Bye Bye Birdie“ (1960), „The King And I“ (1951) oder „The Jungle Book“ (1967) – alle möglicherweise durchaus betagt im Alter, jedoch dennoch auch im 21. Jahrhundert mit deutlichem Zeitgeist-Wert. Wenn Swift nach allerlei hervorragendem Changieren zwischen Jazz, R&B, Rock und einer Prise Blues den krönenden Abschluss „Sing“ (im Original vom US-Punkrock-Cabaret-Duo The Dresden Dolls) mitsamt angejazzrockter E-Gitarre als fragilen Aufruf zur Versöhnung mit dem eigentlich Unversöhnlichen intoniert, wird klar: Die USA haben neben Cécile McLorin Salvant nun eine weitere kraftvolle Jazz-Stimme mit einem brillanten Gespür für Subtexte. Ein superbes Konzeptalbum, zu gleichen Teilen beeindruckend, brillant, virtuos, sentimental, verführerisch, voller Emotionen und schlussendlich hochgradig überzeugend. You may not call it „Hintergrundberieselung“.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Caracara – New Preoccupations (2022)

-erschienen bei Memory Music-

Gegen Ende des Jahres 2019 befanden sich William „Will“ Lindsay und seine drei Bandkollegen von Caracara in den letzten Zügen einer Tournee, bei der sie vor einigen der größten Menschenmengen spielten, seit sie die aufstrebende Emo-Rockband aus Philadelphia 2016 gegründet hatten – im Grunde ein Traum, im Grunde das, auf was Lindsay seit seiner Zeit in Highschool-Punkbands hingearbeitet hatte. Dennoch fühlte es sich vor allem für ihn eher wie ein gelebter Albtraum an.

„Ich war mit meinen besten Freunden auf Tour, spielte Musik, die mir wirklich am Herzen liegt, vor dem größten Publikum, das wir je hatten, in Städten, von denen ich nie gedacht hätte, dass es für mich einen Grund geben würde, dorthin zu kommen“, meint Lindsay rückblickend. „Und ich war unglücklich. Ich dachte: ‚Ich hasse das. Ich will nicht hier sein. Die Musik ist mir egal. Ich fühle nichts.'“

Diese Gefühle ergaben für den Frontmann zunächst keinen Sinn. Sie stimmten nicht mit dem überein, was er über sich selbst wusste und was er in seinem Leben wollte. Und doch waren die Gefühle echt, und sie dienten als Weckruf: Will Lindsay musste mit dem Trinken aufhören.

„Ich hatte eine Zeit lang viel über mein Trinkverhalten nachgedacht. Ich habe mir dieselben Ausreden zurechtgelegt wie viele Menschen, die sich in der Endphase einer Beziehung zu einer Substanz befinden“, so Lindsay, dem Ende 2019 schließlich die Ausreden ausgingen und der sich eingestand: „Wenn ich das nicht in den Griff bekomme, verliere ich das Reisen. Ich werde nicht mehr in einer Band mit meinen besten Freunden spielen können. Und das war für mich einfach unverzeihlich.“

Dennoch entschied sich der Sänger und Gitarrist nicht sofort für den kalten Schritt in die Nüchternheit, schließlich hätte die Abkehr vom Alkohol Auswirkungen auf ziemlich alle Bereiche seines Lebens gehabt. Mit einer Band auf Tournee zu gehen, verleitet zum Trinken, gleiches gilt auch für Lindsays verschiedene Broterwerbsjobs in der Dienstleistungsbranche.

„Die meisten Menschen scheinen eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort zu haben, an denen sie trinken, aber bei mir hatte sich der Alkohol in jeden Aspekt meines Lebens eingeschlichen. Alles, was ich tat, beinhaltete das Trinken als parallele Aktivität“, gibt er zu. „Alkohol ist ein fester Bestandteil der Kultur, ist so tief in unser Leben eingebettet. Wenn man die Beförderung nicht bekommt, trinkt man etwas, um sich besser zu fühlen. Und wenn man dann befördert wird, trinkt man, um zu feiern. Ich bin Teil einer Generation, in der die Fähigkeit, ausgiebig zu feiern, fast wie ein Statusmerkmal darstellt. Wer am Ende der Nacht das meiste Gift zu sich nehmen konnte, gilt als Held, und obwohl man intellektuell in der Lage sein mag zu begreifen, wie falsch diese Denkweise sein mag, ist es immer noch so einfach, emotional darin verwickelt zu sein.“

Aber Lindsays Identitätskrise, die durch die Tour ausgelöst wurde, erwies sich für ihn als so etwas wie der letzte Strohhalm. Am 5. Januar 2020 hörte er schließlich komplett mit dem Trinken auf. Die Entscheidung kam zu einem Zeitpunkt, als Caracara (welche ANEWFRIEND bereits 2019 „auf dem Radar“ hatte) gerade in Begriff waren, den Nachfolger des 2017er Debütalbums „Summer Megalith“ und der 2019 veröffentlichten EP „Better“ in Angriff zu nehmen. Lindsay und seine Bandkollegen – Carlos Pacheco-Perez (Keyboards), George Legatos (Bass) und Sean Gill (Schlagzeug) – planten, das neue Album aufzunehmen und dann den größten Teil des Jahres 2020 wieder auf Tour zu gehen. Doch wie so ziemliche alle ihrer Kolleg*innen zwang die Pandemie auch Caracara zu einer ebenso unerwarteten wie langen Pause – was wiederum die Richtung des hervorragenden neuen Albums „New Preoccupations“ änderte.

Während eine Handvoll Songs auf „New Preoccupations“ bereits vor Lindsays Schritt zur Nüchternheit existierten, begann er einige von ihnen, wie etwa „Strange Interactions In The Night“, plötzlich mit anderen Augen zu sehen. In dem hymnischen Stück beschreibt Lindsay, wie er „auf dem Rücken des Teufels wandelt… zwischen dem Runterkommen und dem Rausch“, singt davon, dass er versucht, „das Feuer herunter zu trinken“ und „das Chaos zu betäuben“. Und in der vielleicht aufschlussreichsten Zeile gibt Lindsay offen zu, dass „es eine Version von mir gibt, die ich nicht wiedererkenne“.

„Wenn ich auf den Song zurückblicke, denke ich: ‚Wow, das ist alles hier!‘ Ich habe versucht, mir begreiflich zu machen, dass ich aufhören sollte, lange bevor ich aufgehört habe“, so Lindsay. „Ich bin die letzte Handvoll Songs aus dieser Perspektive und mit dieser Geschichte im Kopf angegangen: Das ist die Geschichte, die ich unbewusst erzählt habe. Wie kann ich das alles zusammenbringen? Was sind die Zutaten, die wir noch brauchen, um eine zusammenhängende Erzählung zu schaffen?“

Obwohl einige der Texte auf „New Preoccupations“ zu den dunkelsten und persönlichsten gehören, die Lindsay bisher geschrieben hat, ist das Album an sich weder als reines Konzeotwerk zu verstehen noch alles andere als grunddüster. Zum einen bleiben Caracara auch auf ihrem zweiten Langspieler jene Art von Band, die in ihren Refrains zum Mitsingen animiert, auch wenn sich ihre Schulterschluss-Zeilen auf dem Papier eher wie bittere Halbdunkelbeichten lesen. Zum anderen wollte Lindsay auf der Platte Klischees von allzu typischen Genesungsgeschichten vermeiden. Sicher, der Alkohol hat ihn in einige dunkle Täler geführt, aber es gab auch genug gute Zeiten, und diese nuancierte Dualität zu umarmen war für ihn der Schlüssel zu einem emotional ehrlichen Kunstwerk.

„Ich liebe Alkohol. Ich liebe das Trinken. Und ich bin dem Alkohol so dankbar dafür, dass er für mich in vielen Situationen eine soziale Stütze war, die es mir ermöglichte, Erfahrungen zu machen, wie zum Beispiel eine wilde Nacht an einem weit entfernten Ort. Ich konnte ein aufregenderer, abenteuerlustigerer Mensch sein. Einige dieser Erfahrungen waren die schönsten Erlebnisse meines Lebens, an die ich immer wieder zurückdenke. Auch wenn es an einem dunklen Ort endete und ich aufhören musste, gibt es immer noch diese schönen, vorbildlichen Momente“, so Lindsay im Rückblick über die ambivalente Wirkung von Alkohol. „Ich möchte auch die wohlverdiente Liebe der Menschen zum Alkohol anerkennen. Ich möchte sagen: ‚Ja, er ist fantastisch.‘ Ich erinnere mich daran, wie toll es ist, und wir dürfen diese Momente durchaus wertschätzen. Sie sind nicht weniger wertvoll, nur weil über ihnen ein trunkener Schleier liegt. All das kann wahr sein – aber man sollte auch aufhören können.“

Lindsay räumt zudem einige Glücksfälle in all dem ein, denn sein persönlicher Tiefpunkt hätte ebensogut auch viel schlimmer ausfallen können. „Wäre das Ende meiner Beziehung zum Alkohol auf eine andere Art und Weise eingetreten, etwa durch einen Krankenhausaufenthalt oder eine Verhaftung, hätte ich vielleicht eine ganz andere Perspektive darauf“, sagt er und fügte hinzu, dass der Zeitpunkt seiner Nüchternheit ihn unbewusst darauf vorbereitet hat, die COVID-Ära zu überstehen. „Als die Pandemie ausbrach, befand ich mich in der Flitterwochenphase. Ich spürte die massive Rückkehr von Dopamin in meinen Körper. Ich hatte die ganze Last der depressiven Seite der Gleichung abgenommen, und ich erlebte die körperlichen Vorteile, wenn man aus der Entzugsphase herauskommt und sich die Chemie wieder einstellt. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es gewesen wäre, wenn ich meinen Alkoholkonsum nicht in den Griff bekommen hätte und die Welt dann stehen geblieben wäre. Ich bin mir sicher, dass ich noch tiefer in den Narzissmus und den Selbsthass hineingerutscht wäre. Es wäre wohlmöglich ein sehr schneller Abstieg gewesen…“

Das „Timing“ der Pandemie ermöglichte es Caracara zudem, langsamer und gezielter an neuen Songs zu schreiben, bevor sie im Mai 2020 gemeinsam mit Produzent Will Yip, der 2019 bereits das Debüt einem Remaster unterzogen hatte, in Philadelphia für etwa einen Monat ins Studio gingen – vorbildlicherweise erst, nachdem man sich vor den Aufnahmen zwei Wochen lang in Quarantäne begeben hatte. Dennoch ist „New Preoccupations“ kein einsiedlerisches Werk geworden – ganz im Gegenteil: Das Album ist voller spezifischer Referenzen, die den Songs ein Gefühl für den jeweiligen Ort geben, von Charleston, South Carolina, bis Belfast in Nordirland. In „Colorglut“ etwa hört Lindsay Songs der Dirty Projectors in einem Volvo auf einem Freeway irgendwo im nirgendwo in Maryland, in „Ohio“ beschreibt er jemanden, der den Kopf aus einem Autofenster im Lincoln Tunnel steckt.

Die Anspielung auf „Ohio“ bezieht sich allerdings eher auf die Stimmung des Songs als auf den Text. Der fast sechsminütige Song war zunächst ein reines Instrumentalstück, bei welchem die Band eine reichhaltige, dynamische Klangpalette für Lindsays zukünftige Texte schuf. „Ich wollte, dass der Song an einem kalten, blauen, aber auch hellen Ort beginnt und dann in eine wärmere, rosafarbene, vielleicht allzu nostalgische Version der Vergangenheit übergeht. Und wenn ich nostalgisch werden will, ist der erste Ort, an den ich mich begebe, der Vordersitz meines Honda CRV, wenn ich in den Hocking Hills herumfahre“, erzählt Lindsay, der davon singt, „auf kaputten Straßen zu fahren und die Haut abzustreifen“. „Es ist ein Song über die Komplexität des Wegziehens von dem Ort, an dem man aufgewachsen ist – und über die gemischten Gefühle darüber, wo man gelandet ist, wo man herkommt und wie es sich im Laufe der Zeit verändert hat. Ich meine, ‚Ohio‘ ist in vielerlei Hinsicht gewachsen, hat sich in anderer Hinsicht jedoch auch zurückgezogen.“

Vor allem im Vergleich mit dem nunmehr fünf Jahre zurückliegenden Debütwerk schaffen es Caracara auf „New Preoccupations“, ihren ohnehin bereits einnehmenden, beständig zwischen Indie Rock, Post Rock und Post Hardcore pendelnden Bandsound noch weiter zu verfeinern – ein Kraftakt, an dem wohlmöglich auch Will Yip einen entsprechenden Anteil haben dürfte, der in Szene-Kreisen schon länger als „Rick Rubin des Post Hardcore“ gilt und sich in der Vergangenheit fürs Klangliche nicht weniger großartiger Platten von Bands von La Dispute über Title Fight bis hin zu Pianos Become The Teeth verantwortlich zeichnete. Unter seinen Fittichen gelingt Caracara eine in jedem Moment besonders tönende Melange aus den seligen Tagen des Neunziger-Emo-Rocks, Post-Grunge-Versatzstücken und weihevollem Heartland Rock, die andererseits jedoch kaum tiefer im Hier und Jetzt verwurzelt sein könnte. Aus Indie Rock, der derb zupacken kann und den Hörer mitten hinein zieht, sich aber auch Ruhepause gönnt und immer wieder mächtig Bock auf Neues beweist.

„New Preoccupations“ endet schließlich mit „Monoculture“, einem Stück mit gewaltigen Gitarren, stampfenden Drums, einen großartig crescendierenden Streichersatz und einem kathartischen Schrei. „I’m finally free to let go“, singt Lindsay und wiederholt die Zeile, bis seine Stimme vor lauter Trauer über das Verlorene, vor Dankbarkeit über das Gewonnene und vor Freude über das Kommende beinahe zu zerbrechen droht. Eine Offenbarung, ein Klagelied – und der Abschluss von einem der wohlmöglich besten Werke des Musikjahres. Eines, das sich in Einzelstücken in keine trendige Spofity-Playlist zwängen lassen mag, sondern deine Aufmerksamkeit einfordert, um sich zu entfalten.

Rock and Roll.

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