Archiv des Autors: evanelliott83

Das Album der Woche


Chaoze One – Venti (2021)

-erschienen bei Grand Hotel van Cleef/Indigo-

Rapper, Autor und Theaterschauspieler, so umreißt man den Künstler Jan „Chaoze One“ Hertel wohl auf die Schnelle – und über sein aktuelles Album “Venti” sagt das nicht annähernd etwas aus. Würde es sich nicht so abgeschmackt lesen, dann könnte man ihn einen Liedermacher nennen, oder noch besser: einen Geschichtenerzähler. Allerdings geht der Mannheimer Musiker, Baujahr 1981, nicht rein fiktiv vor, sondern viel eher schonungslos realistisch. Jeder Song ein Leben. “Venti”, welches satte zwölf Jahre nach seinem letzten Album erscheint und, übersetzt aus dem Italienischen, für die Zahl „Zwanzig“ steht (denn genau zwei Dekaden ist es her, dass Chaoze Ones Rapkarriere begonnen hat), ist schon allein aufgrund seiner Länge von gut 70 Minuten sicher kein leicht zugängliches Standardwerk. Dazu ist es viel zu prall gefüllt mit musikalischen, gedanklichen und gesellschaftskritischen Ideen von einem, dessen Herz und Geist nicht still stehen können. Von einem, der getrieben scheint von dem Anspruch, alles zumindest ein bisschen mehr zu verstehen, die Welt etwas besser – oder zumindest nicht wesentlich schlechter – zu machen. Alles hehre Ziele, die wohl auch die geschätzten Menschen vom Grand Hotel Van Cleef dazu bewegten, „Venti“ als erstes Hippe-di-Hopp-Album überhaupt auf ihrem Label zu veröffentlichen…

Foto: Promo / Giulia Vitali

Mit dem bereits vorab veröffentlichten Opener “Memento Moria / Die Welt brennt” eröffnet Chaoze One sein Album. Schonungslos und mit einem sehr feinen Blick auf geschichtliche Zusammenhänge, legt er uns die ganze Bosheit der Welt vor die Füße. Ein formvollendeter Roundhousekick, ein schmerzlicher Schlag in die Magengegend all unserer Erste-Welt-Problemchen, behandelt das Stück doch die europäische „Flüchtlingspolitik“, die „Systemrelevanz“ und die Banalität des Bösen mit Referenzen aus Jahrzehnten der (Politik)Geschichte, Popkultur und Gesellschaft. Es ist eine unmissverständliche Standortbestimmung, ein salziges Fingerlegen in offene Wunden, aber auch ein dringlicher Appell an die Empathie. Jetzt wisst ihr es – was macht ihr nun mit dieser Erkenntnis? Klares Ding, Digger: “Venti” fordert seine Hörer*innen, beißt sich fest und lässt – wenn man sich denn drauf einlässt – so schnell nicht los. Dass Chaoze One mit den Jahren gewachsen ist, zeigt sich an der Vielschichtigkeit, wie er Themen behandelt und mit künstlerischen Querverweisen beziehungsweise Referenzen umgeht. Bob Dylan („Memento Moria“), Neil Young („Patronen aus Schuld“), Die Goldenen Zitronen („Get The Fuck Up / Das bisschen Totschlag“), die Antilopen Gang und viele weitere lassen sich zwischen den Zeilen und Tönen des Albums aufspüren. Kein Wunder also, dass das musikalische Ergebnis deutlich über die Rap-Grenzen hinaus reicht und auch aufgrund der vielen Featuregäste – Shana Supreme, Torsun, Matze Rossi, Mal Élevé oder Überdosis Grau haben Beiträge geliefert – sowie der unterschiedlichen Stile von Hip Hop über Indie Rock und Reggae bis Crossover schon fast wie eine kleine Weltreise wirkt – man höre etwa “Daloy Politsey”, “Ich hab das Meer gesehen” oder “Santa Maria”. Wer etwas sieht und erlebt, ist danach schlauer – so (oder so ähnlich) heißt es im Volksmund. Die Erkenntnis von “Venti” ist, dass es sie überall gibt: Die Schattenboxer, die Schwarzmaler, die unverbesserlich Liebenden, die Enttäuschten und die Idealisten.

Wenn Chaoze One ein schönes Gefühl erspürt hat, dann kann er schwer loslassen. Deshalb stechen wir mit dem maritimen “Ausguck” auf lange Fahrt, lassen uns treiben von dem kurzen Moment der Hoffnung, mit einem Akkordeon im Rücken. “So weit von Zuhaus” fühlt sich an wie eine von Euphorie beseelte Halbtagswanderung und sorgt tatsächlich für Fernwehschübe. Auch das Skit “Kapitalimus” hätten die meisten wohlmöglich gestrichen – außer man ist eben detailverliebt und hat eine Vision für ein Album im Kopf. In Songs wie dem kleinteiligen “Vive l’utopie” wird klar, dass man es bei Hertel mit jemandem zu tun haben, der nicht anders kann. Einem, der eine Fackel in seinem Herzen trägt und nicht damit aufhören wird, andere mit seinem Idealismus anzuzünden. Wer an “Venti” jetzt tatsächlich Maßstäbe wie Reimform oder Delivery anlegt, der hat leider recht wenig verstanden. Das mehrfach besungene Meer ist als Metapher zu verstehen, als ein Wunsch abzuhauen und am Ende der Tage von den vielen Tropfen, die ein friedlich agierendes Ganzes bilden, in die Ewigkeit getragen zu werden. Oder als Sinnbild für die unterschiedlichen Blickwinkel auf das Meer: Sehnsuchts-, Rückzugs- und Erholungsort für die einen, nahezu unüberwindbare Todesfalle für die anderen. Zwischen Privileg und letzter Ausweg, Urlaubsmomente sammeln am Massengrab.

Mit “Get The Fuck Up / Das bisschen Totschlag” legt Chaoze One seine deftige Variante des Fanta4-Gassenhauers “MfG” vor. Eine Aneinanderreihung von Tatsachen und offensichtlichen Zusammenhängen, dass es auch der Person zwischen den Kopfhörern Angst und Bange werden dürfte. Und man merkt deutlich die musikalische von Chaoze One Sozialisierung in den Neunzigerjahren. Eine Verbeugung in Richtung Advanced Chemistry und Torche, bisschen Nosliw und etwas von den ersten Platten von Gentleman. Aufgrund der angebotenen Breite kann wahrscheinlich nicht alles auf “Venti” alle gleichsam begeistern. Wobei das immer nur für die Musik oder den Text gilt, denn eines von beiden kickt nahezu immer. Der Deutschrock-Charme von “Häuser vs. Träume” etwa mag im ersten Moment irritieren, passt letztendlich aber doch zu dem betäubenden Spießertum, das hier benannt wird.

Weitere Highlights an Bord? Sicher doch! “Wüste des Vergessens” zum Bespiel, ein wunderschöner Song, der mutig nach vorn stapft oder sich mit der Faust auf die Brust schlägt, bis alle Angst verschwunden ist. Klavier, Akustikgitarre und Streicher unterlegen den Text, in dem Chaoze One einmal quer durch die Momente mit seiner Mutter fliegt. Es ist so tragisch, dass man sich am Ende nur an verhältnismäßig wenige, konkrete Momente erinnert. Aber das Gefühl dazwischen, auf das es wirklich ankommt, das wurde hier in Töne gegossen. Hip Hop ist das mit Sicherheit nicht, stattdessen viel mehr.

Auffällig ist, dass auf „Venti“ kaum ein Lied dem nächsten gleicht, der Verlauf jedoch stringent ist. Chaoze One hat mit seinem Comeback-Album ein Werk erschaffen, das mit all seinen Ecken und Kanten wohl nicht jedermanns musikalische Tasse Tee sein dürfte, welches sich im deutschsprachigen Sprechgesangskanon dennoch hoch ansiedeln dürfte und sowohl Rap- als auch Popkünstler*innen mit einem Auge und Ohr fürs Gesellschaftskritische ein Vorbild sein kann. Die 17 Stücke lassen tief in die Seele eines Menschen blicken und sorgen für nicht wenige Gänsehautmomente. Mehr braucht’s kaum.

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Andrew Bryant – „A Meaningful Connection“


„What is this feeling that I have / ​​Like I’m caught between the here and the now? / Just some shitty midlife crisis / That would bore even the steadiest crowd?“ – bereits die ersten Zeilen des Songs „Reality Winner“ fangen sehr gut ein, worum es in Andrew Bryants neuem Album „A Meaningful Connection“ geht. Um einen Mann, der in einer unsteten Zeit nach Wahrheit sucht, seine Bedürfnisse und Ängste ergründet. Was ist wirklich sinnvoll? Was ist real? Welche Geschichte habe ich noch nicht erzählt, welche sollte noch erzählt werden? Was, wenn sich die vermeintliche Wahrheit am Ende als plumpe Lüge entpuppt? Wie werde ich gehen, wenn meine Zeit gekommen ist?

Das Coverfoto erinnert an John Lennons und Yoko Onos „Bed-ins for Peace„, doch anstatt einer Blume hält der Musiker aus Oxford, Mississippi ein Smartphone in der Hand – hello, peace, love and digitale Zerstreuung. Dementsprechend anspielungsreich und dezent sarkastisch fällt auch die Eröffnungsnummer „Private Window“ aus: „Folk singers on Twitter / You know they’ve got all the answers / They’re all at the tips of your fingers / In that pale blue light / You can lay down in your bed / Hang your hat on every line that you’ve read / While your lover is dreaming / You are waking to that blue bird song.“ Eitel Sonntagssonnenschein ist hier wenig, vielmehr verarbeitet der US-amerikanische Musiker in den neuen Songs unter anderem seine Grabenkämpfe mit dem bösen Teufel aus der Flasche und schafft es, seine Suche nach Sinn und Halt in poetische Texte zu fassen. Zudem zeichnete sich Bryant für alle kreativen Prozesse vom Songwriting über die Aufnahmen, die Performance und den Mix selbst verantwortlich – eine durchaus beeindruckende Leistung. „I sing all my songs and feel them / Staring at the back of my eyelids / And we call this a meaningful connection“, wie er in „Birmingham“ singt, mit einer Stimme, die verletzlich und kraftvoll zugleich erscheint.

Kleine Erzählbrötchen dürfen gern andere backen. Auf „A Meaningful Connection“ sucht Andrew Bryant nach der nur schwer zu fassenden Verbindung, nach der wir uns alle sehnen, und reckt all jenen, die so tun, als sei alles in bester Ordnung, seinen süffisanten Mittelfinger entgegen – denn das, Ladies and Gentlemen, ist es – Scheiße noch eins – offensichtlich nicht. Die songdienliche Instrumentierung unterstreicht Bryants Bariton, der dem eines Timothy Showalter (Strand Of Oaks) nicht eben unähnlich ist, und erinnert mal an den lässigen Country von Chris Isaac („Fight“), mal an den Neo-Lounge von Faye Webster („Private Window“). Überhaupt bilden Musik und Text auf dem neuen Album eine beeindruckende Schere. „I want to be like Christ but I don’t want to die“, singt Bryant etwa in „Fight“ als eine Art geläutertes Mantra und legt damit die Tiefe des emotionalen Schmerzes offen, die einem hier immer wieder begegnet. Dem gegenüber stehen scheinbar skurrile Einsichten, hinter denen sich jedoch kaum weniger tiefe Trauer verbergen mag: „There’s no turning back and there’s no wasting time / When you don’t come from anywhere and you leave nothing behind“ heißt es etwa in „Lying On The Road“, während anderswo, im bereits genannten „Private Window“, eher der moderne Sarkasmus blüht.

In „Birmingham“ findet sich Bryant auf der Heimfahrt am Ende einer Tour wieder, auf welcher sich wohl jeder Musikschaffende am Ende eines langen Tages nach (s)einer inneren Heimat, nach dem besonderen Herzensmenschen am Ende des Weges sehnt. Und während er sich nach Hause wünscht, umarmt Bryant sein technologisches Surrogat: „I’m looking for your name in my phone / I’m looking at my phone, want to see your face in my palm“. Eine wirkliche, bedeutungsvolle Verbindung? Vielleicht nicht, aber dennoch eine Verbindung, die in unserer technologisch isolierenden Welt jeden Tag schwieriger wird. Und besser ein Flackern auf einem gottverdammten Bildschirm als absolute Düsternis.

„Drink The Pain Away“ wendet sich schließlich der traditionellen Country-Ballade zu, mit wenig mehr als einer Akustikgitarre, Gesang, drei Akkorden und der nackten, häßlichen Wahrheit. Als direkte Antwort auf selbige entsorgt Andrew Bryant in „Truth Ain’t Hard To Find“ in den ersten Zeilen des Stückes seine letzte Flasche, auf der Suche nach einem ehrlicheren, nüchternen Weg, mit sich selbst zu leben. Harter Tobak? Wohl wahr. Umso verwunderlicher gerät „Liminal“, der Abschluss des Albums, der mit seinem synkopischen Schlagzeug, einer funkt Basslinie und den atmosphärischen Disco-Synthesizern wie aus einer ganz anderen Welt – und von einer ganz anderen Platte! – klingt. Gleichzeitig ist der Abschluss das einzige Instrumental auf einem lyrisch durchaus schwer wiegenden Album, das Bryants traditionelle Folk-Songwriter-Tendenzen ein ums andere Mal für eine Reise in unsere von Technologie, Zerstreuung und viel zu oft kalte Wirtschaftszahlen geprägte Gegenwart über Bord wirft. Gleichzeitig deplatziert und doch irgendwie das nahezu perfekte Ende für „A Meaningful Connection“, erinnert „Liminal“ den Hörer doch an die graue Hohlheit des Synthetischen, wenn dem Leben alles Natürliche entzogen wird. Und alle, die selbst nach Sinn und Wahrheit zwischen den Zeilen suchen, können Andrew Bryant auf seiner Reise durch seine eigenen Kämpfe, Erfolge und Misserfolge auf dem Weg hin zu „A Meaningful Connection“ begleiten…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Aubrey Logan – California Dreamin‘ (feat. Casey Abrams)


Aubrey Logan wurde von Kritikern oft genug als „The Queen of Sass“ bezeichnet, und es fällt nicht eben schwer zu erkennen, warum. Ihre Konzerte sind eine Mischung aus exzellenter Musikalität, umwerfendem Gesang, gekonntem Posaunenspiel, einer feinen Auswahl an Originalen und originellen Coverversionen und, nun ja … Spaß! Ihre herzzerreißenden musikalischen Geschichten rühren das Publikum nicht selten zu Tränen, bevor ihre komödiantischen Einlagen es wiederum zum Lachen bringen. Was mehr mag man von einer Live-Show erwarten?

Die in Seattle geborene und am Berklee College of Music ausgebildete Posaunistin zog es, wie so viele, schon am Anfang ihrer Karriere mit dem Traum vom Durchbruch im Koffer nach Los Angeles. Dort angekommen, schlug die talentierte Sängerin und Posaunistin alsbald ihren eigenen Weg ein, der sie bereits mit so unterschiedlichen Künstlern wie den Boston Pops, Quincy Jones, Smokey Robinson, Pharrell Williams, Josh Groban, Seth McFarlane oder Meghan Trainor zusammenarbeiten ließ, während sie sich gleichzeitig dank ihrer Auftritte mit dem YouTube-Phänomen gewordenen Musiker-Kollektiv Postmodern Jukebox, das allseits Pophits von Lady Gaga und Co. in die Genres Jazz, Ragtime und Swing transportiert, eine große, weltweite Online-Fangemeinde aufbaute. Und der Erfolg gab der 33-järhigen Pop’n’Jazz-Künstlerin recht, denn bereits ihr zweites Soloalbum „Where The Sunshine Is Expensive„, welches in Live Sessions in den legendären EastWest Studios in Los Angeles entstand, erreichte 2019 Platz 1 der Billboard-Charts für zeitgenössische Jazz-Alben. Jede Wette, dass ihr neustes Werk „Standard“ daran anknüpfen wird…

Dass Aubrey Logan nicht nur solo, sondern auch als Duettpartnerin zu überzeugen weiß, beweist die wunderbare, gemeinsam mit Casey Abrams aufgenommene Version des The Mamas & The Papas-Evergreens „California Dreamin‘„, welche wiederum auf Logans 2017er Debüt „Impossible“ zu finden ist:

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Distillers – „City Of Angels“ (live)


Na da hör‘ her! The Distillers haben ein Live-Album titels „Live In Lockdown“ veröffentlicht, welches ab sofort digital erhältlich ist. Die insgesamt neun Songs, die während eines Livestreams gegen Ende des vergangenen Lockdown-Jahres aufgenommen wurden, werden am 21. November 2021 über Rise Records auch auf Vinyl erscheinen.

Zwölf Jahre nach ihrer Auflösung kündigte die Band 2018 etwas überraschend ihr Comeback an, dem das Punk-Rock-Quartett einige Live-Auftritte in den US of A sowie der Single „Man vs. Magnet / Blood In Gutters“ die ersten neuen Songs nach immerhin 14 Jahren Sendepause folgen ließ. The Distillers gründeten sich 1998 um Frontfrau Body Dalle im kalifornischen Los Angeles und lösten sich 2006 auf, nachdem sowohl Schlagzeuger Andy Granelli als auch Bassist Ryan Sinn die Band verlassen hatten. In jenen acht Jahren veröffentlichte die Band drei Alben und erlangte mit diesen (sowie eventuell dem Fakt, dass ihre Frontfrau bis 2020 mit Queens Of The Stone Age-Vorsteher Josh Homme liiert war) weltweit Kultstatus. Brody Dalle und Gitarrist Tony Bevilacqua gründeten nach Auflösung der Distillers mit Spinnerette eine neue Band, welche jedoch recht kurzlebig geriet. Brody Dalle ist seitdem auch als Solo-Künstlerin aktiv und veröffentlichte im Jahr 2014 mit „Diploid Love“ bislang ein Album unter eigenem Namen.

Nachdem The Distillers, die aktuell auch am Nachfolger zum 2003 erschienen jüngsten Langspieler „Coral Fang“ arbeiten, ursprünglich 2020 die ersten Europa-Shows nach ihrem Comeback spielten wollten, bestätigte die Band um Frontfrau Brody Dalle erst vor kurzem die neuen Tour-Termine für 2022. Da „Live In Lockdown“ im vergangenen Dezember aufgezeichnet wurde, mutet das Video zum Repertoire-Klassiker „City Of Angels“, welches den Vierer zwischen Weihnachtsbäumen, Kunstschnee, Schneemännern und Zipfelmützen zeigt, aktuell, Mitte Juli, zwar etwas eigenartig an, nichtsdestotrotz kann man sich damit bestens davon überzeugen, dass Brody Dalle und ihre Männer auch nach über einer Dekade Funkstille recht wenig von ihrer punkrockenden Energie verloren haben…

— The Distillers live —

02.06.22 Berlin, Zitadelle
06.06.22 Hamburg, Fabrik
10.06.22 UK-Donington, Download Festival
12.06.22 AT-Nickelsdorf, Nova Rock Festival
14.06.22 NL-Amsterdam, Melkweg
15.06.22 NL-Amsterdam, Melkweg
18.06.22 BE-Antwerpen, Trix
19.06.22 LU-Luxemburg, Den Atelier

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Violet Soda


Hört man die Songs von Violet Soda, dann mag man an recht vieles denken, jedoch kaum an Zuckerhut, Copacabana, Samba, Neymar oder Gilberto Gil. Doch tatsächlich stammt das Quartett, welches sich möglicherweise seinen Namen bei diesem Drink geliehen hat, aus dem brasilianischen São Paulo, wo Sängerin und Gitarristin Karen Dió, Gitarrist Murilo Benites, Bassist Tuti AC und Schlagzeuger André Dea im Jahr 2018 beschlossen, fortan gemeinsam etwas lauter Sache zu machen. Ihren Sound lehnen Violet Soda vor allem am Grunge, Alternative Rock und krachigen Indie Rock der Neunziger an: ein wenig von der suffschiefen Riot-Grrrl-Attitüde à la Courtney Love und Hole, ein gerüttelt Maß des unkaputtbaren Powerrocks von Dover, zwei Messerspitzen Joan Jett und Pixies sowie ein großzügiger Esslöffel des ohrwurmigen Zeitgeist-Poprocks von Paramore (deren Frontfrau Hayley Williams auch das das stilistische Vorbild von Karen Dió sein dürfte) – fertig sind Songs wie „Charlie“, „Girl!“, „Tangerine“, „Coffee“ oder „Candyman“.

Nachhören kann man all das bisher auf zwei EPs von 2018 sowie dem selbstbetitelten, ein Jahr darauf erschienenen Debütalbum. Zuletzt – und daran dürfte auch die konzertfreie Zeit der Pandemie Schuld sein – ließ es die Newcomer-Band im heimischen Proberaum etwas ruhiger angehen und veröffentlichte zwei Unplugged-Sessions. Und auch die beweisen das durchaus vorhandene internationale Potential von Violet Soda, die im Rahmen ihres Debütalbums verrückterweise bisher nur drei Shows vor Publikum spielen konnten. Kaum verwunderlich also, dass so langsam auch die Online-Musikpresse außerhalb ihrer südamerikanischen Heimat auf das Vierergespann aufmerksam wird – beim britischen „KERRANG!“ etwa fanden Karen Dió und ihre Jungs unlängst im Rahmen einer näheren Betrachtung der brasilianischen Musikszene Erwähnung…

Rock and Roll.

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Der Mann hinter dem Erfolg von Sigur Rós – Ken Thomas ist tot.


Ken Thomas ist tot. Wie via Facebook bestätigt wurde, verlor der britische Produzent, Toningenieur und Musiker vor wenigen Tagen (s)einen jahrelangen Kampf gegen eine Parkinson-Erkrankung.

Thomas‘ Karriere begann in den renommierten Londoner Trident Studios, wo er unter anderem mit Größen wie Queen und David Bowie zusammenarbeitete. Wenig später verschlug es den Engländer in etwas punkigere Gefilde, er arbeite in den Trident und Advision Studios als Assistent und Tontechniker bei Aufnahmesessions für Bands wie Public Image Ltd, die Buzzcocks, Wire, Alien Sex Fiend oder Rush und komponierte und nahm im Jahr 1980 selbst die Electronic-LP „Beat The Light“ auf. Nachdem er sich in der Punk- und Experimental-Music-Szene einen Namen gemacht hatte, arbeite Ken Thomas anschließend mit der sagenumwobenen isländischen Band The Sugarcubes, bei der damals eine gewisse Björk Guðmundsdóttir am Mikro stand, die später unter ihrem Vornamen die Musikwelt erobern sollte, und wirkte als Tontechniker an deren 1998er Debütalbum „Life’s Too Good“ mit.

Deren Gitarrist Þór Eldon Jónsson wiederum spielte Thomas einige Jahre später „Von“, das Debütwerk einer damals international noch gänzlich unbekannten isländischen Newcomerband namens Sigur Rós, vor. Der Produzent, der sich den Punk von anno dazumal wohl stets bewahrt hatte und stetig auf der Suche nach neuen, frischen Künstlern war, war schnell so angetan von dem (damaligen) Trio um Frontstimme Jón Þór „Jónsi“ Birgisson, dass er daraufhin Kontakt zur Band aufnahm und für das kommende Album „Ágætis byrjun“ nahezu sämtliche Produktions-, Engineering- und Mixing-Aufgaben übernahm. So ist es wohl auch ihm zu verdanken, dass Sigur Rós mit ebenjenem Werk erstmals über die isländischen Landesgrenzen hinaus bekannt wurden. Auch später fanden die Ambient-Post-Rocker aus Reykjavík und der britische Produzent noch kreativ zusammen, etwa für das kaum weniger erfolgreiche Album „Takk…“ sowie für die Performance-Aufnahmen zum Band-Dokumentarfilm „Heima„. Kaum verwunderlich also, dass Jónsi und Co. jenem Mann, dem sie so viel – eventuell sogar ihre ganze Karriere – verdanken, via Facebook nun zwar schmerzliche, jedoch auch ebenso herzliche Abschiedsworte widmen:

Und auch der Rest von Ken Thomas‚ Produzentenvita kann sich durchaus sehen lassen. So saß der passionierte Schlagzeuger und Live-Sound-Engineering-Spezialist über die Jahre außerdem für eine so vielfältige wie kreativ breit gefächerte Riege hinter den Reglern, angefangen bei den englischen Post-Industrial-Heroen Psychic TV über The Cocteau Twins, The Bongos, Yello, The Damned, Queen Adreena, M83, Gavin Friday, Depeche Mode-Frontmann Dave Gahan bis hin zu den Isländischen Hardcore-Alternative-Rockern Minús.

Einen der – nebst Sigur Rós, freilich – prägendsten Eindrücke hinterließ Thomas jedoch wohl bei den (leider recht kurzlebigen) englischen Indie-Post-Rockern Hope Of The States, deren unter nicht eben untragischen Umständen entstandenes und 2004 erschienenes Debütalbum „The Lost Riots“ er nicht nur als Produzent begleitete. Sänger Sam Herlihy brachte es damals folgendermaßen zum Ausdruck: „In der ersten Woche mit Ken haben wir uns auf diesen Weg eingelassen, auf dem nichts heilig war, was die Ideen zu den Songs anging. Nach dieser ersten Woche hatten wir eine klare Vorstellung davon, wie das Album klingen sollte, wenn es fertig war. Ken war das siebente Mitglied der Band und wird es immer bleiben. Der Typ ist eine Legende. Wir haben das mit ihm gemacht und haben das alles mit ihm durchgestanden. Er war an unserer Seite; dennoch hat er weder uns geführt noch wir ihn.“

Nun darf sich Kenneth „Ken“ Vaughan Thomas, dessen Sohn Jolyon in seine Fußstapfen trat und ebenfalls als erfolgreicher Produzent (unter anderem für Royal Blood, U2, Kendrick Lamar, Another Sky, Slaves oder Daughter) arbeitet, hinter die Regler und Knöpfe des Aufnahmestudios im Musikhimmel setzen. Mach’s gut, Ken!

Rock and Roll.

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