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Das Album der Woche


Lange habe ich dieses Album durch das aktuelle Jahr getragen. Es hat mich durch ruhige Stunden im Frühling und Sommer hier in Holland begleitet, während ich es stets als musikalisches Ass im Ärmel, als Geheimtipp in der Hinterhand behielt. Nun, da sich 2012 dem Ende neigt – und wer weiß, was noch? – und das nasskalte Wetter Musik wie dieser in die klammen Karten zu spielen scheint, möchte ich es mit euch teilen…

 

Keaton Henson – Dear (2010/2012)

Keaton Henson - Dear (Cover)-erschienen bei Pid/Oak Ten Records-

Das Wetter ist mies, alle Tage grau, die Kollegen im verhassten Job strafen einen seit jeher mit übellauniger Nichtachtung, auf der Straße fahren die Autos mit Vollgas möglichst nah am Gehweg entlang, um einen mit einer maximalen Ladung abgestandenem Regenwasser aus einer der tausend Pfützen zu besudeln, der einzige, der einem folgt, ist dieser alte, dreibeinige Hund mit seinem treudoofen Blick – und nun ist auch noch die eigene Freundin verschwunden, all ihre Kleidung weg und das Fach im Badezimmer leer. Und obwohl die Beziehung mehr vertrautes Aneinander-vorbei-Leben denn Einander-lieben war, vermisst man das alles jetzt, da ein Loch an den Abend- und Morgenstunden klafft und man nicht weiß, womit man die leere Zeit füllen soll. Kaum verwunderlich, ist sie doch nun mit ihrem scheinbaren „Mr. Right“ zusammen. Kaum verwunderlich, hat sie doch den kompletten Freundeskreis mitgenommen, der sowieso eigentlich ihrer war… Zum Glück steht da in der Ecke eine einsame, verstaubte Akustikgitarre, auf der man sich nun all die Seelenscheiße, all den Gefühlsunrat vom gebrochenen Herzen schreiben kann…

„Dear“ ist Konzeptalbum durch und durch. Der aus London stammende Mittzwanziger Keaton Leslie Henson verarbeitet hier scheinbar gefühlt tausend in die Brüche gegangene Beziehungen und weidet sich stellenweise so sehr therapeutisch im Selbstmitleid, dass er dem Hörer dabei ein ums andere Mal fast unangenehm nahe kommt. Zur beinahe ausschließlich einsamen Akustikgitarrenbegleitung lässt er Szene um Szene des Scherbenhaufens Revue passieren und kommt doch immer wieder an dem einen Punkt an: der Fremde hat sie nun, und er hat sie doch gar nicht verdient: „Does he know who you are? / Does he laugh, just to know what he has? / Does he know not to talk about your dad? / Does he know when you’re sad? / You don’t like to be touched / Let alone kissed. / Does he know where your lips begin? / Do you know who you are? / Do you laugh, just to think what I lack? / Do you know your lip shakes when you’re mad? / And do you notice when you’re sad? / You don’t like to be touched / Let alone kissed. / Does his love make your head spin?“ („Do You Know How Lucky You Are“). Keatons lyrisches Ich sitzt derweil im stillen, düsteren Kämmerlein, schiebt den Trauerkloßblues und hat alsbald keine Tränen mehr übrig („I loved her more than I love myself / … / Oh mama, make me go outside today / … / Oh mama, she broke my head / It’s been four years and it does not end / Oh mama, I cannot cry / Mama, she is with another guy“ – „Nests“), verfällt wiederholt den Lobeshymnen an die Verflossene („And though your skin’s sheet white / And your arms carry scars. / Your hair isn’t clean much / Your lungs black with tar. / And God, you love to argue / You can’t play guitar. / But still, let me tell you / That I love who you are.“ – „Sarah Minor“), führt Zwiegespräche mit dem eigenen, so verhassten – und doch gewöhnten – Selbstmitleid („Here’s to you, you miserable fuck / And why did she finally leave? / Because all you think of is me.“ – „To Your Health“), möchte sich jedes Mal, wenn er sie und ihre neue „bessere Hälfte“ auf der anderen Straßenseite sieht, am wahlweise liebsten in Luft auflösen oder übergeben und hegt alsbald perfide Mordsgelüste („I’m sorry, can’t make your party / I’ll be busy burning. / And I’m afraid / I’d kill your lover / While your back was turned. / … / The thought of your hands on his chest makes my stomach itch / And I see pictures now of the two of you and it makes me sick. / Damn, I love you.“ – Party Song“). Doch die Zeit – fies tickendes Arschloch, Dieb und Wundenheiler – lässt ihn nicht im Stich, zeigt ihm, dass auch der Schmerz endlich ist („Charon“, eine kleine Hymne an den Fährmann über den Hades in der griechischen Mythologie) und er in der Natur klein ist, unbedeutend und: frei („Small Hands“). Und so findet der von fehlender Liebe Gepeinigte endlich Abschlüsse, träumt des Nachts, dass die ehemals Angeflehte – mag sie nun Sarah, Marie oder Sophie heißen – reumütig zu ihm zurückkehrt, nur damit er sie dann aus Rache verlassen kann („I think we’ll be even then, don’t you agree?“ – „Not That You’d Even Notice“). Am Ende macht er seinen Frieden mit sich selbst. Und mit ihr: „And I know I’m awful, I can’t even cry / It’s about time I told her and looked in her eyes / „You’re my best friend, I’ll love you ‚til one of us dies.'“ („About Sophie“). Vielleicht wendet er sich einfach ab und neuen Frauen zu. Vielleicht lernt er, die Einsamkeit zu lieben. Vielleicht zieht er einfach in eine andere Stadt. Alles ist offen…

„Young love, young love / I hope you are well / At least we now both have a story to tell.“ („Sarah Minor“)

Keaton Henson (Promo)

Obwohl „Dear“ rein textlich ein unheimlicher ‚Tearjerker‘ ist, schafft es Keaton Henson durch seine mit viel Kehlkopfvibratio aufgeladene Stimme, sein Gespür für intime kleine Popmelodien und seine schonungslose Ehrlichkeit, den Hörer während der knapp 43 Minuten in seinen Bann zu ziehen. Nur selten lässt er einmal Licht ins stille Songwriter-Kämmerlein fallen, geschweige denn Besucher – etwa beim Backgroundchorgesang in „Not That You’d Even Notice“ oder beim im Hintergrund hallenden, gespenstischen weiblichen Gesang zu „Party Song“ – oder etwas anderes als seine geliebte Akustikgitarre – etwa die Claps und das Banjo bei „Nests“ – mit auf sein Albumdebüt. Die feinen Unterschiede machen lediglich die Gitarrentunings und wenigen beigemischten Hintergrundgeräusche aus. Keaton Henson, mit seiner hageren, bärtigen Statur ein öffentlichkeitsscheuer Waldschrat, wie er im Buche steht, gibt dazu das feingeistige Sensibelchen, den Walter von der Vogelweide auf Prozakentzug, dem die Welt mit der Ex-Freundin abhanden gekommen zu sein scheint und der nun nichts mehr von niemandem wissen mag. „Keaton Henson spends his time alone, writing songs and sometimes drawing, he doesn’t like to talk about himself.“ – soweit die offizielle Presseinfo zu dem Typen, der in Szenekreisen mit einer T-Shirt-Kollektion für die britische Modekette „Topshop“ sowie weltweiten Ausstellungen für Aufsehen sorgte und mit „Dear“ ein nahe bei Elliott Smith, Bon Iver oder Conor Oberst gebautes musikalisches Debüt nach Maß veröffentlicht hat. Aber auch zu dem Typen, der Liveauftritte wie Interviewtermine angsterfüllt scheut, der jede Facebook-Meldung wunderschön selbst illustriert, ebenso wie Albumcover, T-Shirts – und mittlerweile sogar ein eigenes Buch (alles zu finden und zu erstehen hier). Und dessen großartige Videos die Songs des Albums noch einmal auf ein ganz eigenes Niveau heben und deshalb unbedingt und uneingeschränkt zu empfehlen sind. Kein Wunder, dass das Management von Radiohead da nicht lange überlegte und sich dem künstlerischen Tausendsassa angenommen hat…

Keaton Henson (Promo #2)

Da „Dear“ bereits im April erschienen (in Deutschland, wohlgemerkt – die erste Auflage des Albums erschien 2010 noch in liebevoll handgefertigter Kleinstauflage, bei welcher Henson selbst den Namen des Adressaten hinter den Albumtitel schrieb!) ist, sind – neben einigen B-Seiten – mit der „The Lucky EP“ und der „Sweetheart, What Have You Done To Us EP“ bereits zwei mit vier beziehungsweise drei Songs natürlich viel zu kurze Appetithappen auf den hoffentlich baldigst fertiggestellten Nachfolger erschienen, bei denen vor allem der Song „Kronos“ mit seinen derbe voranpreschenden Indierock-Gitarren zeigt, dass Henson durchaus auch anders kann – wenn er denn will. Uns reicht vorerst „Dear“, um uns durch den kalten Winter zu tragen. Ein Tröster an einsamen Tagen. Herzscheiße sei Dank.

 

Hier die wunderbaren Videos zu „Small Hands“ (mit welchem ich Keaton Henson übrigens kennenlernen durfte)…

 

…“Charon“…

 

…“You Don’t Know How Lucky You Are“…

 

…“To Your Health“…

 

…“Sweetheart, What Have You Done To Us“…

 

…sowie zum neuen, in dieser Reihe doch recht ungewöhnlichen neuen Song „Kronos“:

 

Dass Henson auch Lyrik und Malerei kann, beweist dieses Video…

 

…dass der 23-Jährige auch ein verdammt toller Zeichner und Illustrator ist, hingegen diese Bilder:

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
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