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Das Album der Woche


The Smile – A Light For Attracting Attention (2022)

-erschienen bei XL/Beggars/Indigo-

Ein Blick ins proppenvolle Rock’n’Roll-Lexikon verrät dem interessierten Leser und angehenden Musikhistoriker, dass das Wort „Smile“ in der so langen und an Wendungen reichen Rockgeschichte oft genug von besonderer Bedeutung war. Einerseits trugt die von Gitarrist Brian May gegründete Queen-Vorgängerband diesen Namen. Erst als deren ursprünglicher Sänger Tim Staffell ausstieg und ein gewisser Farrokh Bulsara, welcher sich wenig später den schmucken Künstlernamen Freddie Mercury gab, ihn ersetzte, wechselte man zum royalen Bandtitel und startete eine Weltkarriere. Kaum weniger legendär ist natürlich auch „Smile„, das unvollendete, in vielerlei Hinsicht mythisch verklärte Album der Beach Boys, welches Bandkopf Brian Wilson einige Nervenzusammenbrüche und Jahrzehnte später in etwas anderer Form veröffentlichte. Noch früher, 1936, komponierte Charlie Chaplin ein von Puccinis „Tosca“ inspiriertes Stück titels „Smile“ für seinen Film „Modern Times“, welches einige Jahre später auch einen Text erhielt und wiederum etwas später von Größen wie Nat King Cole oder Michael Jackson gecovert wurde. Und nun machen sich weitere – man darf sie wohl auch „Legenden“ nennen – Musiker ans Werk, um mit ihrem neuen Nebenprojekt The Smile einen frischen Eintrag in den Geschichtsbüchern der Rockmusik zu hinterlassen. Bevor auch nur irgendjemand hier auf den Gedanken kommen könnte, dass Frevelei im Spiel sei, lösen wir denn am besten auch gleich das Ratespiel um die Köpfe dahinter: Hinter jenen The Smile stehen mit Thom Yorke und Jonny Greenwood die vermutlich ausschlaggebenden 40 Prozent von Radiohead (was natürlich höchst nüchtern gemeint ist und keinesfalls despektierlich gegenüber Colin Greenwood, Ed O’Brien und Philip Selway), unterstützt von Tom Skinner, dem Schlagzeuger der vielgelobten britischen Jazz-Gruppe Sons Of Kemet. Produziert wird der recht zwanglos tönende Spaß obendrein von Radioheads Haus- und Hof-Engineer Nigel Godrich. Was kann man von dem Debütalbum „A Light For Attracting Attention“ nun erwarten? Frickelige Radiohead-Mucke mit derber Jazz-Schlagseite? Verkopfte Klänge für beflissene Akademiker? Oder gar poppige Singles mit Niveau?

All das – und irgendwie auch nichts davon. Wer beim Hören des Debütwerks des Trios einen klaren Bruch mit Yorkes und Greenwoods Stammband erwartet, der hat womöglich die im Vorfeld veröffentlichten Songs nicht mitbekommen, denn anhand derer wurde bereits recht früh klar, dass The Smile soundästhetisch auch auf Albumlänge gar nicht so weit entfernt vom Mutterschiff ankern würden. Das mag nicht nur an der musikalischen Orientierung der 13 Songs liegen, sondern vor allem an Yorkes seit eh und je charakteristischer Stimme, die bislang noch jedem Projekt ihren Stempel aufgedrückten konnte (wer’s nicht glauben mag, dem seien etwa Atoms For Peace, Yorkes kurzlebige Experimental-Rock-Supergroup mit Nigel Godrich, Chili-Peppers-Bassist Flea, Schlagzeuger Joey Waronker und Perkussionist Mauro Refosco wärmstens ans Hörerherz gelegt). Bereits der sich langsam steigernde Opener „The Same“ tönt fast mokant nach „klassischen“ 21.-Jahrhundert-Radiohead und versprüht so den „klassischen“ Yorke-Vibe – gut, vielleicht etwas mehr den des Solowerks, aber immerhin. Ganz ähnlich wie beim etwas mehr im elektronischen Experiment angelegten Alleingangsschaffen des 53-jährigen britischen Musikers kommen die unheilvollen Beats hier gefühlt durch alle Ritzen gekrochen, wie feiner Nebel – oder, besser noch, wie Rauch – erfüllen sie den Klangraum, während Yorkes Stimme durch den Äther schwebt. Manche Ohren mag das Ganze an Moderat erinnern, was auch durchaus Sinn ergibt: Mit dem deutschen Eletronica-Trio hat der Radiohead-Frontmann in der Vergangenheit ja auch schon gemeinsame Sache gemacht. Das Komplementär-Stück „The Opposite“ startet hingegen mit nervös-vertrackten Breakbeat-Drums, der Bass vollführt einige Derwisch-Moves und die Lyrics stolpern auch irgendwie ungelenk in die Szenerie: Hier musizieren sich The Smile in einen reichlich weirden Strudel, inspiriert von teutonischem Krautrock, patinierter Psychedelia und ausgelassener Jam-Musik.

Und ganz so, als wäre jeder Song die unmittelbare Reaktion auf den vorangegangenen, steigt die noise-verliebte, gegen Monster wie Jeffrey Epstein lärmende Vorab-Single „You Will Never Work In Television Again“ deutlich geradliniger in die Eisen: So viel Uptempo und ungezügelte Dynamik gab es im weitschweifigen Yorke-Greenwood-Kosmos schon länger nicht mehr – fast meint man, dass sich die beiden hier in Radioheads britrockige Neunzigerjahre zurück rumpeln. „Pana-vision“ wirkt dagegen wie eine düster schillernde Klavier-Etüde, die irgendwann zu „Kid A“-Zeiten mal vom Laster gefallen sein mag. Apropos „Kid A„, apropos „Amnesiac„: Ganz ähnlich wie bei jenem zu Beginn der Jahrtausendwende erschienenem Album-Meilenstein-Doppel musizieren The Smile sich hier – vom London Contemporary Orchestra unterstützt – am apokalyptischen Abgrund entlang und liefern damit wohl bedauerlicherweise wirklich einen passenden Soundtrack zur aktuellen Zeit – einmal mehr, schließlich vertonten Radiohead damals wie kaum eine andere Band sonst jenes so diffus nach Dritten Weltkrieg müffelnde Gefühl nach dem 11. September 2001. Was bei alldem jedoch auch klar wird: Würde auf diesem Album das Etikett „Radiohead“ stehen, man würde es zu keiner Sekunde ernsthaft hinterfragen. The Smile machen so viel nämlich nicht anders. Und der Jazz, den man vielleicht angesichts der Bandkonstellation erwartet hatte? Nun, der mag zwar vorhanden sein, man findet ihn jedoch lediglich in Spurenelementen. Skinner trommelt sich nicht in den Vordergrund, lediglich in den paar temporeicheren Songs setzt er bewusste Akzente. Die ausgeklügelte Rhythmik spielt auf „A Light For Attracting Attention“ dennoch eine durchaus wichtige Rolle.

Am besten wird das Album zur Mitte seiner 53 Minuten hin, wo die wahren, aber stillen Highlights warten: „Speech Bubbles“ ist eine luftige, fast schon zärtliche Hymne, die von Orgeltönen und Yorkes Falsett getragen wird, später gesellen sich Akustikgitarre und Streicher hinzu. Ein fragiles, passenderweise den vorherrschenden Informations-Overkill behandelndes Drama in vier Minuten, das man sich so auch auf der jüngsten, bereits sechs Jahre zurückliegenden Radiohead-Platte „A Moon Shaped Pool“ hätte vorstellen können. „Open The Floodgates“ schlägt in eine ähnliche Kerbe, hier spielen The Smile ihren Außerirdischen-Pop mit jeder Menge Fingerspitzengefühl und einem ausgeprägten Sinn für Arrangements, während es anderswo, bei „The Smoke„, zu ahnungsvoll von Umweltzerstörung dräuendem Text gar Dub-lastig wird. Der wohlmöglich größte Song hier folgt auf dem Fuße: „Free In The Knowledge“ ist eine herrlich entgeisterte, verblüffend geradlinig balladeske Komposition, die schon jetzt zum schönsten gehören dürfte, was Yorke und Co. bislang erschaffen haben (und von Thom Yorke Ende letztes Jahres bereits live und solo dargeboten wurde). Hier kommt auch Greenwoods langjährige Erfahrung als Oscar-nominierter Filmmusikkomponist zum Tragen, denn diese Nummer hat im Grunde alles, was ein Song, der selbst ein kleines Epos sein will, benötigt, um vollkommen aufzublühen. „A Light For Attracting Attention“ bewegt sich also mit dem gebührenden Selbstbewusstsein durch die Stile und Möglichkeitsräume, surft mit sicherer Orientierung durch das Radiohead’sche Koordinatensystem und hat letzten Endes das Zeug, um mindestens eines zu sein: eine zwar kleine, dafür jedoch umso wunderbarere Fußnote in der Geschichte der Rockmusik. Für ein Lächeln außer der Reihe reicht’s allemal.

Rock and Roll.

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Song des Tages: Thom Yorke – „Free In The Knowledge“ (live)


Bei einem Solo-Auftritt im Oktober spielte Radiohead-Frontmann Thom Yorke den Song „Free In The Knowledge“ von The Smile.  Nun wurde erstmals ein Video der Performance veröffentlicht. Die Show fand in der altehrwürdigen Londoner Royal Albert Hall statt, es handelte sich zudem um den ersten Bühnenauftritt Yorkes seit Beginn der Pandemie. Den Song widmete der 53-Jährige allen Musiker*innen, die von den Pandemie-meets-Corona-Auswirkungen betroffen sind. Aus den sphärischen Loops, die sich zunächst über eine Minute lang durch den Raum fräsen, lässt Yorke bei der Live-Performance seine Akustik-Gitarre hervortreten. Dazu singt der Brite mit seiner unverkennbaren Kopfstimme den anklagenden Song und lässt die Worte im Saal verhallen. Jene – die Worte – nehmen gleich zu Beginn herben Kontakt zum aktuellen Zeitgeist auf: „Free in the knowledge / That one day this will end„.

Bei wem The Smile kein Erinnerungsglöckchen zum Klingen bringen, sollte sich übrigens nicht allzu sehr grämen, denn selbiges Band-Projekt, welches Yorke gemeinsam mit Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood sowie Tom Skinner, dem Schlagzeuger der Sons of Kemet, betreibt, steckt noch in den oft zitierten Kinderschuhen. Erst im Mai 2021 gaben The Smile ihr Live-Debüt bei einem Live-Streaming-Event des Glastonbury-Festivals.

Bevor Thom Yorke anfängt, den neuen Song zu spielen, hat er jedoch noch ein paar Worte zur Pandemie zu sagen: „Ich bin britischer Musiker und mir wurde während der Pandemie wie allen britischen Musikern gesagt, dass wir eine Umschulung in Betracht ziehen sollten. Und dann, nachdem wir endlich gegangen waren, sagten sie uns, dass wir sowieso nicht mehr wirklich touren müssten, oder? Also gehöre ich vielleicht zu einer aussterbenden Art, wer weiß? Ich möchte für alle meine Musiker-Kollegen einen Song spielen, den ich während dieser Zeit mit meiner neuen Band The Smile geschrieben habe. Er heißt ‚Free In The Knowledge‘…“.

„Free in the knowledge
That one day this will end
Free in the knowledge
That everything is changed

And this is just a bad moment
We are fumbling around
We won’t get caught like that
Soldiers on our backs
We won’t get caught like that

Face using fear
To try to keep to keep control
But when we get together
Well then, who knows

And this is just a bad moment
We are fumbling around
We won’t get caught like that
Soldiers on our backs
We won’t get caught like that

I talk to the face in the mirror
But he can’t get through
I said it’s time that you deliver
‚Cause we see through you
I talk to the face in the mirror
But he can’t get through
Turns out we’re in this together
Both me and you

Rock and Roll.

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Song des Tages: Radiohead – „If You Say The Word“


Foto: Promo / Tom Sheehan

Die Jahrtausendwende war die Zeit von Begriffen wie Glitch, Clicks ’n‘ Cuts und Gefrickel, ehemals hartgesottene Rocker hörten plötzlich Autechre und Aphex Twin, Radiohead­-Bassist Colin Greenwood lobte das Berliner Indietronic-Label Morr Music als bahnbrechend. Ebenjene Radiohead würden jedoch die einzige Band sein, die mit diesem so urban, so fashionesk, so hipsteresk „Indietronic“ getauften Sound einen Welterfolg erzielen sollten: „Kid A“ schaffte es im Jahr 2000 auf die Eins der „Billboard“-Charts, obwohl Gitarren erst 15 Minuten nach Albumbeginn zu hören waren – im vierten Song. Es er­zählt vom überforderten Ich in der unkontrollierten Netzsphäre, der Angst vor dem drohenden Kollaps hinsichtlich des Millenniums, dem Wunsch nach Ordnung im Seelenle­ben („Everything In Its Right Place“) und dem Gedanken, sich für jetzt und alle Zeit aufzulösen („How To Disappear Completely“). Die Überraschung über die elektronische Plat­te einer Rockband war – zumindest für all jene, die beim drei Jahre zuvor erschienenen Album-Meilenstein „OK Computer“ nicht genau(er) zugehört hatten – der­art groß, dass nachhingehend schnell die Floskel „to do a Kid A“ kursierte – gültig für jede Künstlerseele, die vermeintliche Grenzen sprengt.

Und: Radiohead legten ungewöhnlich schnell nach. „Amnesiac“ erschien nur acht Monate später, im Mai 2001, und erlebte (s)eine fraglos gespenstischste Aufführung beim Berlin-­Konzert am 11. September (die Band war zudem eine der ganz wenigen, die entschieden, ihr für diesen schicksalhaften Tag geplantes Konzert nicht abzusagen). Überhaupt kappte 9/11 – zumindest mental – beinahe alle Verbindungen zwischen den Zwillingsalben. Im Rückspiegel lässt sich behaupten: „Amnesiac“ ist keineswegs gelungener als „Kid A“, aber mutiger. Es hört sich an wie eine Singles-­Sammlung verquerer Kunststudenten – inklusive experimenteller B­-Seiten – und bleibt wohl auf Imme rund ewig mit den Terroranschlägen sowie der jener Tage immanent brodelnden Angst vor einem Dritten Weltkrieg verbunden. Das Cover ziert ein weinender Minotaurus. Thom Yorke attackiert sei­ne Lieblingsfeinde George W. Bush und Tony Blair in „You And Whose Army?“, das Lied beschreibt eine Politik, in der das Öl die sogenannten Präventionskriege bestimmt – mit Ausbruch des Dritten Golfkriegs 2003 erhielt es einen Ehrenplatz in den Konzert-Setlists, wurde oft im Zugabenblock gespielt. Das Instrumental „Hunting Bears“ klingt ebenso meditativ wie verstörend, die Gitarre zieht ihre Bahnen wie eine Klin­ge, die langsam aber sicher die immer dünner werdende Luft zerschneidet. Als Radiohead „Hunting Bears“ gleich als zweites Stück bei ihrem 9/11­-Gig aufführten, war das ein Showstopper, der sämtlichen Setlist­-Gesetzen (die an diesem Tag ja ohnehin ausgesetzt waren) widersprach – und gerade deshalb den Irrsinn widerspiegelte, wie er in der Welt von da an herrschte.

Keine Frage: spätestens „Amnesiac“ zementierte das „Kid A“­-Konzept, nach dem Radiohead nur noch dann Rockmusik machen wür­den, wenn sonst keine andere Studio­-Idee zündete. Es stieg in den USA auf Platz 2 ein, einen hinter „Kid A“, verkaufte sich aber noch besser als der Vorgän­ger. Gewagt? Gewonnen. Der Band war das wohl völlig gleich, fortan jedoch mussten Ra­diohead sich an diesem Album-Doppelschlag messen lassen.

Beide Platten sind auch heute noch über jeglichen Zweifel erhaben und zählen ebenso zweifellos zu ihren besten, aber die nun erschienene, „KID A MNESIA“ betitelte Doppel-­Edition enttäuscht nun doch etwas durch spärliche Extras – gerade, wenn man sie mit den bereits 2009 veröffentlichten „Collector’s Editions“ jener Alben vergleicht, die bereits einiges an Bonusmaterial aufgefahren hatten. Über Jahre kokettierten Ra­diohead etwa mit einer unveröf­fentlichten Zehn-­Minuten-Fassung von „Treefingers“ (welche im vergangenen Jahr als knapp fünfminütige „Extended Version“ veröffentlicht wurde), stattdessen liefern sie nun zwölf Outtakes, die kaum Einblick in ihre wohl aufregends­te Studiozeit bieten. So mag „Knives Out“ als Musterbeispiel für ihren Perfektionismus gelten, die Band sagte, es existieren hundert Fassungen dieser Smiths­-Hommage – leider findet sich nicht eine davon hier wieder. Stattdessen Ein­-Minuten-Snippets mit Atmosphären­klängen sowie die nicht mehr rückwärts abgespiel­te, sondern korrekt ablaufende Fassung von „Like Spinning Plates“, die aus dem enigmatischen Experiment eine im Grunde recht zah­me Klavierballade macht. Einzig die isoliert präsentierten Streicher von „How To Disappear Completely“ dokumentieren die Akribie, mit der sich das britische Quintett verändern wollte – final weg vom trauerklößernen Alternative Rock, hinein in artrockige Electronica-Sphären. Gitarrist Jonny Greenwood arrangierte jene Avantgarde­-Klassik, die aus ihm wenig später einen gefragten, Oscar-­nominierten Soundtrack­-Komponisten machte. Das größte Versäumnis: ein Konzert­video. Radiohead zeichneten vieles auf und stellten es später auch auf YouTube, ihre Live­-Versuche mit Loops sind ebenso legendär wie die zu Nachfolgealben wie „In Rainbows“ oder „The King Of Limbs“ entstandenen „From The Basement“-Sessions (die man hier und hier findet). Trotz der 35 Minuten an Zugaben bleibt „KID A MNESIA“ vor allem eine verpasste Chance, allen Fans eine definitive Edition zweier zwar vollumfänglich zeitgeistiger, jedoch kaum gealterter Meilenstein-Werke zu bieten.

Rock and Roll.

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Song des Tages: John Dolmayan – „Street Spirit (Fade Out)“


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Auf Radioheads 1995 veröffentlichtem Erfolgsalbum „The Bends“ war „Street Spirit (Fade Out)“ als letzter Song eine leise, dramatische Indierock-Nummer. System Of A Down-Schlagzeuger John Dolmayan macht daraus eine deutlich kraftvollere Alternative-Serenade mit – natürlich – muskulösem Drums, anschwellendem Instrumentarium und gegen Ende sogar opulenten Streichern. Unterstützt wird er dabei von Avenged Sevenfold-Sänger M. Shadows und Rage Against The Machine-Gitarrist Tom Morello, die sich gen Ende des Stücks beide effektvoll in die Höhe schrauben.

„Besonders dieser Song ist ein sehr berührender und bewegender“, sagte Dolmayan unlängst gegenüber dem Rolling Stone. „Ich mag dieses mürrische Du-sitzt-in-deinem-Zimmer-und-es-regnet-draußen-Gefühl, das mir der Song immer gegeben hat, es ist kalt und deine Freundin hat dich verlassen… ich habe mir beim Hören nur oft gedacht: ‚Ich wünschte, das Schlagzeug käme früher.‘ Oder: ‚Wie würde John Bonham das angehen, wenn es ein Led Zeppelin-Song wäre?'“ Morello habe er für dessen Beitrag nur einen vagen Vibe vorgegeben und ihm ansonsten gesagt: „Sei einfach du selbst und spiel den Song über durch.“ Er habe nichts zerdenken wollen, Spontanität sei ihm wichtig gewesen.

„Street Spirit“ ist dabei nur der erste Vorgeschmack auf John Dolmayans Solo-Debütalbum „These Grey Men„. Die Platte, an der unter anderem auch SoaD-Stimme Serj Tankian beteiligt war, ist für den 28. Februar angekündigt und enthält insgesamt acht Coversongs, darunter Stücke von David Bowie, Madonna, AFI oder Eminem. „Ich will nicht bloß jemand sein, der nur tolle Cover macht“, so Dolmayan über seine Motivation. „Mein Ziel ist, dass der unaufmerksame Hörer nicht unbedingt merkt, dass es ein Cover ist – dass es anders genug ist, dass er sagt: ‚Ok, da passiert etwas Eigenständiges.'“

Dolmayans Soloprojekt köchelt schon länger, bereits seit 2014 sprach er immer mal wieder darüber (unten findet ihr ein entsprechendes Video). System Of A Down, seine Hauptband, tourt zwar dieses Jahr wieder (und lässt sich diese Gigs sicherlich ordentlich vergüten), scheint hinsichtlich neuen Materials – es wäre das erste seit nunmehr 15 Jahren – aber immer noch verdammt uneins, sodass Dolmayan seine Kollegen kürzlich zur Einigkeit aufrief – und nun eben selbst den Alleingang wagt…

 

6804— Die Tracklist von „These Grey Men“ —

01. „Road To Nowhere“ (feat. Serj Tankian) [Talking Heads]
02. „Starman“ (feat. Serj Tankian) [David Bowie]
03. „What I Know“ (feat. Jonathan Dorr) [Two Door Cinema Club]
04. „Runaway“ (feat. Franky Perez) [Del Shannon]
05. „Street Spirit“ (feat. M. Shadows & Tom Morello) [Radiohead]
06. „Hung Up“ (feat. Sirusho) [Madonna]
07. „Beautiful Thieves“ (feat. Jonah Perry Nimoy) [AFI]
08. „Rock Bottom“ [Eminem]

 

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: [LEAK] – „Chuckle“


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Für die einen sind [LEAK] die fränkischen Radiohead, für die anderen eine junge Indie-Band, die mit ihren mal elektrischen, mal indierockenden Songs eine Melange aus dem Besten vom Thom Yorke und Co., aber auch aus dem Oeuvre von deutschen Größen wie The Notwist oder Slut bildet.

Fest steht: Das, was sich der aus Nürnberg stammende Sechser um Frontfrau Rachel Fodor da in vielen, vielen Stunden der Proberaumtüfteleien seit 2014 erarbeitet hat, klingt durchaus spannend, und die im Juni erschienene – jedoch lediglich vier Songs kurze – „Noise from the Void EP“ macht mit ihren zumeist melancholischen, jedoch auch ebenso sphärisch wie experimentell tönenden Stücken wie „Chuckle“, die es tatsächlich schon bis in die Radiostationen in London, Riga, Istanbul, Kalifornien oder Mexiko geschafft haben, Lust auf mehr…

 

 

[LEAK] sind aktuell die „Band der Woche“ beim Format „PULS Musik“ des Bayrischen Rundfunks und waren daher kürzlich auch für eine kurze Live Session sowie ein Interview in deren Studio:

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Philip Selway – „Let Me Go“


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Klar, wird man über die Nebenprojekte der einzelnen Radiohead-Mitglieder gefragt, dann lassen sich die meisten freilich zunächst einmal über Frontmann Thom Yorke sowie dessen knietief in elektronischen Spielereien verortete Soloalben „The Eraser“ oder „Tomorrow’s Modern Boxes“ aus (eventuell gar Yorkes „Supergroup“ Atoms For Peace, welche er gemeinsam mit Red Hot Chili Peppers-Bassist Flea, Produzent Nigel Goodrich und Schlagzeuger Joey Waronker bespielt). Wohlmöglich weiß der ein oder andere Radiohead-Aficionado auch noch um die Umtriebigkeit von Gitarrist Jonny Greenwood, der seit der Jahrtausendwende mal den ein oder anderen Hollywood-Film mit seinen Soundtrack-Ideen veredelt (etwa Paul Thomas Andersons „There Will Be Blood“ oder „The Master“), mal sein Equipment um das ein oder andere – vornehmlich elektronische – Tasten- oder Saiteninstrument erweitert – beide Betätigungsfelder Greenwoods haben die letzten Radiohead-Alben – mit all ihren elektronischen Experimenten („The King Of Limbs“) und der erhöhten Schlagzahl an Streichern („A Moon Shaped Pool“) – hörbar stark geprägt. Was Jonnys Bass spielender Bruder Colin Greenwood, der zweite Gitarrist Ed O’Brien oder Schlagzeuger Philip Selway in ihrer Freizeit so machen? Nichts genaues weiß man nicht…

Nicht ganz. Vor allem letzterer – also Philip Selway – tritt seit einigen Jahren ebenfalls solo in Erscheinung und hat seit 2010 mit „Familial“ und „Weatherhouse“ zwei durchaus hörenswerte Soloalben in die Plattenläden gestellt, die zwar mit den Klangeskapaden seiner wuseligen Bandkumpane Yorke und Greenwood zu keiner Zeit mithalten können (geschweige denn wohl wollen), sich jedoch anhören, als hätte Brian Eno verschollen geglaubte Tonaufnahmen von Nick Drake, auf denen er Songs von Simon & Garfunkel neu interpretiert, durchs heimische Mischpult gejagt. Sophistikatierte Leisetreterei, die sich einer wohl nur dann leisten mag, wenn er im Hauptjob das Schlagwerk bei der ambitioniertesten Rockband des Planeten bedient…

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Nun jedoch scheint es Philip Selway seinem Radiohead-Kollegen Jonny Greenwood gleichtun zu wollen und ist ebenfalls unter die Score-Bastler gegangen: Der 50-jährige Engländer zeichnet sich für den im September anlaufenden Film „Let Me Go“ verantwortlich, welcher die wahre Geschichte der Helga Schneider erzählt, einer Frau, welche 1941 von ihrer Mutter im Stich gelassen wurde, damit diese zur Waffen-SS gehen und alsbald als Aufseherin in einem der Konzentrationslager „Karriere machen“ konnte. Der Film spielt im Jahr 2000, als Helga, ihre Tochter und Enkeltochter der eigenen, mit Makeln behafteten Vergangenheit nachspüren.

Bereits jetzt lässt Philip Selway den Titelsong des Soundtracks, welcher digital am 15. September und physisch am 27. Oktober via Bella Union erschienen und vornehmlich Instrumentalstücke enthalten wird, hören. Und bereits dieser ist – wie wohl auch auch der Film – ein emotionaler Haken in die Magengegend: Zu Pianobegleitung singt Selway Zeilen wie „I waited for you to come back, you never came / I called out for you, you pushed me away“, bevor (sein) Schlagzeug und eine Trauerweide aus Streichern das Stück von Dannen tragen…

 

 

Rock and Roll.

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