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Die Höchste Eisenbahn, Desiree Klaeukens & André Baldes im Musikbunker, Aachen, 11. Februar 2014: Ganz alltägliche Charmegranaten…


Die Höchste Eisenbahn

Die Tücken des Tourneealltags… Da kommt Francesco Wilking, die eine singende Frontmannhälfte der Höchsten Eisenbahn, einmal zu spät zum Soundcheck des Tourstopps im Aachener Musikbunker, und dann das! Weder ist ihm klar, wo zum Teufel sich denn der richtige Eingang befindet (ich kenne das Problem, ging es mir doch vor einigen Monaten als Besucher kaum anders), noch trifft er jemanden an, der ihn herein lässt. Auch die bereits wohl emsig probenden Bandkollegen Moritz Krämer, Felix Weigt und Max Schröder kann er telefonisch nicht erreichen (Handyempfang vs. Bunkerkatakomben – keine gute Paarung!). Nur durch Gevatter Zufall gewährt im ein Hausmeister Eintritt. Und der weiß darauf nicht einmal, wo im Gelände denn für gewöhnlich die Konzerte stattfinden (!). Um eines vorweg zu nehmen: Am Ende hat Wilking seine Band dann doch noch gefunden…

Wohlmöglich mag das der Grund für die leichte Verspätung gewesen sein? Und auch die Reihenfolge der drei angekündigten Bands scheint irgendwie durcheinander geraten zu sein. So betritt nicht der als „Lokalmatador“ agierende Aachener Musiker André Baldes als Erster die Konzertbühne, sondern Desiree Klaeukens. Am Ende ist dieser Tausch jedoch keine so schlechte Wahl, denn müsste man die Songs der Wahl-Berliner und gebürtigen Duisburger Liedermacherin mit wenigen Worten beschreiben, so würden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit folgende Begriffe besonders oft fallen: zart, anschmiegsam, herzwarm und unaufdringlich. Und in der Tat benötigt die Endzwanzigerin einige der etwa dreißig Auftrittsminuten, um mit dem anwesenden Konzertpublikum – bis zum Ende des Abends ist der Raum gut gefüllt – warm zu werden. Bei den ersten Stücken ihres kürzlich erschienenen Debütalbums „Wenn die Nacht den Tag verdeckt“ blickt Klaeukens meist ein wenig verschüchtert zu Boden, sucht Orientierung beim mitgereisten Gitarristen (normalerweise hat sie deren zwei dabei, nur heute eben nicht, da der andere „arbeiten musste – mit Musik verdient man ja heutzutage kein Geld mehr“, wie sie nur halb scherzhaft zugibt) und taut er langsam auf. Dann jedoch erzählt sie kleine Anekdoten über die Songpräferenzen des älteren Teils ihres Konzertpublikums (die mögen das Stück „Züge“ wohl, weil es so „schön schunkelig“ sei), von der kürzlichen Heimat-Stippvisite bei ihren Eltern in Duisburg oder den unverschämten Wucherpreisen ihres Albums beim Onlinehandelsriesen mit dem „A“. So oder so – am Ende hat Desiree Klaeukens, zu deren Fans, den formidablen Reviews des „Spiegel“ oder „Musikexpress“ nach zu urteilen, nicht nur die bundesdeutsche Musikpresse, sondern auch bekannte Musikerkollegen wie Niels Frevert, Tom Liwa oder Gisbert zu Knyphausen zählen, die anwesenden Studenten und Pärchen, aber auch die grau melierten Besucherteile scheinbar von sich überzeugt. Selbstbewussteren Auftritten der gelernten KfZ-Mechanikerin (!) sollte also nicht im Wege stehen – schon gar nicht die Qualität ihrer Songs, in denen sie mit einer Menge sprödem Charme von den kleinen und großen Dingen im Leben, vom zähen Ringen mit der Liebe und von unausweichlichen Abschieden erzählt. Auch André Baldes macht nicht all zu viele Worte um seine Musik. Muss er auch nicht. Gemeinsam mit seinem Bassisten und Schlagzeuger lässt er, der sich auf seiner Homepage nicht eben unzutreffend als eine „Mischung aus Dave Matthews, Damien Rice und Clueso“ inklusive „einer markanten Stimme und intelligenten deutschsprachigen Texten“ beschreibt, die Stücke seines vor wenigen Monaten veröffentlichten Albumdebüts „Vorhang und Statisten“ für sich sprechen. Zwar fehlt da und dort noch der vielbeschriebene „zündende Funke“ zum Erfolg, insgesamt jedoch können sich Baldes und seine Musik durchaus hören lassen.

Gegen 22.30 Uhr ist es dann aber Zeit für die Hauptband des Abends, Die Höchste Eisenbahn. Wie Desiree Klaeukens und André Baldes veröffentlichte auch das Berliner Quartett vor wenigen Wochen sein Debütwerk „Schau in den Lauf Hase„. Dabei sind Francesco Wilking (als Frontmann der Indiepopper Tele und solo), Moritz Krämer (solo), Felix Weigt (als umtriebiger Multiinstrumentalmusiker für Kid Kopphausen oder Lena Meyer-Landrut) und Max Schröder (unter anderem bei Tomte, als „Olli Schulz & Der Hund Marie“, nur als „Der Hund Marie“ oder unter eigenem Namen und dem Zusatz „& Das Love“ musizierend) freilich alles andere als grünschnäblige Newcomerkücken. Gut, klar – das ließe sich bereits an ihrem Äußeren vermuten, das mal munter verschlurft im Norwegerpulli und RUN DMC-Shirt (Wilking), mal mit norddeutsch adretten Cardigan-Flair (Weigt), mal mit holzbehauenem Fünfeinhalb-Wochen-Bart (Schröder) oder als unscheinbare grau verhuschte-verspulte Pulli-Maus (Krämer) daher kommt. Doch schon nach dem Setlist-Einstieg mit dem Krämer-Song „Aliens“ wird klar: Die Vier muss man einfach mögen! Dabei zieht die Band gar keine große Show ab. Im Gegenteil: Die Höchste Eisenbahn wirkt auch auf der Bühne so herzlich normal und unaffektiert, dass man fast meint, man wäre Gast bei einer ihre Proberaum-Sessions. Dabei ziehen die vier Musiker ihre, neben dem kiloweise vorhandenen Charme, wohl größte Trumpfkarte, ihre Professionalität, aus dem Ärmel, würzen mit dieser jedes gespielte Stück nach, bis es um ein Vielfaches besser und homogener als auf Konserve klingt (und dabei war das, was man da hören konnte, schon nicht von schlechten Eltern!), wechseln munter zwischen den Instrumenten hin und her (bis auf Schröder, der fest hinterm Drumkit klemmt) und garnieren die Pausen zwischen den Songs mit amüsanten Unterhaltungen, bei denen jedoch jeder seinen festen Platz zu haben scheint: Weigt als Animateur aus dem Hintergrund, Wilking als Band-Regisseur, Krämer als stiller Kommentator und Schröder als lauschende Stimme aus dem Off. Auch das Publikum wird mit Refrain-Gesängen bei „Was machst du dann“ eingebunden, darf zum großen „Raus aufs Land“ träumend die Lippen bewegen, das tierische Ratespiel aus „Isi“ weiterspinnen, bei „Allen gefallen“ erleben, wie die Band die Synthesizerflächen der Albumvariante durch deutschpoppende Postrock-Wände á la Casper (of „XOXO“-Fame!) ersetzt oder den regulären Abschluss „Die Uhren am Hauptbahnhof“ – samt der auf Italienisch gesungenen Passagen von Francesco Wilking! – noch minutenlang nachklingen lässt. Nach 90 Minuten und „Der Himmel ist blau“ (von der 2012 erschienenen „Unzufrieden EP„) als letztem Zugabenstück ist Schluss. Bis dahin hatte die Höchste Eisenbahn freilich fast alle bislang gemeinsam geschrieben Lieder zum Besten gegeben – ist doch Ehrensache!

(An dieser Stelle sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der an diesem Abend anwesende und zuständige Tontechniker selbst für die nicht eben schlechte Akustik des Musikbunkers einen ganz ausgezeichneten Job gemacht hat, was nur noch mehr zu einem rundum gelungenen Konzertabend betrug… Danke.)

Tour 2014

 

 

Konzertimpressionen? Bekommt ihr hier:

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Hier kann man sich die Musikvideos zum „Eisenbahn“-Song „Was Machst du dann“…

 

…und das zu Desiree Klaeukens‘ Lied „Warm in meinem Herz“ (welches bei Gefallen aktuell sogar hier zum kostenlosen Download bereit steht) anschauen:

 

Rock and Roll.

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Herrenmagazin live im Musikbunker, Aachen, 31. Oktober 2013: Vom Ton, der Stille und den Gespenstern…


Herrenmagazin - Pressefoto Straße by nina stiller

Ein Konzert am All Hallows‘ Eve? Wer spielt? Die im Rückspiegel leidlich lustig wirkende Schockrock-Kröte Alice Cooper, dessen Neunziger-Jahre-Update Marilyn Manson (dessen Karikatur sich mittlerweile ebenfalls selbst überholt haben dürfte), meinetwegen auch das leblose Popmusikmarketinggesamtkunstwerk Lady Laga oder – wer’s platter und mit höherem Gossip-Faktor mag – das so pussierlich wie krampfhaft und verzweifelt gegen ihr einstiges Disney-Image ankämpfende Sternchen Miley Cyrus wären da durchaus passend… Aber Herrenmagazin?
Glücklicherweise schert sich das aus dem norddeutschen Hamburg stammende Quartett wohlmöglich wenig um irgendwelche irischen Bräuche, und so dürfte wohl am ehesten der planmäßige Zufall des Tourneeablaufs Deniz Jaspersen (Gesang, Gitarre), König Wilhelmsburg (Gitarre), Paul Konopacka (Bass, Gesang) und Rasmus Engler (Schlagzeug, und bitteschön in keinerlei Verwandtschaft zum sagenumwogenen Pur-Frontmann Hartmut Engler stehend) samt Instrumenarium in die Katalomben des Aachener „Musikbunkers“ gespült haben. Glücklicherweise hatte sich die seit 2004 gemeinsame Sache machende Band den kleinsten der Bunker-Konzerträume für ihr insgesamt zweites Aachen-Gastspiel (der letzte Besuch fand vor zwei Jahren statt) ausgesucht, in dem die Ein-Mann-Vorband EAIS (aka. der ebenfalls aus Hamburg mitgereiste Julian Schäfer, der im Anschluss praktischerweise den Merchstand betreute) pünktlichst kurz vor 21 Uhr begann, das allmählich zahlreicher aus der abendlichen Herbstluft hereinströmende Publikum mit seiner melancholischen Indie-Folktronica warm zu spielen. Schön anzuhören, das Ganze – doch trotz markanter, recht angenehmer Stimmfarbe nutzte sich die mal mit Elektronikloops und -schleifen, mal mit Gitarrenakkorden versetzten Stücke Schäfers während seines halbstündigen Sets, im Zuge dessen Herrenmagazin-Stimme Jaspersen sogar schon einmal als Gastsänger glänzte, doch etwas schnell ab…

Herrenmagazin

Dann jedoch: Herrenmagazin! Sie bahnten sich ihren Weg durch den mit vielleicht 50, vielleicht 60 Besuchern bereits pickepackevollen kleinen „Bunker“-Saal, griffen sich ihre Instrumente – und nahmen bereits mit dem Eröffnungsstück „Erinnern“ das Publikum im Sturm. Zugegebenermaßen: Die anwesenden Damen und Herren, die dem Anschein nach vom Bankangestellten bis zum Rockfan mittleren Alters (sogar einige Leute aus den benachbarten Niederlanden waren – deutschsprachigen Texten zum Trotz – angereist), vor allem jedoch aus der örtlichen AJZ-Stammkundschaft akquirierten, machten es Deniz Jaspersen & Co. auch wahrlich leicht – beinahe jede Textezeile wurde der Band lauthals entgegen geschrien, die vorderen Reihen tanzten und hüpften ausgelassen, bevor die feuchtfröhlichen Bierpunks eine kurze Pogo-Einlage in der Mitte des Publikums starteten. Eigentlich schon komisch, so eine Stimmung bei einer Band, die seit Erscheinen ihres Debüts „Atzelgift“ vor fünf Jahren mit pinkfarbenem Hamburger Schule-Indierock und Textzeilen wie „Ich glaube daran, dass alles vorbeigeht / Ich glaube, dass sich die Waage hält / Ich glaube ja doch an die Hoffnung / Aber nicht an eine bessere Welt / Ich glaube an das schlechte Gewissen / Ich glaube an den Untergang / Ich glaube, man sollte über alles lachen / Worüber keiner lachen kann“ („In den dunkelsten Stunden“), „Die Träume, die Du sammelst, sind nur Müll / Doch das merkst Du nicht“ („Geröll“) oder „Deine Gedanken sind lebhaft / So wie Frösche im Sprung / Doch bleibt ihre Heimat / Ein stinkender Sumpf“ („Frösche“) als zum Meckern und Ankreiden neigendes Sympathenkollektiv von sich Reden macht – muss wohl diese viel beschworene juvenile „Verbrüderung gegen den Rest der Welt“ sein… Jaspersen und seine drei Bandkumpels jedenfalls liessen sich ohne Umschweife von der guten Aachener Laune anstecken, grinsten in einer Tour einander an und zurück ins Publikum, überbrückten mit herrlich unbeholfen ins Nirgendwo laufenden Kommentaren etwaige Instrumentstimmpausen – und machten vor allem eines: sie rockten! Denn egal, ob nun gerade ein Song vom Debütalbum, vom Nachfolger „Das wird alles einmal dir gehören“ (2010) oder vom neusten, diesen März veröffentlichten Werk „Das Ergebnis wäre Stille“ anstand – die Stücke kamen durchgängig mit einem Tick mehr an Spielfreude, Verve und Energie aus den Boxentürmen. Nur, damit wir uns nicht falsch verstehen: Keines der drei Alben ist an sich schlecht oder lahmarschig in der Hüfte – nur steht diese rohe, präzise auf Indie-Kellerclub getrimmte Präsentation Stücken wie „Krieg“ oder „In toten Hügeln“ eben tausendmal besser als das letztendlich doch kalt abgemischte Studioambiente… Die Band jedenfalls war sichtlich stolz auf ihren „fünften Mann“, der sich als überraschend textsicher erwies und Herrenmagazin nach etwa 70 Minuten von der Bühne verabschiedete. Und siehe da: In der Mitte des Konzerts, beim Song „Gespenster“, bekam der Auftritt doch noch seine unverhoffte Halloween’sche Berechtigung: „Die Kadaver auf den Seitenstreifen / Und Gespenster in den Autos / Die ganze Welt gepflastert mit Leichen / Wir steigen drüber und lachen laut los…“

Tour 2013

 

 

Konzertimpressionen? Bekommt ihr hier:

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Und da Töne immer noch mehr sagen als tausend wirre Worte, gibt’s hier die Musikvideos zu „Frösche“…

 

…und „Landminen“, welche beide auf dem aktuellen Album „Das Ergebnis wäre Stille“ zu finden sind:

 

Wer gern wissen möchte, wiezurhölleverdammich denn Herrenmagazin im rein akustischen Gewand klingen würden, der sollte mal eben hinüber zu TV Noir wechseln, denn im Rahmen der Konzertreihe haben Deniz Jaspissen & Co. bereits mehrfach selbstgewählt den Stecker gezogen…

 

Und natürlich soll auch die Ein-Mann-Vorband nicht zu kurz kommen: Hier könnt ihr euch drei Stücke von EAIS‘ Demo-EP anhören:

 

Rock and Roll.

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Listener live im Musikerbunker, Aachen, 24. August 2013: Beim Barte der geölten Wortschwallsuppe, seid bereit für Jazz!


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Zu Beginn gleich mal ein wenig Klugschiss: In vino veritas. Was das nun mit den zum Trio angewachsenen Talk Music-Berserkern von Listener zu tun hat? Nun, mehr oder minder ums Eck gedacht: Eine ganze Menge. Denn Stimme und Bassfahrwerk Dan Smith, Gitarrist Christin Nelson und Schlagzeuger Kris Rochelle hätten für ihr im Rahmen der „Tour Is Not A Machine“-Tournee absolviertes Konzert im Aachener Musikbunker durchaus einen günstigeren Zeitpunkt treffen können…

Es ist Samstag in der westlichsten Großstadt Deutschlands. Mehr noch: Es ist Weinfest. Und so scheinen selbst bei mäßigem Wetter mehr „Öcher“ (für alle Unkundigen: die Bewohner Aachens) irgendwo zwischen Pontstraße und Katschhof abhängen zu wollen als im in Würde verranzten, betongrauen Musikbunker. Natürlich könnte man sich Besseres vorstellen, als sich gegen 20 Uhr in die Kellerkatakomben dieses Konzert- und Proberaumkomplexes zu verirren, in dem bei Regen (wie am vergangenen Samstag) auch schon mal die ein oder andere Wasserpfütze in den spärlich beleuchteten Gängen zusammenlaufen mag, und den Ortsunkundigen hier und da vermuten lässt, dass plötzlich eine Horde vergreister Altnazis aus dem Dunkel springen wird, um einen zur Gründung einer teutonisch korrekten Altpunkband und/oder zum kollektiven Dosenbierabsturz einzuladen. Jedoch: Nichts davon sollte am vergangenen Samstag passieren. Listener, jenes höchst besondere Drei-Mann-Ungetüm aus dem mittleren Westen der USA, machten Halt in der nordrhein-westfählischen Domstadt. Dass ihr Publikum am Ende lediglich aus überschaubaren 50 bis 60 Zuhörern bestand? Störte – zumindest merklich – keinen.

Die in Aachen heimische Band Nachtegal gab mit einem 25-Minuten-Set dabei den Anheitzer für Dan Smith & Co. Muss man sich den Namen merken? Nun, die Band machte aus der berichteten Not – ihnen sei vor wenigen Wochen der Schlagzeuger abhanden gekommen – eine Tugend, baute eine Standtrommel auf und verliehen ihren Post Punk-Songs, die nicht selten vermuten ließen, dass sich da Baroness plötzlich an Turbostaat-Stücken vergehen, so ein gutes Stückweit mehr Energie. Schade dass man die ehrlich zur Schau gestellte Ian Curtis-Lookalike-Emotionalität von Sänger Dominik nicht auf Platte konservieren kann, denn auf der bisher erschienenen „XYPS ILON“ Seven Inch klingen die meisten Stücke (für mich) lediglich leidlich enervierend…

listener

Nach einem kurzen Umbau der Bühne wurde es dann Zeit für die Band des Abends. Klammheimlich schlich sich erst Gitarrist Christin Nelson an seine Gitarre, dann nahm Kris Rochelle hinter dem Drumkit Platz, schließlich hängte sich Barfuss-Freund und Stimme Dan Smith seinen Bass um. Zusammen gaben die drei schon ein auf amüsante Weise stimmiges Bild ab: vollbärtige Tour-Dreisamkeit, fast wie Brüder. Logischerweise begannen Listener ihr etwa einstündiges Set mit einem Stück vom aktuellen, kürzlich erschienenen Album „Time Is A Machine„, „Eyes To The Ground For A Change“. Doch wer schon einmal das Glück hatte, einer Bühnenshow der Band, welche vor elf Jahren als Ein-Mann-Projekt von Dan Smith ihren Anfang nahm, beizuwohnen, der weiß: Ein Konzert von Listener ist in keinster Weise mit dem konservierten Studioprodukt zu vergleichen. Denn bei all der vornehmen, fast schüchternen Zurückhaltung, in der sich Gitarrist und Schlagzeuger beinahe das gesamte Konzert über üb(t)en, merkt man doch, dass vor allem im betont düster dreinblickenden Nelson ein waschechter Buddy verstecken mag. Und auch wenn es während des Konzertes im Musikbunker die ein oder andere Sprachbarriere gegeben haben mag, auch wenn manch ein Witz und ein guter Teil der Überbrückungspointen in den betonierten Kellergewölben verpufft sein mag, so machte Dan Smith auch an diesem Abend einen sympathischen Großteil der Listener-Show aus. Der beleibte Sprachschatz-Derwisch drosch seine zu Texten geformten Geschichten und Lebensweisheiten mit großen Emotionen ins Mikro, bis sich seine Stimme beinahe überschlug und in den ruhigen Passagen fast zu einem Zittern verkam. Natürlich durfte auch das besondere Gimmick der Band – Dan Smiths Trompete, die in einigen Songs zum Einsatz kam – nicht fehlen. Ebenso mit an Bord: die ein oder andere kurze Improvisation, die kurz sogar jazzlastige Züge annahm, und Smith spöttisch warnen ließ: „Always be prepared for jazz!“. Und doch macht Listener im Jahr 2013 vor allem jene Stärke zu einem kleinen Unikum, welche man bereits auf dem aktuellen Album finden kann: Die Band hat sich im Laufe der Jahre zu einem Monster aus eigentümlichen Talk Music-Vorträgen und energetisch aufgetürmten Post Rock-Soundwällen entwickelt, welches sich in seiner Nische beständig neu erfindet. Da steckt sehr viel Hardcore-, Punk-, HipHop- und Songwriter-Spirit im Hinterkopf, während die Band sich mit den Waffen des „Mach ich’s eben selbst!“ ihren Weg bahnt. Und mal ehrlich: Wer sonst schafft es, ein überschaubares Publikum mit Songs wie „Tornadoes“, „I Think It’s Called Survival“ oder „Everything Sleeps“ derart für sich einzunehmen? Eben. Kann man drüber schreiben, sollte sich aber jeder – bestenfalls – selbst ein Ohr und Bild von machen… Nach etwa 60 emotional pickepackevollen Minuten, in denen auch der tolle Albumvorgänger „Wooden Heart“ das reguläre Debüt „Return To Struggleville“ mit einem Song (dem feinen „Five Year Plan“) bedacht wurde, war – nach einem lautstarken Finale furioso – Schluss. Zugabe? Kann man machen. Doch Dan Smith zog sich in Seelenruhe und selig lächelnd Strümpfe und Schuhe an. Und verließ die kleine Bühne. Darauf ein Bier? In cervisia veritas.

 

Konzertimpressionen? Die gibt es hier:

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Wer mag, kann sich hier (oder auf der Bandcamp-Seite von Listener) das aktuelle Album „Time Is A Machine“ in voller Länge zu Gemüte führen…

 

…und dann eines der noch anstehenden Deutschland-Konzerte der „Tour Is Not A Machine“ besuchen:

27.08.2013 / FZW, Dortmund
28.08.2013 / Jugendhaus West, Stuttgart
29.08.2013 / Brotfabrik, Frankfurt
30.08.2013 / Privatclub Berlin, Berlin
31.08.2013 / Sound of Bronkow, Dresden
01.09.2013 / Kinos im Andreasstadel, Regensburg
03.09.2013 / Ex-Haus, Trier

 

Rock and Roll.

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Bruce Springsteen & The E Street Band live in der Red Bull Arena, Leipzig, 7. Juli 2013: Zum Solo, Schätzchen…


Foto: M. Friedrich

Foto: M. Friedrich

„It’s so great to be in East Berlin. I want to tell you, I’m not here for or against any government. I came here to play rock and roll for you East Berliners in the hope that one day all the barriers will be torn down…“

(Bruce Springsteen, 19. Juli 1988)

 

Bruce Springsteen und der östliche Teil Deutschlands – beide teilen wunderbare Erinnerungen aneinander…

Beinahe 25 Jahre ist es nun her, dass der „Boss“ und seine E Street Band am 19. Juli 1988 ein Konzert an der Berliner Radrennbahn Weissensee gaben – im östlichen Teil der damals noch geteilten Hauptstadt, und mit dem offiziellen Anlass der „Eröffnung des 5. Rocksommers der FDJ“. So weit, so unspektakulär? Ganz im Gegenteil! Immerhin war Springsteen bereits damals eines der Idole der US-amerikanischen Arbeiterklasse, ein hard working man, ein self-made superstar. Einer, der die Sorgen und Nöte des einfachen Mannes auf der Straße und am Fließband besang, obwohl er längst in den größten Stadien der Welt auftrat. Vielleicht mag es an diesen entfernt sozialistisch vertretbaren Tugenden Springsteens gelegen haben, dass die SED-Führung das Konzert bewilligte. Oder war es gar eine Verzweiflungstat; ein – auch und vor allem finanzieller – letzter Kraftakt aus dem Gefühl heraus, der Jugend unter Hammer und Sichel einen Superstar von der anderen Seite des „eisernen Vorhangs“ präsentieren zu müssen? Wie dem auch sei – am 19. Juli erlebten über 200.000 (!) Zuschauer eine umjubelte Show von Springsteen und seiner E Street Band, und wer dabei sein konnte, wird wohl auch nun noch, Jahrzehnte später, seine Kinder und Enkelkinder mit feuchten Augen und allerhand Anekdoten und Schilderungen an diesem historischen Tag teilhaben lassen…

Natürlich war jenes Konzert, dass der „Boss“ am gestrigen 7. Juli in der Leipziger Red Bull Arena gab, nicht ansatzweise mit solch großer historischer Tragweite unterlegt. Doch nichtsdestotrotz werden sich wohl alle der etwa 45.000 anwesenden Zuschauer im nahezu ausverkauften Stadionrund noch lange an diesen Abend erinnern. Denn immerhin 14 Jahre hatten sich Springsteen und Band seit 1999, als sie am 13. Juni ihr bisher letztes Konzert in der sächsischen Großstadt gaben (damals noch im Bruno Plache Stadion), Zeit gelassen, um Leipzig wieder einen Besuch abzustatten. Insofern blickte man rund um das Stadion, wo sich bereits Stunden vor Beginn lange Schlangen an den Einlasstoren bildeten, bei bestem Sommerwetter in allerhand erwartungsfrohe Gesichter. Der „Boss“ ruft zum vorerst letzten Deutschland-Konzert seiner nun bereits seit März 2012 andauernden „Wrecking Ball“-Welttournee zur Messe? Alt und jung, Grauhaar und Milchbart streiften ihre Fanshirts über und kamen…

Und bereits der erste von insgesamt 27 Songs des Abends besaß ordentlich Zunder: „Roulette“, im Original ursprünglich für das Album „The River“ (1980)  vorgesehen, nun auf der Raritätensammlung „Tracks“ zu finden und auch live selten dargeboten, peitschten Springsteen und seine E Street Band mit ordentlich Druck und Lautstärke ins Stadionrund. Leider schien auch der Tontechniker von dieser musikalischen Kraft überrascht gewesen zu sein, und benötigte noch mindestens zwei weitere Stücke, um eine halbwegs akzeptable Soundabmischung hinzubekommen. Schade eigentlich? In der Tat. Doch Springsteen und seine Mitmusiker, die in all den Jahren – und bei der Behauptung übertreibt man keineswegs – zu dessen zweiter Familie geworden sind, ließen sich davon keineswegs ihre Spiellaune vermiesen. Und sie waren auch dieses Mal wieder alle an Bord: Schlagzeuger Max Weinberg, Bassist Garry Tallent (übrigens das einzig verbliebene Gründungsmitglied), Pianist Roy „The Professor“ Bittan, Violinistin Soozie Tyrell, das soullastige Backgroundsänger-Dreiergespann, die Bläsersektion – und natürlich die beiden Gitarristen Nils Lofgren und Steven „Little Stevie“ Van Zandt (der mit Bandana und Killerblick stets wie einer dieser üblen Auftragsitaliener aus der TV-Serie „Sopranos“ wirkt – nur zu passend, dass er da bereits mitspielte!) sowie Jake Clemons, der nach dem Tod seines Onkels Clarence „Big Man“ Clemons den für viele Stücke ungemein wichtigen Posten des Saxofonisten mittlerweile würdig übernommen hat – einzig Springsteens Frau Patti Scialfa musste wohl wieder „die Kinder hüten“… Gemeinsam mit ihrem „Boss“ zeigten sie, wonach ihnen der Sinn stand: Rock and Roll – wobei man besonders gestern gut und gern das „Rock“ betonen durfte. In drei Stunden griffen sie kreuz und quer in den Springsteen’schen Songfundus, zogen Evergreens wie „Lucky Town“ oder „Murder Incorporated“ heraus und versahen diese Stücke dann mit ausufernden Endlos-Gitarrensolos, die nach so vielem klangen – Vitalität, Spielfreude, Abstimmung, Erfahrung, BOCK! -, nur eben nicht nach Musiker „Ü60“, denen der Beruf eine stattliche Bezahlung einbringt. Nein, Bruce Springsteen ist seit jeher – und auch nach 40 Jahren, die er mehr dies- als jenseits der Bühne verbracht hat – einer, der zwar eine gewisse Routine schätzt, aber auch wirklich dieser vergötterte Kerl aus der Arbeiterklasse ist. Ein Typ mit Macken, Marotten und Meinung, der gar nicht anders kann und will, als den Massen eine gute Show zu bieten. Und obwohl eben diese Show auch am gestrigen Sonntag wieder alle derzeit typischen Elemente zu bieten hatte (ich denke, das mit immerhin drei Springsteen-Shows innerhalb eines Jahres gut beurteilen zu können) – das Abklatschen mit den ersten Reihen, das Bad in der Menge, der spontane Tanz mit der Rotkreuz-Helferin zu „Hungry Heart“, die Tanzeinlage mit einer jungen Frau aus dem Publikum zu „Dancing In The Dark“, das kleine Mädchen, das zum Ende von „Waiting On A Sunny Day“ ein paar Zeilen des Refrains in feinstem Kinderenglisch zu Besten geben durfte, die Videoeinspieler bei „Tenth Avenue Freeze-Out“ zu Ehren der beiden verstorbenen E Street-Mitglieder Clarence Clemons (Saxofon) und Danny Federici (Piano), das Einsammeln und Erfüllen von Songwünschen durch den Bandleader persönlich -, weiß auch Springsteen noch Band wie Publikum zu überraschen. So wurden die Bühne im Vorfeld des Chuck Berry-Covers „You Never Can Tell“, das Springsteen laut eigener Aussage „zum letzten Mal im Alter von 16 Jahren“ zum Besten gegeben hatte, zum öffentlichen Proberaum, holte der mittlerweile 63-Jährige bei „Light Of Day“ das Letzte aus den Gitarrenverstärkern heraus und versetzte den Song anfangs mit schwermetallischen Elementen, bei denen sogar Metallica- oder Iron Maiden-Anhänger ins freudige Kopfnicken gekommen wären oder widmete den Klassiker „Born In The USA“ all jenen, die beim eingangs erwähnten 1988er Ostberlin-Konzert, das für ihn eines der denkwürdigsten seiner Karriere gewesen sei, dabei gewesen waren. Und auch die Gänsehautmomente kamen, neben all dem Rock and Roll, nicht zu kurz: so schickte die Sommersonne bei der Live-Rarität „Back In Your Arms“ letzte intensive Strahlen gen Bühne, lässt Springsteen im Alter immer mehr Soul-Qualitäten á la James Brown durchblitzen, wurde das legendäre Songtrio aus „Born To Run“, „Bobby Jean“ und „Dancing In The Dark“ gen Ende hin frenetisch bejubelt und getanzt – vor und auf der Bühne. Doch das wohl für viele größte Highlight – insofern man nicht schon vor Ablauf der dreistündigen Show das Stadion verlassen hatte – kam, als der „Boss“ schon all seine Mitmusiker schulterklopfend auf der Bühne verabschiedet hatte. Denn Springsteen griff danach noch einmal zu Mundharmonika und Akustischer und gab solo eine reduzierte Version von „Thunder Road“ zum Besten. Wem in diesem Moment nicht einer dieser selten schönen Schauer über den Rücken lief, der darf sich berechtigterweise fragen, was zur Hölle er am 7. Juli 2013 in der Leipziger Red Bull Arena zu suchen hatte…

Mein Fazit: große Rockshow, mal wieder. Natürlich weiß sich Springsteen, die alte Rampenrockersau US-amerikanischer Güteklasse, gekonnt in Szene zu setzen – immerhin macht er diesen Job seit vielen Jahrzehnten, immerhin war der Auftritt in Leipzig die 120. Show seiner „Wrecking Ball“-Welttournee. Doch man muss ihm zu gute halten, dass er alles dafür tut, um seinem Publikum eine gute Show zu liefern – auf eine grundehrliche, grundsympathische Art, die beinahe ohne plumpe Effekte auskommt. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass Springsteen je eine miese Show gespielt hat – und das in all den Jahren! Value for money – bekommt man beim „Boss“. Kredibilität und Solos gab es auch in Leipzig obendrauf.

Zum Abschluss noch eine Bitte an die Organisatoren und Veranstalter rund um die Leipziger Red Bull Arena: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr noch nie eine Veranstaltung (respektive: Konzert) dieser Größenordnung in eurem Stadion hattet (Erinnerung: im vergangenen September spielten Coldplay an gleicher Stätte). Von daher ist die bewusste Unfähigkeit beim Ablauf von An- und Abreise aller Besucher, die mit dem Auto zur Red Bull Arena gekommen waren, ein definitives Armutszeugnis (auch und vor allem für die Stadt Leipzig!) und so nicht hinnehmbar. Ich erbitte Besserung! Danke.

Bruce Springsteen Tour 2013

 

Hier noch die komplette Setlist des Leipzig-Konzerts…

Roulette
Lucky Town
Badlands
Death to My Hometown
Sherry Darling
You Never Can Tell (Chuck Berry Cover)
Back in Your Arms
Hungry Heart
Spirit in the Night
Wrecking Ball
We Take Care of Our Own
Murder Incorporated
Human Touch
Open all Night
Cadillac Ranch
Shackled and Drawn
Waiting on a Sunny Day
Lonesome Day
Land of Hope and Dreams
Light of Day
Born in the USA
Born To Run
Bobby Jean
Dancing In The Dark
10th Avenue Freeze-Out
Rockin’ All Over The World
Thunder Road

(Quelle: stonepony.eu)

 

Wer weitere Bilder vom Konzert in Leipzig sehen möchte, wird etwa hier fündig…

…und wer noch einmal nachlesen möchte, was ANEWFRIEND über die Springsteen-Auftritte im Berliner Olympia-Stadion sowie beim Roskilde Festival (dieser fand übrigens auf den Tag genau ein Jahr vor dem Konzert in Leipzig statt) im vergangenen Jahr zu berichten hatte, der kann dies hier und hier tun.

Allen, die mehr über den Menschen hinter dem Mythos vom „Boss“ – also über Bruce Springsteen selbst – erfahren möchten, sei „Bruce„, die erste offizielle, kürzlich erschienene Springsteen-Biografie von Peter Ames Carlin ans Leserherz gelegt.

Und wer sich für die filmische Variante der Ergründung ebenjenes Mythos‘ interessiert, der sollte sich den 22. Juli dick im Kalender markieren. Denn an diesem Tag kommt „Springsteen & I„, eine von Ridley Scott produzierte Dokumentation, die innerhalb von 105 Minuten – und anhand von Fanvideos aus allen Teilen der Welt – versucht, dem Faszinosum Springsteen auf die Schliche zu kommen, weltweit in die Kinos…

 

Rock and Roll.

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Sigur Rós live in der Jungen Garde, 19. Juni 2013: Vom Unbekannten, von ungeahnten Möglichkeiten


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An was liegt es bloß? Obwohl dieser Blog unlängst versuchte, der Band und ihrer fortwährenden Faszination Herr zu werden, geben Sigur Rós immer aufs Neue kleine Rätsel auf…

Denn wie bitte ist es zu erklären, dass sich gut 4.600 Besucher an einem lauen – oder eher: schwülheißen? – Mittwochabend in der Dresdner „Jungen Garde“ zusammenfanden, um Musik zu lauschen, deren Texte wohl für mindestens 99,9 Prozent der Anwesenden auch vertonte Ikea-Aufbauanleitungen oder Kochrezepte darstellen könnten – denn schließlich war kaum einer des Isländischen oder – abstruser noch – der bandinternen Fantasiesprache „Hopeländisch“ mächtig. Ist es also dieser unbedingte Wille zur Emotionalität, zur Neuerung, den das Trio aus Sänger und Gitarrist Jónsi Birgisson, Bassist Georg Hólm und Schlagzeuger Orri Páll Dýrason seit ihrer Gründung vor beinahe zwanzig Jahren ausstrahlt? Gar die Faszination des so Fremden – denn immerhin liegen zwischen der sächsischen Landeshauptstadt und Reykjavík, seit jeher Sigur Rós‘ Homebase, gut 2.500 Kilometer Luftlinie? Oder vielleicht die Naturverbundenheit, welche sich anhand von übersetzten Songtiteln wie „Sturm“ („Stomur“), „Schwefel“ („Brennisteinn“), „Saphir“ („Andvari“), „Heuhaufen“ („Heysátan“) oder „Samen“ („Illgresi“) leidlich erahnen lässt? Am Ende muss sich jeder seine eigenen, meist tief empfundenen Gründe suchen, um sich – bestenfalls – hoffnungslos in eines oder mehrere der bislang acht Studioalben der Band zu verlieben. Am gestrigen 19. Juni kamen zumindest über 4.000 (frisch) Verliebte zusammen…

Obwohl: genauer betrachtet dürften es sogar noch Unzählige mehr gewesen sein, denn die Isländer boten zur Feier der Veröffentlichung ihres neuen Albums „Kveikur“ das Konzert, welches den Restart ihrer Welttournee darstellte, als besonderes „Geschenk“ zum Livestream über ihre Homepage an. Und selbst dieser war nicht von schlechten Eltern: Wer es schaffte, dass Browser und Kapazität einmal mitspielten, konnte zwischen vier an verschiedenen Stellen der Bühne angebrachten Kameras und einem jeweiligen 360-Grad-Winkel (!) wählen – ein wahrer Rausch und optischen und akustischen Eindrücken! Und so durfte auch ich, obwohl ich seit einiger Zeit etwa 700 Kilometer entfernt von Dresden und meiner sächsischen Heimat lebe, im weltweiten Netz – und übertragen auf (m)eine Beamer-Leinwand und Surround-Anlage-, bei einem eiskalten Bier und ebenfalls schwülen Abendtemperaturen, dem Open Air-Konzert beiwohnen.

Sigur Ros -  360 Flyer

Die Voraussetzungen – toller Veranstaltungsort, beinahe ideales Wetter, ausverkaufte Ränge, erwartungsfrohes Publikum – hätten also kaum besser sein können. Und Birgisson, Hólm und Dýrason trugen, unterstützt von ihrem aktuellen kleinen Begleitorchester „The Okkr Ensemble“, ihren Teil dazu bei. Ganz ehrlich: eine Umschreibung – gar: eine Beurteilung – fällt hier schwer. Denn wo bereits bei den Studioalben der Isländer gefühlte 90 Prozent aller gewählten Worte der zu hörenden Musik kaum gerecht werden, schlägt dies bei den Konzerten von Jónsi & Co. meist komplett fehl. Deshalb nur soviel: Die 14 Songs starke Setlist enthielt – natürlich – das ein oder andere All Time Favorite von Form von „Olsen Olsen“, „Svefn-g-englar“ (vom zweiten Album „Ágætis Byrjun“), „Vaka“ (von „( )“), „Sæglópur“, „Hoppípolla“, „Með Blóðnasir“ (vom Erfolgsalbum „Takk…“) oder „Festival“ (vom verhältnismäßig poppigen „Með suð í eyrum við spilum endalaust“). Doch ebenso natürlich feierten – mit dem Eröffnungssongquartett aus „Hrafntinna“, „Ísjaki“, „Kveikur“ und dem Brecher „Brennisteinn“ – vier Stücke aus dem neuen Album „Kveikur“ ihre deutsche Live-Premiere unter dem Dresdner Abendhimmel. Trotz des ein oder anderen kleinen Soundproblems zeigten sich alle auf der Bühne Anwesenden von ihrer spielfreudigsten Seite, und während Frontmann Jónsi wie immer mit in alle Höhenlagen durchbrechender Falsettstimme und dem seine Gitarre bearbeitenden Geigenbogen (Jimmy Page lässt schön grüßen!) zwangsläufig im Mittelpunkt stand, hielt sich der Rest der Musiker auch dieses Mal effektiv zurück. Ansagen, Erzählungen, lange Reden? Braucht diese Musik nicht, hat sie noch nie gebraucht! Ein wenig Beleuchtung der Bühne für den Kontrast zur am Horizont entschwindenden Sonne, ein paar wunderschöne Visualisierungen im Hintergrund – der Rest gehörte den Songs, die sich wie die Ebbe zu stillen Ruhepolen zusammenzogen, nur um darauf wie gewaltige Sturmfluten aufs Publikum zuzurasen und dieses ohne Vorwarnung in den Bann zu ziehen – die alte Mär von Klimax und Antiklimax…

Und (beinahe) ganz gleich, ob man sich nun im Halbrund der über 4.000 vor Ort Anwesenden in der Dresdner „Jungen Garde“ oder – per Webcast – an irgendeinem anderen Ort auf diesem Planeten befand – am Ende des knapp 1,5-stündigen Konzertabends – und nach dem grandios kakophonischen Abschluss von „Popplagið“ (seit jeher eines meiner persönlichen Lieblingsstücke von Sigur Rós) – gab es wohl keinen, der nicht mit warmem Herzen und erwärmter Haut Tag und Band, die zum ersten Mal seit ihrem Auftritt im „Alten Schlachthof“ vor fünf Jahren wieder eine Dresdner Bühne betrat, verabschiedete…

 

Die Setlist vom Dresdner Konzert in der Jungen Garde (19. Juni 2013):

  1. Sigur Rós 2013Hrafntinna
  2. Ísjaki
  3. Kveikur
  4. Brennisteinn
  5. Vaka
  6. Sæglópur
  7. Svefn-g-englar
  8. Varúð
  9. Hoppípolla
  10. Með Blóðnasir
  11. Olsen Olsen
  12. Festival
  13. Glósóli (Zugabe)
  14. Popplagið (Zugabe)

 

Für alle, die aus welchem Grund auch immer, dem Konzert in Dresden nicht (digital) beiwohnen konnten, hat ein findiger Fan übrigens die knapp 85-minütige Show mitgeschnitten und – Kamerawechsel und Bildausfälle inklusive – via Youtube ins weltweite Netz gestellt. Also: anschauen und genießen, solange es online steht!

 

Rock and Roll.

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Villagers live in der Muziekgieterij, Maastricht, 30. April 2013: von Ängsten, Ufern und Möglichkeiten


Villagers

Schön blöd, wer den 30. April zuhause verbracht hat, immerhin wurden dem potentiell Unternehmungswilligen ausreichend Alternativen geboten: in Amsterdam (oder in jeder anderen holländischen Stadt) hätte man sich unters ausgelassen feiernde Oranje-Fußvolk mischen können, um den alljährlichen „Koninginnendag“ und die Amtsübergabe von Königin Beatrix an ihren Sohn Willem-Alexander feucht-fröhlich zu begießen. In Madrid (oder einer von tausenden Public Viewing-Lokalitäten) durfte man – je nach Sympathie – wahlweise den verdienten (!) Einzug meines BVB ins Finale der diesjährigen Champions League bejubeln oder den schleichenden Niedergang der spanischen Fussballdominanz betrauern – wobei das gestrige Halbfinalrückspiel wohl für Schwarz-gelb in den letzten Minuten noch einmal an unnötiger Dramatik zugelegt haben mag (und sich damit nahtlos in die Riege memorabler Bewegnungen mit Dortmunder Beteiligung in dieser Saison einreiht). Verglichen mit diesen Ereignissen von internationaler Tragweite mag der Auftritt der Villagers in der Maastrichter Muziekgieterij nahezu unscheinbar anmuten. Dabei war dieser höchst formidabel…
Anfangs fällt natürlich die stete Diskrepanz zwischen dem unscheinbaren, schüchtern-nüchternen Bubi-Äußeren von Sänger Conor O’Brien und dessen charismatisch ausstrahlender Bühnenpräsenz in Aug‘ und Ohr. Der aus Irland stammende Singer/Songwriter betritt zunächst allein und nur mit seiner Akustikgitarre bewaffnet die Bühne, und bereits nach den ersten sachten Akkorden von „Cecelia & Her Selfhood“ schweigt das komplette Publikum, lauscht gebannt jeder Zeile, die die Lippen des 29-Jährigen verlässt, und lässt das spärliche Klirren von Gläsern an der angrenzenden Bar beinahe wie Detonationen erscheinen. Nach diesem Stück begibt auch der Rest der mittlerweile – neben Bandleader O’Brien – aus Cormac Curran (Keyboard), James Byrne (Schlagzeug), Tommy McLaughlin (Gitarre) und Danny Snow (Bass) bestehenden Villagers zur ihren Instrumenten, um sich mit einer reduzierten Version von „Nothing Arrived“, zweifellos eines der Highlights des aktuellen, zweiten Villagers-Albums „{Awayland}„, Schritt für Schritt warm zu spielen. Denn, abgesehen einmal vom fragilen Kleinod „My Lighthouse“, nimmt sich die Band bei den folgenden Stücken weitaus weniger zurück und lässt unter anderem das beschwingte „The Pact (I’ll Be Your Fever)“, den Endzeitenabgesang „Judgement Call“, „The Waves“, welches in einer Reduktion weg von der Elektro-Calypso-Albumversion daherkommt (gen Ende jedoch auch live in einer Art musikalischer Kakophonie ausartet), oder die Wiedergeburtsmär „Earthly Pleasure“, bei der O’Brien in Manie zwischen Gesang und wirrer Sprech-Stotterei hin und herspringt, aufs begeistert applaudierende Publikum los. Seine Mitmusiker halten sich dabei effektiv im Hintergrund, während Conor O’Brien an Mikrofon und Akustischer in seinem Element scheint und ohne große Ansagen Song für Song, welche insgesamt das Hauptaugenmerk aufs aktuelle Album „{Awayland}“ legen, jedoch auch die Favoriten des noch von O’Brien größtenteils allein eingespielten Debüts „Becoming A Jackal“ nicht außer Acht lassen, für sich durchlebt, durchleidet, durchbarmt & -fleht – und diese Emotionen beinahe Eins zu Eins ans noch immer bedächtig lauschende Publikum weitergibt. Und diese Stimme, diese Stimme – wen’s kalt lässt, der darf sich gern die Grundeigenschaft „aus Stein“ in den Lebenslauf schreiben! Mit einer erneut manischen Variation von „Ship Of Promises“ beenden die Villagers ihr reguläres Set, bevor O’Brien – zunächt erneut solo und akustisch – für „That Day“ zurückkehrt, die restlichen Musiker bei „In A Newfound Land You Are Free“ wieder dazustossen und das etwa 80-minütige Konzert mit einer famosen Darbietung von „Becoming A Jackal“ zum Abschluss bringen. „So before you take this song as truth / You should wonder what I’m taking from you / How I benefit from you being here / Lending me your ears / While I’m selling you my fears“ – Sollte Herrn O’Brien die Vertonung seiner Ängste auch auf der Bühne immer so fulminant gelingen, so kann man darf nur erwidern: könnte schlimmer sein, gern und jederzeit wieder!
Klar, die Erwartungen, die vor drei Jahren bei Erscheinen des Debüts auf Conor O’Briens schmächtige Schultern gelegt wurden, waren keinesfalls die kleinsten – als die britische Songwriter-Hoffnung wurde er gefeiert, als „neuer Conor Oberst“ ausgerufen (was aufgrund des gleichen Vornamens wie der Bright Eyes-Frontmann und der geteilten Nähe zu tiefen Emotionen naheliegend erscheinen mag, insgesamt jedoch plakativ und lächerlich anmutet)! Doch der Musiker aus Dublin baute sich einen fünfköpfigen Band-Schutzwall um sein Baby namens „Villagers“, legte mit „{Awayland}“ auf Albumlänge die qualitative Messlatte noch eine Stufe höher, und bestätigt auch auf der Konzertbühne jegliche Vorschusslorbeeren. Die Villagers liefern ab, unterhalten mit ihren ausufernden – ja: nicht selten uferlosen! – Kleinoden zwischen Verlangen, Verlust, Vergehen, Neubeginn, Sehnsüchten und Aufbegehren, die zu Hoffnungsschimmern am Horizont in einem Meer aus melacholischen Weltbetrachtungen baden, bei unglaublich gut abgemischter Akustik (was in den ehemaligen Fabrikhallen der Muziekgieterij freilich keine Selbstverständlichkeit darstellt und hier somit einfach erwähnt werden muss!) vortrefflich. Ein feiner Abend, ein feines Konzert – und trotz aller anderen historischen Ereignisse außerhalb war wohl jeder einfach froh, dabei gewesen zu sein…

 

Bebilderte Impressionen gefällig? Die gibt es hier:

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(alle Konzertfotos: ANEWFRIEND)

 

Wer sich vor einem ausdrücklich zu empfehlenden Besuch eines Villagers-Konzerts selbst noch fix ein Bild von den Qualitäten der Band machen möchte, der kann sich hier die 17-minütige „Live at Attica“-Session von Conor O’Brien & Co. zu Gemüte führen:

 

Rock and Roll.

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