Bruce Springsteen & The E Street Band live im Olympiastadion, Berlin, 30. Mai 2012: Gottesdienst in Rock…


Der eigentliche Konzerthöhepunkt kommt ganz zum Schluss, im obligatorischen „Tenth Avenue Freeze Out“: nach der Textzeile „and the big man joined the band“ hält die Band unvermittelt in ihrem Spiel inne und auf der Leinwand werden Bilder des im vorigen Jahr an einem Schlaganfall verstorbenen Saxofonisten Clarence Clemons gezeigt – drei Minuten lang, und begleitet vom euphorischen, respektvollen Beifall des Publikums. Keine Frage, wo immer Clemons jetzt auch weilt, er wird stolz gewesen sein. Auf seinen Freund Bruce. Auf seinen Nachfolger aus eigenem Hause. Und auf seine Band.

Doch von Anfang an. Das Konzert von Bruce Springsteen und der E Street Band stand unter einem guten Stern: das Wetter war gut, da angenehm mild und regenfrei, die Plätze auf der Tribüne gegenüber der Bühne von oberster Güte und Preisklasse (wenn schon, denn schon!), die Stimmung vor der Konzert bestens. Mit gut 20-minütiger Verspätung sah man die schwarzen Vans ins Rund des Berliner Olympiastadions einfahren, hinter der Bühne halten, und schon kurz darauf betrat der „Boss“, vom Beifall des bunt gemischten Publikums, von dem ein Großteil mit ihm gealtert zu sein schien, begleitet, die Bühne und eröffnete sein 28 Songs starkes Set gleich mit einer Live-Premiere: einer Coverversion von „When I Leave Berlin“, einem Lied des britischen Musikers Witz Jones (einen Mitschnitt des Songs findet ihr unten). Doch ans Gehen brauchten weder Band noch Publikum für die nächsten gut drei (!) Stunden einen Gedanken verschwenden. Springsteen hatte, bis auf seine Frau Patti Scialfa, welche laut Aussage „zu Hause die Kinder hüten musste“, alle Mitglieder seiner E Street Band mit in die deutsche Hauptstadt gebracht: die Gitarristen Nils Lofgren und Steve Van Zankt (dieser trug natürlich das obligatorische Bandana über dem lichter werdenden Haupthaar!), Schlagzeuger Max Weinberg, die Geigerin Soozie Tyrell, Charles Giordano für die Tasteninstrumente (der ursprüngliche E Street Band-Pianist Danny Federici verlor 2008 nach 35 gemeinsamen Bandjahren seinen langen Kampf gegen eine Krebserkrankung), Background-Sängerinnen und Trompeten, Trombones – und am Saxofon Jake Clemons, der den „Big Man“, seinen bereits erwähnten Onkel Clarence Clemons, würdig mit Zurückhaltung und Respekt, jedoch ebenso virtuosem Spiel vertrat. Insgesamt 15 Musiker teilten sich an diesem Abend die Bühne.

Dem Einstieg folgten mit Songs wie „We Take Care Of Our Own“, „Wrecking Ball“ (ein Abgesang an das mittlerweile abgerissene Giants Stadium in Springsteens Heimatstadt New Jersey) oder „Jack Of All Trades“ vor allem Stücke aus seinem aktuellen Album, in das immer wieder Live-Favoriten wie „Badlands“, „Youngstown“ – dessen Live-Version mit einem wie entfesselt aufspielenden Lofgren einfach legendär ist – oder „Waiting On A Sunny Day“ eingestreut wurden. Und war der „Boss“ (der seinem Titel im positiven Sinne immer wieder alle Ehre macht) früher vor allem die nach Beifall und Befriedigung des Publikums dürstende Working Class-Rampensau, so scheint er mittlerweile – und spätestens seit dem 2002, kurz nach dem Anschlägen vom 11. September, veröffentlichten Album „The Rising“ – seine neue Rolle gefunden zu haben: er ist Mahner, Tröster, Heiler, bodenständiger Unterhalter, aufrechter Rock-and-Roller, und Anführer seiner musikalischen Familie. Das Tolle ist, dass man ihm all diese Rollen unumwunden abnimmt, das Abklatschen mit dem Publikum, die spontane Tanzeinlage mit der Sanitäterin im Bühnengraben, das Überreichen seines Mikros an einen kleinen Jungen aus dem Publikum zu „Waiting On A Sunny Day“, die Freude über den Refrain-Chor aus dem Rund, das obligatorische spontane Einstreuen von Publikumswünschen („Hungry Heart“, „Save My Love“…) anhand von hochgehaltenen Schildern von Fans in seine Setlist. Das alles ist dieser, in seiner US-amerikanischen Heimat fast gottgleich verehrte Mann, der all der Millionen verkauften Alben zum Trotz stets bodenständig und glaubhaft geblieben ist. Ein ehrlicher Rocker, der laut eigener Aussage seit seinem fünftzehnten Lebensjahr kaum etwas anderes gemacht hat als Songs zu schreiben und Abend für Abend auf der Bühne zu stehen. Und es ist erfreulich, dass die Ausflüge des aktuellen Albums in Hip Hop (!) und Gospel – vor allem den beeindruckenden schwarzen Background-Sängerinnen zum Dank – auch live gut gehen, und Springsteen die Heimatstätte von Hertha BSC zeitweilig gefühlt in ein Prediger-Seminar im US-amerikanischen Süden verwandelt – mit 58.000 Teilnehmern.

Danach folgte ein Marathon aus Evergreens aus seinem bestens gefüllten Backkatalog: „The River“! „Thunder Road“! „Born In The U.S.A.“! „Born To Run“! „Glory Days“! „Dancing In The Dark“! Alles Songs, die viele der Zuschauer an ihre eigene Jugend zu erinnern scheinen und wohl auch deshalb so frenetisch bejubelt werden. Alles Evergreens, die jedoch vor allem live, aufgrund des stets variierten Vortrags von Springsteen und Band, nie dazu kommen, Patina anzusetzen. Bereits wenige Songs vor Konzertende hängt der 62-jährige Bandleader ausgepowert am Mikroständer (man möge es ihm, der während der vergangenen Stunden von einem Bühnenende zu anderen gerannt ist und stets den Kontakt zu Publikum gesucht hat, vergeben), vor der Rock’n’Roll-Nummer „Seven Nights Of Rock“ liegt er nach Luft schnappend am Bühnenrand und muss sich von seinem Freund Van Zandt eine Wasserdusche per Schwamm gefallen lassen.

Nach gut drei Stunden – wobei dieser Abschluss der Deutschland-Tournee noch den kürzesten der drei Gigs darstellte, was jedoch bei der Länge nun wirklich Makulatur ist, dem bereits eingangs erwähnten würdigen Abschluss „Tenth Avenue Freeze Out“ und einer Verbeugung von beiden Seiten ist Schluss. Und alle verlassen zufrieden das Stadion. Der Boss und seine Band, die nun dem 1988er Auftritt in Ost-Berlin (!) eine weitere erinnerungswürdige Konzerterfahrung an die deutsche Hauptstadt haben dürften. Das Publikum, welches sich, ordentlich unterhalten, gerockt und immer noch in Jugenderinnerungen schwelgend, in alle Winde verteilte und das Stadion hinaus in den lauen Maiabend verließ.

Für meinen Vater und mich war es definitiv ein toller, ein besonderer, ein erinnerungswürdiger Konzertabend, sind wir doch beide langjährige Springsteen-Hörer und -Bewunderer. Und wie schieb er mir kürzlich: „Das mit dir zu genießen – einfach das Größte!!“ Recht haste, Vati!

Für so ein Erlebnis fährt man doch gern gut 1.400 Kilometer. Das war Stadionrock von Champions League-Qualität in einem Zweitliga-Stadion, präsentiert von einem Mann, der trotz (oder wegen?) seines Alters – vor allem live – nur immer zeitloser und besser wird. Solche Dinge sind schwer zu beschreiben, solche Dinge muss man einfach erleben. Danke, Bruce. Wir sehen uns in Dänemark.

Hier noch die komplette Setlist des Berlin-Konzerts…

01 – When I Leave Berlin (Soundchecked, Cover von Wizz Jones)
02 – We Take Care Of Our Own
03 – Wrecking Ball
04 – Badlands
05 – Death To My Hometown
06 – My City Of Ruins
07 – Spirit In The Night
08 – Hungry Heart (Request)
09 – Trapped (Request)
10 – Jack Of All Trades
11 – Youngstown
12 – Johnny 99
13 – Working On The Highway
14 – Shackled & Drawn
15 – Waiting On A Sunny Day
16 – Save My Love (Request)
17 – The River
18 – The Rising
19 – Lonesome Day
20 – We Are Alive
21 – Thunder Road

22 – Rocky Ground
23 – Born In The U.S.A.
24 – Born To Run
25 – Glory Days
26 – Seven Nights To Rock
27 – Dancing In The Dark
28 – Tenth Avenue Freeze Out

(Quelle: Germantramps)

…und der Mitschnitt von „When I Leave Berlin“:

 

Rock and Roll.

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3 Gedanken zu „Bruce Springsteen & The E Street Band live im Olympiastadion, Berlin, 30. Mai 2012: Gottesdienst in Rock…

  1. […] mit ins orangene Halbrund, wie noch wenige Wochen zuvor im Berliner Olympia-Stadion (ANEWFRIEND berichtete). Unnötig zu erwähnen, dass der Boss auch diesmal eine perfekte Show liefert (die Tracklist […]

  2. […] ein Jahr vor dem Konzert in Leipzig statt) im vergangenen Jahr zu berichten hatte, der kann dies hier und hier […]

  3. […] verneige mich vor einem meiner persönlichen Helden (den ich bereits das ein oder andere Mal live erleben durfte), und gratuliere zum Siebzigsten. Lang lebe der Boss! […]

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