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Sunday Listen: Antarctigo Vespucci – „Love In The Time Of E​-​Mail“


„Maybe this is just another good thing that happens to everybody but me / maybe this is just another good thing / out of my reach“, singt Chris Farren in „Another Good Thing“ nach ungefähr zwei Dritteln dieses Albums. Das Lied entfaltet eine großartige Loser-Romantik und ist bei weitem nicht der einzige Moment auf „Love In The Time Of E-Mail“, in dem man an gut und gern an frühe(re) Weezer-Großtaten denken darf. Zugleich wundert man sich: Dass die guten Sachen immer nur den anderen passieren, sollte sich für Chris Farren mittlerweile eigentlich als Trugschluss herausgestellt haben. Denn zuletzt ist es für ihn als eine Hälfte von Antarctigo Vespucci durchaus gut gelaufen.

Es hätte auch anders kommen können: Nach drei durchaus mit Wohlwollen und Applaus bedachten Alben voll kleiner, feiner Hymnen irgendwo zwischen Indie, Punk und Emo Rock löste sich 2013 seine Band Fake Problems auf. Aus Florida zog der Frontmann ohne Band nach New York, und bald darauf erwies sich dort die Begegnung bei einer Party als wichtige Weichenstellung für die nächsten Jahre: Chris Farren traf Jeff Rosenstock wieder, seinerseits Frontmann von Bomb The Music Industry!. Mit dieser Band hatten Fake Problems mal eine Tour bestritten, auch danach gab es gelegentlich gemeinsame Konzerte. Nun beschlossen die beiden, gemeinsam ein paar Songs zu schreiben. Als klar wurde, wie gut genau diese Party-Schnapsidee funktionierte, wurde aus der „Come on, let’s jam!“-Idee eine Band namens Antarctigo Vespucci. Nach den EPs „Soulmate Stuff“ und „I’m So So Tethered“ sowie dem Debütalbum „Leavin‘ La Vida Loca“ (und parallelen Solokarrieren, denn auch die Band von Jeff Rosenstock existierte schon kurz darauf nicht mehr) folgte 2018 der zweite Langspieler „Love In The Time Of E-Mail„.

Wie gut das Duo aus Brooklyn, New York den jahrelang erprobten Spagat zwischen Punk, New Wave und Indie Rock auf der einen Seite sowie fies eingängigem Powerpop mit gehörigem Bubblegum-Anteil auf der anderen Seite beherrscht, macht „Love In The Time Of E-Mail“ recht schnell und unmittelbar klar, zugleich kann man in den dreizehn Stücken jedoch auch ein paar neue Elemente im Sound von Antarctigo Vespucci entdecken. Der Normalzustand für die Erzählposition ist, wie schon im eingangs erwähnten „Another Good Thing“, fast immer ein schwärmerisches, unglückliches Verliebtsein, in das sich Farren und Rosenstock voll und ganz hineinwerfen möchten.

„I hope I can be important in your life one day“, heißt es dann im untröstlichen Quasi-Intro „Voicemail“. „I wish I didn’t fall in love with everyone I ever met“, singt Farren im eher akustischen „Do It Over“. Das für die meisten Menschen eher unangenehme „White Noise“ wird hier herbeigewünscht, weil es die stetige Präsenz (s)einer Angebeteten ersetzen könnte, die Farren zurhöllenocheins nicht aus dem Kopf bekommt. Im herzzerreißenden Album-Schlusspunkt „E-Mail“ zeigt sich, dass seine bereitwillig zur Schau gestellte Schüchternheit nicht nur ein Wesenszug ist, sondern offensichtlich auch die Reaktion auf viele schmerzhafte Erfahrungen. „I wanted to see you, to see if I still wanted to see you“, zitiert er in „Breathless On DVD“ einen Satz von Jean-Paul Belmondo aus „Atemlos“, zu einem Refrain, welcher auf fast infantile Weise Heiterkeit verbreitet – der olle Emo-Punk lässt lieb grüßen.

Auch „Kimmy“ gerät mit Glockenspiel und Handclaps fast poppe-di-punk-übermütig im Stile der seligen Wheatus, „The Price Is Right Theme Song“ explodiert ebenfalls beinahe vor ohrwurmiger Eingängigkeit. Dem stehen etwas rohere Passagen wie das kaum weniger überzeugende „All These Nights“ gegenüber oder „Lifelike“, das vom Klavier getragen wird und beinahe echte Schwermut aufkommen lässt. Auch „Not Yours“ ist weit von der zeitweise Albernheit früherer Fake Problems-Tage entfernt: Es geht um Abhängigkeiten, Besitzansprüche und Machtkämpfe in Beziehungen – natürlich wird aber auch das nicht in gitarresken Trübsal verpackt, sondern in einen sehr kurzweiligen Boogie.

Als spontaner Anspieltipp eignet sich wohl am ehesten „Freakin‘ U Out“, weil es auf nahezu prototypische Weise Punk und Powerpop-Putzigkeit vereint – zwei Pole, die nun einmal den Markenkern von Antarctigo Vespucci ausmachen. „So Vivid!“ ist darauf der Song, der am besten zeigt, wie die Verbindung aus Niederlagen, Sorgen und Selbstzweifeln mit mitreißenden Melodien und einer manchmal theatralischen Pop-Ästhetik gelingt: Was man für beides braucht, ist ein Hang zu von hinter aufzäumender Romantik.

Was anno 2015 mit Antarctigo Vespucci aus einer Party-und-Stillstand-Laune der beiden Indie-Punk-Musiker Chris Farren und Jeff Rosenstock heraus entstand, nimmt mit „Love In The Time Of E-Mail“ durchaus ernstzunehmende, konzeptionelle Züge an, in denen sich neben der spannenden, stets aktuellen Thematik des Albums (Gibt es die „wahre Liebe“ im Zeitalter von E-Mails, Twitter, Instagram, SMS, Facebook etc. pp. noch?) auch die Musik als ebenso spannend und abwechslungsreich – und selbstverständlich ordentlich punkig – erweist.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Gisbert zu Knyphausen – „Straße“


2020 wäre wohlmöglich sein Jahr geworden: Rio Reiser hätte im Januar seinen 70. Geburtstag gefeiert und Ton Steine Scherben ihr 50. Jubiläum. Man hätte ihn – freilich stets social-distancing-konform – hofiert, gewürdigt und sich vom „Junimond“ bis rauf ins nordfriesische Fresenhagen tief vor dem „König von Deutschland“ verneigt. Und dabei wäre sicherlich noch einmal klar geworden, wie stark und nachhaltig gerade er den linken, nimmermüde protestierenden Rock’n’Roll in Deutschland geprägt hat…

Doch Ralph Christian „Rio Reiser“ Möbius starb 1996 imi Alter von 46 Jahren. Und mit ihm ging etwas verloren, das sich in keiner anderen Musikerpersönlichkeit hierzulande – da kann sich Selig-Frontmann Jan Plewka mit seinem ehrführchtig-launigen Rio-Tribut-Programm noch so große Mühe geben – seither so intensiv gezeigt hat: Reiser war Romantiker und Kämpfer, Aufklärer und Utopist, Hippie und Punker, strahlendes Rebellenidol und verhasste linke Pop-Zecke. Streitbar? Ja! Polarisierend? Klar! Charismatisch? Jawollo! Gemeinsam mit seinen Agitrock-Jungs von den „Scherben“ konnte er aus Worten Waffen formen und aus Emotionen Tatsachen. Wohl auch deshalb ist die Strahlkraft des deutschen Pendants zu einem wie John Lennon bis heute ungebrochen. Das zeigt auch die nun erschienene Compilation „Wir müssen hier raus – Eine Hommage an Ton Steine Scherben & Rio Reiser“, auf der unter anderem Die Sterne, Bosse, Jan Delay, Fettes Brot, Fehlfarben, Die Höchste Eisenbahn, Wir sind Helden, Beatsteaks, Slime oder Gisbert zu Knyphausen vertreten sind. Die Beiträge sind nicht alle neu, sondern stammen teilweise aus bekannten Veröffentlichungen. Jan Delays „Für immer und dich“ zum Beispiel ist bereits seit „Mercedes Dance“-Tagen bekannt, und auch die Helden-Version des Scherben-Gassenhauers „Halt dich an deiner Liebe fest“ hat bereits stolze 15 Lenze auf dem musikalischen Buckel.

Wie bei einer Beitragscouleur von Künstler*innen und Bands aus Genres wie Indie, Punk, Singer/Songwriter oder Pop nicht anders zu erwarten, fallen die hier versammelten Interpretation von Scherben- und Rio-Songs denn auch recht unterschiedlich aus. Die Sterne etwa widmen sich „Wenn die Nacht am tiefsten“ und geben ihm trotz aller Bissigkeit eine Portion verquerem Pop-Appeal, welche dem Stück durchaus gut zu Gesicht steht. Positiv heraus stechen auch „Jenseits von Eden“ der Hamburger Newcomer Erregung Öffentlicher Erregung, deren Synth-Rock-Version den Druck und die Freshness des Originals ins Hier und Heute überträgt, sowie die Schrottgrenze-Variante von „Menschenfresser„, schließlich sind auch heute Themen wie Ungerechtigkeit, Krieg, Unterdrückung, Frustration oder Hass aktuell wie anno 1986 (eventuell – leider – sogar aktueller). Gelungen sind auch Neufundlands „Halt dich an deiner Liebe fest“ (ja, der Song ist gleich zwei Mal vertreten, im Jahr 2016 veröffentlichte die Kölner Band diesen bereits inklusive eines Gebärdenvideos), das druckvolle „S.N.A.F.T.“ der Beatsteaks sowie Slimes ungemein energetisch hingerotzter Punk-Brocken „Ich will nicht werden“. Wenig verwunderlich auch, dass Gisbert zu Knyphausen und Band ihre Sache mit dem exklusiv aufgenommenen „Straße“ ebenfalls routiniert auf hohem Niveau erledigen. Natürlich kommt auch er, seit gefühlten Ewigkeiten selbst einer der zweifellos besten deutschen Liedermacher, mit seiner gleichsam rotzigen wie nachdenklichen Imitation keineswegs an den „großen Rio“ heran, aber auch bei ihm hört man die Lust an der Imitation. Und ganz nebenbei dürfte Lina Malys mit Akustikgitarre und Kontrabass eingespielte Darbietung von „Zauberland“ für nicht wenige der heimliche kleine Star dieser Platte sein…

Bei sage und schreibe 19 Beiträgen, die von dem titelgebenden Scherben-Original sowie einem Rio-Piano-Song eingerahmt werden, überzeugt natürlich nicht alles auf ähnlich hohem Niveau. Axel „Aki“ Bosses Version von „Warum geht es mir so dreckig?“ etwa streckt sich zwar redlich gen Rock, mag in Gänze jedoch irgendwie nicht zünden. Auch „Schritt für Schritt ins Paradies“ von Die Höchste Eisenbahn ist im neuen Indiepop-Arrangement recht geschmeidig, verfehlt aber die Absicht des Originals. Doch um Wettbewerb geht es hier ja nicht. Es geht um die Würdigung eines Helden, dessen Musik bis heute zwar etwas Revoluzzer-Patina angesetzt haben mag (kein Wunder, immerhin ist etwa der Album-Meilenstein „Keine Macht für Niemand“ bereits amtliche 48 Jahre jung!), jedoch kein bißchen gealtert ist, dessen Relevanz in Ton wie Wort eher zu- denn abnimmt. Recht passend also, Rio Reiser selbst das Tribut-Album mit einer gänsehäutenen Piano-Version von „Der Krieg“ beschließen zu lassen. Was sollte danach auch noch kommen?

Rock and Roll.

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Song des Tages: MARCH – „Reaper’s Delight“


Am internationalen Weltfrauentag (an alle Machos da draußen: selbiger wird am 8. März begangen) machten auch in diesem Jahr so einige Memes und Symbolbilder in den sozialen Netzwerken die Runde, in denen auf die weiterhin ungleichen Machtverhältnisse der verschiedenen Geschlechter aufmerksam gemacht wurde. Gern geteilt wurde dabei die lange Liste all jener Dinge, die sich Frauen für die Gleichberechtigung wünschen würden, unter anderem Chancengleichheit im Berufsleben und die Bekämpfung der Gender Pay Gap. Auf der anderen Seite stand die eine Sache, die Frauen stattdessen – bestenfalls und doch sehr oft – am Weltfrauentag bekommen: Rosen. Wie passend also, dass die Punkrocker von MARCH kurzerhand einen ganzen Strauß der altmodischen Kavaliersgeste abzufackeln gedenken. Auf dem Cover ihres zweiten Albums “Set Loose”, welches passenderweise am 20. März erschien, züngeln die Flammen zwar erst an einigen Knospen, doch in den elf Songs macht sich einiges an revolutionärem Lauffeuer-Potential breit. Ein Pulverfass mit deutlichem Hardcore-Einschlag, das es in sich hat. Punknputtel is slightly pissed.

„Die Platte ist ein Mantra, das eigene Feuer rauszulassen. Jeder hat dieses Glühen, das großartige Dinge in Gang setzen kann, wenn wir ihm freien Lauf lassen – das uns aber auch von innen ausbrennen kann, wenn nicht.“ (Fleur van Zuilen)

Im Opener “On High Heat” stürmt das 2013 gegründete niederländisch-belgische Quartett noch ohne Rücksicht auf Verluste nach vorn, bis Frontfrau Fleur van Zuilen, deren shoutendes Reibeisen-Gesangsorgan mit Leichtigkeit zwischen Screamo und cleanem Chorus zu wechseln versteht, im Refrain mit tiefsinniger Melodik konstatiert: “Two days is all I need to burn this to the ground”. Das möchte man auch gar nicht anzweifeln, denn was van Zuilen hier an Energie vom Stapel lässt, kommt der puren Live-Ekstase, mit der MARCH neben den Größen der Riot-Grrrl-Bewegung keineswegs verblassen, schon ziemlich nahe. Glücklicherweise verliert auch der Nachfolger zum 2016er Werk „Stay Put“ (welches im Rückspiegel doch recht brav tönte) nicht an Strahlkraft, was vor allem an der bewussten Portionierung der Ausbrüche liegen mag. Melodischere Distillers-Momente, wie etwa in “Challenger”, das fast entspannt zwischen Hellacopters und AC/DC soliert und Brody Dalle vor dem inneren Auge in den Proberaum der Runaways schiebt, stehen gleichberechtigt neben polternden Motörhead-Kniefall-Krachern wie “Born A Snake” oder den Sleaze-Chören von “She’s A Hurricane”. Anstelle also bei kompromissloser Knüppelei im Stile der Clowns – siehe “Fear Of Roses” – zu bleiben, profitiert die Struktur ungemein von all den unverschämt eingängigen Mitgröhl-Hooks, den dynamischen Melodiepfützen und den sich bedacht auftürmenden Instrumentalwände dazwischen.

Aber vor allem geht es dem Vierergespann aus dem niederländischen Breda, zu dem noch Gitarrist Hermance Van Dijk, Bassist Jeroen Meeus und Schlagzeuger Thomas Frankhuijzen gehören, um etwas. So ist “Challenger” an van Zuilens Lieblingsfilm “Death Proof” angelehnt, in dem sich eine Gruppe von Frauen mit kalter Schnauze an einem fiesen Macho-Arschloch rächt. “Fear Of Roses” widmet sich den Ängsten und Möglichkeiten jedes Einzelnen, “She’s A Hurricane” metaphorisiert mit dramaturgischer Finesse den zurückschlagenden Ausbruch einer Frau als Naturgewalt und “Start Again” besinnt sich auf klassische Systemkritik. Auch der Boden dieses knirschenden Pulverfasses wurde also mit den feinsten Mitteln verleimt – da dürfte die anstehende Detonation sogar die Wände der isoliertesten Punker-Quarantänestationen ins Wanken bringen. Bis MARCH, wie das Gros ihrer Musiker-Leidensgenossen auch, irgendwann endlich wieder auf Tour gehen dürfen, bleibt “Set Loose” (zu welchem man hier ein Track-By-Track-Interview findet) zwar ein Album, das das Rock’n’Roll-Rad nicht neu erfinden mag, jedoch ein feines Pflaster für die geschundene Punkerseele bildet. Angetrieben von der Wut auf das patriarchale System verpacken Fleur van Zuilen und Co. ihren dennoch optimistisch tönenden Crossover dabei etwas weiträumiger als Schwestern im Geiste wie die Petrol Girls oder War On Women und verfügen dabei über einen gelungenen 33-Minuten-Mix aus feministisch geprägten Botschaften und launiger Punk-Salven-Riffmeisterschaft.

Woher diese Vergleiche mit Distillers-Vorsteherin Brody Dalle und Konsorten kommen, macht vor allem „Reaper’s Delight“ deutlich. Klar, das mit Stoner Rock flirtende Riff bricht auf „Set Loose“ ein wenig aus dem erwarteten Korsett aus und erinnert an etwas milder gestimmte Cancer Bats, und doch steckt ordentlich Wucht in dem Brecher, dessen Geisterbahn-Musikvideo, obwohl bereits im Januar veröffentlich, kaum besser zu Halloween passen könnte…

Rock and Roll.

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Eine gute Idee für den guten Zweck – Hi! Spencer veröffentlichen eine Akustik-EP


Schon lange eine gute Idee, nun kommt’s endlich: Hi! Spencer veröffentlichen mit „Bei den Hunden“ eine Akustik-EP und machen damit die intime(re) Interpretation ihres Sounds hörbar, die der gefühlvollen Musik der Osnabrücker Indiepunk-Band schon lange innewohnt. Fünf seiner Songs hat das Quintett um Frontmann Sven Bensmann neu aufgenommen und setzt sich damit gleichzeitig für einen wichtigen Zweck ein: Mit dem Erwerb der exklusiv im „Uncle M“-Shop als Pre-Order erhältlichen limitierten CD fordern Hi! Spencer ihre Fans gleichzeitig dazu auf, eine Spende an die zivile Seenotrettungsorganisation „Seebrücke“ zu entrichten – eine Aktion, die eigentlich ja immer und jederzeit, aber vielleicht, vielleicht ganz besonders jetzt nach den Bränden im Flüchtlingslager in Moria unheimlich wichtig ist.

Die Inspiration zu diesem Rahmen der EP kam Hi! Spencer, von denen auf ANEWFRIEND bereits im vergangenen Jahr, als ihr zweiter Langspieler „Nicht raus, aber weiter“ erschien, die Schreibe war, als sich Sven Bensmann (Gesang), Janis Petersmann (Gitarre), Malte Thiede (Gitarre, Gesang), Jan Niermann (Bass, Keyboard, Gesang) und Niklas Unnerstall (Schlagzeug) ihre eigenen Songs für das Projekt noch einmal unter die Lupe nahmen. „Durch die Akustikaufnahmen haben wir teilweise Jahre alte Songs neu aufgerollt,“ erzählt die Band. „Dabei sind wir über die Textzeile ‚Ich hab geschlafen bei den Hunden‘ aus dem Song ‚Trümmer‚ regelrecht gestolpert. Als der Song geschrieben wurde, war die Stelle eine Metapher für uns. Mit den Jahren als Band haben wir aber mit vielen wahnsinnig tollen Menschen zusammenarbeiten dürfen – darunter auch ‚Pfand gehört daneben‚, eine Organisation, die den Blick auf Obdachlosigkeit schärft. Hören wir die Zeile jetzt, sehen wir darin Menschen, für die der Satz keine Metapher, sondern vielmehr Realität ist. Mit unserer EP Aufmerksamkeit, Bewusstsein und Sensibilität für diese Menschen herstellen zu können – das wäre großartig.“

Dass die Songs von Hi! Spencer so nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch immer wieder neue Facetten offenlegen können, belegt „Bei den Hunden“ so deutlich wie noch nie. Eine Handvoll Songs aus dem Backkatalog hat die Band hierfür komplett neu arrangiert. In der besonderen Studioatmosphäre und mit wohligen Pianoklängen entfalten alle Stücke eine ganz andere Wirkung, die Hi! Spencer – im besten Fall, in den tollsten Momenten – ganz neu erfindet, ohne je den Pop-Appeal außer Acht zu lassen und ohne so ganz die rauen Wurzeln der Band zu vergessen. Und ebenso viel Liebe wurde auch in Design und Aufmachung des Projekts gesteckt. So zeichnet sich Lucas Meyer für das Artwork verantwortlich, der schon für Bands wie Heisskalt und Fjørt gearbeitet hat. Die CD kommt außerdem in einer direkt bei Homesick Merch per Siebdruck gedruckten Naturpapier-Klapptasche daher, die nicht nur für eine besondere Optik sorgt, sondern obendrein ganz ohne Plastik auskommt. Heraus kommt: eine rundum gelungene Sache – in Bild, Ton und Zweck. 👍

via Facebook / PFAND GEHÖRT DANEBEN

Rock and Roll.

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Song des Tages: Pascow – „Wunderkind“


Foto: Promo / Andreas Langfeld

Schon seit dem zweiten Jahrhundert nach Christi Geburt wissen wir, dass Jade wie folgt umschrieben wird: „Jade ist Schönheit im Stein mit fünf Tugenden: Ihr warmer Glanz steht für Menschlichkeit, ihre makellose Reinheit für sittliche Lauterkeit, ihr angenehmer Klang für Weisheit, ihre Härte für Gerechtigkeit und ihre Beständigkeit für Ausdauer und Tapferkeit.“

Neunzehn Jahrhunderte später wissen wir aber:  „Jade“ steht auch für das 2019 erschienene sechste Album von Pascow. Und wir sollten festhalten, dass sich über die Jahrhunderte recht wenig verändert hat – obwohl manch eine(r) mit der „sittlichen Lauterkeit“ noch immer so seine (oder ihre) Probleme haben dürfte… Natürlich lässt, großzügig ausgelegt, der Text aus dem großartigen „Schmutzigrot„, einen tatsächlich Pop-infizierten Beziehungssong,  genügend Raum für Interpretationen: „Gut war der Wind, wir haben‘s einfach nicht geschafft“ – ein bisschen mehr Fantasie, bitteschön! Attribute wie Menschlichkeit, Gerechtigkeit oder Weisheit finden sich neben Gesellschafts- und Kapitalismuskritik gleich mehrfach in den Songs des bereits seit 1998 bestehenden Punkrock-Viergespanns aus dem beschaulichen rheinland-pfälzischen Gimbweiler wieder. „Kriegerin“, „Track der Toten“ oder auch „Heute Jäger, morgen Taucher“ kommen satte fünf Jahre nach dem vielerorts gefeierten Album-Achtungserfolg „Diene der Party“ mit gewohnt-rotziger Wucht rüber, lassen keinerlei Lethargie zu, schlagen vielmehr eine derbe Schneise direkt ins Hörerhirn. Aber wer die Vorgänger kennt, der durfte von Alex, Swen, Flo und Ollo, die – in bester Ramones-Manier – natürlich alle den Nachnamen „Pascow“ tragen, auch kaum etwas anderes erwarten. Eher ungewöhnlich dagegen für Pascow: das Einbeziehen persönlicher Inhalte. Die Liebeserklärung „Marie“ etwa birgt die Gefahr, dass du nachts, wenn du Schlaf suchst, im Stillen von einer anderen Frau summst als von der, die da gerade neben dir liegt. So selbstzerstörerisch wie die depressive Geige zu Beginn, die Grenzen des Punkrocks großzügig gedehnt bis hin zu Ska mit russisch anmutendem Folk.

Und dann kommt kurz vor Schluss noch eine formvollendete Überraschung. Als alter Hippie weiß man freilich, dass diese Generation der Jade eine gewisse Magie zugeschrieben hat. Und jene „Magie“ findet sich in dem ungewöhnlichen, jedoch gänsehautwundervollen „anderen“ Song „Wunderkind“ wieder, schließlich wagen sich hier vier Punks an eine persönliche Piano-meets-einsame-E-Gitarre-Ballade (die wiederum kaum zu verkennende Ähnlichkeit zu Bushs “Glycerine” aufweist). Leise, mit Bedacht, greifen die stillen Töne dieser Außenseiter-Hymne ohne Umschweife nach deiner Seele. Und du? Du weißt eigentlich nicht, warum. Verdammt! Dunkle Edelsteinmagie, anyone?

Unterm Strich ist das zusammen mit Ex-Blackmail-Gitarrist Kurt Ebelhäuser produzierte „Jade“ die wohl bislang interessanteste Produktion von Pascow, die allen, die im Plattenregal zwischen Kapellen wie Frau Potz und Muff Potter noch ein wenig Platz frei haben, bestens munden dürfte. Eine gelungene Punkrock-Einheit und doch voller Abwechslung – sowohl im Songwriting, als auch in der Textgestaltung, werden hier doch kleine Geschichten erzählt, von einer Punk-Jugend, von Liebe und dem Ausbrechen aus der piefigen Kleinstadt-Idylle.

„Wunderkind“ war im vergangenen Jahr – zwischen „Silberblick & Scherenhände“ und dem Titelstück – die zweite Singleauskopplung aus „Jade“. Einerseits mutig, andererseits jedoch irgendwie auch konsequent, dass eine Punkrock-Band ausgerechnet eine gefühlige Stinkfinger-Ballade als eines der Aushängeschilder ihres Albums wählt…

„Du hast Wunden und Narben
Durchs Leben getragen
Wie die meisten auch
Nur schlechter versteckt

Echte Wunden heilt die Zeit nicht
Und meistens fragt die Welt nicht
Was du schaffst
Und was nicht

Konntest nie sein, wie alle sind
Selbst wenn du es wolltest
Zehntausend Mal
Zehntausend Mal

Echte Wunden heilt die Zeit nicht
Und meistens weißt du selbst nicht
Was du schaffst und was nicht
Was du schaffst und was nicht

Weil du weißt
Dass du alleine stirbst
Wie es all die Deinen tun
Sacred Wunderkind
Das raucht und hurt und trinkt

Weil du weißt
Dass du alleine stirbst
Wie all die andern auch
Und die Spinner sind nicht besser
Nur weil einer mehr sie braucht

Wurdest geboren als Geist
Und solltest so leben
Doch wer nichts hat
Dem kann man auch nichts nehmen

Und die Deppen auf der Straße
Die sich nie nach dir umdrehen
Die kennen nicht dein Strahlen
Und werden‘s niemals, niemals sehen

Was sie in hundert Liedern singen
Dieses Leben kennst du nicht
Doch niemand wird je glücklicher
Als du‘s gerade bist

Weil du weißt
Dass du alleine stirbst
Wie es all die Deinen tun
Sacred Wunderkind
Das raucht und hurt und trinkt

Weil du weißt
Dass du alleine stirbst
Wie all die andern auch
Und die Spinner sind nicht besser
Weil du sie jetzt nicht mehr brauchst

Rock and Roll.

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Song(s) des Tages: Ren – „Jenny’s Tale“ / „Screech’s Tale“


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Ren mag zwar bereits über 82.000 Facebook-Likes und mehrere Millionen YouTube-Streams vorweisen können, ich allerdings bin dieser Tage erst durch den Vorschlagsalgorithmus von zweiterer Plattform auf den jungen Künstler aus dem englischen Brighton gestoßen. Und zitiere denn gleich mal galant die Selbstbeschreibung auf Facebook:

„Sänger, Songschreiber, Produzent, Rapper, Multiinstrumentalist. Musik ist Rens Liebe. Als er noch ein Teenager war, erkrankte Ren an einer mysteriösen Krankheit, die ihm fünf Jahre seines Lebens kostete und ihm seinen Traum nahm. Nachdem bei ihm schließlich Borreliose diagnostiziert wurde, unterzog er sich einer Stammzelltransplantation, die ihn in die Welt der Lebenden zurückbrachte. In einer Zeit, in der er jahrelang in seinem Schlafzimmer feststeckte, wandte sich Ren dem Schreiben und Produzieren zu, was ihm nach seinen Worten ‚das Leben rettete‘. Er schrieb viel über Krankheit, Isolation und Depression, und seine Worte, verbunden mit markantem Gesang und einem einzigartigen Musikstil, fanden bei vielen Menschen auf der ganzen Welt großen Anklang. Seine schnell wachsende treue Fangemeinde spornte Ren dazu an, nicht nur seine rohe und echte Musik weiter zu verbreiten, sondern auch seine eigenen visuellen Inhalte zu konzipieren und mit Hilfe seines besten Freundes und einer Kamera zu inszenieren.“

af49b84936be605c7145793035f87b25.400x400x1Hat man erst einmal ein klein wenig Luft aus der Pathos-Blase gelassen, dann findet man unterm Strich einen recht talentierten jungen Musiker, der vor allem auf seiner im vergangenen Jahr erschienenen EP „The Tale of Jenny & Screech„, dem Nachfolger zum 2015 veröffentlichten, stellenweise sehr persönlichen Debütalbum „Freckled Angels„, Songs aufbietet, die den urbanen Lokalkolorit eines Mike „The Streets“ Skinner, die Akustikgitarren-Klampfereien von Jack Peñate und die theatralisch anmutenden „Dreigroschenoper“-Moritat-Erzählungen von Brecht und Weill in sich vereinen. Modernes Großstadtdrama mit einer Menge freibeuterischem Punk-Spirit, das erst gar nicht den Versuch unternimmt, sich an irgendein Genre zu ketten…

 

 

 

„It was a quiet, dark night on an empty street
Somewhere in London City
Jenny walked alone, she was dragging her feet
She was heading back home to sleep
Well, she knew this town, she knew this floor
Because she’d walked it about a thousand times before
She wanted to escape, can you blame?

Well on the very same night, in a different place
There walked a hooded young youth by the name of James
He was 14 years old and out of his brain
He’d been smoking ganja with the boys
James, he grew up to be a kid of the street
His mates called him Screech, he was quick on his feet
He was a liar, a thief at fourteen years old
The devil had set his sights on his soul

As Jenny walked home all alone, she felt scared
Usually she was alright
But it was like there was something in the air
A divine intervention telling her to beware?
Or maybe intuition bugging her and making her so scared?
Sirens sound in the distance to the beat of Jenny’s feet
A symphony of the night that echoes crime on London’s streets
Jenny turns a corner, their eyes, they meet
Our poor girl Jenny and a boy named Screech

‚Give me all your money bitch, give it to me
If you co-operate, then you’ll soon be free
I want your purse, your phone
Don’t fucking look at me
I mean it bitch, are you listening to me?‘
Jenny freezes, statue like, a lady shaped stalagmite
Fear like liquid nitrogen in the dark night
She tried to find strength to move
But stayed as still as a statue in high heeled shoes

‚What the hell you playing at? You playing games with me?
I swear to fucking god, I’ll slice the rosy off your cheeks
You think I don’t mean it girl? You don’t know me
The last thing you see will be a boy called-‚
Screech reached for the sheath of the blade with the teeth
That could bite through steel and slice concrete
And he swung possessed, with the devil in his chest
And the statue she was turned to, butter in a breath

It was a quiet dark night on an empty street
Somewhere in London city
Jenny laid still on the cold concrete
She’s found somewhere to sleep
Well, she knew this town, she knew this floor
Because she’d walked it about a thousand times before
I guess that she escaped, it’s such a shame“

 

 

„A story, it starts
Right at the end of the life of poor Jenny
Clocked out like Big Ben
This Screech, dear boy, where did he go
He melted into the black night, just like snow

*Knocking on wooden door*

Patrick, man, let me in, please open the door
I think I fucked up, Patrick, really fucked up, man, I’m not sure
I got crazy, left a lady laying still on the floor
I think I killed her, Patrick, come on man, I can’t knock no more

But Screech kept on knocking, ‚till his knuckles became sore
But there’s no sign of Patrick, down at number 54
No refuge for our villain, for the bitter hands of faith
Have something far more sinister in mind, that does await

*Phone ringing*

[Spoken: Woman & Screech]
Hello?
Hi babe, you in?
Nah, nothing really, I’m just a bit tired
Listen, can I swing around yours for a few minutes?
I just really miss you, babe
What the fuck you mean you’re busy?
You fucking bitch, for fucks sake

Sirens sound approaching like a Banshee in the night
The shrill cry of justice cutting like the sharpest knife
But Screech was never one to run, not one to miss a fight
One hand upon his blade, he turned to face the blue light

Come on then, you fucking cunts, lets fucking have you then
I am Screech, I’m the boss here, I’m the ender of man
You think that uniform you’re wearing means that you own these streets
Well these are my fucking streets and they call me fucking Screech

Richard was an officer, who stood at 6 foot 3
Working London on the night shift, what he didn’t think he’d see
Was a boy running at him, like an animal possessed
With no time to hesitate, he fired four bullets at Screech’s chest

A story it ends, right at the start
Young Screech and poor Jenny, lying one street apart
An officer shaken, by the boy that he claimed
Two body’s lay lifeless, and it’s such a shame
It’s such a shame“

 

Rock and Roll.

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