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Zu kurz gekommen – Teil 14


…But Alive – Nicht zynisch werden?! (1995)

-erschienen bei Weird System-

Wir haben uns entschieden / So wie die meisten / Fürs Rattenrennen / Und fürs Eigenheim leisten / Du blickst herab / Mit diesem Wissen was los ist...“ Liedermacher Niels Frevert sitzt 2008 im von Rotwein getränkten, überaus selbstreflexiven Kettcar-Song „Am Tisch“ in einer stylish-schicken Altbauwohnung und schaut zu seinem Freund Marcus Wiebusch hinüber, dem kauzig-arroganten grumpy old leftie, der seit jeher wohl alles immerzu besser wusste. Doch jener Wiebusch hadert Sekunden später selbst mit sich: „Ein Toast / Auf das Leben / Das Glück / Nur ich, ich komm‘ nicht mehr mit / Mit dem Leben / Dem Glück…“ Die Klarheit der Jugend, hinfortgerissen im Taumel der immergleichen Tagesroutinen. Nicht nur Niels, auch Marcus ist jetzt Teil jener Kraft, die stets Gutes will, aber oft gar nichts schafft: den Linksliberalen.

Dreizehn Jahre vor dem „Tisch“ sind die Fronten wesentlich klarer: „Die Feigheit hat einen Namen, linksliberal„, rotzt der Hamburger Wiebusch, damals vergleichsweise juvenile 26 Jahre jung, mit seiner ersten echten Band ..But Alive auf „Natalie“ vom zweiten Album „Nicht zynisch werden?!“ seine Wut in die Welt – und er hat in den Neunzigern eine Menge davon. Bereits beim Opener „Nennt es wie ihr wollt“ widmet sich der stets latent sprechsingende Frontmann dem Ausverkauf der eigenen (Punk-)Szene. Einem Ausverkauf, der eben im Alter – zumindest für die Glücklichen, die Sesshaften, die Spießigen – doch zum Eigenheim führt. Als Fundament dient ihm der wie aus einem Guss gespielte Mix aus melodischen Punk-Rock-Refrains und tempiwechselnden Metal-Attacken, der …But Alive während ihrer acht Bandjahre so unverkennbar machte.

Ähnlich wild fliegt „Aus und vorbei“ vorbei: Loriot-Zitat, Ska-Off-Beats, brutale Riffs und das nötige Pathos im Refrain – „Ein Hype, ein Star, ein Schuss – und dann C&A und Schluss“ – reichen Wiebusch für seine Abrechnung mit dem Generation X-Framing durch die Mehrheitsgesellschaft. Wie ein Chirurg zerlegt er den aufgedrückten Brand in der ersten Strophe: „Zuerst war alles nur ein Buch / Und jeder wusste, wer wir sind / Nur wir leider nicht…“ Das erwähnte „Buch“? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wohl „Generation X“ von Douglas Coupland, welches den sogenannten „Baby-Boomern“ zwar ein einprägsames Label aufdrückte, dafür jedoch recht wenig Lebenshinweise mit auf den Weg gab. Wiebusch steht damit im Geiste der Boxhamsters, die sich vier Jahre zuvor auf „Zu klein“ ebenfalls gegen die Ausweglosigkeit wehren: „Wir hatten nie ‚No Future‘ und glaubten an die Zeit...“

Überhaupt hadert der Kopf von …But Alive in jenen jungen Jahren – im Gegensatz zur späteren Weinprobe im gediegenen Eigenheim – weniger mit sich, sondern nimmt es mit der Szene, der Gesellschaft, mit alten Freunden wie neuen Feinden zeitgleich auf. Stets mit Schaum vorm Mund, und immer in der Überzeugung, zu wissen, was los ist. Auf dem 1993er Debüt „Für uns nicht“ schlägt er lyrisch noch ungestüm – und deutlich wilder – um sich. Der obligatorische Anti-Nazi-Song „Nur Idioten brauchen Führer“ sorgt im Kampf der Neunziger gegen die rechten Glatzen für Zusammenhalt bei bedrohten Konzerten, „Für immer 16“ interpretiert Peter Maffays „Ich möchte nie erwachsen sein“ und Alphavilles „Forever Young“ auf Punkig-Hanseatisch, in „Ohnmacht“ sprengt er 1991 als Terrorist Bayer und Hoechst in die Luft.

Schaut man sich heute, etwa drei Dekaden später, den Text von „Ohnmacht“ noch einmal genauer an, wandert man schnell in Gedanken über die Brücke ins Camp der Letzten Generation und fragt sich, warum die Generationskolleg*innen der „Generation X“ seinerzeit nicht mehr getan haben: „Oh, seht uns an, wir stehen vor den Trümmern dieser Zivilisation / Ein paar clevere Affen erfanden das Rad / Hier kommt die letzte Generation / Die noch ein bisschen menschenwürdig leben kann / Die Gräber stehen bereit„, und später: „Erzählt mir nichts von Recht und Ordnung / Wenn irgendeiner hier Amok läuft / Wenn morgen Regionen zu Wüsten werden und halb Indien ersäuft.“ Die Weitsicht, die Aktualität dieser Zeilen ist erstaunlich, sollte jedoch vor allem zu denken geben.

Andererseits sieht Wiebusch jedoch selbst die Machtlosigkeit solcher, stets vor allem von Parolen getriebener Musik und distanziert sich bereits zu …But Alive-Zeiten von jener naiv-zornigen Anfangsphase: „Ich habe Musik mit 16, 17, 18 tatsächlich als Waffe gesehen (…) Wenn ich singe: ‚Ohnmacht, ich spreng‘ euch alle weg!‘, dann ist das meine Meinung, und ich will, dass das alle anderen auch so sehen (…) Einen Song wie ‚Ohnmacht‘ wird es von mir nie wieder geben.“ Ebenso kontrovers dürfte Wiebusch rückblickend den Song „Ich möchte Ilona Christen die Brille von der Nase schlagen„, der 1997 zunächst auf der Split-7″ mit der kanadischen Hardcore-Band I Spy und später auf dem dritten Album „Bis jetzt ging alles gut…“ erschien, sehen, schließlich wird dort TV-Moderatorin Margarethe Schreinemakers in einer Textzeile als „Quotenhure“ bezeichnet. Das brachte der Band bereits damals – lange vor Internet-Shitstorms, #MeToo und Co. – den Vorwurf des Sexismus ein – die Kritik mag, Punkszene hin oder her – berechtigt gewesen sein, der Vorwurf könnte bei einem wie Wiebusch, der sich später bei jeder sich bietenden Gelegenheit für Homosexuelle, für Flüchtlinge oder Frauen- wie Tierrechte stark machte, jedoch falscher kaum sein.

Musikalisch jedoch überzeugen die 1991 gegründeten Hamburger von …But Alive von Anfang an und fanden schnell eine komplett eigene Szenennische zwischen Hafenstraße und Hamburger Schule. Hardcore Punk, Rap, Ska, Metal und Indie Rock …forming like Voltron. Hagen van de Viven zelebriert an der Leadgitarre, Marcus Wiebusch sorgt als Nachwuchs-James Hetfield an der zweiten Klampfe für eine Punk-untypische, mächtige Soundwand. Schlagzeuger Frank Tirado-Rosales (der Wiebusch später zu Kettcar folgen und selbigen bis 2010 treu bleiben wird) baut immer wieder Breaks und Grooves ein, die den biertrunkenen Kopf zwischen Headbangen, Nicken und Schütteln ganz wuschig werden lassen. Nur am Bass wechseln sich, ebenfalls verdammt Metallica-like, die Bandkollegen häufig ab. Es gibt und gab keine andere Punk-Rock-Band, die so klang wie …But Alive, und kein zweites deutschsprachiges Album fasst das Leben der Neunziger wohlmöglich so prägnant und nachhaltig in Worte wie „Nicht zynisch werden?!“ Steile Thesen? Genau. Aber, vor allem was letzteren Punkt betrifft, eine begründete, denn in den 15 Songs (zählt man den feinen Akustikgitarren-Hidden Track „Betroffen aufessen“ mit) kanalisiert Marcus Wiebusch seinen angestaunten Hunger, der Welt zu erzählen, was zur Hölle los ist, ohne ihr jedoch von oben herab zu predigen, was sie tun soll. Und: Er findet hier erstmals wirklich zu seinem noch später bei Kettcar so unnachahmlichen Stil aus Punchlines und Poesie, aus Parole und Meta-Ebene. In den Zwei-bis-drei-Minuten-Punk-Tiraden verdichtet er seine Gedanken so stark, dass ihm meist nur eine Zeile genügt, um eine ganze Generation – dieses Mal würdig – zu beschreiben.

Wer gebraucht wird, ist nicht frei / Wer braucht, wird niemals frei sein“ und „Ganz egal, welchen Weg wir wählen / Nur die Momente sind es, die zählen.“ Für die Außenwirkung mag da ein baumlanger angepisster Punk am Mikro stehen, im Herzen jedoch sitzt hier ein Rapper, so sehr und hervorragend wie etwa bei „Weißt nur was du nicht willst“ kluge Punchlines mit diversen Schichten und Ebenen mit den melodischen Leads und dicken Midtempo-Grooves harmonieren. Weitere Beispiele gefällig? „Und zwischen den Verträgen / Sucht jeder das Leben“ („Überall„) oder „Nichts ist brutaler als Moral / Die nur sich selbst genügt“ („Lasst es ihre Entscheidung sein„). Wiebusch verkopft hier (noch) nicht, textet nicht zur reinen Selbstgefälligkeit, sondern bleibt mit beiden Füßen auf der dreckigen Straße.

Für die Kleinkinder der Achtziger, die nur allzu gern und aus lauter Trägheit vom Gartenzaun aus die Welt verändern wollen, sind Bands wie …But Alive Mitte der Neunziger die Stimme der Vernunft und Menschlichkeit. Eine Stimme, der im AJZ alle folgen konnten, die den ganzen rechtskonservativen, heute verdammt AfD-nahen CDU-Dreck der Neunziger genauso ablehnten wie den dogmatischen DDR-Schwachsinn der KPD-Deppen und die abgrenzenden Political Correctness-Pamphlete der Autonomen. Denn „nichts ist schwarz-weiß“ und wenn du vergisst, wo du herkommst, wirst du dich selbst verlieren. Wiebusch wusste das und setzt seine Kraft auf die Liebe: „Es kommt nur auf dich und mich an / Und dann ist der Rest der Welt dran“ („1 + 1= 3„) und ganz besonders im wohl schönsten Refrain des Albums: „Mich interessiert nicht, was du weißt / Sondern nur, woran du glaubst / Mich interessiert nicht, was du hast / Sondern nur, was du brauchst“ („Keine Gegensätze„).

„Nicht zynisch werden?!“ mag zwar kein allumfassender Meilenstein sein, ist jedoch mit seiner Kompaktheit und dem zwischen den Rumpel-Rhythmen sorgsam versteckten Pop-Appeal eines der lyrisch größten deutschsprachigen Alben der Neunziger, stetig vibrierend zwischen dem naiven Hunger der Jugend und der wachsenden Selbsterkenntnis eines Dichters und Denkers. In jenen Zeiten profitieren neben …But Alive auch die Ska-Kollegen von Rantanplan und Slime für ihr Opus Magnum „Schweineherbst“ von Wiebuschs Einfluss.

Dennoch ist die Weiterentwicklung – oder besser: das Erwachsenwerden – freilich weder lyrisch noch musikalisch aufzuhalten. Bereits beim dritten, zwei Jahre darauf erscheinenden …But Alive-Album „Bis jetzt ging alles gut…“ schleichen sich Indie-Rock-Anleihen zwischen Wiebuschs immer kryptischere und verschnörkeltere Zeilen und bilden beim vierten und finalen 1999er Werk „Hallo Endophin“ bereits des Rudels Kern. Ein Jahrtausend endet, und mit ihm auch …But Alive und deren Traum vom Kampf für Punk-Rock-Ideale. Der Weg für Kettcar, der Weg in die Linksliberalität, die Altbauwohnung und ins vermeintliche Glück war frei. Dass Marcus Wiebusch für die Veröffentlichung des Kettcar-Debüts „Du und wieviel von deinen Freunden„, welches damals keinen Vertrieb fand, gemeinsam mit Kettcar-Bassist Reimer Bustorff und dem damaligen Tomte-Frontmann Thees Uhlmann mit Grand Hotel Van Cleef ein eigenes Label aus der Taufe hebt, das auch heute, dreißig Jahre später, noch bestens floriert? Ist eine andere Geschichte (die jedoch vor allem beweist, dass man den Punker im Herzen nie so ganz gehen lassen sollte)…

Wenn es noch so bitter ist: Was bleibt, ist die Erkenntnis / Im Falschen nichts richtig, ob im Nehmen oder Geben / Dass wir alle nur eine Lüge leben / Und es muss mehr als das hier geben…“ („Natalie„)

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Death Cab For Cutie – Asphalt Meadows (2022)

-erschienen bei Atlantic/Warner-

Die Karriere der US-Indie-Rocker Death Cab For Cutie verlief seit der Bandengründung Mitte der Neunziger so konstant und beschaulich wie nur wenig anderes. Öffentlichkeitswirksame Skandale, zertrümmerte Hotelzimmer oder wilde Drogenabstürze? Wer solch heißen Gossip-Shit aus tausendundein Nächten voll von Sex, Drugs und Rock’n’Roll suchte, der musste in den letzten 25 Jahren woanders klopfen. Bei dem Quintett aus Bellingham, Washington geht es seit jeher so solide zu wie in einem mittelständisch-kleinstädtischen Handwerksbetrieb: Alle drei bis vier Jahre stellt die Truppe um Frontmann Benjamin Gibbard verlässlich eine neue Platte in die Regale, die zwar selten den Status eines Meisterwerks innehat, aber ebenso verlässlich schöne, herbstlich-feierliche Musik liefert, irgendwo an der Grenze zwischen Indie Pop, Emo (freilich frei von Kajal und Weltschmerz-Weinerlichkeit) und College Rock der frühen Nullerjahre. Natürlich mögen Großwerke wie „Transatlanticism“ oder „Plans“ bald zwanzig Jahre zurückliegen, doch anstatt an immer neuen Sentimentalitätsaufgüssen altbewährter Erfolgsformeln zu scheitern, such(t)en Death Cab For Cutie ihr Heil stets in der sanften Kurskorrekturen: So wurden in der Vergangenheit beispielsweise Prog- und Post-Rock-Anflüge eingeflochten oder auch mal Electronica-Sperenzchen integriert. Dass all das nicht immer von künstlerischen Erfolgen gekrönt war, vor allem zuletzt auf Langspiellänge mitunter etwas dröge geriet und das jüngste, 2018 erschienene Werk „Thank You For Today“ seine Beschaulichkeit bereits im Titel vor sich her trug? Geschenkt. Das Werkeln an der nach obenhin offenen Gigantomanie-Skala überließen Gibbard und Co. schon immer den U2s, Muse’ses und Tools da draußen. Umso erstaunter darf man beim Lauschen von „Asphalt Meadows„, dem nunmehr zehnten Studioalbum der Band, feststellen, dass sich selbiges um einiges häufiger in handfester ROCK-Musik erprobt – und die Großbuchstaben sind hier kein Versehen. Klare Sache: So dringlich, so offensiv und stringent klangen Death Cab For Cutie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Und das hat durchaus seine Gründe…

Den ersten davon lässt bereits das im Albumtitel enthaltene Oxymoron erahnen: Asphalt und Wiesen, deren Kontrast offenlegt, wie selten sich in unser aller heutigen Lebenswirklichkeit Moderne und Fortschritt mit Naturpflege und sattem Grün vereinen lassen. Ben Gibbard hatte in den Lockdowns der (hoffentlich) zurückliegenden Corona-Pandemie, welche er sich unter anderem mit regelmäßigen Livestreams vertrieb, einige Zeit zum Grübeln – und zum Sorgenmachen über den Weg, welche die Menschheit mitsamt von Klimakrisen, Kriegen, oder tumben Clowns in Führungsämtern eingeschlagen hat. Kein Wunder also, dass dem 46-jährigen Musiker, seit eh und je politisch interessiert und karitativ umtriebig, für die neusten Songs seiner Haupt- und Herzensband alles andere als nach betulicher Danke-und-Shangri-La-Gemütlichkeit war. Der zweite Grund ist in der Bandhistorie zu finden: Gab Ben Gibbard nach dem 2014er Abgang von Gitarrist und Gründungsmitglied Chris Walla (der zudem auch noch für die Albumproduktionen hinter den Reglern saß) noch vor einiger Zeit zu Protokoll, dass die gesamte Zukunft der Band auf seinen Schultern laste, zeigt nicht zuletzt der Blick in die aktuellen Songwriting-Credits, dass die neue Besetzung, zu der neben Bassist Nick Harmer und Schlagzeuger Jason McGerr nun auch Gitarrist Dave Depper und Keyboarder Zac Rae fest dazu stießen, endlich zusammengewachsen ist – jeder bringt Ideen in die Stücke ein, jeder hat seinen festen Platz im kreativen Entstehungsprozess. Durchaus verständlich, dass diese basisdemokratische Bandchemie dem ohnehin nie überaus extrovertiert auftretenden Gibbard die deutlich liebere ist.

Dennoch besteht so die Gefahr, dass zu viele Songschreiberköche die akustischen Endprodukte verderben – was jedoch im Fall der elf Songs von „Asphalt Medows“ nie passiert. Ganz im Gegenteil, wie bereits der vorab veröffentlichte Zweiminüter „Roman Candles“, ein Song über die existenzielle Angst auf einem sterbenden Planeten, unter Beweis stellt: Die Melodie geht runter wie selbstgemachter Zitroneneistee am wärmsten Tag des Jahres, während die Gitarren sirenenhaft aufheulen und das Schlagzeug einen dezenten, an The National gemahnenden Bryan-Devendorf-Vibe versprüht. Da hört her – Death Cab For Cutie wissen endlich wieder zu irritieren und faszinieren! Natürlich rocken Gibbard, Harmer, McGerr, Depper und Rae auch 2022 nicht breitbeinig und mit üblen Klischee-Posen – nein, diese neue Dynamik, zu der nicht nur ein gleichberechtigter Songwriting-Prozess innerhalb der Band, sondern auch Produzent John Congleton beitrug, wird fein säuberlich in den bestehenden Bandsound integriert. So beginnt etwa das famose „Foxglove Through The Clearcut“ mit einem Spoken-Word-Intro und entwickelt seine schimmernde Post-Rock-Aura im Laufe der fünf Minuten Spielzeit: kristallklare Gitarren bilden die shoegazende Grundlage, auf der Schlagzeug und Bass ein spannendes Rhythmusgebäude errichten, während Gibbard einen Naturbeobachter die Misere der Menschheit schmerzlich pointiert darlegen lässt und dafür in den Strophen sogar auf Gesangsmelodien verzichtet. Hier, fernab von den glossy Gitarren und den weiten Hallräumen des Vorgängeralbums, klingen Death Cab For Cutie wie eine US-Westküstenband der späten Neunzigerjahre, welche die Sollbruchstelle von Post-, Math- und Experimental-Rock zu bestimmen versucht. „Here To Forever“ findet seine Inspiration noch mal ein Jahrzehnt davor, denn insbesondere in den Synthie-Schlieren, die sich auf markante Art durch die Nummer ziehen, scheinen die besseren Seiten der Achtziger ihren Widerhall zu finden.

Zwischen all diesen stilistischen Kurswechseln und Sprüngen in vergangene Dekaden haben sich aber auch die „klassischen“ Death-Cab-For-Cutie-Hits gemischt, jene Songs also, die man nur zu gerne auf Mixtapes packen beziehungsweise in Playlists schieben möchte, am besten irgendwo zwischen Nada Surf, Teenage Fanclub und The Dismemberment Plan (man denke nur an den wohl ewig unübertroffenen Balladengeniestreich „I Will Follow You Into The Dark„!). „Pepper“ kommt in der Folge eher als akustisches Intermezzo daher, ein perlender Gitarrenpop-Song mit netter Hook, der so süßlich den letzten Kuss seines Gegenübers einfordert, dass man diesem Aufruf öfter als nötig Folge leisten möchte. Die behutsamen Tontupfer des geschmeidig fließenden potentiellen Herzstücks der der Platte, „Fragments From The Decade“, lullen in Prefab Sprout-Style ein. Das sagenhaft verträumte Teil platziert sich weit hinten als Highlight in der Tracklist und endet nach sphärischen Keyboard-Fantasien in einer Geräusch-Kaskade, die so klingt, als drehe man Tastenmann Zac Rae den Saft ab. Sicherlich wird eine Band anno 2022 mit derlei Kompositionen von ach so edgy Popkultur-Feuilletonisten und jedem noch so beschissenen Trend nachjagenden Pitchfork-Jüngern nicht über den immergrünen Hype-Klee gefeiert – auch dies ist eine Konstante in der Karriere dieses so sympathisch unscheinbaren – und deswegen umso näher ans Hörerherz reichenden – Quintetts. Doch wenn sich Death Cab For Cutie im finalen „I’ll Never Give Up On You“ die Klaviermelodie von Radiohead leihen, wenn gleich im Albumeinstieg „I Don’t Know How I Survive“ synkopische Keys-Hüpfer und rhythmische Betriebsamkeit mit Electro-Verzierungen eine aufgedrehte Melodrama-Hook untermalen, wenn sich in der vorwärts hoppelnden Hitsingle „Here To Forever“ Bass und Schlagzeug ein Wettrennen um die Aufmerksamkeit des Hörers liefern und der Titelsong eine extragroße Portion Melancholie versprüht, dann weiß man, dass man hier richtig ist. Bei den netten, gar nicht mehr so jungen Jungs von nebenan, die selbst mit den einfachsten Mitteln, mit ihrem bittersüßen Pathos, mit ihrem konzisen Songwriting, das an den richtigen Stellen die richtigen Signale sendet, immer noch begeistern können. Musik wie ein Nachausekommen.

Rock and Roll.

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Song(s) des Tages: PALE – „Bigger Than Life“ / „Man Of 20 Lives“


Das kam unerwartet: PALE, 2009 aufgelöst und zuletzt 2012 noch einmal für eine Abschiedsrevue auf der Bühne, werden Ende 2022 unverhofft ein letztes Album veröffentlichen. „The Night, The Dawn And What Remains“ ist dabei nicht nur der überraschende Nachfolger zum 2006 erschienenen „Brother.Sister.Bores!„, sondern wurde buchstäblich vom Leben geschrieben. Und wie wir wissen, sind die Geschichten, die das Leben schreibt, meist die schönsten. Aber eben oft genug auch die traurigsten…

Der 25. November 2019 ist der Tag, an dem sich alles ändert. Bei Gitarrist und Sänger Christian Dang-Anh wird ein Hirntumor entdeckt. Am selben Tag erhält Stephan Kochs, Schlagzeuger der Band und Bruder von Sänger Holger, ebenfalls eine Diagnose, die ihn dazu zwingt, sein komplettes Leben umzukrempeln, wenn er leben möchte.

Trotz aller Fassungslosigkeit und Sorge in dieser Zeit führen die zwei so eng beieinander liegenden Schicksalseinschläge dazu, dass die verschiedenen Bandmitglieder, die zwischen 1993 und 2009 bei PALE spielten, wieder den Kontakt zueinander suchen. Schnell entsteht die Idee, noch einmal gemeinsam Musik zu machen. Nicht, damit sie jemand jemals hört, sondern um gemeinsam nochmal die Zeit aufleben zu lassen, in der man gemeinsam so lebendig und endlos war. Nur Stephan Kochs muss aus gesundheitlichen Gründen bereits früh entscheiden, seinen Platz am Schlagzeug nicht mehr einzunehmen.

Trotz der intensiven Krebstherapien schreibt, spielt und singt Christian Dang-Anh auf neuen Songs, die gemeinsam mit nie da gewesener Leichtigkeit entstehen. Vielleicht würde man ja sogar noch mal einen Song gemeinsam veröffentlichen können, vielleicht noch einmal zusammen auf Tour gehen? Doch die Endlichkeit wird schmerzhaft bewusst, als Dang-Anh im Mai 2021 mit nur 45 Jahren den Kampf gegen die Krankheit verliert.

Die verbliebenen PALE-Mitglieder Holger Kochs, Jonas Gervink, Philipp Breuer und Jürgen Hilgers entscheiden sich dazu, die noch gemeinsam begonnenen Aufnahmen abzuschließen. Insgesamt stecken über zwei Jahre Arbeit und Liebe in den Songs, welche bereits in dem Bewusstsein entstanden, dass es die letzten sind, die sie jemals zusammen schreiben werden. Am 25. November 2022 – wie der (freilich nicht existierende) Zufall es will auf den Tag genau drei Jahre nach den beiden Diagnosen – wird das fünfte offizielle – und definitiv letzte – Album der Aachener Band erscheinen: „The Night, The Dawn And What Remains“, welches ab sofort über Grand Hotel van Cleef auf Vinyl, CD sowie als Bundle vorbestellt werden kann, ist eine Feier des Lebens und dessen, was war.

„Bigger Than Life“ und „Man Of 20 Lives“, die ersten beiden Vorgeschmäcker daraus, sind Christian Dang-Anh und Stephan Kochs gewidmet. Das soul-poppige „Bigger Than Life“ ist als berührender Abschied an Dang-Anh zu verstehen und gleichzeitig ein „Versprechen, seine Erinnerung für immer zu wahren“. Keine traurige Ballade, sondern ein vor Gitarren, Klavieren und Bläsern pulsierender kleiner Hit. Mit klassischem Indie Rock in „Man Of 20 Lives“ wendet sich Texter und Sänger Holger Kochs an seinen älteren Bruder: Es ist ein „Danke an den, der immer voran geht, mit dem man aneinandergerät und trotzdem immer liebt. Für den, der überlebt hat.“ Es sind zwei Musik gewordene Denkmäler, für Freundschaft und Liebe. Und obwohl die verbliebenen Bandmitglieder in Aussicht stellen, dass man für „Anfang 2023“ sogar noch ein (allerallerletztes?) Konzert plane, stellt der Pressetext als formvollendetes Schlussstatement noch einmal klar: „Das ist keine Reunion, das ist die verdiente Ehrenrunde.“

Hier gibt’s das Video zu den ersten beiden Songs des PALE’schen Abschiedsalbums. Es empfiehlt sich, selbige mit Kopfhörern, Vollbild und sieben Minuten Zeit zu genießen.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Rocky Votolato – Wild Roots (2022)

-erschienen bei Thirty Something/FUGA-

Sieben lange Jahre sind vergangen seit „Hospital Handshakes„, dem achten Studioalbum von Singer/Songwriter Rocky Votolato. Zur Finanzierung des neunten startete der gebürtige Texaner im Herbst 2021 eine Kickstarter-Kampagne, welche im November erfolgreich endete. Diesmal hatte er ein mehr oder minder fixes Konzept im Kopf, wollte jedem Mitglied seiner Familie einen Song widmen – genau fünfzehn an der Zahl, weil es auf der Ranch, auf welcher der Musiker einst aufwuchs, ebensoviele Pferde gab. So weit, so harmonisch – bis eine private Tragödie jäh alle Planungen zerstörte. Sein 22-jähriges Kind Kienan (ich verwende hier bewusst nicht die Bezeichnung „Sohn“, da sich Kienan für eine nonbinäre Identität entschied) wurde Anfang Dezember bei einem Autounfall schwer verletzt und verstarb nur wenige Stunden später. Für Rocky, seine Frau April, Tochter Autumn und den Rest der Familie folgte eine Zeit der tiefen Trauer, begleitet von kognitiven Schwierigkeiten und Gedächtnisverlust. Wer sich in der glücklichen Situation befindet, von den Bergen, welche es nach einem solchen Schicksalsschlag aus dem Weg hin zurück zum Alltag und zum Weitermachen mit dem Ding namens Leben zu räumen gilt, nur eine entfernte theoretische Ahnung zu haben, der wird es Rocky Votolato und seiner Familie dennoch hoch anrechnen, dass sie an alldem weder zerbrach noch in allumfassenden Pessimismus verfiel. Und das bereits in Grundzügen fertige Konzeptalbum? Wurde so nicht nur zum Rückspiegel auf die Familienhistorie, sondern auch zur vertonten Trauerbegleitung.

Wer’s gehässig meinen würde, der könnte behaupten, dass sich die Songs des Leisetreter-Barden aus Seattle, Washington ja ohnehin seit Jahr und Tag nach tränengetränkter Trauerweiden-Musik anhören… Falsch wäre das zwar nicht wirklich, etwas unrecht würde man Votolato und seinem seit 1999 entstandenen Solo-Repertoire aber dennoch tun. Andererseits ist der 45-jährige US-Klampfer im Kreis der Singer/Songwriter mit Punk-Rock- und Emo-Indie-Rock-Hintergrund der Mann für die ruhigen, feinfühligen Töne. Für „Wild Roots“ hat er seine ohnehin nicht mit allzu viel Krachgärtnerei auftretenden Songs weiter entkernt, sodass sie fast ausschließlich aus seiner Stimme und der Gitarre sowie der zurückhaltenden Begleitung durch Geige oder Klavier bestehen. Das wird den persönlichen Themen gerecht, sorgt aber auch dafür, dass es Songs wie „Bella Rose“ (seiner Nichte Bella gewidmet) oder „The Wildest Horses“ (für seine Tochter Autumn) etwas an musikalischer Spannung fehlt. Sobald Votolato dem reduzierten Sound jedoch weitere Elemente zufügt, gewinnen die Stücke merklich. Beim harmonischen „Southpaw“ (für seinen Neffen Peren) begleitet ihn die Musikerin Abby Gundersen, ihres Zeichens die Schwester von Singer/Songwriter Noah Gundersen, mit sanftem Background-Gesang, „The Great Pontificator“ (Stiefvater Spero gewidmet) profitiert von dem zurückhaltenden Einsatz eines Schlagzeugs.

Rocky Votolato schwelgt während der knapp 48 Minuten dieses vertonten Familienalbums in Erinnerungen an gemeinsame Momente mit der Person, für die er den jeweiligen Song geschrieben hat. Namen nennt Votolato in den Texten zwar nicht, dennoch lässt sich aus und zwischen den Zeilen oft herleiten, wer der Adressat ist. Bei „Texas Scorpion (The Outlaw Blues)“ etwa spricht er seinen leiblichen Vater an, der Mitglied in einer texanischen Motorradgang war und den Votolatos Mutter mit den Kindern früh verließ: „I know you did your best, with what you were giving / So don’t be too hard on yourself now, all is forgiven.“ Das Alter lässt im Rückblick nicht nur Milde, sondern auch Vergebung zu.

Foto: Rocky Votolato

„Little Black Diamond“ wiederum handelt von einem Spaziergang mit seiner Nichte Carissa, bei dem die beiden einen kleinen Stein aufsammelten, welchen Votolato jahrelang bei sich trug. Diese kleinen, persönlichen Anekdoten sind aufrichtig und schaffen eine intime, tatsächlich zu Herzen gehende Atmosphäre. Auch seine Mutter („Archangels Of Tornados“), seine Brüder Sonny und Cody („23 Stitches“ und „Breakwater“ – mit Cody spielte Rocky übrigens anno dazumal bei Waxwing), seine Schwester Brandi („Glory (Broken Dove)“), seine Nichte Jaida („Evergreen“), seine Frau April („x1998x“), Hund Saint („Little Lupine“) und Rocky selbst („There Is A Light“, geschrieben von Votolatos deutschem Musiker-Buddy Marcel Gein, der übrigens auch einige E-Gitarren zum Album beisteuerte) werden mit Songs bedacht. Den emotionalen Höhepunkt des Albums bildet jedoch fraglos „Becoming Human“, welches an sein ebenso jung wie tragisch verstorbenes Kind Kienan gerichtet ist. Votolato wurde mit Anfang Zwanzig Vater, und so erklärt er seinem Kind, welche Schwierigkeiten er damals hatte und warum er es beim Aufwachsen nicht so begleiten konnte, wie er es gewollt hätte. Wie Rocky Votolato in diesem Interview wissen lässt (ein weiteres findet man bei Interesse hier), konnte Kienan diese Liebeserklärung seines Vaters vor seinem Tod hören – so tragisch sich die Worte des Songs nun in die Votolato’sche Familienhistorie einfügen mögen, so tröstlich mag dieser Gedanken erscheinen. Und auch wenn Rocky Votolato mit „Wild Roots“ natürlich wieder kein formatradiotaugliches Hit-und-weg-Album zusammengetragen hat, so hört man dieser sympathischen Sammlung voll persönlicher Geschichten gern zu.

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Smiths – „The Queen Is Dead“


Foto: IAN TILTON/CAMERA PRESS/REDUX

70 Jahre und 214 Tage – und damit länger als jeder britische Monarch vor ihr – hatte sie den Thron inne und die Krone auf ihrem Haupt. Während dieser Zeit sah sie Staatsoberhäupter kommen und gehen (unter anderem allein 14 britische Premierminister), erlebte Kriege und Krisen. Sie empfing zahlreiche Staatsgäste und Künstler*innen, wie etwa seinerzeit die Beatles, im Buckingham Palace, war als Monarchin jedoch nie gänzlich weltfremd, sondern lobte zum Beispiel – um beim Pop zu bleiben – Bob Geldof für „Live Aid“ und sein soziales Engagement. Am gestrigen 8. September 2022 ist Königin Elisabeth II. mit 96 Jahren auf ihrem Landsitz im schottischen Balmoral Castle gestorben. Aufgrund ihres hohen Alters zwar erwartbar, aber dennoch ein Moment der Zeitgeschichte, schließlich hat jede(r) von uns bislang nur diese eine britische Regentin erlebt.

Dass die Queen abseits aller Sympathiewerte unter ihren „Untertanen“ durchaus polarisierte und speziell in der britischen Popwelt nicht alle Fans eines im Grunde überaus gestrigen Konzeptes wie dem der Erbmonarchie waren, beweisen Dutzende von berühmt-berüchtigten Songs, welche die Königin zum Inhalt haben: natürlich das ebenso spöttisch-nihilistische wie immergrüne „God Save The Queen“ der Sex Pistols (seinerzeit wegen „eklatanter Geschmacklosigkeit“ von der BBC boykottiert), Primal Screams „Insect Royalty“ (welches andeutet, dass in Großbritannien blaues Blut mehr zählt als Leistung), „Repeat“ von den Manic Street Preachers (bei welchem die selbsterklärten Kommunisten um James Dean Bradfield auf ihrem 1992er Debütalbum „Generation Terrorists“ zu deutlichem Punk-Vibe eine klare Ansage machten: „Repeat after me: ‘Fuck queen and country!’”) oder „Storm The Palace“ von Catatonia (Cerys Matthews und ihre walisische Alternative-Rock-meets-Britpop-Truppe hatten in diesem Song recht genaue Vorstellungen, was sich aus dem Buckingham Palace sonst noch so machen ließe, und was die Leute, die dort leben, stattdessen tun sollten: „Storm the palace, storm the palace / Turn it into a bar, make ‚em work at Spar“). Meinetwegen ließe sich auch das knappe „Her Majesty“ der Beatles, welches damals das „Abbey Road“-Medley abschloss, in diese Liste einreihen, wenngleich die Queen dort zu beschwingter Melodie deutlich besser rüberkam: „Her Majesty is a pretty nice girl / But she doesn’t have a lot to say“.

Das wohlmöglich hämischste – und am direktesten titulierte – Lied in dieser frei erweiterbaren Auflistung stammt von Steven Patrick Morrissey und seiner Ex-Band The Smiths: „The Queen Is Dead“, anno 1986 der Opener des dritten – und wohlmöglich besten – Albums der Band aus dem britischen Manchester. Schon damals bewies vor allem der Smiths-Frontmann, dass er mit seinen überaus polemischen Ansichten nicht hinterm Berg halten wollte und sich im Laufe der Jahre zu einem dandy’esken Wutbürger, zum engstirnigen, vollumfänglichen Arschloch mausern sollte – wenngleich es auch andere Meinungen geben mag. Der Titel des Songs (welchen ABAY 2016 für ein eigenes Stück voll bitterer Enttäuschung über den Brexit aufgriffen) ist – allen fehlenden Sympathien für Morrissey zum Trotz – heute dennoch Programm, denn mit dem Tod der bisherigen Monarchin ändert sich nicht nur der Titel der britischen Nationalhymne zu „God Save The King“, es geht mit dem zweiten „elisabethanischen Zeitalter“ auch eine aus vielerlei Gründen bemerkenswerte Epoche zu Ende…

„Oh, take me back to dear old Blighty
Put me on the train for London Town
Take me anywhere
Drop me anywhere
In Liverpool, Leeds or Birmingham
But I don’t care
I should like to see…

I don’t bless them

Farewell to this land’s cheerless marshes
Hemmed in like a boar between archers
Her very Lowness with her head in a sling
I’m truly sorry but it sounds like a wonderful thing
I say, ‚Charles don’t you ever crave
To appear on the front of the Daily Mail
Dressed in your mother’s bridal veil?‘
(Oh, oh-oh, oh)

And so I checked all the registered historical facts
And I was shocked into shame to discover
How I’m the 18th pale descendant
Of some old queen or other
Oh has the world changed, or have I changed?
Oh has the world changed, or have I changed?
Some nine year old tough who peddles drugs
I swear to God, I swear I never even knew what drugs were
(Oh, oh-oh, oh)

So I broke into the Palace
With a sponge and a rusty spanner
She said, ‚Eh, I know you, and you cannot sing‘
I said, ‚That’s nothing, you should hear me play piano‘
We can go for a walk where it’s quiet and dry
And talk about precious things
But when you are tied to your mother’s apron
No-one talks about castration
(Oh, oh-oh)

We can go for a walk where it’s quiet and dry
And talk about precious things
Like love and law and poverty, oh, oh
(These are the things that kill me)
We can go for a walk where it’s quiet and dry
And talk about precious things
But the rain that flattens my hair, oh
(These are the things that kill me)
All their lies about makeup and long hair, are still there

Past the pub that saps your body
And the church who’ll snatch your money
The Queen is dead, boys
And it’s so lonely on a limb
Pass the pub that wrecks your body
And the church, all they want is your money
The Queen is dead, boys
And it’s so lonely on a limb

Life is very long, when you’re lonely…“

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Pianos Become The Teeth – Drift (2022)

-erschienen bei Epitaph/Indigo-

Es mag inzwischen müßig sein, die steten Wandel bestimmte Vergangenheit dieser Band immer wieder in Erinnerung zu rufen, aber so viel Zeit sollte sein, denn – Post-Harcore-Connaisseure schnalzen wissend mit der Zunge – Pianos Become The Teeth verfolgten einst, auf ihren ersten beiden, das Genre gut durchwirbelnden Alben, einen gänzlich anderen Ansatz: Härte, Geschrei und Tempo dominierten die Szenerie. Dann kam die unerwartete Kehrtwende, welche anno 2013 mit „Hiding„, jenem auf einer gemeinsam mit Touché Amoré veröffentlichten Split-EP erschienenem Song, erstmals Gestalt annahm und schließlich in den beiden 2014 beziehungsweise 2018 veröffentlichten Alben „Keep You“ und „Wait For Love“ mündete – zwei Werke, die der gallegurgelnden Postcore-Raserei nahezu gänzlich abschworen und vielmehr weltbeste tieftraurig-emotionale Wolkenbrüche nach dem Motto „Quiet is the new loud“ aufboten. Auch im Rückblick stellt sich diese stilistische Totalumkehr als Segen heraus, denn Vokalist Kyle Durfey hatte entdeckt, dass er tatsächlich richtig gut singen kann, und die Herrschaften um ihn herum setzten in den erlesenen Songs seinen Vortrag mit gleichsam großer Kunst in Szene. „Es fühlte sich kindisch an, zu den Songs zu schreien“, sagt Sänger Durfey rückblickend über den einschneidenden Wechsel von Post Hardcore zu melancholischem Emo-Indie-Irgendwas. Auch 2022 mag die fünfköpfige Band aus dem US-amerikanischen Baltimore, Maryland noch immer nicht am Ziel angekommen sein, den Weg dahin begleitet man jedoch weiterhin überaus gern, denn auch „Drift„, der neueste Langspiel-Streich aus dem Hause Pianos Become The Teeth, ist ein durch und durch glanzvolles Stück Musik.

Ein Gesamtwerk ohne Hänger beginnt mit einem Kyle Durfey, der zunächst ganz bei sich scheint, bevor ein nervöses Zucken einsetzt und mehrschichtiger Gesang mit „Out Of Sight“ einen Song fortführt, der zunächst eine gigantische Klangwelt aus Keys, Flächen, Kalimbas und Naturgeräuschen aufbaut, die in der zweiten Hälfte durch einen verspielten Drumgroove von Schlagzeuger David Haik aufgebrochen wird und, wie nicht wenige Stellen des Albums, wie eine Zusammenarbeit von Radiohead und Anathema anmutet. Zudem eröffnet das Stück bereits mit durchaus vielsagenden Zeilen: „Turn the lights off / When I’m still in the room / I’m only bright next to you / Out of sight“ – auch Album Nummer fünf ist freilich keines fürs Degustieren in fröhlicher Gesellschaft oder in der prallen Freibadsonne, sondern erneut vielmehr eines, dem man sich in den ruhigen, intimen Momenten ganz und sonders hingeben sollte. Wenig verwunderlich also, dass der Band-Frontmann dies in seiner Einschätzung ganz ähnlich sieht: “Für mich fühlt sich die Platte wie eine einzige, lange Nacht an.” Dem starken Auftakt folgt „Genevieve“, ein klarer erster Höhepunkt des Ganzen. Eine feine Basslinie untermalt Durfeys tolle Stimme, eine kunstvolle Passage im Mittelteil weiß ebenso zu gefallen wie der Umstand, dass hier zunächst alles wie dezent neben der Taktspur wirkt. Doch keine Angst, Pianos Become The Teeth geben schließlich Vollgas und haben hier einen neuen, mit markerschütternder Intensität überzeugenden Favoriten für künftige Live-Auftritte im Repertoire. Dass „Drift“ wie aus einem Guss tönt, liegt nicht nur an der greifbaren Grundstimmung, sondern auch daran, dass die Stücke gern unmittelbar ineinander übergehen. So leitet „Genevieve“ ohne Abkürzung zu „The Tricks“ über, das sich zum Abschluss nahezu verstohlen davonschleicht.

Foto: Promo / Micah E. Wood

Fürchtet irgendjemand vertonte Langeweile? Nun, etwaiger Eintönigkeit entgeht die Band einmal mehr konsequent – man lausche etwa den ebenfalls miteinander verbundenen Songs „Easy“ und „The Day“. Regiert im ersten eine reduzierte Instrumentierung, setzen die US-Amerikaner im zweiten zum Handkantenschlag an und winken entschlossen in Richtung eigener Vergangenheit. Summa summarum eine erste Albumhälfte, die es in sich hat. Gibt’s Zweifel daran, dass dieses Niveau zu halten ist? Mitnichten. „Mouth“ leitet die zweite Hälfte ein, und es erweist sich Stück für Stück, dass „Drift“ eben vor allem ein organisches Ganzes ist – und damit weit mehr als die Summe seiner einzelnen Teile. „Skiv“ liefert – gar samt einem im Hintergrund platzierten Saxophon-Solo! – das nächste Kleinod, für welches sich nicht nur das Quintett als Kollektiv, sondern vor allem Kyle Durfey gern anhaltend selbst auf die Schulter klopfen darf. Eben dafür, den Mut gehabt zu haben, das alte Schrei-Schema zu durchbrechen und seiner Stimme diesen wohlverdienten Raum zu geben.

Mit einem runden Song-Trio verabschieden sich Pianos Become The Teeth schlussendlich nach lediglich 37 Minuten aus dem Album. „Hate Chase“ greift mit energischen Gitarren noch einmal überzeugend in die krachige, sorgsam dosiert zum Einsatz kommende Werkzeugkiste, „Buckley“, benannt nach dem 1997 ebenso tragisch wie jung verstorbenen legendären Musiker, ist vertonte Schwermut mit cleverem Spannungsaufbau und zwingendem Ende, „Pair“ setzt schließlich den tollen Schlusspunkt hinter ein Album, das einerseits die Richtung seiner Vorgänger aufgreift, andererseits jedoch auch Experimente wagt. Hier zeigt die Band selbstbewusst, wo sie im Jahr 2022 steht, warum sie von exakt diesem eingeschlagenen Weg voll und ganz überzeugt ist und sich in diesem, irgendwo zwischen Emo, Indie Rock, Shoegaze und Post Rock angesiedelten Soundgewand mittlerweile so überaus wohl fühlt. Natürlich mag auch „Drift“ kein seichtes Easy-Listening-Album sein, dafür jedoch definitiv eines, das einen durch den Herbst und die (nächsten) Klima-Corona-Kriegs-Monate bringen kann. VISIONS-Redakteur Jan Schwarzkamp mag in seiner Review weniger begeistert gewesen sein und das alles unter „melancholischer Runterziehmusik für Menschen, die sich psychisch zusätzlich belasten wollen“ verortet haben (was sich übrigens durch den Fakt, dass Kyle Durfey textlich mittlerweile in durchaus positiveren Gefilden unterwegs ist, zumindest teilweise entkräften lässt), für mich bleiben Pianos Become The Teeth seit nunmehr drei Langspielern eine absolut verlässliche Herzensband, in deren Stücke man hineingleitet wie in ein warmes Bad – wunderbar und schonungslos emotional.

Rock and Roll.

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