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Moment! Aufnahme.


(gefunden bei Instagram)

Ein als frommer Wunsch gemünzter Slogan wie dieser würde sich auch prima als Wandtapete in den heimischen vier Wänden machen, oder? Dahinter versteckt sich jedoch auch ein Netzwerk von landesweit tätigen Organisationen, lokalen Bündnissen und Persönlichkeiten des Landes Brandenburg, die gemeinsam für eine zivilgesellschaftliche Mobilisierung gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit eintreten. Und solange es politische Anti-Alternativen (die sich ausgerechnet in sanftmütiges Blau, das ja sonst eher für Besonnenheit, Objektivität, Neutralität und Klarheit steht, hüllen), hasserfüllt-populistische Hetzer und ewig gestrige Rassistenarschgeigen gibt, sind Organisationen wie diese in ihrem manches Mal gefühlten Windmühlenkampf gegen die Unwissenheit und Dummheit da draußen zwar nicht zu beneiden, jedoch einiges an Gold wert. ✊

Rock and Roll.

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Song des Tages: Muff Potter – „Ich will nicht mehr mein Sklave sein“


Foto: Promo/Bastian Bochinski

Im Jahre 2009 – nach immerhin 16 gemeinsamen Jahren – offiziell aufgelöst, spielten Muff Potter im August 2018 überraschend beim antifaschistischen Festival Jamel rockt den Förster, im Anschluss gab die 1993 in Rheine und Münster gegründete Deutschpunk-Band ein paar Tourdaten bekannt. Sieben Shows im Januar 2019, kaum Werbung, keine weitere Verpflichtungen, eigentlich keine große Sache.

Dachten sie zumindest, denn nun brach beinahe die Hölle los: Sämtliche Shows waren binnen Minuten ausverkauft und mussten in größere Hallen verlegt werden. Es gab zwar keine Interviews, keine aktiven Social-Media-Kanäle, keine neue Musik, aber offenbar – nach all der langen Zeit – eine große Muff-Potter-Sehnsucht da draußen. Auch bei den Musikern selbst, das wurde schnell immer klarer. Ebenso klar war dem Quartett allerdings, dass ihnen Muff Potter zu wichtig ist, um „ewig die Nostalgiekuh zu melken“. Wohl auch deshalb wird es in Kürze zum ersten Mal seit 2009 wieder ein neues Album von Muff Potter geben, die nach dem Ausstieg von Gitarrist Dennis Scheider im Juli 2021 auch ein neues Bandmitglied in ihren Reihen begrüßen durften und unmittelbar danach Felix Gebhardt (Home Of The Lame, Hansen Band, auch schon Potter-Tourgitarrist) als dessen Nachfolger vorstellten. Mit dem im August 2022 erscheinenden „Bei aller Liebe“ hat die legendäre Indie-Rock-band nicht nur sich selbst, sondern ebenso ihre Liebe zur Musik wiederentdeckt. Mit Emphase, Dringlichkeit und bissiger Zeitgeist-Diagnostik gelingt Muff Potter, wie man bereits liest, eine überwältigende Neupositionierung. Und aus selbiger lassen Nagel und Co. nun den ersten Song hören.

Warm und voll, lediglich mit leichter Melancholie positioniert sich „Ich will nicht mehr mein Sklave sein“ dabei irgendwo zwischen Power Pop, Indie und Punk Rock – so ungefähr haben Muff Potter, die ihren Sound selbst stets als „Angry Pop Music“ beschrieben, auch zu Zeiten von „Von Wegen“ (2005) und „Steady Fremdkörper“ (2007) öfter geklungen, ihren Alben mit Rückendeckung des Majorlabels Universal. Doch nicht nur im Text klingt etwas Befreites, Ungezwungenes mit – spätestens mit dem rock’n’rolligen Gitarrensolo macht der Song klar, dass er sich nicht in Vorlagen pressen lassen will. Inhaltlich geht es gegen Selbstoptimierung und Selbstausbeutung – ein Themenkosmos, den Sänger Thorsten „Nagel“ Nagelschmidt zuletzt auch schon mit seinem jüngsten, 2020 erschienenen Roman „Arbeit“ bearbeitet hatte. Treffend analysiert Nagelschmidt im neuen Song, wie der Kapitalismus auch hinter der Illusion von Selbstbestimmtheit noch die Fäden zieht und Verzweiflung sät: „Auch die lange Leine ist noch eine / Schlag hier alles kurz und klein / Ich will nicht mehr mein Sklave sein.“

Im dazugehörigen Musikvideo von Regisseur Steph von Beauvais mühen sich die vier in einfarbige Overall gekleideten Potters in einer alten Turnhalle mit Retro-Flair an geradezu preußischen Leibesübungen ab. Erst mit Hilfe eines Zaubertranks und ihrer hervorbrechenden musikalischen Leidenschaft brechen sie aus dem Hamster- beziehungsweise Rhönrad aus.

„Ich will nicht mehr mein Sklave sein“ ist damit nach längerer Zeit der erste neue Song der Band und gleichzeitig ein Vorgeschmack auf das bereits angekündigte neue, größtenteils live eingespielte Album „Bei aller Liebe“, welches am 26. August beim bandeigenen Label Huck’s Plattenkiste erscheint und schon vorbestellt werden kann. Die Platte war seit Dezember 2019 in mehreren Sessions auf dem Kulturgut Haus Nottbeck in Oelde entstanden, im April 2020 hatte eine erste Session bereits den Song „Was willst du“ hervorgebracht, der mit seinem zweifelnden Ton und Text eine Band auf dem Weg zurück zu sich selbst zeigte. Zudem werden Muff Potter im Herbst auch auf Tour gehen, die Termine findet ihr weiter unten. Damit wären sie denn mal so richtig wieder da – Willkommen zurück, ihr Potters!

Rock and Roll.

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Song des Tages: kAPEllE PEtra – „An irgendeinem Tag wird die Welt untergehen“


Kapelle Petra, die sich selbst gern – und warum auch immer – „kAPEllE PEtra“ schreiben, legten anno 2019 mit “Nackt” ihr sechstes Album vor und zeigten sich auf dessen 41 Minuten nicht nur kreativ wie eh und je, sondern auch deutlich professioneller, was die Produktion und Musikalität der Songs betraf. Was anhand der Tatsache, dass die Poppunkindierock-Band aus Hamm hierzulande noch immer nicht übermäßig bekannt ist, doch etwas überraschen dürfte: Dieses „eh und je“ umfasst inzwischen bereits stolze 22 Jahre, in denen Sänger/Gitarrist Guido Scholz, Bassist Rainer Siepmann und Schlagzeuger Markus Schmidt zusammen musizieren und mit ihren Songs auf Kurzweil getrimmten Spaß bereiten.

Und jenen Spaß bescheren sie nicht nur ihren Fans, deren Zahl durch etliche Touren, Auftritte bei verschiedenen TV-Shows oder auch ihrem allein via YouTube mehr als vier Millionen mal gestreamten Song “Geburtstag”, der sich seit 2007 von der Indie-Kuriosität zum humorvollen Evergreen gemausert hat, stetig angewachsen ist. Spaß haben die drei auch selbst, das darf man wohl einfach mal galant unterstellen, denn auch die Songs von „Nackt“ tönen durchaus spielfreudig und stecken voll feiner Textideen, zu absolut soliden, mit ohrwurmigen Melodien versehenen, powerpoppigen Indie-Rock-Kompositionen.

“Da wo du stehst / Da wo du gehst / Ist immer Weltkulturerbe”, heißt es in der Single “Weltkulturerbe”, und diese brennt sich als wundervolle Ode an unbekümmerte Freunde oder einen unbeschwert lebenden Partner direkt ins Ohr, auch wenn die Interessen vielleicht mal unterschiedlich sind und hier Champagner mit Dosenbier anstößt. Darf man gern unter „weniger nervtötende Sportfreunde Stiller vor dem Radio-Kollaps“ einsortieren. Apropos Prosit: Mit “Also stoßen wir an” folgt eine weitere Hymne darauf, Freude im Leben zu haben und auch noch zu feiern, wenn man vielleicht keine zwanzig Jahre mehr jung ist. Und in dieser Richtung geht’s weiter. Nachdem die ersten Stücke also schon für dezent aufgehellte Stimmung gesorgt haben, schließt sich “Seitdem ich Johnny Cash bin” nahtlos an. Mit “Früher hab ich Getränke verkauft bei Rewe in Hamm-Westen / Heute verkaufe ich Getränke bei Rewe in Hamm-Westen / Ich liebe meinen Tellerrand und ich hasse es, was Neues zu testen / Doch vor zwei, drei Jahren hab ich mal was ausprobiert und jetzt gehör’ ich sogar zu den Besten…” startet der Song wortwitzig und erzählt dann von einer Karriere als Johnny-Cash-Imitator, die einen den Stargast-Auftritt bei Möbelhäuser- und Gartencenter-Einweihungen ebenso näher bringt wie bei Schützenverein-Jahreshauptversammlungen – ja, so kann’s eben laufen, als Doppelgänger-Provinzkosmopolit.

Auch die restlichen Songs des Langspielers wissen, zum versonnenen Mitwippen animierend, zu gefallen – ob sich nun der Hähnchen-Verkäufer zu Midtempo-Streicheruntermalung “Irgendwas ist blöd” denkt, wieder etwas flotter “Die Jugend heutzutage” beklagt wird oder man zurückblickend – und allem Erfolgsdruck zum Trotz – im Leben glücklich ist, weil einem halt eine schnöde “Bundesjugendspieleteilnahmebescheinigung” schon immer ausreichte, während andere alles dafür gaben, um mit Pokalen oder Urkunden nach Hause zu hetzen. Anderswo, in „An irgendeinem Tag wird die Welt untergehen“, channeln Kapelle Petra ihre innere Namaste-Mitte zwischen Monty Python und Peanuts-Comic: „An irgendeinem Tag wird die Welt untergeh’n / Doch an allen andern Tagen halt nicht / An irgendeinem Tag ist das alles vorbei / Aber jetzt ist noch nicht Schicht / Irgendwann geh’n irgendwie die Lichter aus / Und bis dahin machen wir das Beste draus“. Mit dem auf Crossover-Madsen getrimmten “Ich und mein Hund” mag sich vielleicht nicht jeder identifizieren können, ansonsten aber findet man auf der innerhalb weniger Tage unter Live-Bedingenen gemeinsam mit Produzent Tobias Röger (Wohlstandskinder) eingespielten Platte so einige Geschichten, beiläufige Wahrheiten und Beobachtungen aus dem alltäglichen Leben, stets garniert mit unaufdringlichen Ideen, wie man dieses im Zweifel etwas fröhlicher gestalten kann. Da darf man auch mal mit einem Digitalgerät ein “Perfektes Paar” bilden, ein plattes “Alles ist gut” hinterfragen oder als “Restart Mann” etwas länger brauchen, bis man aus dem persönlichen Winterschlaf erwacht. Gute Scheibe, deren Stücke in einer besseren Welt in Dauerschleife im Radio laufen würden und der auch der im vergangenen Jahr erschienene Nachfolger „Die vier Jahreszeiten“ in nichts nachsteht.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Farin Urlaub Racing Team – „Die perfekte Diktatur“


Generationen von Deutschrock-affinen Musikhörern dieser bescheidenen Bundesrepublik wissen es eh schon, der tumbe Rest hat zumindest irgendwann, irgendwie, irgendwo ein informatives Lüftchen wehen hören: die ärzte (aus Berlin! auuuuus Berlin!) sind nahezu vierzig Lenzen eine Bank, wenn’s um mindestens unterhaltsame deutschsprachige Musike geht, wa. Mögen sich an vielen anderen Bands und Künstler*innen auch die Geister scheiden, auf BelaFarinRod können sich seit eh und je (fast) alle einigen…

Ebenso geläufig dürfte sein, dass das Punkrock-Dreiergespann mit seinen Songs die komplette Klaviatur zwischen Albernheit und heiligem Ernst zu bespielen weiß – sowohl gemeinsam als auch solo. Letzteres trifft vor allem auf das Œuvre von Farin Urlaub zu. Gloobste nich, Keule? Im Zweifel sei man etwa auf ein Stück wie „Die perfekte Diktatur“ verwiesen, seinerzeit (also: 2014) eine B-Seite zu „Herz? Verloren„, welches wiederum vom jüngsten Langspieler „Faszination Weltraum“ seines Farin Urlaub Racing Team stammt. Vordergründig eine von Urlaubs vielen In-medias-res-Erzählungen, hinterrücks ein Song über den Überwachungswahn eines Staates, den damit einhergehenden schleichenden Verlust der Freiheit und die paranoiden Ahnungen einer alles und jeden umfassenden Weltverschwörung. Und obwohl man an mancher Stelle durchaus an aktuelle (Russland, Nordkorea, China – you name it) wie vergangene Unrechtssysteme (DDR) denken darf, lässt der 58-jährige ärzte-Gitarrist am Ende wie so häufig völlig offen, welche Zeilen augenzwinkernder Jux sind und welche bitterernste Pille – können hierzulande auch nur ganz, ganz wenige…

(Und mal ehrlich, all ihr Reptiloid-Theoretiker und Schwurbler: Der Urlaub hat’s nicht „erkannt“ oder „endlich mal in tönende Worte gefasst“, sondern wandelt hier einfach auf dem ihm eigenen Ironiepfad. Denn wenn wir hier in Deutschland – jaja, GmbH, PERSONALausweis, pipapo, blablabla, Hirsehitler, Naidoo heult um die Kinder… – in einer solchen „Diktatur“ leben würden, dann dürfte jener Urlaub-Farin nach Zeilen wie denen aus „Die perfekte Diktatur“ kaum noch Nummer-eins-Alben mit Bela B und Rodrigo González bejubeln… Die Tatsache, dass ihr Deutschland „Diktatur“ schimpfen dürft, ohne auf nimmerwiedersehen zu verschwinden, beweist im Grunde vor allem zwei Sachen: dass es sich hierzulande – alle anderen durchaus zu kritisieren Missstände mal außen vor – eben nicht um eine solche handelt. Und natürlich euren eigenen Wirrsinn. Und wer’s nicht glaubt, der darf aktuell gern einmal versuchen, auf dem Roten Platz zu Moskau lauthals „Russischer Angriffskrieg auf die Ukraine! Nieder mit Putin!“ zu skandieren. Eben.)

„Ich geh‘ nicht mehr ans Telefon, es klingelt jeden Tag um vier
Ich fahr‘ nicht mit der Straßenbahn, ich lauf‘ den ganzen Weg zu dir
Das Telefon wird abgehört und in der Bahn sitzen Spione
Sie tragen stets dieselbe Uhr und wissen alle, wo ich wohne
Wir treffen uns in einem Park, um diese Zeit ist niemand hier
Wir können reden, ungestört und es gibt keine Mikrophone

Sie kommen meistens nachts, um die Leute zu holen
Und hinterher steht wieder eine Wohnung leer
Die Zeitungen sind voll mit Durchhalteparolen
Aber Zeitung liest sowieso keiner mehr
Überall sind Kameras angebracht
Alles wird rund um die Uhr überwacht
Die Grenzen sind geschlossen, seit Jahren schon
Dir bleibt nur noch die innere Emigration

Ich kenn‘ dich, seit wir Kinder sind, ich weiß, ich kann dir auch vertrau’n
Wir planen schon seit einem Jahr zusammen von hier abzuhau’n
Du hast uns Dynamit besorgt, jetzt brauchen wir noch ein paar Waffen
Du sagst, du hältst es nicht mehr aus und du hoffst sehr, dass wir es schaffen
Zum Abschied darf ich dir noch einmal tief in deine Augen schauen
Ich denk‘ den ganzen Weg nach Haus an dich – ich werd‘ wohl nicht viel schlafen

Sie kommen meistens nachts, um die Leute zu holen
Und hinterher steht wieder eine Wohnung leer
Die Zeitungen sind voll mit Durchhalteparolen
Aber Zeitung liest sowieso keiner mehr
Überall sind Kameras angebracht
Alles wird rund um die Uhr überwacht
Trotzdem ist es heute Nacht wieder passiert:
In der Innenstadt sind Bomben explodiert

Und das Radio sagt:
‚Es besteht keine Gefahr für die Öffentlichkeit…‘
Und trotzdem wissen irgendwie alle Bescheid

Ich ging auch heut wieder zu dir, die Straßen waren völlig leer
Dein Name stand nicht an der Klingel, in der Tür stand irgendwer
Er gab mir einen Brief von dir, in dem du schriebst, es tut dir leid
Und außerdem wünscht du mir Glück und dankst mir für die schöne Zeit
Ich weiß, du musstest mich verraten – doch das nützt dir jetzt nichts mehr
Du wusstest nicht: Ich arbeite seit Jahren für die Sicherheit

Und wir kommen meistens nachts, um die Leute zu holen
Und hinterher steht wieder eine Wohnung leer
Die Zeitungen sind voll mit Durchhalteparolen
Aber Zeitung liest sowieso keiner mehr
Überall sind Kameras angebracht
Alles wird rund um die Uhr überwacht
Die Grenzen sind geschlossen, seit Jahren schon
Und morgen früh besuch‘ ich deine Exekution“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Wir sind Helden – „Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst“


Zwar hat dieses Lied, seinerzeit erschienen auf dem dritten Wir sind Helden-Album „Soundso„, bereits knappe 15 Jahre auf dem musikalischen Buckel, aber: Hey, Songs über den Krieg kommen halt nie so ganz aus der Mode Leider? Ja, leider. Man denke nur an John Lennons Evergreen „Imagine„, Bob Dylans ebenso bittere wie großartige Kriegstreiber-Abrechnung „Masters Of War„, Black Sabbaths „War Pigs“ oder eben Elvis Costellos „(What’s so Funny ‚Bout) Peace, Love and Understanding“ (auf das Judith Holofernes hier auch textlich verweist).

Glaubt man den weisen Statistikern, so war die Welt seit 1945 lediglich mickrige 26 Tage ohne Krieg – nicht einmal ein ganzer Februar, ohne dass irgendwo auf der Erde irgendwelche hirnverbrannten Idioten gegenseitig versuchen, sich im Auftrag ihrer macht- und geltungsgeilen Führer die Köpfe einzuschlagen. Natürlich haben „wir“ in Europa – der Historie und zwei Weltkriegen zum Trotz (von denen die meisten von uns – Gottseidank und hoffentlich – nur aus Geschichtsbüchern oder Guido-Knopp-Dokumentationen gehört haben) – mit unseren vergleichsweise prall gefüllten Kühlschränken und gemütlichen Couchgarnituren meist gut reden. Natürlich geht nun nicht wenigen von „uns“ ein wenig die sprichwörtliche Düse, wenn (mehr oder weniger) plötzlich ein Despot Raketen vor die europäische Haustür fliegen lässt. Umso dringender sollten wir alle – als mehr oder minder vernunftbegabte, dem Humanismus zugeneigte Menschheit – erkennen, dass wir durch globale Probleme – sei es nun eine weltumspannende Pandemie, Hungersnöte durch ungerechte Güterverteilung, recht hausgemachte Klimakatastrophen oder eben – in jedem Fall! – sinnfreie Kriege – nur gemeinsam durchkommen. Während der fatalistische Nihilist und der optimistische Heilige in mir noch versuchen, sich gegenseitige in ihrer nimmerendenden Debatte zu übertönen, sage ich’s mit den kraftstrotzenden Worten von Edwin Starr: „War, huh, yeah / What is it good for? / Absolutely nothing!“. Denn niemand mag hoffen, dass die Warnung, die Judith Holofernes 2007 in ihrem Stück zu Gehör brachte, Wahrheit wird: „Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst / Du kriegst zurück was du verpennst…“

„Wie weit ist weit genug weg
Wie weit ist weg
wie weit?
Was sind sechzig Jahre?
Ein Wimpernschlag
in der Zeit

Wie lang ist lange vorbei
wie lang wann ist es vorbei
Wie lang ist langweilig lang
wir waren schon lang nicht dabei

Was ist so lustig?
Was ist so lustig an Liebe und Frieden?
Was ist so lustig?

Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst
Du kriegst zurück was du verdrängst
Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst

Wie weit ist weit genug weg
Wie weit ist weg?
Na warte

Wie weit ist weit genug weg
Zehn Finger breit
auf der Karte

Wie lang ist lange vorbei
Wie lang wann ist es vorbei
Wie lang ist langweilig langsam
wären wir wieder dabei

Was ist so lustig an Liebe und Frieden?
Was ist so lustig?

Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst
Du kriegst zurück was du verschenkst
Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst
Du kriegst zurück was du verschenkst

Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst
Du kriegst zurück was du verpennst
Der Krieg kommt schneller zurück als du denkst
Du kriegst zurück was du verpennst

Peace.

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Song des Tages: Jupiter Jones – „Oh, Philia!“


Foto: Promo / Vivien Hussa

Ziemlich genau ein ganzes Jahr ist es bereits her, seit sich Jupiter Jones aus der eigenen Auflösung zurückgemeldet haben – und das zur Überraschung Vieler nicht als Quartett, sondern als aus Gitarrist Sascha Eigner und Sänger Nicholas Müller (der ja seinerseits aus privaten Gründen bereits 2014 aus der Band ausstieg und daraufhin von Sven Lauer ersetzt wurde) bestehendes Duo. Seitdem ließ die zum Zweiergespann geschrumpfte Band, die sich zumindest live von befreundeten Musikern unterstützen lässt, dem unverhofften Comeback zwar – leider, leider – noch kein neues Album folgen (dies entsteht gerade in Startnext-Crowdfunding-Eigenregie, soll den Titel „Die Sonne ist ein Zwergstern“ tragen und noch in diesem Jahr erscheinen), dafür jedoch bereits ein paar Singles: das wunderbar ohrwurmige „Überall waren Schatten„, „Atmen„, „Der wichtigste Finger einer Faust“ und – da wohl aller guten Dinge vier sind – nun „Oh, Philia!„.

Selbiges richtet sich an die Menschen, die von sich glauben, selbst nie genug zu sein. Es ist ein aufbauendes Stück, welches zwar einmal mehr beweist, dass die Punkrock-Tage der Band (zumindest was das Musikalische betrifft) längst gut sortiert in Fotoalben ad acta gelegt wurden, sich jedoch ansonsten nahtlos in die bisherige Entwicklung des Jupiter Jones’schen Kosmos einfügt, denn klanglich schlägt das Duo weiterhin einen durchaus pop-lastigen Weg ein und ersetzt die Stromgitarren früherer Alben zunehmend mit elektronischen Elementen. Während das wohl nicht allen Fans der ersten Stunde schmecken wird, dürften die Songs der beiden in Zukunft wohlmöglich einem breiteren Publikum zugänglich werden – und der Erfolg sei den beiden zehn Jahre nach ihrer recht erfolgreichen Single „Still“ gegönnt. Abgesehen davon bleibt der textliche Stil eines Nicholas Müller – neben dessen toller, nahezu unverwechselbarer Stimme natürlich – jedoch weiterhin ein positives Trademark und macht Jupiter Jones – auch 2022 und im neuen Soundgewand – zu einer dieser ganz besonderen Bands auf dem deutschsprachigen Musikmarkt.

Via Facebook verrät das Duo, dass der Song ein „ganz schön harter Brocken“ war und einer der ersten, an dem Müller rund Eigner nach ihrer Wiedervereinigung im Studio gearbeitet haben. Fast ein Jahr habe es schließlich bis zur Fertigstellung gedauert – gut Ding will eben Weile haben. Daher warten wir auch weiterhin gespannt auf den kompletten Langspieler, welcher auf dem Bandeigenen Label „Mathildas & Titus Tonträger“ veröffentlicht wird. Hierzu meint die Band in einem Pressestatement: „Dazu haben wir uns – trotz einiger Label-Angebote – entschieden, weil’s sich einfach richtig und verantwortungsbewusst anfühlt.“ Selber machen – auch das erfordert nämlich eine gute Portion Punk-Ethos!

Rock and Roll.

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