Archiv der Kategorie: Musik

Das Album der Woche


Iggy Pop – Every Loser (2023)

-erschienen bei Atlantic/Warner-

„Sorry, geänderte Wagenreihung“, bekommt Nico Rosberg von einem oberkörperfreien Senioren mit breitem US-amerikanischem Akzent zu hören, der auf seinem ICE-Platz sitzt. James Newell „Jim“ Osterberg aka. Iggy Pop als Werbefigur für die Deutsche Bahn? Überraschte anno 2018 höchstens diejenigen, die sich Anfang der Siebziger haben einfrieren lassen. Die Jazz-Ausflüge konnte man zwar bereits auf „Fun House“ erahnen, aber auch sonst schlug der einstige Stooges-Frontmann in seiner fast fünf Dekaden umspannenden Karriere als Solo-Musiker, Schauspieler und sowieso dauerarschcoolsympathische Persona so manche unerwartete Richtung bis hin zu Chanson-Fingerübungen ein. Und weil ihn oberflächliche Sellout-Vorwürfe genauso wenig wie alles andere jucken, konnte er für sein 19. Solo-Album auch den vierzig Jahre jüngeren, mit Arbeiten für Justin Bieber, Ed Sheeran, Miley Cyrus oder unlängst Pearl Jam erfolgreichen Produzenten Andrew Watt engagieren, ohne auch nur im Geringsten mit der Punk-Rock-Wimper zu zucken. Doch Pop hat natürlich nicht plötzlich Bock auf Pop (sic!), sondern will nach den sedierten Vergänglichkeitsreflexionen von „Free„, 2019 erschienen und von Jazztrompeter Leron Thomas produziert, im Gegenteil mal wieder richtig losrocken – dass er selbigen Rock mit Leichtigkeit aus der ledrigen Westentaschen zu schütteln vermag hatte der 75-Jährige ja ohnehin bereits 2016 beim einerseits feinen, andererseits jedoch auch nach verwehter Abschiedsstimmung duftenden „Post Pop Depression„, für welches ihm unter anderem Josh Homme von den Queens Of The Stone Age sowie Mark Helders von den Artic Monkeys unter die nimmermüden Arme griffen, unter Beweis gestellt. Und benannter Andrew Watt hat schließlich auch Leute wie Ozzy Osbourne oder Eddie Vedder im Portfolio stehen und kuratiert für „Every Loser“ daher eine verdammt namhafte Truppe, welche mit Stone Gossard (Pearl Jam) oder Dave Navarro (Jane’s Addiction) an den Gitarren, die Bassisten Duff McKagan (Guns N‘ Roses) und Eric Avery (Jane’s Addiction) sowie Chad Smith (Red Hot Chili Peppers), Travis Barker (blink-182) und dem inzwischen verstorbenen Taylor Hawkins (Foo Fighters) am Schlagzeug nicht eben ins unterste Qualitätsregalfach greift, die dem „Godfather of Punk“ seinen Wunsch erfüllen.

So spuckt gleich das eröffnende „Frenzy“ über jaulenden Saiten und brachialem Rhythmus so mit verbaler Säure um sich, dass Idles und all die anderen Bands der aktuellsten Punk-Revival-Welle erst einmal durchs Familienbuch blättern müssen. Tatsache: Iggy Pop singt nicht nur von seinem Gemächt, sondern haut hier mal eben den wohl brachialsten eigenen Song der vergangenen zwei Jahrzehnte raus: „Got a dick and two balls / That’s more than you all“. Für „Strung Out Johnny“ packt das Punk-Rock-Urgestein im Anschluss seinen gravitätischsten Bariton aus, erinnert mal wieder an seinen alten Weggefährten David Bowie und kommt auch mit diesem eleganteren Stück Synth-Rock, diesem postmodernes “Gimme Danger”, geradlinig auf den Punkt. Auf „Every Loser“ werden keine Dylan-Thomas-Gedichte rezitiert oder Houellebecq-Romane als Inspirationsstoff verschreddert, das Mission Statement des Künstlers war ein ganz simples: „The music will beat the shit out of you. I’m the guy with no shirt who rocks.“ Und mit dieser Erkenntnis schlittert der passionierte Oben-ohne-Träger, der mit seiner Frau Nina Alu seit fast 25 Jahren in Coconut Grove, einem Vorort von Miami, lebt und auch ein bescheidenes Domizil in der Karibik sein Eigen nennt, hochmotiviert und kampflustig in den mindestens drölften Frühling einer Karriere, die zwar zig Haken und Wendungen, jedoch nie wirklich Herbstlaub gesehen hat.

„Ich war oben, ich war ganz tief unten in der Gosse, und ich habe bis heute diesen Alptraum, dass ich barfuß und mit nur einem einzigen zerknitterten Dollarschein in der Tasche durch eine mir fremde Stadt laufe. Was immer auch geschehen ist oder noch geschehen wird – ich werde niemals aufhören, mich als Underdog zu fühlen.“ (Iggy Pop)

Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Platte, wie bereits im Eingangsdoppel zum Ausdruck gebracht, keinesfalls einseitig Backpfeifen verteilt. Stattdessen lässt der 75-jährige Hanspop in allen Gassen eine altersgemäß getragene Akustikballade wie „Morning Show“ am Hardcore-Kurzschluss „Neo Punk“, der blauhaarige Poppunks, die weder singen können noch ohne Viagra einen hochkriegen, in die imaginäre Tonne pfeffert, zerschellen, während er sich athletisch durch die Stimmlagen wieselt. Das wavige Highlight „Comments“ wartet nicht nur mit einem sich unmittelbar in den Gehörgang fräsenden Refrain auf, sondern auch mit einer rüden Attacke wider die vermeintlichen Segnungen des Internets sowie einer geexten Pulle Selbstironie, die das immer wieder mit Kommerz und Biedermeier flirtende Image aufs Korn nimmt: „Sell your face to Hollywood / They’re paying good, paying good / Sold my face to Hollywood / I’m feeling good, looking good.“ Ist das schon Grandad-Rock? Wenn dieser immer mit so viel Spielwitz, Augenzwinkern und Abwechslungsreichtum daherkommt: gerne mehr davon! Selbst wenn good ol‘ Iggy, der unter anderem an Skoliose, einer Wirbelsäulenerkrankung, leidet, es aufgrund altersbedingter Wehwehchen mittlerweile etwas ruhiger angehen lässt: „Ich habe mich vom Stagediving verabschiedet, mische mich zwar bei Shows immer noch gern unter die Leute, aber das mit dem Springen lasse ich sein. Ich bin ja nicht bescheuert. Es ist einfach zu gefährlich für meinen gebrechlicher werdenden Körper. Ich bin schon froh, dass ich überhaupt noch laufen kann.“ Wohl wahr, der „alte weiße Mann“ kann sich nach all den Drogenexzessen sowie (s)einem grundlegend ausufernden Lebenswandel in den Siebzigern glücklich schätzen, überhaupt noch unter den Diesseitigen zu weilen.

Foto: Promo / Vincent Guignet

Dass das Album seinem Ansatz geschuldet ein paar Tiefenschichten vermissen lässt und nicht ganz an Pops größte Meisterwerke herankommt, ist ein komplett zu vernachlässigender Nicht-Kritikpunkt, wenn Songs wie „Modern Day Rip Off“, quasi „Frenzy“ Teil 2, das auch den Asheton-Brüdern gefallen hätte, oder das vom ebenso verstorbenen Taylor Hawkins über die Serpentinen getrommelte „All The Way Down“ so viel Spaß machen. Das zwischen Spoken Word und Stadion-Melodiebogen changierende, Klimakrise mit L.A.-Swagger kombinierende „New Atlantis“, das ironisch zwischen Therapiesitzung und Tanzsaal swingende Minuten-Epos “The News For Andy” sowie der dezent proggige, gegen das korrupte Hollywood- und Musikbranchen-Babylon ätzende Closer „The Regency“, gegen den „Won’t Get Fooled Again” wie Kammermusik wirkt, schielen in Richtung Epik und untermauern endgültig den eigenen Schädel des dahinterstehenden Mannes. Ist es also verwunderlich, dass „Every Loser“ den musikalischen Blinker auf links legt und dermaßen auf die Überholspur zieht? Bei anderen 75-Jährigen wohlmöglich schon, aber Jim Osterberg, die olle Lederhose des Punk Rock, hatte ja schon immer zig Überraschungen in petto. So sitzt Iggy Pop, der untote Nihilist des Rock’n’Roll und neben Keith „Keef“ Richards der arschcoolste (noch lebende) Altvordere im Rock-Business, im Schnellzug der Rrrrrrockgeschichte da, wo er, Scheiße noch eins, eben will, und lässt sich höchstens von den eigenen Launen – oder seinem musikverrückten Kakadu Biggy Pop – von seinem Platz vertreiben. Da kann selbst ein ehemalige Formel-1-Weltmeister wie Nico Rosberg nur verdutzt auflachen.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Miley Cyrus – „Zombie“ (live)


Ohne Frage, die Dame versteht was von der hohen Cover-Kunst! Miley Cyrus, die in der Öffentlichkeit wegen ihrer Auftritte, Internetpräsenz und Skandälchen in der Vergangenheit oftmals unter Kritik stand (man denke nur an das legendäre Abrissbirnen-Musikvideo vor knapp zehn Lenzen), zeigt bei ihrer Version des Cranberries-Evergreens „Zombie nahezu alle Facetten ihrer zweifellos gewaltigen Stimme. Ohne sich zu weit aus dem digitalen Fenster hinaus zu lehnen darf man durchaus behaupten, dass das Cover locker mit dem Original mithalten kann – das finden auch The Cranberries selbst. Die twittern kurz nach Erscheinen, dass es sich um eine der besten Versionen handele, die sie je gehört haben. Und weiter: „Dolores wäre beeindruckt.“ Wow. Kann ein Kompliment – selbst wenn es lediglich im Namen der 2018 verstorbenen Frontfrau gemacht wurde – noch größer ausfallen? Unzählige Interpret*innen haben sich bereits an dem 1994 erschienenen Song versucht, viele sind – mal mehr, mal weniger krachend – gescheitert. Miley Cyrus definitiv nicht.

Das Konzert, bei welchem die Coverversion zum Besten gegeben wurde, fand im Jahr 2020 im Rahmen der dreitägigen Save Our Stages„-Veranstaltung statt, eine Benefizkonzert-Reihe, die Veranstaltungsorte für Live-Musik während der Corona-Pandemie unterstützen soll. Die Spendenerlöse werden durch den Nothilfefonds der National Independent Venue Association (NIVA) verteilt. Miley coverte am gleichen Abend im legendären Whiskey A Go-Go in Los Angeles auch „Boys Don’t Cry“ von The Cure und gab außerdem ihren eigenen Song „Midnight Sky“ zum Besten. Die 30-jährige Sängerin mit recht berühmtem Vater, noch berühmterer Patentante und Disney-Vergangenheit hatte in der Vergangenheit schon öfter mit Coverversionen von Rock-Klassikern auf sich aufmerksam gemacht – von Led Zeppelins „Black Dog“ über „Comfortably Numb“ von Pink Floyd bis hin zu Dolly Partons „Jolene„. Letzteres wiederum stammt von den „Backyard Sessions„, bei denen sich Miley Cyrus 2020 unter anderen „Communication“ von den Cardigans, „Sweet Jane“ von The Velvet Underground oder „Just Breathe“ von Pearl Jam vornahm oder sich fünf Jahre vorher für ihren Take von Joan Jetts „Androgynous“ ebenjene sowie Against Me!-Frontfrau Laura Jane Grace mit ans Mikro holte. Jopp, bei dieser Qualität werden Cyrus‘ eigene Songs manchmal glatt nebensächlich…

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: George Hennessey


Nee, George Hennessey macht beileibe keinen Hehl daraus, großer Fan des Britpops der seligen Neunziger zu sein, damals als Cool Britannia und schiere Heerscharen toller neuer Bands aus Good Ol‘ England die (Musik)Welt regierten. Mal ist der Sound des aus London stammenden 29-jährigen Newcomers psychedelischer Natur wie bei The Verve, mal eher ebenso hymnisch wie vollmundig poprockend wie weiland bei Oasis. Inhaltsleere muss trotzdem niemand befürchten, denn seine Songs sind im Kern persönlich, handeln unter anderem von der Desillusionierung junger Menschen – das hat durchaus seine Gründe: Auch Hennessey wusste vor ein paar Jahren noch nicht so genau, was er wollte. Die Musik war damals sein Anker: „Kreativ und produktiv zu sein, hat mich glücklich gemacht, mir Hoffnung gegeben. Ich fühle mich wohler in meinem Leben, ich bin recht optimistisch.“ Das kann er auch sein, denn am 3. Februar erscheint mit „If You Can’t Find What You’re Looking For Please Ask“ nach der 2021er „Purified EP“ sowie einigen Singles endlich sein Debütalbum. Und auch selbiges dürfte so einige in die Zukunft weisende Retro-Songs bieten. Irgendwann erlebt halt alles mal wieder (s)ein Revival…

Rock and Roll.

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Zitat des Tages


(gefunden bei Facebook)

Man mag ihr vieles vorhalten können, jedoch kaum, das Credo „Carpe diem“ nicht gelebt zu haben, bevor sie in den oft beschworenen (und unlängst von Thees Uhlmann auch besungenen) „Club 27“ einkehrte… Heute wäre Janis Joplin 80 Jahre alt geworden.

Rock and Roll.

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Song des Tages: CVC – „Good Morning Vietnam“


Foto: Promo / Dan Hall

Klingt fast wie ein Witz, ist aber so: Ihren grandiosen US-Roots-Rock haben CVC in einem Kaff in Wales erdacht und eingespielt. Noch nicht eigentümlich genug? Dann wäre da nämlich noch etwas: David und Elliott, die beiden singenden Gitarristen der walisischen Newcomer-Band, heißen mit Nachnamen Bassey und Bradfield und sind tatsächlich mit Shirley „Goldfinger“ Bassey und James Dean Bradfield (Manic Street Preachers) verwandt, wenn auch nur entfernt. Da liegt doch glatt der Gag auf der Hand, Wales als eine Art britisches Saarland zu betrachten, in dem nicht nur jeder jeden zu kennen, sondern man auch miteinander verwandt zu sein scheint. Doch Schluss mit den Witzen, her mit der Anerkennung, denn anders als aus dem Saarland kommt aus Wales eine Vielzahl grandioser Bands und Künstler*innen – man denke nur an die Stereophonics, Feeder, Catatonia, The Joy Formidable, Funeral For A Friend oder die Super Furry Animals (nebst den bereits erwähnten Manic Street Preachers, freilich). Viele von ihnen eint dabei die Eigenart, sich musikalisch recht selten um das zu kümmern, was gerade in den musikalischen Metropolen des „großen“ Nachbarlandes, in London, Manchester oder Liverpool, so angesagt ist, sondern oftmals höchst eigene Wege zu gehen.

Und weil Traditionen manchmal über die Muttermilch weitergegeben werden, folgt das Sextett CVC, zu welchem noch Sänger Francesco Orsi, Bassist Ben Thorne, Schlagzeuger Tom Fry sowie Keyboarder Daniel `Nanial‘ Jones gehören, ebenjener. Die Abkürzung steht für „Church Village Collective“ – Sektenalarm ausgelöst? Mitnichten, dezente Entwarnung: Das Kirchendorf Church Village, etwa 15 Kilometer nord-westlich von Cardiff gelegen, ist lediglich die Heimat der Band, gut 5.000 Menschen leben hier, alles ist zu Fuß erreichbar, man hat seine Ruhe – manchmal sogar wohl mehr, als einem lieb sein mag. CVC machen aus dieser Abgeschiedenheit – ganz nach walisischer Tradition – das Beste. 2019 gründet sich die Band, seitdem bastelt sie an einem Sound, der wie aus der Zeit gefallen scheint. Wer nicht wüsste, dass CVC aus einem beschaulichen Kaff bei Cardiff stammen, würde wohl viel sauer Erspartes auf eine Herkunft aus den US of A verwetten. Das just erschienene „Get Real“ ist nach einer EP (aus dem vorherigen Jahr) das erste Album der Band, es klingt aber so reif, dass man kaum an ein Debüt glauben mag. Diese Verwunderung mag auch im recht zeitlosen Sound begründet liegen, denn beeinflusst sind CVC von Westcoast-Rock-Bands mit ihren sonnigen Harmonien aus dem Laurel Canyon, aber auch die Americana-Virtuosen von The Band oder mehrstimmiger Harmoniegesang der Marken Beatles, Beach Boys oder Neil Young haben hier deutliche Spuren hinterlassen. Dass die erste Single – ein stampfendes Soul-Rock-Stück mit minimalen Disco-Anleihen im Refrain – den Titel „Good Morning Vietnam“ trägt, fügt sich da nur wie ein weiteres Puzzleteil ins Bild ein. Auch der Song „Music Stuff“ verrät viel über den Ansatz dieser Band: „Get Real“ klingt nach einem Album, das die Musik ganz selbstverständlich zur wichtigsten Sache der Welt erklärt und dementsprechend ernst nimmt. Also lieber „Größer, besser, weiter!“ als britisches Understatement? Gut möglich, schließlich meinte die Band unlängst selbstbewusst, dass sie rasch große Arenen füllen will, auch vom Privatjet mit Bandlogo war die Rede. Klar, das ist 2022 (noch) augenzwinkernde Ironie. Andererseits ab und an gar nicht mal so schlecht, in dieser Zeit eine Band mit dem großspurigen Mindset à la Oasis vorzufinden, eine, die noch an das große Heilsversprechen einer Rockbandgründung glaubt – und alles dafür tut, dass diese vielleicht doch wahr werden. Warum auch nicht? Das erste Album der Kings Of Leon war vor knapp zwanzig Jahren schließlich eine ähnlich coole, nerdige und großartige Roots-Rock-Platte. Der Rest ist keinesfalls ein Witz, sondern Geschichte…

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Jupiter Jones – Die Sonne ist ein Zwergstern (2022)

-erschienen bei Mathildas und Titus/Rough Trade-

Nicholas Müller hat viel durchgemacht. Etwa, als er sich nach Jahren des inneren Kampfes mit sich und seinem Umfeld endlich seinen Ängsten stellte. Als er im Jahr 2013 dabei auch seine Band, seine Jugendfreunde, sein Ein und Alles – sprich: Jupiter Jones – hinter sich lassen musste. Um zu sich (wieder) zu finden, gesund zu werden und wieder ein halbwegs „normales“ Leben zu führen. Über diese Erfahrungen hat Müller ein Buch geschrieben, welches es gar in die „Spiegel Bestseller“-Liste schaffte, Lesungen und Vorträge zur Aufklärung gegeben, seinen ebenso lobenswerten wie wichtigen Teil zur öffentlichen Debatte über psychische Erkrankungen beigetragen. Und immer mal wieder auch Songs geschrieben, denn selbst der olle Affe Angststörung konnte dem mittlerweile 42-jährigen Kreativkopf diese Leidenschaft zum Glück nicht gänzlich austreiben. Nach einer erfolgreichen Therapie tat sich Müller 2015 mit Tobias Schmitz zum Band-Projekt Von Brücken zusammen, das noch im gleichen Jahr sein gar nicht mal übles Debütalbum „Weit weg von fertig“ veröffentlichte. Und seine alten Weggefährten? Die standen nach mehr als zehn gemeinsamen Jahren plötzlich ohne Sänger da, berappelten sich jedoch und veröffentlichten 2016 mit Sven „Svaen“ Lauer, dem neuen Mann am Mikro, ihr sechstes Album „Brüllende Fahnen„. Doch irgendetwas passte nicht, an so einigen Ecken und Enden hakte es. Also zog die Band aus der Eifel anno 2018 die Reißleine und gab ihre Auflösung bekannt. Und nun? Sind Jupiter Jones zurück. Nicht plötzlich und auch – auf vielerlei Weise – nicht im alten Konstrukt, aber immerhin. Nach einigen Jahren der (durchaus verständlichen) Funkstille haben Nicholas Müller und Gitarrist und Hauptsongschreiber Sascha Eigner seit 2019 peu á peu wieder zusammengefunden und die beiderseits geliebte Band als Duo wiederbelebt. Das ist auch abseits des neusten Liedgutoutputs uneingeschränkt schön, denn nicht nur all den treuen Jupiter-Jones-Fans, die die Band schon seit 2002 begleiten, hätte so vieles gefehlt. Auch der deutschen Radio-Pop-Landschaft, welcher Jupiter Jones mit „Still“ einen ihrer fraglos besten Moment der 2010er-Dekade schenkten.

Foto: Promo / Vivien Hussa

Ob das ohne Corona überhaupt möglich gewesen wäre? Ach, alles hypothetischer Konjunktiv! Fest steht: Während der Stille in der Pandemie, als viele sich erstmals seit Jahren mit sich selbst beschäftigten, sich – halb zwangsläufig, halb dankbar – zurückzogen, fanden Müller und Eigner musikalisch wieder zusammen, begruben alte Zwiste und merkten, dass beide eben vor allem im Doppel richtig gut funktionieren. Und die Band Jupiter Jones, zwischenzeitlich genauso aufs kreative Abstellgleis geraten wie Müllers Projekt Von Brücken, ward wiedergeboren. All die gemeinsamen Jahre, die Erfahrungen spülten die immer bestehende Symbiose der beiden schnell wieder an die Oberfläche. Und nach und nach entstand ohne Eile daraus Kreatives, etwa die bereits Anfang 2021 veröffentlichte, verflixt ohrwurmeingängige Comeback-Single „Überall waren Schatten„, welche intime Eindrücke aus der schweren Zeit einer Band am Scheideweg zwischen Punk-Rock-Vergangenheit, Chart-Hit-Erwartungen der Plattenfirma sowie inneren Kämpfen teilt und dabei auch den Status Quo der Welt da draußen nicht außer Acht lässt: „Gegen den Verstand verschwören / Auf Julian Reichelt hören / Mit Faschos den Frieden stör’n / Das hattet ihr alles schon, hattet echt alles schon“. Darf’s da noch mehr sein? Nach einigen weiteren Appetithappensongs meldet sich die zum Zweiergespann gesundgeschrumpfte Band mit ihrem nunmehr siebenten Studioalbum „Die Sonne ist ein Zwergstern“ zurück, das die beiden via Crowdfunding verwirklichten, damit sie selbstbestimmt arbeiten und alles so produzieren konnten, wie sie es wollten. Und bei selbigem verwundert zunächst einmal der ungewöhnliche Erscheinungstermin: am vorletzten Tag des alten Jahres.

Fragen nach dem Warum, also ob man das Alleinstellungsmerkmal dieses „Geburtstermins“ wählte oder ob möglichst wenige Menschen im Vakuum namens „Zwischen den Jahren“ davon mitbekommen sollten, sind – zumindest beinahe – obsolet, schließlich weiß auch das neue Langspielwerk, bei dem alle, die das Duo nach ihrem Comeback verfolgt haben, bereits gut die Hälfte der neuen Songs kennen dürften, mit so einigen nötigen intensiven Drückern auf die Magengrube überzeugen: Das Geschehene verarbeiten, sich verzeihen, mit manchem abschließen – Realismus trifft auf Euphorie. „Ich hab‘ Arme gebrochen / Die einfach niemals jemanden halten … Ich hatte all die Zeit das ‚Wie?‘ und das ‚Warum?‘ verloren / Und die größte Frage in meinen Ohren / ‚Krieg ich’s hin, mich an mir selber zu messen?'“ – Das geht auch beim zweiten Stück „Melatonin“ lyrisch nicht nur ans Eingemachte, sondern war, ist und bleibt, ebenso wie Nicholas Müllers so unverwechselbar sanfte wie reibeisenraue Stimme, in einer ziemlich hohen bundesdeutschen Liga.

Foto: Promo / The Zitterman

Apropos bekannt: Auch das intime, gefühlsgeladene „Atmen“ darf sich bereits seit Monaten in die Ohren schmiegen – und offenbart, ebenso wie etwa „Der Nagel„, erneut Müllers Fähigkeit, wunderbar gefühlige Musik zu schreiben, die nicht allzu kitschig, sondern nahbar und gleichzeitig intelligent daherkommt. Ähnliches gilt für „Der wichtigste Finger einer Faust„, das an zahmere Kettcar erinnert und kindliches Empfinden und Erleben mit starren gesellschaftlichen Normen, daraus resultierenden Pflichten sowie der rebellischen Antwort darauf zwinkernd versöhnt: „Hier ist dein Kopf, da sind all die Gеdanken drin / Und da dein Herz, da woll’n all diе Gedanken hin / Und von da woll’n sie dann wirklich allzu gern in dein Bauch / Und deinen Schlaf und deine Nerven wollen sie auch / Hier ist dein Mund, da liegt die ganze Wahrheit drin / Und da dein Ohr, da will die ganze Wahrheit hin / Und wenn irgendwer kommt / Und meint, dass Du das alles nicht mehr brauchst / Ist hier der wichtigste Finger einer Faust“. Auch „Mein Viel und dein Vielleicht“ geht recht nah und stellt unangenehme Fragen, verarbeitet aber vorbildlich erwachsen. Muss ja. Und entlockt hintenraus zu zart hereinschleichenden Bläsern sogar ein Grinsen. Auch toll: „Bleibt zusammen„, ein gleichsam wütendes wie melodisches Stück, bei dem sich Nicholas Müller einmal mehr als gewiefter Texter erweist und das vom emotionalen Druck, den man sich macht, wenn man aus reinem Pflichtgefühl in einer im Grunde längst zerbrochenen Beziehung bleibt, erzählt: „Zum Gehen fehlt der Mut / Zum Bleiben fehlt die Lust / Mein Haus, mein Boot, mein Auto / Mein Nervenzusammenbruch / Wenn’s das war, was ich wollte / Dann hätt ich’s gern gewusst / Mein Haus, mein Boot, mein Auto / Mein Realitätsverlust“.

Alles schickschicktoll also? Nicht ganz, denn mit Stücken wie „Wenn’s nicht weh tut„, „Vielleicht“ oder „Oh, Philia!„, die etwas zu sehr mit Keyboards und Drumbeat verspachtelt sind, rücken die „neuen“ Jupiter Jones in Sachen Arrangements dann leider etwas nah ran an das völlig zurecht als seelenloser Formatradio-Einheitsbrei wahrgenommene Menschen-Leben-Tanzen-Welt-Genre. Ja, machen wir uns nix vor: Nicht wenigen alten Wegbegleitern, zu denen sich glücklicherweise auch der Schreiber dieser Zeilen zählen darf, fällt hier die Jupiter-Jones’sche Vergangenheit mit all ihren wilderen Punk-Rock-Momenten auf die Füße. Wer sich davon mehr freimachen kann (oder gar recht frisch auf das Duo stößt), der wird auf „Die Sonne ist ein Zwergstern“ zweifelsohne einige feine Songs und kleine Gänsehaut-Momente für sich entdecken können. Und am Ende freuen sich beide Gruppen über die durchaus vorhandenen Glanzlichter dieser Platte, über Geschichten vom Fallen und Aufstehen, wie auch der stille Abschluss „So hat noch jedes Ende angefangen“ eine(s) ist: „Manchmal halt‘ ich Abstand, nur um die nicht zu erschrecken / Die mich überhaupt nicht kennen und die gibt’s an allen Ecken / Zum Glück ist’s so, wer wär‘ ich denn / Wenn alle wüssten, wer ich bin? / Der Gläserne, der Angstgetriebne / Der Wegrenner, der Hiergebliebne / Und manchmal, wenn ich Glück hab‘, in den seltensten Momenten / Greif‘ ich nach dem letzten Strohhalm aus den allerschönsten Händen / Und hier steh‘ ich nun, wer wär ich denn / Wenn ich nicht wüsste, wer ich bin? / Der Überhaupt-nicht-Angstgetriebne / Ich wünscht‘, du wärst noch hier geblieben“. Oder eben schlicht darüber, dass die Herren Müller und Eigner (mit denen coolibri.de hier unlängst ein ausführliches Interview führte), dass Jupiter Jones wieder da sind. Im indiepoppenden Klangoutfit, mit dem Punk im Geiste. Die bittersüße Vergangenheit im Nacken und die Zukunft im Blick, bleibt an dieser Stelle noch ein alter, jedoch weiser Rat, den uns einst eine gewisse Eifelaner Punkband spendierte: „Gerad‘ deswegen / Auf das Leben!“

Rock and Roll.

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