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Das Album der Woche


Gisbert zu Knyphausen & Kai Schumacher – Lass irre Hunde heulen (2021)

-erscheint bei Neue Meister/Edel-

Es sind zuweilen die puren Zufälle, die große Projekte möglich machen. Gisbert zu Knyphausen beispielsweise, einem der zweifellos besten deutschen Musiker unserer Zeit, wurde einst in einer alkoholreichen Silvesternacht ein Lied von Franz Schubert vorgesungen. Das Stück blieb in seinen Ohren und dürfte Jahre später dabei mitgeholfen haben, bei einer Idee des Musikerkollegen Kai Schumacher nicht gleich abzuwinken. Der nämlich hatte sich in das Werk Schuberts hineingehört und eine Neuinterpretation ins Auge gefasst. Schumachers Wunschsänger für die Stücke des Komponisten: ausgerechnet Gisbert zu Knyphausen. „Lass irre Hunde heulen“ ist nun das auf Konserve gebannte fulminante Ergebnis dieser Zusammenarbeit, welches immerhin zehn der insgesamt über 600 Lieder des Österreichers im modernen Gewand bereithält.

„Die Schubert-Lieder gehören für mich mit zum Schönsten, was das 19. Jahrhundert an Musik hervorgebracht hat. Allerdings geht für mich bei klassischen Liederabenden die Unmittelbarkeit der Lieder verloren. Das ist mir oft zu artifiziell. Der klassische Sänger verkörpert auf der Bühne eine Rolle – perfekte Intonation und Werktreue sind oft wichtiger als Gefühl und Intention. Ich war schon immer neugierig wie es klingt, wenn jemand da ganz ungekünstelt rangeht, ohne klassische Etikette und die Lieder unvoreingenommen zu seinen eigenen macht. Dieser Sänger musste dabei eigentlich von Anfang an Gisbert zu Knyphausen sein.“ (Kai Schumacher)

Als mich Kai fragte, ob ich Lust auf dieses Projekt hätte, das zunächst nur als reines Konzert in Duisburg und beim Reeperbahn Festival Hamburg angelegt war, dachte ich gleich: ‚Toll, das will ich unbedingt ausprobieren!‘ Auf dem Flohmarkt hatte ich mir früher mal eine Platte mit Schubert-Liedern gekauft, aber so richtig war der Funke damals nicht übergesprungen. Eine erste Ahnung von der Schönheit des Kunstliedes bekam ich, als mir eine Freundin am Ende eines sehr betrunkenen Silvesterfestes den ‚Leiermann‘, gesungen von Dietrich Fischer Dieskau, vorgespielt hat und wir beide sehr ergriffen davon waren. In den Katertagen danach habe ich mir dann die gesamte ‚Winterreise‘ reingezogen. Nach Kais Anfrage habe ich mich natürlich intensiver mit den Liedern beschäftigt, aber es dauerte zugegeben noch eine ganze Weile, bis mir die Lieder so richtig ans Herz gingen. Irgendwann hat es dann aber ‚Klick‘ gemacht und ich fing an, all die besonderen Momente zu entdecken: die großen Melodien, die kunstfertigen Harmoniewechsel.“ (Gisbert zu Knyphausen)

Franz Schubert, der im Alter von nur 31 Jahren starb, ist ein Vertreter der Romantik und war, wenn man so mag, der große Singer/Songwriter des 19. Jahrhunderts. Zu Lebzeiten stand er ein wenig im Schatten einiger namhafter Zeitgenossen wie Beethoven, Schumann, Mendelssohn-Bartholdy oder Brahms, was wohl auch daran gelegen haben dürfte, dass er nicht für die vornehmen Konzertsäle schrieb, sondern für kleine, private Kreise bei Wein und Zigarren. Gar nicht immer die ganz große Kunst, dafür vielmehr: ewige Melodien. Zudem sind viele Themen, die Schubert in seinen späten Liederzyklen anstimmt, alles andere als piefig-gestrig, sondern ganz und gar von heute, wohlmöglich sogar recht zeitlos: die Angst vor dem Unbehausten, die Sehnsucht nach Wärme und Menschlichkeit, der Widerstand gegen die starren Normen des Establishments. Wenn Gisbert zu Knyphausen also Schuberts Stücke neben seine eigenen stellt, dann werden die Parallelen sofort hörbar: Da ist eine tiefe Melancholie des Momentums, die beide Klangwelten verbindet, eine Schönheit, die unmittelbar aus dem Schmerz kommt. Da ist aber auch ein Hunger nach Leben, nach Freundschaft und Liebe, nach Rausch und Party. Wenn Gisbert vom „Taumel der Nacht“ singt, dann nimmt er einen mit – und schon ist man mittendrin in der Erlebniswelt der Romantik.

Nichtsdestotrotz ist es bemerkenswert, dass den Herren zu Knyphausen und Schumacher hier ein derart eindrucksvoller Spagat gelingt. Einer zwischen der Historie und der Gegenwart, denn die beiden geben sich nicht als bloße Kopisten der teilweise bestens aus Schulunterricht und Allgemeinbildungsmusestunden bekannten Vorlagen, sondern als selbstbewusste Interpreten mit Mut zu Neuerungen und vielen eigenen Ideen. Deutlich wird das gleich zum Auftakt mit den beiden Stücken „Gute Nacht“ und „Der Wegweiser“, welche beim Hören einen tiefen Eindruck, gelegentlich gar Gänsehaut hinterlassen und hineinführen in eine besondere Klangwelt. „Suche mir versteckte Stege“, singt zu Knyphausen und bringt damit auf den Punkt, was die Besonderheit ausmacht: nicht auf bekannten Pfaden zu wandern, sondern offen zu bleiben für Außergewöhnliches. Und je länger man an der Seite des Duos beseelt durch die zehn Songs gleitet und beschwingte Momente („Aufenthalt“) ebenso erlebt wie ganz und gar ruhige Passagen („Die Krähe“), desto mehr lässt sich trotz der klar in der Vergangenheit liegenden Wurzeln dieser Musik behaupten: Das ist Gisbert zu Knyphausen pur! Und in noch einer Erkenntnis scheinen sich Schubert und zu Knyphausen einig: Dass zu viel Selbstmitleid, zu viel Melancholie ja kein Mensch verträgt – so wird eine mögliche Wesensverwandtschaft in ihrer Art, Liebe und Trauer in der Musik zu verbinden, deutlich. In Liedern in Moll scheint plötzlich in völlig irrealem Dur Unwirkliches auf; in Dur-Liedern bricht im Gegensatz dazu ein trockenes, im Satz oft reduziertes Moll hinein. Im Glück die Trauer und in der Traurigkeit die krass schöne Utopie von Liebe und Geborgensein.

„Uns war bei der Songauswahl und den Arrangements die Balance wichtig: ein Schubert-Album zu machen mit ausschließlich traurigen Liedern und viel zu viel Pathos wäre vielleicht in dieser Neubesetzung das gewesen, was man hätte erwarten können. Und hätte auch stur das viel zu einfache Klischee des armen unglücklichen Franz Schubert erfüllt. Deshalb war es notwendig, manchmal fast ironisch mit den Vorlagen zu brechen, wie zum Beispiel beim ‚Ständchen‘ oder ‚Nähe des Geliebten‘. Außerdem wollte ich diesen schmalen Grad halten zwischen klassischem Anspruch und Respekt vor dem Original einerseits, und sehr persönlicher und zeitgeistiger Interpretation auf der anderen Seite. Also weder neo-romantischer Kitsch, noch glattgebügelter Crossover-Pop.“ (Kai Schumacher)

Der Liedermacher mit familieneigenem Weingut, auf welchem er in schöner Regelmäßigkeit sein mit erlesener Hand kuriertes „Heimspiel Knyphausen“ veranstaltet, taucht ganz tief ein in die Welt des Franz Schubert, wird eins mit den Stücken des Komponisten; er lebt, liebt und leidet mit, als wären es seine eigenen. Diese unbedingte Hingabe ergibt im Zusammenspiel mit der fantastischen Instrumentierung unter Regie seines Kompagnons und versierten Pianisten Schumacher ein Spektakel außergewöhnlichen Zuschnitts. Das Duo ist auf eine musikalische Entdeckungsreise gegangen und wieder aufgetaucht mit einem Experiment, das durchzuführen sich durch und durch gelohnt hat. Glücklicherweise nicht nur, wie ursprünglich einmal angedacht, als zweimalige Aufführung, sondern inzwischen immer und immer wieder auf die Bühne gebracht und nun auch auf Tonträger gebannt. Romantik und Moderne gehen hier eine zauberhafte, ebenso sensible wie authentische und herrlich unverkopfte Verbindung ein. Wenig verwunderlich also, dass das Interpretieren der Schubertlieder offenkundig Einfluss auf von Knyphausens sonstige Projekte hatte: Mit Husten, seinem Band-Projekt mit Musikproduzent Moses Schneider und Der Dünne Mann, veröffentlichte er unlängst zwei neue Songs, von denen der erste, „Weit leuchten die Felder„, eindeutig musikalisch vom klassischen Lied beeinflusst ist. Obwohl ich als jahrelanger Fanboy des durchaus vielseitigen Schaffens (zu dem man unbedingt und sowieso auch Kid Kopphausen zählen sollte) des wohlmöglich besten deutschen Liedermachers der Gegenwart natürlich nie gänzlich objektiv sein mag, darf weiterhin bezweifelt werden, ob Gisbert zu Knyphausen etwas wirklich Ungelungenes zustande bringen kann.

Neben den bisherigen drei Musikvideo-Auskopplungen findet man hier den Arte-Mitschnitt des Auftritts von Schumacher, Knyphausen und Band beim Reeperbahn Festival im vergangenen Herbst. Der war, wie auch das nun vorliegende Album: ganz großes Tennis. 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Jan Plewka & die schwarz-rote Heilsarmee – „Jenseits von Eden“ (live)


Jan Plewka kann es nicht lassen. Bereits seit anderthalb Jahrzehnten gönnt sich der hauptberufliche Selig-Frontmann immer wieder den einen oder anderen Abstecher in das musikalische Œuvre eines seiner Lieblingskünstler und der Band, die gerade erst ihren 50. Geburtstag gefeiert hat: Ton Steine Scherben und dem leider viel zu früh gestorbenen Ralph Christian Möbius alias Rio Reiser. Die Shows mit der schwarz-roten Heilsarmee sind inzwischen legendär und begeisterten bereits abertausende Besucher bei über 200 vornehmlich ausverkauften Konzerten.

Und auch all jene, die bislang nicht in Genuss eines jener Tribute-Show-Live-Auftritte gekommen sind, dürfen nun aufhorchen: Nachdem sich der Selig-Vorsteher schon 2006 mit der DVD “Jan Plewka singt Rio Reiser – Eine Reminiszenz an den König von Deutschland” in den Herzen nicht weniger Scherben-Fans verewigt hatte, gibt es nun einen Nachschlag, welchen sich wohl auch in Würde ergraute Rio-Fans nicht entgehen lassen sollten. Das Live-Album “Jan Plewka singt Ton Steine Scherben und Rio Reiser II (Live)” wurde gemeinsam mit der schwarz-roten Heilsarmee 2019 beim Gig im Hamburger Kampnagel aufgenommen und nun auf Vinyl und CD sowie als DVD (welche fünf weitere Songs enthält) veröffentlicht.

„Mit 14 Jahren habe ich Ton Steine Scherben zum ersten Mal gehört. Seitdem bin ich ein glühender Verehrer von Rio Reiser, von seiner Musik, seiner Poesie, seinen Utopien. Seit über 15 Jahren bin ich mit diesem Programm nun schon auf Tour. Das ist die eine Konstante in meinem Leben.“ (Jan Plewka)

Eines steht natürlich bereits am Anfang fest: Jan Plewka ist nicht Rio Reiser (auch wenn kaum ein anderer bundesdeutscher Sänger ihn in diesem gehobenen Kopistentum das klingende Wasser reichen kann) – aber das will er auch nachweislich überhaupt nicht sein. Ihm geht es nicht darum, den „König von Deutschland“ eins zu eins zu kopieren, vielmehr möchte Plewka den Songs aus dem Schaffen der Scherben und Reiser schon seit Beginn dieses Exkurses seine ganz eigene Note einhauchen – was ihm in weiten Teilen auch gelingt. In diesem Sinne ist der 50-jährige Musiker eben der einzig legitime Künstler im deutschsprachigen Raum, der diese Stücke auch wirklich so ins neue Jahrtausend überträgt, dass sowohl Rio Reiser als auch die verbliebenen Scherben stolz auf ihn sein dürften.

Das neue Revue-Werk konzentriert sich – im Gegensatz zur ersten Ausgabe, bei der sich Plewka hauptsächlich um die Liebeslieder des Ausnahmekünstlers gekümmert hatte – in weiten Teilen auf die politische Seite der Musik gewordenen Linken-Ikonen, welche gerade in der heutigen Zeit inhaltlich – leider – aktueller denn je wirkt. Schon der druckvolle Opener “Menschenfresser” zeigt unmissverständlich auf, dass die Zeit des Abwartens und Aussitzens nun ja wohl endgültig vorbei sein sollte. “Wann, wenn nicht jetzt” gilt es, aufzustehen? “Menschenfressermenschen sind normal und meist sehr fleißig / Menschenfressermenschen gibt’s nicht erst seit ’33 / Menschenfressermenschen sind oft ganz, ganz liebe Väter / Menschenfressermenschen sind meist Überzeugungstäter…”

Nahtlos und ähnlich kraftvoll macht „Jenseits von Eden“ weiter. Durchschnaufen, bitte? Klar: Etwas leiser wird es bei „Ich werde dich lieben“ – Plewka und Gitarrist Marco Schmedtje spielen die Nummer komplett unverstärkt am Bühnenrand. Der Schlachtruf „Macht kaputt was euch kaputt macht“ erfährt ein textliches Update und wird durch Begriffe wie „AfD“ und „Tierversuche“ ergänzt – den Scherben hätte das wohl gefallen.  

Ein echter Hingucker – so man dem Ganzen denn in der DVD-Variante den Vorzug gibt – ist „Mein Name ist Mensch“. Die Herren, die eingangs noch als Ausgrabungsforscher (Plewka) und Waldschrate (der Rest der Band) verkleidet auftraten, kommen nun in hautengen Latex-Glitzer-Anzügen und mit riesigen Zyklopen-Augen auf die Bühne und singen die Nummer a cappella – eine bedruckende Variation des Scherben-Klassikers. Und mal ehrlich, wer kennt es nicht: „Sieben Uhr aufstehen, Kaffee trinken, zur Arbeit fahren, freundlich sein, den Chef grüßen“ – nur um sich dann am Ende des Tages zu (hinter)fragen: „Warum geht es mir so dreckig?“. Ja, Rio Reiser beherrschte neben wunderschöner Lyrik eben auch den tönenden Krawall und brachte die einfache Sprache ein ums andere Mal musikalisch zum Klingen. Gut also, dass Plewka und Band dem Zuschauer/Zuhörer Ruhepausen gönnen – nur auf Klavier und Gesang reduziert wird danach „Ich bin müde“ gespielt. Apropos „Pause“: Selbige macht Jan Plewka bei „Shit Hit“ und die Heilsarmee kommt mit Altersmasken, die sie mit achtzig Jahren darstellen, an den Bühnenrand. So gibt es im Chorgesang ein amüsantes Loblied auf die Droge Haschisch („das nasch isch“) – die Siebziger lassen lieb grüßen. Kurz danach ist mit „Wir müssen hier raus“ und einer „Mensch“-Version – nun in voller Besetzung – Schluss und die Truppe verlässt – zunächst – die Bühne. Mit einer wilden Fassung von „Wann, wenn nicht jetzt?“ als Zugabe endet diese sehr unterhaltsame musikalische Darbietung und die Band wird mit Standing Ovations entlassen.

Insgesamt gerät „Jan Plewka singt Ton Steine Scherben und Rio Reiser II (Live)” deutlich rockiger als Plewkas erstes Rio-Programm – was wohl vor allem der politischeren Ausrichtung geschuldet sein dürfte. So gelingt der Truppe eine völlig neue und eigenständige Verneigung vor dem Schaffen der Scherben und Reiser, die kaum weiter davon entfernt sein dürfte, als plumper Fanboy-Abklatsch abgetan zu werden. Klares Ding: Wer bislang nur einen der beiden Sänger (Rio Reiser oder Jan Plewka) kannte, darf den anderen auf diesem Weg gern kennen (und eventuell ja lieben) lernen…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Chaoze One – „Memento Moria / Die Welt brennt“


Foto: Promo / Giulia Vitali

Die Bilder der Nacht auf den 9. September 2020 gingen um die Welt. „Moria brennt, hieß es in vielen Überschriften der Tageszeitungen und auf Social Media. Bilder, die einen so schnell nicht mehr loslassen und noch bis heute nachhallen. Bilder, die einmal mehr beweisen, wie sehr das Menschliche dieser Welt mittlerweile viel zu oft, viel zu sehr abhanden gekommen ist…

Und ein Lied allein kann und wird diese Welt freilich nicht verändern. Das können nur wir, die Menschen. Aber Stücke wie „Memento Moria / Die Welt brennt“ von Chaoze One können dabei helfen, die Fassung nicht komplett zu verlieren und den Weg aus der Ohnmacht ein wenig erleuchten. Mehr noch: Der gestern veröffentlichte Song ist ein formvollendeter Roundhousekick, ein schmerzlicher Schlag in die Magengegend all unser Erste-Welt-Problemchen, behandelt er doch die europäische „Flüchtlingspolitik“, die „Systemrelevanz“ und die Banalität des Bösen mit Referenzen aus Jahrzehnten der (Politik)Geschichte, Popkultur und Gesellschaft. Es ist eine unmissverständliche Standortbestimmung, ein salziges Fingerlegen in offene Wunden, aber auch ein dringlicher Appell an die Empathie.

So bekannt die Themen, so unbekannt dürfte wohl vielen der Künstler sein. Jan Hertel, so Chaoze Ones bürgerlicher Name, ist ein gesellschaftskritischer Rapper, Autor und Theaterschauspieler aus Mannheim. In seiner ersten musikalisch aktiven Phase von 2000 bis 2009 veröffentlichte er bereits zahlreiche Alben und EPs.

Die Musik war dabei immer ein Instrument für seine politische Arbeit, die im Vordergrund seines künstlerischen Schaffens steht. In der Vergangenheit ging das soweit, dass er auf dem Radar mehrerer rechter Gruppierungen auftauchte – unter anderem versuchte der AfD-Politiker und rechte Journalist Joachim Paul einen Auftritt von Hertel durch politische Einschüchterung zu vereiteln. 2019 veröffentlichte der Künstler, Baujahr 1981, außerdem das Buch „Spielverderber – Mein Leben zwischen Rap & Antifa„, in dem er seine musikalische wie politische Sozialisation beschreibt.

Etwa zwölf Jahre nach seinem letzten Album, in denen sich im deutschrap’schen Musikkosmos einiges getan hat (und das freilich nicht immer zum Besseren), meldet sich Chaoze One nun mit seinem neuen Langspieler „Venti“ zurück, der im Juli bei Grand Hotel van Cleef erscheinen wird. Eine durchaus lange Sendepause, wie auch Hertel selbst anmerkt: „Zwölf Jahre nicht gesungen, Reihenhaus und Katze, wir sind alle ruhiger geworden. Dann kam 2015, dann kam 2020 und da waren sie wieder, die Wut und das Unverständnis. ‚Das ist nicht die Zeit zum Fresse halten!‘, hat dieser wütende 18-Jährige von damals gebrüllt.“.


„‚Venti‘ ist die erste Hip Hop-Platte auf GHvC, und der Opener ‚Memento Moria / Die Welt‘ brennt der erste echte Rap-Track auf unserem Label. Aber Genres sind egal. Denn beim Hören dieses Songs – auch beim vierhundertsten Mal – fangen unsere Gehirne und Herzen an zu glühen. Der Song und diese Platte umfasst all das, was wir denken und fühlen, wie wir Dinge sehen und was wir fordern. Und zwar ohne Zeige-, dafür ab und an aber gern mit Mittelfinger“
, lässt sich das Hamburger Indie-Label, welches ebenfalls seit eh und je das Herz auf der Zunge und am linken Fleck trägt, zitieren.

„Ich hatte eine Sinnkrise, persönlich und politisch“, wagt Jan Hertel eine künstlerische Standortbestimmung. „Diese musste und wollte ich bearbeiten. ‚Venti‘ erzählt von Zweifeln und Verzweifeln, von Sackgassen und dem Aushaltenmüssen. Von Liebe und Ekel für die Welt. Plötzlich stand da dieser 18-Jährige auf der Matte vor mir, der vor zwanzig Jahren erstmals das Rap-Mic ergriff – es war nicht mehr an der Zeit, die Fresse zu halten!“

Klares Ding: Es ist schon eine Kunst für sich, so komplexe, brisante (aber auch wichtige!) Themen in nur wenigen Minuten und schwer vereinfacht in politisch motivierte Punchlines zu packen. Chaoze One ist einer, dem genau das gelingt, ohne am Ende bei der Musik Abstriche zu machen. Seine Worte bewegen, bieten sowohl einen Anhaltspunkt, sich weitreichender zu informieren, aber können auch hitzige Diskussionen entfachen – denn Unwissenheit mag auch ein Beitrag sein, ist hier aber beileibe keine Option.

„Venti“, welches, übersetzt aus dem Italienischen, für die Zahl „Zwanzig“ steht (denn genau zwei Dekaden ist es her, dass Chaoze Ones Rapkarriere begonnen hat), erscheint am 16.07.2021 über Grand Hotel van Cleef auf Doppel-LP, CD sowie Digital und kann ab sofort vorbestellt werden. Auf dem Album finden sich 17 Stücke in knapp 70 Minuten, während derer unter anderem Torsun Burkhardt von Egotronic, Mal Éléve, Shana Supreme sowie Autor Jan Off und zahlreiche weitere Gäste zu hören sein werden.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Danger Dan – „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“


Foto: Promo / Jaro Suffner

Kein Techniker, kein Empfangspersonal, kein Zuschauer ist zu sehen. Daniel Pongratz ist allein im Theater. Auf der Bühne steht ein Flügel, er setzt sich davor. Jetzt wäre der Moment, in dem der 38-jährige Berliner Musiker eine Ballade über den bevorstehenden Corona-Sommer anstimmen könnte – eine Zeit, in der der gebürtige Aachener vermutlich wieder nicht vor Publikum auftreten kann. Doch Pongratz haut ziemlich schnell auf die Tasten ein und singt: „Also jetzt mal ganz spekulativ / Angenommen, ich schriebe mal ein Lied / In dessen Inhalt ich besänge, dass ich höchstpersönlich fände / Jürgen Elsässer sei Antisemit.“ 14 Sekunden, 24 Wörter, die auch ganz ohne örtliche Gäste ihre Hörer schnell finden.

Als Pongratz – der sich den Künstlernamen Danger Dan gegeben hat und als ein Drittel der HipHop-Formation Antilopen Gang bekannt wurde – vor wenigen Tagen dieses Video aus dem Theatersaal ins weltweite Netz lud, geht es quasi übers Wochenende viral. Der Satiriker Jan Böhmermann, die Schriftsteller Saša Stanišić und Max Czollek sowie so einige befreundete wie gleichgesinnte Musiker*innen und Bands teilen es auf ihren Kanälen. Was mit dem rechtspopulistischen Journalisten Jürgen Elsässer beginnt, führt über Verleger Götz Kubitschek oder Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen und den AfD-Politiker Alexander Gauland und schließlich zur Aussage, die Geschichte habe gezeigt, dass man mit Faschisten nicht diskutieren könne. Doch bevor die Angesprochenen den Musiker dafür anzeigen wollten – Ken Jebsen tat es bereits in der Vergangenheit wegen des Antilopen-Songs „Beate Zschäpe hört U2“ (was wiederum darin resultierte, dass Ken Jebsen sowohl die Gerichts-, als auch die Anwaltskosten der Antilopen Gang zahlen musste) – , verweist der Song aufs Grundgesetz. So heißt es im Refrain: „Juristisch wär die Grauzone erreicht / Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht / Zeig‘ mich an und ich öffne einen Sekt / Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt.“ Die Strategie, ein Zuviel an Eindeutigkeit zu umgehen, erinnert dabei an Jan Böhmermanns Gedicht „Schmähkritik„. Mit diesem veranschaulichte der satirische ZDF-Moderator 2016 den Unterschied zwischen der von der Kunstfreiheit gedeckten Satire und einer strafrechtlich relevanten Schmähung, was seinerzeit sogar in ernsthaften diplomatischen Verstimmungen zwischen Deutschland und der Türkei resultierte.

Ende des Monats wird Danger Dan das dazugehörige Album veröffentlichen, welches passenderweise ebenfalls den Titel „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ trägt und – was wohl auch den Corona-bedingten Lockdowns und Kontaktbeschränkungen geschuldet sein dürfte – vornehmlich reduziert am Piano entstand. Wenn man so mag, klingt das Ganze wie eine Melange aus Hannes Wader und Comedian Harmonists (man höre an dieser Stelle auch Danger Dans viralen Hit „Nudeln und Klopapier“ sowie die erste Single „Lauf davon„). Im Theatersaal – oder eben auf Konzertbühnen – wird man ihn als Zuschauer voraussichtlich erst 2022 sehen können. Doch seine Musik gewordene, unverblümt politische Gesellschaftskritik zeigt ganz gut: Manchmal genügt notgedrungen auch die digitale Bühne.

„Also jetzt mal ganz spekulativ
Angenommen, ich schriebe mal ein Lied
In dessen Inhalt ich besänge, dass ich höchstpersönlich fände
Jürgen Elsässer sei Antisemit
Und im zweiten Teil der ersten Strophe dann
Würde ich zu Kubitschek den Bogen spann’n
Und damit meinte ich nicht nur die rhetorische Figur
Sondern das Sportgerät, das Pfeile schießen kann

Juristisch wär die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Also jetzt mal ganz spekulativ
Ich nutze ganz bewusst lieber den Konjunktiv
Ich schriebe einen Text, der im Konflikt mit dem Gesetz
Behauptet, Gauland sei ein Reptiloid
Und angenommen, der Text gipfelte in ei’m
Aufruf, die Welt von den Faschisten zu befrei’n
Und sie zurück in ihre Löcher reinzuprügeln noch und nöcher
Anstatt ihnen Rosen auf den Weg zu streuen

Juristisch wär die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Vielleicht habt ihr schon mal von Ken Jebsen gehört
Der sich über Zensur immer sehr laut beschwert
In einem Text von meiner Band dachte er, er wird erwähnt
Und beschimpft und hat uns vor Gericht gezerrt
Er war natürlich nicht im Recht und musste dann
Die Gerichtskosten und Anwältin bezahl’n
So ein lächerlicher Mann, hoffentlich zeigt er mich an
Was dann passieren würde? Ich kann es euch sagen

Juristisch wär die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht machte ich es mir wieder leicht
Zeig mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Nein, ich wär nicht wirklich Danger Dan
Wenn ich nicht Lust hätte auf ein Experiment
Mal die Grenzen auszuloten, was erlaubt und was verboten ist
Und will euch meine Meinung hier erzähl’n
Jürgen Elsässer ist Antisemit
Kubitschek hat Glück, dass ich nicht Bogen schieß‘
An Reptilienmenschen glaubt nur der, der wahnsinnig ist
Gauland wirkt auch eher wie ein Nationalsozialist
Faschisten hören niemals auf, Faschisten zu sein
Man diskutiert mit ihnen nicht, hat die Geschichte gezeigt
Und man vertraut auch nicht auf Staat und Polizeiapparat
Weil der Verfassungsschutz den NSU mitaufgebaut hat
Weil die Polizei doch selbst immer durchsetzt von Nazis war
Weil sie Oury Jalloh gefesselt und angezündet hab’n
Und wenn du friedlich gegen die Gewalt nicht ankommen kannst
Ist das letzte Mittel, das uns allen bleibt, Militanz

Juristisch ist die Grauzone erreicht
Doch vor Gericht mach‘ ich es mir dann wieder leicht
Zeig mich an und ich öffne einen Sekt
Das ist alles von der, alles von der, alles von der, alles von der
Alles von der Kunstfreiheit gedeckt

Rock and Roll.

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Song des Tages: komparse – „Ey Tim“


Müsste man die Musik von komparse in ein, zwei Worten beschreiben, dann würde es „himmelhohes Schluchzen“ wohlmöglich am besten treffen. Das liegt vornehmlich am Gesang von Bodo von Zitzewitz, der fast immer so klingt, als sei er gerade erst verlassen worden. Jemand, der versucht, all seinen Frust, all seine Wut in galgenhumorige Worte zu packen und dabei irgendwann mit leicht brüchiger Stimme in Tiraden verfällt, den Tränen nahe und irgendwie aus dem letzten Liedermacherloch pfeifend. Kombiniert mit verzerrten Gitarren und scheppernden Drums würde hier gewiss astreiner Emopunk herauskommen, doch der Kölner Musiker wählt eine ganz andere, deutlich dezentere musikalische Verpackung: Das rhythmische Fundament besteht aus reduzierten elektronischen Beats und knarzigen Bässen, den warmen Kontrast dazu bilden repetitive Akustikgitarrenpickings, aufgelöste E-Gitarrenakkorde, Harmonium-, Bläser- oder Synthieflächen sowie Glockenspielklänge, welche im Gros allesamt für eine wohlig-melancholische Atmosphäre sorgen. Das Ergebnis ist ein Singer/Songwriter-Indietronic-Sound par excellence.

„Minimalistische Hymnen. Dem Alltag entrissen und gewidmet. Sie kommen und gehen, diese Songs, aus dem Nichts, wie die Momente, die sie vertonen.“ (Christoph Schrag – Radio Fritz)

Und obwohl nur die wenigsten bereits Wind von diesen gar nicht mal so üblen Songs bekommen haben dürften, existiert komparse schon seit geraumer Zeit: seit 2010 zunächst als Solo-Projekt, dann als Trio in der Besetzung Bodo von Zitzewitz (Gitarre, Gesang), Christoph Ohrem (Harmonium, Synthie) und Andy Hafner (Beats, Glockenspiel), und nun, nachdem von Zitzewitz nach einer Reihe von EPs seine beiden Mitstreiter abtrünnig wurden, irgendwie wieder als notgedrungene One-Man-Show. Freilich gibt es vor allem in puncto Gesang gleich ein paar Namen, die sich als Referenzen geradezu aufdrängen: ClickClickDecker, Gisbert zu Knyphausen, Niels Frevert oder Moritz Krämer (und seine Höchste Eisenbahn) etwa. Ein Umstand, den Bodo von Zitzewitz auch gar nicht von der Hand weisen möchte: „Mich freut der Vergleich, aber in der deutschsprachigen Musik gibt es oft einen gewissen Sprachduktus. Die Wörter sind lang und ab einer bestimmten Anzahl entsteht etwas Sprechgesanghaftes. In der englischen Sprache ist es hingegen viel getragener.“

Und obwohl die Musik wie gemacht scheint für missmutige Hände-in-den-Taschen-Spaziergänge durchs nasskalte Dezemberwetter, möchte der Indie-Liedermacher seine Texte gar nicht allzu negativ verstanden wissen: „Vieles ist einfach ein Ventil für Sachen, die einen schlicht nerven, oder Sachen im Kopf, die ein bisschen Ordnung brauchen – ein menschliches Grundbedürfnis.“ Wobei es ihm wichtig ist, weg von den Befindlichkeiten, hin zu den Geschichten zu kommen: „Am Ende ist das Spannende, was jemand anderes aus dem Text macht und wie er ihn versteht.“ Das kann man nun auch auf dem unlängst erschienenen neuen Album „Der Letzte seiner Art„, dessen Titel eine Hommage an den Science-Fiction-Roman des deutschen Autors Andreas Eschbach in sich trägt, nachhören. Und Bodo von Zitzewitz wünschen, dass aus komparse und all diesen feinen Hadern-mit-der-grauen-Welt-Songs nun endlich und baldigst mehr wird als einer der jahrelang bestgehütetsten deutschsprachigen Geheimtipps…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Gisbert zu Knyphausen – „Straße“


2020 wäre wohlmöglich sein Jahr geworden: Rio Reiser hätte im Januar seinen 70. Geburtstag gefeiert und Ton Steine Scherben ihr 50. Jubiläum. Man hätte ihn – freilich stets social-distancing-konform – hofiert, gewürdigt und sich vom „Junimond“ bis rauf ins nordfriesische Fresenhagen tief vor dem „König von Deutschland“ verneigt. Und dabei wäre sicherlich noch einmal klar geworden, wie stark und nachhaltig gerade er den linken, nimmermüde protestierenden Rock’n’Roll in Deutschland geprägt hat…

Doch Ralph Christian „Rio Reiser“ Möbius starb 1996 imi Alter von 46 Jahren. Und mit ihm ging etwas verloren, das sich in keiner anderen Musikerpersönlichkeit hierzulande – da kann sich Selig-Frontmann Jan Plewka mit seinem ehrführchtig-launigen Rio-Tribut-Programm noch so große Mühe geben – seither so intensiv gezeigt hat: Reiser war Romantiker und Kämpfer, Aufklärer und Utopist, Hippie und Punker, strahlendes Rebellenidol und verhasste linke Pop-Zecke. Streitbar? Ja! Polarisierend? Klar! Charismatisch? Jawollo! Gemeinsam mit seinen Agitrock-Jungs von den „Scherben“ konnte er aus Worten Waffen formen und aus Emotionen Tatsachen. Wohl auch deshalb ist die Strahlkraft des deutschen Pendants zu einem wie John Lennon bis heute ungebrochen. Das zeigt auch die nun erschienene Compilation „Wir müssen hier raus – Eine Hommage an Ton Steine Scherben & Rio Reiser“, auf der unter anderem Die Sterne, Bosse, Jan Delay, Fettes Brot, Fehlfarben, Die Höchste Eisenbahn, Wir sind Helden, Beatsteaks, Slime oder Gisbert zu Knyphausen vertreten sind. Die Beiträge sind nicht alle neu, sondern stammen teilweise aus bekannten Veröffentlichungen. Jan Delays „Für immer und dich“ zum Beispiel ist bereits seit „Mercedes Dance“-Tagen bekannt, und auch die Helden-Version des Scherben-Gassenhauers „Halt dich an deiner Liebe fest“ hat bereits stolze 15 Lenze auf dem musikalischen Buckel.

Wie bei einer Beitragscouleur von Künstler*innen und Bands aus Genres wie Indie, Punk, Singer/Songwriter oder Pop nicht anders zu erwarten, fallen die hier versammelten Interpretation von Scherben- und Rio-Songs denn auch recht unterschiedlich aus. Die Sterne etwa widmen sich „Wenn die Nacht am tiefsten“ und geben ihm trotz aller Bissigkeit eine Portion verquerem Pop-Appeal, welche dem Stück durchaus gut zu Gesicht steht. Positiv heraus stechen auch „Jenseits von Eden“ der Hamburger Newcomer Erregung Öffentlicher Erregung, deren Synth-Rock-Version den Druck und die Freshness des Originals ins Hier und Heute überträgt, sowie die Schrottgrenze-Variante von „Menschenfresser„, schließlich sind auch heute Themen wie Ungerechtigkeit, Krieg, Unterdrückung, Frustration oder Hass aktuell wie anno 1986 (eventuell – leider – sogar aktueller). Gelungen sind auch Neufundlands „Halt dich an deiner Liebe fest“ (ja, der Song ist gleich zwei Mal vertreten, im Jahr 2016 veröffentlichte die Kölner Band diesen bereits inklusive eines Gebärdenvideos), das druckvolle „S.N.A.F.T.“ der Beatsteaks sowie Slimes ungemein energetisch hingerotzter Punk-Brocken „Ich will nicht werden“. Wenig verwunderlich auch, dass Gisbert zu Knyphausen und Band ihre Sache mit dem exklusiv aufgenommenen „Straße“ ebenfalls routiniert auf hohem Niveau erledigen. Natürlich kommt auch er, seit gefühlten Ewigkeiten selbst einer der zweifellos besten deutschen Liedermacher, mit seiner gleichsam rotzigen wie nachdenklichen Imitation keineswegs an den „großen Rio“ heran, aber auch bei ihm hört man die Lust an der Imitation. Und ganz nebenbei dürfte Lina Malys mit Akustikgitarre und Kontrabass eingespielte Darbietung von „Zauberland“ für nicht wenige der heimliche kleine Star dieser Platte sein…

Bei sage und schreibe 19 Beiträgen, die von dem titelgebenden Scherben-Original sowie einem Rio-Piano-Song eingerahmt werden, überzeugt natürlich nicht alles auf ähnlich hohem Niveau. Axel „Aki“ Bosses Version von „Warum geht es mir so dreckig?“ etwa streckt sich zwar redlich gen Rock, mag in Gänze jedoch irgendwie nicht zünden. Auch „Schritt für Schritt ins Paradies“ von Die Höchste Eisenbahn ist im neuen Indiepop-Arrangement recht geschmeidig, verfehlt aber die Absicht des Originals. Doch um Wettbewerb geht es hier ja nicht. Es geht um die Würdigung eines Helden, dessen Musik bis heute zwar etwas Revoluzzer-Patina angesetzt haben mag (kein Wunder, immerhin ist etwa der Album-Meilenstein „Keine Macht für Niemand“ bereits amtliche 48 Jahre jung!), jedoch kein bißchen gealtert ist, dessen Relevanz in Ton wie Wort eher zu- denn abnimmt. Recht passend also, Rio Reiser selbst das Tribut-Album mit einer gänsehäutenen Piano-Version von „Der Krieg“ beschließen zu lassen. Was sollte danach auch noch kommen?

Rock and Roll.

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