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Sunday Listen: Redjetson – „Other Arms“


Redjetson, von denen die meisten von euch mutmaßlich nie etwas gehört haben, waren eine Band aus dem englischen Essex mit heißen, für Indie- und Post-Rock schlagenden Herzen und einem noch riesigeren Sound im Gepäck. Etwa zur selben Zeit wie artverwandte „Heiße-Scheiß“-Bands wie Bloc Party, Editors oder iLiKETRAiNS (mit denen sie oft tourten) entstanden, brachte das aus Clive Kentish, Daniel Hills, Daniel Carney, Ian Jarrold, Grant Taylor und Joel Hussey bestehende Sextett zwei durchaus amtliche, vielfältige tönende Alben von atemberaubender Schönheit zustande, die den oben erwähnten Post-Rock mit einigem an Getöse umgarnten und alldem klaviergeleitete Melancholie als Kontrastpunkt gegenüber stellten. Und sich leider trennten, noch bevor ihr zweites Werk „Other Arms“ veröffentlicht war, was dazu führte, dass ihrem frühen Schwanengesang kaum Beachtung geschenkt wurde. Nichtsdestotrotz lohnt es sich, dem Langspieler über eine Dekade nach dessen Erscheinen Gehör zu schenken.

Der frenetische Opener „Soldiers And Dinosaurs“ weiß schonmal mit seinem ordentlich Dampf machenden Schlagzeug, Multi-Vocals sowie Gitarren wie aus dem Interpol-Lehrbuch zu überzeugen. Sein verträumt-verwirbelter Habitus und der dezente Einsatz von Echo und Verzerrung, insbesondere bei Clive Kentishs Gesang, geben die Marschrichtung der folgenden neun Songs vor, deren Produktion aus Ausformuliertheit weitaus vollmundiger gerät als noch das 2005er Debüt „New General Catalogue„.

Auch in „Beta Blocker“ treten die elektrifizierten Gitarren anschließend prominent in Erscheinung, bieten jedoch auch treibende Basslinien und Glockenspiel an, während Textzeilen wie „The rent is due / Ideology’s gone / The rent is due / Philosophy’s gone“ durchaus in Widerspruch zur erhebenden Melodie stehen – ein Kontrast, der etwa auch bei „Questions I Don’t Want To Ask'“ deutlich wird. Zeilen wie „I take this opportunity to make my voice heard“ oder „Reasoning isn’t easy“ deuten eine politische Grundhaltung der Band an, die vom flotten Schlagzeugklang, dem Glockenspiel und den läutend emporsteigenden Gitarrenakkorden sowohl unterstützt als auch in Konflikt gesetzt wird. Heraus kommt ein gleichsam zarter und lebendiger Song, dem die gelegentlichen Powerchords wunderbar in die Parade fahren. Und wo sich Gitarrenbands dieser Couleur oft und gern im selbstmitleidigen Bühnenhalbschatten suhl(t)en, bieten Redjetson hier noch ein Wechselbad aus optimistischen, beruhigenden Textzeilen an. So gibt ‚(g)Listen‘ mit seinem orchestralen Klangoutfit, den stetig wandernden Basslinien und dem abermals ausgeprägten Glockenspiel dem Hörer ein schulterklopfendes „It’s alright“ mit auf den Weg. „For Those That Died Dancing“ suggeriert dunkel augenzwinkernd „There is no apocalypse / Turn off the lights and have some fun“, während dramatische Gitarren einen in die volle, warme Sounddecke einhüllen.

Und es gibt noch eine Reihe weiterer Highlights auf „Other Arms“. „Count These Demons“ etwa demonstriert die nahezu perfekte Mischung aus Ebbe und Flut, Leise und Laut. Der Song beginnt schwer, wandelt jedoch alsbald in zerbrechlichen Streichern, die Clive Kentishs gen Firmament zielende Stimme unterstützen und die subtile, hypnotische Leadgitarre begleiten. So nimmt das Stück Elemente von Rides „Vapor Trail“ oder Hope Of The States (eine ebenso zu früh aufgelöste, zu wenig beachtete britische Band) in sich auf, bevor die Soundkulisse abermals in sich zusammenstürzt. Die doppelte repetitive Gitarreneröffnung von „These Structures“ ebnet den Weg für seichtere Töne und in Echo getränkte, von massig Delay gefütterte Gitarren, die sich zu einem beinahe Metal’esken Crescendo-Finale auftürmen. „First Of The 47,000“ ist ein exzellentes, episches Instrumental der Güteklasse von Post-Rock-Vorzeigebands wie Sigur Rós, Mogwai oder Explosions In The Sky, bei dem Glockenspiel und Orgel durch eine warme, eindringlich-geräumige Gitarrenlinie ergänzt werden. Wer sprachliche Bilder mag: wie ein Schneemann, der beim Schmelzen mit fatalistischer Miene Gitarre spielt. „Threnody“ wiederum vereint nahezu alle herausragenden Trademarks des Albums in sich. Tiefgreifende, kleine Klavierakkorde, sanft gezupfte Streicher und kraftvolle Gesangslinien dominieren und werden insbesondere während der Zeile „Dignity in silence lead us all in life / Get in touch with God, cover me in vice“ von einer eiseskalt aufspielenden, atmosphärischen Gitarre unterstützt. Der wiederholte Refrain „You, my fuel, to keep me warm inside“ beruhigt die Gemüter und wappnet sich mit (s)einer muskulösen Crescendo-Gitarre für die Gesellschaft. Ein langsam gen Grundmauern brennendes und düster-dringliches Schrammel-Tristesse-Rock-Meisterwerk, das hörbar in Schönheit erstirbt.

Als „Other Arms“ im May 2009 erschien, waren Redjetson bereits seit fast einem Jahr Geschichte. Kaum verwunderlich also, dass weder den sechs ehemaligen Köpfen der zwischen 2002 und 2008 aktiven Band noch irgendeinem Plattenlabel damals großartig daran gelegen war, die Werbetrommel für dieses musikalische Adieu zu rühren. Also verschwand der Geheimtipp von der musikalischen Bild-und-Ton-Fläche, bevor er je einer werden konnte. Und nahm ein Kleinod mit, das ebenso zupackend, bodenständig und unglamourös daher kommt wie die Ecke Englands, aus der die Band stammte. Ein Album, das das Pendel gekonnt zwischen Teetasse und Sturm schwingen lässt. Das mal luftig-warm so einigen Staub durch die Indie-Rock-Kellerclubs bläst, mal dramatisch und groß und schwer und bedeutend für tausend und abertausend Sonnenuntergänge gedacht scheint. Das den Zeitgeist der Indie-Rocks der Nuller-Jahre mit zeitlos Großem des Genres versöhnt. Das keineswegs perfekt ist (und dem an mancher Stelle ein wenig der Biss „größerer“ Bands fehlt), aber viel zu schade scheint, um in Vergessenheit zu geraten.

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


The Building – PETRA (2019)

-erschienen bei Concord Records-

The Building – kaum ein Bandname könnte wohl anonymer, nach Backstein, hohen Mauern und mausgrauer Fassade klingen. Dahinter versteckt sich jedoch Anthony LaMarca, der einem in der Vergangenheit eventuell bereits als trommelndes Mitglied von The War On Drugs oder als Teil von St. Vincents Backing-Band zu Ohren gekommen sein könnte. Oder eben als The Building. Unter ebenjenem Namen veröffentlichte der Indie-Musiker aus Youngstown, Ohio bereits 2017 mit „Reconciliation“ ein wunderbar unaufdringliches, gleichsam unerwartet bewegendes wie – ja, doch – schönes Album, dessen Aufnahmeprozess wohl kein leichter war, immerhin entstand es zu gleichen Teilen vor und nach LaMarcas erster Krebsdiagnose. Uff? Uff. Kaum vorstellbar also, dass der im Oktober 2019 erschiene Nachfolger „PETRA„, benannt nach seinem deutschen Schäferhund (der einem sowohl vom Albumcover als auch im Musikvideo zu „All Things New“ entgegen hechelt) und einem nützlichen, selbst erfundenen Akronym titels „Peace’s Eternal Truth Renews All“, nicht nur eine noch bessere Platte ist als die erste, sondern auch prall(er) gefüllt mit weitaus härterem Tobak… Ist sie jedoch, allein schon, da sie – leider – im Schatten einer weiteren Krebsdiagnose entstand. Umso bemerkenswerter, dass die neun Stücke gleichzeitig hoffnungsvoller, zielstrebiger, tränenreicher und selbstverwirklichter als alles tönen, dem LaMarca bisher sein bemerkenswertes Talent zugewandt hat.

Es ist eine Platte, die so einige emotionale Mauern durchbricht und in jedem Moment in der Lage ist, persönlichen Niederschlägen mit Eloquenz und Ehrlichkeit zu begegnen. „My body transformed / From grace to a stone“, beginnt LaMarca den atmosphärischen Opener „Transformer“ – zart, fast zögerlich, jedoch offen und ehrlich. Diese Art der schonungslosen, erzählenden Konfrontation mit der nackten Wahrheit mag in manchem Moment bereits beim Hören weh tun (und daher nicht jedermanns Tasse Tee sein), dem Indie-Singer/Songwriter hat genau dieser Weg wohl Halt gegeben, und genau deshalb wiederholt sich dieser hier durchgehend. So lassen sich im recht niederschmetternden „Life Half Lived“, in welchem LaMarca eine langjährige Beziehung für tot erklärt („There’s no time left in my life / I can’t love you anymore“), auch Zeichen der Erkenntnis und des persönlichen, gar spirituellen Wandels finden: „It takes a lot to know you’re weak / I can relive every failure and not be ashamed / You won’t make me feel ashamed“, singt LaMarca trotzig, während seine hohe Tenorstimme die zarte, backsteinschwere Botschaft untermauert.

Unterstützt von seinem Bruder Angelo und seiner Frau Megan, ist „PETRA“ ein Album, das sehr wohl weiß, wann es klein, subtil und zurückhaltend zu tönen hat und wann es einen überwältigen soll. Der Kontrast zwischen „Purifier“, einem einsamen, akustischen Solo-Stück voller geflüsterter Intimität, das die Isolation der Krankheit klar und deutlich zum Ausdruck bringt, und „When I Think Of You“ ist genauso beeindruckend wie treffend. LaMarcas Stimme wird durch Produktion und Musik hervorgehoben, während er sich in transzendente Höhe aufschwingt und wahrhaft einfache, trotz all dem immanenten Schmerz dennoch romantischen Zeilen wie „When I think of you / I’m gone“ ein „I want to be boring again / I want to be comfortable in my skin“ und, zu einem Schwall von Snare, Cello und Violine, einen echten Killer entgegen stellt: „I hate that this is hurting you / But this is happening to me“. Uff. Again. Damn.

Trotzdem ist „PETRA“ viel mehr als eine Platte, die sich „lediglich“ mit Krankheit und Miseren beschäftigt, denn sie setzt anderswo Vorstellungen von Männlichkeit auf „Never Understand“ in Beziehung zu persönlichen Erfahrungen – und resultiert mit Confessional-Zeilen wie „Now I finally see what it is to be man / It’s okay to be wrong“ in einem der vielleicht wirklich berührendsten Texte des Jahres 2019. Wenn der vom Schicksal über alle Maßen gebeutelte Musiker im Abschluss- und Quasi-Titelstück (s)eine Quelle der Positivität anzapft, dann kann wohl selbst der größte Nihilist und Schwarzmaler kaum widerstehen, so zart und verletzlich tönt all das, so langsam schwillt all das bis zum Crescendo an, während LaMarca seine Hoffnungen, sein Versagen und seinen Wunsch, es besser zu machen und besser zu sein, offen und nackt über die in Vinyl gepressten Rillen legt, so dass alle es hören mögen. Wenn die Kick-Drum einsetzt, sollte sich selbst der erbärmlichste Zyniker von der Mitsing-Coda des Albums gefangen nehmen lassen, bei der LaMarca nun von mehr Stimmen, einer vollen Band, unterstützt wird und Beschwörungen von Liebe und Verständnis in die oft genug kalte, irre Welt da draußen hinaus singt. Und eine zwar so einige Welten entfernt von Easy Listening platzierte Platte mit Noten voller Freude abschließt, die einem durch Mark und Bein fließen.

Die Welt, sie braucht mehr Platten wie diese, mehr Künstler wie Anthony „The Building“ LaMarca – mutig, intuitiv und bereit, sich für ihre Kunst aufzureiben, nackt zu machen, um auf dem Weg dorthin allen, die zuhören, einige hart erarbeitete Weisheiten zu vermitteln. Und obwohl „PETRA“ seit ihrem Erscheinen vor etwa eineinhalb Jahren keineswegs die Aufmerksamkeit zuteil wurde, die es verdient hätte, kann LaMarca stolz auf sich sein. Denn: er lebt. Und hat mit diesem Album ein wirklich außergewöhnliches Werk geschaffen, welches nun gut und gern weitere Leben retten kann.

Rock and Roll.

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Sunday Listen: The Wrens – „The Meadowlands“


Dies ist das Album einer desillusionierten Band. Es besteht von Anfang an kein Zweifel daran. Vier Männer, Mitte Dreißig bis Anfang Vierzig, haben es aufgenommen. Nach Feierabend und ein paar starken Kaffee, nachdem sie ihren Nachwuchs ins Bett gebracht hatten. Sie klingt so unglaublich schwer, diese Platte, so verdammt spröde und im besten Sinne intim und indie’esk, als sei es die Pest gewesen, sie zu machen. Müde, ausgelaugt, fertig mit der Welt. Sie ist das letzte bißchen Seele, das diese Band noch zu geben hatte. Ein aussichtsloser, unmöglicher, ein absolut großartiger Kraftakt. Nach sieben Jahren, die die Hölle waren. Was mit den Wrens währen dieser Zeit passiert ist? Nun, es ist, wie leider so oft, eine Geschichte des Geldes. Oder vielleicht eher: eine Geschichte, in der der schnöde Mammon keine Rolle spielen sollte.

Es ging damit los, dass Alan Meltzer, seinerzeit ein respektabler, unerhört wohlhabender Musiktycoon, sich buchstäblich in die Band verguckte (oder eben verhörliebte). Es war 1996, und er wollte sie haben – koste es, was es wolle. Also kaufte Meltzer mal eben das Label der Band auf, bot ihr einen Millionen-Dollar-Vertrag an und verlangte im Gegenzug, sie fit machen zu dürfen für Radio, Charts und Superstardom. Die Chancen standen damals gar nicht schlecht. Gerade erst hatte das 1989 gegründete Indie-Rock-Quartett aus New Jersey das übersprudelnd spritzige und schlagfertige „Secaucus„, eine vergleichsweise ausgesprochen leichte Platte, veröffentlicht. Man war jung, voller Hoffnung und strebte nach oben. Nur die eigene Seele, die wollte man halt doch gern behalten. Also lehnten die Wrens ab. Und ihr Schicksal war durch dieses „No Deal!“ sowie einige darauf folgende juristische Streitigkeiten erst einmal besiegelt…

Man landete zunächst auf dem Abstellgleis, später auf der Straße. Handelte zwei neue Plattendeals aus, die jeweils in letzter Sekunde platzten. Und gewöhnte sich nebenbei schonmal an die harte Realität des geplatzten Rockstar-Traums, an Bürojobleben und Steuererklärungen. Daß Charles Bissell, Jerry MacDonald sowie die Brüder Greg und Kevin Whelan trotzdem nie zum Abschluss kamen mit ihrer Musik, weiterhin Songs schrieben, obwohl es immer schwerer fiel und frustrierender wurde, sollte sich erst 2003 bezahlt machen. Ein Album war fertig, ein Album von seltsam kraftstrotzender Bitterkeit und unwirklich antriebsstarker Resignation, auf dem die Band kaum wiederzuerkennen war. Sie klang wie vier innerlich scheintote Menschen und war doch seit sieben Jahren nicht mehr so lebendig gewesen. Das US-Indie-Label Absolutely Kosher griff zu (und meldete – auch das passt ja irgendwie ins von Fatalismus geprägte Bild – seinerseits ein paar Jahre darauf ebenfalls Konkurs an). „The Meadowlands“ wurde vielerorts die Indie-Platte des Jahres, wohlmöglich sogar der Nuller-Jahre (das jedoch nach wie vor eher im Geheimtipp-Fach).

Dass darauf noch einmal zwei Jahre vergingen, bis es das Album schließlich 2005 auch nach good ol‘ Europe schaffte? Eine Randnotiz in seiner doch schon besonderen Entstehungsgeschichte, ebenso wie der Fakt, dass Freunde der Band nun schon seit geschlagenen 17 (!) Jahren auf einen Nachfolger warten (obwohl dieser seit 2014 fertig sein soll). Gerahmt wird „The Meadowlands“ von zwei neunzigsekündigen Liedern, die klingen, als wären sie nie so ganz fertig geworden. Sie zerbrechen nach der Hälfte, sortieren sich neu und zeigen die Richtung auf für alles, was zwischen ihnen passiert: „Per Second Second“ mit der dreckigsten Verzerrer-Gitarre, die gerade noch in einen Song der ähnlich tragischen Neutral Milk Hotel passen würde. „Everyone Chooses Sides„, das als potentieller Carefree-Hit des Albums ziemlich abrupt vor einer Betonwand endet. Und „13 Months In 6 Minutes“, aus dessen Trostlosigkeit beinahe unbemerkt ein zweiter Song herauswächst. Welch‘ Wunder – auch dem geht es natürlich nicht besser…

Dabei gibt es auch Stücke auf „The Meadowlands“, die sehr viel besser als etwa das zerfressene „Boys, You Won’t“ verstecken, durch welchen Mist die Wrens da gegangen sein mögen. „Hopeless“ mit seinen quirligen Gitarren und himmelschreienden Refrains könnte man – nomen non omen est – etwa für einen fröhlichen Zwischenruf halten (oder meinetwegen für das sehnsuchtsvollste Stück, das Jimmy Eat World nie geschrieben haben), würde es nicht diese verlorene Beziehungsgeschichte vor sich hertragen. Die Melodie schlingert, der Sänger nölt in seltsamen Nuancen, das Akkordeon irritiert und will doch nur helfen. In „She Sends Kisses“ dauert es drei Minuten, bis die Wrens den ersten Refrain richtig ausarbeiten, und wie wohlig aufgehoben fühlt man sich schließlich in diesem komischen Liebeslied über die Briefe einer gewissen Beth. Und „This Boy Is Exhausted“ tarnt sich als nostalgischer Sixties-Pop-Bengel, obwohl es doch eigentlich der große, unmißverständliche Abrechnungssong des Albums ist: „Every win on this record’s hard won“. Es ist wirklich nichts Versöhnliches in dieser Musik. Keine Genugtuung. Es muss viel zu zermürbend gewesen sein, diese vertonte Autobiographie der oft genug bleischweren Gefühle, Ängste und schließlich der Selbsterkenntnis zu machen.

Abgesehen davon ist „The Meadowlands“ ein traumwandlerisches Zeugnis begnadeter Songwriter- und Arrangierkunst für Menschen ohne jedes Budget. Ein Werk, das Zeit und Muße einfordert. Es würde nicht verwundern, wenn die Band die Songs in dem alten, von den Makeln der Vergänglichkeit gezeichneten Häuschen vom Coverfoto aufgenommen hätte. So aus der Zeit gefallene, schwermütige Songs schreibt und produziert man nur, wenn die Milch morgens vor der Tür liegt, genug Zigaretten und Whiskey im Haus sind und längst keine verdammte Plattenfirma der Welt mehr irgendetwas von einem erwartet. Indie eben. Aber selten klang dieser so stimmig und formvollendet windschief-winterlich wie hier.

Rock and Roll.

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Klassiker des Tages: Alexi Murdoch – „All My Days“


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Lang nichts von Alexi Murdoch gehört, oder? Es scheint gefühlt ewig her, dass Songs wie „Orange Sky“ in nahezu jeder TV-Serie liefen, wenn ihre allseits beliebten Protagonisten – bevorzugt mit dem Blick auf die schier unendliche Weite irgendeines Ozeans – gerade mal intensivst übers Leben sinnieren wollten…

500x500Und irgendwie scheint dem britischen Singer/Songwriter die Melancholie ja auch in die Wiege gelegt: Murdochs Vater ist Grieche, seine Mutter hat französische und schottische Vorfahren. Geboren 1973 in London, verbrachte er seine Kindheit in Griechenland, bevor er mit seiner Familie zurück nach Schottland zog. Von der Mutter erbt Alexi Murdoch seine Liebe zum Gesang, die er zunächst im Schulchor auslebt. Daneben versucht sich der Jungmusiker an nahezu jedem Instrument, das er in die Hände bekommt, darunter Klavier und Trompete. Mit 17 findet Murdoch zur Gitarre und schreibt seine ersten Songs. Nach vollendeter Schullaufbahn begibt sich der Nachwuchs-Songwriter in die fernen US of A, um an der Duke University in Durham, North Carolina Philosophie zu studieren – so weit, so unschlüssig. Wohl auch deshalb gelingt es einer Freundin, ihn anschließend nach Los Angeles locken. Doch auch da überlegt Murdoch noch immer, was er denn nun mit seinem Leben anfangen soll. Ganz unverhofft kommt ihm das Schicksal zur Hilfe: „Ein Freund hörte mich während eines Camping-Ausflugs. Er kam in der nächsten Woche zu mir und meinte: ‚Ich würde dich echt gerne managen‘. Ich fragte: ‚Weswegen?‘ – ‚Wegen deiner Musik, Mann!‘ Dieses Gespräch verpasste dem Ganzen einen Kickstart„, erinnert sich der Musiker.

Und in der Tat nimmt seine musikalische Karriere danach so langsam an Fahrt auf. Murdoch bestreitet seine ersten Auftritte in lokalen Clubs. Bei einem dieser Gigs weilt auch der Radio-DJ-Legende Nic Harcourt, Moderator der öffentlich-rechtlichen Kultsendung „Morning Becomes Eclectic„, unter den Zuhörern. Der KCRW-Host findet Gefallen am entspannt-reduzierten Folk-Sound des Newcomers. Bereitwillig händigt ihm Alexi Murdoch ein Demotape aus, das schon bald im Radio zu hören ist. Einen Monat später schickt der Singer/Songwriter sein erstes Live-Set über den Äther.

Angetrieben von dieser prominenten Schützenhilfe wächst die Fangemeinde des Singer/Songwriter-Talents stetig. So findet auch die EP „Four Songs“, die Murdoch 2002 im Alleingang veröffentlicht, eine – vor allem für einen Newcomer – beachtliche Käuferschaft. Und: Das Werk erlangt die Aufmerksamkeit einiger Fernsehmacher, die seinen Song „Orange Sky“ in Serien wie „O.C., California“, „Dr. House“ oder „Prison Break“ oder in Indie-Film-Erfolgen wie „Garden State“ zum Einsatz bringen, was dem Musiker zusätzliche Prominenz verschafft. Er formiert daraufhin eine Begleitband und geht auf ausgedehnte US-Tour. Ebenso bemerkenswert: Trotz zahlreicher Angebote von nicht wenigen Majorlabels entscheidet sich Murdoch dafür, sein erstes Album ebenfalls in Eigenregie zu veröffentlichen. So erscheint „Time Without Consequence“ 2006 in den Vereinigten Staaten und steht drei Jahre später auch in hiesigen Plattenläden.

„A timeless folk-pop record that´s likely to endure…“

(„NPR Music“ über „Time Without Consequence“)

61TYJulac+L._SX355_Die auf dem Debütwerk enthaltenen Songs, die in ihrer inneren Einkehr mal an gleichsam unaufgeregte Wunder-Singer/Songwriter wie etwa Ben Howard, José González oder William Fitzsimmons, mal an große Melancholie-Grübler wie Tim Buckley oder Nick Drake erinnern, rufen wiederum Regisseur Sam Mendes auf den Plan, der Alexi Murdoch daraufhin für die musikalische Untermalung seines 2009 erschienenen Films „Away We Go“ (der allen hier auch wärmstens empfohlen sei) verpflichtet. Einige der Stücke vom Soundtrack zu selbigem Zelluloid-Werk finden dann auch ihren Weg aufs zweite Album „Towards The Sun„, das Murdoch 2009 in einer einzigen Nacht in Vancouver aufnimmt, danach in limitierter Auflage auf seiner Website und auf Konzerten verkauft und erst zwei Jahre später auch offiziell veröffentlicht.

Seitdem ist es – von der ein oder anderen sporadischen Tour (den denen denn freilich auch sein Durchbruchssong zu hören ist) mal abgesehen – jedoch recht still um den Indie-Singer/Songwriter geworden, den es mittlerweile ins kanadische Montreal verschlagen hat – mit einem kleinen Hoffnungsstreif am digitalen Horizont, denn immerhin findet sich via Twitter das enigmatische Versprechen „New music coming 2020“. Man darf gespannt sein, ob der mittlerweile 46-jährige Musiker, dessen Indie-Folk-Songs einst große Gefühlsmomente in so einigen bekannten TV-Serien untermalen durften, noch einmal für Gänsehaut sorgen kann…

 

 

 

„Well I have been searching
All of my days
Many a road, you know
I’ve been walking on
All of my days
And I’ve been trying to find
What’s been in my mind
As the days keep turning into night

Well I have been quietly standing in the shade
All of my days
Watch the sky breaking on the promise that we made
All of this rain
And I’ve been trying to find
What’s been in my mind
As the days keep turning into night

Well, many a night I found myself with no friends standing near
All of my days
I cried aloud
I shook my hands
What am I doing here
All of these days
For I look around me
And my eyes confound me
And it’s just too bright
As the days keep turning into night

Now I see clearly
It’s you I’m looking for
All of my days
So I’ll smile
I know I’ll feel this loneliness no more
All of my days
For I look around me
And it seems you found me
And it’s coming into sight
As the days keep turning into night
As the days keep turning into night
And even breathing feels all right
Yes, even breathing feels all right
Now even breathing feels all right
Yes, even breathing
Feels all right“

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Les Jupes – „Some Kind Of Family“


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Bereits mit den ersten Tönen von „Some Kind Of Family“ wird klar: Diese Band ist verdammt cool. Oder, genauer: war – leider. Galten Les Jupes anno 2015, zu Zeiten der Veröffentlichung ihres zweiten Albums, noch als „Canada’s next great band“, war das Quartett auch schon wieder Geschichte. Das mag ihrem Schwanengesang freilich auch fünf Jahre danach noch einen etwas bittersüßen Beigeschmack verleihen, dennoch hat die Band aus dem kanadischen Winnipeg, Manitoba (woher freilich auch eine andere große kanadische Band stammt) mit „Some Kind Of Family“ ein kleines, wenig beachtetes atmosphärisches Indierock-Meisterwerk geschaffen, das die Qualität besitzt, einen zu packen und auf längere Zeit nicht wieder loszulassen…

skof_cover_high_res_printUnd tatsächlich blitzt im ein oder anderen Moment des Nachfolgers zum 2011 erschienenen „Modern Myths„, das eine ebenso breit aufgebaute Genre-Spannweite zwischen Wave und Pop, Indie Rock, Folk sowie Americana aufwies, etwas Magisches hervor. Außerdem: viel Grüblerisches, Dunkles und dennoch irgendwie Optimistisches. Trotzdem kann man sich, sobald Frontmann Michael Petkau Falk seine tieffrequente Stimme erhebt, kaum dagegen wehren, Vergleiche anzustrengen. An Nick Cave etwa. An Tom Waits vielleicht. An Madrugada-Tieftöner Sivert Høyem sicherlich. Und natürlich, unweigerlich an Matt Berninger. Da ist’s auch kaum verwunderlich, dass Marcus Paquin, der wenig zuvor „Trouble Will Find Me“, das sechste Studiowerk von The National, produziert hat (zu einer Zeit also, in der die Dessner-Zwillinge noch nicht alles selbst übernahmen), hinter den Reglern saß. Daher kann man schon mal behaupten: Wer die indierockige, dezent schwelgerische Seite von The National liebt (man denke etwa an frühere Großtaten von „Alligator“ über „Boxer“ bis hin zu „High Violet“), der wird auch an den Songs von Les Jupes Gefallen finden. Versprochen.

Und die vierköpfige Band um Michael Petkau Falk legt schon zu Beginn von „Some Kind Of Family“ die Messlatte recht hoch: „When They Dig Us Up“ überzeugt mit satten Gitarren-Licks, während Schlagzeuger Jordon Ottenson schon zur Eröffnung daran zu arbeiten scheint, sein Instrumentarium während des flotten Refrains des Songs, der dem Ganzen etwas Punkrock-Feeling verleiht, zu erlegen. Runter schalten? Fehlanzeige. „Everything Will Change“ legt ein ebenso zügiges Tempo vor, wobei sich Ottenson diesmal für schlurfende Beats entscheidet und Falk einen klagenden Refrain abliefert, der verletzlich und roh genug erscheint, um seinen Stimmbänder ordentlich zuzusetzen. In „The Brothers“ lässt Falk seinen Gesang in weitaus melodiösere Gefilde wandern und fügt sich so organisch in die minimalistische Instrumentierung ein, die langsam und bis zum letzten Moment Spannung aufbaut, während Adam Fuhrs Keyboard stromlinienförmig den Takt vorgibt. Selbiges – das Keyboard – ist auch der heimliche Star von „Bro.Sis“, das mit umwerfend poppigen, geradezu Killers’esken Synthie-Lines beginnt, die perfekt zu Falks hallendem Gesang und den undurchsichtigen, verträumten Texten über das Halten „der Zügel von 100 Pferden“ passt. Natürlich mögen Les Jupes in diesen Songs weder außerordentlich originell noch originär tönen, dennoch hält die Band zu jeder Minute den Spannungsbogen aufrecht – und zollt ein klein wenig ihren Einflüssen Tribut. So wäre „On Miracles“ mit seinen melancholischen Klavierpassagen auch auf The National-Alben wie „Boxer“ oder „High Violet“ nicht fehl am Platz gewesen, und das zitternde Synthesizer-Riff in der Songmitte hätte wohl einer B-Seite der Antlers ebenso gut zu Gesicht gestanden, während Michael Petkau Falk einmal mehr gesanglich brillieren darf. Noch theatralischer gerät da eigentlich nur „One Is Enough“, wo er mit seiner dröhnenden Stimme gar ganz nah an den großen Nick Cave heran reicht.

Wer also zwischen die Zeilen von „Some Kind Of Family“ lauscht, der wird die herzzerreißenden Zwischentöne hören, wird hören, dass dieses Album das schweißnasse Ergebnis vieler Meinungsverschiedenheiten sowie Aufs und Abs ist. Und irgendwie verleiht dem Werk die Tatsache, dass Les Jupes es aufgenommen haben und dann aufgehört haben, als Band zu existieren, ein wenig mehr Legendenstatus. So ist es ein kleines, gut 45-minütiges Artefakt aus der Vergangenheit. Diese Platte war bereits in der Sekunde, in der sie fertiggestellt wurde, ein Stück Indierock-Geschichte, und sie wird für immer ein Versprechen von vier durchaus talentierten Musikern sein, die einmal als „Canada’s next great band“ angepriesen wurden, nur um dann ohne viel Getöse zu implodieren.

Und uns? Uns bleiben die Songs von „Some Kind Of Family“ (welches es übrigens hier als Free Download gibt). Und das Kopfkino unter den Kopfhörern, welches wie gemacht scheint für Spaziergänge durch das wuselige Großstadttreiben. Für Roadtrips. Fürs Sinnieren und alles und nichts und jeden. Fürs Innehalten auf Parkbänken, während man dem Leben um einen herum zusieht. Mit diesem Album auf Repeat. Einem mal zupackenden, mal melancholischen Indierock-Kleinod, einem wenig beachteten Versprechen aus dem kanadischen Winnipeg.

 

 

„Hey friends

I’m very sad to announce that Les Jupes are done.   

We’ve been a pretty dysfunctional band.  We’ve been 3 completely different lineups in 4 years. We’ve battled entitlement, laziness, egos, self-righteousness and willful ignorance. There are some stories that would make you just shake your head, others that would break your heart. We would get 4 people onto the same page for a couple of months before someone else would leave and the whole thing would have to be re-jigged again. It became exhausting. Even ridiculous. A parody of what this was supposed to become. And definitely a pretty impossible way to build momentum or capitalize on what few opportunities we did have come our way.

Many friends and industry people have told me I should just hire a backing band and tour the songs. But it just doesn’t feel right. That’s not what this was ever supposed to be about, and I’m not interested in touring a show that doesn’t feel interesting. This was supposed to be four people on a mission, doing something special together. And after too many failed attempts at that, perhaps its just time to lay it to bed.  

A whole lot of care and thought and passion and time and money went into this record. It was supposed to be the album that got us through the glass ceiling we kept hitting. But it unfortunately turned out to be the record that sadly fulfilled its own name.  

Not sure we were ever a great band, but I think we had gotten pretty good – to a place where I felt confident we finally had the balance of skills and tools to make a go of it and maybe even become great. I think the best compliment we ever got was: „Wow, you guys are like a real band.“ I never wanted to be the coolest band. Never wanted to be a part of a fad. I just want to make art that connects with something inside those making it and anyone who might listen to it. To write songs that might have an outside shot at still meaning something to someone a few years down the line.

I’m not sure what I’m going to do next. I’ve been mulling on all kinds of things – some of which are radical life changes, some of which are gentle left turns. Some days I want nothing to do with music, others I can’t imagine myself without it. It’s hard not to be terribly angry at a couple people. My increasing self-isolation and introversion combined with exhaustion from the past few years makes this a difficult process.  I’ve never grieved a dream before. So I’m gonna just take the time I need to figure it out.  In the meantime, I’ve got my studio and will continue writing songs and working with other artists.  

I’d like to thank three people who have gone above and beyond to support this band.  Frank Ehrmann has championed us in Germany and deserves so much more from this record that he was so excited about. Darcy Penner came in swinging as the most trustworthy, hard-working bandmate I ever had. And my wife, Robin. Even though I often put the band before her, she has been so unbelievably supportive. She put up with a lot of late night fretting sessions, even incurred debt on behalf the band, and is a treasure of a human being.

I really hope you enjoy this album. I was so hopeful for these songs.

Much love,

Michael Petkau Falk“

 

Mittlerweile hat Ex-Les Jupes-Frontmann Michael Petkau Falk, der in diesem „Vice“-Artikel und -Interview den Bandsplit noch einmal erläutert, mit Touching übrigens ein neues Studio-Projekt am Start, dessen Debütalbum „Isolation Blues“ (gibt’s hier wahlweise als Free Download) unlängst das Licht der Musikwelt erblicken durfte, jedoch wesentlich synthie-lastiger und introspektiver klingt als die Songs seiner ehemaligen Band.

 

Rock and Roll.

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Scheitern als Chance – Die Doku-Serie „Wie ein Fremder – Eine deutsche Popmusik-Geschichte“


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„Fremd bin ich einge­zogen,
Fremd zieh’ ich wieder aus…“

(aus „Winter­reise“ von Franz Schubert & Wilhelm Müller)

Aljoscha Pauses kürzlich erschienene fünf­tei­lige Dokuserie „Wie ein Fremder – Eine deutsche Popmusik-Geschichte“ beginnt mit einem Zitat aus Schuberts „Winter­reise“. Und sie ist genau das: eine Reise. Eine tatsäch­liche, eine persön­liche und eine kreative.

Wie-ein-Fremder-Plakat-DinA4-RGB-RZ-724x1024Der „Fremde“ im Zentrum der knapp vierstündigen Serie dürfte den meisten tatsäch­lich fremd sein: Roland Meyer de Voltaire. Der 1978 in Bonn geborene Musiker, der einen Teil seiner Kindheit in Moskau verbrachte, war der Kreativ­kopf hinter der 2011 aufgelösten Band Voltaire, die Mitte der Nuller-Jahre von der Kritik als aussichts­reiche deutsche Newcomer gefeiert wurden. Komplexe, herrlich verkopfte deutsch­sprachige Texte, ein Sound mit poppiger Attitüde, indierockigen Gitar­ren­riffs und Brüchen, dazwischen de Voltaires gerne auch in die Kopflagen lavie­rende Stimme. Dass der deutsche „Rolling Stone“ die Band als „schönste Aussicht auf das Jahr 2006“ neben die britischen Indie-Rocker der Arctic Monkeys stellte, half aller­dings eben so wenig wie der unverhoffte große Plat­ten­ver­trag beim Major-Label  Universal. Nach zwei Alben (von denen vor allem das Debüt „Heute ist jeder Tag„, welches kürzlich sein Re-release mit Bonus Tracks erfuhr, auch heute noch wärmstens ans Hörerherz gelegt sei) erleidet der Kopf der Band finanziellen und mentalen Schiffbruch und steht nach jahrelangem Komplettfokus auf sein kreatives „Baby“ vor dem vollumfänglichen Nichts.

„Ich glaube, dass die meisten sich nicht vorstellen können, wie wenige Musiker eigent­lich von ihrer Musik leben können“, fasst es SWR-Mode­ra­torin Chris­tiane Falk nüchtern zusammen. Sie ist, neben einigen Musikjournalisten und musikalischen Weggefährten wie Schiller, Madsen, Alina, Desiree Klaeukens, Megaloh oder Enno Bunger, eine der Stimmen dieser Dokuserie, für die Pause den Musiker sechs Jahre lang beglei­tete. Die beiden kennen sich schon länger, de Voltaire hat, neben anderen Projekten, die Sound­tracks für Pauses Fußball-Dokus, zuletzt etwa für „Inside Borussia Dortmund, beigesteuert. Der Bonner Regisseur hat zuvor mit seinen Lang­zeitstu­dien „Tom Meets Zizou – Kein Sommer­mär­chen„, „Trainer! oder „Being Mario Götze – Eine deutsche Fußball­ge­schichte die Fußball-Szene durch­leuchtet. Jetzt gewährt er einen Einblick in das Leben eines Musikers und in den deutschen Popmu­sik­zirkus.

„Nach meinen jüngsten Doku-Serien für Amazon und DAZN geht es mit dieser Serie einerseits wieder back to the roots: diese Doku ist Independent von Kopf bis Fuß, wie einst mein Film ‚Tom meets Zizou’. Andererseits geht es auch zu neuen Ufern: Popmusik.“ (Aljoscha Pause)

Bei den ersten Begeg­nungen im Jahr 2014 wirkt Roland Meyer de Voltaire wie ein Gestran­deter, wie er da in seinem Kölner WG-Zimmer wohnt und am Exis­tenz­mi­nimum herum­krebst. Die Miete muss er teils mit Instru­men­ten­ver­käufen zusam­men­kratzen, teils von Familie und Freunden leihen, teils vom Dispo aus besseren Zeiten finanzieren. „Da gibt es kein Mandat für einen tollen Musiker, dass er da irgend ’ne Berech­ti­gung hätte“, erklärt Musikjournalist und Musik­ex­press-Redakteur Linus Volkmann. In Rück­bli­cken zeigt Pause Musik­vi­deos und Live-Auftritte aus den good old days und lässt Exper­tinnen und alte Band­mit­glieder ihre Verwun­de­rung darüber zum Ausdruck bringen, dass der Mann nicht völlig durch die Decke gegangen ist.

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Die Serie gibt sich gerade zu Beginn viel Mühe, ein wenig Mythen­bil­dung zu betreiben: Roland Mayer de Voltaire, die zarte Künstler-Seele, das verkannte Genie! Das mag an mancher Stelle eine Spur zu dick aufge­tragen sein und soll wohl der Drama­turgie dieser recht klassisch geratenen Doku-Serie dienen. Die kommt in manchen Momenten konse­quen­ter­weise, wie man ergänzen muss, selbst wie ein Popsong daher. Es braucht halt eine Prise Pathos, ein bisschen Drama…

Und doch folgt man de Voltaire gern bei seinem persön­li­chen und vor allem kreativen Wandel. Ist da anfangs noch ein Stör­ge­fühl, wenn der zunächst über­idea­lis­tisch wirkende Mann, unter­stützt noch von seinen Eltern, sich als für die Musik geboren betrachtet, kommt im Laufe der Seri­en­mi­nuten immer mehr die Erkenntnis: Das ist völlig ernst gemeint, das kommt aus tiefstem Künstlerherzen – und zwar mit aller Konse­quenz!

Von Köln verschlägt es de Voltaire irgendwann nach Berlin, wo er sich ohne festen Wohnsitz und in einem noma­di­schen Dasein in verschie­denen Wohnungen von Freunden und Bekannten neu sortiert. Wir folgen ihm nicht nur bei Alltäglichkeiten, sondern auch zu Gesprächen mit Produ­zenten und Managern oder in den Proberaum der deutschen Rockband Madsen, die fast zeit­gleich mit Voltaire bekannt wurde, sich aller­dings bis heute gehalten hat. Wir sehen den Kompo­nisten und Soundf­rickler in seinem kleinen Heim-Studio vor neuen Produk­tionen, an denen er arbeitet, als Ideen­geber für eine Bekannte, bei der er schließ­lich einzieht und auch im Studio von Rapper Uchenna van Capel­le­veen alias Megaloh, für den de Voltaire schon länger als Gast­sänger arbeitet. Was fast schon als Sinnbild für den hart umkämpften deutschen Musikmarkt herhalten kann: Trotz musi­ka­li­scher Erfolge muss sich auch der Rapper nebenbei im Lager eines großen Paket­lie­fe­ranten verdingen, um sich „genug Zeit und Sicher­heit für seine Musik“ zu verschaffen, wie er erklärt.

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„Wie ein Fremder“, das visuell zwar nicht an vergleichbare Musik-Dokumentarfilme der jüngeren Vergangenheit wie „20.000 Days On Earth“ (2014), „Cobain: Montage Of Heck“ (2015) oder „Amy“ (2015) heranreichen mag, sich stattdessen jedoch auf seinen Protagonisten sowie dessen Auf und Ab und Hin und Her konzentriert (und dabei das nötige Quäntchen Glück hat, dieses Mal mit dem gleichsam ruhigen, mitfühlenden, bescheidenen wie talentierten – und auch oft genug phlegmatischen – Roland Meyer de Voltaire einen spannenderen Charakter als den vermeintlich aalglatten Medienprofi Mario Götze vor der Kamera zu haben) ist einer­seits die in Serie gegossene Entro­man­ti­sie­rung des (nicht nur bundesdeutschen) Popmusik-Traums. Eine zuge­spitzte Botschaft mag lauten: Für wirkliche Krea­ti­vität ist im auf Radiotauglich­keit und ökono­mi­sche Inter­essen gebürs­teten Showbusi­ness wenig bis gar kein Platz und Geld verdienen am Ende die wenigsten. Ande­rer­seits hat es zugleich etwas Roman­ti­sches, wie Pause dem selbst­kri­ti­schen, teils unschlüssig herum­sto­chernden, aber doch ziel­stre­bigen Sound­per­fek­tio­nisten de Voltaire dabei zuschaut, wie er alternativlos versucht, seinen Traum zu leben.

Die kreative Reise, auf der wir ihn begleiten, scheint eine vom Licht ins produk­tive Dunkel: von ehemals deutschen Texten hin zu engli­schen, von akus­ti­schen Sounds hin zu elek­tro­ni­schen. „SCHWARZ“ nennt sich das Projekt, das sich langsam – und auch begleitet vom ein oder anderen Rückschlag – aus der Serie heraus­schält. Inspi­riert von der „Dunkel­heit, bevor der Film losgeht“, so de Voltaire, vermischt er 80er-Jahre-Synthe­sizer mit Sound­s­capes, die Radio Head-Krea­tiv­motor Thom Yorke in seinen Solo­pro­jekten eingehend karto­gra­fiert hat. Mehr Kraft als auf Platte entwi­ckelt SCHWARZ live. Es sind starke Momente der Serie, wenn de Voltaire ausgerechnet mit dem Stück „Home“ ein neues Erfolgshoch gelingt, oder der Musiker, gemeinsam mit einer Cellistin und einer Pianistin, erstmals seit Langem wieder auf der Bühne steht und vor kleinem Publikum ein Akustik-Arran­ge­ment des Songs „Shine“ zum Besten gibt. Auch davon erzählt die Serie: Musik gehört auf die Bühne.

Wie es ihm heute, im Angesicht der Coronakrise (welcher auch die für Anfang Juni in Berlin geplante Premierenfeier von „Wie ein Fremder“ zum Opfer fiel), vieler abgesagter Konzerte und geschlossener Veranstaltungshäuser geht, ist ungewiss. Man wünscht ihm, diesem großartigen Menschen und begnadeten Künstler, jedoch nur das Beste (und wer mag, der findet hier oder hier aktuelle Interviews mit Roland Meyer de Voltaire).

 

 

Rock and Roll.

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