Aus den Archiven…


Allein mit Piper und tausend Dingen

Ein Stück des Weges liegt immer vor einem. Oder? Aber so weit sind wir noch nicht. Oder waren wir’s schon? Keine Ahnung. Echt nicht.

Piper für seinen Teil hatte schon ordentlich vorgelegt. Nevermind. Ich wollte genießen, um diese feinen Linien nicht zu einem Haufen Fast Food-artigem Ekel verkommen zu lassen. Also ließ ich mir Zeit. Der Typ am Ende des Sofas neben uns – keiner von uns wusste mehr, ob er sich an seinen Namen nicht erinnern wollte oder konnte – dämmerte bereits, von einem Schuss befreit, mit einem selig-debilen Grinsen auf den Lippen und in den Augen den Untiefen der Nacht entgegen. Piper kroch auf allen Vieren zu ihm hin, sah ihm in die geröteten, blutunterlaufenen Augen und schien zu wissen, dass auch dieser arme Kerl bald jenen Untiefen zum Opfer fallen würde.

„Hey Strike, nun schau dir mal diesen armen Schlucker an! Hat nichts mehr von sich zu geben als die Liebe, die noch zwischen Venen und Lippen steckt. Armes Kind…“ Ich wollte erwidern, dass wir das alle wären, dass es doch bei uns allen so sei, ließ es – wohl dem mitternächtlichen Mangel an Elan geschuldet – jedoch sein.

„Und warum gibst du dir jedes verfickte Mal beschissene Eiswürfel in deinen Wein? Strike? Ey! Ich mein’, was soll das? Das ist doch widerwärtig!“ Ich ließ ihn reden und sah den letzten Resten eben jener Eiswürfel beim Schmelzen zu. Warum musste es immer an den falschen Stellen weh tun? Oder zur falschen Zeit? Oder überhaupt? Und auf diese Weise? Ich bemerkte, wie ein warmes Gefühl über meine Lippen rann. Blut? Klar – kristallene Splitter waren in meine Nase gedrungen und hatten die Schleimhäute verletzt.

Ich nahm einen weiteren tiefen Hieb und ließ meinen Kopf beruhigt nach hinten und auf die lederne, mattbraune Lehne sinken. Ich schloss die Augen, die Bilder wechselten erneut in wilder Tradition. Wieder musste ich daran denken, wie sie gegangen war. Wie – und dass sie, ohne ihr eigenes verqueres Leben von Unrat und Fehlerhaftigkeit zu lösen, in die Arme eines Arschlochs geflüchtet war. Ich sag’s doch: Sentimentalität ließ mich jedes Mal zu einem selbstmitleidigen Bastard verkommen. Also nahm ich einen weiteren Schluck des von Eiswasser verdünnten Rotweins und sah Piper dabei zu, wie er in seiner Manie Papierkraniche faltete.

„Ey Strike! Man sieht nur auf dem lieben Auge gut. Oder war’s mit geschlossenen? Scheiße, vergiss es…“ Sprach’s und ließ einen der Kraniche auf mich zufliegen. Er landete direkt vor meinen Füßen. „Vergiss sie, Mann. Alles hat seine Zeit, aber manche Sachen sind nun mal endlich. Verstehst du?“ Er reichte mir die Flasche Tequila. In guten Momenten konnte einen dieser Kerl echt noch in Erstaunen versetzen.

In wenigen Stunden würde sich auch der Tequila in seinen letzten Zügen uns ergeben. Wir würden auf dem Balkon sitzen und das erste Licht der Morgendämmerung willkommen heißen. Zugvögel würden uns umkreisen und wir würden ihnen ihre Geschichten von Zeiten in fernen Ländern stehlen. Und würden lächeln. Doch so weit sind wir noch nicht… Ein Stück des Weges liegt immer vor einem.

(14. Februar 2006)

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , ,

4 Gedanken zu „Aus den Archiven…

  1. beste Freundin sagt:

    Darf man das, Doppelveröffentlichungen? 😉

  2. beste Freundin sagt:

    Ich las das Textlein bereits in einem Heft mit Baumcover!. Schon verwirrend, wenn sich der Autor immer anders nennt…;-)

    • Ich bitte um Entschuldigung. Hatte auch schon ganz vergessen, dass die Geschichte schonmal wo printmedial veröffentlicht wurde… Lustig. Aber, wie geschrieben: ich mag sie. Danke auch für’s Erinnern. Merkst dir seit jeher ungleich mehr als ich… 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: