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Auf dem Radar: Dead Modern


Anfang diesen Monats vermeldete der ansonsten recht verschlafene Twitter-Feed der – nicht nur hier – innig geliebten und daher seit einigen Jahren umso schmerzlicher vermissten schottischen Band There Will Be Fireworks tatsächlich ein paar Neuigkeiten, was bei all jenen, die befürchtet hatten, mit dem 2013er Album „The Dark, Dark Bright“ die letzten neuen Töne der fünfköpfigen Post-Rock-Band aus Glasgow gehört zu haben, durchaus für erhöhte Pulsfrequenzen gesorgt haben dürfte. Die Nachricht bestätigte, dass Album Nummer drei aktuell (noch immer) in der Mache sei, wenngleich es noch einige Zeit dauern könne, bis selbiges in die Welt entlassen werde (schließlich gehen alle Teile der Band noch immer „normalen“ Brotjobs nach). Als kleines „Trostpflaster“ verschenken There Will Be Fireworks nun eine alternative Version des „The Dark, Dark Bright“-Songs „Ash Wednesday“… Immerhin? Immerhin. Und was vielleicht noch interessanter ist: es werden in jenen Neuigkeiten nicht nur ein, sondern gleich zwei Nebenprojekte erwähnt, an denen Teile der Band beteiligt sind…

Das erste davon ist Dead Modern – bestehend aus vier Musikern, welche man bislang bei There Will Be Fireworks, The Youth & Young, Seeing Other People oder New Year Memorial gehört haben könnte (vor allem letztere seien übrigens allen, die interessiert, wie TWBF-Stimme Nicholas McManus denn im Neunziger-Emo-Rock-Ourfit klingen würde, wärmstens empfohlen). Die gerade einmal drei Songs der nun erschienenen Debüt-EP, „Still Cool„, tönen wie ein langsamer, nachttrunkener Spätherbsttanz durch ein Dickicht aus Synthesizern, bei welchem man sich immer wieder durch hochprozentige Schlücke aus dem Flachmann wärmt. Sie sind die Musik gewordene Bettdecke am Ende einer Nacht, durch welche man tanzt, bis die alltagsträgen Beine schlapp machen. Sie sind die Tränen, die man ob all der verpassten Chancen und als Tribut an das Glück, noch immer am Leben zu sein, vergießt. Sie sind die Entscheidung, den letzten Bus fahren zu lassen, um mit dieser Musik im Ohr den Heimweg anzutreten. Oder, wie’s die Band selbst umschreibt: „Nostalgic synth miserablism from the Central Belt of Scotland. Overly-long songs.“ Schottisches Understatement halt.

Die Eröffnungsnummer „True North“ kommt da gleich wie die schottische Antwort auf den elektronisch unterfütterten, oft genug traurig tänzelnden White-Boy-Indie-Pop von LCD Soundsystem oder Phoenix daher und verleiht – natürlich auf recht eigene Weise – einer Talking-Heads’schen Basslinie einen Hauch von Future Islands. Zudem kann man gleich hier feststellen, dass Nicholas McManus nichts, aber auch gar nichts von jener emotionalen Emphase verloren hat, die den zweieinhalb Alben von There Will Be Fireworks eine Sonderstellung zuteil werden ließ, einfach weil all das, was McManus da mit breitem Glaswegian Akzent vorträgt, einen direkt ins Herz traf – und noch immer trifft. Diese Wehklage über verpasste Gelegenheiten, die Suche nach dem einen Ort, an dem verloren geglaubte Träume vielleicht noch gerettet werden können, und die Hatz nach Zufriedenheit inmitten der Sehnsucht, die all dies hervorruft – alles in diesen drei Stücken scheint darauf ausgelegt, einmal mehr das Herz zu berühren.

Und wenn man so mag, findet man hier den urbanen Kontrast zur eher in der Natur angesiedelten Musik von There Will Be Fireworks, denn Glasgow ist auf der EP allgegenwärtig – die aus Backstein, Asphalt und Dreck erbaute Schönheit und barsch-direkte Brutalität der 633.000-Einwohner-Stadt ist in jeden Beat der vornehmlich programmierten Drums, in jeden Anschlag der E-Gitarren gemeißelt. Sie bietet einen Berührungspunkt für all jene, die die Stadt kennen oder gekannt haben, wirft jedoch auch genug Gedankenbilder für alle, die der größten schottischen Stadt noch keinen Besuch abgestattet haben, vors innere Auge. Und obwohl sich alle drei EP-Songs um die Sechs-Minuten-Marke herum einpendeln, lassen die mit viel Liebe zum unperfekten Detail gestalteten Krautrock-Anleihen und und die hallenden Dance-Synthies den Wunsch aufkommen, endlos in ihnen zu schwelgen. For fuck’s sake.

Keine Frage: Mit dieser EP hätten es Dead Modern verdient, sich als eigenständige Band – und nicht „nur“ als Nebenprodukt – zu etablieren (und dürfen gern noch ein vollwertiges Album folgen lassen). „Still Cool“ ist eine in Nostalgie und günstig erstandenen Fusel getränkte Ode an die langsam gen Nebenschwaden ziehenden Tage der Jugend, ein in herrlich buntem Alltagsgrau geschriebener Liebesbrief an Glasgow und eine Feier der Erkenntnis, dass Musik uns, selbst wenn alles andere längst die Segel gestrichen haben sollte, nienimmernicht verlässt. Umso schöner, wenn sie so klingt wie hier…

„Dead Modern is a band born of that quintessential modern condition: nostalgia. 

Nostalgia for youth. Nostalgia for the music of 1979 or 1989. Nostalgia for the club nights and basement gigs of 2009. Nostalgia for the long-shuttered venues of The Arches and Studio24. Nostalgia for old dreams and old friends. 

Formed from the Scottish indie rock and electronic music underground – with members from There Will Be Fireworks, The Youth and Young and New Year Memorial among others – Dead Modern recorded Still Cool with producer/engineer Andy Miller (Mogwai, Life Without Buildings, Songs: Ohia) at Gargleblast Studio in Hamilton, Scotland in 2019 and 2020. 

Still Cool is a meditation on the past and how it forms us – what was lost, what was won and just how the hell did we get here? And how do we get back? Universal themes placed in the very specific context of a long-ago youth misspent in Glasgow’s indie clubs. 

We remember how it felt, and we still feel it. 

If you like analogue synths… 

If you ever lost your friends at Death Disco… 

If you ever sweated your bodyweight at a downstairs gig in the Captain’s Rest… 

This is for you.“

Rock and Roll.

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Song des Tages: Carolina Lee – „Blossoms“


Carolina Lee spielen psychedelischen Dream Folk – so weit, so unaufgeregt. Apropos: Mit der klassischen Formation von Gitarre, Orgel, Bass, Schlagzeug und Gesang schafft es die Berliner Band, überraschend unaufgeregte Songs zu arrangieren, die sich ganz auf die eigene Poesie verlassen und durchaus zeitlosen Charakter besitzen. Langsame, leise Musik, deren Melancholie etwas Perfektionistisches innewohnt und dessen psychedelische Elemente einen experimentellen Anspruch geltend machen. Ja, auch so kann die Großstadt klingen.

Zwischen Emotionalität und Humor entsteht dabei eine Spannung, die bald an das dunkle Timbre von Karen Dalton, bald an die verträumte Schlichtheit von Mazzy Star oder die weltferne Entrücktheit eines Syd Barrett erinnert. Dass einem angesichts des rührenden Sprechgesangs von Frontfrau Nadja Carolina auch Nico und The Velvet Underground in den Sinn kommen, liegt wohl in der Natur dieser Art von Musik.

Als erste Single erschien unlängst das Stück „Blossoms„, Nadja Carolina dazu: „Vor vielen Jahren habe ich Gewalt erlebt. Sie hat mich nicht getroffen – jedenfalls nicht direkt. In solchen Momenten passiert etwas. Wenn man sich selber sieht von außen, wie in einem Film, ist das sehr seltsam. Es hat mich lange verfolgt. Aber die andere Seite davon ist die unglaubliche Leichtigkeit, die man spürt, wenn man merkt, dass man wegfliegen kann. Dieses Gefühl versuche ich zu bewahren, in den Momenten, in denen anfange, mich wieder zu spüren. Wenn ich zum Beispiel plötzlich sehe, dass der Kirschbaum blüht und die Welt sich weiterdreht vor meinem Fenster.“

Nach zahlreichen Konzerten in Berlin und Umgebung seit 2019 hat die Band einen Fundus an Kompositionen entwickelt und erprobt, die nur darauf warten ein größeres Publikum zu erreichen. Einige jener Kompositionen haben es auch auf das am 15. Dezember erscheinende Debütalbum „Haunted Houses“ geschafft, welches die vierköpfige Band, die durch Simon Grote (Gitarre, Orgel, Gesang), Jule Schröder (Bass, Gesang) und Lutz Oliver (Schlagzeug, Gitarre) komplettiert wird, in den vergangenen zwei Jahren gemeinsam mit dem Musiker und Toningenieur Max Braun (BRTHR, Karwendel) im Stuttgarter Studio Areal 51 aufgenommen hat. Begleitet und dokumentiert wurden die Aufnahmen vom Dokumentarfilmregisseur Kai Ehlers, um das Publikum am Entstehungsprozess teilhaben zu lassen.

Außerdem ließen Carolina Lee mit „Little Lines“ kürzlich bereits ein weiteres Stück hören. Im November soll eine Crowdfunding-Kampagne lanciert werden und mit „Mirror Mirror“ der Fokustrack des Albums folgen, welcher auf fünf atemlosen Minuten die mystisch-träumerische Energie verkörpert, die diesem Album im wahrsten Sinne des Wortes eingehaucht wurde. Ein Album, für das es sich selbst in der urbanen Alltagshektik lohnt, innezuhalten. Nach Ablauf der acht Stücke blickt man verwundert zurück; wie ein Kind, das beim Beobachten der Ameisen unter dem Birnenbaum die Zeit vergisst…

Rock and Roll.

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Song des Tages: Danielle Durack – „Broken Wings“


Wer’s pauschal angeht, der wird bei Danielle Duracks drittem, im Januar erschienenen Langspieler „No Place“ schnell den ein oder anderen Vergleich zu den Werken der Mitglieder von boygenius ziehen können. Fair enough, denn wie Julien Baker, Phoebe Bridgers und Lucy Dacus auch beschäftigen sich Duracks Songs in bester Singer/Songwriter-Manier nicht selten mit dem liebsten Thema aller Troubadoure und Trobairitzen: dem Herzschmerz. Obendrein bezeichnet sie boygenius sogar selbst als einen ihrer prägenden Einflüsse. Wer jedoch etwas tiefer gräbt, der wird feststellen, dass die zehn Stücke von „No Place“ genug besitzen, um frei von jeglichem Fangirltum zu überzeugen.

Obwohl… zehn Stücke? So richtig startet der Nachfolger zum 2019 veröffentlichten „Bashful“ erst mit Song Nummer zwei, schließlich stellt der Akustikgitarren-Minimalismus „Mistakes“ vielmehr so etwas wie ein Vorspiel für das folgende „By Now“ dar, bei dem sich Duracks Stimme ähnlich sanft zur Akustischen wiegt. Ein wenig Schwermut macht sich breit, bevor nach eineinhalb Minuten das Schlagzeug des sonst bei Pedro The Lion trommelnden Sean Lane einsetzt und dem Song eine gewisse Struktur verleiht. Mit etwas Rhythmus im Schlepptau baut das Stück eine leicht süßliche Folk-Rock-Bridge auf, bevor es plötzlich wieder abebbt. Ein minimalistischer Popsong wie dieser hätte in einer Zeit vor all dem Autotune’schen Flachsinn wohlmöglich prima im Nachmittagsprogramm eines gut kuratierten Radiosenders funktioniert.

Überhaupt: Radio, Geschmäcker, Allgemeingültigkeit. Im Grunde geben sich auf „No Place“ wehmütige Herzeleid-Balladen und sanfte Popsongs die tönende Klinke in die Hand – in ihren besten Momenten kombiniert Durack sogar beides. Das auf „By Now“ folgende „Broken Wings“ ist ein recht gutes Beispiel hierfür, immerhin zeigt der Song in seinen knapp vier Minuten Duracks ganze Bandbreite auf. Beginnt die erste Strophe nur mit einer Gitarre und ihrer Stimme, stößt in der zweiten Strophe der Rest der Banking-Band hinzu, bevor sich das Stück im Refrain als beinahe geradliniger Rocksong entpuppt, bei welchem Danielle Durack eine der beeindruckendsten Gesangsleistungen des Albums abliefert. Klarer Anspieltipp. Der einzige Song der Platte, der da an die Intensität von „Broken Wings“ heranreicht, ist „Don’t Know If I’ll Stick Around“. Hier kommt, anhand einer einprägsamen Hook und einer Drum-Machine, die den Song antreibt, Duracks Pop-Sensibilität zum Vorschein. Am anderen Ende des Spektrums stehen aufs Piano fokussierte Songs wie „Billy“ und „There Goes My Heart“, bei denen das hier an Künstlerinnen wie Sara Bareilles erinnernde Songwriting der 26-jährigen Musikerin aus Phoenix, Arizona und ihr herzzerreißender Vortrag im Vordergrund stehen.

Und so zurückhaltend vor allem „There Goes My Heart“ mit seiner spärlichen Instrumentierung durch die weißen und schwarzen Tasten auch sein mag, es rückt Duracks Texte in den Vordergrund. Zeilen wie „You’re calling me crying to tell me you’re sorry / To tug on my heartstrings and call me your darling / And that’s what I wanted but not what I asked for“ stehen so ehrlich und unverblümt im Raum wie die Musik dahinter. Klares Ding: „No Place“ ist, wie Textzeilen wie diese bereits vermuten lassen, eine Trennungsplatte. So weit, so banal? Nun, Duracks Texte langen zum Glück recht selten in typische Trennungs-Tropen oder Standard-Herzschmerz-Kost-Schubladen, was vor allem an ihrem Selbstbewusstsein und ihrem Sinn fürs Humorige liegen mag. Während „There Goes My Heart“ ihre geradlinige, zu Herzen gehende Lyrik zeigt, vermitteln andere Songs einen anderen Eindruck von Durack als Songschreiberin. „Now That I’m Alone“ etwa offenbart das Eingeständnis, dass sie ihren Hund vermisse – eine leicht augenzwinkernde, jedoch völlig nachvollziehbare Erinnerung an den Umfang mit all dem, was so oft am Ende einer Beziehung verloren geht. Und auch wenn Zeilen wie “You’re a special kind of tragic / So naturally I’m attracted to you” oder „Don’t take this the wrong way / But some days you’re just dead weight“ im ersten Moment wie Seitenhiebe auf den Ex-Geliebten wirken mögen, so zielt Durack am Ende doch vielmehr auf sich selbst ab. Verwählt, kein Anschluss in dieser Beziehung. Beim letzten Stück des Albums, „Eggshells„, scheint es, als ob sie den Weg hinaus aus dem herzwunden Jammertal gefunden habe – auch wenn das pochende Etwas in ihre Brust in manchem Moment noch immer wehtun mag und Fragen offen bleiben. Am Ende kann man ja selbst aus dem Scheitern einer Liebe wichtige Lehren ziehen, bevor man mit erhobenem Haupt – und etwas härter und bewusster als zuvor vielleicht – wieder in die Welt hinaus tritt. In diesem Sinne: Nur nie die Hoffnung verlieren.

Und Durack? Die wird auch mit diesem Album natürlich nicht „die nächste Julien Baker, Phoebe Bridgers oder Lucy Dacus“ – weder, was das Musikalische angeht, und schon gar nicht, was deren Erfolge betrifft. „Die erste Danielle Durack“ reicht wohlmöglich auch. Und mit „No Place“ liefert sie eine weitere gelungene Bewerbung dafür ab, eines Tages genauso einflussreich zu sein wie die drei Damen von boygenius.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Samia – The Baby (2020)

-erschienen bei Grand Jury/Membran-

Erwachsenwerden ist meist eine recht heikle Angelegenheit. Und freilich machen die Irrungen und Wirrungen der Adoleszenz auch vor zwischen Los Angeles und New York aufgewachsenen Töchtern von Hollywood-Schauspieler*innen keinen Halt. Gut, Samia Finnerty wird es, dank Vater Dan und Mutter Kathy Najimy finanziell abgesichert und mit einem angeborenen Fuß in der Unterhaltungsbranche (zumal ihr Vater als Schauspieler, Comedian und Musiker gleich mehrere kreative Standbeine besitzt), wohl durchaus etwas einfacher gehabt haben als viele ihrer Altersgenossinnen. Dennoch plagt auch sie sich mit klassen- und herkunftsübergreifenden Universalien herum: mit Selbstzweifeln, angeknacksten Herzen und nicht zuletzt einer gesellschaftlich immer noch präsenten Misogynie. All die Dinge eben, vor denen man sich in manch banger Minute so hilflos und verletzlich vorkommt, als wäre man auch mit Anfang Zwanzig noch „The Baby„. Davon singt Samia auf ihrem passend betitelten, bereits im vergangenen Jahr erschienenen Debütalbum, aber sie jammert nicht. Das wird schon musikalisch deutlich, wenn sie ihre folkigen Singer/Songwriter-Gerüste mit dem ein oder anderen großen Pop-Hook sowie einer warmen Spätsommerstimmung ausstattet. Die Produktion der elf Songs gönnt sich trotz aller Subtilität flexible Texturen und auch die Stimme der mittlerweile 24-Jährigen sprüht voller Leben ­– sie bebt vor den in alle Richtungen schießenden Emotionen, wechselt beständig den Tonfall, flüstert zurückhaltend, schreit theatralisch. Großes Kino, das ihr wohl die guten Gene in die Wiege gelegt haben.

Fotos: Promo / Muriel Margaret

Im Kontrast zu seiner akustischen Vitalität wird „The Baby“ thematisch jedoch von Gevatter Tod umrahmt. So beginnt „Pool“ mit der letzten Sprachnachricht, die Samia von ihrer verstorbenen Großmutter erhielt, ehe die Enkelin selbst vor ihren Bindungsängsten zu kollabieren droht: „Are my legs going to last? / Is it too much to ask?“. Stilistisch ist dieser mysteriöse Ambient-Strudel zwar keineswegs repräsentativ für den Rest der Platte, wohl aber in seiner rohen Intimität, die das Hörerlebnis fast schon voyeuristisch geraten lässt. Und als würde sie hier mitlesen, entblättert sich die Protagonistin im selbstbewussten Indie Pop von „Fit N Full“ wörtlich – auch wenn sich ihr Striptease im Restaurant eher als surreale Kritik am vor allem in der Scheinheiligkeit der „Traumfabrik“ vorherrschenden Fitnesswahn deuten lässt. Etwas unaufgeregter, jedoch kaum weniger catchy groovt das tolle, mit einer Ethereal-Wave-Patina und nonchalanter Unaufgeregtheit ausgestattete „Big Wheel“ um rissige Beziehungen – und beweist dabei auch Samias Sinn für Selbstironie: „God, I’m really gonna blow with all this empathetic shit“. Noch mehr empathischen Scheiß gibt es im unsicheren „Triptych“ und im sexuell expliziten „Limbo Bitch“, das lauwarm trällernde Pop-Stimmchen wie Ariana Grande wohl nur allzu gern auf dem Studiopult liegen gehabt hätten. Und wo wir gerade bei Referenzen sind: Als Ganzes ist „The Baby“ mit einem vergleichbaren Maß an Indie-Pop-Kredibilität ausgestattet wie der 2019er Debütlangspieler der unter ähnlich begünstigten Umständen aufgewachsenen Billie Eilish. Geeint wird Samias kurzweiliger 36-minütiger Ausflug in so unterschiedliche Winkel des jungen Erwachsenenlebens von ihrer stets sympathisch ungefilterten Offenheit, den eingängigen Melodien sowie kleinen Reizpunkten in Form von Synthies oder Bläsern.

Und: „The Baby“ funktioniert auch in seinen getragensten Momenten. Mit sanften Gitarrenanschlägen und einem beständigen Rhythmus bohrt sich etwa „Stellate“ immer tiefer in eine inspiriert bebilderte, gescheiterte Liebe. Das folkig zu subtilen Bläsern gezupfte, fragil-schöne „Does Not Heal“ doppelt metaphorische mit tatsächlichen Wunden, lässt die aufgeschnittene, gelb-violett zusammenwachsende Haut fast plastisch erscheinen. Kurz vor Schluss gönnt sich das Album zwei musikalische Ausreißer – den pluckernden Synthie-Minimalismus von „Winnebago“ und den souligen Piano-Stampfer „Minnesota“ –, ehe im krönenden Americana-Anschluss schließlich alle juvenilen Dämme brechen: Nur von einer Akustischen begleitet erzählt das flehende „Is There Something In The Movies?“ von der 2009 tragisch verstorbenen Schauspielerin Brittany Murphy, einer Freundin der Familie Finnerty, die der kleinen Samia einst ein Stofftier schenkte. „Everyone dies but they shouldn’t die young“, brüllt die Trauernde voller Inbrunst und bringt mit diesem Tribut und Abgesang an die kindliche Unschuld jeden noch so verdorrten Tränenkanal zum Platzen. Manchmal werden die Babies eben auch in den besten Häusern schneller groß, als man es ihnen zutraut.

Selbst in seinen leersten Metern überzeugt „The Baby“ mindestens mit (s)einer kecken Liebenswürdigkeit, deren Beiläufigkeit immer auch etwas Gefällig-schmissiges, wenngleich – soviel Kritik sei erlaubt – kaum wirklich Nachhaltiges transportiert – alles am Ende jedoch Kinderkrankheiten, die auch ohne den entsprechenden Albumtitel keine Probleme darstellen würden, einfach weil das Album lyrisch grundsätzlich universelle Themen behandelt – ein Film wie „Clueless“ (um noch einmal eine verbindende Brücke zu Brittany Murphy zu schlagen) funktionierte Mitte der Neunziger ja schließlich auch durch alle Klassen des Publikums. Samias Coming-of-Age-Talentprobe hat seinerseits genug Qualitäten um noch zu wachsen, genug Charisma, um über zwei Sommer hinaus zu betören und genug Potential, um zukünftig kein Wort mehr über die familiären Background der Urheberin zu verlieren.

(Übrigens hat Samia in der Zwischenzeit veröffentlichungstechnisch bereits mehrfach nachgelegt: So erschien im Juli diesen Jahres die „Scout EP„, deren vier neue Songs sich qualitativ keineswegs hinter denen von „The Baby“ verstecken brauchen. Für Dezember ist mit „Before The Baby“ eine Sammlung von Singles, welche vor dem Langspieldebüt erschienen, abgekündigt, welche man via Bandcamp bereits hören kann. Und dass die Newcomerin bereits so einige Fans unter US-Indie-Musikern hat, beweist das im Januar veröffentlichte „The Baby Reimagined„, auf dem Künstler wie Bartees Strange, Christian Lee Hudson oder Charlie Hickey die Songs des Albums auf ihre Weise neu interpretieren.)

Rock and Roll.

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Song des Tages: Musa Dagh – „Halo“


Foto: Christoph Eisenwenger

Bereits im vergangenen Sommer pfiffen ein paar gut informierte Musikus-Spatzen von den Dächern von Berlin-Lichtenberg, dass da im Heimstudio von Beatsteaks-Schlagzeuger Thomas Götz gerade eine neue „Supergroup“ entstehen würde, welche nun auf den Namen Musa Dagh hört. Geschichtsgeflissenen Köpfen (oder eben allen, die Wikipedia zu benutzen wissen) dürfte zudem bekannt sein, dass sich die „Supergroup“ nach einem Berg im Nurgebirge im Süden der Türkei benannt hat, welcher 1915 während des Völkermords an den Armeniern mehr als 4.000 wiederständischen Bewohnern der umliegenden Dörfer als Zufluchtsort diente. Ausgestattet mit diesem Hinweis lässt sich zudem auf die weiteren Bandmitglieder schließen: Zum einen Ex-Harmful-Frontmann Aren Emirze, der armenische Wurzeln besitzt (und diesen etwa bei seinem Solo-Projekt Emirsian deutlich hörbar nachspürte), zum anderen Ex-Blackmail-Stimme Aydo Abay. Der ohnehin für so ziemlich jedes kreative Band-Projekt offene Musiker mit der unverwechselbaren Stimme dürfte auch das Bindeglied von Musa Dagh darstellen, schließlich lieferte er bei einem Stück des in diesem Jahr erschienenen Emirsian-Albums „Lezoon“ einen Gesangsbeitrag und stellte erst kürzlich mit „High Times In Babylon“ den ersten Langspieler des Band-Projektes Freindz in die Regale – und zu diesem gehört eben auch Thomas Götz. Komplettiert werden Musa Dagh von Studio-Tausendsassa Moses Schneider (Beatsteaks, Tocotronic, Turbostaat), der zwar vor allem als Produzent fungiert, aufgrund seines kreativen Inputs jedoch gern als inoffizielles viertes Mitglied gezählt werden darf.

Die Rollenverteilung dürfte trotz all des Namedroppings und der zahlreichen Querverweise also klar sein: Moses Schneider an den Studioreglern, Thomas Götz am Schlagwerk, Aydo Abay leiht dem Ganzen sein Stimmchen und Aren Emirze versorgt die Songs mit krachigen, noisig wummernden Gitarren. Zu dessen einstiger Noise-Rock/Alternative-Band Harmful mag es bei Musa Dagh daher sicherlich Parallelen geben, doch klingen die am 26. November erscheinenden zehn Songs des unbetitelten Debüts – wie man liest – variabler, unberechenbarer, spielfreudiger, überraschender. In jedem Fall darf man gespannt sein. 

So kommentieren es die Köpfe hinter der Band:

Thomas Götz: „Musa Dagh: Die Lizenz zum viel Spielen, Moses Schneider at the controls. Vertrauen – sich gehen lassen. Fünf sind doch gerade. Aufnehmen zuhause @fake Hansa Studios. How Aydo writes 10 Texte around Neukölln in einem Tag.“

Aydo Abay: „Es sollte in vier Tagen in den Hansa-Studios mit Moses und einem Drummer aus New York passieren. Dave Sardy sollte die Platte mischen. Im Hansa Studio hatte ich noch nie aufgenommen, mit Moses und Dave noch nie gearbeitet. Plötzlich hat das mit dem New Yorker Drummer doch nicht geklappt, und Aren fragte Moses und mich, ob man Thomas von den Beatsteaks als Drummer ins Boot holen könne. Gesagt, getan und Thomas war dabei. Noch mehr Vorfreude. Dann standen wir auf einmal im Proberaum von Thomas. Was soll ich sagen? Es hat sehr viel Spaß gemacht. Kaum Verantwortung. Hier einen Text schreiben, Melodien fallen mir immer zu allem ein und ein nettes Miteinander mit besonderen Menschen. Dass die Platte so gut wird, hat mich umgehauen. Auch hier gilt wieder: einfach mal machen und schauen was passiert!“

Aren Emirze: „Im Grunde wollten Aydo und ich immer schon eine Platte zusammen machen. Seit den bluNoise-Tagen in den 90ern denken wir darüber nach. Etwas schön Hartes, Krasses stellten wir uns vor. Warum es nie dazu kam und warum die Zeit genau jetzt dafür reif schien, kann ich echt nicht sagen. Dass Moses das Ganze produzieren sollte, stand auch schnell fest – ich habe ja schon einige Platten mit Moses gemacht, und er hatte auch Lust auf so ein neues Projekt. Dann, als das in New York alles nichts wurde, fiel uns ein, dass die Beatsteaks ja gerade Pause machen, und ich dachte mir, fragen wir doch mal den Thomas, ob er Bock hat zu trommeln. Hatte er. Also ab in Proberaum. Zunächst nur Thomas und ich – und dann kam die Explosion. Die ganzen Riffs, die vertrackten Ideen, die Urgewalt, das kam alles sofort raus. Von da an hab ich allen gesagt: Mehr ist mehr. Macht und spielt was ihr wollt, je größer ihr dabei den Raum füllt, umso besser. Je drei kompakte Proben- und Aufnahmesessions später hatten wir das Album beisammen und das Gefühl, dass kein Song darunter ist, der unnötige Kompromisse eingeht. Ich verstehe, dass diese Platte die Leute draußen fordern wird. Für uns, die wir genau dorther kommen, ist das ganz natürlich. Das kommt einfach aus uns raus und fühlt sich total poppig und easy an. Ich finde nicht, dass wir unnötig kompliziert sind, aber es sind schon krasse Nummern auf der Platte. Es war total schön, mit diesen Freunden ein Album aufzunehmen, bei dem es für niemanden darum geht, irgendwelche Erwartungen zu erfüllen – und das gerade, wo die Erwartung von Fans unserer anderen Bands sicher riesig ist. Trotzdem waren wir alle überrascht, was für ein Album dann dabei rausgekommen ist. Denn klar, wir kommen alle aus der härteren Gitarrenmusik, aber dort doch aus recht unterschiedlichen Ecken. Wo genau da die Schnittmenge liegt und wie die Synergie aus diesen Persönlichkeiten klingen könnte, das wussten wir alle vorher nicht.“

Emirze kommentiert den Song „Halo“, der gestern als erster akustischer Vorbote des kommenden Albums seine Premiere feiern durfte, wie folgt: „Die Hauptriffs von ‚Halo‘ schwirrten schon länger in meinem Kopf. Mit Thomas und Aydo im Proberaum gab es kein Halten mehr, und der Song ging auf die Reise… Eine Achterbahnfahrt mit klarem Ziel: alles zu vereinen was Musa Dagh ausmacht. In einem Song.“

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Christopher Paul Stelling – Forgiving It All (2021)

-erschienen bei Tone Tree Music-

Noch bevor das vergangene Jahr, in dem so unglaublich viel gleichzeitig zu passieren schien, während die Welt doch im selben Atemzug still stand, schlussendlich aus den Fugen geriet, sah sich Christopher Paul Stelling mit der ein oder anderen wichtigen Lektion in Akzeptanz und Dankbarkeit konfrontiert. Im Dezember 2019 brach der US-Singer/Songwriter zu einen weiteren Tour quer durchs Land, von Kalifornien bis nach Florida, auf, die dort enden sollte, wo der 39-jährige Musiker, der Asheville im Westen von North Carolina schon lange sein Zuhause nennt, einst aufwuchs. Neben den Aufnahmen zu seinem fünften Album „Best Of Luck“ befand er sich also für einen Großteil des Jahres auf Achse und drehte unermüdlich Konzerte spielend seine Runden durch Nordamerika. Das Ziel: Er wollte nicht nur pünktlich zu Weihnachten nach Hause kommen, sondern auch Emma, seine 92-jährige Großmutter, besuchen. Man darf es wohl als strategisch bitteres Zwinkern des Lebens, das einem eben manchmal auf die verdammte harte Tour die wahren Prioritäten aufzeigen möchte, betrachten, dass ihm letzteres nicht gelang – seine Großmutter verstarb nur wenige Tage vor seiner Ankunft. Von diesem traurigen Schicksalsschlag erzählt nun auch Stellings neues Werk „Forgiving It All“, das der Musiker allein im bescheidenen weißen Ranchhaus seiner Großmutter in Daytona Beach aufnahm. Es ist Stellings bisher lebensweiseste, intimste und ruhigste Platte sowie seine erste selbstveröffentlichte LP seit acht Jahren, die sich wie ein letzter Tribut an sie und im Grunde an alles anfühlt, was er und wir verloren oder gewonnen haben. Schließlich wohnt jedem noch so schlechten Ereignis im Kern das ein oder andere Gute inne – und sein es nur Erfahrungen, welche erst die von der Zeit geheilten Wunden offenlegen mögen…

Ja, wie für viele von uns schien das vergangene Jahr auch für Christopher Paul Stelling voller Transformationspotenzial zu stecken. Fast ein ganzes Jahrzehnt lang war er ein wie im Fieber umherziehender Troubadour, der während seiner Solokonzerte Blut, Schweiß und Tränen vergoss. Er lebte diesen nomadischen, unsteten Lebensstil und spülte das aufkommende Heimweh auf der Bühne oft genug mit Hochprozentigem hinunter. Ende 2017 dann der Cut: er schwor dem abgründigen Teufel Alkohol ab, nachdem er erkannt hatte, dass Teile seines Lebens Stück für Stück verschwunden waren – eine weise Entscheidung, wie sich zeigen sollte. Das ein Jahr später aufgenommene „Best Of Luck“, das erste, für das er sich einen Produzenten, der in diesem Fall kein Geringerer als Ben Harper war, mit ins kreative Boot holte (kaum verwunderlich, dass sich Harpers Impulse schwerlich überhören lassen), schien ihm einen ganz neuen Publikumskreis zu eröffnen, denn die Mischung aus wehmütigen akustischen Balladen und zutiefst US-amerikanischem Roots Rock war sowohl ausgefeilt als auch… nunja: ursprünglichback to basics, aber auch auf zu neuen Ufern. Unterm Strich eine geschickte Verbindung im weiten Feld von Folk und Singer/Songwritertum, da wie dort dezent und gekonnt angereichert mit einem Quäntchen Blues, Soul, Gospel oder Pop – dies alles jedoch nicht in der Art von zusätzlicher, dick aufgetragener Studio-Schminke, sondern in Form eines organischen Zusammengehens der erfreulichen Art (wenngleich Ben Harper hier als Produzent wohlmöglich die ein oder andere Kante zu viel abgeschliffen haben mag). Die Auftritte häuften sich, und zwar so sehr, dass Stellings Tourneekalender zum Jahresanfang 2020 für die kommenden Monate kaum einen einzigen freien Tag aufwies…

Und dann? Wurde auch bei ihm alles gestrichen. Ende, aus, Corona-Quarantäne. Als er an der Westküste entlang gen Norden der US of A tourte, überschlugen sich die Nachrichten wie Meldungen um ihn herum. Also lenkte er, mit drei Vierteln Verzweiflung und einem Rest Hoffnung im Gepäck, seine kommenden Tourneestops nach Osten und kam bis nach Colorado, wo er in einer Raststätte in Kansas eine Panikattacke erlitt. Wer könnte es ihm auch verdenken, dass er, der ja schließlich kein Paul McCartney oder Chris Martin mit einem durch Millionen gepolsterten Bankkonto war, ob der ungewissen Aussicht es plötzlich mit existenziellen Ängsten zu tun bekam, während die Welt um ihn herum gerade aus den Angeln gehoben wurde? Also kehrte Stelling notgedrungen nach Hause zurück und gab, wie viele von uns, sein Bestes, sich „neue Routinen“ in einer Welt zu erschaffen, die ihm auf Anhieb so seltsam fremd war. Natürlich hatten jene Routinen auch ihr Gutes: Zum ersten Mal seit Jahren verbrachte er eine tagelange Zeitspanne mit seiner Partnerin und ihrem jungen Hund. Er machte lange Spaziergänge, las viel und schaute endlos Fernsehen, um die in manchem Moment überwältigende Angst so gut es eben ging zu besänftigen. Nachdem er seinen Plattenvertrag erfüllt hatte (und überzeugt war, dass er ohnehin keinen neuen wollte), startete Stelling eine Crowdfunding-Kampagne und bat seine Fans darum, in seine neuen Songs zu investieren. Zu seiner großen Erleichterung stimmten sie zu. Noch besser sogar: er verkaufte in den ersten 48 Stunden mehr Platten als er je zuvor im Voraus an Hörer und Hörerinnen gebracht hatte.

Gepackt von neuer Hoffnung begann Stelling endlich, ein Jahrzehnt Revue passieren zu lassen, in dem so viel passiert war – oder doch nicht? Was hatte ihn die Musik gelehrt, was er vom Leben jenseits der Konzertbühnen und Aufnahmestudios nicht gelernt hatte, und umgekehrt? Was hatte er am Ende über all das, was er erlebt hatte, eigentlich zu erzählen, zu singen? Die zwar leisetretenden, aber dennoch fesselnden zehn Stücke von „Forgiving It All“ sind das aus der Tiefe hervor geholte Destillat dieser Reflexion. Ein Jahr, nachdem Stelling seine eigentlich nicht enden wollende Tournee abgebrochen hatte, nahm er jene Songs im Haus seiner verstorbenen Großmutter auf. Sie sind die Lektionen eines einst wilden, unsteten jungen Mannes, der nun auf seine (nicht ganz) vierzig Jahre zurückblickt, ein Stückweit seinen Frieden mit all den Kämpfen und Freuden des Lebens macht und seine Dankbarkeit für den simplen Fakt, noch am Leben zu sein, besingt.

Gleich der Opener „Die To Know“ ist eine zärtliche Ode an die Unschuld, eine Erinnerung an einfache Freude und Aufrichtigkeit, bevor die Erfahrungen des Alters unseren juvenilen Enthusiasmus Stück für Stück zurecht stutzen. „Wildfire“, das sich – jaja, jetzt kommt so ein Fall eines klischeehaften Bildes! – mit der unvergleichlichen Anmut von Wellen auf einem idyllischen Teich bewegt, starrt wiederum aus der Ferne auf die aufgestauten Ängste der Erwachsenen und bittet um die Gnade der Wiedergeburt. „WWYLLYD“ ist in seiner beinahe schon Dylan’esken Folk-Simplizität eine Übung in radikaler Empathie, welche bestens für jene allgemein schwierige Zeiten geeignet scheint. “Remember, everyone is suffering, not just you“, mahnt Stelling zu gezupften Akkorden, die rauschen wie das Blut in unser aller Adern. Der Titel ist übrigens ein Akronym für „When What You Love Lets You Down“. Wir sind alle mögen – auf die ein oder andere Weise – hungernde Künstler sein, und die glücklichsten von uns werden durch das, was ihnen Freude bereitet, am Leben gehalten – oder besser noch: lebendig.

„Kürzlich machte ich einen Spaziergang über den Friedhof hinunter zum Fluss, um ein wenig zu angeln. Mein Freund Josh Finck schloss sich mir an und brachte seinen alten Camcorder mit, und so entstand ein Video für meinen Song ‚Die To Know‘. Ich habe diesen Friedhof in Asheville schon oft besucht, habe 2007 sogar gegenüber gewohnt, bevor ich nach New York City zog. Meine Familie hat dort eine Grabstelle aus den 1800er-Jahren, gegenüber dem Grab des Schriftstellers Thomas Wolfe (‚Look Homeward Angel‘). Dort liegt der Namensvetter meines Vaters und seines Vaters, aber niemand kannte sie direkt, ihre Geschichten sind größtenteils im Laufe der Zeit verloren gegangen. Alle Flüsse scheinen mich zum Sinnieren und Nachdenken einzuladen. Es ist friedlich, sie vorbeiziehen zu sehen, auch wenn man nichts fängt…“ (Christopher Paul Stelling über das Musikvideo zu „Die To Know“)

Bis zu einem gewissen Grad geht es in diesen Songs darum, sich selbst von Zwängen zu befreien, seine Unvollkommenheiten zu akzeptieren, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Das Titelstück, welches ebenso fesselnd und motivierend wie ein religiöses Mantra gerät, weist darauf hin, dass wir nicht allein die Verantwortung für all unser Gepäck tragen, dass auch andere in unseren Leben eine gewichtige Rolle gespielt haben. Wenn wir mit uns selbst ins Reine kommen wollen, so Stelling, müssen wir andere dazu ermutigen, das Gleiche zu tun und an dieser Katharsis teilzuhaben. „Let the doubtful confide in you“ (Lass die Zweifler sich dir anvertrauen), singt er gleich zu Beginn, was sich im besten Fall wie die offenste Therapiesitzung anfühlen mag, die man seit langem erlebt hat. Stelling, bei genauerem Ohrenschein ein hervorragender Fingerpicking-Gitarrist, der sich lediglich nie damit begnügt hat, „nur“ wortlose Musik zu machen, legt kurz vor Schluss für das wunderschöne Instrumental „For Your Drive“ eine Pause ein und beendet sein neues Album mit einer eigenen Hymne, „They’ll All Proclaim“. Es ist ein anmutiges, geradezu prächtiges Sonnenaufgangsständchen für das, was noch kommen mag – ob nun morgen, übermorgen, nach dieser gottverdammten Pandemie, oder wann auch immer.

Ja, nicht wenige von uns werden in vielfältiger Weise unser Leben lang mit vielem von dem ringen, was im Jahr 2020 passiert ist und was danach kommen könnte. „Forgiving It All“ ist eine instinktive und ehrliche Antwort auf den Versuch, das Beste aus der Misere zu machen: die Vergangenheit neu und reflektiert zu sortieren und die Gegenwart zu nutzen, um sich auf eine ebenso ungewisse wie ungeschriebene Zukunft vorzubereiten. Diese soulful Folk-Songs erinnern nicht nur Christopher Paul Stelling, sondern auch uns alle daran, dass wir – allem Alltagsgrau, allem Mühsal zum Trotz – Glück haben, hier zu sein – egal, was oder wem wir am Ende des Weges zu vergeben haben.

Rock and Roll.

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