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Auf dem Radar: The Bronze Medal


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Spätestens, wenn andere Bands und Künstler den eigenen, sehr charakteristischen Sound in mehr oder minder groben Zügen gleichsam eheerbietend wie ehrfürchtig kopieren, weiß man als Band: man hat’s geschafft, man ist endlich im Kanon der ganz Großen angekommen. Selbiges darf man mit Fug und Recht mittlerweile auch von The National behaupten, denn nicht nur bespielen die fünf US-Indierocker um Frontmann Matt Berninger – spätestens – seit ihrem verdienten Durchbruch mit dem unlängst eine Dekade jung gewordenen Album „High Violet“ die ganz großen Konzertsäle und Prime-Time-Festival-Slots, ihr Sound findet mittlerweile auch immer öfter seine Kopisten (freilich ohne dies despektierlich zu meinen). Man denke etwa an The Slow Show aus dem englischen Manchester, die sich nicht nur nach einem Song vom 2007er The National-Werk „Boxer“ benannten (selbst, wenn The Slow Show das immer wieder verneinten und vielmehr auf „die Liebe zu Showeinlagen und die Entschlossenheit der Band, keine überstürzte Musik zu machen“ verwies), sondern – nebst dem dezent heiseren Bariton von Sänger Rob Goodwin – auch in die Stücke ihrer bislang drei Alben ganz ähnliche grundmelancholische Strukturen einwoben wie die großen Vorbilder aus Cincinnati, Ohio. Natürlich tönen Plagiate anders, gewisse Ähnlichkeiten sind jedoch trotzdem kaum von der Hand zu weisen. Gleiches könnte man übrigens auch von The Bronze Medal behaupten…

a2632293468_16The Bronze… wer? Eben. Irgendeinen Grund muss es doch haben, dass selbst ich, der ja für The National-likes nun nicht erst seit gestern überaus empfänglich ist, erst vor wenigen Tagen auf das Quintett aus dem englischen Bristol aufmerksam geworden bin. Immerhin machen Chris Hillier, Robin Southwell, Rory O’Gorman, Daniel Rogers und Mike Barnett bereits seit 2009 gemeinsam Musik, und auch der feine Album-Erstling „Darlings“ erschien bereits 2014 (nach einer selbstbetitelten EP zwei Jahre zuvor). Da erscheint es fast tröstlich, dass The Bronze Medal, die sich ihrerseits nach einem Song der schottischen Indierocker Idlewild benannten, nicht nur hierzulande, sondern auch im heimischen UK in den vergangenen Jahren (leider) meist etwas unterhalb des internetten Hype-Radars flogen (das belegen etwa auch Facebook-Likes, bei denen etwa The Slow Show mit aktuell etwas über 16.000 bereits vier mal so viele vorweisen können wie Chris Hillier und Co.). Trotzdem konnte sich der Fünfer in den letzten Jahren zu einem absoluten Geheimtipp der Szene mausern und mit ihrem filigran-einfühlsamen Indiefolkrock neben vielen Fans auch vielversprechende Referenzen sammeln. Die renommierte The Times etwa nannte sie liebevoll “masters of slow-build indie minimal”  – und genau das passt wohl wie kaum eine andere Beschreibung auf den Sound von The Bronze Medal. Die Songs der Band laden zum bewussten Zuhören ein und fordern dabei die volle Aufmerksamkeit – die sollte man ihnen auch zuteil werden lassen, um die vielen Facetten in ihrer Musik zu entdecken.

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Klar, wenn es um die reine Bekanntheit geht, sind die fünf Lads um Chris Hillier, Robin Southwell, die sich einst in Norwegen trafen, im Vergleich mit Bands wie eben The National, Idlewild, The Slow Show oder Snow Patrol, aber auch zu anderen Ähnlich tönenden Kapellen wie die mittlerweile – aus recht unterschiedlichen Gründen – aufgelösten Frightened Rabbit oder Dry The River natürlich nahezu mikroskopisch klein, musikalisch müssen sie sich jedoch keineswegs hinter ebenjenen verstecken. Man höre da am besten das lediglich neun Songs umfassende Debütwerk „Darlings„, welches die fünf Herren aus Bristol im hohen isländischen Norden von Reykjavík zusammen mit Produzent Valgeir Sigurdsson, der seinerseits bereits mit Größen wie Björk, Damon Albarn, Feist oder Sigur Rós arbeitete, aufnahmen. Darauf präsentieren sich The Bronze Medal nicht nur als (noch immer) spannender Hoffnungsträger für alle Freunde von geduldigen Grower-Songs, sphärisch getragener Indiepop-Intimität, folkig-verträumtem Kaminknistern und minimalistischen, gen Indie-Drama schreitenden Songstrukturen, sondern tönen auch gleichzeitig intimer als auf ihrer zuvor veröffentlichten, manches Mal gar Richtung Postrock schielenden EP (von dieser sei etwa das feine „No Hospitals“ ans Hörerherz gelegt, welches live schonmal zum zehnminütigen Song-Epos gerät, das den Fokus mehr auf sich überlagernde Sounds denn auf Rhythmus oder Melodie legt).

Im Übrigen könnte es gut sein, dass sich The Bronze Medal in nächster Zeit mit einer neuen EP – eventuell gar mit einem neuen Langspieler – zurückmelden (was ja nach sechs Jahren Veröffentlichungsfunkstille durchaus angebracht wäre). Mit einer Rohfassung von „Can’t Beat“ ließ das englische Indierock-Quintett im April einen ersten formidablen Vorgeschmack hören. Bleibt eigentlich nur noch, der Band zu wünschen, dass sie es in Zukunft ein wenig aus dem Geheimtipp-Schatten heraus schaffen…

 

Wer sich einen ersten Eindruck von The Bronze Medal verschaffen möchte, der höre doch bei Bandcamp rein – oder eben die reduzierten „Home Sessions“…

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: The Birthday Suit – „A Bigger World“ (feat. Scott Hutchinson)


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Wer seine musikalischen Antennen verstärkt auf schottischen Indie Rock richtet, der kam (und kommt) seit Mitte der Neunziger kaum an Idlewild vorbei (wohl auch daher war die Band aus Edinburgh vor einiger Zeit mal hier präsent). Isso. Wenige allerdings wissen, dass etwa deren Frontmann Roddy Woomble in den letzten knapp 15 Jahren so einige Solo-Werke veröffentlicht hat (unlängst etwa die formidable „Everyday Sun EP„). Und noch weniger haben scheinbar bislang davon Wind bekommen, dass auch Idlewild-Gitarrist Rod Jones abseits von der Hauptband einen verdammt gut anliegenden Zweitanzug parat hat – wortspielpassenderweise hört dieser auf den Namen The Birthday Suit.

81mB+EoL9NL._SS500_Und obwohl deren jüngstes, drittes Album „A Hollow Hole Of Riches“ bereits sechs Jahre zurückliegen mag (Jones scheint sich aktuell vielmehr auf Idlewild zu konzentrieren, deren aktuelles Werk „Interview Music“ im vergangenen Jahr erschien), so würde den elf Songs voller ebenso aufregender wie vielfältiger, nicht weit weg von Idlewild geparkter Melodien und den Herz-auf-der-Zunge-und-Leidenschaft-im-Handgelenk-Texten eine deutlich größere Hörerschaft durchaus gut zu Gesicht stehen.

Bestes Beispiel: Die Single „A Bigger World“, ein mitreißender Dreieinhalb-Minuten-Rocker, der sich von Jones‘ emphatischem Gesang, eingängigen Riffs und jubilierenden Streichern tragen lässt, während das Lyrische einen ersten Einblick in die Grundthematik des restlichen Albums gibt: Isolation, denn jeder von uns existiert in (s)einer eigenen kleinen Welt. Das heißt jedoch keineswegs, dass die Texte von „A Hollow Hole Of Riches“ allzu düster sind – tatsächlich sind sie weit davon entfernt. Der Nachfolger zum 2012 veröffentlichten Werk „A Conversation Well Rehearsed“ ist in Gänze eine Feier der Vielfalt und der sich ständig verändernden Natur der Perspektive. Und wer nun an die ewig großen schottischen Lads von Frightened Rabbit denken muss, liegt gar nicht so falsch, denn immerhin ging Rod Jones, Jacqueline Irvine, David Jack, Steve Morrison, Seán McLaughlin und Catrin Pryce-Jones bei „A Bigger World“ niemand Geringeres als deren 2018 (zu) früh verstorbener Frontmann Scott Hutchison mit einem fulminant gespielten Gitarrensolo zur Hand…

 

 

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Frère – „Void“


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Nur mit seiner Gitarre und einer Handvoll Songs stand Alexander Körner unter dem Namen Frère jahrelang allein auf Bühnen, mal mit etwas mehr, mal auch mit deutlich weniger Publikum davor. Seine einfühlsamen Songs, die anstatt nach Depression und bedauerlichem Ruhrpott-Alltag irgendwo zwischen U-Bahn-Stationen und schalem Pils vielmehr nach Gelassenheit und unaufgeregter Vertrautheit klingen, werden mit einer dünnen Haut skandinavischer Kälte überzogen, die empfindsam erscheint und sich ohne größere Umschweife warm in die Hörerherzen einspielt. Was der junge Bochumer in den ersten drei Jahren – seit Erscheinen der 2014er EP „GHOST“ – im Alleingang fabrizierte, wurde spätestens beim 2017 veröffentlichten Debütalbum „Void“ zu einem Quartett aufgestockt. So bekommt der eigenbenannte Post-Folk durch seine Mitstreiter – Multi-Instrumentalist und Produzent Alessandro Marra, Jazz-Schlagzeuger Sebastian Grönheit sowie Gitarrist und Bassist Alan Kasab – noch mehr kreative Möglichkeiten, die die vier Musiker wie Brüder miteinander verbinden – Frère eben.

„’Void‘ vereint die Verspieltheit Efterklangs und den Postrock von This Will Destroy You mit der kompositorischen Finesse Bon Ivers.“

(Intro, Oktober 2017)

a0991223031_16Schon das Intro des Debüts mit seinen schmeichelnd-mystischen Synthesizer-Anklängen weist darauf hin, dass die nächsten Stücke nicht in Punkto Lautstärke überzeugen werden, sondern eine fragile Klangwelt langsam und dynamisch zum Blühen erwecken wollen, während die Schönheit des Moments in ausladende, clever umherwogende Arrangements gekleidet wird. Die Gitarre lenkt mit dem sanften Einsetzen der Elektronik und den taktbetonten Drums die Melodien in Richtung verträumten Indie-Pops wie dem Opener und Titelsong „Void“ oder fixiert den ausdrucksvollen Gesang der kleinen erzählerischen Geschichten, die oft sehnsüchtig bis melancholisch (mit sentimentalen Tränchen im Knopfloch) tönen. Die wortkarg betitelten acht Songs dazu, die in ihren besten, folkigsten Augenblicken an besinnliche Schwerenöter wie José González oder Ben Howard erinnern, spielen sich zumeist jenseits der ausladenden Fünf-Minuten-Marke ab und entführen Körners fordernde und doch einfühlsame Stimme in durchaus spannende, ungewöhnliche Gefilde. Das bereits erwähnte Titelstück etwa bemüht sich um Minimalismus mit dezent jazzigen Untertönen, und scheint trotzdem – und fast schon im Gegensatz dazu – immer noch eine Schippe bei Lautstärke und Eindringlichkeit zulegen zu können. Das kurze, jedoch intensive Noise-Finale ist die logische Konsequenz dieses Aufbaus, dem mit „Trains“ ein rein folkiger, herrlich unschuldiger Gegenpol zur Seite gestellt wird – ein auf seine reduzierte Art und Weise wunderschönes Stück Musik.

Wenn sich „Portugal“ weitestgehend ungestüm-laut und ins Weite blickend gibt und somit Einflüsse von Mogwai über Vega4 bis hin zu Caspian Sea Monster (ANEWFRIEND stellte die Chemnitzer Band vor ein paar Jahren vor) miteinander vermengt, ist das mindestens so unerwartet und doch urtypisch wie das düstere „Ghost“ oder das knappe, folkig-poppige „Child“ mit feinen Hall-Effekten und schüchterner Suche nach dem Sinn des Seins. „Book“ schlägt dem sprichwörtlichen Fass schließlich den Boden aus, lässt dabei erfreulicherweise – trotz stattlicher acht Minuten Spielzeit – kaum nennenswerte Längen entdecken und verneigt sich im grandiosen Finale sogar kurz vor Post-Rock-Kopfkinomeistern wie Godspeed You! Black Emperor oder Sigur Rós.

Auf gewisse, manchmal leicht unorthodoxe Weise bleibt „Void“ stets unberechenbar und geht vielleicht gerade deshalb so gut und traumhaft leicht ins Ohr. Der Hang zu ausladenden Arrangements bringt fast durchgehend kleine, charmante musikalische Perlen hervor – überraschende Wendungen, intime Folk-Momente sowie das ein oder andere kleine elektronische Experiment inklusive. Alexander Körner und seine Buddies von Frère zäumen das minimalistische Indie-Singer/Songwriter-Pferdchen von einer anderen, vergleichsweise weniger vertrauten Seite auf und fahren damit recht gut. Die Bochumer Band begeistert und bewegt von der ersten bis zur letzten Sekunde. Zerbrechlichkeit und Stärke müssen sich eben nicht zwingend gegenseitig ausschließen. Und da ebenjenes Debütlangspielwerk von Frère auch schon wieder knapp drei Lenze auf dem Buckel hat, wird’s wohl höchste Zeit, dass deutlich mehr Freunde der oben genannten Bands und Künstler das ein oder andere Ohr riskieren…

 

 

 

 

 

Rock and Roll.

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Zu kurz gekommen… Standstill


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Was machen eigentlich Standstill? Nun… nicht mehr viel (mehr dazu gleich). Und im Grunde scheint’s auch kaum einen zu interessieren – was bei genauerem Hineinhören in den Backkatalog lediglich im Ansatz verständlich erscheint…

Denn zumindest in den Anfangstagen bewegte sich die Band aus der katalanischen Metropole Barcelona stets recht nah am musikalischen Zeitgeist, hatte etwa auf dem 2001 erschienenen Debütalbum „The Ionic Spell“ lautstarken Emocore und einige deftige (Post-)Refused-Reminiszenzen im Köcher oder wusste im nur ein Jahr darauf veröffentlichten Nachfolger „Memories Collector“ mit nicht wenigen satten Riffs und Rhythmen zu überzeugen, welcher während dieser Zeit auch Post-Hardcore- und Alternative-Rock-Kapellen wie At The Drive-In, deren Phönix-aus-der-Asche-Nachfolgern Sparta oder Thursday wild durcheinander gewürfelte Moshpits zwischen El Paso, Köln oder Tokyo bescherten. Mit dem nächsten, 2004 in die Indie-Plattenläden gestellten selbstbetitelten Langspieler wagten Standstill einen ebenso offensichtlichen wie mutigen Richtungswechsel, denn Frontmann Enric Montefusco entschied sich, fortan nicht mehr auf Englisch zu texten und singen, sondern in seiner Muttersprache Spanisch. Wem die Band also bisher mit ihrer fortwährenden Suche nach klanglichen Experimenten, mit ihrem strikten ¡No!“ zum – uffjepasst, naheliegendes Wortspiel! – kreativen Stillstand (hier haben wir übrigens einen weiteren Bezug zum Refused-Meilenstein „The Shape Of Punk To Come„) ein paar Dinge zuviel fürs gefällige Nebenbeihören wagte (oder schlichtweg der spanischen Sprache nicht mächtig war), der war wohl spätestens ab diesem Zeitpunkt komplett raus aus dem Standstill’schen Kosmos.

300x300Der Teil der Indie-Fanbase, der der katalanischen Band auch danach die treue Stange hielt, durfte sich an ausgeprägtem Abwechslungsreichtum, ausgetüftelter Percussionarbeit (bei manch einem Song – …And You Will Know Us By The Trail Of Dead gleich – gar mit zwei Schlagzeugern!) oder auch mal recht sparsamer Instrumentierung, die immer öfter Ausflüge in spanische Folklore-Gefilde wagte, erfreuen. Und an einer Stimme, die mehr ausstrahlte als eben nur puren Exotenbonus – in der Tat findet man solch ein eindringliches, durch Mark, Bein und Seelenstränge tönendes Gesangsorgan wie das von Enric Montefusco höchst selten (ich selbst möchte hier einen Vergleich zu Declan de Barra von den ebenfalls viel zu früh aufgelösten Clan Zú ziehen). Diese Entwicklung nahm auch auf den weiteren, zwischen 2006 und 2013 erschienenen Alben „Vivalaguerra„, „Adelante Bonaparte“ und „Dentro de la Luz“ ihren Lauf – die explosiven Post-Hardcore-Momente wurden seltener, dafür ließen Standstill immer öfter ihre Kompetenzen für experimentelle Klangkulissen sowie post-rockige und melancholisch-folkloristische Songgebilde aufblitzen. Nach jahrelangen Touren, die die Band zwar auch ins europäische Ausland, nach Frankreich, Belgien, die Niederlande oder Deutschland führten, jedoch immer auch – leider, leider – nah am finanziellen Minimum zurückließen, spielte das Quintett im Oktober 2015 eine letzte Show im Apolo in Barcelona – und ließ nach diesem Heimspiel, welches glücklicherweise für die Nachwelt festgehalten wurde (und jedem wärmstens empfohlen sei), den Vorhand fallen…

Seitdem sind nun schon ganze fünf Jahre vergangen. Was die einzelnen Teile von Standstill heute so treiben? Nun, zumindest Ex-Frontmann Enric Montefusco ist glücklicherweise der Musik treu geblieben und hat in den vergangenen Jahren mit „Meridiana“ (2016) und „Diagonal“ (2019) zwei Alben veröffentlicht, welche musikalisch den zuletzt mit Standstill eingeschlagenen Weg hin zu traditionelleren spanischen Folk-Gefilden recht konsequent weiter gehen, während sich die Texte – nebst persönlichen Anklängen – mal recht kritisch, mal verdammt melancholisch mit dessen katalanischer Heimat beschäftigen (wer mehr wissen mag, der findet hier ein Interview mit dem Musiker aus dem vergangenen Jahr). Nichtsdestotrotz lohnt es sich auch eine halbe Dekade nach dem (vorläufigen) Ende von Standstill, dem faszinierenden, vielseitigen Klangkosmos der Spanier zu verfallen. *hach*

 

Einen recht guten Einblick in einem jenen Klangkosmos kann man sich etwa anhand eines knapp einstündigen TV-Konzerts verschaffen, welches Standstill im Zuge ihres 2006er Albums „Vivalaguerra“ spielten (wen als nicht dem Spanischen Mächtigen die Texte interessieren: den Song „Victor San Juan“ gibt es auch einzeln und mit englischen Untertiteln)…

 

…oder dem aufs Nötigste reduzierten Folk von „Adelante Bonaparte (I)“ (vom 2010er Doppel-Werk gleichen Titels) lauschen (oder eben ein wenig auf dem YouTube-Kanal der Band stöbern):

 

Ebenso lohnenswert sind zweifellos auch die beiden Solo-Alben von Enric Montefusco, denn stimmlich kann einen der 43-jährige hagere katalanische Musiker mit dem markanten Vollbart auch im Alleingang gefangen nehmen…

 

 

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Staring Girl – „In einem Bild“


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Fotos: Victor Kataev

„Männlicher Deutschpop“ gilt – ganz egal, wie man selbst es nun finden mag – seit einigen Jahren als absoluter Erfolgsgarant. Andreas Bourani, Mark Forster, Wincent Weiss, Max Giesinger, Philipp Poisel, Johannes Oerding und wie diese ganz Formatradio-Einheitsbrei-Ton gewordenen – pardon my French – Luftpumpen, hinter denen nicht selten das gleiche Team aus findigen Managern, Produzenten und Liedschreibern steckt (der Böhmermann brachte da vor einiger Zeit etwas Licht ins Kalkül-Dunkel), nicht alle heißen – die in qualitativem Sinne reichlich egale Liste verlängert sich gefühlt monatlich. Dabei leidet die Kreativität und Einzigartigkeit immer häufiger, sodass nahezu jeder Song der genannten Formatradio-Künstler auch von einem der jeweils anderen präsentiert werden könnte (welch‘ Wunder, wenn man die Hintergründe kennt).

a1131702326_16Weit weg von tagtäglichem Radio-Gedudel und Airplay-Charts spielt seit etwa 15 Jahren die fünfköpfige Hamburger Band Staring Girl, die auch mit ihrem vor zwei Jahren erschienenem Langspieler „In einem Bild“, dessen Veröffentlichung selbst mir bislang durch die musikalischen Lappen ging, eher bei den etwas alternativeren Singer/Songwritern wie Gisbert zu Knyphausen, Niels Frevert und Nils Koppruch (oder meinetwegen auch dem etwas poppiger agierenden Clueso) anzusiedeln sind, gepaart mit – if you may like – ein wenig Tomte und Kettcar sowie den ruhigen Lyrik-Momenten von Wir sind Helden. Treibender, melancholischer, schwermütiger Indie-Pop mit vielen Americana-Gitarren, dezenten (und seltenen) elektronischen Effekten, trifft auf poetische Alltagserzählungen mit einem Auge fürs kleinste Detail. Ein Teil der ehemaligen Band von Gisbert zu Knyphausen ist mittlerweile (auch) hier am Start, was vor allem in den musikalisch ausladenderen Momenten kaum zu überhören ist.

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Wunderbare Tongue-Twist-Komposita wie „Matratzenladenneonröhrenlicht“ berichten von dem Beobachten eines alltäglichen Großstadttreibens und beschreiben etwa eine Fahrt aus Hamburg hinaus so bildhaft und verträumt, dass man meinen könnte, vor dem geistigen Auge neben dem gebürtigen Kieler Frontmann Steffen Nibbe im Bus zu sitzen. Tatsächlich lohnt es sich übrigens, das Album – parallel – in physischer Form zu erwerben, da das Booklet neben ästhetischer Schwarzweiß-Fotografien alle Texte beinhaltet, die beim Zuhören eventuell nicht immer direkt entschlüsselt werden können – quasi Poetry Slam mit musikalischer Untermalung. Der Gesang von Steffen Nibbe, der wie beim 2012er Vorgänger „Sieben Stunden und 40 Minuten“ die Texte im Alleingang verfasst hat, drängt sich dabei nicht auf, sondern stellt neben den Instrumenten nur eine zusätzliche Komponente dar. In „Lächeln und reden“ etwa kommt denn auch gut die Hälfte des Stückes gesanglos daher und schafft stattdessen mit viel Moll und jazzigem Akustikset eine Art hanseatischen Film Noir-Sound. Im Titelsong oder dem tollen achtminütigen (!) Albumabschluss „Schwarz zu weiß“ gipfeln sich Klangwaben in kleinen Epen, lassen sich dabei jedoch zu jeder Sekunde die nötige Zeit zum Reifen und Ankommen beim Hörer –  selbst, wenn es beim Titelstück auch mal kurzzeitig etwas theatralisch und übermetaphorisch wird.

Staring Girl bieten mit den zwölf Songs von „In einem Bild“ unaufdringlichen, tief in sich selbst ruhenden, erwachsenen Liedermacher-Indiepop, dem zwar jegliche Radiohits fehlen mögen, dafür aber einen schönen Folk-Soundtrack für leichte Frühlingsabende unter Freunden bei ein paar Gläsern Rotwein liefert (selbst, wenn man sich aktuell eher via Skype und Co. zuprosten mag). Mal scheinen deutsche Singer/Songwriter-Größen wie Gisbert zu Knyphausen und Niels Frevert nur ein, zwei Studiotüren weit entfernt, mal klingen selbst auf internationalen Bühnenbrettern seit Jahrzehnten Großes bietende Künstler wie Neil Young oder Wilco an (denn was für Neil Young „Down By The River“ ist und für Wilco „Impossible Germany“, das scheint für Staring Girl „Schwarz zu weiß“). Wahlweise aufregend-unaufgeregt und irdisch-echt, wahlweise richtig, richtig toll – genauso übrigens wie die im vergangenen Jahr veröffentlichte „EP„, auf der Staring Girl, nebst dem neuen Song „Autos fahren auf Straßen mit Namen“ auch einige Stücke vom Debütwerk in neuen, nicht selten detailverliebten (Band)Arrangements präsentiert.

 

Vom Piano getragen erzeugt vor allem „In einem Bild“, der Titelsong des jüngsten Langspielers, eine vom ersten Ton an einnehmende, deutlich beklemmende Atmosphäre, die sich auch auf den Text überträgt und von einem Musikvideo unterstrichen wird, das Verlorenheit, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit gekonnt zu vermitteln weiß.

 

Rock and Roll.

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Song des Tages: Chip Taylor & The New Ukrainians – „F**k All The Perfect People“


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Chip Taylor. Nie gehört? Keine Sorge, ging mir genauso.

Vielleicht klingeln ein paar Glöckchen mehr, wenn man weiß, dass der Mann eigentlich James Wesley Voight heißt und damit der jüngere Bruder von Hollywood-Eminenz Jon Voight und der Onkel von Angelina Jolie ist. Da schau her! Und damit nicht genug, denn außerdem gehen sogar einige *hust* recht bekannte Songs auf sein Songwriter-Konto: etwa „Wild Thing„, das er in den Sechzigern innerhalb weniger Minuten komponierte und daraufhin der britischen Garage-Rock-Band The Troggs überließ, die das Stück wiederum 1966 zum immergrünen Millionenseller machten. Oder „Angel Of The Morning„, geschrieben für Merrilee & the Turnabouts, und später, 1981, sehr erfolgreich von US-Country-Popsängerin Juice Newton gecovert. Oder „Try (Just A Little Bit Harder)„, das anno 1969 eine gewisse Janis Joplin aufnahm. Oder…

Nach all diesen Quasi-Ghostwriter-Erfolgen für andere Künstler versuchte Chip Taylor, der eigentlich professioneller Golfspieler werden wollte, in den Siebzigern selbst sein Glück im Musikgeschäft, hängte Ende des Jahrzehnts diesen Traum (vorübergehend) wieder an den tönenden Nagel, und schlug wiederum einen neuen Karriereweg als professioneller Glücksspieler – beim Black Jack und bei Pferderennen – ein.

Long story short: Besonders viel Fortune schien er damit nicht gehabt zu haben, denn 1996 nahm Chip erneut die Gitarre zur Hand, und interpretierte auf seinem Comeback-Album „Hit Man“ einige seiner alten Songs – unter anderem „Wild Thing“, „Angel Of The Morning“ oder „Son Of A Rotten Gambler“, einst geschrieben für seinen Sohn Kristian und 1974 durch eine Version der Hollies erfolgreich geworden – neu. Seitdem blieb der mittlerweile 79-jährige Chip Taylor seiner alten Liebe, der Musik, treu, veröffentlicht beinahe im Jahrestakt neue Alben und tourt ebenso emsig durch die Weltgeschichte (und tritt gar ab und an mit dem älteren Bruder und den Enkelkindern auf).

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81CgzmrGKML._SY355_Ich selbst bin durch den Song „Fuck All The Perfect People“ auf Chip Taylor gestoßen, welcher unlängst Teil des Soundtracks der Netflix-Serie „Sex Education“ war (ebenso übrigens wie eine feine Coverversion des Regina Spektor-Stückes „On The Radio“). Ebenjenes „Fuck All The Perfect People“ stammt von Chip Taylors 2012 veröffentlichten Album gleichen Titels, welches er gemeinsam mit deiner skandinavischen Tour-Band The New Ukrainians aufnahm. Darauf zu hören: 16 Songs, die mal spontan durchgeklampft, mal nach rauem Country, mal nach erdigem Roots Rock klingen. Songs über das Unterwegssein und das Leben im Schatten (von dem Chip Taylor ja schon allein seiner Verwandtschaft und seiner Songwriting-Credits wegen das ein oder andere Lied singen kann). Oft wirkt das Storytelling-Ergebnis düster, aber nie verzweifelt, manchmal mit bluesigem Unterton, dann wieder honkytonk-mäßig. Und wenn der ein oder andere Song dann noch mit einem so tollen, so sympathischen Musikvideo wie zu „Fuck All The Perfect People“, welches Menschen im alltäglich-urbanen Gewusel von New York City zeigt, daher kommen, dann gerät das eigene Leben für knapp fünf Minuten zur Nebensächlichkeit… Eine Entdeckung, der Mann – und lieber spät als nie!

 

 

„To be or not to be
To free or not to free
To crawl or not to crawl
Fuck all those perfect people!

To sleep or not to sleep
To creep or not to creep
And some can’t remember, what others recall
Fuck all those perfect people!

Sleepy eyes, waltzing through
No I’m not talking about you!

To stand or not to stand
To plan or not to plan
To store or not to store
Fuck all those perfect people!

To drink or not to drink
To think or not to think
Some choose to dismember, you’re rising your thoughts
And fuck all those perfect people!

Sleepy eyes, waltzing through
No, I… I’m talking about you!

To sing or not to sing
To swing or not to swing
(Hell) He fills up the silence like a choke on the wall
Fuck all those perfect people!

To pray or not to pray
To sway or not to sway
Jesus died for something – or nothing at all
Fuck all those perfect people!

Sleepy eyes, waltzing through
No, I… I’m talking about you!“

 

Rock and Roll.

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