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Listener live im Musikerbunker, Aachen, 24. August 2013: Beim Barte der geölten Wortschwallsuppe, seid bereit für Jazz!


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Zu Beginn gleich mal ein wenig Klugschiss: In vino veritas. Was das nun mit den zum Trio angewachsenen Talk Music-Berserkern von Listener zu tun hat? Nun, mehr oder minder ums Eck gedacht: Eine ganze Menge. Denn Stimme und Bassfahrwerk Dan Smith, Gitarrist Christin Nelson und Schlagzeuger Kris Rochelle hätten für ihr im Rahmen der „Tour Is Not A Machine“-Tournee absolviertes Konzert im Aachener Musikbunker durchaus einen günstigeren Zeitpunkt treffen können…

Es ist Samstag in der westlichsten Großstadt Deutschlands. Mehr noch: Es ist Weinfest. Und so scheinen selbst bei mäßigem Wetter mehr „Öcher“ (für alle Unkundigen: die Bewohner Aachens) irgendwo zwischen Pontstraße und Katschhof abhängen zu wollen als im in Würde verranzten, betongrauen Musikbunker. Natürlich könnte man sich Besseres vorstellen, als sich gegen 20 Uhr in die Kellerkatakomben dieses Konzert- und Proberaumkomplexes zu verirren, in dem bei Regen (wie am vergangenen Samstag) auch schon mal die ein oder andere Wasserpfütze in den spärlich beleuchteten Gängen zusammenlaufen mag, und den Ortsunkundigen hier und da vermuten lässt, dass plötzlich eine Horde vergreister Altnazis aus dem Dunkel springen wird, um einen zur Gründung einer teutonisch korrekten Altpunkband und/oder zum kollektiven Dosenbierabsturz einzuladen. Jedoch: Nichts davon sollte am vergangenen Samstag passieren. Listener, jenes höchst besondere Drei-Mann-Ungetüm aus dem mittleren Westen der USA, machten Halt in der nordrhein-westfählischen Domstadt. Dass ihr Publikum am Ende lediglich aus überschaubaren 50 bis 60 Zuhörern bestand? Störte – zumindest merklich – keinen.

Die in Aachen heimische Band Nachtegal gab mit einem 25-Minuten-Set dabei den Anheitzer für Dan Smith & Co. Muss man sich den Namen merken? Nun, die Band machte aus der berichteten Not – ihnen sei vor wenigen Wochen der Schlagzeuger abhanden gekommen – eine Tugend, baute eine Standtrommel auf und verliehen ihren Post Punk-Songs, die nicht selten vermuten ließen, dass sich da Baroness plötzlich an Turbostaat-Stücken vergehen, so ein gutes Stückweit mehr Energie. Schade dass man die ehrlich zur Schau gestellte Ian Curtis-Lookalike-Emotionalität von Sänger Dominik nicht auf Platte konservieren kann, denn auf der bisher erschienenen „XYPS ILON“ Seven Inch klingen die meisten Stücke (für mich) lediglich leidlich enervierend…

listener

Nach einem kurzen Umbau der Bühne wurde es dann Zeit für die Band des Abends. Klammheimlich schlich sich erst Gitarrist Christin Nelson an seine Gitarre, dann nahm Kris Rochelle hinter dem Drumkit Platz, schließlich hängte sich Barfuss-Freund und Stimme Dan Smith seinen Bass um. Zusammen gaben die drei schon ein auf amüsante Weise stimmiges Bild ab: vollbärtige Tour-Dreisamkeit, fast wie Brüder. Logischerweise begannen Listener ihr etwa einstündiges Set mit einem Stück vom aktuellen, kürzlich erschienenen Album „Time Is A Machine„, „Eyes To The Ground For A Change“. Doch wer schon einmal das Glück hatte, einer Bühnenshow der Band, welche vor elf Jahren als Ein-Mann-Projekt von Dan Smith ihren Anfang nahm, beizuwohnen, der weiß: Ein Konzert von Listener ist in keinster Weise mit dem konservierten Studioprodukt zu vergleichen. Denn bei all der vornehmen, fast schüchternen Zurückhaltung, in der sich Gitarrist und Schlagzeuger beinahe das gesamte Konzert über üb(t)en, merkt man doch, dass vor allem im betont düster dreinblickenden Nelson ein waschechter Buddy verstecken mag. Und auch wenn es während des Konzertes im Musikbunker die ein oder andere Sprachbarriere gegeben haben mag, auch wenn manch ein Witz und ein guter Teil der Überbrückungspointen in den betonierten Kellergewölben verpufft sein mag, so machte Dan Smith auch an diesem Abend einen sympathischen Großteil der Listener-Show aus. Der beleibte Sprachschatz-Derwisch drosch seine zu Texten geformten Geschichten und Lebensweisheiten mit großen Emotionen ins Mikro, bis sich seine Stimme beinahe überschlug und in den ruhigen Passagen fast zu einem Zittern verkam. Natürlich durfte auch das besondere Gimmick der Band – Dan Smiths Trompete, die in einigen Songs zum Einsatz kam – nicht fehlen. Ebenso mit an Bord: die ein oder andere kurze Improvisation, die kurz sogar jazzlastige Züge annahm, und Smith spöttisch warnen ließ: „Always be prepared for jazz!“. Und doch macht Listener im Jahr 2013 vor allem jene Stärke zu einem kleinen Unikum, welche man bereits auf dem aktuellen Album finden kann: Die Band hat sich im Laufe der Jahre zu einem Monster aus eigentümlichen Talk Music-Vorträgen und energetisch aufgetürmten Post Rock-Soundwällen entwickelt, welches sich in seiner Nische beständig neu erfindet. Da steckt sehr viel Hardcore-, Punk-, HipHop- und Songwriter-Spirit im Hinterkopf, während die Band sich mit den Waffen des „Mach ich’s eben selbst!“ ihren Weg bahnt. Und mal ehrlich: Wer sonst schafft es, ein überschaubares Publikum mit Songs wie „Tornadoes“, „I Think It’s Called Survival“ oder „Everything Sleeps“ derart für sich einzunehmen? Eben. Kann man drüber schreiben, sollte sich aber jeder – bestenfalls – selbst ein Ohr und Bild von machen… Nach etwa 60 emotional pickepackevollen Minuten, in denen auch der tolle Albumvorgänger „Wooden Heart“ das reguläre Debüt „Return To Struggleville“ mit einem Song (dem feinen „Five Year Plan“) bedacht wurde, war – nach einem lautstarken Finale furioso – Schluss. Zugabe? Kann man machen. Doch Dan Smith zog sich in Seelenruhe und selig lächelnd Strümpfe und Schuhe an. Und verließ die kleine Bühne. Darauf ein Bier? In cervisia veritas.

 

Konzertimpressionen? Die gibt es hier:

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Wer mag, kann sich hier (oder auf der Bandcamp-Seite von Listener) das aktuelle Album „Time Is A Machine“ in voller Länge zu Gemüte führen…

 

…und dann eines der noch anstehenden Deutschland-Konzerte der „Tour Is Not A Machine“ besuchen:

27.08.2013 / FZW, Dortmund
28.08.2013 / Jugendhaus West, Stuttgart
29.08.2013 / Brotfabrik, Frankfurt
30.08.2013 / Privatclub Berlin, Berlin
31.08.2013 / Sound of Bronkow, Dresden
01.09.2013 / Kinos im Andreasstadel, Regensburg
03.09.2013 / Ex-Haus, Trier

 

Rock and Roll.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Album der Woche


Listener – Time Is A Machine (2013)

Time Is A Machine (Cover)-erschienen bei Tangles Talk Records/Alive-

Ich kann mir nicht helfen. Immer wieder muss ich bei dieser Band an den rasenden Roadrunner und den nimmermüden Kojoten denken…

Und irgendwie ergeben diese Assoziationen bei Listener auch durchaus einen Sinn: Auf der einen Seite der Band aus Fayetteville, Arkansas steht Dan Smith. Das Sprachrohr drischt ab und an in die Saiten seines Basses und spuckt seine im US-amerikanischen Underground HipHop geschulten, höchst ernsten Rhymes und Verse mit einer solchen Manie und Intensität ins Mikro, dass dem Zuhörer im kleinen Kellerclub schon mal Hören und Sehen vergehen kann. Auf der anderen Seite scheint Christin Nelson vergleichsweise in seinem tiefsten Inneren zu ruhen. Der optisch – mit fülliger Statur, langem Bart, nahender Haupthaarplatte und bohrendem Blick – an Produzenten-Legende Rick Rubin erinnernde Gitarrist steht seinem charismatischen Front-MC sprichwörtlich zur Seite und versorgt den Rest der ungewöhnlichen Soundkulisse mit allem, zu dem Smith im Eifer des Wortgefechts nicht mehr kommt.

Listener #3Dabei ging Dan Smith das Projekt namens „Listener“ 2002 ursprünglich auf Solopfaden an, ließ ein Jahr darauf mit „Whispermoon“ das erste albumgewordene Listener-Baby auf die Musikwelt los und begab sich auf die „Tour of Homes“ kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten und Europa, im Zuge derer er mal in Cafés, aber auch in Kunstgallerien, alten Fabrikhallen und WG-Wohnzimmern spielte – eben immer da, wo man Interesse, ein wenig Handgeld sowie Kost und Logie bot. Und: 2005 lernte Smith bei eben einer dieser Shows in Las Vegas, Nevada den Multiinstrumentalisten Christin Nelson kennen, den er zwei Jahre später dazu bewegen konnte, sich ihm anzuschließen. Noch im selben Jahr – also: 2007 – veröffentlichte das Duo das Album „Return To Struggleville„, welches bereits in großen Zügen andeutete, wozu Listener für die Zukunft fähig sein könnten: Knapp 40 Minuten verteilt auf elf Songs, die sich praktisch jeder Kategorisierung entzogen und ebenso den Geist den Punkrock atmen wie den den HipHop und den von Songwritertum und Lofi-Country. Scharf angeschnittene E-Gitarrenriffs, gepaart mit allerlei Soundsamples, pumpendem Schlagzeug und billigen Akustikgitarren? Alles dabei! Dazu drischt Dan Smith seine beständig zwischen Wut, Nachdenklichkeit, Melancholie, Sozialkritik und Kampfansage pendelnden Wortsalven mit einer solchen Intensität in die Ohrmuscheln, dass der überrumpelte Hörer einfach gar nicht anders kann, als zuzuhören. Immer wichtig, immer innovativ, immer wendig und besonders – und der großartige, 2010 erschienene Nachfolger „Wooden Heart“ setzte all das sogar auf einem noch höheren Level fort. Dem tourerprobten Duo gelangen es darauf, ihre Songs noch austarierter zu gestalten und so mit noch mehr gezielter Wucht und Emotionalität zu füllen. Wer genau hinhört, kann unter den elf Klangperlen kleine Herzenshits ausmachen, die sich unter anderem mit Bläsern (man lausche dem großen „Falling In Love With Glaciers“!) an den Bandsound von Modest Mouse ranschmeissen, dabei jedoch ihre Eigenständigkeit nie aus dem Fokus verlieren – und im Nachhinein auch einen Fingerzeig aufs neue und aktuelle Album „Time Is A Machine“ erkennen lassen. Denn zu den tausend Möglichkeiten, die sich Smith und Nelson bereits zu Zeiten von „Wooden Heart“ erarbeitet hatten, kam im vergangenen Jahr noch mindestens eine weitere dazu: Durch den Einstieg von Schlagzeuger Kris Rochelle haben die beiden nun Blick, Kopf und Hände frei für einen noch größeren Sound – was für Listener zwar keineswegs die Abkehr vom geliebten Direktkontakt mit dem gebannt an Smiths Lippen hängenden Publikum im Kellerclub bedeuten mag, jedoch eine Richtung, die sich – personalbedingt – bisher rar im bandinternen Klangspektrum machte: Post Rock. Gefahren? Bei einer Band wie Listener, die zur eigenen musikalischen Verortung – halb aus Spaß, halb im Ernst – erst selbst das Etikett „Talk Music“ erfinden musste, praktisch gleich Null…

Listener #1

Und dementsprechend groß hört sich „Time Is A Machine“, in der Bandhistorie mal als Album Nummer vier, mal bereits als Nummer sieben geführt, bereits zu Beginn an. „Eyes To The Ground For A Change“ prescht mit kraftstrotzend aufmuckenden Gitarren und polterndem Schlagzeug die staubige Landstraße gen Süden entlang, während Smith energisch klar stellt: „On a pack of oranges and the open road I keep my eyes to the ground for a change / We can all be free if that’s what we wanna be / But I will always be that way“. Im gleichen Tempo hechelt „Good News First“ längs der mexikanischen Grenze entlang, bevor der Hörer bei „Not Today“ eine trügerische Ruhe verspüren darf: „If the sun turns to a shooting star, and leaves us with nothing much to say / This is not a fear trap, you can’t pass a test you don’t take / If you go looking you’ll find it when it goes quiet behind your eyes – passend zur lyrischen Vorahnung der Apokalypse verwandeln sich die bedächtig hallenden Gitarrenakkorde alsbald in ein wahres postrock’sches Inferno aus GitarreSchlagzeugBass, welches nach viereinhalb Minuten – gefühlt – viel zu früh verglüht. Auch die folgenden Songs „Tornado“ und „I Think It’s Called Survival“ machen ihren Titeln alle Ehre und zeigen Listener als Band, die Hunger auf Punkrock-Fahrtwind hat, während sich die Stimme von Smith ein ums andere Mal überschlägt. In „Everything Sleeps“ ruft der scheinbar um mehrere Tage Schlaf gebrachte Frontmann wieder die Geister des Post Rock auf den Plan, greift in der Two Gallants-Galgenpartie „These Are Wrecking Balls Inside Us“ in einer seiner seltenen Atempausen zur Trompete  und ruft im abschliessenden „It Will All Happen The Way It Should“ noch einem wie kurz vorm Heraustreten aus der Studiotür „Just hold on / There’s a way out / It’s all happening the way it should“ zu – ein Schulterschluss mit dem Teufel Schicksal, bevor die Band die vorangegangenen 25 Minuten erst infernalisch vor den Baum fährt, nur um kurz vor dem Aufprall mit bedächtig ausfedernden Gitarrenakkorden sanft auszuklingen. Anders und unerwartet? Immer wieder…

Listener #2

Smith, Nelson und Rochelle fügen mit dem innerhalb einer (!) Woche gemeinsam mit Produzent Jon O’Brien (u.a. Young The Giant, Moosetache) im kalifornischen Tustin aufgenommenen „Time Is A Machine“ der Listener-Diskographie ein Album hinzu, dass viele Qualitäten in sich vereint: Euphorisch und euphorisierend, dramatisch und intensiv, mitreißend und melancholisch, voller Spaß und Ernsthaftigkeit. Dabei bauen Listener alte Stärken aus, fordern die Aufmerksamkeit des Hörers mit Haut und Haar und treiben im Kollektiv Rockmusik an ihre Grenzen. Das größte Ass im Ärmel der Band ist und bleibt jedoch immer noch Dan Smiths Art des manischen Sprechgesangs. Sobald dessen Stimme sich überschlägt, an- und abschwillt, an wilden Kapriolen bastelt und in voller Versfahrt potentielle Sätze und Punchlines fürs nächste Tattoo rausprügelt, dann weiß man: jetzt gerade liegen Listener richtig. Jetzt gerade sind Listener richtig gut. Dass „Time Is A Machine“ mit acht Songs in 30 Minuten (erneut) viel zu kurz ausfällt? Jammern auf hohem Niveau… Und: Hey, wenn man so will, dann haben Dan Smith und Co. mit „Time Is A Machine“ somit das wohl kürzeste und ungewöhnlichste Post Rock-Album des Jahres in die Regale gestellt! Im elften Jahr der Bandgeschichte üben sich Listener in der Manifestierung ihres Rufs als höchst eigenständige Band und der Erweiterung ihres musikalischen Horizonts, an dessen Ende es doch immer weitergeht. Auf das „Wie“ darf man gespannt sein… Nur eines steht fest: Auch in Zukunft wird selbst dem Roadrunner von Dan Smiths Wortsalven schwindelig werden – der Kojote hat die Jagd längst aufgegeben… Allein auf weiter Flur.

 

Hier kann man sich „Time Is A Machine“ in voller Länge anhören…

(Auf der Bandcamp-Seite der Band gibt’s übrigens die grandiosen Albumvorgänger ebenfalls im Stream…)

 

….und sich hier die Videos zu „Wooden Heart“ (verständlicherweise vom gleichnamigen Album)…

 

…und „Falling In Love With Glaciers“ ansehen:

 

Allen Freunden der intensiven Livemusik, der sich aufstellenden Nackenhaare und der ganz besonderen Momente inmitten einer schweißgebadeten Menge sei empfohlen, sich Listener an einem der in Kürze deutschlandweit stattfindenden Konzerttermine live, bunt und laut zu gönnen:

14.08.2013 / Hafenklang, Hamburg
24.08.2013 / Musikbunker, Aachen
27.08.2013 / FZW, Dortmund
28.08.2013 / Jugendhaus West, Stuttgart
29.08.2013 / Brotfabrik, Frankfurt
30.08.2013 / Privatclub Berlin, Berlin
31.08.2013 / Sound of Bronkow, Dresden
01.09.2013 / Kinos im Andreasstadel, Regensburg
03.09.2013 / Ex-Haus, Trier

(Wer mag, darf mich voraussichtlich im Aachener Musikbunker begrüßen… Nur mal so.)

 

Wer da noch überlegt, der kann anhand dieser Konzertimpressionen getrost alle Bedenken zu Grabe tragen:

 

Rock and Roll.

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