Das Album der Woche


Love A – Jagd und Hund (2015)

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Ja, wer wird denn gleich patzig werden? Eines steht fest: Frontmann Jörkk Mechenbier und seine drei Bandkumpane von Love A sind angepisst. Aus Gründen.

Dabei war der Trierer Post-Punk-Vierer ja noch nie für sonderlich charmante Stimmungsmelodien bekannt. Schon die ersten beiden Platten der Band, „Eigentlich“ und „Irgendwie“ (2011 beziehungsweise 2013 erschienen), waren bellender Punk, dezent unterproduziert und konzipiert fürs Rangeln bei Dosenbier und miesepetriger Laune. Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch: Turbostaat, …But Alive, Pascow, Feine Sahne Fischfilet, Muff Potter. Und doch ist das dritte Album „Jagd und Hund“ anders. Nicht, weil Love A zum ersten Mal bei der Titelwahl fremd gehen (sonst hätte das Werk wohl „Wahrscheinlich“ oder „Irgendwo“ geheißen), sondern weil sie 2015 konkreter, pointierter, versierter zu Werke gehen als noch 2013. Und sogar: poppiger. Ist das eigentlich noch Punk?

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Davon wird die Band selbst wohl am wenigsten wissen wollen. Schon im ersten Stück „Lose Your Illusion“ (Mechenbier singsprecht auf deutsch, nicht vom tollen Titel täuschen lassen!) wird ein leichter musikalischer Richtungswechsel im Vergleich zu den vergangenen zwei Alben deutlich. Anno 2015 verlegen sich Love A vom rumpeligen DIY-Punk auf kühle Post-Punk-Gitarren, welche manchmal konzentriert am Achtziger-New-Wave kratzen. Viel mehr beeindrucken jedoch die Texte: „Die Bekannte eines Bruders legte Tabletten auf den Tisch / Doch die halfen nicht an jedem Tag / Erst blieben Fragen, dann blieb nichts / Ich hab, wenn’s hart auf hart kam, auch mal was genommen / Hart kam auf hart / Und die Tabletten wurde rar“ – starker Tobak schon nach wenigen Minuten. Sogar noch schärfer geht es in „Trümmer“ weiter. Zu zackigen Gitarren zerschlägt Mechenbier die heil(ig)e Neue Digitalwelt: „Einsen und Nullen können machen, dass dein Leben schlechter oder besser wird / Wir können einsteigen / Wir können es auch lassen / Hauptsache alle schreien ‚Ja!‘ und sind verwirrt / Hauptsache alle schreien ‚Nein!‘ und sind verwirrt / Hauptsache alle schreien / Alles wurde schneller, und alles wurde mehr, und am neunten Tag erschlug Steve Jobs die Liebe“ – wahre Worte treffen in Sekundenbruchteilen auf gepflegten Pessimismus und kalte Konsumkritik. So setzt es sich fort, ob in „Toter Winkel“ mit seiner Gentrifizirungsantipathie, „Stagnation“ mit seinem erhobenen Stinkefinger hin zum saubermann’schen Herrn Otto Normal, „Augenringe“ mit seinem Arschtritt für alle Ja-Sager, „Modem“ mit seinem Abgesang an die falschen Versprechungen des weltweiten Netzes, oder der hysterischen Hipster-Ohrfeige „Der beste Club der Welt“ („Weil dein Verstand komplett im Arsch ist / Glaubst du an Gott und wahrscheinlich sogar an das System / Weil dein Verstand komplett im Arsch ist / Kaufst du Neues, Altes… Scheiß /…/ Auf meiner Jutetasche steht: ‚Verpiss dich, Adolf!‘ / Und auf deiner? ‚Hey ho, let’s go!'“). Dabei erinnern Love A nicht selten an die oben genannten Bands, führen bestenfalls sogar die Tradition der seligen …But Alive fort, die sich in den Neunzigern wie wohl kaum eine andere Punk(rock)band darauf verstanden, Haltung, Musik und Text beeindruckend zu bündeln (bevor Frontmann Marcus Wiebusch mit seiner „neuen“ Band Kettcar ein gutes Stückweit Richtung Indierock und Pop rückte). Und, klar: freilich ist bei Mechenbiers Singsprechbellen auch Turbostaat-Fronter Jan Windmeier nicht fern. Neu ist, dass Love A ihre kritischen Botschaften mit mehr Verstand, mit mehr Struktur, mit mehr – aufgepasst, böses Wort! – Pop an den potentiellen Hörer bringen. So klingen Stücke wie die tolle Single „100.000 Stühle leer“ („Wenn man sie kennt, kann man getrost die Regeln brechen / Weil die meisten doof sind, fällt’s uns gar nicht schwer / Nur wer mal aufgestanden ist, der darf sich setzen / Und darum bleiben hier so viele Stühle leer“) oder „Regen auf Rügen“ eher nach Jupiter Jones (in den seligen Anfangstagen) oder Herrenmagazin. Und: neben dem Bonnie&Clyde-Verschnitt „Kein Stück“ haben Love A mit „Ein Gebet“ sogar eine Art Liebeslied mit aufs Album gepackt. Dass dieses in Zeiten, wo jeder Zweite österreichische Bands wie Wanda oder Bilderbuch grenzdebil abfeiert, ausgerechnet dem schönen Wien gewidmet ist, hat dabei Ironie intus, als einem lieb sein kann. Ebenso wie das Finale in „Brennt alles nieder“, als die Band ganz brav im Chor fordert: „Brennt alles nieder / Fickt das System!“. Man mag der Aufforderung beinahe Folge leisten…

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Klar: keine der knapp 40 Minuten von „Jagd und Hund“ ist wahnsinnig innovativ, im rein musikalischen Sinne. Dafür bündeln Love A ihre Kräfte in Zeiten, in denen sich artverwandte Bands wie Feine Sahne Fischfilet offen mit dem deutschen Verfassungsschutz anlegen, während anderswo Millionen zu Schlagermelodien schunkeln. Und wieder anderswo ganze Gesellschaftssysteme Stück für Stück auseinander bröckeln, währenddessen Menschen im Mittelmeer ertrinken, die falsche Träume von einem besseren, gerechteren Leben nicht losgelassen haben. Gerade deshalb kann es kein besseres Hier und Jetzt für „Jagd und Hund“, welches bereits im März erschien, geben. Auch und gerade in einem Jahr, zu dessen Anfang bereits Adam Angst hervorragend bewiesen haben, wie zeitgeistige Gesellschaftsschelte im besten Sinne funktionieren kann. Denn wer angepisst ist, der sollte auch etwas zu sagen haben. Und das ist bei Love A definitiv der Fall. Ist das noch Punk? Who cares… So vieles läuft gewaltig falsch in diesem Land, ja: in dieser Welt. Love A geben einen Scheiß auf die Antworten, servieren uns dafür eine Menge Fragen und Denkanstöße. Die verdienten Schläge in die Magengrube gibt’s miesepetrig obendrauf.

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Hier kann man sich das Musikvideo zur Single „100.000 Stühle leer“ zu Gemüte führen…

 

Rock and Roll.

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