Das Album der Woche


Adam Angst – Adam Angst (2015)

a938b155-AdamAngst_Cover_2400px_RGB-erschienen bei Grand Hotel Van Cleef/Indigo-

„‚Wer oder was ist eigentlich dieser Adam Angst?‘

Ich sag dir, wer er ist. Adam Angst ist ein arroganter Drecksack!
Er ist scheinheilig, er ist überheblich und tut auch noch so als wäre er dein bester Freund! Such dir was aus: Er ist deine Ex-Freundin, der Call-Center-Agent, der dir das Abo berechnet, obwohl du nie zugestimmt hast, er ist der Rentner, der die Bullen ruft, wenn die Musik zu laut ist. Eigentlich ist er ’ne richtig arme Sau. Auf der Suche nach Aufmerksamkeit und auf der Suche nach sich selbst. Eigentlich… ist er genau so wie wir.“

Sympathisch, oder? So macht sich eines der am heißesten erwarteten deutschsprachigen Debüts des noch nicht all zu alten Musikjahres freilich schnell Freunde. Dabei könnte jenem „Adam Angst“ kaum etwas ferner liegen, als sich „Freunde“ zu machen. Kleine Kostprobe gefällig? Bitteschön: „Und ich höre ganz genau, wie oft dein Handy vibriert und ich weiß, dass du denkst, dass es mich nicht interessiert / Doch ich kenne deinen Plan / Ich weiß du willst sie ficken / Ein Messer sticht man besser von hinten in den Rücken / Damals was getrunken um den ersten Schritt zu wagen / Viel zu aufgeregt und feige für die Frage aller Fragen / Und nach Jahren sind wie hier im selben Club, was soll ich sagen? / Heute trinke ich um deine Fresse zu ertragen“.

Dabei sind diese Sätze aus der im vergangenen Dezember ins Netz gehauenen Vorabsingle „Ja, ja, ich weiß“ wohl noch die am ehesten verdaulichen, handeln sie doch „nur“ von derbem Beziehungszwist, von zweien, die längst schon gemerkt haben, dass da etwas gewaltig im Argen liegt, jedoch viel zu sehr aneinander hängen, als dass sie allein klar kommen wöllten. Lieber macht man sich gegenseitig den drögen Alltag zur Hölle: „Man bist du eklig mit deiner Popelei / Merkst du nicht, die Leute gucken schon absichtlich vorbei / Früher war der Bart ab und die Unterhose frisch / Heute riecht’s unter der Bettdecke nach abgeranzten Fisch“. Ganz anders geht’s da schon beim Rest der elf Stücke des selbstbetitelten Debüts der Band zur Sache, die Felix Schönfuss innerhalb weniger Jahre zum dritten Mal als Frontmann und lauthalses Sprachrohr präsentiert, hatte sich der norddeutsche Musiker doch schon bei Escapado, die sich 2011 nach drei gemeinsamen Alben auflösten, und den nicht eben unerfolgreichen Hausrauf-Punkrockern von Frau Potz (nach dem 2012er Einstiegswerk „Lehnt dankend ab“ in Pause auf unbestimmte Zeit) einen Namen in der „Szene“ gemacht. Nun also Adam Angst. Und obwohl man mit aus Bands wie Blackmail, FJØRT und Monopeople rekrutierten Mitmusikern fast von einer „Supergroup“ sprechen (slash: schreiben) könnte, schaut einen nun nur Schönfuss‘ alter ego „Adam Angst“ vom Cover an. Und dort – beim Cover – geht die Maskerade bereits los: Die Priesterkleidung ist eine Anspielung auf den Limburger Protzbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, der vor zwei Jahren mit seinem von veruntreuten Kirchensteuergeldern gebautem Prunkpalast in die Medien geriet. Die Kippe im Anschlag wiederum darf als deutlicher Mittelfinger an an das gutmenschelnde „Fit for Fun“-Geseiere gesehen werden, dass einen heutzutage aus allen Ecken von Familien- wie Freundeskreisen anblökt. Nein, Herr Angst macht nicht mit!

adam angst band

Lieber erzählt er dem verdutzten Hörer im Albumeinstieg „Jesus Christus“ zu sakralen Chören und derben Gitarrenwänden, wie der Sohn Gottes gut 2000 Jahre nach der eigenen Kreuzigung und anschließenden Auferstehung zurück auf die Erde kommt: „Ihr habt mich ausgepeitscht / Ihr habt mich angespuckt / Nägel durch die Glieder schlagen war euch nicht genug / Ich habe abgewartet, und mir das angesehen, jetzt komme ich zurück und bring‘ euch ein Problem / Denn jetzt kommt die Revanche / Sucht euch ’nen guten Sparringspartner / Ich will euch nicht die Spannung nehmen, doch meiner war mein Vater / Ich stürze auf die Erde – nach mir ein Feuerschweif / Brauchst du ’nen Vorgeschmack, gib‘ ‚Rammstein‘ bei Youtube ein /Schluss jetzt hier mit Friede, Freude – jetzt wird bezahlt /Denn euer Jesus hat die Schnauze voll und hat Bock auf Gewalt! Auh! / Ich komm zurück – mein Herz mit Hass erfüllt / Mein Auftrag war Vergeltung – der finale Overkill / Doch Vater, vergib‘ mir! / Ich hab mich umentschieden / Denn ich hab‘ 8 Millionen Klicks und eine Show auf Pro Sieben / Lass mich noch eine paar Jahre hier, bitte hol‘ mich nicht zurück zu dir / Denn die sind nicht so wie früher / Ich glaub‘, die haben’s echt verstanden / Die lieben mich, die wollen Fotos und Autogramme / Denn ich bin Jesus Christus…“. Freilich ist selbst ein (ehemals) Heiliger für Viele nur so viel wert wie das, was die „Bild“-Zeitung am nächsten Morgen über ihn schreibt. Die lesen denn wohl auch die „Professoren“, über die sich Herr Angst zu mit Elektrobeats unterlegten deftig-schnellen Gitarrenakkorden auslässt: „An den Imbissbuden stehen die Professoren / Zwischen Currywurst, Oettinger und Doppelkorn / Sie wissen ganz genau was fehlt im Land / Ich hab‘ ’nen Nazi am Geruch erkannt! / An den Imbissbuden stehen die Professoren / Der Schweiß tritt ihnen aus den Poren / Sie reden von den alten Werten / Mit Schaschliksoße in den Bärten“. Der Song – seines Zeichens frisch gekürte Single No. 2 – richtet sich gegen all jene, die da gegen alles Falsche und Schlechte mit Plakaten voller Hass auf den Straßen Deutschlands demonstrieren, sich an Stammtischen maulfeil die Münder fusselig labern, anstatt vorurteilsfrei auf das Unbekannte (slash: die unbekannte Person) zuzugehen und endlich einmal für etwas einzustehen: „Ein bisschen mehr Liebe und ein bisschen mehr Respekt / Nicht jeden Schwachsinn glauben, lass‘ die Zweifel doch mal weg / Die Grenzen endlich offen doch für dich sind sie noch da / Begreife doch, dass sie schon immer auf deiner Seite waren“ (die einzigen Zeilen des Albums, die Schönfuss – wohl nicht ohne Absicht – ganz sanft singt). Ähnlich geht es auch weiter. So erzählt der eingängig-melodische Punkrocker „Wunderbar“ vom Tranquilizer „Internet“, der uns alle – Dank Facebook und Co. – am Ende des Tages weiter auseinander bringt denn näher zusammen, während „Wochenende. Saufen. Geil.“ das Ausgehverhalten williger Junggebliebener am Wochenende beleuchtet: „Jeden Freitag, 15 Uhr, setzt sich die Masse in Bewegung / Steht stundenlang vorm Spiegel und kauft Billigschnaps bei REWE / Scheißegal, wo es hin geht, hauptsache, nicht nach Hause / Fünf Tage lang lief nur Coldplay und jetzt kommt Mickie Krause“. Wer trotzdem zu Hause hocken bleibt, dem wird im Fernsehen die immergleiche traurige Versagerriege vorgeführt, denn „der Makel anderer Menschen war schon immer amüsant“ (aus „Lauft um euer Leben“). Und sonst? Was ist mit dem öden 9-to-5-Job, dessen Hamsterradläufe man schon seit Jahr und Tag satt hat, und eigentlich nur eines möchte: einfach abhauen, egal wohin („Ich hab keinen Bock auf ‚Tatort‘ / Keinen Bock auf Fernsehen / Schlechte Schauspieler treffe ich schon genug im Leben / Hab‘ von allem zu viel / Nein danke, hab‘ ich schon / Nehme ich heute Langeweile oder Depression?“ – aus „Flieh von hier“)? Natürlich würde auch Herr Angst gern auf das hören, „was der Teufel sagt“, und all diese Gemeinheiten beim Abendessen mit „Freunden“, die er im Grunde noch nie mochte (wohl, weil es „ihre“ Freunde waren) oder beim allmorgendlichen Firmenmeeting in die Tat umsetzten: auf den Tisch steigen und dem Gegenüber entweder die angepriesene Dipppampe ins Gesicht schmieren oder den blanken Allerwertesten präsentieren. Doch auch er ist nur ein Mensch, ein ganz armes Würstchen mit „willigem Geist und schwachem Fleisch“. Und er weiß: „Am Ende geht es immer nur um Geld“, denn „wenn das wahre Leben einzieht, ist kein Platz für Rock’n’Roll“. Stattdessen rettet man sich und seine Liebsten von Monat zu Monat und von Knebelvertrag zu Knebelvertrag, während sich ums Eck schon der nächste windige Vertreter mit ach so guten Angeboten die gierigen Patschehände reibt. Und solange das eigene Leben Herrn Angst fiese Nackenschläge und derbe Magengrubenpunches auf seinem zermürbenden Weg von Montag zu Freitag mitgibt, ist es nur allzu verständlich – und trotz allem traurig – dass er die Augen vorm Rest der Welt verschließt. Bühne frei für „Splitter von Granaten“, dem wohl zeitgeistigsten und wichtigsten Song des Jahres, dessen Textzeilen man am liebsten Letter für Letter dick und fett ans Bundeskanzleramt schmieren würde:

adam angst promo„Es ist das Jahr 2015 und die Welt spendet Applaus
Doch worum es gerade geht, wissen wir selbst nicht so genau
Denn was hat sich verändert in den letzten 5 Jahren?
Also schauen wir uns die Scheiße doch mal an.

700.000 zahlt BMW der CDU
Plötzlich stimmt Frau Merkel neuen Abgas-Normen nicht mehr zu
Obama ist noch da und Guantanamo auch
Da wird schließlich nichts gemacht, außer viel Strom verbraucht
Die NSA hat seit Jahrzehnten Jeden abgehört
Und wir taten überrascht und waren ’ne Woche lang empört
Und dann flog Innenminister Friedrich rüber, alle horchten auf
Er kam wieder mit ’nem Zettel, da stand ‚Fuck you‘ drauf
Und Putin rennt durch Wälder und killt Bären zum Vergnügen
Und gibt grünes Licht, um Homosexuelle zu verprügeln
Gesetze werden über Nacht erlassen und diktiert
Doch die NPD zu verbieten ist sehr kompliziert.

So lange hier keine Sirenen erklingen
Keine Soldaten durch unsere Fenster springen
Keine Nachbarn nachts über Grenzen fliehen
Und unsere Kinder nicht mit Splittern von Grananten spielen
Ist das meilenweit weg, geht uns das gar nichts an
Denn das Fernsehen spricht wie immer nicht von diesem Land
Und wie jedes Jahr, am Silvesterabend
Trinken wir auf unser Leben unterm Tellerrand.

Das war noch lange nicht alles…
In Kairo und Kiew treibt man Menschen in die Enge
Polizisten ticken aus und schießen wahllos in die Menge
In Nordkorea ist ein großes Kleinkind an der Macht
Das ’nen Atomkrieg provoziert und denkt,
Es wär ’ne Kissenschlacht
Der Hunger in der Dritten Welt hat keine Relevanz
Aber wichtig sind uns Petitionen gegen Markus Lanz
Asylbewerberheime sind doch sicher, alles klar…
43 Anschläge, und das in einem Jahr.

So lange hier keine Sirenen erklingen
Keine Soldaten durch unsere Fenster springen
Keine Nachbarn nachts über Grenzen fliehen
Und unsere Kinder nicht mit Splittern von Grananten spielen
Ist das meilenweit weg, geht uns das gar nichts an.

Weil ja ein Einzelner nichts verändern kann
Da muss man dringend was tun, zumindest irgendwann
Es lebe das Leben unterm Tellerrand…“

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Eines ist klar: zeitgeistiger als auf dem Debüt von Adam Angst wird deutschsprachige Musik in diesem Jahr nicht mehr. Freilich begeben sich Felix Schönfuss und Band damit auf dünnes Eis, das die Texte spätestens dann zuzuschütten droht, sobald Markus Lanz, VOX und Merkel an Relevanz verlieren. Doch darum geht es während der knapp 40 Minuten ja im Grunde nicht. Vielmehr hält uns dieser Priester gewordene Beelzebub mit Fluppe im Anschlag den Spiegel vor, in dem alles Hässliche, alles Gemeine, alles Verabscheuenswürdige zum Vorschein kommt. Das ist ebenso wenig neu wie die Akkorde, die die Band dabei benutzt, und erinnert mal an Die Ärzte, Die Toten Hosen (lange, lange vor den heutigen Tagen… lange, lange, bevor die beiden Vergleichsbands satt, ideenlos und Konsens wurden), mal an Kettcar (die ähnliche inhaltliche Herangehensweise beim angetäuschten Tango in „Was der Teufel sagt“ zum Kettcar-Stück „Am Tisch“), mal an die Vorgängerband von Kettcar-Frontmann Marcus Wiebbusch, die noch immer schmerzlich vermissten, noch immer seligen …But Alive (von daher passt es übrigens hervorragend, dass das Adam Angst-Debüt ausgerechnet auf Wiebuschs Qualitätslabel Grand Hotel Van Cleef erscheint). Freilich kann man dank Schönfuss‘ Gesang dessen Vorgängerband Frau Potz, die sich, wie er wiederholt betont, lediglich in einer „Pause auf unbestimmte Zeit“ befinden, nie so ganz abschütteln, denn so weit vom angepissten Potz’schen Haudrauf-Punk steht auch Adam Angst nicht. Ob man die elf Stücke dann nun unter „Punk“ einsortiert oder nicht, ist im Grunde völlig egal. Denn der Teufel hat bekanntlich mehr Gestalten als nur die des abgeranzten vermeintlichen Sozialschmarotzers mit Lederkutte, zerrissenen Jeans, Hund in der einen Hand, Bierdose in der anderen, die Haare bunt und zum Mohawk frisiert. Manchmal versteckt er sich hinter Anzug und Krawatte, oder hinter dem debilen Grinsen des ach so freundlichen Nachbarn, der auf dem heimischen Rechner heimlich Kinderpornografie sammelt. Oder hinter der Robe eines Protzbischofs, bei dessen Arroganz einem das soeben Verdaute hochzukommen droht. Adam Angst ist angepisst. Adam Angst ist streitbar. Adam Angst ist purer Zeitgeist. Adam Angst ist viele. Die Frage ist: Wer bist du?

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Hier gibt’s den Albumtrailer, mit dem bereits im vergangenen November einiges an Vorfreude geschürt wurde…

 

…sowie die hervorragend umgesetzten Musikvideos zu „Ja, ja, ich weiß“…

 

…und „Professoren“:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

5 Gedanken zu „Das Album der Woche

  1. […] im März erschien, geben. Auch und gerade in einem Jahr, zu dessen Anfang bereits Adam Angst hervorragend bewiesen haben, wie zeitgeistige Gesellschaftsschelte im besten Sinne funktionieren kann. Denn wer angepisst […]

  2. […] kühn – und wie sich jetzt, im Oktober, herausstellt: auch vorausschauend – in meiner Review zum selbstbetitelten Album aus dem Fenster gelehnt: “Zeitgeistiger als auf dem Debüt von […]

  3. […] Gute dürfte in diesem Fall sein, dass das selbstbetitelte, im Februar 2015 erschienene Debütwerk von Adam Angst nichts, aber auch gar nichts von seiner zeitgeistig-zynischen Wirkung und […]

  4. […] Angst, anno 2015 mit ihrem selbstbetiteltem Debütwerk Lieferanten von ANEWFRIENDs „Album des Jahres„, sind – endlich, endlich! – […]

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