Aus den Archiven…


Heute mit etwas Prosa aus vergangenen Tagen. Dieser Kurzgeschichte aus dem Jahr 2005 liegt – zumindest im Ansatz – eine wahre Begebenheit während (m)eines Paris-Urlaubs drei Jahre zuvor zugrunde…

 

Sonne über der Champs-Elysées

Da stand ich also. In der Mitte der Ankunftshalle des Bahnhofs, die Arme weit ausgebreitet, den Kopf nach hinten gestreckt, die Augen geschlossen. Menschen schossen in hektischer Betriebsamkeit von beiden Seiten an mir vorbei. Viele blieben kurz stehen, um sich mit einem kurzen, ratlosen Blick von meiner geistigen Umnachtung zu überzeugen. Andere taten dies in geschwindem Vorbeihuschen – oder, im Ignorieren der ihnen zu abseitigen Welt geübt, erst gar nicht dergleichen. Deutlich konnte ich ihre Augen auf mir spüren. Ich, der ich zum Stillstand gekommen war, tief in mir ruhte.

Ich musste an ihn denken. Getroffen hatten wir uns vor ein paar Jahren auf der Pariser Champs-Elysées. Bevor er bemerkte, dass wir, so wollte es der Zufall, Staatsbürger desselben Landes waren, sprach er mich in gebrochenem Englisch an. Ob ich denn mal kurz auf seine wenigen Habseligkeiten aufpassen könne, er wolle sich nur mal eben einen Kaffee holen. Es war wohl wieder der Zufall, der mich aus der vorbeiziehenden Menschentraube herauszog und in seinen Augen vertrauenswürdig erscheinen ließ.

Da saß ich nun, in einer schattigen Ecke einer der Einkaufsstraßen des alten Europa und verrichtete nichtstuend meinen bescheidenen Dienst als Hüter der Besitztümer eines Fremden… Er kam mit einem Pappbecher voller Kaffee zurück, bedankte sich und wir kamen ins Gespräch, das wir schon bald in unserer Muttersprache weiterführten. Mir einen Joint reichend kam er auf seine Geschichte zu sprechen – die Dinge, die ihn hierher, auf diese Treppe des im Schatten liegenden Herzens des hochsommerlichen Paris geführt hatten.

Einst (wobei er betonte, dass ihm dieses „einst“ herzlich fern erschien) hatte er ein geregeltes Leben im Kohlepott seines, unseres Heimatlandes innegehabt, mit Freundin, mehr oder minder festen Saufkumpanen, Job, vermerktem Wohnsitz und allem, was dem Konsens nach sonst noch dazugehören sollte. Doch eines Tages ereilte ihn, herausgerissen aus seinen gewohnten Strukturen, die schicksalhafte Wende und er musste die bittere Erfahrung machen: verlierst du eins, verlierst du letzthin doch alles. So traf er die für ihn einzig richtige Entscheidung: er packte alles, was ihm noch wichtig erschien, und verschwand. Nicht gänzlich natürlich, nur aus dem Umfeld, in dem er bereits seine Schatten geworfen hatte. So wurde die Reise, wie er mir sagte, zu einer existenziellen Suche nach dem eigenen Ich. Und sie führte ihn in nicht wenige Länder: Marokko, Italien, China, Russland, Australien, in Länder Südamerikas, Spanien (wo er um einen Großteil seiner Habseligkeiten beraubt wurde) und, ausgestattet mit sonnengegerbter, sehniger Haut, Vollbart, strohigem, langem Haar und verblichener Kleidung, letztendlich Frankreich.

Hier saßen wir nun, mittlerweile, mehr Schatten und Abkühlung suchend, an eine Mauer von einem der mannigfachen Friedhöfe gelehnt. Er, der er nicht müde wurde, unablässig von seiner ereignisreichen Vergangenheit zu erzählen, ich, der ich, für einen kurzen Moment von Fernweh (und zugegebenermaßen auch anderen Substanzen) berauscht, abgesehen von kurzen Repliken, schweigend zuhörte. Drei Stunden waren vergangen, als wir uns schließlich mit einem festen Händedruck und einem freundlichen, ehrlichen Lächeln voneinander verabschiedeten.

An ihn musste ich in dem Moment, als ich, die Arme weit ausgebreitet, den Kopf nach hinten gestreckt, in der Ankunftshalle des Bahnhofs stand, denken. An ihn und an das, was er mir zum Abschied mit auf den Weg gegeben hatte: „Eine Sache ist mir auf meiner Reise klar geworden: Man muss nicht Tausende von Kilometern schwinden gespürt haben, um Freiheit zu erfahren. Letztlich muss man lediglich um die Kunst wissen, den Lauf der Dinge in sich selbst anzuhalten und für einen winzigen Moment sich selbst um sich zu ahnen. Das ist Freiheit, das ist Glück für mich.“

Noch immer spürte ich hämische Blicke auf mir, als ich meinen Heimweg antrat…

 

(Juni 2005)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: