Das Album der Woche


Placebo – Loud Like Love (2013)

Loud Like Love (Cover)erschienen bei Vertigo/Universal-

Die Jugend im Rückspiegel, 1999: Was war das bitte für ein Song, damals in einem wilden Sommer? Im Musikvideo zu „Every You Every Me“ lugte ein scheuer Anfangszwanziger namens Brian Molko durch seine Lockenpracht ins Konzertpublikum und sang Zeilen, deren inständige Teenage Angst damals wohl ihresgleichen suchte: „Carve your name into my arm / Instead of stressed, I lie here charmed / ‚Cuz there’s nothing else to do / Every me and every you“. Die juvenile Existenzangsthymne wurde – auch und vor allem durch ihre Platzierung auf dem Soundtrack zum tollen Film „Eiskalte Engel“ – zum Hit, und die drei selbstberufenen Außenseiter Brian Molko (Gitarre, Gesang), Stefan Olsdal (Bass) und Steve Hewitt (Schlagzeug) standen als Placebo mitsamt ihres damals aktuellen zweiten Albums „Without You I’m Nothing“ plötzlich im Rampenlicht des Alternative Rock – und konnten es selbst wohl am wenigsten glauben, dass ihre melancholischen Hymnen über nonkonforme sexuelle Neigungen (Molko war/ist bisexuell, Olsdal homosexuell und Hewitt heterosexuell) und all die kämpferischen Abgesänge an gesellschaftliche Konventionen derart den Nerv der Zeit trafen. Placebo scharrten ein Publikum aus Geeks, Freaks und Heranwachsenden um sich, ihre Texte sprachen einer stetig anwachsenden Fangemeinde noch vor dem großen Internet-Hype aus tiefster Seele, ihre Songs drängten mit einer ehrlichen Schnittmenge aus Rock und Pop ins fern geglaubte Formatradio und wiesen dort – mal mehr, mal weniger unterschwellig – auf gesellschaftliche wie persönliche Schieflagen hin. Große Hoffnungen keimten damals auf, große Erinnerungen werden noch heute wach…

Fotos: Joseph Llanes

Fotos: Joseph Llanes

Wir spulen vor, 2013: Dass die englische Rockband heute noch immer – und wohl (nach Außen) geerdeter und abgeklärter denn je – an jener Stelle steht, mag man wohl vor allem an drei Faktoren festmachen: Beharrlichkeit, Talent und Qualität. Denn Placebo waren nie eine dieser One-Hit-Wonder-Bands, die sich zu sehr auf bewährte Trademarks und gängige Riten verließ. Natürlich konnte man auf jedem ihrer bislang sechs Alben – das selbstbetitelte Debüt erschien 1996, das letzte Werk „Battle For The Sun“ 2009 – feste Erkennungsmerkmale ausmachen: mal verspulter Alternative Rock der Marke Pixies oder Sonic Youth, mal derbe Industrial-Anleihen á la Nine Inch Nails, mal schwelgerisch schwere Dramen mit Nick Cave’schem Stallgeruch. Aus all diesen Verweisen schufen Molko und Olsdal, die sich Anfang der Neunziger auf einem Luxemburger Internat kennenlernten, 1994 die Band Ashtray Heart gründeten, aus der bald darauf Placebo wurde, und seit jeher den kreativen Bandkern bilden, ihre eigene Form modernen Alternative Rocks (mit Betonung auf „Alternative“ und „Rock“), der stets ebenso zeitlos wie zeitgemäß tönt, Molkos immer leicht quengeliges Gesangsorgan ins Zentrum der Stücke stellt, und es oft genug schafft, gleichsam Melancholie und Kampfansage in sich zu vereinen. Dass die Band während ihrer beinahe zwanzig Bandjahre etliche Trends sowohl in ihre Musik aufnahm wie überlebte, dass sie sich ebenso rasch wie organisch ihren Weg von kleinen, miefigen Kellerclubs zu Headliner-Slots bei Konzerten und umjubelten Stadionshows erspielte, dass ihnen dabei queere Außenseiter und bodenständige Bankberater zujubeln, dass sich der Großteil ihrer Songs – trotz gefühlter Allround-Beschallung in jeglichen gängigen Formatradios – nach all den Jahren noch immer standhaft gegen der Vorwurf der Totgespieltheit wehrt – all das sind Fakten, die Placebo gern und wohlwollend auf ihrer Habenseite verbuchen dürfen. Das Beste daran: Trotz allem kommerziellen wie künstlerischen Erfolg haben sich Brian Molko, Stefan Olsdal und Steve Forrest, der im August 2008 als mittlerweile dritter Schlagzeuger der Band die Trommelstöcke von Steve Hewitt übernahm, dabei nie zugunsten von Verstelltheit und Unehrlichkeit verbogen oder fremd bestimmen lassen, und sich so ihr eigenes Nischenrefugium erschaffen. Hail to the freaks…

Daran wird freilich ihr neustes, siebentes Album „Loud Like Love“ nichts ändern. Dabei ließ noch der vor vier Jahren erschienene Vorgänger „Battle For The Sun“ – zumindest für mich – Schlimmes befürchten. Denn selbst nach mehrmaligem Hören und wohlwollender Betrachtung durch die langjährige Fanbrille rauschte das Gros der dreizehn Stücke – den Titeltrack einmal ausgenommen – leider haftungsneutral am Gehörgang vorbei. War es das mit dem Herz? Landete die einstige Herzensband nun mit beiden Beinen festen auf den großen Stadionbühnen? Nun, zumindest für mich darf nach mehrmaligem Hören der zehn neuen Songs Entwarnung gegeben werden. Placebo haben mich zurück…

Placebo #2

Dabei gehen Brian Molko, Stefan Olsdal und Steve Forrest im Grunde nur konsequent ihren Weg weiter. Schon das eröffnende Titelstück bietet dabei – neben dem später folgenden „Purify“ – die jahrelang geformten Placebo-Trademarks: typischer Alternative Rock mit großem Hymnus, kleinen, zeitgemäßen Elektronik-Spielereien und der eindrücklichen Stimme des frankophilen Frontmanns. Doch schon „Scene Of The Crime“ weckt die Aufmerksamkeitsnerven. Eingeklatschter Rhythmus, Olsdals Synthesizer-Schleifen, dazu Piano, Gitarren, Elektronik und Textzeilen, die gerade bei einer Band wie Placebo jederzeit und schnell eine persönliche Allgemeingültigkeit erreichen: „We almost made it / Making it is overrated“. Überhaupt: die Texte – mehr denn je dürften sich auf „Loud Like Love“ die kritischen Geister an Molkos lyrischen Auswüchsen scheiden. Denn bei kurzer Betrachtung sind die gestelzten Fress-dich-Reime der ersten Single „Too Many Friends“ („My computer thinks I’m gay / I threw that piece of junk away / On the Champs-Élysées / As I was walking home“) oder die plakativen Aufzählorgien von „Rob The Bank“ („Rob the bank of England and America / Rob the bank of the entire Euro Zone / Rob the bank of Mexico and Canada / Rob the bank then take me home / But take me home / And make love“) vor allem eins: fürchterlich banal und auf hanebüchene Weise am lyrischen Haarschopf herbei getextet. Nur wer tiefer geht, findet im Mini-Hit („Too Many Friends“) einen ehrlichen Abgesang an die schönen neuen digitalen Scheinwelten und im wuchtigen Rockbrecher mit fies bratzender Basslinie („Rob The Bank“) ein Eingeständnis von Vergessenheit und Selbstsucht. Und auch die restlichen Songs wissen auf beinahe ausnahmslos hohem Niveau zu überzeugen: Mit „Hold On To Me“ ist dem Trio, welches bei Konzerten gut und gern zum Fünf-Mann-und-eine-Frau-Orchester anwächst (wobei Geigerin Fiona Brice erfreulicherweise auch im Studio immer mehr Freiräume ,geschaffen werden) eine einnehmende, innwendige Handclaps-und-Gitarren-Ballade gelungen, deren Zwischenteil gar malerische Streicherflächen und einen vielsagenden Monolog aufbietet, und in dessen Text Molko wieder tief in sein Seelenleben blicken lässt: „Who let the cat out of the bag / Who told the world that I was older / Who laughed at all I had / Who said the race was over? / I am a small and gentle man who / Carries the world upon his shoulders / Kindly lend a helping hand / Come over / And hold on to me, hold on to me“. „A Million Little Pieces“ ist ein Stück übers Verlassen und Verlassenwerden, übers Zurücklassen und Zurückgelassenwerden, „Exit Wounds“ setzt auf Industrialbeats, die man so bislang eher von den Nine Inch Nails kannte, und unterfüttert diese mit einem instrumental groß aufspielendem Refrain und Zeilen über tiefes, abgründiges Verlangen („Want you so bad I can taste it / But you’re nowhere to be found / I’ll take a drug to replace it / Or put me in the ground“). Im in sphärische Rockhöhen steigernden Sechsminüter „Begin The End“ geben sich Placebo kämpferisch („It’s not my fault if you can’t comprehend / And tonight’s the night, that we begin the end“) und schicken die ein oder andere Drohgebärde ins Feld: „Make no mistake“. Und ganz zum Schluss gelingt Molko & Co. doch noch, was man spätestens seit dem bereits sieben Jahre zurück liegenden Album „Meds“ nicht mehr für möglich gehalten hatte: der große, ehrliche Angriff auf die gefühlte Tränendrüse. Im finalen „Bosco“, welches wohl nicht von Ungefähr den Titel einer italienischen Weinsorte trägt, erzählt Molko bleischwer und unterstützt von Pianonoten und larmoyant gen Himmel strebenden Geigen von der Zerrissenheit zwischen Lieben und (Sucht)Trieben: „I love you more than any man, but something’s getting in the way / I do you harm because I can for the second time today / Victims we are not of happenstance, but you’re a victim all the same / Stuck inside a circumstance with your confusion and your blame / And when I get drunk, you take me home and keep me safe from harm / When I get drunk, you take me home / I ask you for another second chance, but then I drink it all away / And I get bellicose when you react for the frustration and dismay / I was so delicate when we began, so tender when I spoke your name / But now I’m nothing but a partisan to my compulsion and my shame / You know, I’m grateful – I appreciate / But in fact, it’s pitiful how I suck you dry…“ Zu Herzen geht ihr mir, wieder…

Placebo #4

Stefan Olsdal, Brian Molko, Steve Forrest (v.l.n.r.)

Alles in allem liefern Brian Molko, Stefan Olsdal und der jugendliche, ganzkörpertätowierte Schlagmann Steve Forrest, die sich beim siebenten Bandalbum von Produzent Adam Noble (u.a. dEUS, Guillemots, Paul McCartney) unter die Arme greifen ließen, ein erneut beachtliches Gesamtwerk ab, welches 47 Minuten lang sowohl glänzend unterhält als auch in seinen zehn Einzelteilen zu überzeugen weiß (in beiden Fällen sah das – wie bereits erwähnt – für mich vor vier Jahren noch ganz anders aus). Dass man dabei längst nicht an vergangene Album-Großtaten wie „Without You I’m Nothing„, „Sleeping With Ghosts“ (bis heute mein persönlicher Favorit!) oder „Meds“ heranreicht? Sei’s drum, ich selbst bin glücklich mit dem energ(et)ischen „Loud Like Love“. Dass sich Molko, dessen stets androgyn glattem Äußeren man, ganz nebenbei, seine im vergangenen Jahr gefeierten 40 Lenze heute weniger denn je ansieht, aufgrund der ein oder anderen – noch einmal: lediglich beim ersten Höreindruck! – recht plakativen Textzeile wohl wenig neue Kritikerfreunde machen wird? Er wird süffisant lächelnd mit den Schultern zucken. Selten durfte man mehr Freude beim Hören eines Placebo-Albums haben. Selten waren Placebo dabei – in den Untiefen – ehrlicher und näher am Zeitgeist. Der liebende Engel und wütende Teufel stecken im Detail. Liebe, Lust und Verrat spielen sich in einer immer unverständlicheren und wilder kreiselnden Welt in die gezinkten Karten. Innen ist Außen ist Dazwischen sind wir. Teenage Angst forever…

Placebo #3

 

 

Wer’s noch nicht kennt, bekommt hier das vom Erfolgsautor Bret Easton Ellis als androgyn befremdliches Ratespiel inszenierte Video zur ersten Single „Too Many Friends“ zu sehen…

 

..und die animierten Videosequenzen zum Titelstück von „Loud Like Love“:

 

Rock and Roll.

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