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Aus den Archiven…


being-normal-sick-society

 

Sober Incorporated

A breakdown at the breakfast table,

Newspaper titled „This wife’s unstable!“

A tiny bliss of sanity,

Joined all the twist of irony.

 

Waiting for your time to come,

When always turns to never.

With the bitter and the better ones,

The tricky, lost and clever.

 

Ceremony waves her long goodbye,

Then poisons the last child.

A feast, direction infinity,

What’s bored now will stay wild.

 

Haemoglobin’s still too thick to swallow,

Veins, grown old and fat.

Just one more bunch of polaroids,

Then lay that bitch to bed.

 

Trinity, JC, godsend,

The holy colours of tv.

Motionless, don’t cry too loud,

This will not make me see.

 

Rules to follow, no plan’s fulfilled,

The man reads out late granny’s last will:

„Put a magnolia on the windowpane,

Waste my fuckin‘ fortune on a trip to Spain.“

 

Jeff, God may bless him, was a stock manic,

One sweet black day, a gun, a shot in the attic.

Indeed, money’s not likely if you’re in need and want to find,

Some fine eternal peace of mind.

 

Me, I’m up here in my tree,

Alone, not lonely’s what I’ve gotta be.

I’m not void of sins, but as far as I can tell,

Innocence is perfection, fiction as well.

 

People, don’t you make me look into the,

Shady prism of dysfunction and reality.

The ballad of big nothing has long died away, I know,

Here I am, I’ve gotta go.

 

(08. Januar 2004)

 

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Rock and Roll.

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„Driftwood“ – tausend Anfänge, tausend kleine Tode…


Dass ich auf ANEWFRIEND keineswegs zum ersten Mal über Musik, Film und Kultur schreibe, dürfte dem Einen oder der Anderen bereits bekannt sein. Dennoch werden die wenigsten unter euch die ganze Geschichte kennen. Und welch‘ besseren Anlass als der einjährige Geburtstag dieser kleinen Seite gäbe es, um davon zu erzählen?

 "Driftwood"

 

Mein Teil der Geschichte von „Driftwood“ geht einher mit dem Ende einer Freundschaft. Eine Freundschaft, die groß und stark und mächtig schien. Die Alltagsfallstricke überdauerte, die von Herzen kam. Und: die ebenso abrupt wie bitter enden sollte.

Alex und ich kannte uns bereits seit Schultagen. Trotz seines strohweißen Haars und dem reichlich infantilen Spitznamen „Schneekoppe“ war er – ganz verwöhntes Einzelkind – stets der, der immer bei den coolsten Typen auf dem Pausenhof mitmischen durfte, während ich den stillen Beobachter, den abwartenden Außenseiter gab und mein Rowdytum eher als explosive Momentaufnahme präsentierte. Und trotzdem wurden wir Freunde. Gründe gab es mannigfaltig, jedoch kristallisierte sich, je älter wir wurden, zunehmend einer heraus: die Musik. Erst waren es die ultracoolen Possen des Hip Hop, später Gitarrentöne in so ziemlich jeder Spielart, die uns anzogen. Er war das „Stones-Kind“, welches von seinen Eltern instinktiv die Einfachheit eines satten Licks aufgezeigt bekam, ich wurde von meinem Vater – glücklicherweise – bereits früh mit den Beatles oder Queen beschallt – und besitze so bis heute eine ausgeprägte Affinität für Harmonien, egal ob simpel oder komplex. Und obwohl hier nun eine so brennende wie ausweglose Diskussion der Marke „Beatles vs. Stones“ stehen könnte, waren wir doch meist süchtig nach den gleichen Musikern und Bands – wobei man bedenken muss, dass in dieser Zeit – also um das Jahr 2000 herum – Musik noch keineswegs in dem heutigen Maße verfügbar war. Hatte man freundlicherweise den Tipp für eine neue, potentiell großartige Band bekommen, so konnte man sich deren Album nicht einfach innerhalb weniger Minuten über mehr oder minder legale Wege aus den unendlichen Weiten des weltweiten Netzes saugen. Nein, dann hieß es, dieses auf Vinyl oder Plastik gebannte neue Klangkleinod via Mailorder – denn natürlich war das Ding in Deutschland nur als Import erhältlich! – zu bestellen… Und zu warten. Oder man nutzte einen Trip in die deutsche Hauptstadt, um sich in den unterirdischen Hallen des Saturn am Alexanderplatz stapelweise mit musikalischen Leckerbissen einzudecken, denn die hatten – zumindest was meine Einschätzung betrifft – einen unvergleichlich fein erlesenen Mix aus Standards und Raritäten zu bieten. Und so saßen wir auch nach Schulschluss, der für mich alsbald durch einen Wechsel in anderen Gemäuern stattfand, sehr oft zusammen, lauschten ehrfürchtig neuen Errungenschaften und tauschten diese – erst auf Kassetten, dann dank der CD-Brenner unserer Eltern auf Rohlingen – untereinander aus. Wir lasen die gleichen Musikzeitschriften, unternahmen einen gemeinsamen Trip nach London, während dem wir von Plattenladen zu Plattenladen zu Second Hand-Shop zu Plattenladen zogen, so kaum je das Tageslicht sahen und mit reicher Beute nach Deutschland zurückkehrten. So oft wir konnten, trafen wir uns auch nach dem Ende unserer Schulzeit – die ich mit Ach und Krach in den „regulären“ 12 Jahren schaffte, während Alex ein Jahr nachsitzen durfte – und während des Studiums auf Konzerten, fuhren im Sommer gemeinsam nach Südfrankreich (im Tapedeck: je eine Kassette von No Doubt, Philip Boa & The Voodooclub und Manu Chao – 14 Tage lang!) sowie zu Festivals. Und auch alle Hochs und Tiefs wurden mit dem Anderen geteilt – lag mal wieder Stress mit der Freundin in der Luft, so musste keiner von beiden lange überlegen, wen er anrufen und so nächtelang die Ohren heiß reden konnte. Und nie lange warten, bis der Andere mit einem „Trösterkasten“ Bier und dem eigens und eilig angefertigten „Aufbaumixtape“ vor der Tür stand…

Irgendwann hatten wir – wahrscheinlich aus einer prächtigen Bierlaune heraus – die Idee, es nicht wenigen selbstberufenen Schreiberlingen gleichzutun und die Außenwelt an unserer Leidenschaft teilhaben zu lassen: „Ein Fanzine? Ey, Alex, klar! Lass uns das machen!“ Und so besorgte Alex sich in seiner Studienheimat Chemnitz – ganz old school – eine DDR-Schreibmaschine, während ich mit Schere und Leim PC-Ausdrucke als Collagen verfremdete. Jeder von uns hatte (s)einen ureigenen Stil, Alex holte noch ein, zwei Studienkollegen mit ins Boot – „Driftwood“, resultierend aus unzähligen Denksportstunden wohlklingend benannt als Hommage an Cursives tolles Album „The Ugly Organ“, war geboren. Nach etlichen Nachtschichten, Absprachesitzungen und zwei kompletten Wochenenden, die Alex und ich sortierend, faltend und tackernd vor dem Kopierer in der Firma, in welcher sein Vater zu dieser Zeit Chef war, verbrachten, war im Herbst 2004 die erste, etwa 100 Exemplare starke Ausgabe unseres eigenen Fanzines fertig – und wir stolz wie Bolle! Und obwohl wir selbst nicht wenig Geld in die Fertigung und Fertigstellung besteckt hatten, verteilten wir „Driftwood“ idealistisch „for free“ an unseren Unis – ich in Dresden, er in Chemnitz – sowie in allen möglichen Plattenläden und Clubs. Die Resonanz? Anfänglich schleppend. Und doch machten wir – nun angefixt – weiter, fanden bald kleinere Sponsoren und einen geeigneten Copyshop und mussten uns nun nicht mehr ein Wochenende im Monat die Knie wund scheuern. Alles schien perfekt zu laufen: erste GRATIS-Bemusterungen (das Himmelreich eines jeden Musiknerds!) von Plattenlabels trudelten bei uns ein, der Name „Driftwood“ fand sich auf den Gästelisten von Konzerten, wir führten gar erste Interviews (hier noch einmal ein dickes „Entschuldigung“ an alle professionellen Musiker, die gegebenenfalls unter unserer semi-professionellen Blauäugigkeit zu leiden hatten!).

Und doch kam die Veränderung schleichend. Alex veränderte sich zunehmend, je mehr er in Chemnitz in Kreise aus profilgeilen Hobbylinken und neurotischen, von seligen DDR-Zeiten träumenden Paradiesvögeln, die sich auch einmal gern den Künstlernamen „DJ Rudi Dutschke“ gaben, hineinkam. Eine Anbiederung, die ich so und aus der Distanz nicht mehr mitbekam. Dabei hätte es mir durchaus auffallen können: vorher hatten wir mindestens ein- bis zweimal die Woche telefoniert, um uns über neue Artikel, neue Musik und unsere Leben auszutauschen. Nun passierte das nur noch gut alle zwei Wochen… Alex hing mehr mit der modelinken Chemnitzer Szeneelite ab und betete bereitwillig deren Idealvorstellungen vor. Es hing ein seltsames Gefühl in der Luft, das jedoch keiner von uns beiden ansprechen wollte oder konnte. Stattdessen versuchten wir es totzuschweigen und weiterhin auf unsere gemeinsame Liebe zur Musik zu bauen. Und doch – oder gerade deshalb – kam es nach Ausgabe fünf und einem höchst tragisch verlaufenen Geburtstag von Alex im Herbst 2005 zum Bruch. Und ich erhielt nur eine knappe E-Mail von ihm, in der er mir für die gemeinsame Zeit dankte, mich unangenehm aus der Redaktion von „Driftwood“, welches ja und vor allem auch mein „Baby“ war, und seinem Leben entfernte. Und obwohl der offizielle Grund, eine politisch eben nicht linke, jedoch keinesfalls verfängliche Äußerung im „Schlussakkord“, der mir vorenthaltenen Abschlusskolumne der „Driftwood“ (Alex hatte das Editorial für sich beansprucht), in welcher ich im Zuge der anstehenden Bundestagswahl lediglich zum eigenständigen Denken aufgefordert hatte, auf der Hand lag, wusste ich genau, dass er sich final an seinen neuen, potentiell oberflächlichen Freundeskreis angebiedert hatte. Von einem Tag auf den anderen brach er den Kontakt zu mir ab. Und obwohl ich mir vorstellen kann, dass ihn das Schreiben dieser E-Mail einiges an Überwindung gekostet haben muss, bleibt bis heute ein menschlicher Makel. Ich habe ihn danach nur noch einmal vor Gericht wiedergesehen (eine andere Geschichte). Einmal, seitdem nie mehr. Was er heute macht? Wie es ihm geht? Keine Ahnung…

Das plötzliche Ende tat weh, denn es war auch und vor allem das Ende einer großen Freundschaft, die mir sehr viel bedeutet hatte. Dass all dies in einer Zeit, in der auch weitere Freunde „wegbrachen“, mein Studium zunehmend in eine Sackgasse geriet und meine große Liebe zu neuen Ufern aufbrach, stattfand, verlieh der Situation noch eine höchst unnötige zusätzliche Tragik.

Und doch denke ich, heute rückblickend, vor allem an eine schöne Zeit zurück. An tolle gemeinsame Momente, an viel Ehrlichkeit, an viel Herzblut und Druckerschwärze. An Ideale, Träume, Hoffnungen, und den Tod eines guten Teils des eigenen Idealismus‘. Wir sind gewachsen, nur eben in unterschiedliche Richtungen. Und irgendwo mittendrin sind aus zwei verrückten Jungen Männer geworden…

(Nicht mit Bitterkeit, sondern mit Wehmut schaue ich zurück. Denn all das hat mich zum heutigen Tag gebracht, hierher.)

 

Rock and Roll.

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Aus den Archiven…


Allein mit Piper und tausend Dingen

Ein Stück des Weges liegt immer vor einem. Oder? Aber so weit sind wir noch nicht. Oder waren wir’s schon? Keine Ahnung. Echt nicht.

Piper für seinen Teil hatte schon ordentlich vorgelegt. Nevermind. Ich wollte genießen, um diese feinen Linien nicht zu einem Haufen Fast Food-artigem Ekel verkommen zu lassen. Also ließ ich mir Zeit. Der Typ am Ende des Sofas neben uns – keiner von uns wusste mehr, ob er sich an seinen Namen nicht erinnern wollte oder konnte – dämmerte bereits, von einem Schuss befreit, mit einem selig-debilen Grinsen auf den Lippen und in den Augen den Untiefen der Nacht entgegen. Piper kroch auf allen Vieren zu ihm hin, sah ihm in die geröteten, blutunterlaufenen Augen und schien zu wissen, dass auch dieser arme Kerl bald jenen Untiefen zum Opfer fallen würde.

„Hey Strike, nun schau dir mal diesen armen Schlucker an! Hat nichts mehr von sich zu geben als die Liebe, die noch zwischen Venen und Lippen steckt. Armes Kind…“ Ich wollte erwidern, dass wir das alle wären, dass es doch bei uns allen so sei, ließ es – wohl dem mitternächtlichen Mangel an Elan geschuldet – jedoch sein.

„Und warum gibst du dir jedes verfickte Mal beschissene Eiswürfel in deinen Wein? Strike? Ey! Ich mein’, was soll das? Das ist doch widerwärtig!“ Ich ließ ihn reden und sah den letzten Resten eben jener Eiswürfel beim Schmelzen zu. Warum musste es immer an den falschen Stellen weh tun? Oder zur falschen Zeit? Oder überhaupt? Und auf diese Weise? Ich bemerkte, wie ein warmes Gefühl über meine Lippen rann. Blut? Klar – kristallene Splitter waren in meine Nase gedrungen und hatten die Schleimhäute verletzt.

Ich nahm einen weiteren tiefen Hieb und ließ meinen Kopf beruhigt nach hinten und auf die lederne, mattbraune Lehne sinken. Ich schloss die Augen, die Bilder wechselten erneut in wilder Tradition. Wieder musste ich daran denken, wie sie gegangen war. Wie – und dass sie, ohne ihr eigenes verqueres Leben von Unrat und Fehlerhaftigkeit zu lösen, in die Arme eines Arschlochs geflüchtet war. Ich sag’s doch: Sentimentalität ließ mich jedes Mal zu einem selbstmitleidigen Bastard verkommen. Also nahm ich einen weiteren Schluck des von Eiswasser verdünnten Rotweins und sah Piper dabei zu, wie er in seiner Manie Papierkraniche faltete.

„Ey Strike! Man sieht nur auf dem lieben Auge gut. Oder war’s mit geschlossenen? Scheiße, vergiss es…“ Sprach’s und ließ einen der Kraniche auf mich zufliegen. Er landete direkt vor meinen Füßen. „Vergiss sie, Mann. Alles hat seine Zeit, aber manche Sachen sind nun mal endlich. Verstehst du?“ Er reichte mir die Flasche Tequila. In guten Momenten konnte einen dieser Kerl echt noch in Erstaunen versetzen.

In wenigen Stunden würde sich auch der Tequila in seinen letzten Zügen uns ergeben. Wir würden auf dem Balkon sitzen und das erste Licht der Morgendämmerung willkommen heißen. Zugvögel würden uns umkreisen und wir würden ihnen ihre Geschichten von Zeiten in fernen Ländern stehlen. Und würden lächeln. Doch so weit sind wir noch nicht… Ein Stück des Weges liegt immer vor einem.

(14. Februar 2006)

 

Rock and Roll.

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Aus den Archiven…


Es ist wieder einmal Zeit, die Archivtüren einen Spalt weit für eine Kurzgeschichte, entstanden im Jahr 2004, zu öffnen. Kitsch as Kitsch can be – aber irgendwie mag ich sie auch…

No 1339

1339 Stufen.

Jede einzelne musste sie in irgendeiner Weise gezählt haben. Nur konnte sie sich daran nicht mehr erinnern. Auf dem Weg nach oben waren ihr so viele Dinge durch den Kopf geschossen, jede Stufe einem neuen Bild dieser beinahe traditionellen Diashows seiner Eltern gleich, die er immer so geliebt hatte. Sie jedoch hatte sich nie etwas daraus gemacht: seine Mutter im Urlaub am Tisch eines italienischen Restaurants, an der Côte d’Azur; das Kolosseum, der schiefe Turm (den man ihrer Meinung nach in jeder zweiten Industriestadt finden konnte), Olivenbäume, spanische Trachtentänzerinnen, und Kirchen, Kirchen, Kirchen – von innen, außen, hinten, vorn. Prachtvoll geschmückte Altare, überdimensionale goldene Kreuze. INRI. Jede Fotografie wie aus einem zweitklassigen Reiseführer. Ihm zuliebe hatte sie, wie als stumme Antwort auf alle ausführlichen, ins Überschwängliche kippenden Erläuterungen, mit einem dezenten Lächeln genickt. „Jede einzelne Aufnahme bietet dir die Chance einer völlig neuen Sicht auf die Welt – und ich habe nicht vor, auch nur eine ungesehen verstreichen zu lassen,“ hatte er ihr einmal zu erklären versucht.

Nun waren Stufe für Stufe, Bild für Bild ihre Erinnerungen an ihn (und sie hoffte zutiefst, dass sie auch ein wenig mit den seinen identisch sein mögen) an ihrem inneren Auge vorbeigezogen: der Nachthimmel am Abend ihres ersten Treffens, sein ihn stets ein wenig albern wirken lassendes Lächeln (er dachte immer, es würde ihn cool, geheimnisvoll und verwegen aussehen lassen, tat es aber – leider, leider – nicht), die Schweißperlen, die seinen Oberkörper hinunter rannen, in der Nacht, als sie zum ersten Mal nebeneinander einschliefen, ihre gemeinsamen Wochen in der Hochländern Schottlands (beide mochte einsame und verregnete Landschaften), seine Art, die von ihr gedrehten Zigaretten zu rauchen, die Scherben der Tassen und Teller, die ihren temperamentvollen  Streitereien zum Opfer fielen (tatsächlich pflegte sie während eines Streits die Rolle der wild gestikulierenden Furie und er die in sich selbst ruhenden Universums einzunehmen), die bittersüßen Küsse der Versöhnung… Tränen, Küsse, Tränen, Küsse… Ein stetiges Auf und Ab. Nun sehnte sie sich nach diesen Achterbahnen und musste sich am linken hölzernen Geländer festhalten, um nicht herabzufallen.

Sie wollte diesen einen Morgen noch einmal erleben, wollte noch einmal erwachen, in diese tiefen, grünen Augen blicken und diese, seine Stimme hören: „Ich war mir noch nie zuvor so sicher, jemanden zu lieben, wie dich in diesem Moment.“ (lieben, lieben, lieben – Der Widerhall in ihrem Kopf schmerzte und sollte doch niemals mehr verschwinden.), wollte noch einmal zusehen, wie sich seine Haare im Spiel mit dem Wind nach hinten warfen, all diese rotweingetränkten Nächte, in denen sie sich gegenseitig ihre Sorgen, Träume, Ängste und Wünsche gebeichtet hatten und so den fruchtbaren Nährboden ihrer Beziehung ebneten. Und schließlich das Leuchten der Tränen in beider Augen an diesem Abend, als er ihr im Meeressand kniend einen Heiratsantrag gemacht hatte. Nie zuvor hatte sie sich so lebendig, verwirrt, sicher und doch voller Fragen gefühlt. Das Pochen ihres Herzens hätte man zweifellos noch am anderen Ufer dieses Ozeans spüren können. Und doch lag ihre Antwort nie im Ungewissen… Der wohl – nein, definitiv – glücklichste Augenaufschlag ihres Lebens! Alles, alles Rauch und Asche…

Sie war an der Spitze des Kirchturms angekommen, der matte Glanz der Glocken schien nur wenige Meter entfernt. Das Schwarz der tausend Motten vor ihren Augen wechselte, je näher sie der am Horizont stehenden Sonne kam, in ein schimmerndes Grau. (Die Brüstung des Holzbogens vor ihr strahlte mit einem Mal ein geradezu faszinierendes Verlangen aus, dem sie sich nur schwerlich entziehen konnte.) „Die Einheit von wahrer Liebe und reinen Gedanken möge Suizid sein,“ murmelte sie in das Heulen des Windes. Doch sie war hier, um ihm seinen letzten Wunsch zu erfüllen, um ihren Teil des Schwurs zu leisten. („Liebling, lass mich leben, einfach leben. Oder lass mich frei wie der Wind sein. Versprich es mir. Bitte.“ Seine Stimme war nun zum sehnsüchtigsten Geräusch im Gesamten Universum erwachsen…)

Nah an die Brüstung gepresst, zog sie die kleine schwarze Plastiktüte aus der Innentasche ihres Mantels, öffnete sie, sprach:

„Lieber Gott, Du weißt, ich war nicht immer das, was man so gemeinhin als… na ja… ‚gottesfürchtig‘ bezeichnet, aber irgendjemand hat mir mal gesagt, Du würdest den Notleidenden beistehen und… na ja… bitte, ich bitte Dich, lass uns beide, ihn und mich, auf ewig, für immer zusammen sein. Amen.“

und überließ deren Inhalt dem Wind.

Tausende Aschepartikel regneten hinab auf die Stadt, vorbei an Gräbern, an den Lebenden, Toten und Halbtoten. Manche wurden von Sturmböen erfasst und in alle Winde verstreut…

                                         (Februar 2004)

 

Rock and Roll.

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Aus den Archiven…


Da ich fast den kompletten heutigen Tag unterwegs war (der Mac musste nach dem wochenendlichen Crash wieder hergerichtet werden, danke nochmal ans Brüderchen), euch aber trotzdem nicht ohne etwas Neues hier in die Montagnacht entlassen wollte, nun wieder etwas aus ANEWFRIENDs Archiv: ich habe ein Gedicht wiederentdeckt, das ich gern mit euch teilen würde… 

 

Hall of Fame

Du spielst die Akkorde, die dir das Leben in die Haare weht

Liest geplatzte Traumblasen wie Herbstlaub auf

Um sie in Kaleidoskopmosaike zu verwandeln

 

Ziehst durch regennasse Gassen

Die letzten Sonnenstrahlen des Jahres auf der Nasenspitze balancierend

Gehst du in meine Hall of Fame ein

 

Du trägst deine Bürde mit den Flügeln eines Kolibris

Täuschst gekonnt mit rechts an

Nur um dann lächelnd ein Ass aus dem linken Ärmel zu schütteln

 

Die Welt liegt dem Meer deiner Augen zu Füßen

Doch wohlwissend verlangst du wortlos redegewandt nach mehr

Denn du spielst in der Champions League

 

Du bist der Abschied, den man gern hinauszögert

Legst mir Komplimente in den Kopf

Und benetzt still deinen Rasierklingenmund

Zeigst mir neue Sprachen auf

Und Dinge, weder dies- noch jenseits von Gut und Böse

Denn du bist das erste Mal

 

Und du bist Jeanne d’Arc

Du bist Harry Houdini

Die Dürre des Erwartens

Der Sommerregen

Die Vorfreude

Das Nachbeben

Die Morgenröte

Die Abenddämmerung

Das Bonuslevel

Der Neustart

Die Farben für Tagträume in Schwarz-Weiß

Das Vermissen

Du bist.

Du. Bist.

Wo?

Wo bist du?

 

(Madrid, 2. Oktober 2008)

 

Rock and Roll.

Aus den Archiven…


Heute mit etwas Prosa aus vergangenen Tagen. Dieser Kurzgeschichte aus dem Jahr 2005 liegt – zumindest im Ansatz – eine wahre Begebenheit während (m)eines Paris-Urlaubs drei Jahre zuvor zugrunde…

 

Sonne über der Champs-Elysées

Da stand ich also. In der Mitte der Ankunftshalle des Bahnhofs, die Arme weit ausgebreitet, den Kopf nach hinten gestreckt, die Augen geschlossen. Menschen schossen in hektischer Betriebsamkeit von beiden Seiten an mir vorbei. Viele blieben kurz stehen, um sich mit einem kurzen, ratlosen Blick von meiner geistigen Umnachtung zu überzeugen. Andere taten dies in geschwindem Vorbeihuschen – oder, im Ignorieren der ihnen zu abseitigen Welt geübt, erst gar nicht dergleichen. Deutlich konnte ich ihre Augen auf mir spüren. Ich, der ich zum Stillstand gekommen war, tief in mir ruhte.

Ich musste an ihn denken. Getroffen hatten wir uns vor ein paar Jahren auf der Pariser Champs-Elysées. Bevor er bemerkte, dass wir, so wollte es der Zufall, Staatsbürger desselben Landes waren, sprach er mich in gebrochenem Englisch an. Ob ich denn mal kurz auf seine wenigen Habseligkeiten aufpassen könne, er wolle sich nur mal eben einen Kaffee holen. Es war wohl wieder der Zufall, der mich aus der vorbeiziehenden Menschentraube herauszog und in seinen Augen vertrauenswürdig erscheinen ließ.

Da saß ich nun, in einer schattigen Ecke einer der Einkaufsstraßen des alten Europa und verrichtete nichtstuend meinen bescheidenen Dienst als Hüter der Besitztümer eines Fremden… Er kam mit einem Pappbecher voller Kaffee zurück, bedankte sich und wir kamen ins Gespräch, das wir schon bald in unserer Muttersprache weiterführten. Mir einen Joint reichend kam er auf seine Geschichte zu sprechen – die Dinge, die ihn hierher, auf diese Treppe des im Schatten liegenden Herzens des hochsommerlichen Paris geführt hatten.

Einst (wobei er betonte, dass ihm dieses „einst“ herzlich fern erschien) hatte er ein geregeltes Leben im Kohlepott seines, unseres Heimatlandes innegehabt, mit Freundin, mehr oder minder festen Saufkumpanen, Job, vermerktem Wohnsitz und allem, was dem Konsens nach sonst noch dazugehören sollte. Doch eines Tages ereilte ihn, herausgerissen aus seinen gewohnten Strukturen, die schicksalhafte Wende und er musste die bittere Erfahrung machen: verlierst du eins, verlierst du letzthin doch alles. So traf er die für ihn einzig richtige Entscheidung: er packte alles, was ihm noch wichtig erschien, und verschwand. Nicht gänzlich natürlich, nur aus dem Umfeld, in dem er bereits seine Schatten geworfen hatte. So wurde die Reise, wie er mir sagte, zu einer existenziellen Suche nach dem eigenen Ich. Und sie führte ihn in nicht wenige Länder: Marokko, Italien, China, Russland, Australien, in Länder Südamerikas, Spanien (wo er um einen Großteil seiner Habseligkeiten beraubt wurde) und, ausgestattet mit sonnengegerbter, sehniger Haut, Vollbart, strohigem, langem Haar und verblichener Kleidung, letztendlich Frankreich.

Hier saßen wir nun, mittlerweile, mehr Schatten und Abkühlung suchend, an eine Mauer von einem der mannigfachen Friedhöfe gelehnt. Er, der er nicht müde wurde, unablässig von seiner ereignisreichen Vergangenheit zu erzählen, ich, der ich, für einen kurzen Moment von Fernweh (und zugegebenermaßen auch anderen Substanzen) berauscht, abgesehen von kurzen Repliken, schweigend zuhörte. Drei Stunden waren vergangen, als wir uns schließlich mit einem festen Händedruck und einem freundlichen, ehrlichen Lächeln voneinander verabschiedeten.

An ihn musste ich in dem Moment, als ich, die Arme weit ausgebreitet, den Kopf nach hinten gestreckt, in der Ankunftshalle des Bahnhofs stand, denken. An ihn und an das, was er mir zum Abschied mit auf den Weg gegeben hatte: „Eine Sache ist mir auf meiner Reise klar geworden: Man muss nicht Tausende von Kilometern schwinden gespürt haben, um Freiheit zu erfahren. Letztlich muss man lediglich um die Kunst wissen, den Lauf der Dinge in sich selbst anzuhalten und für einen winzigen Moment sich selbst um sich zu ahnen. Das ist Freiheit, das ist Glück für mich.“

Noch immer spürte ich hämische Blicke auf mir, als ich meinen Heimweg antrat…

 

(Juni 2005)

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