Archiv der Kategorie: Musikvideo

Song des Tages: Josienne Clarke – „Slender, Sad & Sentimental“


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Draußen nähert sich der Winter mit Nebel, Sturm und Frost Tag um Tag ein Stückchen mehr, drinnen wärmt – jedenfalls steht’s zu hoffen – die Behaglichkeit einer dampfenden Tasse Tee oder eines flackernden Kaminfeuers. So in etwa funktioniert „In All Weather“, das neue Album von Josienne Clarke.

Wie der Albumtitel und Zeilen wie „I’ve given him my best years and he’ll never give them back“ schon vermuten lassen, geht es auf dem ersten Soloalbum der Singer/Songwriterin aus dem englischen West Sussex vor allem um eines: Stürmische Zeiten. Umso schöner ist es da, dass Clarke auf ihrem Break-Up-Werk der etwas anderen Art nicht nur deren Last besingt, sondern vielmehr davon, wie man durch schwierige Zeiten steuert, ohne sich dabei selbst zu verlieren.

josienne-clarke-in-all-weather-206186.jpgSo beginnt ihr jüngst nicht eben zufällig bei Rough Trade Records (dessen Vordenker Geoff Travis als Fan gilt) erschienenes Album mit „(Learning To Sail) In All Weather“, einer schwermütigen Ode an die eigene Stärke. Wer Clarke nicht schon vorher kannte, etwa von ihrem Projekt mit dem Gitarristen Ben Walker, wird im Instant-Verfahren von ihrer einnehmenden Stimme und deren charismatisch-dunklem Timbre in den Bann gezogen, die an eine Reihe ganz großer Folk-Damen von Sandy Denny über Joan Baez, Joni Mitchell, Gillian Welch oder Beth Gibbons bis hin zu Laura Marling oder Aldous Harding erinnert. Manchmal scheint es deshalb fast so, als würden die sehr filigranen Folk-Arrangements, welche die Worte wie ein harmonisches Meeresrauschen tragen, hinter Clarkes lyrischer und stimmlicher Kraft verschwinden. Gezupfte akustische und sanfte elektronische Gitarren, ein oft genug zurückhaltendes Schlagzeug, Harfen, Blockflöten, ein Rhodes Piano und nur selten elektronische Unterstützung wirken hier wie etwas Besonderes, aus den good ol‘ times. In Zeiten, in denen klassischer Folk oft trendbewussten Ausflügen ins Hipsteresk-elektronische unterliegt, setzt „In All Weather“ so einen Kontrapunkt und klingt in sich angenehm old fashioned.

Einzig in Stücken wie „If I Didn’t Mind“ oder „Slender, Sad & Sentimental“ weichen die vorsichtigen Klänge einem beinahe schon poppigen Folk-Rock-Sound. Der steht Clarkes eingängigem Songwriting, welches ihr wohl nicht grundlos 2015 den „BBC Folk Award“  einbrachte, jedoch ebenso wie der überwiegend ruhige Charakter der Platte. „In All Weather“ wurde auf der Isle of Bute, einer recht einsamen schottischen Insel produziert, auf die Clarke sich zurückzog, um nach ihrem Beziehungsaus ein neues Kapitel zu beginnen und Vergangenes hinter sich zu lassen. Und siehe da: In Songs wie „Host“, das sich nur anfangs besinnlich gibt, bevor die E-Gitarre geräuschvoll im Hintergrund anschlägt und sich Clarkes Sound von Joanna Newsom mehr in Richtung von Belle & Sebastian verschiebt, oder „Dark Cloud“ scheinen die Stürme und brandenden Wellen eines ebensolchen Eilands mitzuklingen. All das macht die Songs so authentisch, wie Folk nur sein kann. Sehr markant ist ihre spielerische Stimmführung, die trotz der großteils melancholischen Machart den Stücken – exemplarisch etwa „Slender, Sad & Sentimental“ – immer wieder ein fröhliches und positives Gewand verleihen und Clarkes gesangliche Größe nochmals in den Vordergrund rücken.

Obwohl die 13 präzise arrangierten, glasklar intonierten Stücke im Durchschnitt zwar nur knapp zweieinhalb Minuten kurz sein mögen (und damit im Grunde die „Radio-DIN“ bravourös erfüllen), scheint in den besten Momenten nichts zu fehlen. Der überschaubaren Spielzeit von 32 Minuten zum Trotz ist es – der Intensität jedes einzelnen Stücks sei Dank – fast eher erschöpfend, dieses vielversprechende erste Solo-Werk am Stück durchzuhören, gleichzeitig jedoch auch schön und bestärkend – Lieder wie das Wetter, Töne wie die See. Wohltuend und bedrückend schafft es Josienne Clarke auf ihrem durchaus kurzweiligen Album, dem Ergebnis eines persönlichen Sturms, einer privaten wie beruflichen Trennung, das weder Tradition noch Moderne negieren möchte, den Hörer zu fesseln und wieder loszulassen, auf zu neuen Ufern…

 

 

Rock and Roll.

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Klassiker des Tages: Straylight Run – „Existentialism On Prom Night“


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Erinnert sich noch jemand an Straylight Run? Bereits über eine Dekade ist es her, da galt die vierköpfige Band als eines der heißesten Eisen im Feuer des Indie-Emorocks – damals, 2004. Und wenn ich jetzt noch erwähne, dass anno dazumal noch nicht einmal studiVZ existierte, Facebook lediglich als Frühgeburt unter Mark Zuckerbergs (noch) klammen Informatiker-Fingerchen und Myspace oder illegale mp3-Tauschbörsen wie Napster gerade der heißeste Scheiß im noch spärlich bevölkerten Word Wide Web waren, dann sprießen dem Einen oder der Anderen sicherlich ein paar graue Härchen mehr, oder?

71Y+lyxSKiL._SX355_.jpgVor ein paar Tagen jedenfalls feierte Straylight Runs selbstbetiteltes Debütalbum 14. Veröffentlichungsgeburtstag. Darauf zauberten John Nolan und Shaun Cooper (seinerzeit frisch bei der Emorock-Vorzeige-Kapelle Taking Back Sunday ausgestiegen) sowie Nolans Schwester Michelle und Schlagzeuger Will Noon elf mal rockige, mal pianolastig-balladeske Gänsehaut-Hymnen aus den juvenilen Ärmeln, die genau in den musikalischen Zeitgeist irgendwo zwischen My Chemical Romance, Death Cab For Cutie, Jimmy Eat World, Hawthorne Heights oder der Counting Crows passten – Pop für Emo-Kids quasi, jedoch ohne peinlichen Kajal-Anstrich. Wie plattentests.de seinerzeit urteilte: „In einer gerechten Welt würden sämtliche Teenager die Platte kaufen und für die nächsten Jahre ihre schmerzende Adoleszenz mit der Musik von Straylight Run untermalen.“ Und selbst spiegel.de war „die Revolution der Niedlichen“ seinerzeit ein paar Zeilen wert.

Im Rückspiegel scheint es daher umso betrüblicher, dass Straylight Run keine längere Zukunft beschieden war. Nach dem drei Jahre darauf, 2007, erschienenen Nachfolger „The Needles The Space„, der sich noch ein ganzes stückweit mehr dem Pop zuwandte, sowie ein paar weiteren Mini-Alben-Lebenszeichen (zuletzt 2009 die „About Time EP„) wendeten sich John Nolan und Shaun Cooper wieder ihrer „alten Liebe“ Taking Back Sunday zu, während Michelle StreetCred-konform Dropkick Murphys-Bassist Jeff DaRosa heiratete (und daher heute dessen Nachnamen trägt) und etwas später beim Band-Projekt Destry (zu welchem zeitweise einmal mehr Shaun Cooper sowie Sam Means von The Format gehörten) letzte Indiefolk-Lebenszeichen sendete. Heute zeugt zwar noch ein Myspace-Profil auf seltsam nostalgisch-verstaubte Weise von einigen wenigen großen, ewig tollen Song-Versprechen [neben „Existentialism On Prom Night“ oder „Your Name Here (Sunrise Highway)“ sei auf jeden Fall noch das sich in Gigantomanie gegen Kriegslust wund stampfende „Hands In The Sky (Big Shot)“ von der feinen „Prepare To Be Wrong EP“ ans Hörerherz gelegt] des Quartetts aus dem US-amerikanischen Baldwin, New York. Straylight Run selbst sind jedoch längst nie wirklich aufgeblühte Emorock-Historie…

 

 

„When the sun came up
We were sleeping in
Sunk inside our blankets
Sprawled across the bed
And we were dreaming

There are moments when
When I know it ends
The world revolves around us
And we’re keeping it
Keep it all going
This delicate balance
Vulnerable, all-knowing

Sing like you think no one’s listening
You would kill for this
Just a little bit
Just a little bit
You would

Sing like you think no one’s listening
You would kill for this
Just a little bit
Just a little bit
You would, you would

Sing me something soft
Sad and delicate
Or loud and out of key
Sing me anything
We’re glad for what we’ve got
Done with what we’ve lost
Our whole lives laid out
Right in front of us

Sing like you think no one’s listening
You would kill for this
Just a little bit
Just a little bit
You would

Sing like you think no one’s listening
You would kill for this
Just a little bit
Just a little bit
You would, you would

Sing me something soft
Sad and delicate
Or loud and out of key
Sing me anything“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Fayzen – „Von ganz allein“ (feat. Clueso)


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Ganz schön was passiert im Leben von Farsad „Fayzen“ Zoroofchi, seit 2017 sein letztes, zweites Album „Gerne allein“ (dessen Songs ANEWFRIEND hier seinerzeit ein paar Zeilen widmete) erschien, oder?

Neben zig persönlichen Veränderungen entschied sich der Hamburger Pop-Singer/Songwriter mit Hang zu HipHop-ismen á la Max Herre oder Curse vor einigen Monaten explizit gegen ein Künstlerleben in engen Majorlabel-Tretmühlen und für mehr künstlerische Freiheiten. Meint: Der 36-jährige Musiker sagte seinem Label-Deal adé und startete via Startnext (s)eine eigene Crowdfunding-Kampagne, um seine nächsten kreativen Projekte direkt von seiner Fanbase finanzieren zu lassen, die im Gegenzug nicht nur sein neues Album (welches – laut Aussage – weder im Handel noch auf irgendwelchen Streaming-Plattformen zu finden sein wird), sondern auch exklusive Goodies von ihm direkt bekommen sollte – ein Weg, für den sich immer mehr kleine wie große Künstler von Amanda Palmer über Hannes „Spaceman Spiff“ Wittmer bis hin zu unlängst Ex-Wir sind Helden-Frontfrau Judith Holofernes entscheiden…

Wie er selbst schrieb:

„Liebe Freunde, es wäre unglaublich, wenn ihr mich dabei unterstützen würdet mein neues Album selber zu veröffentlichen. Auf direktem Wege – ohne ein Major Label dazwischen. Mein Traum ist es, die beste und echteste Musik zu machen, zu der ich fähig bin. Ungefiltert und ohne kommerzielle Zwänge. Falls wir hier erfolgreich werden, könnte ich mein neues Album, dank Eurer Hilfe, unabhängig von einem Großkonzern aufnehmen und veröffentlichen.“

Natürlich ist es für Fayzen selbstverständlich, dass er dem finanziellen Vertrauensvorschuss seiner über die Jahre erarbeiteten Hörerschaft (immerhin kamen per Crowdfunding stolze 37.134 Euro zusammen) auch Ergebnis-Taten folgen ließ: Zunächst erschien im Oktober mit „Dennis aus Marseille„, einer flotten Spoken-Word-und-Akustikgitarren-Nummer, in der Fayzen über einen alten Schulfreund und dessen Lebensweg erzählt, ein erster Höreindruck, dieser Tage stellte der labelbefreite Musiker den ersten Bestellern sein neues Album „1000 Geschenke“, welches wiederum nach dem – auch auf dem Cover abgebildeten – kleinen Geschäft meiner Eltern in Hamburg benannt ist, in Aussicht (und wer Interesse hat, der kann’s hier noch bestellen).

FAYZEN-feat-CLUESO-Von-ganz-alleinUnd auch der nächste Auszug aus Fayzens dritten Langspieler tönt recht formidabel: Für „Von ganz allein“ hat sich der Hamburger sogar prominente Feature-Unterstützung in Persona von Clueso ins musikalische Boot geholt. Im gemeinsamen Song erzählen beide von der Kindheit, dem schleichenden Verlust der Unschuld (und wie schwer es manchmal ist, sich diese zu bewahren), von Freiheitsgefühlen damals wie heute, aber auch von Alltagsdepressionen – während im Musikvideo, welches einmal mehr ebenfalls via Crowdfunding finanziert wurde, bekannte Gesichter wie Rapper Kool Savas, Youtuber Simon Will, Indie-Musiker Romano oder Kunst-Freigeist Fynn Kliemann auftauchen (nebst Fayzen und Clueso, freilich).  Mit dem Stück beweist Fayzen einmal mehr, dass seine Art, Geschichten aus dem Leben in eine Melange aus Pop-Liedermachertum und lose gedachten HipHop zu verpacken, selbst in der an talentierten Indie-Musikern nicht eben armen deutschen Musiklandschaft recht einzigartig ist.

Manchmal sollte man eben loslassen, um neu anzukommen… 👍

 

 

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Rock and Roll.

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Song des Tages: Smith & Burrows – „When The Thames Froze“


Smith & Burrows / Funny looking Angels

Auf den ersten Blick sind sie ein recht ungewöhnliches Gespann: Tom Smith, hauptberuflich Frontmann der Editors, und Andy Burrows, ehemals Mitglied von Razorlight und We Are Scientists. Zumal sich die beiden Freunde vor einigen Jahren dazu entschlossen haben, ein Weihnachtsalbum titels „Funny Looking Angels“ aufzunehmen und denn auch gleich – wenn schon nicht „funny“ dreinblickend – mit Engelsflügeln auf dem Cover der Platte zu posieren.

Ebenjenes “Funny Looking Angels” enthält zehn Songs, die – und das wohl nicht ausschließlich und allein für mich – seit nunmehr acht Jahren eine wunderbare Alternative zu verstaubten, totgespielt-kitschigen Weihnachtsliedern à la “Last Christmas”, „All I Want For Christmas Is You“ oder „Driving Home For Christmas“ bieten. Und wie es unter Freunden üblich ist, wurden auch zwischen Tom Smith und Andy Burrows die Zuständigkeiten geteilt und jeder darf mal die Leadvocals übernehmen. Trotzdem dürfte es keine allzu große Überraschung darstellen, dass dabei vor allem die Songs mit Smith am Mikro zu überzeugen wissen, schafft er es doch, die düstere Editors-Romantik (explizit die der Anfangsphase der Band aus dem englischen Birmingham, die der Electro-Kitschpop-Atmosphäre der letzten Werke doch um Einiges überlegen scheint) auch auf (s)ein etwas anderes Weihnachtsalbum zu übertragen.

5051083061230Das besinnliche und doch klagende “When The Thames Froze” beginnt mit den Worten “Goddamn this snow, will I ever get where I wanna go?” und schwingt sich mit weiteren lakonischen Textzeilen schnell zum ersten Highlight der Platte auf. Ähnlich stark ist auch “This Ain’t New Jersey”, in dem Smith den milde gestimmten Geschichtenerzähler gibt. Von den Coverversionen, die sich das Duo fürs gemeinsame Festtagsalbum vorgenommen hat, sticht Blacks “Wonderful Life” heraus, dem der Editors-Vorsteher mit seinem dunklen Bariton-Timbre eine ganz neue Dimension verleiht (und am Ende wohl etwas zu weit in frostigen Akustikgothic überführt). An Yazoos “Only You” arbeitet sich – ebenso wie beim Titelstück, welches im Original von der hippiesken Britpop-Band Delta stammt – dann Andy Burrows mit zuckriger Kopfstimme ab, bei “The Christmas Song” wirkt die wundervolle Dänen-Sirene Agnes Obel mit. Ebenfalls neu interpretiert: Gustav Holsts „In The Bleak Midwinter“ oder die Longpigs-Hymne „On And On„. Winterliche Gefühle kommen auch beim Instrumental „Rosslyn“ oder dem an Elliott Smith’sche Glanzlichter gemahnenden Folk-Charmeur „As The Snowflakes Fall“ auf – man scheint förmlich den ersten Schnee zu spüren, der dampfend auf der herausgestreckten Zunge schmilzt.

Wer bei “Funny Looking Angels” ein weiteres *gähn* langweiliges Weihnachtsalbum erwartet hat, dürfte von den (leider) gerade einmal gut 35 Minuten angenehm überrascht werden, denn Tom Smith und Andy Burrows bieten allen Bublé-zu-schalem-Glühwein-Geschädigten eine liebevolle Platte, die auch den weltgrößten Festtagsmuffeln unter den Musikfans gefallen dürfte. Schöne, dezent melancholische Folk-Pop-Songs mit weihnachtlichem Bezug, wenig Bombast, kein sülzig-süßlicher Kinderchor, kein nervig-pastorales Glockengebimmel… Eine ruhige und auch etwas besinnliche Platte für kalte Tage und fürs Jahresende, die sich das großartig Kitschige oder übermäßig Sentimentale spart. Da hängt wohl selbst der größte Grinch satt leuchtende Mistelzweige auf.

 

Hier gibt’s das Musikvideo zu „When The Thames Froze“…

 

…sowie den Song noch einmal in einer kaum minder tollen Live-Session-Variante:

 

„Goddamn this snow
Will I ever get where I wanna go?
And so I skate, across the Thames
Hand in hand, with all my friends

And all the things, that we planned
My son’s eyes in the outline of his hand
And even though I hate the cold
Constant reminder that I’m getting old
Another year draws to its close
Entire London slows
When I dream tonight, I’ll dream of you
When the Thames . . . froze

Goddamn this government
Will they ever tell me where the money went?
Protesters march out on the street
As young nerds sleep amongst the feet

Another year draws to its close
Entire London slows
When I dream tonight, I’ll dream of you
When the Thames froze

So tell everyone
That there’s hope in your heart
Tell everyone or it will tear you apart
The end of Christmas day
When there’s nothing left to say
The years go by so fast
Let’s hope the next beats the last

So tell everyone that there’s hope in your heart
And tell everyone or it will tear you apart
The end of Christmas day
When there is nothing left to say
The years go by so fast
Let’s hope the next beats the last…“

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Greet Death – „You’re Gonna Hate What You’ve Done“


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„Long days leave me weak and strange…“

Jahreszeiten wie Herbst und Winter können einem mit ihren immer kürzer werdenden trüben Tagen und ihrem nasskalten Sauwetter schon mächtig aufs Gemüt schlagen, keine Frage. Wohl dem, der alledem wenigstens den passenden Soundtrack entgegen setzen kann. Seit drei Dekaden da die nahezu perfekte Wahl: „Disintergration“ von The Cure. Und wer Robert Smith und seinen Düsterjungs doch einmal eine Pause gönnen mag, für den hat ANEWFRIEND einen (noch) echten Geheimtipp in petto: Great Death.

„Here comes the sun
Here comes the shit again
I don’t get off
I just get broken
Here comes the dark
To cut me open and
Collect my heart
And crush it slowly…“

a1955014042_16Relativ schnell wird offensichtlich, dass das Trio aus Flint, Michigan sich wohl einen regelrechten Spaß daraus macht, seine Hörer mit allerlei falschen Finten an der Vorurteilsnase herum zu führen, denn nicht ohne Grund benannten Logan Gaval, Sam Boyhtari und Jim Versluis ihr 2017 erschienenes Debütwerk „Dixieland„. Doch höre da: ebenjenes hatte so viel mit New Orleans-Jazz und Ragtime am musikalischen Hut wie Great Death – Bandname hin (diesen haben die drei wohl einem Stück der Post-Rock-Größen Explosions In The Sky entliehen), Bilder vorm geistigen Auge her – mit sinistrem skandinavischem Black Metal. Vielmehr vermengt das junge Dreiergespann aus der ehemaligen „Vehicle City“ der US of A in seinen Songs Musikstile wie Sadcore, Shoegaze, Grunge, Emo, Sludge, Doom, Indie Rock, Post Hardcore oder Americana (was ja an sich bereits ein feines Wagnis darstellen dürfte) zu einem faszinierenden, meist ausladenden Ganzen. Und was Great Death mit ihrem Debütwerk vor zwei Jahren bereits ein paar wohlwollende Szene-Kopfnicker einbrachte, dürfte sich nun, mit dem kürzlich veröffentlichten zweiten Album „New Hell“ (allein der Titel sowie das dazugehörige Coverartwork – noch so ein paar herrliche, potentiell falsche Finten!), zu einem späten Kandidaten für alle „Album des Jahres“-Listen entwickeln…

„I think I might go for a swim
Under the lake, where the cold lives
And shiver while the factory flames
Dance like specters by the highway…“

a1499276749_16Denn die neun Songs des neuen Langspielers machen nicht nur genau dort weiter, wo viele der Stücke von „Dixieland“ Versprechungen auf Großes hinterlegten, sie übertreffen sie teilweise sogar. Man nehme etwa „Do You Feel Nothing?“ oder „Entertainment„, welche tönen wie die besten Momente vergangener Smashing Punpkins-Großtaten oder der letzten beiden Pianos Become The Teeth-Werke „Keep You“ und „Wait For Love“ (und wer weiß, wie sehr gerade ich diese mittlerweile ins schwermütige Herzchen geschlossen habe, dürfte erahnen, dass ich da nicht leichtfertig Komplimente wie dieses verteile). Oder „Let It Die„, das sich mit einer Akustischen bewaffnet einen melancholischen Moment wie weiland Mark Kozelek und seine seligen Red House Pointers gönnt. Oder Songs wie „Strange Days“ und „Strain„, die das Wechselspiel aus Laut und Leise, Indie Rock-, Shoegaze- und Doom Metal-Passagen mit am besten auf den Punkt bringen. Zweifellos das größte Highlight auf „New Hell“ dürfte jedoch der kathartische Neunminüter „You’re Gonna Hate What You’ve Done“ sein, bei dem sich Logan Gaval und Sam Boyhtari die Gesangscredits teilen (Marke: Brian Molko meets Morrissey), während sich der Song so langsam aber sicher von einer schwermütigen Sadcore-Nummer in einen wahren Rock-Rausch steigert, welcher selbst vor einem ausladenden Gitarrensolo nicht Halt macht.

„Embracing the final glimpse of a blood-red moon
Well, lately I’ve been treating with the devil in blue
Well, maybe if he cuts me loose I’ll get my days in hell back too
Maybe I’ll keep dreaming if I’m dreaming of you…“

Obwohl „New Hell“, Great Deaths so unerwartet wie unverhofft grandios mit schwerem Herzen daher rockender zweiter Albumstreich, stellenweise recht introspektiv und keineswegs leichter Tobak ist, wurde schöner länger nicht mehr in aschfahl schimmernden Herbstdepressionsgewässern gebadet. Sollte man gehört haben! 🖤

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Kettcar – „Landungsbrücken raus“ (live)


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Die Band betritt die Bühne, die Menge tobt, hebt die Gläser (oder eben Bierbecher): Kettcar stoßen auf die vergangenen zwei Jahre an. „…und das geht so„, nach dem 2010 veröffentlichten „Fliegende Bauten“ das zweite Live-Album der fünfköpfigen Indierock-Band, setzt einen Schlussstrich hinter den erfolgreichsten Release-Zirkel der 18-jährigen Bandgeschichte und entlässt die Hamburger zunächst und demnächst wieder in eine wohlverdiente gemeinsame Kreativpause. „Wir haben schlicht und einfach gesehen, wie gut uns das letztes Mal getan hat“, wie die Band zu ihrem Entschluss schreibt. Vor dieser Auszeit touren Marcus Wiebusch und Mannen natürlich im kommenden Jahr noch ein vorerst letztes Mal durch Deutschland. Und das geht so…

Als „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)“ im warmen August 2017 erschien, füllten Kettcar nach fünf Jahren Pause einmal mehr, einmal öfter das große unpolitische Loch im deutschsprachigen Allen-gefallen-bloß-nirgendwo-anecken-Pop-Zyklus, das sich in der letzten Dekade nach und nach aufgetan hatte. Die klare Haltung des dazugehörigen (fünften) Albums „Ich vs. Wir“ und die nahezu cineastische Auseinandersetzung mit komplexen politischen Sachverhalten traf zielgenau den Zeitgeist zwischen Ost und West, zwischen Flüchtlingswelle und tumbem AfD-Proteslertum. Klare Sache: Für genau diesen Sound und diese Botschaften gab es eine Zielgruppe. Kein Wunder also, dass die Band in den folgenden Monaten ihre bislang größten Konzerte spielen durfte, die dann – erfreulicherweise – auch noch nahezu ausnahmslos Ausverkauf vermeldeten. Diese gelungene Wiedergeburt feiert man nun mit (s)einem fast zwei Banddekaden umspannendem Quasi-Best-Of-Live-Album. Ebenjenes hört auf den simplen Titel „…und das geht so“ – wie sollte es auch sonst sein, schließlich nutzt Frontmann Wiebusch diese vier Worte ein ums andere Mal, um die Songs zu starten – und folgt der simplen Formel, an der sich auch die Konzerte der Band seit eh und je orientieren: No Bullshit, Leute. Was zählt, ist die Musik.

717nbCc0ywL._SY355_Ohne Frage: Kettcar und deren Kunst, die bei der songschreiberischen Klasse beginnt und nie wichtige Botschaften außer Acht lässt, stehen auf „…und das geht so“ ganz klar im Vordergrund. Nur für wenige Passagen gibt Marcus Wiebusch den Gesangspart an die meist textsichere Menge weiter, die das neu entstandene Vakuum stets mit Freuden füllt. Ansonsten lauscht der Zuhörer 21 Songs und gut eineinhalb Stunden lang vorrangig der Band, die fantastisch klingt und jede ihrer kreativen Schaffensphasen abarbeitet. Die fetten Passagen – die Ausbrüche von „Money Left to Burn“, „Kein Außen mehr“, „Landungsbrücken raus“ oder das von Wiebuschs 2014 erschienenem Solo-Debüt „Konfetti“ stammende „Der Tag wird kommen“ – knallen so, wie es sich gehört, schließlich kommen gerade Marcus Wiebusch und Bassist Reimer Bustorff aus der deutschen Punk-Szene, spielten sich vor Kettcar in legendären Szene-Bands wie …But Alive oder Rantanplan die Ärsche in kleinen Indie-Schuppen wund. Und auch die ruhigen Momente wie beim Pärchen-Kuschel-Favoriten „Balu“ oder dem ruhigen Outro von „Den Revolver entsichern“ können sich voll entfalten. Das liegt gerade auch an einem dreiköpfigen Bläser-Ensemble (Philip Sindy an Trompete und Flügelhorn, Sebastian Borkowski an Tenor-Saxophon und Altflöte sowie Jason Liebert an der Posaune), das das Hamburger Quintett mit im Gepäck haben und das den Kettcar-Sound passend zur Feierlichkeit im Bombast aufgehen lässt.

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Punkten Kettcar bereits mit ihrem reinen Fokus auf das Wesentliche, so lassen natürlich seit jeher auch die vielen kleinen Ansagen und Anekdoten die Band in charismatisch-sympathischen Licht erscheinen. Die reichen von ernst gemeinten menschlichen Politik-Kampfansagen („Humanismus ist nicht verhandelbar“) über etwas durch den Wind wirkende Danksagungen Bustorffs bis hin zu Erzählungen von der Esso-Tankestelle an der heimatlichen Reeperbahn sowie vergangenen Auseinandersetzungen mit Major-Label-Angestellten („Wir machen, was wir wollen!“). Das bodenständige Image Kettcars, deren Veröffentlichung ihres Debütalbums „Du und wieviel von deinen Freunden“ anno 2002 auch den Startschluss zum bis heute erfolgreichen Indie-Label Grand Hotel Van Cleef gab, verfestigt sich dadurch nur weiter. Da darf man freilich auch mal ausgiebig auf die eigene Hochphase anstoßen und den vergangenen Jahren mit einem formidabel tönendem Live-Album die Krone aufsetzen. Dass die Platte vor allem als kleines Dankeschön an alle Fans der Band gedacht ist, die von den Studioalben des Indierock-Quintettes nicht genug bekommen (und wohl hier auf hohem Niveau bemängeln werden, dass eine Song-Großtat wie das Niels Frevert-Duett „Am Tisch“ hier fehlt), geht natürlich völlig in Ordnung, beweisen Kettcar hier doch einmal mehr eindrucksvoll, dass sich Humor und Ernsthaftigkeit, satte Akkorde und erhobene Zeigefinger keineswegs im Weg stehen müssen.

 

 

— Kettcar live 2020 —

25.01. – Braunschweig, Staatstheater
26.01. – Düsseldorf, Stahlwerk
27.01. – Nürnberg, Z-Bau
28.01. – München, Muffathalle
29.01. – Mannheim, Capitol
30.01. – Dresden, Schlachthof
31.01. – Bremen, Pier 2
01.02. – Lübeck, MuK

 

Rock and Roll.

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