Archiv der Kategorie: Auf dem Radar

Sunday Listen: Frère – „Void“


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Nur mit seiner Gitarre und einer Handvoll Songs stand Alexander Körner unter dem Namen Frère jahrelang allein auf Bühnen, mal mit etwas mehr, mal auch mit deutlich weniger Publikum davor. Seine einfühlsamen Songs, die anstatt nach Depression und bedauerlichem Ruhrpott-Alltag irgendwo zwischen U-Bahn-Stationen und schalem Pils vielmehr nach Gelassenheit und unaufgeregter Vertrautheit klingen, werden mit einer dünnen Haut skandinavischer Kälte überzogen, die empfindsam erscheint und sich ohne größere Umschweife warm in die Hörerherzen einspielt. Was der junge Bochumer in den ersten drei Jahren – seit Erscheinen der 2014er EP „GHOST“ – im Alleingang fabrizierte, wurde spätestens beim 2017 veröffentlichten Debütalbum „Void“ zu einem Quartett aufgestockt. So bekommt der eigenbenannte Post-Folk durch seine Mitstreiter – Multi-Instrumentalist und Produzent Alessandro Marra, Jazz-Schlagzeuger Sebastian Grönheit sowie Gitarrist und Bassist Alan Kasab – noch mehr kreative Möglichkeiten, die die vier Musiker wie Brüder miteinander verbinden – Frère eben.

„’Void‘ vereint die Verspieltheit Efterklangs und den Postrock von This Will Destroy You mit der kompositorischen Finesse Bon Ivers.“

(Intro, Oktober 2017)

a0991223031_16Schon das Intro des Debüts mit seinen schmeichelnd-mystischen Synthesizer-Anklängen weist darauf hin, dass die nächsten Stücke nicht in Punkto Lautstärke überzeugen werden, sondern eine fragile Klangwelt langsam und dynamisch zum Blühen erwecken wollen, während die Schönheit des Moments in ausladende, clever umherwogende Arrangements gekleidet wird. Die Gitarre lenkt mit dem sanften Einsetzen der Elektronik und den taktbetonten Drums die Melodien in Richtung verträumten Indie-Pops wie dem Opener und Titelsong „Void“ oder fixiert den ausdrucksvollen Gesang der kleinen erzählerischen Geschichten, die oft sehnsüchtig bis melancholisch (mit sentimentalen Tränchen im Knopfloch) tönen. Die wortkarg betitelten acht Songs dazu, die in ihren besten, folkigsten Augenblicken an besinnliche Schwerenöter wie José González oder Ben Howard erinnern, spielen sich zumeist jenseits der ausladenden Fünf-Minuten-Marke ab und entführen Körners fordernde und doch einfühlsame Stimme in durchaus spannende, ungewöhnliche Gefilde. Das bereits erwähnte Titelstück etwa bemüht sich um Minimalismus mit dezent jazzigen Untertönen, und scheint trotzdem – und fast schon im Gegensatz dazu – immer noch eine Schippe bei Lautstärke und Eindringlichkeit zulegen zu können. Das kurze, jedoch intensive Noise-Finale ist die logische Konsequenz dieses Aufbaus, dem mit „Trains“ ein rein folkiger, herrlich unschuldiger Gegenpol zur Seite gestellt wird – ein auf seine reduzierte Art und Weise wunderschönes Stück Musik.

Wenn sich „Portugal“ weitestgehend ungestüm-laut und ins Weite blickend gibt und somit Einflüsse von Mogwai über Vega4 bis hin zu Caspian Sea Monster (ANEWFRIEND stellte die Chemnitzer Band vor ein paar Jahren vor) miteinander vermengt, ist das mindestens so unerwartet und doch urtypisch wie das düstere „Ghost“ oder das knappe, folkig-poppige „Child“ mit feinen Hall-Effekten und schüchterner Suche nach dem Sinn des Seins. „Book“ schlägt dem sprichwörtlichen Fass schließlich den Boden aus, lässt dabei erfreulicherweise – trotz stattlicher acht Minuten Spielzeit – kaum nennenswerte Längen entdecken und verneigt sich im grandiosen Finale sogar kurz vor Post-Rock-Kopfkinomeistern wie Godspeed You! Black Emperor oder Sigur Rós.

Auf gewisse, manchmal leicht unorthodoxe Weise bleibt „Void“ stets unberechenbar und geht vielleicht gerade deshalb so gut und traumhaft leicht ins Ohr. Der Hang zu ausladenden Arrangements bringt fast durchgehend kleine, charmante musikalische Perlen hervor – überraschende Wendungen, intime Folk-Momente sowie das ein oder andere kleine elektronische Experiment inklusive. Alexander Körner und seine Buddies von Frère zäumen das minimalistische Indie-Singer/Songwriter-Pferdchen von einer anderen, vergleichsweise weniger vertrauten Seite auf und fahren damit recht gut. Die Bochumer Band begeistert und bewegt von der ersten bis zur letzten Sekunde. Zerbrechlichkeit und Stärke müssen sich eben nicht zwingend gegenseitig ausschließen. Und da ebenjenes Debütlangspielwerk von Frère auch schon wieder knapp drei Lenze auf dem Buckel hat, wird’s wohl höchste Zeit, dass deutlich mehr Freunde der oben genannten Bands und Künstler das ein oder andere Ohr riskieren…

 

 

 

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Holy Hive – „Float Back To You“


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Homer Steinweiss, ein Soul/Funk-Schlagzeuger aus dem New Yorker Stadtteil Brooklyn, hatte schon immer ein Faible für Folk Music. Paul Spring, ein junger, idealistischer Folk-Sänger, der mit seiner Gitarre bereits durch das Land reiste, hatte in all diesen Bildern von einem bleichgesichtigen Sixties-Troubadour-HoBo à la Bob Dylan oder Hank Williams, die sich nun wohl unweigerlich vorm inneren Auge auftun, stets ein wunderschönes Falsettgesangsass in seiner Gesäßtasche. Und wie das Schicksal es manchmal, manchmal so will, trafen sich die Cousins im richtigen Moment bei einer Familienfeier. Zunächst produzierte Homer Steinweiss einige Soloplatten von Paul Spring, schließlich gründete das Duo Holy Hive. Für etwas mehr Rhythmus engagierten sie Joe „Tone“ Harrison am Bass und begannen, ihre ersten Stücke als Band aufzunehmen. Eine Tournee mit Soul-Legende Lee Fields sollte einen unerwarteten Effekt auf ihren Sound haben, da sie ihr Material nun vor einer Menge tanzwütiger Soul-Fanatiker testen konnten. Und brachte die ein oder andere Erkenntnis mit sich, die den nächsten Schritt in ihrer Entwicklung bewirkte und einen Sound hervorbrachte, der in mach einem Moment nahezu einzigartig wirkt. Einen Sound, dessen Harmonien beinahe so formvollendet tönen, dass schlussendlich gar ein neues Genre dabei herausspringt: Folk-Soul (man korrigiere mich bitte, falls es das schon geben sollte!).

HolyHive_FloatBacktoYou-Cover_200319Und obwohl heute mit „Float Back To You“ das Debütalbum von Holy Hive erscheint, hat man es hier keineswegs mit noviziellen Newcomern zu tun. So trommelt Homer Steinweiss bereits seit 2000 professionell und hat seitdem den Backbeat zu Platten von Amy Winehouse, Bruno Mars, den Jonas Brothers oder Lady Gaga (um nur einige zu nennen) geliefert und mit Soul-Acts wie Sharon Jones & The Dap Kings und The Arcs die ganze weite Welt bereist. Trotz all diesen Erfahrungen ist Holy Hive die erste Band, die wirklich ihm gehört, und wer die Lauscher spitzt, der kann hören, wie sehr sie ihm am Herzen liegt. Paul Spring wiederum stammt aus einem kleinen Kaff in Minnesota, wo er seine prägenden Jahre damit verbrachte, altgriechische Mythologie zu studieren und Songs auf seiner Akustischen zu üben. Mit selbiger im Schlepptau tourte er anschließend jahrelang durch die heimatlichen Vereinigten Staaten, spielte mal hier, mal da Solo-Shows, um über die Runden zu kommen, oder gelegentlich Auftritte in Bibliotheken, um seine selbst veröffentlichte Kinderplatte „Home Of Song“ zu promoten.

Beim Hören ihres Debütalbums zeigen sich ihre unterschiedlichen Erfahrungen und Einflüsse denn auch recht schnell. Vom heftigen Downbeat der das Werk eröffnenden Lead-Single „Broom“ bis hin zum intimen Cover des Honeybus-Stücks „Be Thou By My Side“ zeigt „Float Back To You“ sowohl ihre jeweiligen Fähigkeiten als Songschreiber als auch ihre tadellose Musikalität. Auch Springs Vorliebe für die antike Mythologie zeigt sich an einigen Stellen des Albums und fügt dem Werk so eine weitere recht interessante Ebene hinzu. Auf „Embers To Ash“ etwa adaptieren Holy Hive das „Fragment 31“ des griechischen Dichters Sappho fürs Musikalische oder überarbeiten die irische Volksweise „Red Is The Rose“ vollständig zu einem modernen Two-Stepper. Ein weiterer herausragender Song ist der Fast-schon-Klassiker „Oh I Miss Her So„, welcher erstmals auf ihrer 2018 erschienenen „Harping EP“ zu hören war und auf dem die versierte Harfenistin Mary Lattimore und die Trompete von Dave Guy (The Roots) zu hören sind.

Freilich steht stets die prägnante symbiotische Verknüpfung des mal funky, mal bullig platziertem Drummings und der flatternden Folkgitarre, zu der sich neben Springs beseelt-zartem, aber auch gleichzeitig folk-affinen Gesang gerne vom Jazz geküsste Bläser(sätze) gesellen, im Zentrum der Songs, in denen es – bei aller Luftigkeit – massig zu entdecken gibt. Wenn man so mag, sind Holy Hive in der Tat Meister der Ebenen, einige davon tauchen stante pede an der Oberfläche auf, andere wiederum sind wie der Titelsong des Albums: zunächst meint man lediglich ein wunderschönes Liebeslied zu hören (und daran ist ja auch nix auszusetzen), nur um später herauszufinden, dass es im Grunde um das Nachhausekommen zu einer geliebten Katze geht. Und das mag vielleicht das Schönste und Aufschlussreichste an den Songs von Holy Hive sein: sie machen es einem gleich beim ersten Hören leicht, sie zu mögen, aber wenn man etwas mehr Zeit mit ihnen verbringt, fügen sich immer mehr Puzzleteile zu einem größeren Ganzen zusammen…

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Lazy Susans – „R U OK?“


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Ein weiser Mensch sagte einmal, dass man Songs, die einen vom ersten Moment an gefangen nehmen, bis man völlig in ihnen aufgegangen und eins mit jedem Ton, jeder Sekunde geworden ist, festhalten, bewahren und für immer nah am Hörerherzen tragen sollte. Denn Songs, die eine solche fast schon einzigartige Reaktion in einem selbst hervorrufen, sind dazu bestimmt, geschätzt und weitergetragen zu werden und stellen eine der wenigen gleichsam direkten wie einfachen Freuden dar, die uns alle daran erinnern, wie gut es sich anfühlt, zu leben…

Ohne jetzt gleich ins Pastorale zu verfallen: Nicht wenige Musik-Geeks werden im vergangenen Sommer ein recht ähnliches Gefühl gehabt haben, als sie einen Song hörten, bei dem sie dieses vertraute Ziehen in und dieses Kribbeln auf der Haut spürten. Bei dem ihnen im ersten Moment die Worte fehlten, um zu erklären, warum er eine solche Wirkung auf sie hatte. Warum sie sich innerhalb weniger Augenblicke so sehr mit jenem Stück verwoben fühlten, das ihnen drei Minuten zuvor noch nichts bedeutet hatte. Und ebenjener Song war „R U OK?“, eine Single von The Lazy Susans.

a2364620560_16Was ein Bandname überhaupt… The Lazy Susans. Der hat wohl eher weniger etwas mit „einem drehbaren, im Allgemeinen kreisförmigen Tablett, das in der Tischmitte platziert wird, um das Bewegen der Speisen zu allen Gästen auf allen Seiten des Tisches zu erleichtern“ zu tun als mit der Tatsache, dass Frontfrau Antonia Susan (Gesang, Gitarre) und ihre Bandmates Kieren Turnbull (Gitarre), Wesley Reyes (Bass) und Ashlee Giblin (Schlagzeug) wohl einfach einen griffigen Bandnamen brauchten, der einerseits cool, andererseits jedoch auch slackermäßig genug war. Aaaaaand… that was it. Ihre Anfänge nahm die vierköpfige Band anno 2016 in den Blue Mountains Australiens, etwa eine Autostunde entfernt von Sydney (damals noch als Antonia & The Lazy Susans), und bevor sie ins wesentliche trubelhaftere Melbourne zogen, hatten sich The Lazy Susans bereits mit der „Closure EP“ und Songs, die ihre juvenilen Herzen allzeit auf der Zunge vor sich her trugen, einen Namen gemacht. Mit „Now That The Party’s Over“ haben die vier Emo-Indierocker im vergangenen August ihr Debütalbum veröffentlicht. Und es wäre doch gelacht, wenn von den oft genug recht persönlichen Geschichten lediglich ein paar nah am Tränensack geparkte Musik-Geeks Wind bekommen sollten…

Den Anfang macht gleich besagtes „R U OK?“, ein Song, der es einem mit seinen simplen Melodien und seinem ebenfalls einfachen, jedoch definitiv zu Herzen gehenden Zeilen leicht macht, sich an jenen Moment zurück zu erinnern, in dem man den Dreieinhalbminütiger zum ersten Mal hörte. An die Gänsehaut, die Antonia Susans Stimme bereits damals hervorrief. Aber auch an den Trost, das Verständnis dafür, dass jeder ab und an schwere Tage hat, an denen sich jeder Schritt wie unter Bleigewichten anfühlt. In die Kerbe „Coming of Age“ schlagen auch die nächsten Stücke, „Reaching Out“ und „If I Hurt You“, zweiteres gar mit bittersüß-sehnsüchtig ausgestreckten Armen, gen Firmament stürmenden Melodien und nahezu herzzerreißenden Zeilen wie „I don’t want you to think I’m a monster / Even though I am“ (ersteres trägt das Herz mit „Nobody ever told me how lonely being an adult would be“ kaum weniger leicht in der adoleszenten Brust). Mehr wild in selbiger Pochendes gefällig? Im bitteren Goodbye-Song „Nice Bones“ singt Susan „What gives you the right to say I’m wrong / When all I did was love someone different to you?“. Und auch das abschliessende „Joy“ erzählt davon, dass das Leben der Liebe manchmal in die Parade fährt: „Find what fills you with joy and hold on till you die / That’s the answer to having a good life“ (was anhand von das Stück eröffnenden Zeilen wie „I want you to know / I miss you more each day“ noch herzergreifender gerät).

Manch einer wird beim bewusst auf der guten Seite der Poppigkeit balancierenden Indie Rock des Melbourne-Vierers eventuell an eine Melange aus den Neunziger-Power-Alternative-Rock-Avancen von Everclear und der Direktheit einer jungen Courtney Love denken, wohl nicht wenige auch an Paramore (schließlich sind stimmliche Ähnlichkeiten zwischen deren Frontfrau Hayley Williams und Antonia Susan nur schwerlich zu überhören). Und dass die Australier ihrem musikalischen Nachwuchs irgendwelche Großartigkeitsvitaminchen ins Trinkwasser mischen, vermutet ANEWFRIEND aufgrund so vieler weiterer – und kaum weniger tollerBeispiele sowieso schon länger. Höchste Zeit also, dass noch mehr auf emotionalen Indie Rock geeichte Musik-Geeks Wind von The Lazy Susans bekommen, denn für Antonia Susan und ihre Bandmates hat die Party wohl gerade erst begonnen…

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„Waiting for time to pass, for your train to come, so you can head home
The cities filled with people are the loneliest of places, just looking for distraction but it’s just emotionless faces

Do you feel okay, my friend? I can see it in your face. That your peace of mind is slipping away

Is it okay to ask if you’re okay?
Is it okay to ask if you’re okay?
Is it okay to ask if you’re okay?
Is it okay to ask if you’re okay?

You light up a cigarette to try to ease the pain, it never goes away, it never goes away
Your lungs hurt because you self medicate twenty times a day
Do you feel comfort in empty spaces? Did you make it home? I hope you feel safe

Do you feel okay, my friend? I can see it in your face. That your peace of mind is slipping away

Is it okay to ask if you’re okay?
Is it okay to ask if you’re okay?
Is it okay to ask if you’re okay?
Is it okay to ask if you’re okay?

Your self, self destructive state
Your self destructive ways
Dear friend, I hope you’re okay“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Kalle Mattson – „Avalanche“


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Den aus dem kanadischen Sault Ste. Marie, Ontario stammenden Singer/Songwriter Kalle Mattson dürfte hierzulande kaum jemand kennen. In seiner Heimat ist der 29-jährige Indie-Musiker, den es mittlerweile ins etwas urbanere Ottawa verschlagen hat, da schon ein paar Schrittchen weiter, war 2014 etwa, für sein Album „Someday, The Moon Will Be Gold„, für den renommierten Polaris Music Prize nominiert. Wen wundert’s, schließlich hat das Milchgesicht mit der Vor-fünf-Minuten-aus-dem-Bett-gefallen-Frisur und der markant quietschig-nasalen Stimme musikalisch eine feine Bandbreite zu bieten: vom oft orchestral ausstaffierten Folk der Anfangstage, der ab und an schonmal ernstere Töne anschlägt (so verhandelt oben genanntes Werk etwa den Tod der Mutter, als Mattson selbst erst 16 Jahre jung war), über ein reduziertes Cover des Drake-Hits „Hotline Bling“ bis hin zum ebenso ungeniert wie selbstbewusst gen Eingängigkeit schielenden Indie-Pop der jüngsten Releases wie „Youth“ (2018) oder der „Avalanche EP„.

a4051000374_10Und wenn man so mag, dann konnte Kalle Mattson, der nebenbei noch mit summersets, einem Zwei-Mann-Duo mit Musiker-Buddie Andrew Sowka, eine weitere tönende Spielwiese am Start hat, erst mit dem letztgenannten, 2015 erschienenen Mini-Album (welches man via Bandcamp – neben einem Großteil des weiteren Backkatalogs – als Stream und „name your price“-Download findet) sein wirkliches musikalisches Coming Out feiern, denn die Songs baden mit Synthesizern und Drum-Machines nicht mehr in reduzierter Folk-Tümelei, sondern bis zum Haaransatz im Eighties-Sound-Outfit großer Vorbilder wie etwa Bruce Springsteen (von dem Mattson selbst nicht von ungefähr Alben wie „Tunnel Of Love“ oder „Born In The U.S.A.“ am meisten schätzt – wer mehr über die stellenweise Detailversessenheit des Indie-Musikers wissen mag, der kann hier weiterlesen). Das zwar recht simple, aber irgendwie auch augenzwinkernde Motto von nun an lautete also: „Folk is dead!“.

Was also lag näher, als seinen Vorbildern gleich unverhohlen Tribut zu zollen und fürs Musikvideo des Titelstücks, bei dem Philip Sportel Regie führte, eine ganze Latte an ikonischen Albumcovern humorig nachzustellen? Eben: wenig.

„Ich hatte das Videokonzept eigentlich schon lange Zeit im Kopf“, so Mattson. „Ich erinnere mich, dass ich 10 oder 11 Jahre alt war, als ich die ‚Rolling Stone‘-Ausgabe mit den ‚500 Greatest Albums of All Time‘ durchblätterte und allein aufgrund der Cover entschied, welche Platten ich mir aus der Sammlung meines Vaters anhören wollte. Alle Alben, die wir nachgestellt haben, sind super wichtig für mich, und das Video dient sozusagen als Fenster zu dem, was mich beeinflusst hat, als ich aufwuchs, als ich zum ersten Mal Musik entdeckte und dann schließlich selbst Songs schrieb.“

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Hinsichtlich des gelungenen Endergebnisses, für welches er etwa eine durchaus gerechtfertigte Nominierung als „Video of the Year“ bei den 2016er Juno Awards einheimsen konnte, gibt sich Mattson bescheiden: „Eine meiner Hauptsorgen war, dass es wie ein kleiner Egotrip wirken könnte, wenn ich mein Gesicht in ein berühmtes Dylan-Cover oder so stecke, aber ich glaube wirklich, dass es am Ende als ein Werk der Ehrerbietung zu den Künstlern, ihren Platten und den Covern, die diese Alben so besonders machen, herüberkommt.“

Das flimmernde Endprodukt enthält gleich 34 recht kreative Knickse vor Künstlern und Bands wie Elliott Smith, Jay Z, Wilco, Radiohead, The Velvet Underground, den Ramones, David Bowie, Pink Floyd, Beck oder sogar den Backstreet Boys, bis man schließlich das Cover von Mattsons „Avalanche EP“ auf dem Plattenspieler liegen sieht. So gerät das Musikvideo schnell zum popkulturellen Ratespiel mit massig „Hallo!“- und „Aha!“-Momenten, bei dem wohl nur die am besten popkulturell geschulten Musik-Freaks wirklich alle Albumcover erkennen werden (der Rest findet hier eine Auflistung)…

 

Hier gibt’s das Musikvideo zu „Avalanche“…

 

…und einen Blick hinter die Entstehungskulissen:

 

Wer dennoch den Folk nicht traurig vor der Tür stehen lassen möchte, der findet hier eine Akustik-Variante des Songs:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Craig Alan Hughes – „Nature Boy“


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Ach, das Internet mit seinen Youtubes und Bandcamps und Soundclouds ist so voller noch unentdeckter Talente, das glaubste gar nicht! Und dann… Und dann stößt man plötzlich auf verschlungenen Wegen auf ein neues. Craig Alan Hughes etwa.

Auf selbigen bin ich in einer Elliott Smith-Gruppe bei Facebook aufmerksam geworden, wo ein Mitglied unlängst (s)eine bereits ein paar Jährchen alte Coverversion des Smith-Songs „St. Ides Heaven“ teilte. Und man höre: Covern kann der junge Singer/Songwriter aus dem schottischen Edinburgh, der seine Einflüsse via Facebook grob mit „Mathieu Boogaerts, Elliott Smith, Sufjan Stevens, Divine Comedy, Simon and Gar-slamdunkda-funkel“ umreißt, in der Tat recht formidabel – und dann nicht nur Songs von Songwriter-Heroen wie Elliott Smith, Sufjan Stevens oder Jeff Buckley, sondern auch etwas unwahrscheinlichere Gassenhauer von Weezer oder Van Halen. Besonders magisch gerät etwa seine Variante des sage und schreibe auch bereits siebzig (!) Jahre jungen Nat King Cole-Klassikers „Nature Boy“ (bei manch einem wird vor allem David Bowies Version vom Soundtrack des 2001 erschienenen Baz Luhrmann-Films „Moulin Rouge“ ein paar Glöckchen zum Klingeln bringen).

Wer jedoch denkt, dass Craig Alan Hughes bei aller Coverei – die bekommen zugegebenermaßen ja viele recht passabel hin – nichts Eigenes zustande bringen würde, der irrt – und sollte schleunigst mal bei Bandcamp vorbei schauen, wo der Newcomer (aktuell knapp 550 Facebook-Likes) derzeit zwei EPs sowie ebenso viele Alben (das jüngste, „Afraga„, erschien 2016) – allesamt als „name your price“ – anbietet.

 

„Craig is a songwriter who lives next to a zoo in Edinburgh, Scotland. Sometimes he gets woken up when the lions roar, but all in all it’s a satisfactory arrangement. His music has been featured on BBC, XFM and has soundtracked television shows on MTV and Showtime…“

 

 

 

„There was a boy
A very strange, enchanted boy
They say he wandered very far
Very far, over land and sea
A little shy and sad of eye
But very wise was he

And then one day
One magic day he passed my way
While we spoke of many things
Fools and Kings
This he said to me:
‚The greatest thing you’ll ever learn
Is just to love and be loved in return…'“

 

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Maddy Jane


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“I’m not into bullshit anyway”, singt Maddy Jane im sommerlich indierockenden Slacker-meets-Mittelfinger-Song „The Other Day„, und diese Haltung scheint sich wie ein roter Faden durch ihr herzerwärmend-unbedarftes Debütalbum zu ziehen. Auf „Not All Bad Or Good“ nimmt die auf Bruny Island, einer Insel südöstlich von Tasmanien, geborene Künstlerin wahrlich auch keine Gefangenen, sondern erzählt Geschichten von Schmerz, Verwirrung, Wut und allem, was so dazwischen liegen mag, während sie ihr angeschlagenes Mittzwanziger-Herz mit der Welt teilt. Furchtlos, schamlos und im Moment brillierend, denn nichts scheint für die Newcomerin, welche in ihrer australischen Heimat bereits als Support von Größen wie Harry Styles oder den Red Hot Chili Peppers von sich hören ließ, tabu. So würde Kate Nash wohl klingen, wenn die ihre Kleinode von „Made Of Bricks“ anno dazumal down under geschrieben hätte…

coverDie Eröffnungsnummer „I’m Hearing Ya“ baut sich mit allerlei hektischer Energie auch gleich selbstbewusst auf (und droht im Furor beinahe sein klangliches Gleichgewicht zu verlieren), bevor der Slacker-Pop-Bouncer „Perfection’s A Thing And You’re It“ mit seinen zackigen Widerhaken und sarkastischen Wendungen die Stimmung weiter anheizt. Ja, Madeleine Jane Woolley mag in ihren Songs das ein oder andere intime Nähkästchen-Detail ausplaudern, andererseits scheinen ihre Texte wie gemacht dafür, um fortan stilsichere und über jeden weltweisen Zweifel erhabene Instagram-Posts von Bangkok bis Brooklyn zu untertiteln, geben sie doch einer verrückt gewordenen Welt ein wenig (Kurz)Kommentar gewordenen Sinn zurück: “I’m not old but I’m too old for this shit” – ein zwischen Kalenderspruch und juveniler Punktlandung platzierter Spruch wie dieser könnte ebenso gut der Slogan der letzten Jahre sein, während die achselzuckende Fuck-Off-Attitüde von “I’m not trying to be, I’m just being / I’m not any different, don’t care what you’re seeing” im somnambulanten Schein von „Femme“ zurecht feministischen Widerstand in einer Welt leistet, in der “tampons are a luxury item and my opinion is still a waste of time”. Japp, „Not All Bad Or Good“ legt sich ohne größere Umschweife und mit allerhand jugendlichem Elan mit alten Machtgefügen an. Das neongrell tönende „Fuck You, I’m A Good Person“ packt ein gutes Maß an Selbstvertrauen auf den Tisch, während der schwankend-langsame Burner „Say You Weren’t Mine“ offene Wunden leckt. Doch freilich ist nicht alles eitel gelungener Sonnenschein auf diesem Debüt – an anderer Stelle ist sich das Badezimmerspiegel-Confessional „Something Old And Something New“ bei allem wärmenden Trost nicht wirklich sicher, was es denn nun will. Der Fuzz-Rock gewordene Traum von „Thank You And Sorry“ bietet da einen Moment mutiger Aufrichtigkeit, während er in der Ruhe nach Sturm und Trennung Frieden findet – und wäre wohl der bewegendste Moment sowie das insgeheime Highlight des Albums, wenn da nicht der Abschlusssong „Always Saying What They All Can’t“ mit seinem fast schon episch dazwischen grätschendem Gitarrensolo wäre. Auch dieses Stück beweist noch einmal Maddy Janes Idealismus, geht es doch darum, sich für andere einzusetzen und das Richtige zu tun, egal wie schwer es auch scheinen mag. Kein Ruf zu den Waffen, sondern eher ein Aufruf zur Fürsorge sowie für ein besseres Miteinander.

Alles in allem ist „Not All Bad Or Good„, das der 2018 erschienenen EP „Not Human At All“ nachfolgende Debütalbum von Maddy Jane, eine zwar recht ungeschliffene, aber dennoch mit feiner Feder ausgearbeitete Song-Sammlung, welche durchaus das Zeug haben könnte, die ein oder andere Altersgenossin (oder -genossen) in ganz ähnlicher Art und Weise zur Nachahmung zu inspirieren wie andere erfolgreiche Aussie-Exporte wie Courtney Barnett oder Camp Cope. Mit Songs, die die Kraft haben, gebrochene Herzen zu heilen oder sie erneut zu zerschmettern, bildet das Album einen wilden Ritt voller diebisch grinsender Wut und verstohlener Blicke, während die Songs ein juveniles Themen-Potpourri von Verlangen und Verliebtheit und Verlust bis hin zu dem ein oder anderen Kindheitstraumata abhandeln. Die Klaustrophobie einer australischen Kleinstadt vermischt sich mit der Sehnsucht nach der großen weiten Welt in einem Debütwerk, das zwar Träumen hinterher jagen mag, aber nie den Bezug zur Realität verliert. Manchmal scheint sie den Joker auszuspielen (das zumindest deutet das Coverartwork an), aber auf „Not All Bad Or Good“ hat Maddy Jane immer ein Ass im Ärmel.

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Rock and Roll.

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