Archiv der Kategorie: Auf dem Radar

Auf dem Radar: Violet Soda


Hört man die Songs von Violet Soda, dann mag man an recht vieles denken, jedoch kaum an Zuckerhut, Copacabana, Samba, Neymar oder Gilberto Gil. Doch tatsächlich stammt das Quartett, welches sich möglicherweise seinen Namen bei diesem Drink geliehen hat, aus dem brasilianischen São Paulo, wo Sängerin und Gitarristin Karen Dió, Gitarrist Murilo Benites, Bassist Tuti AC und Schlagzeuger André Dea im Jahr 2018 beschlossen, fortan gemeinsam etwas lauter Sache zu machen. Ihren Sound lehnen Violet Soda vor allem am Grunge, Alternative Rock und krachigen Indie Rock der Neunziger an: ein wenig von der suffschiefen Riot-Grrrl-Attitüde à la Courtney Love und Hole, ein gerüttelt Maß des unkaputtbaren Powerrocks von Dover, zwei Messerspitzen Joan Jett und Pixies sowie ein großzügiger Esslöffel des ohrwurmigen Zeitgeist-Poprocks von Paramore (deren Frontfrau Hayley Williams auch das das stilistische Vorbild von Karen Dió sein dürfte) – fertig sind Songs wie „Charlie“, „Girl!“, „Tangerine“, „Coffee“ oder „Candyman“.

Nachhören kann man all das bisher auf zwei EPs von 2018 sowie dem selbstbetitelten, ein Jahr darauf erschienenen Debütalbum. Zuletzt – und daran dürfte auch die konzertfreie Zeit der Pandemie Schuld sein – ließ es die Newcomer-Band im heimischen Proberaum etwas ruhiger angehen und veröffentlichte zwei Unplugged-Sessions. Und auch die beweisen das durchaus vorhandene internationale Potential von Violet Soda, die im Rahmen ihres Debütalbums verrückterweise bisher nur drei Shows vor Publikum spielen konnten. Kaum verwunderlich also, dass so langsam auch die Online-Musikpresse außerhalb ihrer südamerikanischen Heimat auf das Vierergespann aufmerksam wird – beim britischen „KERRANG!“ etwa fanden Karen Dió und ihre Jungs unlängst im Rahmen einer näheren Betrachtung der brasilianischen Musikszene Erwähnung…

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Nobody’s Cult


Foto: Promo / Gabbie Burns

Dafür, dass sich die Truppe um die bemerkenswerte Sängerin Lena Woods bereits 2015 gegründet hat, haben es Nobody’s Cult in Sachen Studiobesuche bisher erstaunlich ruhig angehen lassen. 2017 ließ das Vierergespann aus dem französischen Rouen mit „Echoes From The Temple“ mal mit einer EP aufhorchen, zwischendurch gab’s hin und wieder eine Single, um die Hörerschaft bei Laune zu halten. Mit einem vollwertigen Album haben Nobody’s Cult aber bisher auf sich warten lassen. Umso schöner, dass im Juni endlich ihr Debüt-Langspieler „Mood Disorders“ das Licht der Musikwelt erblicken durfte…

Auf diesem zeigt sich die Band noch ein wenig auf der Suche. Der Opener „The Finish Line“ lockt zunächst mit stampfendem Garage Rock, der an The Dead Weather erinnert. „Everyone is someone else’s fool / Everyone is someone else’s freaking tool“, klagt Frontfrau Lena Woods auf einer Basis aus pulsierendem Bass, bevor ein schwerfälliges Schlagzeug den Rhythmus an sich reißt. Das folgende „Radio“ nimmt Tempo auf und hinterlässt eher einen zarten Hauch Queens Of The Stone Age, als an die angenehme Schwere der Eröffnungsnummer anzuschließen. „Freak Out“ setzt mit punkigem Gemüt und leicht überdrehtem Gesang auf Riot-Grrrl-Vibe, „Swan Song“ zerfließt in langsamem, düster-verruchtem Tempo, „Feel Blue“ sowie dessen an der Étretat-Küste in der Normandie auf 16mm-Flim gedrehtes Musikvideo versprühen bittersüße Nostalgie. „Nothing On Me“ könnte in einem anderen Kosmos auch ein Blues Pills-Song sein und sticht mit seinem walzenden Gitarrenriff und dem kraftvollen Gesang noch am ehesten aus der Masse an verschiedensten Stilistiken heraus. „Goodbye Honey“ und die Single „Hangover“ sind schließlich zackige Indie-Disco-Hits, die dem zuvor etablierten Blues- und Heavy Rock entgegenstehen. Zweiteres beginnt mit einem langsamen und zugleich lautstark pochenden Intro wie der typische Morgen nach einer durchzechten Partynacht, in der viel, eventuell gar zu viel Alkohol floss. “One hundred million shots blow up my brain / Each and every morning I reset the game” singt Lena Woods energisch im kraftvollen Refrain, bevor kurz darauf die nächste Strophe das Tempo wieder herunterfährt, ohne dabei jedoch an Lautstärke zu verlieren. Ganz im Sinne eines Hangovers bildet der Song so musikalisch geschickt zwischen Fuzz- und Heavy Rock die Stimmungsschwankungen am verhängnisvollen Morgen danach ab – perfekt eingefangen im dazugehörigen Musikvideo. Leider drückt sich das Quartett auf seinem Debütalbum geschickt um eine Antwort auf die Frage, wer sie denn nun sein wollen, denn alles in allem beweisen Nobody’s Cult mit „Mood Disorders“ zwar, dass sie verschiedenste Spielarten des Rock sicher und aus dem Effeff beherrschen, ihre eigene musikalische Identität hat bei dieser Vorführung technischen Könnens jedoch kaum eine echte Chance, in den Vordergrund zu treten.

Ein wenig erstaunt dass schon, denn Newcomer im klassischen Sinn sind die vier Franzosen keineswegs, immerhin fangen sie bereits seit nunmehr sechs Jahren in ihrer Musik eine Welt ein, die manchmal freundlich, manchmal aggressiv und jederzeit unberechenbar erscheint. In dieser Zeit haben Lena Woods, Vincent Fabert (Gitarre), Matteo Casati (Bass) und Grégory Jacques (Schlagzeug) gelernt, ihre Musik zu zähmen und im Dialog mit dem Publikum Abend für Abend neu zu entdecken. Denn erst auf der Bühne erwachen die Songs wirklich zum Leben, entwickeln sich im Laufe der Konzerte und finden schließlich ihre eigene Energie (wovon man sich aktuell anhand einiger Live Sessions auf YouTube überzeugen kann). Für die ganz besondere Note sorgt nicht nur der Gesang, sondern auch die oftmals eingesetzten verzerrten Harfenklänge der Frontfrau – ein besonderes Element, welches ja eventuell in Zukunft für etwas mehr Individualität in den Songs von Nobody’s Cult sorgen wird…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Holly Humberstone – „Haunted House“


Holly Humberstone ist gerade mal 21 Jahre alt und wird – ihrer noch jungen Karriere zum Trotz – im heimischen UK bereits mit Musikgrößen wie Taylor Swift, Phoebe Bridgers und HAIM verglichen. Nach der Veröffentlichung ihrer Debüt-EP „Falling Asleep At The Wheel“ begleitete die Newcomerin Anfang des vergangenen Jahres Lewis Capaldi als Support auf dessen Europa-Tournee (also gerade noch rechtzeitig, bevor die Pandemie jeglichen Konzertbetrieb stilllegte). So stand sie etwa im Münchner Zenith in Blue Jeans und Oversize-Hoodie mit nichts Weiterem als einer E-Gitarre um den Hals vor knapp 6.000 Menschen auf der Bühne und spielte eine halbe Stunde lang ihre Lieder. Capaldi, die schottische Babyface-Sensation, bot der jungen Engländerin damit die perfekte Karriere-Sprungschanze.

Nun veröffentlichte Humberstone im April ihre neue Single „Haunted House“ mitsamt Musikvideo. Klar, nachdem sie dieses Jahr auf nahezu jeglichen „Artists to Watch 2021“-Listen landete (und selbst vom ehrwürdigen „Guardian“ als “most hyped new artist” bezeichnet wurde), waren die Erwartungen nicht eben gering. Doch mit ihrer sanfter Stimme sowie ihrer durchaus talentierten Art zu texten, die vielerwebs aus gutem Grund als „Tattoo Lyric Songwriting“ beschrieben wird, schaffte sie es auch mit dem neuen Song, von sich zu überzeugen.

„Haunted House“ handelt von Hollys Elternhaus und dem Abschied davon. Beinahe liest es sich wie eines dieser Gruselfilm-Klischees, denn jenes Elternhaus ist der Inbegriff eines gruseligen, seltsamen Hauses, diente es doch früher als Dienstbotenhaus für ein nahegelegenes Schloss – und wurde nun derart baufällig, dass die Familie es verlassen musste. Jedoch verabschiedet sich die Senkrechtstarterin in ihrer neuen Single nicht nur von den so lieb gewonnenen vier Wänden, sondern gleichzeitig von einem Teil ihrer Kindheit. Das Musikvideo fängt den morbiden Charme des Hauses ein und unterstreicht die schaurig-schöne Deep-Pop-Ballade. Sie selbst sagt:

„Obwohl Veränderungen notwendig sind, hat es sich oft so angefühlt, als würde mir meine Kindheit entgleiten. Mein Elternhaus ist ein seltsames altes Haus auf dem Lande, das um uns herum in sich zusammenfällt. ‚Haunted House‘ habe ich geschrieben, kurz nachdem uns gesagt wurde, dass wir es verlassen müssen. Der Song fühlte sich wie eine Art Abschied und eine Hommage an all die Erinnerungen, die ich dort über die Jahre gesammelt habe, an.“

Doch bekanntlich ist es ja so: wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine neue. „Haunted House“ kann also durchaus als Beginn einer blühenden Karriere verstanden werden…

„They say this house is haunted
But all these ghosts I’ve grown with
As it slips away from me
I still hold on hopelessly
I lay my head to sleep and say goodnight

Bringing up four daughters
Made a house a fortress
Dirty knees and honey bees
Nowhere else would sting as sweet
Can’t believe we’re turning off the light

And one day I’ll drive past you
If I recognize you
I’ll try not to stay too long
See the soil I grew upon
In a couple years I’ll be alright

So darling, pull the curtains
And in the morning
Let me lie here with you
Don’t say that I’m leaving
In the morning
Let me lie here with you“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Cuffed Up – „Small Town Kid“


Foto: Justin Cook

Da hat sich wohl jemand in die neue Welle der englischen Post-Punk-Bands verguckt und will diese Kraft, diesen Klang in die Stadt der Engel holen…

Jene jemande, Cuffed Up, stammen aus Los Angeles und gehören ihrerseits zu den vielversprechendsten Newcomern der US-amerikanischen Alternative-Szene. Aufgrund der derzeitigen frustrierenden Situation hapert es – fast schon logischerweise – noch ein wenig mit dem Durchbruch, aber was die drei Jungs und ein Mädel bereits im Februar 2020 mit ihrer selbstbetitelten EP vorgelegt haben, dürfte mehr als ein dickes Faustpfand sein. Vier eigene Songs sowie eine Coverversion, die durch die Bank zu überzeugen wissen und nicht nur einmal die Augenbrauen vor Bewunderung gen Haaransatz hochgehen lassen. Die Band selbst entstand 2019 durch eine eher zufällige Begegnung auf einer Party, bei der sich Sapphire Jewell und Ralph Torrefranca zum ersten Mal trafen und sich schnell über ihre Liebe zur UK-Punk-Szene mit Bands wie Idles und Shame austauschten. Wenige Monate später wurden Cuffed Up durch Schlagzeuger Joe Liptock und Bassist Vic Ordonez komplettiert.

Auf ihrer Debüt-EP begeistert bereits der Opener „Small Town Kid“ mit (s)einem gut durchgehangenen Gitarren-Riff und einem wunderbar-unwiderstehlichen Wechselgesang von Sapphire Jewell und Ralph Torrefranca, welcher spätestens im Refrain dermaßen catchy daherkommt, als würden hier Placebo und The Subways gemeinsame Sache machen. Sänger und Gitarrist Ralph Torrefranca äußert sich zu dem Song folgendermaßen: „‚Small Town Kid‘ started off as a little riff that I set aside in 2018, not really knowing where it could go. It wasn’t until Cuffed Up formed at the beginning of 2019 where we all collectively shaped the song into the wall of sound that it is today. The song is about a punk kid who moves from a small city, with ambitions bigger than his own ego. Rightfully, the big city ends up eating him alive but he learns to love the struggle and manages to find humility in his mistakes.“

Mit „French Exit“ folgt das zweite Stück der EP. Den Gesangspart übernimmt hier in erster Linie Sängerin und Gitarristin Sapphire Jewell. Die Nummer zeigt das Quartett von einer ganz anderen Seite als noch der Opener. Shoegaze und somnambule, reduzierte Dreampop-Klänge schmiegen sich dem Hörer zu einem feinen Erzählsog ins Ohr, bevor „Danger, Danger“ vor allem die Punk-Einflüsse der Band ausleben darf (und stellenweise sogar nach den frühen Kasabian klingt). Wer immer noch nicht von der Vielseitigkeit der kalifornischen Band überwältigt ist, der bekommt mit „Mother/Father“ ein abschließendes eigenes Argument inklusive scharf schneidender Gitarren und knackigem Rhythmus zwischen die Gehörgänge gepfeffert (wer hier Referenzen zu Neunziger-Größen wie Sonic Youth oder den Pixies findet, der darf diese gern behalten), bevor das im vergangenen Oktober nachgereichte Cover des Death-Songs „Politicians in My Eyes“ das Mini-Album in bester Protopunk-Manier beendet.

Sollte es Cuffed Up gelingen, diese vielfältigen Einflüsse beizubehalten und weiterhin in qualitativ hochwertige, frisch tönende Songs umzumünzen, so dürfte einer großen, kleinen Indie-Musikkarriere und energetischen Live-Shows wohl nicht mehr viel im Weg stehen – außer einer vermaledeiten Pandemie, freilich…

„Leave the money on the table, testify if I am stable
Drag me by mouth until I wanna bleed it out of here

Cause for concern is natural, big dreams for a small town kid
I save it for myself, I don′t want nobody’s help

Outside is a little more substance
Inside is a little big lie
Northwest is a little more comfort
East coast living on the west end side
Right hand is its own temptation
Left hand is a sign of gold
I wanna feel it out, I wanna feel it out again

My compass is flawed by nature
Wrap my head around the greater good
But it’s waste of time, these stripes don’t bleed anymore

I′m a poser and a loner
Triple check my persona
Bad dreams from a simple place
So I can spin my wheels over and over again

Outside is a little more substance
Inside is a little big lie
Northwest is a little more comfort
East coast living on the west end side
Right hand is its own temptation
Left hand is a sign of gold
I wanna feel it out, I wanna feel it out again“

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Cleopatrick – BUMMER (2021)

-erschienen bei Nowhere Special/The Orchard-

Fuck whatever you think rock is. It’s different now…“

Rock’n’Roll 2.0 vs. Alles schon einmal da gewesen. Rockmusik im Jahr 2021 vom Scheitel bis zur Sohle ganz und gänzlich neu zu erfinden – das könnte sich nur allzu schnell als dezent überambitioniertes Unterfangen erweisen. Also warum selbige, die Rockmusik, nicht einfach im juvenilen Überschwang zertrümmern, wenn eh kaum etwas Neues daraus wachsen kann? Luke Gruntz (allein der Name!) und Ian Fraser alias Cleopatrick sind jung genug, ihre Twentysomething-Angst noch ungeniert thematisieren zu können – natürlich auf die Weise, wie Instagram, Spotify & Co. sie heutzutage verstärken. Privat huldigen sie laut eigener Aussage eher Rap-Ikonen wie Drake oder Kendrick Lamar, produzieren aber trotzdem dezent verwaschenen Two-Pals-Krachrock der guten alten AC/DC-Riffschule, und das sogar auf eigenem Label sowie in einem eigenen kleinen DIY-Kollektiv, denn was soll man im kanadischen Hinterland samt dessen beschränkten Möglichkeiten auch sonst mit seiner Jugend anfangen? Einen Bassisten hat das Mittzwanziger-Duo, welches sich seit Kindergartentagen kennt, nur deshalb nicht, weil sich in der Kleinstadt Cobourg – am Ontariosee gelegen und wohl ähnlich provinziell, aber nicht zu verwechseln mit dem Ort in Oberfranken – schlicht keiner auftreiben ließ. Die Reduktion aufs Wesentliche, auf Fuzz und Frust also, reicht absolut aus. Wo bei Royal Blood jüngst der Dreck gänzlich wegpoliert wurde und die ewigen Schürzenjäger von Death From Above 1979 ihre sanftere Seite entdeckt haben, kippen Cleopatrick als eine Art alternative Terrance & Phillip eine ganze Baggerladung Geröll hinein. Mit diesem Konzept sorgten sie mit zwei EPs und ein paar verdammt ordentlicher Singles („hometown„! „daphne did it„!) seit 2016 für einiges am Rumoren im weltweiten Netz und landeten letztlich auf der „New Noise„-Playlist von Spotify. Und wohl auch deshalb ist ihr Debütlangspieler „BUMMER“ nun ein knapp halbstündiger Schleudergang mit ordentlich arschcoolem Wumms und knirschendem Fuzz-Sand im Getriebe.

Kategorien wie Lo-Fi treffen den Kern der Sache dann auch nicht unbedingt, denn anstatt hunderten Vorbildern nachzueifern und sich von diesen beeinflussen zu lassen, poltern Cleopatrick einfach frisch, Frank und frei drauf los, ohne nur einen verdammten Gedanken daran zu verschwenden, wie sie sich im Rock’n’Roll-Kanon eigentlich einsortieren ließen. Gerade Ian Frasers Schlagzeug dröhnt im eröffnenden „Victoria Park“ so dumpf und verrauscht, als wäre es durch einen riesigen Eierkarton aufgenommen worden. Beat und stimmlicher Vortrag auch in anderen Songs – man nehme nur „Great Lakes“ – erinnern dann tatsächlich an HipHop’sche Gefilde. Passend dazu sitzt auch das Storytelling wie eine gut flowende Eins – vom Schulhof wohlgemerkt, die Straße kann man vom Nachsitzen aus lediglich erahnen. Man wähnt sich beinahe in einem selig analogen, siebziger’esken Umfeld, transferiert ins digitale 21. Jahrhundert, wenn Gruntz sich beschwert, sein Feed sei „full of fucking dummies that did high school with me“. Jung, anti und dagegen sein lautet die Devise weiterhin in „Family Van“: „Pushing twenty-three is a real big bummer / When these old motherfuckers try so hard to pull you under“. Die Band mag nur ein paar Felle, High-Hats, sechs Saiten und einige Effekt-Pedale zur Verfügung haben, ist jedoch mächtig gewaltig auf Krawall gebürstet – maßgeblich gegenüber ihrer heimischen Kaff-Einöde, aus der auch Social Media keinen Ausweg verheißt, und all den alten und jungen Spießern, die darin nunmal wohnen.

„Keine beschissenen Ghostwriter. Kein Label-A&R, keine namhaften Produzenten. Nur drei Kids mit ein paar Fuzz-Pedalen und dem Willen, etwas zu beweisen. Wir haben uns entschieden, dieses Album in Jigs Keller aufzunehmen, weil wir den Kids, die zu unseren Gigs kommen, zeigen wollten, dass man keinen Major-Label-Deal unterschreiben oder sich mit den modernen ‚Rockstar‘-Phonies assimilieren muss, um es zu schaffen. Tatsächlich ist es genau das Gegenteil: Alles, was du brauchst, sind ein paar gute Freunde und eine kleine Vision.“

Das Beste bleibt dennoch die Wirkung dieser Songs, denn beim Genuss von „BUMMER“, welches das Duo nahezu in Eigenregie aufgenommen hat (lediglich ihr enger Freund Jig Dubé wirkte beim Songwriting, Aufnehmen und Produzieren mit), bekommt man unweigerlich mächtig Bock, in einer kleinen, viel zu engen Garage einen Auf-Teufel-komm-raus-Circle-Pit zu bilden und selig grinsend gegen fremde Menschen zu hüpfen, während der Schweiß von der Decke tropft und der Boden vom Bier klebt. Glaubt keine Sau? Nun, jenem Borstenvieh sollte man denn mal den Grunge-Hit „The Drake“ auf die Lauscher geben! Those were the days, kiddos. Verheulte Emo-Lyrics und Grunge-Akkorde in inniger Vereinigung sorgen auch dafür, dass eine Quasi-Ballade wie „2008“ hell und intensiv strahlen kann, ohne dass sie eines scheppernden Schlagwerks bedürfte. Nicht nur hier bringt Gruntz das Kunststück fertig, so einige stimmliche Facetten von angepisstem Gesang bis Sprechgesang auszuloten und mal wie ein junger Chris Cornell, mal gar soulful wie Afghan-Whigs-Frontröhre Greg Dulli zu klingen – mit kanadischem Akzent, versteht sich: „When you give a fuck just let me know“. Dabei sind Cleopatrick natürlich der schlechte Umgang, vor dem das wohlerzogene kanadische Mädchen aus Torontos Villenviertel von den gut betuchten Eltern an- und ausdauernd gewarnt wird – allein diese unflätige Ausdrucksweise! Aber dank etwas DIY-Ethos eben auch eine der neuesten altmodischen Rock-Aufstiegsgeschichten im digitalen Zeitalter. Wo Japandroids mittlerweile mit eher abgeklärt-erwachsenem, dabei aber auch machomäßigeren Blick den Thron besetzen, sind Gruntz und Fraser eher die Arctic Monkeys der kanadischen Noise-Duo-Landschaft. Will neben jung und ungestüm auch heißen: romantisch genug, um nicht nur als juvenile Unruhestifter wahrgenommen zu werden. Längst nicht neu, dafür aber mächtig aufregend, stellenweise verdammt intensiv und übertrieben gut, das Ganze! Dear Canada, your kids are alright.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: The Provincial Archive


„Eines Lachens Läuten, das uns im Vorübergehen – kaum gestreift – ein Fest bedeuten oder wehtun kann“, dichtete Hermann Hesse einst in „In Sand geschrieben“. Und so wirkt auch das Coverfoto des The Provincal Archive-Albums „It’s All Shaken Wonder“. Menschen im Gegenlicht beim Überqueren einer großstädtischen Kreuzung. Alltäglich, dennoch irgendwie besonders – wie eines dieser Instagram-Fotos, bei denen man partout nicht weiß, warum zur Hölle sie einem eigentlich gefallen… Die Musik der vier Kanadier passt dazu. Sie ist gleichsam bittersüß wie lichtdurchflutet und tagträumt sich in die goldene Mitte zwischen Melancholie und Leichtigkeit. Indie-Pop mit Songwriter-Einschlag der nachdenklichen Art – irgendwo zwischen Death Cab For Cutie, Elliott Smith, Grizzly Bear, The National und Bright Eyes.

Obwohl The Provincial Archive mit „It’s All Shaken Wonder“ 2014 bereits das dritte Album vorlegten, war es ihr erstes mit offiziellem Europa-Release. Kaum verwunderlich also, dass sich die Band aus dem kanadischen Edmonton, Alberta bis dahin lediglich auf den Empfehlungszetteln der sogenannten „eingeweihten Zirkel“ befand – oder eben von all jenen, die dem Vierer 2013 beim Reeperbahn Festival oder im Vorprogramm von The Cave Singers, Chuck Ragan, Damien Jurado sowie The Rural Alberta Advantage lauschen durften.

Neben Frontmann Craig Schram (Gesang, Gitarre, Banjo, Piano) agieren R. Bramwell Park (Schlagzeug, Banjo, Gitarre, Gesang), Ryan Podlubny (Bass, Gitarre, Gesang) und Nathan Burge (Piano, Keyboards, Gitarre, Gesang). Das Quartett versteht es, feingeistige Melodien zu kreieren, die zwischen melancholisch und versonnen, wehmütig und lebensbejahend schwingen. Auf Fotos mögen sie wie intellektuelle Nerds wirken – ein kleines optisches Klischee, das sich zumindest andeutungsweise auch in ihren Songs niederschlägt. Dementsprechend strukturiert und durchdacht tönen selbige daher auch. Dabei geht ihnen die Leichtigkeit jedoch keineswegs verloren, vielmehr finden sie den Weg, beide Welten miteinander zu verknüpfen.

Manchmal sind es beinahe mechanische Rhythmusstrukturen, denen feine Melodielinien entgegengesetzt werden, wie etwa im Opener „Daisy Garden“ und in der dramatischen Ballade „In The Morning“. Anderswo, bei der Indiepopperle „Full Of Water“, zaubert die Band wiederum an sonnige Byrds-Jingle-Jangle-Gitarren angelehnte Sounds hervor, die einen im Nu betören. Oder „Land Machines“, welches mit zirpenden Banjo- und monoton-eindringlichen Akustikgitarrentönen überzeugt. Fürs distinguierte Hörervolk werden gar Jazz-Anklänge geboten, „The Lake“ rückt das Piano und den schleichenden Rhythmus ins Zentrum. Wiederholt lassen sich solche Details finden, die das Ganze zu einem kurzweiligen, dennoch anspruchsvollen Vergnügen werden lassen. Ganz besonders stechen hier die verspielten, urbane Horizonte öffnenden „The Market“ und „Every Pretty Girl“ heraus – bittersüß und wunderschön. 

„It’s All Shaken Wonder“ klingt wie ein Versprechen auf Großes, Wahrhaftiges. Es lädt zum Sinnieren, zur tagträumerischen Feingeistigkeit ein – trotzdem lassen die recht persönlichen Texte von Bandkopf Craig Schram genug Raum für eigene Vorstellungen und Visionen. Es ist Musik, die mit dir kommuniziert, dir dabei nicht zu nahe rückt und dich dennoch streichelt. Mit detailverliebten Arrangements, während sie andererseits von ihrer intimen Atmosphäre lebt. Musik, die nie zu überladen, aber auch nie zu reduziert wirkt. Indie-Folk durch die Nerd-Brille betrachtet, aber mit sanftem Blick. Schade eigentlich, dass es nach dem Album – mal abgesehen von einer 2015 nachgeschobenen EP sowie einer Single vor drei Jahren – recht ruhig um die mittlerweile zum Trio geschrumpfte Band geworden ist. So bleibt dieses Indiefolkpop-Kleinod wohl weiterhin den „eingeweihten Zirkeln“ vorbehalten…

Rock and Roll.

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