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Zu kurz gekommen – Teil 14


…But Alive – Nicht zynisch werden?! (1995)

-erschienen bei Weird System-

Wir haben uns entschieden / So wie die meisten / Fürs Rattenrennen / Und fürs Eigenheim leisten / Du blickst herab / Mit diesem Wissen was los ist...“ Liedermacher Niels Frevert sitzt 2008 im von Rotwein getränkten, überaus selbstreflexiven Kettcar-Song „Am Tisch“ in einer stylish-schicken Altbauwohnung und schaut zu seinem Freund Marcus Wiebusch hinüber, dem kauzig-arroganten grumpy old leftie, der seit jeher wohl alles immerzu besser wusste. Doch jener Wiebusch hadert Sekunden später selbst mit sich: „Ein Toast / Auf das Leben / Das Glück / Nur ich, ich komm‘ nicht mehr mit / Mit dem Leben / Dem Glück…“ Die Klarheit der Jugend, hinfortgerissen im Taumel der immergleichen Tagesroutinen. Nicht nur Niels, auch Marcus ist jetzt Teil jener Kraft, die stets Gutes will, aber oft gar nichts schafft: den Linksliberalen.

Dreizehn Jahre vor dem „Tisch“ sind die Fronten wesentlich klarer: „Die Feigheit hat einen Namen, linksliberal„, rotzt der Hamburger Wiebusch, damals vergleichsweise juvenile 26 Jahre jung, mit seiner ersten echten Band ..But Alive auf „Natalie“ vom zweiten Album „Nicht zynisch werden?!“ seine Wut in die Welt – und er hat in den Neunzigern eine Menge davon. Bereits beim Opener „Nennt es wie ihr wollt“ widmet sich der stets latent sprechsingende Frontmann dem Ausverkauf der eigenen (Punk-)Szene. Einem Ausverkauf, der eben im Alter – zumindest für die Glücklichen, die Sesshaften, die Spießigen – doch zum Eigenheim führt. Als Fundament dient ihm der wie aus einem Guss gespielte Mix aus melodischen Punk-Rock-Refrains und tempiwechselnden Metal-Attacken, der …But Alive während ihrer acht Bandjahre so unverkennbar machte.

Ähnlich wild fliegt „Aus und vorbei“ vorbei: Loriot-Zitat, Ska-Off-Beats, brutale Riffs und das nötige Pathos im Refrain – „Ein Hype, ein Star, ein Schuss – und dann C&A und Schluss“ – reichen Wiebusch für seine Abrechnung mit dem Generation X-Framing durch die Mehrheitsgesellschaft. Wie ein Chirurg zerlegt er den aufgedrückten Brand in der ersten Strophe: „Zuerst war alles nur ein Buch / Und jeder wusste, wer wir sind / Nur wir leider nicht…“ Das erwähnte „Buch“? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wohl „Generation X“ von Douglas Coupland, welches den sogenannten „Baby-Boomern“ zwar ein einprägsames Label aufdrückte, dafür jedoch recht wenig Lebenshinweise mit auf den Weg gab. Wiebusch steht damit im Geiste der Boxhamsters, die sich vier Jahre zuvor auf „Zu klein“ ebenfalls gegen die Ausweglosigkeit wehren: „Wir hatten nie ‚No Future‘ und glaubten an die Zeit...“

Überhaupt hadert der Kopf von …But Alive in jenen jungen Jahren – im Gegensatz zur späteren Weinprobe im gediegenen Eigenheim – weniger mit sich, sondern nimmt es mit der Szene, der Gesellschaft, mit alten Freunden wie neuen Feinden zeitgleich auf. Stets mit Schaum vorm Mund, und immer in der Überzeugung, zu wissen, was los ist. Auf dem 1993er Debüt „Für uns nicht“ schlägt er lyrisch noch ungestüm – und deutlich wilder – um sich. Der obligatorische Anti-Nazi-Song „Nur Idioten brauchen Führer“ sorgt im Kampf der Neunziger gegen die rechten Glatzen für Zusammenhalt bei bedrohten Konzerten, „Für immer 16“ interpretiert Peter Maffays „Ich möchte nie erwachsen sein“ und Alphavilles „Forever Young“ auf Punkig-Hanseatisch, in „Ohnmacht“ sprengt er 1991 als Terrorist Bayer und Hoechst in die Luft.

Schaut man sich heute, etwa drei Dekaden später, den Text von „Ohnmacht“ noch einmal genauer an, wandert man schnell in Gedanken über die Brücke ins Camp der Letzten Generation und fragt sich, warum die Generationskolleg*innen der „Generation X“ seinerzeit nicht mehr getan haben: „Oh, seht uns an, wir stehen vor den Trümmern dieser Zivilisation / Ein paar clevere Affen erfanden das Rad / Hier kommt die letzte Generation / Die noch ein bisschen menschenwürdig leben kann / Die Gräber stehen bereit„, und später: „Erzählt mir nichts von Recht und Ordnung / Wenn irgendeiner hier Amok läuft / Wenn morgen Regionen zu Wüsten werden und halb Indien ersäuft.“ Die Weitsicht, die Aktualität dieser Zeilen ist erstaunlich, sollte jedoch vor allem zu denken geben.

Andererseits sieht Wiebusch jedoch selbst die Machtlosigkeit solcher, stets vor allem von Parolen getriebener Musik und distanziert sich bereits zu …But Alive-Zeiten von jener naiv-zornigen Anfangsphase: „Ich habe Musik mit 16, 17, 18 tatsächlich als Waffe gesehen (…) Wenn ich singe: ‚Ohnmacht, ich spreng‘ euch alle weg!‘, dann ist das meine Meinung, und ich will, dass das alle anderen auch so sehen (…) Einen Song wie ‚Ohnmacht‘ wird es von mir nie wieder geben.“ Ebenso kontrovers dürfte Wiebusch rückblickend den Song „Ich möchte Ilona Christen die Brille von der Nase schlagen„, der 1997 zunächst auf der Split-7″ mit der kanadischen Hardcore-Band I Spy und später auf dem dritten Album „Bis jetzt ging alles gut…“ erschien, sehen, schließlich wird dort TV-Moderatorin Margarethe Schreinemakers in einer Textzeile als „Quotenhure“ bezeichnet. Das brachte der Band bereits damals – lange vor Internet-Shitstorms, #MeToo und Co. – den Vorwurf des Sexismus ein – die Kritik mag, Punkszene hin oder her – berechtigt gewesen sein, der Vorwurf könnte bei einem wie Wiebusch, der sich später bei jeder sich bietenden Gelegenheit für Homosexuelle, für Flüchtlinge oder Frauen- wie Tierrechte stark machte, jedoch falscher kaum sein.

Musikalisch jedoch überzeugen die 1991 gegründeten Hamburger von …But Alive von Anfang an und fanden schnell eine komplett eigene Szenennische zwischen Hafenstraße und Hamburger Schule. Hardcore Punk, Rap, Ska, Metal und Indie Rock …forming like Voltron. Hagen van de Viven zelebriert an der Leadgitarre, Marcus Wiebusch sorgt als Nachwuchs-James Hetfield an der zweiten Klampfe für eine Punk-untypische, mächtige Soundwand. Schlagzeuger Frank Tirado-Rosales (der Wiebusch später zu Kettcar folgen und selbigen bis 2010 treu bleiben wird) baut immer wieder Breaks und Grooves ein, die den biertrunkenen Kopf zwischen Headbangen, Nicken und Schütteln ganz wuschig werden lassen. Nur am Bass wechseln sich, ebenfalls verdammt Metallica-like, die Bandkollegen häufig ab. Es gibt und gab keine andere Punk-Rock-Band, die so klang wie …But Alive, und kein zweites deutschsprachiges Album fasst das Leben der Neunziger wohlmöglich so prägnant und nachhaltig in Worte wie „Nicht zynisch werden?!“ Steile Thesen? Genau. Aber, vor allem was letzteren Punkt betrifft, eine begründete, denn in den 15 Songs (zählt man den feinen Akustikgitarren-Hidden Track „Betroffen aufessen“ mit) kanalisiert Marcus Wiebusch seinen angestaunten Hunger, der Welt zu erzählen, was zur Hölle los ist, ohne ihr jedoch von oben herab zu predigen, was sie tun soll. Und: Er findet hier erstmals wirklich zu seinem noch später bei Kettcar so unnachahmlichen Stil aus Punchlines und Poesie, aus Parole und Meta-Ebene. In den Zwei-bis-drei-Minuten-Punk-Tiraden verdichtet er seine Gedanken so stark, dass ihm meist nur eine Zeile genügt, um eine ganze Generation – dieses Mal würdig – zu beschreiben.

Wer gebraucht wird, ist nicht frei / Wer braucht, wird niemals frei sein“ und „Ganz egal, welchen Weg wir wählen / Nur die Momente sind es, die zählen.“ Für die Außenwirkung mag da ein baumlanger angepisster Punk am Mikro stehen, im Herzen jedoch sitzt hier ein Rapper, so sehr und hervorragend wie etwa bei „Weißt nur was du nicht willst“ kluge Punchlines mit diversen Schichten und Ebenen mit den melodischen Leads und dicken Midtempo-Grooves harmonieren. Weitere Beispiele gefällig? „Und zwischen den Verträgen / Sucht jeder das Leben“ („Überall„) oder „Nichts ist brutaler als Moral / Die nur sich selbst genügt“ („Lasst es ihre Entscheidung sein„). Wiebusch verkopft hier (noch) nicht, textet nicht zur reinen Selbstgefälligkeit, sondern bleibt mit beiden Füßen auf der dreckigen Straße.

Für die Kleinkinder der Achtziger, die nur allzu gern und aus lauter Trägheit vom Gartenzaun aus die Welt verändern wollen, sind Bands wie …But Alive Mitte der Neunziger die Stimme der Vernunft und Menschlichkeit. Eine Stimme, der im AJZ alle folgen konnten, die den ganzen rechtskonservativen, heute verdammt AfD-nahen CDU-Dreck der Neunziger genauso ablehnten wie den dogmatischen DDR-Schwachsinn der KPD-Deppen und die abgrenzenden Political Correctness-Pamphlete der Autonomen. Denn „nichts ist schwarz-weiß“ und wenn du vergisst, wo du herkommst, wirst du dich selbst verlieren. Wiebusch wusste das und setzt seine Kraft auf die Liebe: „Es kommt nur auf dich und mich an / Und dann ist der Rest der Welt dran“ („1 + 1= 3„) und ganz besonders im wohl schönsten Refrain des Albums: „Mich interessiert nicht, was du weißt / Sondern nur, woran du glaubst / Mich interessiert nicht, was du hast / Sondern nur, was du brauchst“ („Keine Gegensätze„).

„Nicht zynisch werden?!“ mag zwar kein allumfassender Meilenstein sein, ist jedoch mit seiner Kompaktheit und dem zwischen den Rumpel-Rhythmen sorgsam versteckten Pop-Appeal eines der lyrisch größten deutschsprachigen Alben der Neunziger, stetig vibrierend zwischen dem naiven Hunger der Jugend und der wachsenden Selbsterkenntnis eines Dichters und Denkers. In jenen Zeiten profitieren neben …But Alive auch die Ska-Kollegen von Rantanplan und Slime für ihr Opus Magnum „Schweineherbst“ von Wiebuschs Einfluss.

Dennoch ist die Weiterentwicklung – oder besser: das Erwachsenwerden – freilich weder lyrisch noch musikalisch aufzuhalten. Bereits beim dritten, zwei Jahre darauf erscheinenden …But Alive-Album „Bis jetzt ging alles gut…“ schleichen sich Indie-Rock-Anleihen zwischen Wiebuschs immer kryptischere und verschnörkeltere Zeilen und bilden beim vierten und finalen 1999er Werk „Hallo Endophin“ bereits des Rudels Kern. Ein Jahrtausend endet, und mit ihm auch …But Alive und deren Traum vom Kampf für Punk-Rock-Ideale. Der Weg für Kettcar, der Weg in die Linksliberalität, die Altbauwohnung und ins vermeintliche Glück war frei. Dass Marcus Wiebusch für die Veröffentlichung des Kettcar-Debüts „Du und wieviel von deinen Freunden„, welches damals keinen Vertrieb fand, gemeinsam mit Kettcar-Bassist Reimer Bustorff und dem damaligen Tomte-Frontmann Thees Uhlmann mit Grand Hotel Van Cleef ein eigenes Label aus der Taufe hebt, das auch heute, dreißig Jahre später, noch bestens floriert? Ist eine andere Geschichte (die jedoch vor allem beweist, dass man den Punker im Herzen nie so ganz gehen lassen sollte)…

Wenn es noch so bitter ist: Was bleibt, ist die Erkenntnis / Im Falschen nichts richtig, ob im Nehmen oder Geben / Dass wir alle nur eine Lüge leben / Und es muss mehr als das hier geben…“ („Natalie„)

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Antarctigo Vespucci – „Love In The Time Of E​-​Mail“


„Maybe this is just another good thing that happens to everybody but me / maybe this is just another good thing / out of my reach“, singt Chris Farren in „Another Good Thing“ nach ungefähr zwei Dritteln dieses Albums. Das Lied entfaltet eine großartige Loser-Romantik und ist bei weitem nicht der einzige Moment auf „Love In The Time Of E-Mail“, in dem man an gut und gern an frühe(re) Weezer-Großtaten denken darf. Zugleich wundert man sich: Dass die guten Sachen immer nur den anderen passieren, sollte sich für Chris Farren mittlerweile eigentlich als Trugschluss herausgestellt haben. Denn zuletzt ist es für ihn als eine Hälfte von Antarctigo Vespucci durchaus gut gelaufen.

Es hätte auch anders kommen können: Nach drei durchaus mit Wohlwollen und Applaus bedachten Alben voll kleiner, feiner Hymnen irgendwo zwischen Indie, Punk und Emo Rock löste sich 2013 seine Band Fake Problems auf. Aus Florida zog der Frontmann ohne Band nach New York, und bald darauf erwies sich dort die Begegnung bei einer Party als wichtige Weichenstellung für die nächsten Jahre: Chris Farren traf Jeff Rosenstock wieder, seinerseits Frontmann von Bomb The Music Industry!. Mit dieser Band hatten Fake Problems mal eine Tour bestritten, auch danach gab es gelegentlich gemeinsame Konzerte. Nun beschlossen die beiden, gemeinsam ein paar Songs zu schreiben. Als klar wurde, wie gut genau diese Party-Schnapsidee funktionierte, wurde aus der „Come on, let’s jam!“-Idee eine Band namens Antarctigo Vespucci. Nach den EPs „Soulmate Stuff“ und „I’m So So Tethered“ sowie dem Debütalbum „Leavin‘ La Vida Loca“ (und parallelen Solokarrieren, denn auch die Band von Jeff Rosenstock existierte schon kurz darauf nicht mehr) folgte 2018 der zweite Langspieler „Love In The Time Of E-Mail„.

Wie gut das Duo aus Brooklyn, New York den jahrelang erprobten Spagat zwischen Punk, New Wave und Indie Rock auf der einen Seite sowie fies eingängigem Powerpop mit gehörigem Bubblegum-Anteil auf der anderen Seite beherrscht, macht „Love In The Time Of E-Mail“ recht schnell und unmittelbar klar, zugleich kann man in den dreizehn Stücken jedoch auch ein paar neue Elemente im Sound von Antarctigo Vespucci entdecken. Der Normalzustand für die Erzählposition ist, wie schon im eingangs erwähnten „Another Good Thing“, fast immer ein schwärmerisches, unglückliches Verliebtsein, in das sich Farren und Rosenstock voll und ganz hineinwerfen möchten.

„I hope I can be important in your life one day“, heißt es dann im untröstlichen Quasi-Intro „Voicemail“. „I wish I didn’t fall in love with everyone I ever met“, singt Farren im eher akustischen „Do It Over“. Das für die meisten Menschen eher unangenehme „White Noise“ wird hier herbeigewünscht, weil es die stetige Präsenz (s)einer Angebeteten ersetzen könnte, die Farren zurhöllenocheins nicht aus dem Kopf bekommt. Im herzzerreißenden Album-Schlusspunkt „E-Mail“ zeigt sich, dass seine bereitwillig zur Schau gestellte Schüchternheit nicht nur ein Wesenszug ist, sondern offensichtlich auch die Reaktion auf viele schmerzhafte Erfahrungen. „I wanted to see you, to see if I still wanted to see you“, zitiert er in „Breathless On DVD“ einen Satz von Jean-Paul Belmondo aus „Atemlos“, zu einem Refrain, welcher auf fast infantile Weise Heiterkeit verbreitet – der olle Emo-Punk lässt lieb grüßen.

Auch „Kimmy“ gerät mit Glockenspiel und Handclaps fast poppe-di-punk-übermütig im Stile der seligen Wheatus, „The Price Is Right Theme Song“ explodiert ebenfalls beinahe vor ohrwurmiger Eingängigkeit. Dem stehen etwas rohere Passagen wie das kaum weniger überzeugende „All These Nights“ gegenüber oder „Lifelike“, das vom Klavier getragen wird und beinahe echte Schwermut aufkommen lässt. Auch „Not Yours“ ist weit von der zeitweise Albernheit früherer Fake Problems-Tage entfernt: Es geht um Abhängigkeiten, Besitzansprüche und Machtkämpfe in Beziehungen – natürlich wird aber auch das nicht in gitarresken Trübsal verpackt, sondern in einen sehr kurzweiligen Boogie.

Als spontaner Anspieltipp eignet sich wohl am ehesten „Freakin‘ U Out“, weil es auf nahezu prototypische Weise Punk und Powerpop-Putzigkeit vereint – zwei Pole, die nun einmal den Markenkern von Antarctigo Vespucci ausmachen. „So Vivid!“ ist darauf der Song, der am besten zeigt, wie die Verbindung aus Niederlagen, Sorgen und Selbstzweifeln mit mitreißenden Melodien und einer manchmal theatralischen Pop-Ästhetik gelingt: Was man für beides braucht, ist ein Hang zu von hinter aufzäumender Romantik.

Was anno 2015 mit Antarctigo Vespucci aus einer Party-und-Stillstand-Laune der beiden Indie-Punk-Musiker Chris Farren und Jeff Rosenstock heraus entstand, nimmt mit „Love In The Time Of E-Mail“ durchaus ernstzunehmende, konzeptionelle Züge an, in denen sich neben der spannenden, stets aktuellen Thematik des Albums (Gibt es die „wahre Liebe“ im Zeitalter von E-Mails, Twitter, Instagram, SMS, Facebook etc. pp. noch?) auch die Musik als ebenso spannend und abwechslungsreich – und selbstverständlich ordentlich punkig – erweist.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Gisbert zu Knyphausen – „Straße“


2020 wäre wohlmöglich sein Jahr geworden: Rio Reiser hätte im Januar seinen 70. Geburtstag gefeiert und Ton Steine Scherben ihr 50. Jubiläum. Man hätte ihn – freilich stets social-distancing-konform – hofiert, gewürdigt und sich vom „Junimond“ bis rauf ins nordfriesische Fresenhagen tief vor dem „König von Deutschland“ verneigt. Und dabei wäre sicherlich noch einmal klar geworden, wie stark und nachhaltig gerade er den linken, nimmermüde protestierenden Rock’n’Roll in Deutschland geprägt hat…

Doch Ralph Christian „Rio Reiser“ Möbius starb 1996 imi Alter von 46 Jahren. Und mit ihm ging etwas verloren, das sich in keiner anderen Musikerpersönlichkeit hierzulande – da kann sich Selig-Frontmann Jan Plewka mit seinem ehrführchtig-launigen Rio-Tribut-Programm noch so große Mühe geben – seither so intensiv gezeigt hat: Reiser war Romantiker und Kämpfer, Aufklärer und Utopist, Hippie und Punker, strahlendes Rebellenidol und verhasste linke Pop-Zecke. Streitbar? Ja! Polarisierend? Klar! Charismatisch? Jawollo! Gemeinsam mit seinen Agitrock-Jungs von den „Scherben“ konnte er aus Worten Waffen formen und aus Emotionen Tatsachen. Wohl auch deshalb ist die Strahlkraft des deutschen Pendants zu einem wie John Lennon bis heute ungebrochen. Das zeigt auch die nun erschienene Compilation „Wir müssen hier raus – Eine Hommage an Ton Steine Scherben & Rio Reiser“, auf der unter anderem Die Sterne, Bosse, Jan Delay, Fettes Brot, Fehlfarben, Die Höchste Eisenbahn, Wir sind Helden, Beatsteaks, Slime oder Gisbert zu Knyphausen vertreten sind. Die Beiträge sind nicht alle neu, sondern stammen teilweise aus bekannten Veröffentlichungen. Jan Delays „Für immer und dich“ zum Beispiel ist bereits seit „Mercedes Dance“-Tagen bekannt, und auch die Helden-Version des Scherben-Gassenhauers „Halt dich an deiner Liebe fest“ hat bereits stolze 15 Lenze auf dem musikalischen Buckel.

Wie bei einer Beitragscouleur von Künstler*innen und Bands aus Genres wie Indie, Punk, Singer/Songwriter oder Pop nicht anders zu erwarten, fallen die hier versammelten Interpretation von Scherben- und Rio-Songs denn auch recht unterschiedlich aus. Die Sterne etwa widmen sich „Wenn die Nacht am tiefsten“ und geben ihm trotz aller Bissigkeit eine Portion verquerem Pop-Appeal, welche dem Stück durchaus gut zu Gesicht steht. Positiv heraus stechen auch „Jenseits von Eden“ der Hamburger Newcomer Erregung Öffentlicher Erregung, deren Synth-Rock-Version den Druck und die Freshness des Originals ins Hier und Heute überträgt, sowie die Schrottgrenze-Variante von „Menschenfresser„, schließlich sind auch heute Themen wie Ungerechtigkeit, Krieg, Unterdrückung, Frustration oder Hass aktuell wie anno 1986 (eventuell – leider – sogar aktueller). Gelungen sind auch Neufundlands „Halt dich an deiner Liebe fest“ (ja, der Song ist gleich zwei Mal vertreten, im Jahr 2016 veröffentlichte die Kölner Band diesen bereits inklusive eines Gebärdenvideos), das druckvolle „S.N.A.F.T.“ der Beatsteaks sowie Slimes ungemein energetisch hingerotzter Punk-Brocken „Ich will nicht werden“. Wenig verwunderlich auch, dass Gisbert zu Knyphausen und Band ihre Sache mit dem exklusiv aufgenommenen „Straße“ ebenfalls routiniert auf hohem Niveau erledigen. Natürlich kommt auch er, seit gefühlten Ewigkeiten selbst einer der zweifellos besten deutschen Liedermacher, mit seiner gleichsam rotzigen wie nachdenklichen Imitation keineswegs an den „großen Rio“ heran, aber auch bei ihm hört man die Lust an der Imitation. Und ganz nebenbei dürfte Lina Malys mit Akustikgitarre und Kontrabass eingespielte Darbietung von „Zauberland“ für nicht wenige der heimliche kleine Star dieser Platte sein…

Bei sage und schreibe 19 Beiträgen, die von dem titelgebenden Scherben-Original sowie einem Rio-Piano-Song eingerahmt werden, überzeugt natürlich nicht alles auf ähnlich hohem Niveau. Axel „Aki“ Bosses Version von „Warum geht es mir so dreckig?“ etwa streckt sich zwar redlich gen Rock, mag in Gänze jedoch irgendwie nicht zünden. Auch „Schritt für Schritt ins Paradies“ von Die Höchste Eisenbahn ist im neuen Indiepop-Arrangement recht geschmeidig, verfehlt aber die Absicht des Originals. Doch um Wettbewerb geht es hier ja nicht. Es geht um die Würdigung eines Helden, dessen Musik bis heute zwar etwas Revoluzzer-Patina angesetzt haben mag (kein Wunder, immerhin ist etwa der Album-Meilenstein „Keine Macht für Niemand“ bereits amtliche 48 Jahre jung!), jedoch kein bißchen gealtert ist, dessen Relevanz in Ton wie Wort eher zu- denn abnimmt. Recht passend also, Rio Reiser selbst das Tribut-Album mit einer gänsehäutenen Piano-Version von „Der Krieg“ beschließen zu lassen. Was sollte danach auch noch kommen?

Rock and Roll.

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Song des Tages: MARCH – „Reaper’s Delight“


Am internationalen Weltfrauentag (an alle Machos da draußen: selbiger wird am 8. März begangen) machten auch in diesem Jahr so einige Memes und Symbolbilder in den sozialen Netzwerken die Runde, in denen auf die weiterhin ungleichen Machtverhältnisse der verschiedenen Geschlechter aufmerksam gemacht wurde. Gern geteilt wurde dabei die lange Liste all jener Dinge, die sich Frauen für die Gleichberechtigung wünschen würden, unter anderem Chancengleichheit im Berufsleben und die Bekämpfung der Gender Pay Gap. Auf der anderen Seite stand die eine Sache, die Frauen stattdessen – bestenfalls und doch sehr oft – am Weltfrauentag bekommen: Rosen. Wie passend also, dass die Punkrocker von MARCH kurzerhand einen ganzen Strauß der altmodischen Kavaliersgeste abzufackeln gedenken. Auf dem Cover ihres zweiten Albums “Set Loose”, welches passenderweise am 20. März erschien, züngeln die Flammen zwar erst an einigen Knospen, doch in den elf Songs macht sich einiges an revolutionärem Lauffeuer-Potential breit. Ein Pulverfass mit deutlichem Hardcore-Einschlag, das es in sich hat. Punknputtel is slightly pissed.

„Die Platte ist ein Mantra, das eigene Feuer rauszulassen. Jeder hat dieses Glühen, das großartige Dinge in Gang setzen kann, wenn wir ihm freien Lauf lassen – das uns aber auch von innen ausbrennen kann, wenn nicht.“ (Fleur van Zuilen)

Im Opener “On High Heat” stürmt das 2013 gegründete niederländisch-belgische Quartett noch ohne Rücksicht auf Verluste nach vorn, bis Frontfrau Fleur van Zuilen, deren shoutendes Reibeisen-Gesangsorgan mit Leichtigkeit zwischen Screamo und cleanem Chorus zu wechseln versteht, im Refrain mit tiefsinniger Melodik konstatiert: “Two days is all I need to burn this to the ground”. Das möchte man auch gar nicht anzweifeln, denn was van Zuilen hier an Energie vom Stapel lässt, kommt der puren Live-Ekstase, mit der MARCH neben den Größen der Riot-Grrrl-Bewegung keineswegs verblassen, schon ziemlich nahe. Glücklicherweise verliert auch der Nachfolger zum 2016er Werk „Stay Put“ (welches im Rückspiegel doch recht brav tönte) nicht an Strahlkraft, was vor allem an der bewussten Portionierung der Ausbrüche liegen mag. Melodischere Distillers-Momente, wie etwa in “Challenger”, das fast entspannt zwischen Hellacopters und AC/DC soliert und Brody Dalle vor dem inneren Auge in den Proberaum der Runaways schiebt, stehen gleichberechtigt neben polternden Motörhead-Kniefall-Krachern wie “Born A Snake” oder den Sleaze-Chören von “She’s A Hurricane”. Anstelle also bei kompromissloser Knüppelei im Stile der Clowns – siehe “Fear Of Roses” – zu bleiben, profitiert die Struktur ungemein von all den unverschämt eingängigen Mitgröhl-Hooks, den dynamischen Melodiepfützen und den sich bedacht auftürmenden Instrumentalwände dazwischen.

Aber vor allem geht es dem Vierergespann aus dem niederländischen Breda, zu dem noch Gitarrist Hermance Van Dijk, Bassist Jeroen Meeus und Schlagzeuger Thomas Frankhuijzen gehören, um etwas. So ist “Challenger” an van Zuilens Lieblingsfilm “Death Proof” angelehnt, in dem sich eine Gruppe von Frauen mit kalter Schnauze an einem fiesen Macho-Arschloch rächt. “Fear Of Roses” widmet sich den Ängsten und Möglichkeiten jedes Einzelnen, “She’s A Hurricane” metaphorisiert mit dramaturgischer Finesse den zurückschlagenden Ausbruch einer Frau als Naturgewalt und “Start Again” besinnt sich auf klassische Systemkritik. Auch der Boden dieses knirschenden Pulverfasses wurde also mit den feinsten Mitteln verleimt – da dürfte die anstehende Detonation sogar die Wände der isoliertesten Punker-Quarantänestationen ins Wanken bringen. Bis MARCH, wie das Gros ihrer Musiker-Leidensgenossen auch, irgendwann endlich wieder auf Tour gehen dürfen, bleibt “Set Loose” (zu welchem man hier ein Track-By-Track-Interview findet) zwar ein Album, das das Rock’n’Roll-Rad nicht neu erfinden mag, jedoch ein feines Pflaster für die geschundene Punkerseele bildet. Angetrieben von der Wut auf das patriarchale System verpacken Fleur van Zuilen und Co. ihren dennoch optimistisch tönenden Crossover dabei etwas weiträumiger als Schwestern im Geiste wie die Petrol Girls oder War On Women und verfügen dabei über einen gelungenen 33-Minuten-Mix aus feministisch geprägten Botschaften und launiger Punk-Salven-Riffmeisterschaft.

Woher diese Vergleiche mit Distillers-Vorsteherin Brody Dalle und Konsorten kommen, macht vor allem „Reaper’s Delight“ deutlich. Klar, das mit Stoner Rock flirtende Riff bricht auf „Set Loose“ ein wenig aus dem erwarteten Korsett aus und erinnert an etwas milder gestimmte Cancer Bats, und doch steckt ordentlich Wucht in dem Brecher, dessen Geisterbahn-Musikvideo, obwohl bereits im Januar veröffentlich, kaum besser zu Halloween passen könnte…

Rock and Roll.

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Eine gute Idee für den guten Zweck – Hi! Spencer veröffentlichen eine Akustik-EP


Schon lange eine gute Idee, nun kommt’s endlich: Hi! Spencer veröffentlichen mit „Bei den Hunden“ eine Akustik-EP und machen damit die intime(re) Interpretation ihres Sounds hörbar, die der gefühlvollen Musik der Osnabrücker Indiepunk-Band schon lange innewohnt. Fünf seiner Songs hat das Quintett um Frontmann Sven Bensmann neu aufgenommen und setzt sich damit gleichzeitig für einen wichtigen Zweck ein: Mit dem Erwerb der exklusiv im „Uncle M“-Shop als Pre-Order erhältlichen limitierten CD fordern Hi! Spencer ihre Fans gleichzeitig dazu auf, eine Spende an die zivile Seenotrettungsorganisation „Seebrücke“ zu entrichten – eine Aktion, die eigentlich ja immer und jederzeit, aber vielleicht, vielleicht ganz besonders jetzt nach den Bränden im Flüchtlingslager in Moria unheimlich wichtig ist.

Die Inspiration zu diesem Rahmen der EP kam Hi! Spencer, von denen auf ANEWFRIEND bereits im vergangenen Jahr, als ihr zweiter Langspieler „Nicht raus, aber weiter“ erschien, die Schreibe war, als sich Sven Bensmann (Gesang), Janis Petersmann (Gitarre), Malte Thiede (Gitarre, Gesang), Jan Niermann (Bass, Keyboard, Gesang) und Niklas Unnerstall (Schlagzeug) ihre eigenen Songs für das Projekt noch einmal unter die Lupe nahmen. „Durch die Akustikaufnahmen haben wir teilweise Jahre alte Songs neu aufgerollt,“ erzählt die Band. „Dabei sind wir über die Textzeile ‚Ich hab geschlafen bei den Hunden‘ aus dem Song ‚Trümmer‚ regelrecht gestolpert. Als der Song geschrieben wurde, war die Stelle eine Metapher für uns. Mit den Jahren als Band haben wir aber mit vielen wahnsinnig tollen Menschen zusammenarbeiten dürfen – darunter auch ‚Pfand gehört daneben‚, eine Organisation, die den Blick auf Obdachlosigkeit schärft. Hören wir die Zeile jetzt, sehen wir darin Menschen, für die der Satz keine Metapher, sondern vielmehr Realität ist. Mit unserer EP Aufmerksamkeit, Bewusstsein und Sensibilität für diese Menschen herstellen zu können – das wäre großartig.“

Dass die Songs von Hi! Spencer so nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch immer wieder neue Facetten offenlegen können, belegt „Bei den Hunden“ so deutlich wie noch nie. Eine Handvoll Songs aus dem Backkatalog hat die Band hierfür komplett neu arrangiert. In der besonderen Studioatmosphäre und mit wohligen Pianoklängen entfalten alle Stücke eine ganz andere Wirkung, die Hi! Spencer – im besten Fall, in den tollsten Momenten – ganz neu erfindet, ohne je den Pop-Appeal außer Acht zu lassen und ohne so ganz die rauen Wurzeln der Band zu vergessen. Und ebenso viel Liebe wurde auch in Design und Aufmachung des Projekts gesteckt. So zeichnet sich Lucas Meyer für das Artwork verantwortlich, der schon für Bands wie Heisskalt und Fjørt gearbeitet hat. Die CD kommt außerdem in einer direkt bei Homesick Merch per Siebdruck gedruckten Naturpapier-Klapptasche daher, die nicht nur für eine besondere Optik sorgt, sondern obendrein ganz ohne Plastik auskommt. Heraus kommt: eine rundum gelungene Sache – in Bild, Ton und Zweck. 👍

via Facebook / PFAND GEHÖRT DANEBEN

Rock and Roll.

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Song des Tages: Pascow – „Wunderkind“


Foto: Promo / Andreas Langfeld

Schon seit dem zweiten Jahrhundert nach Christi Geburt wissen wir, dass Jade wie folgt umschrieben wird: „Jade ist Schönheit im Stein mit fünf Tugenden: Ihr warmer Glanz steht für Menschlichkeit, ihre makellose Reinheit für sittliche Lauterkeit, ihr angenehmer Klang für Weisheit, ihre Härte für Gerechtigkeit und ihre Beständigkeit für Ausdauer und Tapferkeit.“

Neunzehn Jahrhunderte später wissen wir aber:  „Jade“ steht auch für das 2019 erschienene sechste Album von Pascow. Und wir sollten festhalten, dass sich über die Jahrhunderte recht wenig verändert hat – obwohl manch eine(r) mit der „sittlichen Lauterkeit“ noch immer so seine (oder ihre) Probleme haben dürfte… Natürlich lässt, großzügig ausgelegt, der Text aus dem großartigen „Schmutzigrot„, einen tatsächlich Pop-infizierten Beziehungssong,  genügend Raum für Interpretationen: „Gut war der Wind, wir haben‘s einfach nicht geschafft“ – ein bisschen mehr Fantasie, bitteschön! Attribute wie Menschlichkeit, Gerechtigkeit oder Weisheit finden sich neben Gesellschafts- und Kapitalismuskritik gleich mehrfach in den Songs des bereits seit 1998 bestehenden Punkrock-Viergespanns aus dem beschaulichen rheinland-pfälzischen Gimbweiler wieder. „Kriegerin“, „Track der Toten“ oder auch „Heute Jäger, morgen Taucher“ kommen satte fünf Jahre nach dem vielerorts gefeierten Album-Achtungserfolg „Diene der Party“ mit gewohnt-rotziger Wucht rüber, lassen keinerlei Lethargie zu, schlagen vielmehr eine derbe Schneise direkt ins Hörerhirn. Aber wer die Vorgänger kennt, der durfte von Alex, Swen, Flo und Ollo, die – in bester Ramones-Manier – natürlich alle den Nachnamen „Pascow“ tragen, auch kaum etwas anderes erwarten. Eher ungewöhnlich dagegen für Pascow: das Einbeziehen persönlicher Inhalte. Die Liebeserklärung „Marie“ etwa birgt die Gefahr, dass du nachts, wenn du Schlaf suchst, im Stillen von einer anderen Frau summst als von der, die da gerade neben dir liegt. So selbstzerstörerisch wie die depressive Geige zu Beginn, die Grenzen des Punkrocks großzügig gedehnt bis hin zu Ska mit russisch anmutendem Folk.

Und dann kommt kurz vor Schluss noch eine formvollendete Überraschung. Als alter Hippie weiß man freilich, dass diese Generation der Jade eine gewisse Magie zugeschrieben hat. Und jene „Magie“ findet sich in dem ungewöhnlichen, jedoch gänsehautwundervollen „anderen“ Song „Wunderkind“ wieder, schließlich wagen sich hier vier Punks an eine persönliche Piano-meets-einsame-E-Gitarre-Ballade (die wiederum kaum zu verkennende Ähnlichkeit zu Bushs “Glycerine” aufweist). Leise, mit Bedacht, greifen die stillen Töne dieser Außenseiter-Hymne ohne Umschweife nach deiner Seele. Und du? Du weißt eigentlich nicht, warum. Verdammt! Dunkle Edelsteinmagie, anyone?

Unterm Strich ist das zusammen mit Ex-Blackmail-Gitarrist Kurt Ebelhäuser produzierte „Jade“ die wohl bislang interessanteste Produktion von Pascow, die allen, die im Plattenregal zwischen Kapellen wie Frau Potz und Muff Potter noch ein wenig Platz frei haben, bestens munden dürfte. Eine gelungene Punkrock-Einheit und doch voller Abwechslung – sowohl im Songwriting, als auch in der Textgestaltung, werden hier doch kleine Geschichten erzählt, von einer Punk-Jugend, von Liebe und dem Ausbrechen aus der piefigen Kleinstadt-Idylle.

„Wunderkind“ war im vergangenen Jahr – zwischen „Silberblick & Scherenhände“ und dem Titelstück – die zweite Singleauskopplung aus „Jade“. Einerseits mutig, andererseits jedoch irgendwie auch konsequent, dass eine Punkrock-Band ausgerechnet eine gefühlige Stinkfinger-Ballade als eines der Aushängeschilder ihres Albums wählt…

„Du hast Wunden und Narben
Durchs Leben getragen
Wie die meisten auch
Nur schlechter versteckt

Echte Wunden heilt die Zeit nicht
Und meistens fragt die Welt nicht
Was du schaffst
Und was nicht

Konntest nie sein, wie alle sind
Selbst wenn du es wolltest
Zehntausend Mal
Zehntausend Mal

Echte Wunden heilt die Zeit nicht
Und meistens weißt du selbst nicht
Was du schaffst und was nicht
Was du schaffst und was nicht

Weil du weißt
Dass du alleine stirbst
Wie es all die Deinen tun
Sacred Wunderkind
Das raucht und hurt und trinkt

Weil du weißt
Dass du alleine stirbst
Wie all die andern auch
Und die Spinner sind nicht besser
Nur weil einer mehr sie braucht

Wurdest geboren als Geist
Und solltest so leben
Doch wer nichts hat
Dem kann man auch nichts nehmen

Und die Deppen auf der Straße
Die sich nie nach dir umdrehen
Die kennen nicht dein Strahlen
Und werden‘s niemals, niemals sehen

Was sie in hundert Liedern singen
Dieses Leben kennst du nicht
Doch niemand wird je glücklicher
Als du‘s gerade bist

Weil du weißt
Dass du alleine stirbst
Wie es all die Deinen tun
Sacred Wunderkind
Das raucht und hurt und trinkt

Weil du weißt
Dass du alleine stirbst
Wie all die andern auch
Und die Spinner sind nicht besser
Weil du sie jetzt nicht mehr brauchst

Rock and Roll.

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