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Song des Tages: Mobina Galore – „Escape Plan“


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Wer für gewöhnlich seine musikalischen Pinkelpausen hinter dem Mond verbringt und daher auch 2019 noch immer glaubt, dass zwei Frauen nicht genügend Energie hätten, um es musikalisch ordentlich krachen zu lassen (in dem Fall lassen toughe Damen wie Courtney Love, Beth Ditto oder Kathleen Hanna lieb grüßen), kennt Jenna Priestner (Gesang & Gitarre) und Marcia Hanson (Schlagzeug & Gesang) nicht. Die beiden Ladies aus dem kanadischen Winnipeg haben sich als Mobina Galore (das Duo hatte ANEWFRIEND bereits vor zwei Jahren „auf dem Radar„) seit 2010 krachenden Punkrock auf die Fahnen geschrieben und winken dieser Tage mit ihrem dritten Album „Don’t Worry“…

mobina-galore-dont-worry-music-review-punk-rock-theoryWar beim 2017er Vorgänger „Feeling Disconnected“ das Motto „Trennung“ die großlettrige Überschrift, bewegen sich Priestner und Hanson bei ihrem dritten Langspielstreich auf ganz ähnlichem Terrain, denn diesmal lautet das (recht logische) Thema „Herzschmerz“. Diesem Gedanken nähert sich das Duo, welches unlängst im Vorprogramm von Laura Jane Grace & The Devouring Mothers (deren Hauptband Against Me! sind denn auch gleich eine gute Referenz) deutsche Bühnen gerockt hat, allerdings keineswegs mit süßlich-melancholischen Balladen. Im Gros des runden Dutzends neuer Drei-Minuten-Songs gibt es amtlich auf die Zwölf, und wenn es zu Beginn hochenergetisch „I Want It All“ heißt, glaubt man den beiden sofort. „Back To The Beginning“ ist insofern auch kein echter Schritt zurück, sondern nur eine sehr überzeugend und druckvoll vorgetragene Entscheidung zum Selbstzweck. Einen blitzschnellen „Escape Plan“ haben die Kanadierinnen eh in petto und im Zweifel geht es einfach mal zum Sonne tanken nach „California“. „Completely Disconnected“? Macht doch nichts! Zumindest nicht, wenn der gleichnamige musikalische Vortrag so abwechslungsreich und punkrockig mitreißend ausfällt. Knackig schließt sich „Dig Myself Out“ an, und wenn Priestner und Hanson wie bei „Sorry, I’m A Mess“ härtere Töne im Highspeed-Modus anschlagen, zweifelt man doch sehr daran, dass Mobina Galore sich tatsächlich irgendwann bei irgendwem für irgendwas entschuldigen… Weiter geht es mit dem ruppigen „Denim On Denim“, bevor „I Need To Go Home“ dann doch einmal die zarte(re) Seite des Duos präsentiert. Die ist zwar – klar – noch immer ziemlich kratzbürstig, zeigt aber auch die Variabilität von Jenna Priestners wunderbar rauem Gesang. Überhaupt scheinen die beiden auf der Zielgeraden doch ein wenig versöhnlicher zu werden: „Just Went Away“  und „Oh, Irene“ klingen ein Mü eingängiger – wobei auch diese beiden Nummern mit eruptiven Ausbrüchen glänzen, die es in sich haben. Bleiben noch „Four Hours Of Sleep“ und siehe da: Miss Priestner hat ihren Sechssaiter ausgestöpselt und es wird zum Albumabschluss unbestromt gejammt.

Ganz egal, ob mit Punk-Rock-Powerchords oder mit reduzierten Mitteln – Mobina Galore strahlen auch auf „Don’t Worry“ eine unbändige Kraft aus, die insbesondere durch Jenna Priestners Gesang stets präsent ist, während die Instrumente des Zweiergespanns einmal mehr keine Gefangenen machen. So sind auch die neuen Songs der beiden Kanadierinnen ein Musik gewordenes, dem Herzschmerz den Mittelfinger zeigendes Stehaufmännchen mit unbändiger Entschlossenheit und enormer Spielfreude. Rockt durch, macht Bock.

 

Zur ersten Single „Escape Plan“ meint Sängerin und Gitarristin Jenna Priestner:

„Der Song war ursprünglich nie dafür bestimmt, ein Full-Band-Song zu werden, noch dachten wir, dass es die erste Single werden könnte. An einem heißen Sommertag vergangenes Jahr verbrachte ich mehr Zeit damit, Akustiksongs zu schreiben – Material, von dem ich nicht dachte, dass es den typischen Mobina-Vibe bekommen würde. Als ich dann im Winter ein Akustikvideo auf YouTube veröffentlichte, bekam ich ziemlich viel positives Feedback und Leute wollten den Song bei Konzerten hören – deshalb machten wir einen kleinen Pop-Punk-Banger daraus.“

Und das dazugehörige Musikvideo?

„Für das Video wollten wir die warme, entspannte Sommerstimmung in Winnipeg mit dem schönen Up-Beat des Songs miteinander verbinden. Marcia und ich verbrachten schon viel Zeit zusammen, doch meistens in Vans und irgendwelchen muffigen Kellerläden (meistens in Europa) – aber diesmal fuhren wir den ganzen Tag gemeinsam auf unseren Rädern am Fluss entlang, tranken Bier an einem schwülen Sommertag und 38°C in unserer Heimatstadt.“

 

 

Dass der Song auch 2019 in der reduzierten (Ur-)Variante funktioniert, beweisen Mobina Galore hier:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Black Pumas – „Colors“ (live)


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Der frühe Vogel hört frische Töne. Oder: Manchmal entdeckt man schon früh morgens tolle neue Bands – in meinem Fall waren das just gestern Black Pumas im ARD Morgenmagazin, als die Band aus Austin, Texas zu früher Stunde im Kölner Studio der Öffentlich-rechtlichen Halt machte, um das im Juni veröffentlichte Debütalbum zu bewerben. Der Song dafür? „Colors“. Spontanes Urteil beim ersten Kaffee des Tages? Macht Bock auf mehr.

Also mal eben Dr. Google und Co. bemüht, und in weitere Stücke hinein gehört. Danach wundert es kaum, dass der renommierte Radiosender NPR die Band als „The Breakout Band Of 2019“ nannte und KCRW den Sound der Black Pumas als „Wu-Tang Clan meets James Brown“ beschrieb. Beim SXSW Festival im heimischen Austin, Texas bekam die Band weiteres, durchweg positives Feedback und sogar die Auszeichnungen für „Song Of The Year“ („Black Moon Rising“, die Eröffnungsnummer des selbstbetitelten Debüts) sowie „Best New Band“. Doch obwohl Black Pumas auf dem (digitalen) Papier der neuste „heiße Scheiß“ der Musiksaison sein mögen, ist der Geist dieser Band ist schon sehr viel älter, und – wenn überhaupt – lediglich in Petitessen innovativ. Das Besondere liegt vielmehr im Zusammenspiel des Quasi-Duos…

BlackPumas_BlackPumas.jpgBislang spielte der Grammy-prämierte Produzent und Gitarrist Adrian Quesada bei einigen außerhalb des Genres (sowie über Austins Grenzen hinaus) eher mittelbekannten Latin-Rock-Formationen  wie Brownout oder Grupo Fantasma. Für eine neue Band, für die ihm bereits die ein oder andere Idee durch die Hirnwindungen spukte, suchte er vor etwa zwei Jahren noch eine Stimme – und fand diese durch den Tipp eines Freundes in Eric Burton (nicht zu verwechseln mit Eric Burdon, dem ehemaligen Sänger der Animals und War). Burton wuchs im kalifornischen San Fernando Valley in einer sehr kirchlichen Umgebung auf und machte seine ersten kreativen Gehversuche zunächst in kleinen Musiktheaterstücken, dann als Straßenmusiker in Santa Monica und später in Austin. Im Grunde also eine Entdeckung, ein Newcomer – doch wer seine Stimme hört, die so voller Volumen, so voller Wärme ist, der denkt wohl unweigerlich weniger an die musikalische Formatradio-Stangenware von heute, sondern weiter zurück: an die goldenen Zeiten von Soulgrößen der Siebziger, wie den legendären James Brown. An Marvin Gaye. An Al Green. Eventuell noch an heutige Künstler wie Michael Kiwanuka oder Charles Bradley (der eine, Kiwanuka, steht mit seinem Talent beinahe allein auf weiter Flur, der andere, Bradley, wurde sträflichst spät entdeckt und verstarb 2017 viel zu früh). Wie weiches Vinyl auf digitalen Spuren…

Gemeinsam kreieren Adrian Quesada und Eric Burton auf dem Debütwerk zehn Songs, die ihre Bezüge wohl auf eine ganze Heerschar von großen Nummern der (Rock-)Musikhistorie nehmen. Mal spielt ein Titel auf Creedence Clearwater Revival an (der Opener „Black Moon Rising“ lässt einen wohl unweigerlich an deren „Bad Moon Rising“ denken). Mal gemahnt der E-Gitarren-Sound eines Stückes wie „Know You Better“ an die Beatles zu „Abbey Road“-Zeiten. Mal gelingt Quesada und Burton wie mit „Fire“ ein astreiner Neo-Western-Song, der durch die Kombination von Soul und dem typischen Ennio-Morricone-Fuzz-Sound direkt auf Soundtracks von „Shaft“ oder einem der vielen Quentin-Tarrantino-Filme gepasst hätte. Ansonsten? Bläser. Standesgemäßer Backgroundgesang. Ab und an ein paar Streicher. Und es gibt „Colors“, das Herzstück des Albums, mit seinen schönen Gitarrenakkorden, einem Boom-Bap-Beat und dem gegen Ende hin ausrastenden Piano, in dem Burton „It’s a good day to see my favorite colors“ singt – und kurioserweise mit seiner Stimme mal nicht im Zentrum steht.

Alles in allem ist das selbstbetitelte Debüt von Black Pumas eine feine Mischung aus klassischem Soul und Funk mit Elementen von East-Coast Hip-Hop und Jazz. Und hat dabei alles, was ein ordentlich groovendes Album braucht. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger (wer mag, darf natürlich im Kopf noch den obligatorischen „Retro“-Sticker drauf pappen). Es lässt den Fuß wippen und den Kopf nicken, während man sich die Spätsommersonne ins Gesicht scheinen lässt. Dafür lohnt es sich glatt, früher aufzustehen…

 

 

 

Das komplette Album kann via Bandcamp gestreamt werden…

 

…während man hier ein recht interessantes Interview mit Adrian Quesada und Eric Burton findet.

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Angie McMahon – „Pasta“


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Mal eben eine kleine Aufzählung: Gang Of Youth, Courtney Barnett, The Jezabels, Nick Murphy (fka. Chet Faker), Middle Kids, King Gizzard & The Lizard Wizard, Moaning Lisa, Tame Impala, Amyl and the Sniffers, Tash Sultana, Polish Club, Ziggy Alberts, West Thebarton… Was haben all diese gemeinsam? Na? Allesamt tolle Bands und/oder KünstlerINNEN aus dem Land, wo die Kängurus springen und Aborigines links und rechts des Uluru (aka. Ayers Rock) ihre Bumerangs werfen. Die hierzulande vereinzelt – bislang noch – einem kleinen Publikum etwas sagen mögen (von manchen war auf ANEWFRIEND sogar bereits zu lesen, von anderen wird wohl noch zu lesen sein), in jedem Fall jedoch den ein oder anderen Hörversuch wert sind. Fakt ist: die australische Musikszene ist seit Crowded House, Natalie Imbruglia, Angus & Julia Stone oder den Go-Betweens keineswegs stehen geblieben, oder mit dem großen Nick Cave ins nasskalte koloniale Mutterland entschwunden…

Der eine bestimmte Musikerin fehlt auf obiger Liste definitiv noch: Angie McMahon. Klingelt’s noch nicht? Macht nix.

In ihrem Heimatland ist die Newcomerin aus Melbourne jedoch schon längst mehr als ein flüsterleiser Geheimtipp. Bereits ihre ersten, 2017 beziehungsweise 2018 veröffentlichten Singles „Slow Mover“ und „Missing Me“ sowie die darauf folgenden Songs „Keeping Time“ und „Pasta“ mauserten sich in der Indie-Szene von „Down Under“ zu kleinen Erfolgen. Egal, ob es in ihrer Heimat um Nominierungen zum „Song des Jahres“ (bei den australischen APRA-Awards) oder als „Breakout Artist of the Year“ (der australischen Vereinigung unabhängiger Plattenfirmen AIR) ging – die Experten hatten die Mittzwanzigerin durchweg auf dem Zettel, das Publikum sang alsbald fleißig mit. Das blieb natürlich auch den Kennern außerhalb des Kontinents nicht verborgen. Bald schon war Angie McMahon als Support von Größen wie Father John Misty, Angus & Julia Stone, den Pixies, Mumford & Sons oder auch The Shins unterwegs, spielte Headliner-Shows auf der ganzen Welt sowie auf mehreren Festivals – wie etwa dem diesjährigen South by Southwest Festival (SXSW) in Austin, Texas, bei dem sie „Mr. Country Pothead“ himself, Willie Nelson, sogar für einen Liveaufrtitt auf seine Ranch einlud (leider ist nicht überliefert, ob good ol‘ Willie dem Ehrengast denn auch einige Blunts reichte). Keine Frage: Mittlerweile zählt Angie McMahon zu den freshsten Indie-Musikexporten Australiens.

5056167115168.jpgUnd so hatte man ihr im Juli erschienenes Debütalbum natürlich mit Spannung erwartet. Mit jeder Menge Demos im Gepäck, die sie im Laufe der letzten Jahre in ihrem Schlafzimmer aufgenommen hatte, zog sich McMahon, die Bruce Springsteen, Adele, Angel Olsen, Nick Cave und Leonard Cohen zu ihren größten Inspiratoren zählt (während früher im Elternhaus auch Bob Dylans oder Johnny Cash liefen), zusammen mit dem Co-Produzenten und Bassisten Alex O’Gorman in ein angemietetes Landanwesen unweit ihrer Heimatstadt zurück. Dort ging dann alles ganz schnell. Gerade mal eine Woche sollen die Aufnahmen zu „Salt“ gedauert haben. Kann man mal so machen.

Herausgekommen sind elf Songs, die eine ziemlich große Bandbreite abdecken – von zarten, geradezu flüsternden Bedroom-Balladen bis hin zu schlagkräftig rumpelndem Indie Rock ist quasi alles dabei. Man sollte die Platte zwar mehrmals hören, damit sie sich in ihrer ganzen Finesse erschliesst. Gibt man „Salt“, diesem Sammelsurium voller wie beiläufig indierockender Intimität, Schmerz und Wut, eine echte Chance, wird man jedoch belohnt. Denn die vielversprechende Musikerin mit der herrlich rauen Stimme zeigt, dass sie – aller Juvenilität zum Trotz – eine gute Storytellerin ist. Eine, die in ihren Texten die mal beiläufigen, mal brutalen Lektionen behandelt, die das Leben ihr bislang erteilt hat. Eine, die mal schnoddrig, mal verletzlich klingt, die sich jedoch stets aus einer melancholischen Introspektion heraus zu speisen scheint. Romanzen und Beziehungen werden genauso verhandelt wie weibliche Selbstermächtigung, Brathähnchen und Pasta, denn, wie sie selbst meint: „Humor ist wichtig beim Schreiben.“ Wer Referenzen braucht: Man denke sich eine Jam-Session mit Lucy Dacus, Julien Baker und Angel Olsen, nachdem das Trio sich kreuz und quer durch das Oeuvre des „Boss“ gehört hat…

Zu den Glanzlichtern gehören hier – neben den bereits bekannten Singles – sicherlich das bluesige „Push“, welches sich mittels einer komplexen Struktur vom zarten musikalischen Streicheln zum fast brutalen Getöse aufbäumt, während zwischen den Extremen alle Nuance leidenschaftlich ausgelebt werden und dann auch noch Zeit bleibt für einen melodischen, mitreißenden Höhepunkt. Oder auch das kraftvolle „And I Am A Woman“, das auch inhaltlich eine große persönliche Bedeutung für die Künstlerin aus Melbourne hat. Sie meint: „Heutzutage gibt es all diese Dinge, die uns unsere Gesellschaft über unsere Körper, Freiräume, Entscheidungen, Gefühle oder Sicherheit erzählen will. Dinge, die wir hinterfragen und vergessen und besser machen sollten. Dieser Song begann als hitzige Konversation. Doch ich musste ihn allein zu Ende bringen und in Musik verwandeln, denn mir war nicht danach, zu reden – mir war nach Schreien zumute. Ich wollte, dass das Verletztsein offensichtlich wird.“

 

Hier gibt’s das Musikvideo zu „Pasta“ zu sehen, über welches sie sagt: Sie sei beim Dreh krank gewesen – und habe daher sich nur sich selbst gespielt…

 

„My bedroom is a disaster
My dog has got kidney failure (failure)
I’ve been sitting at the bar too much
Kissing people in my head
And saying rubbish things I should not have said

And they’re building things outside my window
Everywhere I look there’s signposts (signposts)
I just sit in my house making noise for fun
And I’m not moving much or proving much to anyone

I’ve been lost
I’ve been lost
I’ve been lost
I’ve been lost for a while
And I’m feeling tired

I’ve been lost
I’ve been lost
I’ve been lost
I’ve been lost for a while
And I spend so much time eating pasta
Although I’m probably allergic and other people seem to move so much faster

I wonder why I’m feeling lonely
When there’s plenty of ways to be alone
I guess I spent all of yesterday on my phone

I’ve been lost
I’ve been lost
I’ve been lost
I’ve been lost for a while
And I’m feeling tired

I’ve been lost
I’ve been lost
I’ve been lost
I’ve been lost for a while

Now I am simultaneously on top of someone’s pedestal and also underneath someone else’s shoe
Oh isn’t it a shame about the view
Can anybody climb aboard this structure I have made to wrap myself around the promise that there is room
Oh isn’t it a shame about the view

I’ve been lost
I’ve been lost
I’ve been lost
I’ve been lost for a while
And now I’m feeling tired…“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Norbert Buchmacher – „Laut geträumt“


Norbert-Buchmacher Foto- Robin Disselkamp

Foto: Robin Disselkamp

Einen interessanten Werdegang haben gerade und grundsätzlich und sowieso recht viele mit der Indie- und Punkszene assoziierte Menschen aufzuweisen. Stöcke in den Speichen, Steine auf dem Weg. Hürden viel höher als jede Stelle der chinesischen Mauer. So ziemlich jeder Kopf in dieser Szene dürfte schon mal mit erschwerten Bedingungen zu tun gehabt haben, die das liebste Hobby, die Musik, zu einem recht teuren werden lassen… Auch bei Norbert Buchmacher ist dieser oft so kurven- wie wendungsreiche Weg recht interessant: So verdingt sich der Sänger lange Zeit als Roadie und Mercher – quasi als Mädchen für alles – auf Punk- und Hardcore-Shows, schleppt Bands zwanzig Jahre lang ihre Gig-Bags kreuz und quer durch alle möglichen kleinen Clubs und mittelgroßen Hallen der Republik. Auf den Fahrten im engen Bandbus, den gähnend leeren Tagen zwischen zwei Touren und der nächsten Plackerei fängt Buchmacher an, eigene Texte zu schreiben: Die Basis für seine Hardcore-Band One In One, die sich jedoch recht flott wieder auflöst und ihn zurück zum Broterwerb hinter der Bühne und als Roadie katapultiert.

Aber: Buchmacher bleibt dadurch der Musik verbunden und schreibt weiter Songs – nur nun halt solo. Als er dann Alan Kassab (The Heartbreak Motel) kennenlernt und Jahre später erneut Kontakt zu ihm aufnimmt, entwickelt sich eine Freundschaft. Buchmacher ist Schreiber und Sänger. Das ist seine Berufung. Alan Kassab, seines Zeichens Multiinstrumentalist, findet absoluten Zugang zu Buchmachers Geschriebenem und so entstand das Projekt, welches sich hinter Buchmachers Namen verbirgt und dessen Resultat man nun anhand des frisch erschienenen Debütalbums „Habitat einer Freiheit“ bewundern kann: vielschichtige Popmusik mit rauer Kratzstimme.

norbert-buchmacher-habitat-einer-freiheit-201828Und ebenjene bringt auch die ersten Assoziationen, welche sich um die elf erdigen Rocksongs (nebst dem titelgebendem Intro) winden: der aufgrund des Gesangs unvermeidliche Herbert Grönemeyer (besonders auffällig bei „O.M.F.„), eventuell noch popmusikalisch erfolgreiche Dauer-Raspler wie Casper oder Henning „AnnenMayKantereit“ May. In den meisten Songs greifen Buchmacher und seine Band zur Elektrischen oder Akustikgitarre, zu Schlagzeug, Bass und Piano – das könnte so auch in der Kneipe um die Ecke passieren. Große Ausbrüche oder Experimente bleiben rar, musikalisch herrscht Wohlfühl-Atmosphäre vor. Wenn’s denn der Empase dient, kommen ab und an noch Streicher („Sorgen und den Nikolaus“) oder Blechbläser („Man sagt nicht man sagt nicht“) hinzu.

Der ungewöhnlichste Song des Debütwerks ist wohl „Seid was ihr wollt“, der nicht nur in Sachen Instrumentierung aus dem Rahmen fällt. Beklemmende Ambient-Sounds, Knattern und Marimba zitieren Tom Waits, auch Buchmachers Vortrag erinnert stark an den vielseitigen US-Grantler. „Qualmt so lange, bis aus den zerfressenen Lungen die Schwindsucht grinst„, höhnt er und wird für ein Stück lang vom liebenswerten Ex-Roadie-Raubein zum sinistren Mephisto höchstpersönlich.

Ein bisschen schade jedoch: Immer wieder kippen die Texte ins Serviettenspruchhafte ab, wenn alte Weisheiten zitiert werden: „Geh‘ deinen Weg, bleib‘ wie du bist, steh‘ auf und mach‘ weiter„. Well, das kennt man – nicht erst seit Campino und Konsorten – zur Genüge… Allerdings gibt es auch große Momente, etwa bei „Laut geträumt“, welches vermeintlich harmlos beginnt und sich als Song mit doppeltem Boden entpuppt: „Sonntag immer schön brav in die Kirche rennen, aber dann laut klatschen, wenn die Heime brennen“ – tolle, wichtige Gesellschaftskritik mit Biss und Substanz. Auch „Die Ballade von Willi und Walther“ sticht hervor, wenn Buchmacher im Stil von Brechts Dreigroschen-Oper auf rassistische Tendenzen innerhalb der deutschen Polizei aufmerksam macht, und das Schießeisen zur Person wird: „Und dann hat die Walther den Willi geschnappt„.

Am Ende ist „Habitat einer Freiheit“, Buchmachers Solo-Debüt, welches sicherlich einige Jahre Zeit hatte, im Kopf und im Herzen des Künstlers zu reifen, ein durchwachsenes Album mit einigen Höhepunkten geworden – keinesfalls schlecht, angenehm unaufdringlich, und definitiv besser als 90 Prozent aller Mark-Forster-Wiedergänger im favorisierten Formatradioprogramm. Bleibt zu hoffen, dass Norbert Buchmacher auf der (hoffentlich) nächsten Platte die eigenwilligeren, ungewöhnlicheren Passagen weiter ausbauen und dem inneren Mephisto noch mehr Raum geben wird, schließlich sind auch in der Musik die zwiebelschichtigen Bösewichter, die unbequemen Mahner und weitsichtigen Grantler eh oft interessanter als alle schnöden Mutmacher, oder?

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Jade Bird – „Love Has All Been Done Before“


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Im Fall von Jade Bird mag man das musikalische Hüh-Hott von verschiedenen Seiten aus aufzäumen: Wahlweise darf man glauben, dass die seligen Neunziger mit ihren Alanis Morissettes, Shania Twains, Sheryl Crows oder Natalie Imbruglias ihr Revival bekämen. Oder bereits die Nullerjahre, als ein blondes Pausbacken-Kücken namens Taylor Swift zum großen Sprung aus der US-Südstaaten-Hillbilly-Country-Scheune hin zu den gaaaaanz großen Arenen ansetzte. Kann man machen. Oder anerkennend staunen, was für eine Energie die 21-jährige Britin bereits auf ihrem selbstbetitelten, im April erschienenen Debütalbum versprüht…

91HUOaBPk+L._SS500_.jpgKlar, neu sind die musikalischen Zutaten keineswegs, die Jade Elizabeth Bird da in Songs wie „Lottery„, „Uh Huh“ (die beide bemerkenswerterweise bereits in den Top 3 der US-Alternative-Charts landeten), „I Get No Joy“ oder „Love Has All Been Done Before“ benutzt: Ein bisschen Alt.Country-Spirit hier, großzügige Prisen Americana und Indiepop da, ein Mü bluesige Schwere im Abgang, mächtig Emphase-Nachwürze im Refrain – fertig ist der Ohrwurm, den du partout nicht mehr aus den Gehörgängen bekommst (und das erfreulicherweise auch gar nicht möchtest), und der ebenso gut als qualitativ gelungener Lückenfüller zwischen all die immergleichen Mark-Forster-Klonen ins Formatradio passt. Allein schon der (Band-)Instrumentierung wegen hätte man in den Neunzigern gut und gern von einer „Rockröhre“ geschrieben (und Indie-Kundige hätten wohl noch Nikka Costa als stimmgewaltigen Vergleich ins Feld geführt). Ist die Newcomerin, Jahrgang 1997, auch – nur eben nicht schal und „zig mal so gehört“, sondern frisch, intensiv und interessant. Und auch wenn man’s berechnend (und ein klein wenig naiv) finden darf, das Debütwerk, das der 2017 veröffentlichten „Something American EP“ nachfolgt und bei welchem der Newcomerin bekannte Namen wie Simon Felice und David Baron zur Seite standen, mit einer so arg niedlich-reduzierten, lieblichen Nummer wie „Ruins“ zu eröffnen – Jade Bird beherrscht viele Nuancen bis hin zu herzergreifend großen, simplen Balladen wie „17“ oder dem abschließenden „If I Die„, welches die tolle Zeile „If I die put me in a song / Tell everyone how in love I’ve been“ aufbietet, die wie viele der Songs am Ende doch – wie könnte es anders sein – vor allem von der Liebe erzählt (jedoch anderswo auch schwerere Themen wie Scheidung, Trauer oder Tod touchiert)… Aber das war ja für ewige Größen wie Dolly Parton auch nie ein Nachteil, oder? Da ist es auch kaum ein Widerspruch, dass die junge Engländerin das eher konservative (jedoch über Jahrzehnte hinweg erfolgreiche) Songwriting von Parton ebenso schätzt wie die lyrische und musikalische Freiheit einer Patti Smith, und beide genauso als Vorbild nennt wie Avril Lavigne und Bruce Springsteen, Kelly Clarkson und The Smiths.

Am Ende mag es Jade Bird – bei ihrem Talent, bei ihrer Stimmgewalt, bei ihrem Gespür für Dynamik, Atmosphäre und schlussendlich tolle Songs – auch komplett egal, Schnuppe und Wurscht sein, welcher – mal treffender, mal hastig aus der Luft gegriffener – Vergleich ihrem musikalischen Gaul zum Sprung verhilft: Spätgeborenes Neunziger-Rockrevival á la Morissette? Indie-Epigonin von La Swift? Frech konzipierte Indie-Nummern fürs nachmittägliche Formatradio? Aber erstaunlich ist’s schon, dass diese Songs, die so all American tönen, nun von Croydon, Südlondon aus die Musikwelt erfreuen…

 

 

 

„Sick and tired of just lettin‘ you in
Just to let you down again
Exasperated with the expectation
You’d be more than just a friend
But in honesty that I, I can be
A fourth finger with four limbs to carry
Won’t let you make a fool out of me, boy
See boy

You are good and you are pure
The angel knocking at my door
But I need something, something more
‚Cause love has all been done before
And you are sweet and you are nice
Keep me calm and satisfied
But I need something, something more
‚Cause love has all been done before

You almost had me for a minute there
Givin‘ my whole life to this love affair
Well I’m not gonna sit here and stroke your hair
You almost had me for a minute there
It doesn’t help that you mean well
They say the devil’s in the detail
And I’m tryin‘ not to raise hell
But it’s likely for the refill

You are good and you are pure
The angel knocking at my door
But I need something, something more
‚Cause love has all been done before
And you are sweet and you are nice
Keep me calm and satisfied
But I need something, something more
‚Cause love has all been done before

Everything’s a rerun
Before it’s even begun
Tell me, what’s the reason?
If everything’s a season
Then I’m a setting sun
We’re already done

You are good and you are pure
The angel knocking at my door
But I need something, something more
‚Cause love has all been done before
And you are sweet and you are nice
Keep me calm and satisfied
But I need something, something more
‚Cause love has all been done before

Ooh, ooh
Ooh, ooh
We’re already done

You are good and you are pure
The angel knocking at my door
But I need something, something more
‚Cause love has all been done before
And you are sweet and you are nice
Keep me calm and satisfied
But I need something, something more
‚Cause love has all been done before

Ooh, ooh
Oh, love has all been done before
Love has all been done before
Love has all been done before
Love has all been done before
You are sweet and you are pure
But love has all been done before“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Lissie – „Dreams“


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Beinahe neun Jahre ist es her, dass Elisabeth Corrin „Lissie“ Maurus mit der „Why You Runnin‘ EP“ und Songs wie „Wedding Bells“, „Little Lovin'“ oder „Everywhere I Go“ der Musikwelt ein großes, wahlweise von Folkrock, Alt.Country oder Gospel gesalbtes Versprechen gab, welches etwa der „Daily Mirror“ wohlig nickend als „true rebel country spirit“ wahrnahm. Und in der Tat löste bereits das 2010 erschienene Debütalbum „Catching A Tiger“ viele Versprechungen ein, schließlich präsentierte das Landei aus dem US-amerikanischen Hinterland (aka. Illinois) darauf viel sonnendurchflutet-sommerlichen Middle-Of-The-Road-Rock der besten Sorte, welcher auch gern mal ein genüsslich-nächtliches Melancholiebad nahm und Road Trips initiierte, bis die Tankanzeige des Oldtimers im Tiefrot entschwand und über einem nur noch die Sterne schienen. Dabei konnte die junge Dame auch noch so herrlich und nach Jungen-Manier fluchen, derbe drauf los rocken und brachte superbe Coverversionen – etwa von Lady Gagas „Bad Romance„, Metallicas „Nothing Else Matters„, Kid Cudis „Pursuit To Happiness“ oder Led Zeppelins „Stairway To Heaven“ – zustande, die sich beileibe nicht hinter den Originalen zu verstecken brauchten… Coole, natürliche Type, diese Miss Maurus.

Seitdem sind nicht nur acht Jahre ins Land gegangen, auch Lissie lag in der Zwischenzeit kaum auf der faulen Landhaut: drei weitere Alben (zuletzt im vergangenen Jahr „Castles„), auf denen sich die mittlerweile 36-Jährige mal hier, mal da etwas weiter weg vom Folkrock bewegte und ihre Fühler mehr mal mehr, mal weniger gelungen gen Pop ausstreckte, zig in TV-Shows zur Untermalung untergebrachte Songs sowie zwei Live-Alben, die vor allem Lissies Bühnenqualitäten (ich erwähnte es: die Blondine kann rocken!) zum Vorschein brachten, sind der beste Beweis.

71K0O-cntPL._SS500_.jpgHöchste Zeit also, das bisher Erreichte einmal Revue passieren zu lassen. Und dies tut Lissie erfreulicherweise nicht mit einer schnöd-lieblosen Zusammenstellung ihrer besten (?), erfolgreichsten (?) oder karrieredefinierendsten (?) Stücke, sondern mit „When I’m Alone: The Piano Retrospective“. Wie es der Titel bereits verrät, kommen die – Wermutstropfen Anzahl! – elf Stücke gänzlich reduziert auf den weißen und schwarzen Tasten des Pianos daher, so als wollte die Musikerin aus Rock Island, Illinois ihren Zuhörern zeigen, dass auch ihre Vergangenheit kaum statisch ist, dass die Songs, die sie vor fast zehn Jahren geschrieben hat, noch frisch und lebendig sind. Well… Mission accomplished. Die neuen Arrangements von Stücken wie „When I’m Alone„, „Everywhere I Go“, „In Sleep“ (vom Debütalbum „Catching A Tiger“), „Sleepwalking“ (vom Zweitwerk „Back To Forever„), „Daughters“, „Don’t You Give Up On Me“ (vom dritten Album „My Wild West„) oder „My Best Days“ (vom aktuellen Langspieler „Castles“) atmen zeitweise zwar noch immer die Kraft der damaligen Originale, ziehen nun jedoch ihre Energie aus den – logischerweise mal melancholischen, mal beinahe weihevollen – Neuinterpretationen. Bis hin zu Lissies feiner Coverversion des schunkeligen Fleetwood-Mac-Evergreens „Dreams“ (mit „Cowboy Take Me Away“, im Original von den Dixie Chicks, enthält das neue Werk noch ein weiteres Cover), darf man wohl nur allzu gern das Gefühl bekommen, dass Elisabeth Corrin „Lissie“ Maurus mit dieser speziellen Werkschau einen musikalischen Liebesbrief an ihre Vergangenheit schreibt…

 

 

„Now, here you go again
You say, you want your freedom
Well, who am I to keep you down
It’s only right that you should
Play the way you feel it
But listen carefully, to the sound
Of your loneliness

Like a heartbeat, drives you mad
In the stillness of remembering what you had
And what you lost
And what you had
And what you lost

Oh, thunder, only happens when it’s raining
Players, only love you when they’re playing
They say women, they will come and they will go
When the rain washes you clean, you’ll know
You’ll know

Now, here I go again, I see
The crystal vision
I keep my visions to myself
It’s only me, who wants to
Wrap around your dreams and
Have you any dreams you’d like to sell
Dreams of loneliness

Like a heartbeat, drives you mad
In the stillness of remembering, what you had
And what you lost
And what you had
Ooh, what you lost

Thunder, only happens when it’s raining
Players, only love you when they’re playing
Women, they will come and they will go
When the rain washes you clean, you’ll know

Oh, thunder, only happens when it’s raining
Players, only love you when they’re playing
They say women, they will come and they will go
When the rain washes you clean, you’ll know
You’ll know

You will know
Oh, you’ll know“

 

Rock and Roll.

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