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Monday Listen: River Giant – „River Giant“


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Es passiert ja oft genug, dass Künstlern oder Bands mit allerlei Vorschusslorbeeren bepackt der baldige große Durchbruch vorhergesagt wird. River Giant etwa. Über ebenjenes Dreiergespann aus dem US-amerikanischen Seattle schrieb etwa das Label Indigo vor einiger Zeit:

„Die Eckdaten lassen Großes vermuten: Indie-Rock, Folk, Americana, 70er-Jahre-Soul und Seattle. Letzteres nicht nur als Herkunft, sondern schon als musikalisches Selbstverständnis eines Trios, das mit ‚River Giant‘ sein Debüt vorlegt. Die drei Musiker – Sänger und Gitarrist Kyle Jacobson, Schlagzeuger Liam O’Connor sowie Bassist Trent Schriener – fanden sich Ende 2009 zusammen. Nach einer selbst produzierten EP im Frühjahr 2011 wurde Chris Early (Gold Leaves, Grand Hallway, Band Of Horses) auf sie aufmerksam und wollte unbedingt ihr Debütalbum produzieren, welches sehr viel reifer und ausgewogener daherkommt als die damalige EP. Schon der Opener ‚Out Here, Outside‘ zeigt ihre großartigen Harmoniegesänge, ‚Pink Flamingos‘ kommt mit Soul-Anleihen, das stark groovende ‚I Permute This Marriage‘ und das treibende ‚Taylor Mountain‘ geben neben all den harmonischen Gesängen die eigentliche Stoßrichtung vor. Ein tolles Debüt einer Band, von der noch viel zu hören sein wird.“

river-giant-142306Allein die Tatsache, dass diese lobenden Zeilen bereits gut sechs Jahre alt sind, zeigt, dass River Giants 2012 erschienenes selbstbetiteltes Debütwerk (welches knapp ein Jahr später in Deutschland nachgereicht wurde) zwar auch hierzulande die ein oder andere recht positive Review einheimsen konnte (etwa bei plattentests.de oder bei laut.de), der Band aus dem Nordwesten der US of A – aller tönenden Qualitäten zum Trotz – die breitere Aufmerksamkeit versagt blieb. Auch ich selbst bin erst vor ein paar Tagen aufgrund einer Erwähnung von River Giant durch Jörg Tresp, den Chef des deutschen Indie-Labels DevilDuck Records, der das Trio andernorts als „Fleet Foxes auf Grunge“ beschrieb (während sein Label anno 2013 ebenfalls kaum an warmen Lobesworten sparte), recht zufällig auf das zehn Songs starke Debütalbum gestoßen…

Und ein wenig schade ist es schon, dass Kyle Jacobson (Gesang, Gitarre), Trent Schriener (Bass) und Liam O’Connor (Schlagzeug) nach dem starken Erstling, der mit seinen Songs die „Flanellhemd-Fraktionen“ des Grunge mit ebenjenen des Indie-Rocks, Alt. Country oder Americana zusammenbrachte, nichts nachfolgen ließen. Sechs Jahre nach Erscheinen von Stücken wie „I Premute This Marriage“ oder „Pink Flamingos“ lassen sich über das Seattle-Trio – mal abgesehen von einer empfehlenswerten Live Session für den Radiosender KEXP (findet ihr weiter unten) – kaum noch digitale Fußspuren nachverfolgen – nicht einmal einen Facebook-Auftritt besitzt die Band (mehr). Nichtsdestotrotz sei allen, die schon immer stilistische Schnittmengen zwischen Nirvana, Pearl Jam, The Black Crowes, Band Of Horses oder Neil Young ausmachen konnten, das leider etwas unter dem Radar gelaufene, mit allerhand Herzblut zwischen den Karohemd-Stilen rockende Album definitiv empfohlen…

 

 

 

Rock and Roll.

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Klassiker des Tages: Enik – „The Seasons In Between“


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Was macht eigentlich Enik mittlerweile? Zugegebenermaßen ist das weder eine Frage, die ich mir in den vergangenen Jahren tattäglich gestellt habe, noch eine, die mich spät nachts schweißgebadet aufwachen ließ…

Würde man nicht tief(er) graben, so könnte man den Eindruck bekommen, der vielseitige 39-jährige Indie-Musiker, auf dessen Münchner Klingelschild wohl eher der Name „Dominik Schäfer“ notiert sein dürfte, hätte den kreativen Künsten längst abgeschworen. Doch bereits eine kleine Netz-Recherche zeigt, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Nach ersten musikalischen Ausrufezeichen 2004 als Co-Songwriter (falls man diesen Begriff im IDM-Fach verwendet kann) für vier Stücke auf dem Funkstörung-Werk „Disconnected“, mit den 2006 beziehungsweise ein Jahr drauf erschienenen Enik-Alben „The Seasons In Between“ und „Chainsaw Buddha“ (mehr dazu gleich) sowie einer Kollabo mit Fanta4’s Esoterik-Vorsteher Thomas D für den Song „Vergiftet im Schlaf“ (welcher wiederum gar Teil des Soundtracks für den mäßig erfolgreichen Hollywood-Film „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ war) standen dem Indie-Newcomer plötzlich so einige Türen offen. Und doch entschied sich Dominik „Enik“ Schäfer dazu, zuerst sein kreatives Heil im Jazz (mit dem Chris Gall-Trio), danach im Theaterfach, in dem er über die Jahre mehr als ein Dutzend Theaterstücke als Komponist und musikalischer Leiter im deutschsprachigen Raum mit seinem Sound bereicherte, unlängst sogar als Soundtrack-Komponist („Five Years“ – der 2018 veröffentlichte Score zur Dokumentation „5 Jahre Leben“von Regisseur Stefan Schaller über den unschuldigen Guantanamo-Sträfling Murat Kurnaz) zu suchen. Beinahe logisch, dass der aufs Vorsortieren abonnierte Mainstream-Hörer von alledem kaum etwas mitbekam…

the-seasons-in-between.jpgUnd doch liegen Eniks wohl kreativste Glanzlichter bereits mehr als eine Dekade zurück: seine Alben „The Seasons In Between“ und „Chainsaw Buddha“ (das 2011er Werk „I Sold My Moon Boots To A Girl From Greece“ soll zwar nicht unerwähnt bleiben, kann jedoch in Gänze kaum mit den beiden mithalten). Eines sollte jedoch stets klar sein: Fordernd ist Eniks Kunst zu jedem Zeitpunkt, denn wer eines der erwähnten Alben hört, der könnte (vor)schnell den Eindruck bekommen, dass soeben gefühlte siebzehn Langspieler gleichzeitig abgespielt werden: derber Garagenpunk, schleppende Industrial-Beats, torkelnde Jazzstreicher, sanft säuselnder Folk, schwülwarmer Funk, Kraut- und Glamrock, nerdige Zappa-Klassik, indietroniges Elektroblubbern, feinstes Düster-Crooning – Unterforderung darf man getrost anderswo suchen. „Da meint man fast Bon Ivers Stimmwelt, Nick Caves Abgründe, Radioheads Elektronik und Bowies spätes Timbre rauszuhören.“ (Der aktuelle Presstext fasst es dankenswerterweise recht gut zusammen, vergisst eventuell sogar noch, mit Referenzen wie Tom Waits, Prince, Faith No More oder Peter Gabriel weitere Ränder abzustecken.)

Und doch ist einer der schönsten, einer der berührendsten Momente in Eniks bisherigem Schaffen gerade in der Reduktion, im Titelstück von „The Seasons In Between“ zu finden: „I’m a stranger in autumn / I was born in spring / I forgot the name / Of the seasons in between“ – eine einsame Akustikgitarre und Streicher umgarnen Schäfers so wunderbar unperfekte, windschief-raue Stimme, erst gen Ende darf das Schlagzeug dazu poltern, und schließlich alles in sich zusammen stürzen. Ich meine: Gelungener kann man seit 2006 den nahenden Herbst kaum einläuten.

[Übrigens meldet sich Enik in Kürze – genauer: am 8. November – tatsächlich mit (s)einem neuen Album „The Deepest Space Of Now“ zurück. Der erste Höreindruck anhand des Songs „99th DREAM“ ist ein durchaus positiver, und lässt mit (s)einer Vier-Minuten-Irrfahrt von TripHop über Indietronica bis hinein in die Siebziger (immerhin wartet der Schlussteil mit glamourösen Streichern auf!) auf einen ganz ähnlichen musikalischen Freifahrtsschein in die kreative Nervenheilanstalt wie Eniks erste Werke schließen…]

 

 

„Excuse me, I forgot your face
Was it love or just a passing through the dark?
I’m a stranger in autumn
I was born in spring

I forgot the name of seasons in between
Someone said it’s good for growing
Someone said it’s good for going
Someone said it’s good for growing

I love you, that’s why I can’t see you fail
And I swear, I won’t stand here to the essence of your heart’s fade away
I’m a stranger in autumn
I was born in spring

I forgot the name of seasons in between
Someone said it’s good for growing
Someone said it’s good for going
Someone said it’s good for growing

Someone said it’s good for growing
Someone said it’s good for going
Someone said it’s good for growing
Someone said it’s good for…..“

 

Rock and Roll.

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Zu kurz gekommen – Teil 13


Archive – You All Look The Same To Me (2002)

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Es gibt Bands, die begleiten einen bereits schon so lang, dass man sich kaum an eine Zeit erinnern kann, als sie mal nicht da waren. Gut, in meinem musikverrückten Fall dürfte es dabei wohl um eine ganze Riege an Gruppen, Künstlern und Alben handeln, die irgendwie schon immer da gewesen zu sein scheinen. (Off topic: Ich habe kürzlich von einer Studie gelesen, anhand derer findige Lehrgesellen belegen möchten, dass man *hust* „im Alter keine“ – oder, vielleicht besser: kaum noch – „neue Musik hört“. Und obwohl ich mir durchaus stets einen Resthunger auf Neues und Interessantes erhalte, so muss ich zugeben: Stimmt.) Eine dieser Bands ist definitiv Archive.

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Und das aus London stammende Kollektiv um die beiden Kreativköpfe Danny Griffiths und Darius Keeler hat freilich auch schon einige Lenze auf dem Bandbuckel. Mehr sogar: Seit der Bandgründung im Jahr 1994 haben Archive wohlmöglich ein ganzes Genre überlebt. Denn während man die ersten beiden Alben, „Londinium“ (1996) und „Take My Head“ (1999), noch ganz klar im TripHop-meets-Electronica-Fahrwasser von Massive Attack vermuten konnte, sollte sich um die Jahrtausendwende vieles bei Archive ändern. Das „Cool Britannia“ der Neunziger lang in einem anderen Jahrzehnt, und wohlmöglich stellte sich das Kernduo Griffiths-Keeler für die Zukunft der Band etwas anderes vor, als immer nur den Sound des „großen Bruders“ aus Bristol, in welchem sich mal gefällig, mal bedrohlich anmutende Electronica-Klänge mit echtem Bandsound aus GitarreSchlagzeugBass vermengten, um dann mit – vornehmlich weiblichem – Gesang unterlegt zu werden, für sich zu adaptieren. Also taten sich Archive mit dem Sänger Craig Walker – ehemaliger Frontmann der mäßig erfolgreichen irischen Poprocker Power Of Dreams – zusammen, banden ihn fest ins Bandkonzept ein – und schufen „You All Look The Same To Me„.

archiveMan muss auch gar nicht lang suchen, um den ersten prägnanten Unterschied zwischen Album Nummer drei und seinen beiden Vorgängern auszumachen, denn bereits der Opener „Again“ nimmt sich satte sechzehnenhalb (!) Minuten Zeit und Raum. So weit, so oberflächlich die ersten Fakten. Und auch klanglich hat all das nur noch entfernt mit dem kühlen TripHop der Neunziger zu tun. Eine Akustische leitet sanft ein, bald schon gesellen sich eine wehmütige Mundharmonika hinzu, dann eine warm vibrierende Hammondorgel. Und auch der von Walker gesungene Text verheißt Innerliches: „You’re tearing me apart / Crushing me inside / You used to lift me up / Now you get me down“. Herzschmerz statt Vertonung von Metropolenfassaden? Scheint ganz so. Griffiths und Keeler nehmen sich zwar reichlich Zeit, den neuen Bandsound einleitend vorzustellen (Hut ab allein dafür!), doch famoser könnte der Einstieg in „You All Look The Same To Me“ wohl kaum sein – „Again“ ist ein Statement an Breitwand und Tüftelei, an Intensität und Freigeist, der sich Ruhepausen und Ausbrüche gönnt, Wirren und Flirren, Schmerz, Katharsis und ein klein Bisschen Erlösung. Wer erst einmal über diese Schwelle gestiegen ist, den zieht Archives drittes Werk immer tiefer in seine Eingeweide der Nacht. So ist „Numb“ die gelungene Symbiose aus hitzigen TripHop-Beats und derben E-Gitarren, „Meon“ der süße Hilferuf nach Liebe in Cinemascope („Does anybody want to take me home?“), „Goodbye“ und „Now And Then“ melancholische Blinklichter an Vergangenes, die auf das zweite ausladende Highlight hinfiebern lassen: „Finding It So Hard“. Denn auch bei diesem (über)langen Fünfzehnminüter astgabeln sich Vergangenheit und Zukunft von Archive, lassen einen feurige TripHop-Bausteine die Arme tanzend und taumelnd in die Luft werfen, während Synthie-Orgeln windschief ihre Bahnen ziehen, die Bässe pumpen und Gitarren nach gut zehn Minuten für ordentlich Feedback sorgen. „Fool“ ist da textlich nur ein weiterer Versatzstein im Abgesang an die Liebe („It’s never sure / It’s never pure / It always hurts“), während die Mundharmonika des Auftaktsongs ihre Rückkehr feiert und Craig Walker und Maria Q, der bereits das kurze „Now And Then“ gehörte, erneut beweisen, wie gut ihre Stimmen miteinander harmonisieren. Einen bösen Schalk hat auch das pianogetrangene „Hate“ im Nacken („I hate your face right now / I can’t stand a sight of you / So please / Leave me alone / I thought you were a friend / But you’ve ruined my tale again / So please / Just go away /…/ Don’t believe a word I say“), bevor „Need“ lieblich und folkloristisch wie anno dazumal eine Pilzkopf-Kombo ums Eck biegt. Und „Absurd“ verpackt seine zehn mal mehr, mal weniger langen Vorgänger in watteweiche Wolken, um ins Morgengrau zu verschwinden.

In den Jahren darauf sollten Archive diesen eingeschlagenen musikalischen Weg noch verfeinern, sollten noch mehr Bandsound-Organik auf ihre Platten und in ihre Bühnenauftritte mit einbinden, sollten sich von persönlichen Songinhalten immer mehr hin zu subtiler gesellschaftlicher Kritik wandeln. Dem Konzept der mehr oder minder festen Gastsänger sind Danny Griffiths und Darius Keeler freilich, obwohl Craig Walker längst nicht mehr mit an Bord ist, weiter treu geblieben. So hat man sich auch nach nunmehr zehn Alben – die letzte, „Restriction„, erschien im Januar diesen Jahres – eine gewisse Spannung bewahrt, ohne jedoch Trademarks einzubüßen. Hat Soundtracks aufgenommen (etwa den zum französischen Rennfahr-Film „Michel Vaillant“) oder gar die Filme zu fiktiven Scores selbst produziert („Axiom“ aus dem vergangenen Jahr) – was böte sich bei einer Band wie dieser den mehr an? Natürlich finden sich auf den Nachfolgern zum dritten Album die bekannteren, die *hust* schmissigeren Songs (etwa „Fuck U“ oder „Bullets„), aber „You All Look The Same To Me“ wird auf ewig das Werk bleiben, auf dem Archive zu dem wurden, was sie (bis) heute sind: ein spannendes Kollektiv mit mehr als zwanzigjähriger Historie, bei dem nicht selten bis zu 15 Personen hinter Studiotüren oder auf den Bühnenbretter mitmischen. Eine Band, die, wie so oft, wenn es um Anspruch geht, die größte Fanschar in frankophilen Ländern (Frankreich, Schweiz, Belgien) auf sich vereinen kann. Eine Band, die den TripHop hinter sich gelassen hat, um sich eine eigene kleine Nische zu schaffen, und noch lange nicht am Ende angekommen zu sein scheint – trotz den 13 Jahren, die mich „You All Look The Same To Me“ nun schon begleitet. Ein Meisterwerk, gefühlt.

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Rock and Roll.

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Zu kurz gekommen… – Teil 12


Lange lagen Teile, rohe Fragmente und Auszüge der folgenden Zeilen in meinen (digitalen) Notizbüchern. Immer und immer wieder habe ich gestrichen, ergänzt und am Ende doch überlegt: Soll ich tatsächlich über ein Album schreiben, dass mir so viel bedeutet, dessen einzelne Stücke sich dermaßen in meine eigene Biografie und Gefühlswelt gewoben haben, dass kaum noch klar ist, wo der Traum der Erinnerung endet und das real Passierte beginnt? Und: Wie werde ich werde ich dem Künstler damit gerecht? Kann ich das überhaupt? Dem kundigen Leser von ANEWFRIEND sollte der Name des Künstlers – Damien Rice – nicht fremd sein. Dem Rest sei seine Musik – auch aus aktuellem Anlass – wärmstens ans Hörerherz gelegt. Aber lest selbst…

 

Damien Rice – O (2002)

damien rice o-erschienen bei 14th Floor/Eastwest/Warner-

Irgendwo am Anfang stand eine wundervolle Konzertnacht in der deutschen Hauptstadt. Mit einem mit Freunden vollbepackten, in die Jahre gekommenden Ford Fiesta hatten wir uns am 5. März 2003 auf den 150 Kilometer langen Weg begeben, um einen Künstler zu sehen, dessen Karriere damals – zumindest international – noch in den Kinderschuhen steckte – und das, ohne vorab Eintrittskarten in der Tasche zu haben (wir wollten welche ordern, aber so kommt es halt, wenn sich einer auf den anderen verlässt und es dieser dann schlichtweg verpennt – seitdem nehme ich das immer selbst in die Hand). Natürlich war Damien Rices Gastspiel im Berliner Knaack Klub ausverkauft – das kundige Hauptstadtpublikum ist bekanntlich immer etwas empfänglicher für neue Trends und Künstler. Zu unserem Glück konnten wir noch – wenn auch heftig überteuert, aber wenn man einmal 300 Kilometer Strecke auf sich nimmt, um genau diesen Musiker zu sehen, zahlt man eben drauf – Karten aus der „schwarzen Jackentasche“ für alle in unserer Runde bekommen und fanden uns so in der ersten Reihe rechts neben der kleinen Konzertbühne des Knaack Club wieder. Nicht nur aufgrund der Tatsache, dass wir alle zum ersten Mal Josh Ritter, einen damals ebenfalls noch komplett unbekannten Singer/Songwriter aus dem US-amerikanischen 24.000-Einwohner-Kaff Moscow, Idaho, kennenlernten (seine an diesem Abend dargebotene Version des anno dazumal noch unveröffentlichten Songs „Wings“ bereitet mir noch heute eine Gänsehaut!), sollte es eine geradezu magische Konzertnacht werden. Denn Damien Rices Vorstellung der Songs seines etwa ein Jahr zuvor im heimischen UK erschienenen Debütalbums „O“ (in Deutschland ließ sich die Plattenfirma unverschämterweise gar noch bis August 2003 Zeit) war schwer in Worte zu fassen – und ist es noch heute. Nein, dafür war einfach alles – der Abend, die Gegebenheiten, unsere Runde, natürlich Rice und seine Band, die neben Schlagzeuger und Bassisten damals freilich auch aus seinem weiblichen Vocal-Sidekick Lisa Hannigan und der Cellistin Vyvienne Long bestand, zu besonders. Und es macht mich bis heute noch ein wenig stolz, dass ausgerechnet ich es war, der unsere Runde mit dem virulenten Ohrwurmzauber der Stücke von „O“ infizierte. Zu recht sollte sich bald zeigen, dass wir nicht die einzigen waren, die Damien Rices Qualitäten erlagen. Denn „O“ – so kurz und geheimnisvoll dessen Titel auch sein möge – erzählt Geschichten, wie sie schöner und schmerzlicher, kitschiger und trauriger kaum sein könnten – wie das Leben selbst. Vom Süßen, dass – um hier mal ein Zitat aus meinem Lieblingsfilm „Vanilla Sky“ zu bemühen – ohne das Saure kaum so süß erscheinen würde. Vom Lieben. Und der Sprache des Herzens erliegt man freilich nur allzu schnell und leicht…

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„We might kiss when we are alone / When nobody’s watching / We might take it home / We might make out when nobody’s there / It’s not that we’re scared / It’s just that it’s delicate“ – ebenso schüchtern wie um Charme barmend legt Rice, Jahrgang 1973 und vormals Teil der mäßig bekannten irischen Rockband Juniper, in den ersten Sekunden des Albumopeners „Delicate“ allein an seiner Akustischen los, bevor Vyvienne Longs Cello einsetzt. Herzerweichend? Dabei kommt erst in den darauf folgenden Stücken einer der entscheidenden Faktoren, der Rices Songs so rund, so nah und so berührend macht, hinzu: die Zweitstimme von Lisa Hannigan. Denn sie ist es, die Lieder wie das um zwischenmenschliche Differenzen und Anziehungen kreisende „Volcano“ („What I am to you / You do not need / And what I am to you / Is not what you mean to me / You give me miles and miles of mountains / And I ask for the sea“), das tausendfach in Filmen und Fernsehserien verwandte Liebeslied „The Blower’s Daughter“ oder das so hinreißend pragmatisch-euphorische „Cannonball“ aus- und großartig macht, im Duett in „I Remember“ später – verdientermaßen, freilich – gar ganze Passagen allein mit ihrer wunderbaren Stimme tragen darf. Dennoch sollte man nicht den Fehler machen, Damien Rice hinsichtlich der in der Tat vorherrschenden Liebeslieder auf „O“ als allzu lieblich-plakativen Schnulzenbarden zu stilisieren. Denn mit dem bitteren Doppel aus „Cheers Darlin'“ („Cheers darlin’ / Here’s to you and your lover boy / Cheers darlin’ / I got years to wait around for you / Cheers darlin’ / I’ve got your wedding bells in my ear / Cheers darlin’ / You give me three cigarettes to smoke my tears away“) und „Cold Water“ („Cold, cold water surrounds me now / And all I’ve got is your hand / Lord, can you hear me now? / Or am I lost?“ – diese Zeilen dürften dem einen oder der anderen ebenfalls aus allerhand namenhaften Serien bekannt vorkommen), das dem zu ertrinken Drohenden im Mittelteil einen Seemannschor zur Seite stellt, beweist der irische Singer/Songwriter, dass er auch die Schattenseiten der Liebelei zu vertonen weiß. Wer’s noch immer nicht begriffen haben sollte, dem stellt Rice im darauf folgenden „I Remember“, welches trügerisch lieblich als Boy-meets-Girl-Story beginnt, eine wahre Kakophonie aus gefühlsinduzierter Lautstärke zur Seite, auf die man so nicht vorbereitet gewesen sein konnte„Come all ye reborn / Blow off my horn / I’m driving real hard / This is love, this is porn / God will forgive me / But I, I whip myself with scorn, scorn“ und weist die (ehemals) Liebste an, endlich Farbe zu bekennen: „I wanna hear what you have to say about me / Hear if you’re gonna live without me“. Dass er nach all dem Gefühlschaos – ob nun in der Großstadt, ob nun auf dem Land – den totalen Rückzug von Allem startet und in „Eskimo“ eigentlich nur noch seinen – jawohl – „Eskimo friend“ sehen möchte, ist dabei nur allzu verständlich. Und auch hier wartet Rices Debütalbum neben seiner Akustischen und den Streichern, wie an so vielen Stellen der gut 60 Minuten, wieder mit etwas Besonderem auf, denn gegen Ende lädt er die nordirische Opernsängerin Doreen Curran vors Mikro, um sie einige Zeilen auf finnisch (!) schmettern zu lassen. Dass der reguläre Abschluss des Albums (die ebenfalls grandiosen Hidden Tracks „Prague“ und „Silent Night“ mal außen vor) dann wieder einzig und allein Damien Rice und seiner Akustikgitarre gehört, passt einfach. Alles endet so, wie es begann. Doch die Stunde dazwischen verändert den Hörer, nimmt ihn mit auf eine Reise ins Innere seiner selbst. Und nur Steine kehren davon unverändert zurück…

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Obwohl der schmächtige Singer/Songwriter mit dem vier Jahre nach „O“ – also: 2006 – erschienenen Nachfolger, welcher mit „9“ ebenso mystisch betitelt wurde, erfolgsmäßig in noch ganz andere Sphären vorstoßen sollte (Nummer 1 im heimischen Irland, immerhin Platz 22 in den US-Albumcharts, erneut etliche Soundtrack- und prominente Serienplatzierungen, ein Auftritt bei den Friedensnobelpreisverleihungen), und auch qualitativ keinerlei Rückschritte machte, umgibt „O“ bereits beim ersten Hören eine zauberhafte Patina, die sich auch ganze zwölf Jahre nach dessen Erscheinen (und weißgottwieviele Durchgänge später) in keinster Weise abnutzt. Mag man es Rices Talent, emotional fesselnde Songs zu schreiben, zuschreiben. Vielleicht spielen auch all die Geschichten, die man sich um seine Person erzählt (mal heißt es, er spielte sich als trampender Straßenmusikant durch halb Europa, mal, dass er einige Zeit als Blumenverkäufer im Süden Frankreichs seine Brötchen verdiente), eine gewichtige Rolle im nahezu mystischen Beieinander der Songs des Debüts (für dessen Grenzen ein perfekt inszeniertes, unverstelltes Singer/Songwritertum Feelgood-Klone/-Clowns á la James Blunt, Jack Johnson oder Chris „Coldplay“ Martin
sicherlich nur allzu gern töten würden). Dazu passte dann wieder, dass schon der Nachfolger „9“ textlich um einiges bitterer ausfiel, der Ire sich noch während der Tournee zum zweiten Album mit der für ihn und seine Musik so wichtigen Lisa Hannigan überwarf (nichts Genaues weiß man auch hier, sie entschwand jedenfalls aus der Band und aus Rices Leben) und Damien Rice selbst, dem der eigene Erfolg sowieso schon immer am zuwidersten und suspektesten erschien, Damien-Rice 2für Jahre nahezu komplett von der Bildfläche verschwand – so lange, dass man befürchten musste, nie wieder einen (neuen) Ton von ihm zu hören zu bekommen. Dass man vor wenigen Tagen mit dem tatsächlichen Erscheinen von Album Nummer drei, „My Favourite Faded Fantasy„, bei welchem kein Geringerer als Überproduzentenlegende Rick Rubin eine gewichtige Rolle spielte, eines Besseren belehrt wurde, ist eine andere Geschichte, deren Saat vor mehr als zehn Jahren gelegt wurde. Die Zeit, sie vergeht – mal höre, man staune.  „Amie come sit on my wall / And read me the story of O / And tell it like you still believe / That the end of the century / Brings a change for you and me / Nothing unusual, nothing’s changed / Just a little older that’s all“

 

 

(Die Textfetischisten unter euch dürfen sich gern auf die Damien Rice-Fanseite eskimofriends.com berufen…)  

 

Der Vollständigkeit halber hier noch die offiziellen Musikvideos der drei Singles „Volcano“, „The Blower’s Daughter“ und „Cannonball“…

 

…sowie Damien Rices im Rahmen der „BBC Four Sessions“ gegebenes einstündiges Konzert aus dem Jahr 2004, welches einen recht passablen Eindruck der Live-Qualitäten der Songs von „O“ vermittelt:

 

Rock and Roll.

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Zur kurz gekommen… – Teil 10


Dave Navarro – Trust No One (2001)

Trust No One (Cover)-erschienen bei Capital/EMI-

Dave Navarro – bei diesem Namen kommen dem kundigen Alternative Rock-Degustinato natürlich zuerst einmal zwei Bands in den Sinn: Jane’s Addiction und die Red Hot Chili Peppers. Erstere hob der 1967 in Santa Monica, Kalifornien geborene Gitarrist im Jahr 1985 mit aus der musikalischen Taufe, bei Zweiterer half er für ganze drei Jahre – beziehungsweise ein Album („One Hot Minute„) – als würdiger John Frusciante-„Ersatz“ aus. Außerdem teilte Navarro mit Größen wie den Nine Inch Nails, Marilyn Manson, Billy Corgan (Smashing Pumpkins), Gene Simmons (Kiss), Michael und Janet Jackson oder Christina Aguilera Bühnen und Tonstudios, lehnte seinerzeit den durch den Ausstieg von Slash freigewordenen Leadgitarristenposten bei Guns N‘ Roses ab, ehelichte 2003 medienwirksam die Ex-Baywatch-Strandnixe Carmen Electra (beide ließen in der MTV-Serie „Til Death Do Us Part“ ein Millionenpublikum an ihrem Privatleben teilhaben), engagierte sich für PETA und die Rechte von Tieren, versuchte sich erfolgreich als Produzent von „Erwachsenenfilmen“, als Buchautor oder als „Penthouse“-Kolumnist. Ganz nebenbei sieht der beinahe Ganzkörpertätowierte auch noch blendend aus. Ein Rockstar also, wie er im Buche steht? Ein Musiker, der dies- wie jenseits der Bühne seit Jugendtagen ein Leben auf der hedonistischen Überholspur lebt, von dem jeder „Normalo“ nur träumen kann? Es scheint fast so…

Carmen Electra & Dave Navarro Hugging NakedUmso befremdlicher klingt jedoch Dave Navarros 2001 erschienenes Solo-Debüt „Trust No One„. Denn wenngleich der damals 43-Jährige rein musikalisch seinem Stamminstrument, der Gitarre, huldigt, zieht er in den Texten blank und kehrt die Narben seiner Vergangenheit sowie die Schattenseiten des Lebens als Rockstar nach Außen – weinerlicher Seelenstriptease oder überfällige Vergangenheitsbewältigung? Eher Zweiteres. Denn Navarro schleppte in der Tat dunkle familiäre Lasten mit sich herum: Seine Eltern ließen sich scheiden, als Dave gerade einmal sieben Jahre alt war, seine Mutter, ein ehemaliges Model, wurde von ihrem damaligen Freund 1983 umgebracht – Navarro wurde im Alter von 15 Jahren auf tragische Art zum Halbwaisen, hat bis heute drei gescheiterte Ehen (selbst die Liason mit Electra ging 2006 in die Brüche) vorzuweisen. Wenn man die zehn Songs auf „Trust No One“ mit diesem Wissen hört, eröffnen sich neue Wege in die Psyche des Gitarristen. Denn zwischen den mal straight forward, mal effektvoll produzierten Alternative Rock-Stücken gesteht Navarro sich Unzulänglichkeiten ein („I never really even loved you / I’m just really insecure / I never really even cared / Never tasted that pure / I don’t think I ever liked you / I just had some time / I don’t think I’d be that sorry“ – „Avoiding The Angel“), betrauert seine verstorbene Mutter („She gave herself to me / She’s gone away from me / Where is the heartbeat coming from? / Lost is the heartbeat where I come from“ – „Mourning Son“), rechnet diebisch augenzwinkernd mit ehemaligen musikalischen Wegbegleitern wie Billy Corgan oder Marilyn Manson („I met some friends of mine / I used to call them friends / One of them was not so hairy / One of them was not so scary“ – „Sunny Day“) oder der sich nach und nach einschleichenden Inhaltsleere der 00281729_lgschnelllebigen Musikgeschäfts ab („There is no love left in your eyes /There is love between your thighs / Roll over say goodnight / I’ve had enough of feeling sick / You’ve had enough of feeling sick / The sugar never helps / I hate my life I hate my life / Never want another wife / I want the life you think I have“ – „Rexall“). Am erfreulichsten hierbei ist vor allem, dass die 45 Minuten nicht zum muckertümlichen Leistungsnachweis geraten und Navarro, der einen Großteil der Instrumente zwar selbst einspielte, sich im Studio jedoch auch von Freunden wie dem Studioass Jon Brion, Schlagzeuger Matt Chamberlain oder Marilyn Mansons Bass-Sidekick Twiggy Ramirez aushelfen ließ, die Songs trotz aller hervorragend akzentuierten Gitarrensolos (man höre hier etwas nur einmal „Rexall“ oder „Mourning Son“!) höchst unterschiedlich gestaltet. So erinnert etwa „Everything“ mit seinen wirren Rhythmen unweigerlich an „Starfuckers, Inc.“ von den Nine Inch Nails, leiht sich „Not For Nothing“ mal eben ein paar Industrial-Verweise á la Marilyn Manson aus, wird mit der Coverversion von „Venus In Furs“ Velvet Underground in würdiger Art und Weise Tribut gezollt (und der Fakt, dass Lou Reed himself Navarros Version als beste des Stückes überhaupt adelte, darf einiges heißen!) und mit der Akustiknummer „Slow Motion Sickness“ das Album zum Abschluss gebracht. Alles, was „Trust No One“ lediglich zu damals größerem Erfolg fehlte, war wohl ein veritabler Hit. Denn obwohl die beiden Singles „Rexall“ und „Hungry“ für den Einen zwar durchaus berechtigtes Potential zum Alternative Rock-Ohrwurm besitzen mögen, blieben diese Stücke doch zu effektvoll für die breite Masse…

Dave Navarro

Für mich persönlich ist „Trust No One“ auch zwölf Jahre nach Erscheinen noch immer eines meiner All Time-Faves, denn Navarros musikalische Nabelschau gerät trotz dem flächendenkend druckvollen Spiel mit Gitarren- und Klangeffekten zum berührenden Statement von innerer Ausgebranntheit und Schwäche, welches auf diesem Niveau seinesgleichen sucht (und wohl nur in den Solo-Werken eines gewissen John Frusciante Gleichberechtigung findet). Das Coverartwork macht es dann noch einmal überdeutlich: „Trust No One“ ist Navarros persönlicher Offenbarungseid – ein Break, eine Auszeit, eine Zäsur. Dave Navarro tritt für 45 Minuten aus seinem Schattendasein als Leadgitarrist in der zweiten Reihe heraus und beweist dabei auch seine stimmlichen Qualitäten. Es mag nicht alles falsch sein am Mythos von „Sex, Drugs and Rock’n’Roll“, doch auch – und vor allem – in diesem Geschäft läuft man schnell Gefahr, auszubrennen und abzustützen. Die Einsamkeit von Hotelzimmern, falsche Freunde, falsche Gefühle, ausweglose Lieben, leere Leben, dem Morgen nach dem Exzess und den Schatten der Vergangenheit – davon handelt „Trust No One“. Ein kleiner, derbst riffender Klassiker aus der zweiten Reihe, in dem eine arschcoole Rocksau zwischen den Akkorden tief in die Seele blicken lässt – man höre und staune.

 

Hier gibt’s das Musikvideo-Doppel aus „Rexall“, das nach dem Laden in Los Angeles, in welchem sich seine Eltern kenn lernten, benannt ist…

 

…und „Hungry“, in welchem seine damalige Verlobte Carmen Electra mitspielt, zu sehen…

 

…sowie einen Ausschnitt aus der Tattoo-Serie „LA Ink“, in welchem sich Navarro von keiner Geringeren als Star-Tätowiererin Kat Von D „beackern“ lässt:

 

Rock and Roll.

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Zu kurz gekommen… – Teil 9


Modest Mouse – Good News For People Who Love Bad News (2004)

Good News For People Who Love Bad News (Cover)-erschienen bei Epic/Sony-

Kürzlich spielte sich ein Album, welches schon lange nicht mehr in Gänze gelaufen ist, seinen Weg zurück in meine persönliche Heavy Rotation-Playlist. Und schon beim ersten Song wurde mir klar, dass ich „Good News For People Who Love Bad News„, dieses kleine, fiese Biest voll feinstem Indierock, völlig zu Unrecht so lange stiefmütterlich habe liegen lassen. Denn: die 16 Stücke der aus dem Kaff Issaquah im US-Bundesstaat Washington stammenden Band Modest Mouse bieten genug beiläufig essentielle Lebensweisheiten, um – mit aus Catchyness geschnitzten mutigen Hymnen – so ziemlich jeder Alltagsmonotonie den Garaus zu machen…

Modest Mouse, 2004Nachdem Bläser den Hörer ohne Vorwarnung in die folgenden 49 Minuten geschubst haben, erzählt Sänger Isaac Brock in „The World At Large“ zu Gitarren, Streichern und ‚Bababa‘-Chören vom Treiben zwischen den Gezeiten („They days get shorter and the nights get cold / I like the autumn but this place is getting old / I pack up my belongings and I head for the coast / It might not be a lot but I feel like I’m making the most“). Der unglaublich eingängige Überhit „Float On“ nimmt alle Seitenhiebe des Alltags mit der nötigen Prise Lakonie mit („I backed my car into a cop car the other day / Well, he just drove off – sometimes life’s okay /…/ We both got fired on, exactly, the same day / Well, we’ll float on, good news is on the way“), und grinst schelmisch, wo andere versuchen würden, mit gleicher Münze heimzuzahlen. „Ocean Breathes Salty“ gibt gesalzene Ratschläge an alle unselig Verstorbenen („You wasted life, why wouldn’t you waste the afterlife?“), „Bury Me With It“ dreht sich als bitterböser Partygast grimmig im Kreis und verteilt gute Neuigkeiten an alle Gleichgesinnten („Good news for people who love bad news / We’ve lost the plot and we just can’t choose / We are hummingbirds who are just not willing to move / And there’s good news for people who love bad news“), nur um in „Dance Hall“ wie ein auf Tom Waits machendes angestochenes Indieschwein zu versuchen, die verfickte Diskokugel aus dem Fenster zu befördern. Auch in „Bukowski“ kommt Brock – scheinbar – nicht zu besserer Laune und lässt zu Banjo-Begleitung kein gutes Haar an den inneren Parallelen zum legendären Säufer-Autoren Charles Bukowski („Woke up this morning and it seemed to me / That every night turns out to be / A little more like Bukowski / And yeah, I know he’s a pretty good read / But God who’d want to be / God who’d want to be such an asshole? /…/ Who would want to be such a control freak?“). „The Devil’s Workday“ übt sich in Blasphemie und Misanthropie, in „The View“ denkt Isaac Brock für einen Moment ans Aufgeben („And if it takes shit to make bliss / Well I feel pretty blissfully / If life’s not beautiful without the pain / Well I’d just rather never ever even see beauty again“), merkt jedoch, dass ihn diese verdammte Todessehnsucht, die mittlerweile seine Umwelt befallen hat, einfach nur noch ankotzt („Are you dead or are you sleepin‘? /…/ Well everybody’s talkin‘ about their short lists Everybody’s talkin‘ about death“). Danach gibt sich die Sündenbock-Ballade „Blame It On The Tetons“ ungewohnt sacht, nur um in „Black Cadillacs“ in vollem Bandumfang und mit Saxofon-Unterstützung wieder die Salzwasserfinger in gesellschaftliche Wunden zu legen („And it’s true we named our children / After towns that we’ve never been to /…/ And we were laughing at the stars / While our feet clung tight to the ground / So pleased with ourselves / For using so many verbs and nouns“). „One Chance“ übt sich in Rückbesinnung aufs Wesentliche („We have one chance / One chance to get everything right / My friends, my habits, my family / They mean so much to me“), der Rausschmeißer „The Good Times Are Killing Me“ blinzelt zu Flöten, Orgel, Streichern und anschwellendem Schlagzeug ein wenig irritiert in den Happy End-Sonnenaufgang.

Modest Mouse

Während sich Brock & Co. auf Vorgängern wie dem 1996er Debüt „This Is A Long Drive For Someone With Nothing To Think About“ (ebenfalls eine persönliche Empfehlung!) oder „Moon & Antarctica“ (2000 erschienen) noch selbstreflexiver gaben, öffnen sich Modest Mouse auf „Good News…“ erstmals ihrer Umwelt, ziehen die Schirmmütze ein wenig nach oben und fahren die Ellenbogen ein. Sicherlich mag das drei Jahre darauf veröffentlichte „We Were Dead Before The Ship Even Sank“ noch – im positiven Sinne – umgänglicheren Indierock bieten (ein Umstand, der wohl vor allem der Mitarbeit von Ex-Smiths-Gitarrist Johnny Marr geschuldet sein dürfte). Aber mit „Good News For People Who Love Bad News“ liefert Isaac Brock sein vorläufiges Opus Magnum ab, denn hier treibt er seine dezent sarkastisch-treffenden Alltagsbeobachtungen auf die Spitze, tanzt den Waits’schen Rumpelwalzer mit Gott, Teufel und Gevatter Tod und stösst alle drei am Ende mit einem spitzen Lachen in den Indiediscoabgrund. Ob „Good News…“ Leben retten kann, das sei einmal dahingestellt. Den Tag erhellen Modest Mouse mit ihren kleinen, zornigen Düsterpolkas auf jeden Fall. Das Cover stösst sieben Pfeile in einen grünlichen Hintergrund, und auch die Songs gehen ohne Umschweife gezielt dahin, wo’s geht tut. Trotzdem hat (Selbst)Zerfleischung selten so viel Spaß gemacht… Und da das letzte Lebenszeichen – in Form der 2009 erschienenen EP „No One’s First, And You’re Next“ – nun auch schon wieder vier Jahre zurück liegt, wäre es langsam wieder einmal an der Zeit, die Hörerschar ähnlich großartig zum Tanz zu bitten, Herr Brock…

 

Hier gibt’s Videos zum Evergreen „Float On“…

 

…und zu „Ocean Breathes Salty“…

 

…und hier den Song „The World At Large“ im Stream:

 

Und wer mag, kann sich auf Youtube das Album in Gänze zu Gemüte führen:

 

Rock and Roll.

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