Archiv der Kategorie: Auf dem Radar

Auf dem Radar: Circus Trees


Foto: via Bandcamp

Mit dem Alter ist’s immer so eine Sache. Denn in der Tat waren viele große Talente noch ziemlich jung, als sie ihre ersten wichtigen Alben aufnahmen. Kurt Cobain ist 22 Jahre alt, als das Nirvana-Debüt „Bleach“ erscheint. Paul McCartney ist 21, als die Beatles anno 1963 ihr Erstlingsalbum veröffentlichen. Robert Plant ist noch 20, als Led Zeppelins monumentales erstes Werk erscheint. Und Gitarrist John Frusciante gerade einmal zarte 19 Lenze, als er mit den Red Hot Chili Peppers „Mother’s Milk“ an den Start bringt.

Darüber können die drei Schwestern hinter Circus Trees, Giuliana, Finola und Edmee McCarthy, wohl nur milde lächeln, schließlich sind sie 18, 16 und 14 Jahre jung, und können trotzdem bereits jetzt auf die ein oder andere Erfahrung im Haifischbecken Musikgeschäft zurückblicken. Schon bemerkenswert? Türlich, türlich! Noch erstaunlicher ist jedoch, dass ihr Debütalbum „Delusions„, welches im vergangenen August erschien, dabei nicht einmal das erste Material des Trios aus Marlborough, Massachusetts ist. Bereits die EP „Sakura“ von 2019 war ein starkes Ausrufezeichen, mal abgesehen vom 8:20 Minuten langen ersten Song „Floating Still“ von 2018 (aufgenommen von Jay Maas von Defeater) – da war das familiäre Dreiergespann 16, 14 und 12! Und bereits jenes Stück enthält im Grunde alles, was die Newcomer-Band so stark macht: erschütternde Traurig- und Ernsthaftigkeit sowie ein dramaturgisch ausgeklügeltes Gespür, über die lange Strecke mit lauten und leisen Passagen zu fesseln. Sie nennen es selbst Sadcore – und haben damit vor einer ganzen Weile bereits Szene-Größen wie Caspian überzeugt, für die sie in Boston eröffnen sollten, hätte ihnen nicht COVID-19 einen Strich durch die Tour-Planung gemacht. Dafür teilten sie bereits die Bühnen mit Bands wie O’Brother, Holy Fawn oder Spotlights – ebenso amtlich.

Eventuell liegt ein Teil des Erfolgsgeheimnisses von Circus Trees ja in den durch und durch familiären Strukturen: So erschien das Debüt über Five By Two Records, einem Label, das mit Robert McCarthy der Vater der Musikerinnen betreut – ein ehemaliges Punk-Kid, das in der Tech-Industrie zu Geld gekommen ist und sich von der Arbeit zurückgezogen hat, um sich voll und ganz um die Band seiner Töchter und ihre Kreativunternehmungen zu kümmern. Der ältere Bruder Eoghan, selbst Musiker, und der jüngste, Declan, helfen als Roadies bei den Shows mit. Was jedoch unterm Strich zählt, sind natürlich die vier- bis achtminütigen Songs von Circus Tree, die mal melancholisch-introspektiv, mal laut sind, die mal walzen und mal zart fließen, als würden Songwriterinnen wie Julien Baker oder Emma Ruth Rundle den Shoegaze-Metal-Helden Hum als Sängerin(nen) vorstehen.

Dennoch wollen Finola, Giuliana und Edmee McCarthy keinen Welpenschutz, kein gönnerhaftes Schulterklopfen und erst recht keinen Außenseiterbonus – und „Delusions“ ist passenderweise genau das Biest von einem Album geworden, das seinem Publikum dieses Ansinnen auch recht unmißverständlich einhämmert. Die Schrottkarren vom Cover geben einen ersten Ausblick auf die Musik, die nach einem kurzen gesprochenen Snippet mit „Wasted Air“ beginnt. Ein skandinavisch anmutender, bleischwerer Gitarrenschleier wird kurz für Finolas jetzt schon abgeklärt wirkenden Gesang geöffnet, dann bekommen wir es mit dem Schlagzeug zu tun. Circus Trees haben die Laut-leise-Dynamik des Post Rock verinnerlicht, spielen ihren atmosphärischen Slowcore hart und heftig wie eine erfahrene Doom-Metal-Band und arrangieren die sechs teils mehrgliedrigen Songs auch noch souverän durch. Im Gegensatz zur 2019er EP neigt „Delusions“ bereits zur Verfeinerung dieses überraschend brachialen Sounds. Bestes Beispiel ist etwa das siebenminütige „Breath“, welches ganze Klanglandschaften und eine komplette Palette von windstillen wie stürmischen Klangwelten durchmisst. „Wir machen Musik, die nicht zu unserem Alter, unserem Geschlecht oder unseren Lebensumständen passt“, lässt die Band dazu ausrichten. „Wir sind jung, wir sind Schwestern, wir verbringen unser Leben in der Vorstadtwüste.“ Extrem persönlich sei das Album geworden, besessen von „Schmerz, Trauer und Verlust“, eine emotionale Fallhöhe, die sich beim Hören auch ohne konkretes Insider-Wissen vermittelt. „Was kann man als pausbäckiger Teenager schon Dramatisches erlebt haben?“, mag der Zyniker fragen – nun, für die Antwort(en) kann man sich in der Regel bei so gut wie jedem Teenager dies- wie jenseits des Atlantiks erkundigen… Oder man kann die sechs Songs dieses verblüffenden Debüts auflegen, in denen gefühlt einmal alle drei Minuten die juvenile Welt untergeht, nur um dann kraftvoll, nass geschwitzt und vor Selbstbewusstsein strotzend wiedergeboren zu werden. Die Vorstadtwüste hat bei der (Ver)Formung junger angepisster Menschen jedenfalls wieder einmal ganze Arbeit geleistet. Jugend forscht? Jugend tönt forsch!

Hier gibt’s das Debütalbum „Delusions“ im Stream…

…sowie Musikvideos zu „Wasted Air“…

…und „Confronting Time“:

Rock and Roll.

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Song des Tages: Pinkshift – „i’m gonna tell my therapist on you“


Foto: Promo / Leigh Ann Rodgers

Hat sich schonmal jemand die durchaus interessante Frage gestellt, wie denn bitteschön eine musikalische Dreiecksromanze aus My Chemical Romances „Three Cheers For Sweet Revenge“, No Doubts „Tragic Kingdom“ und Paramores „Riot!“ klingen würde? Nein? Die wohl konsequenteste Antwort wäre in diesem Fall: wie Pinkshift.

Nun ist das US-Newcomer-Quartett aus Baltimore, Maryland weder verwandt noch verschwägert mit Gerard Way, Gwen Stefani oder Hayley Williams, trotzdem tönt das, was Leadsängerin Ashrita Kumar, Gitarrist Paul Vallejo, Schlagzeuger Myron Houngbedji und Bassist Erich Weinroth bislang von sich hören ließen, schon ein wenig wie ein kleiner, ehrfürchtiger Knicks vor ebenjenen Bands…

Pinkshift gründeten sich 2018 während Ashrita Kumars erstem Jahr an der renommierten Johns Hopkins University. Paul Vallejo sah die junge Frau mit Bengali-Wurzeln bei einer Schulveranstaltung a cappella performen und fragte, ob sie bei einer Rock-Coverversion von Britney Spears‘ „…Baby One More Time“ mitsingen wolle. „Ich hatte ihn vorher noch nie getroffen. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Es kam einfach aus heiterem Himmel, aber ich dachte mir nur: ‚Ja, klar. Warum nicht?'“, erinnert sich Kumar.

Beide fanden schnell heraus, dass sie, jeder für sich, an eigener Musik schrieben und begannen bald, zusammenzuarbeiten. Innerhalb kurzer Zeit hatten sie etwa zwanzig Demos beisammen und beschlossen, Konzerte zu spielen. Aber sie brauchten noch einen Schlagzeuger. „Es gab diesen Schlagzeug-Übungsraum in unserer Universität“, so Kumar. „Immer wenn wir nicht im Unterricht waren, saßen wir, entweder zusammen oder getrennt, draußen vor diesem Übungsraum, um zu hören, ob es jemanden gab, den wir ansprechen konnten.“ Und sie hatten Glück: Eines Tages hörten sie Myron Houngbedji, der gerade „Helena“ von My Chemical Romance spielte. Nicht nur aufgrund dieser Songwahl war klar, dass er die perfekte Besetzung war.

Die Gruppe, die sich damals noch Sugar Crisis nannte, absolvierte ihren ersten Auftritt bei einer Veranstaltung des Johns Hopkins Inter-Asian Council. Eine „richtige“ Band wurde sie aber erst im nächsten Jahr, als sie sich in Pinkshift umbenannte. Allerdings benötigten sie immer noch einen Bassisten. „Es war einfach schwer, Leute zu finden, die an unserer Universität Rockmusik spielten“, sagt Kumar. „Es gibt keine Rock-Szene an der Hopkins. Es gibt keine Punk-Szene…“ Also suchten sie das fehlende Bandmitglied mit einem zwar unorthodoxen, aber letztlich effektiven Ansatz: Tinder. Vallejo und Kumar richteten dort ein Profil ein und gaben an, dass sie keine Liebelei suchten, sondern lediglich einen Bassisten. Und einmal mehr hatten sie Glück: Erich Weinroth wischte in der Dating-App nach rechts. Das Quartett war komplett.

Und obwohl das vergangene Jahr kein gutes für Newcomer-Bands war, um sich warm zu spielen, sorgten Pinkshift nicht nur als einer von wenigen DIY-Acts ihres Genres, welcher ausschließlich aus People of Color besteht, sondern Mitte 2020 vor allem mit ihrem bestechend zwischen verflucht eingängigem Indie-Pop und juvenil-widerhakendem Riot-Grrrl-Punk-Rock pendelnder Song „i’m gonna tell my therapist on you“ für anständig Wirbel und Aufsehen im weltweiten Netz. „Ehrlich gesagt, wenn es die Pandemie nicht gegeben hätte, weiß ich nicht, ob sich ‚therapist‘ so durchgesetzt hätte“, gibt Kumar zu. „Es war eine ziemlich wilde Erfahrung, weil alles nur virtuell geschah. Ich erinnere mich daran, dass bei ‚therapist‘ jeder wirklich nette Dinge darüber online sagte – auf Reddit, auf Twitter, auf YouTube. Ich dachte: ‚Wow, das ist das erste Mal, dass ich tatsächlich jemanden über unsere Musik reden höre.'“ Und man muss auch kein Prophet sein um zu vermuten, dass das keineswegs das letzte Wort über Pinkshift, die aktuell an ihrer Debüt-EP arbeiten, gewesen sein wird…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Carla Geneve – „The Right Reasons“


Alle Freunde gefühligen weiblichen Indierocks à la Courtney Barnett oder Phoebe Bridgers sollten nun hellhörig werden und sich den Namen Carla Geneve fürs kommende Jahr fein säuberlich in ihrer „Artists to watch“-Liste notieren. Wieso, weshalb, warum? Nun, zur Eliminierung aller Fragezeichen höre man gern ihre neuste, ebenso wunderschöne wie zutiefst persönliche Single „The Right Reasons„, die zweite nach „Don’t Wanna Be Your Lover„, welche wiederum Anfang des Jahres veröffentlicht wurde, und einen weiteren passablen Appetithappen für ihr Debütalbum abgibt, das – nach einigen Singles sowie einer EP im März 2020 – im Jahr 2021 erscheinen soll.

Passend zur Stimmung des Songs geben sich der Gesang der im australischen Perth beheimateten Singer/Songwriterin und die Begleitband um einiges zurückhaltender als noch bei „Don’t Wanna Be Your Lover“. Mehr sogar: Gitarren- und Rhythmusbegleitung schmiegen sich sanft und sinnig an Geneves fast schon schüchternen Gesang in einem Song, mit dessen um Themen wie Beziehungen und Mental Health kreisenden Textzeilen sich wohl durchaus einige identifizieren können. Das Songwriting zeugt von beeindruckender Reife, trägt gar ein paar zart-lässige Springsteen-Vibes in sich, sodass es schwer zu glauben sein mag, dass Geneve erst 21 Jahre jung ist.

Carla Geneve schreibt über den Hintergrund des Songs: „Ich habe sehr lange gebraucht, um ‚The Right Reasons‘ zu schreiben – ich glaube, ich habe wahrscheinlich sechs oder sieben völlig verschiedene Versionen geschrieben. Obwohl so viel Kunst durch das Thema psychische Krankheiten inspiriert und auf kathartische Weise geschaffen wird, ist es immer noch eine schwierige Sache, darüber zu schreiben und sich darüber auszutauschen. Dieser Song ist ziemlich direkt. Ich wollte ein helles Licht auf einige meiner dunkelsten Erfahrungen werfen, weil es für mich Sinn macht, dass radikale Verletzlichkeit der erste Schritt zu radikaler Selbstakzeptanz sein kann. Und ohne Selbstakzeptanz ist es meiner Meinung nach sehr schwierig, tiefe und bedeutungsvolle Verbindungen zu den Menschen um einen herum aufzubauen.“

Das dazugehörige Musikvideo wurde in Geneves Haus von ihrem engen Freund Duncan Wright gefilmt. „In dem Song geht es um verletzliche und unbequeme Dinge, deshalb wollte ich mich während der ziemlich einschüchternden Erfahrung, mein Gesicht zu zeigen, sicher und zu Hause fühlen.“

„Mixing antibiotics with alcohol
When you kiss me, you say that I taste like methanol
Tell me that it’s a crying shame
Drinking through the night and sleeping in the day

It’s not me, it’s not you
Sometimes we all do the wrong thing
For the right reasons
I’ve been going through the seasons

Mixing escitalopram
With the person that I am
Didn’t wanna change myself
But sometimes it takes a little more than self-help

It’s not me, it’s not you
Sometimes we all do the wrong thing
For the right reasons
I’ve been going through the seasons

An emotional iron deficiency
I get so tired of bruising so easy
‚Cause I know it’s a crying shame
Closing the blinds on another day

It’s not me, it’s not you
Sometimes we all do the wrong thing
For the right reasons
I’ve been going through the seasons“

Rock and Roll.

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Songs des Tages: Fuel Fandango – „Salvaje“ / „Toda la vida“ (live)


Mit einem treibenden, funky Gitarrenriff fängt der Song an, bis nach wenigen Sekunden der Gesang einsetzt. Wie das Heulen eines Wolfes besingt die Stimme den Drang nach Freiheit, nach Wildnis: „Como caballos en la niebla / salvaje soy“ heißt es im Refrain, der mit treibend-pulsierenden Beats unterlegt ist – „Wie Pferde im Nebel / Bin ich wild“. Tanzbarkeit trifft auf den kathartischen Schmerz des Flamenco. Dahinter steckt das Duo Fuel Fandango – benannt nach der Flamenco-Variante Fandango und dem spanischen Ausdruck für Diesel.

Hierzulande hat man von den beiden wohlmöglich noch nie gehört, in ihrer spanischen Heimat sind Fuel Fandango jedoch eine recht große Nummer, die – freilich in Vor-Corona-Zeiten – mit schöner Regelmäßigkeit einige tausend begeisterte Zuhörer vor ihren Bühnen versammeln konnte. Das Geheimnis? Liegt wohl vor allem in ihrer musikalischen Mixtur: Flamenco trifft auf Elektro trifft auf Rock. Und so sehr man Bands gegenüber skeptisch sein darf, denen scheinbar nichts Besseres einfällt, als verschiedene Genres zu vermischen, so sehr fügen sich die Elemente bei dem Duo zu einem stimmigen Konzept zusammen.

Gegründet haben sich Fuel Fandango im Jahr 2008, nachdem Sängerin Nita Manjón, die sich bis dahin eher dem traditionellen Flamenco gewidmet hatte, in ihrer Heimatstadt Córdoba auf den kanarischen Elektro-DJ und Produzenten Alejandro „Ale“ Acosta traf, welcher sich wiederum in der Vergangenheit vornehmlich mit Dance-Music-Produktionen wie dem Mojo Project einen Namen gemacht hatte. 2011 erschien das erste, selbstbetitelte Album, zwei Jahre später der Nachfolger „Trece Lunas„.

Zunächst sang die Band nur auf Englisch (und ähnelte mit diesem rauen Die-Schöne-und-das-Biest-Gestus international erfolgreichen Zweigergespannen wie The Kills), in den Jahren darauf jedoch immer öfter in ihrer Muttersprache. Und auch hier mag man den beiden etwas Berechnung unterstellen dürfen, schließlich sind für viele Bands in Spanien Texte in der eigenen Sprache häufig die Grundlage für kommerziellen Erfolg. Mit gleich zwei Weltmärkten im Visier bauten Fuel Fandango die Zweisprachigkeit noch weiter aus: auf der Ende 2016 erschienen Single „Toda la vida“ singt Nita einfach abwechselnd Spanisch und Englisch.

Dass die Band auch den Bezug zum traditionellen, vor allem von Frontfrau Nita so geliebten Flamenco keineswegs verloren hat, zeigten zwei Kooperationen auf dem folgenden Album „Aurora„. So nahm das Duo jeweils einen Song mit Estrella Morente und El Niño de Elche, beide feste Größen des Genres, auf. Und auch die Produktion hatte durchaus internationales Pop-Niveau, denn diese übernahm Steve Dub, der unter anderem schon mit den Chemical Brothers, Primal Scream oder New Order zusammengearbeitet hatte und den Songs den treibenden, elektronischen Einschlag gab. Da der Erfolg ihnen recht gab, schlägt auch das in diesem Jahr erschiene aktuelle Album „Origen“ stilistisch in eine ganz ähnliche Kerbe.

Dennoch wissen Fuel Fandango vor allem auf Konzertbühnen zu überzeugen, füllen in Spanien und anderen Ländern bereits große Hallen mit ihrer elektrisierenden, vor Energie und Spontaneität sprühenden Live-Performance. „Die Konzerte haben für uns Vorrang“, wie Sängerin Nita, deren Bühnenoutfits auch optisch einiges her machen, vor einigen Jahren mal in einem Interview mit dem Musikblog „Libertad Sonora“ sagte: „Sie sind das, was uns erfüllt, vor allem die Energie, die sich auf der Bühne entfaltet.“ Sieht man, hört man – und ist auch ohne großartige spanische Sprachkenntnisse geil.

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Linhay – „On How To Disappear“


Totgesagte und Abgeschriebene leben länger – die allseits bekannte Redewendung passt auch zum meist recht verächtlich als „Emo“ etikettierten Musikstil wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Mitte der Neunziger präsentierte sich dieses Genre mit prägenden Bands wie Mineral, The Promise Ring, Sunny Day Real Estate, Capt’n Jazz, American Football, Jimmy Eat World oder den Get Up Kids in vollster Blüte. Im neuen Jahrtausend jedoch wurde es Jahr um Jahr stiller im Emo-Lager. Zwar gab es hier und da, ab und zu noch ein paar Releases der (nicht selten würdevoll graumelierten) stilprägenden Größen, doch frische und neue Impulse blieben größtenteils aus und wurden fortan vielmehr in artverwandten Stilrichtungen wie dem Post-Hardcore gesetzt, während Emo-Epigonen wie My Chemical Romance, Panic! At The Disco oder Fall Out Boy die „Indie-Werte“ mal (ungewollt) persiflierten, mal stadionrockend ins Format-Pop-Radio und die größeren Anonym-Hallen führten. Er ruhe in Frieden, der Emo… Bis jetzt, denn man dürfte meinen, dass das Genre momentan ein kleinwenig in neuem Glanz erstrahlt. Mit Elm Tree CircleRemo Drive oder Memoriez haben junge Bands ebenso hierzulande wie jenseits des Atlantiks in jüngerer Zeit neue Alben auf den Markt geschmissen, welche der Szene tatsächlich eine wohltuende Frischzellenkur einimpfen konnten. Und dieser Riege aufregender Newcomer-Truppen lassen sich definitiv auch Linhay zuordnen.

Obwohl: Newcomer? Tatsächlich kommt das vielwebs noch immer als Geheimtipp gehandelte Quartett aus Kiel und besteht bereits seit Ende 2016 – wüsste man’s nicht besser, man könnte beim Hören ihrer Songs denken, man wäre unangekündigt in die Neunziger und in den Mittleren Westen der US of A zurück katapultiert worden. Außerdem dürfte der norddeutschen Band eine gewisse Aufmerksamkeit der Szene durch die Tatsache vergönnt sein, dass sich in ihren Reihen mit Bassist Gunnar Vosgröne ein Ex-Bandmitglied der zwar bereits seit 2011 aufgelösten, aber auch heute noch fast kultisch verehrten Kieler Hardcore-Punker Escapado wiederfindet (darüber hinaus unterstützte Vosgröne Tomte einige Zeit als Live-Cellist). So sorgten Linhay in den letzten Jahren mit der Demo „You & I“ (2017), einer passend „&“ betitelten Split-EP mit den Kumpels von East (2019) sowie einer Soli-Single für „SeaWatch“ für nicht wenige aufgestellte Ohren.

Auf dem im September veröffentlichtem Langspieldebüt „On How To Disappear“ reichert das Vierergespann um Sänger und Gitarrist Jörn Borowski den klassischen Gitarrensound des Midwest-Emo mit shoegazigen Flächen und Post-Rock-Meditationen an und schafft so eine kohärente, jedoch keinesfalls eintönige Soundkulisse, die sich zwar klar an ihren US-Vorbildern orientiert, sie aber nicht schnöde imitiert, sondern eine eigene authentische Handschrift trägt. Der Raumklang, die verspielten Gitarren und der sphärisch hallende Gesang mit seinen akzentuierten Höhen greifen nahtlos ineinander.

Pure Phrasenmäherei? Keineswegs, denn die elf Stücke kommen mit einer durchaus an Bands wie The Hotelier oder Foxing heranreichenden Detailverliebtheit daher, während die fantastische Produktion von Martin Trompf auch kleinste Feinheiten in den Vordergrund kehrt und dem Album eine breite Klangwelt verleiht, die wunderbar mit der ästhetischen und lyrisch-eskapatischen Atmosphäre harmoniert. Straight funkelnde Emo-Gitarren und treibende Drums wie in „The Distance Between Two Moons“ lösen sich in verspielte Melodien auf, komplexe Songstrukturen wie in „In Sunshine And In Shadows“ brechen nach hinten heraus in einen wunderschönen Breakdown-Chorus aus, während die Band mit „Interlude / A Slightly Disorientated Butterfly“ noch ein mit growlender Bissigkeit überzeugendes derbes Monster in der Hinterhand hat. Wer einen Anspieltipp haben mag: „Water„, die erste Single des Albums, macht es Szene-Freunden mit minimal angezerrten Picking-Gitarren, rhythmischen Mustern und Borowskis sanftem Gesang recht einfach, sich schnell in den Linhay’schen Output zu verlieben.

Ein Schäufelchen Metaebene gefällig? Gern doch! Durch die gesamte Platte ziehen sich emotionale und ästhetische Naturreferenzen: das Wasser, der Mond, Bienen und Vögel werden Eckpunkte für die emotionale Welt von „On How To Disappear“. So liegt die wohl größte Stärke des Albums in dieser Gegenüberstellung von existenziellen Fragen und nahbarer, greifbarer Symbolik. Jede Beobachtung über den eigenen emotionalen Zustand verpacken Linhay in eine lyrische Entsprechung der Natur und erinnern dabei unweigerlich an das 2000er The Appleseed Cast-Genre-Meisterstück „Mare Vitalis„.

Alles in allem ist „On How To Disappear“ ein feines Debütwerk, dass sich mit all seinen Versatzstücken aus Post- bis Indie-Rock (und einer Messerspitze Post-Hardcore) ohne Frage im Midwest-Emo-Kanon einreihen könnte, ohne dass seine zeitliche wie geographische Distanz zum Genre groß auffallen würde. Die fast schon unverkennbar norddeutschen Einflüsse in den vor Fragezeichen nur so überquellenden Texten und der melancholischen Ästhetik sind es jedoch, die das Album als potentielles kleines Gesamtkunstwerk exponieren, das das Schöne mit dem Zweifel vereint.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Sløtface – „Telepathetic“


Foto: Promo / Jonathan Vivaas Kise

Junge Menschen treibt heutzutage vieles umher – der Klima-Wandel oder zunehmende Rechtsruck-Tendenzen etwa. Hinzu kommen das Zurechtfinden in einer sich immer schneller wandelnden Welt und scheinbar erwachsenen Lebenssituationen, zerbröselnde Liebesbeziehungen sowie die Planung der eigenen Zukunft. „Sorry For The Late Reply“, das bereits im Januar erschienene zweite Studioalbum der Indie-Punker Sløtface, schnappt sich für seinen Titel nicht nur eine Alltagsphrase, die den Zeitgeist junger Erwachsener griffiger kaum fassen könnte, sondern reißt in gleichem Zug eben jene Themenbereiche an, die diese Gesellschaftsgruppe scheinbar in den Wahnsinn zu treiben scheinen. All das packt die Band aus der norwegischen Küsten-Stadt Stavanger in eingängigen Indie-Punk-Rock, der sich an so einigen Stellen herrlich befreiend anfühlt und wohlmöglich auch bei „älteren Semestern“ den Wunsch hervorruft, tanzen zu wollen. Kurzum: Das nahezu perfekte Gitarrenalbum für die „Generation Y„.

Der Sound, den das Quartett um Sängerin Haley Shea auf dem Nachfolger zum 2017er Werk “Try Not To Freak Out” auffährt, ist dabei ebenso vielschichtig wie zumeist dezent poppig. Das mag zu großen Anteilen an Odd Martin Skålnes liegen, der etwa bereits an Sigrids Hit-Single „Don’t Kill My Vibe“ werkelte und der Band als Produzent zur Seite stand. Gleich das Eröffnungs-Dreiergespann aus „S.U.C.C.E.S.S.“, „Telepathetic“ und „Stuff“ setzt auf drei so schmissige Refrains, dass es fast schon frech erscheint, wie sehr sich die Songs bereits nach wenigen Durchgängen in den eigenen Kopf fressen. Die auf Hit getrimmte Ausarbeitung der Aufnahmen kommt gerade in den Strophen von „Stuff“ zur Geltung: Der Beat klingt nahezu programmiert, der Bass übernimmt in leicht angespactem Sound das Ruder und die Gitarre steuert zumeist lediglich kleine Blues-Licks bei. Solche Spielereien sind so banal, dass sie erst im Zusammenwirken mit den anderen drei Instrumenten ihre volle Durchschlagkraft entfalten.

Trotz aller Eingängigkeit sind die Songs im Kern und Herzen jedoch immer Punk. Das spiegelt sich freilich vor allem in den flotteren Stücken wider. So wird „Crying In Amsterdam“, bei dem flottes Tempo auf Lo-Fi-Produktion und Fuzz-Gitarren trifft, von einem elektrifizierenden „Yeah“-Ausruf eingeleitet und zieht das Tempo mit seiner knarzenden Bass-Line und flottem Beat alsbald entsprechend an. Der niedliche Garage-Rocker „Tap The Pack“ treibt wenige Minuten zuvor mit angecrunchten, in den richtigen Momenten aber knarzenden Gitarren befreiend nach vorn. Auch fein: „Nancy Drew“ mit seinem Death From Above-Bass. Dabei versieht die Band ihre Songs stets immer mit einem Fünkchen Pop à la Ash, The Wannadies oder Green Day.

Auch die Texte von Sløtface (die in ihren Anfangstagen als „Slutface“ umher tingelten) verankern sich tief im Punk Sub-Genre, sind zwar selten direkt politisch, dafür stets politisiert. So zieht Frontfrau Haley Shea mal über soziale Ungerechtigkeiten und den Leistungsdruck westlicher Gesellschaften her („S.U.C.C.E.S.S.“), seziert später die monotone Natur der Routine („Telepathetic“) und behandelt schlussendlich auch den mensch-gemachten Wandel unserer Umwelt („Sink Or Swim“). Gerade letztgenannter Song könnte mit Zeilen wie „It’s not politics, it’s sink or swim“ oder „It’s too warm for October“ sowie seinem eingängigen Sound fast schon zur kommenden Hymne der juvenilen „Fridays For Future“-Bewegung mutieren.

Die zurückgenommene Indie-Ballade „New Year, New Me“ wiederum wendet sich mehr dem „Ich“ als Objekt zu und reflektiert jene Neujahrsvorsätze, die eh nie-nie-niemals eingehalten werden. In Sheas Worten heißt das dann: „‘New year, new me‘ is the greatest lie I always tell myself.“ Ertappt? „Laugh At Funerals“ dahingegen nähert sich einer anderen unangenehmen Situation, nämlich dem Zusammentreffen von Verwandten und Freunden, wenn Familienmitglieder versterben. Passend zu seiner emotional aufgeladenen Thematik entlässt der Song gen Ende seine Spannung in einem instrumentalen Ausbruch. Im Anschluss nimmt „Static“ einen jedoch schon wieder bei der Patschehand und schleppt einen mitsamt unverschämt tighter Bass-Linie auf die Indie-Tanzfläche (so diese denn nach Ende des Corona-Lockdowns wieder freigegeben wird).

All diese Erlebnisse machen viele junge Menschen im Laufe des Erwachsenwerdens durch. Mehr noch: Diese Sorgen – die Angst vor den Folgen der Klima-Katastrophe, dem gesellschaftlichen Druck, einem gewissen Standard entsprechen zu wollen – scheinen mittlerweile ein fester Teil des Heranwachsens geworden zu sein. Sløtface bieten auf ihrem Zweitling gerade jenen Gedanken eine Plattform. Und wo andere nur hohle, stylish gereimte Phrasen singdreschen, lässt das Quartett auf kritische Worte auch Taten folgen, beteiligte sich in ihrer Heimat an Aktionen zum Weltfrauentag und spielte etwa für das Musikvideo zu ihrem Song „Sponge State“ (von der gleichnamigen 2016er EP) illegal auf einem Berg in Førde, wo sich zeitgleich eine Aktivistengruppe an Maschinen eines großen Bergbaukonzerns kettete, der Abfälle in den Fjord kippt. Bei solch einer Nähe zum alltäglichen Leben überrascht es keineswegs, dass die Band in der Vergangenheit für ihr Debüt und ihren unverschämt eingängigen Glitter-Punkrock nicht nur das Grammy-Äquivalent ihres Heimatlandes, den „Spellemann„, in Empfang nehmen durfte, sondern sogar bereits in der erfolgreichen Coming Of Age-Netflix-Serie „Sex Education“ Erwähnung fand. Denn – ja – gerade solche Themen treiben Millennials nämlich umher…

(Wem übrigens die etwas ruhigere Seite von Sløtface mehr zusagt, dem sei das unlängst in tourneefreier Quarantäne entstandene und im Oktober veröffentlichte Quasi-Akustikalbum „the slumber tapes“ wärmstens empfohlen…)

Rock and Roll.

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