Bruce Springsteen & The E Street Band live in der Red Bull Arena, Leipzig, 7. Juli 2013: Zum Solo, Schätzchen…


Foto: M. Friedrich

Foto: M. Friedrich

„It’s so great to be in East Berlin. I want to tell you, I’m not here for or against any government. I came here to play rock and roll for you East Berliners in the hope that one day all the barriers will be torn down…“

(Bruce Springsteen, 19. Juli 1988)

 

Bruce Springsteen und der östliche Teil Deutschlands – beide teilen wunderbare Erinnerungen aneinander…

Beinahe 25 Jahre ist es nun her, dass der „Boss“ und seine E Street Band am 19. Juli 1988 ein Konzert an der Berliner Radrennbahn Weissensee gaben – im östlichen Teil der damals noch geteilten Hauptstadt, und mit dem offiziellen Anlass der „Eröffnung des 5. Rocksommers der FDJ“. So weit, so unspektakulär? Ganz im Gegenteil! Immerhin war Springsteen bereits damals eines der Idole der US-amerikanischen Arbeiterklasse, ein hard working man, ein self-made superstar. Einer, der die Sorgen und Nöte des einfachen Mannes auf der Straße und am Fließband besang, obwohl er längst in den größten Stadien der Welt auftrat. Vielleicht mag es an diesen entfernt sozialistisch vertretbaren Tugenden Springsteens gelegen haben, dass die SED-Führung das Konzert bewilligte. Oder war es gar eine Verzweiflungstat; ein – auch und vor allem finanzieller – letzter Kraftakt aus dem Gefühl heraus, der Jugend unter Hammer und Sichel einen Superstar von der anderen Seite des „eisernen Vorhangs“ präsentieren zu müssen? Wie dem auch sei – am 19. Juli erlebten über 200.000 (!) Zuschauer eine umjubelte Show von Springsteen und seiner E Street Band, und wer dabei sein konnte, wird wohl auch nun noch, Jahrzehnte später, seine Kinder und Enkelkinder mit feuchten Augen und allerhand Anekdoten und Schilderungen an diesem historischen Tag teilhaben lassen…

Natürlich war jenes Konzert, dass der „Boss“ am gestrigen 7. Juli in der Leipziger Red Bull Arena gab, nicht ansatzweise mit solch großer historischer Tragweite unterlegt. Doch nichtsdestotrotz werden sich wohl alle der etwa 45.000 anwesenden Zuschauer im nahezu ausverkauften Stadionrund noch lange an diesen Abend erinnern. Denn immerhin 14 Jahre hatten sich Springsteen und Band seit 1999, als sie am 13. Juni ihr bisher letztes Konzert in der sächsischen Großstadt gaben (damals noch im Bruno Plache Stadion), Zeit gelassen, um Leipzig wieder einen Besuch abzustatten. Insofern blickte man rund um das Stadion, wo sich bereits Stunden vor Beginn lange Schlangen an den Einlasstoren bildeten, bei bestem Sommerwetter in allerhand erwartungsfrohe Gesichter. Der „Boss“ ruft zum vorerst letzten Deutschland-Konzert seiner nun bereits seit März 2012 andauernden „Wrecking Ball“-Welttournee zur Messe? Alt und jung, Grauhaar und Milchbart streiften ihre Fanshirts über und kamen…

Und bereits der erste von insgesamt 27 Songs des Abends besaß ordentlich Zunder: „Roulette“, im Original ursprünglich für das Album „The River“ (1980)  vorgesehen, nun auf der Raritätensammlung „Tracks“ zu finden und auch live selten dargeboten, peitschten Springsteen und seine E Street Band mit ordentlich Druck und Lautstärke ins Stadionrund. Leider schien auch der Tontechniker von dieser musikalischen Kraft überrascht gewesen zu sein, und benötigte noch mindestens zwei weitere Stücke, um eine halbwegs akzeptable Soundabmischung hinzubekommen. Schade eigentlich? In der Tat. Doch Springsteen und seine Mitmusiker, die in all den Jahren – und bei der Behauptung übertreibt man keineswegs – zu dessen zweiter Familie geworden sind, ließen sich davon keineswegs ihre Spiellaune vermiesen. Und sie waren auch dieses Mal wieder alle an Bord: Schlagzeuger Max Weinberg, Bassist Garry Tallent (übrigens das einzig verbliebene Gründungsmitglied), Pianist Roy „The Professor“ Bittan, Violinistin Soozie Tyrell, das soullastige Backgroundsänger-Dreiergespann, die Bläsersektion – und natürlich die beiden Gitarristen Nils Lofgren und Steven „Little Stevie“ Van Zandt (der mit Bandana und Killerblick stets wie einer dieser üblen Auftragsitaliener aus der TV-Serie „Sopranos“ wirkt – nur zu passend, dass er da bereits mitspielte!) sowie Jake Clemons, der nach dem Tod seines Onkels Clarence „Big Man“ Clemons den für viele Stücke ungemein wichtigen Posten des Saxofonisten mittlerweile würdig übernommen hat – einzig Springsteens Frau Patti Scialfa musste wohl wieder „die Kinder hüten“… Gemeinsam mit ihrem „Boss“ zeigten sie, wonach ihnen der Sinn stand: Rock and Roll – wobei man besonders gestern gut und gern das „Rock“ betonen durfte. In drei Stunden griffen sie kreuz und quer in den Springsteen’schen Songfundus, zogen Evergreens wie „Lucky Town“ oder „Murder Incorporated“ heraus und versahen diese Stücke dann mit ausufernden Endlos-Gitarrensolos, die nach so vielem klangen – Vitalität, Spielfreude, Abstimmung, Erfahrung, BOCK! -, nur eben nicht nach Musiker „Ü60“, denen der Beruf eine stattliche Bezahlung einbringt. Nein, Bruce Springsteen ist seit jeher – und auch nach 40 Jahren, die er mehr dies- als jenseits der Bühne verbracht hat – einer, der zwar eine gewisse Routine schätzt, aber auch wirklich dieser vergötterte Kerl aus der Arbeiterklasse ist. Ein Typ mit Macken, Marotten und Meinung, der gar nicht anders kann und will, als den Massen eine gute Show zu bieten. Und obwohl eben diese Show auch am gestrigen Sonntag wieder alle derzeit typischen Elemente zu bieten hatte (ich denke, das mit immerhin drei Springsteen-Shows innerhalb eines Jahres gut beurteilen zu können) – das Abklatschen mit den ersten Reihen, das Bad in der Menge, der spontane Tanz mit der Rotkreuz-Helferin zu „Hungry Heart“, die Tanzeinlage mit einer jungen Frau aus dem Publikum zu „Dancing In The Dark“, das kleine Mädchen, das zum Ende von „Waiting On A Sunny Day“ ein paar Zeilen des Refrains in feinstem Kinderenglisch zu Besten geben durfte, die Videoeinspieler bei „Tenth Avenue Freeze-Out“ zu Ehren der beiden verstorbenen E Street-Mitglieder Clarence Clemons (Saxofon) und Danny Federici (Piano), das Einsammeln und Erfüllen von Songwünschen durch den Bandleader persönlich -, weiß auch Springsteen noch Band wie Publikum zu überraschen. So wurden die Bühne im Vorfeld des Chuck Berry-Covers „You Never Can Tell“, das Springsteen laut eigener Aussage „zum letzten Mal im Alter von 16 Jahren“ zum Besten gegeben hatte, zum öffentlichen Proberaum, holte der mittlerweile 63-Jährige bei „Light Of Day“ das Letzte aus den Gitarrenverstärkern heraus und versetzte den Song anfangs mit schwermetallischen Elementen, bei denen sogar Metallica- oder Iron Maiden-Anhänger ins freudige Kopfnicken gekommen wären oder widmete den Klassiker „Born In The USA“ all jenen, die beim eingangs erwähnten 1988er Ostberlin-Konzert, das für ihn eines der denkwürdigsten seiner Karriere gewesen sei, dabei gewesen waren. Und auch die Gänsehautmomente kamen, neben all dem Rock and Roll, nicht zu kurz: so schickte die Sommersonne bei der Live-Rarität „Back In Your Arms“ letzte intensive Strahlen gen Bühne, lässt Springsteen im Alter immer mehr Soul-Qualitäten á la James Brown durchblitzen, wurde das legendäre Songtrio aus „Born To Run“, „Bobby Jean“ und „Dancing In The Dark“ gen Ende hin frenetisch bejubelt und getanzt – vor und auf der Bühne. Doch das wohl für viele größte Highlight – insofern man nicht schon vor Ablauf der dreistündigen Show das Stadion verlassen hatte – kam, als der „Boss“ schon all seine Mitmusiker schulterklopfend auf der Bühne verabschiedet hatte. Denn Springsteen griff danach noch einmal zu Mundharmonika und Akustischer und gab solo eine reduzierte Version von „Thunder Road“ zum Besten. Wem in diesem Moment nicht einer dieser selten schönen Schauer über den Rücken lief, der darf sich berechtigterweise fragen, was zur Hölle er am 7. Juli 2013 in der Leipziger Red Bull Arena zu suchen hatte…

Mein Fazit: große Rockshow, mal wieder. Natürlich weiß sich Springsteen, die alte Rampenrockersau US-amerikanischer Güteklasse, gekonnt in Szene zu setzen – immerhin macht er diesen Job seit vielen Jahrzehnten, immerhin war der Auftritt in Leipzig die 120. Show seiner „Wrecking Ball“-Welttournee. Doch man muss ihm zu gute halten, dass er alles dafür tut, um seinem Publikum eine gute Show zu liefern – auf eine grundehrliche, grundsympathische Art, die beinahe ohne plumpe Effekte auskommt. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass Springsteen je eine miese Show gespielt hat – und das in all den Jahren! Value for money – bekommt man beim „Boss“. Kredibilität und Solos gab es auch in Leipzig obendrauf.

Zum Abschluss noch eine Bitte an die Organisatoren und Veranstalter rund um die Leipziger Red Bull Arena: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr noch nie eine Veranstaltung (respektive: Konzert) dieser Größenordnung in eurem Stadion hattet (Erinnerung: im vergangenen September spielten Coldplay an gleicher Stätte). Von daher ist die bewusste Unfähigkeit beim Ablauf von An- und Abreise aller Besucher, die mit dem Auto zur Red Bull Arena gekommen waren, ein definitives Armutszeugnis (auch und vor allem für die Stadt Leipzig!) und so nicht hinnehmbar. Ich erbitte Besserung! Danke.

Bruce Springsteen Tour 2013

 

Hier noch die komplette Setlist des Leipzig-Konzerts…

Roulette
Lucky Town
Badlands
Death to My Hometown
Sherry Darling
You Never Can Tell (Chuck Berry Cover)
Back in Your Arms
Hungry Heart
Spirit in the Night
Wrecking Ball
We Take Care of Our Own
Murder Incorporated
Human Touch
Open all Night
Cadillac Ranch
Shackled and Drawn
Waiting on a Sunny Day
Lonesome Day
Land of Hope and Dreams
Light of Day
Born in the USA
Born To Run
Bobby Jean
Dancing In The Dark
10th Avenue Freeze-Out
Rockin’ All Over The World
Thunder Road

(Quelle: stonepony.eu)

 

Wer weitere Bilder vom Konzert in Leipzig sehen möchte, wird etwa hier fündig…

…und wer noch einmal nachlesen möchte, was ANEWFRIEND über die Springsteen-Auftritte im Berliner Olympia-Stadion sowie beim Roskilde Festival (dieser fand übrigens auf den Tag genau ein Jahr vor dem Konzert in Leipzig statt) im vergangenen Jahr zu berichten hatte, der kann dies hier und hier tun.

Allen, die mehr über den Menschen hinter dem Mythos vom „Boss“ – also über Bruce Springsteen selbst – erfahren möchten, sei „Bruce„, die erste offizielle, kürzlich erschienene Springsteen-Biografie von Peter Ames Carlin ans Leserherz gelegt.

Und wer sich für die filmische Variante der Ergründung ebenjenes Mythos‘ interessiert, der sollte sich den 22. Juli dick im Kalender markieren. Denn an diesem Tag kommt „Springsteen & I„, eine von Ridley Scott produzierte Dokumentation, die innerhalb von 105 Minuten – und anhand von Fanvideos aus allen Teilen der Welt – versucht, dem Faszinosum Springsteen auf die Schliche zu kommen, weltweit in die Kinos…

 

Rock and Roll.

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