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Song des Tages: Moritz Krämer – „Um raus zu sein“


musik und frieden, foto- christiane falk

Foto: Facebook / Christiane Falk

Die Behauptung, Moritz Krämer habe sich mit dem Nachfolger zum 2011er Werk „Wir können nix dafür“ (welches seinerzeit den Silberplatz in der ANEWFRIEND’schen Jahresendabrechnung belegte) Zeit gelassen, stellt schon an sich eine feine Untertreibung dar – immerhin liegt dieses bereits stolze sieben Lenze zurück. Und obwohl der Berliner Indie-Liedermacher in der Zwischenzeit alles andere als faul war und neben zwei Alben und der ein oder anderen Tournee mit seiner Band Die Höchste Eisenbahn, zu der neben ihm Francesco Wilking, Felix Weigt und Max Schröder gehören, auch einen Low-Budget-Film („Bube Stur“) dirigiert hat, wird’s nun so langsam – uufjepasst, Wortspiel! – „höchste Eisenbahn“ für neue Songs (zumal die nächste Platte seiner Hauptband wohl scheinbar bereits in den Startlöchern steht)…

51rCmYx2p+L._SS500Umso schöner also, dass Moritz Krämer mit „Ich hab‘ einen Vertrag unterschrieben 1&2“ nun ein neues (Doppel-)Album angekündigt hat, welches am 1. Februar 2019 erscheinen wird. Besser sogar: Der erste, acht neue Stücke starke Teil wird (digital) bereits in wenigen Tagen, am 30. November, zu hören sein.

Worum geht’s? Nun, wie man anhand der leicht verqueren Vorlieben des stets umtriebigen Künstlers bereits vermuten konnte, wird das Ganze konzeptionell wieder einmal etwas aus dem Rahmen fallen:

„‚Ich hab einen Vertrag unterschrieben 1&2‘ ist der Monolog eines düpierten Erzählers. Er glaubt hinters Licht geführt worden zu sein und schreibt Briefe an seinen Vertragspartner. Er will seine Schulden begleichen, überlegt wie er sich aus der Verantwortung stehlen kann. Dabei sieht er nochmal zurück, zur Seite, nach vorn, verliert sich und vergisst, was er eigentlich wollte.“

 

Mit „Um raus zu sein“ lässt Moritz Krämer schon jetzt einen ersten Vorgeschmack bebildert tönen:

 

Auf Tour wird Krämer zudem auch gehen, und im kommenden Jahr hier spielen:
07.03.19 Hamburg – Knust
08.03.19 Hannover – Kulturzentrum Faust (Mephisto)
09.03.19 Essen – Zeche Carl
10.03.19 Wiesbaden – Schlachthof
11.03.19 München – Ampere
13.03.19 Schorndorf – Manufaktur
14.03.19 Nürnberg – Club Stereo
15.03.19 Leipzig – Die naTo
16.03.19 Berlin – Lido
17.03.19 Dresden – Beatpol
18.05.19 Köln – Cardinal Sessions Festival IX

 

Rock and Roll.

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Moritz Krämer und We Invented Paris live in der Scheune, Dresden, 14. Februar 2012 – oder: Wohlfühlvalentinstag


Es gibt durchaus einige gute Gründe, die eine gemeinsame Tour von Moritz Krämer und We Invented Paris (WIP) als logische Konsequenz erscheinen lassen: Beide haben im vergangenen Jahr ihre Debütalben veröffentlicht (Moritz Krämer sein „Wir können nix dafür“, zu welchem ihr hier mehr lesen könnt, und We Invented Paris ihren selbstbetitelten Erstling), die Musik ist in Aufbau, Wirkung und Herangehensweise gar nicht so unterschiedlich, beide wurden schon früh von „TV Noir“ entdeckt, empfohlen und unterstützt. Da wundert es kaum, dass der gemeinsame Konzertabend in der Dresdner Scheune unter eben jenem „TV Noir“-Banner stattfindet. Alles ist angerichtet für ein entspanntes Sitzplatzkonzert im gut geheizten und bis auf den letzten Platz gefüllten Saal und – Hallo, Gesamtkonzept! – in etwa so eingerichtet, wie man es von den Mitschnitten der regelmäßigen Konzertreihe aus dem Berliner Heimathafen kennt: eine Couch, eine Stehlampe, sogar ein in der Bühnenmitte hängendes Gemälde – nicht ohne Grund trägt die Sendung den Untertitel „Wohnzimmer der Songwriter“

Zur Wohnzimmer-Wohlfühlatmosphäre tragen auch alle Musiker während des gut zwei Stunden langen Konzertes bei. Es wird immer im Wechsel musiziert, manchmal – und vor allem gegen Ende – auch inmitten des Publikums und/oder gemeinsam. Der Wahlberliner Moritz Krämer macht mit „Hinterher“, einem Lied, welches mit ironischem Unterton Überlegungen über die eigene Beerdigung anstellt, den Anfang, das schweizerisch-deutsche Musikerkollektiv, welches an diesem Abend aus vier „Delegierten“ besteht, legt mit „Bubbletrees“ nach. Beinahe den kompletten Abend über werden die Stücke in akustischem Gewand dargeboten, was zur Wohlfühlatmosphäre beiträgt, aber nie langweilt, auch weil vor allem WIP-Frontmann Flavian Graber und der stets etwas positiv verpeilte Moritz Krämer bestens gelaunt und immer um Interaktion mit dem Publikum bemüht sind. Es wäre unnötig, hier alle gespielten Songs aufzuzählen, vielmehr bestätigten alle Musiker den positiven Eindruck, welchen sie bei ihren letzten Besuchen in Dresden (WIP bei ihrem Konzert im Ostpol im Oktober 2011, Moritz Krämer im Rahmen des Grand Fest Van Cleef im Dezember 2011) hinterlassen hatten. Sympathie-Punkte sammelt das Tour-Gespann außerdem für sein soziales Engagement: Bei jedem Konzert der Tour wird ein Zuschauer bzw. eine Zuschauerin (wie in Dresden der Fall) gebeten, während des Auftrittes ein Bild auf einer bereitstehenden Staffelei (samt Leinwand und Farben) zu malen, welches am Konzertende versteigert wird. Die Einnahmen sollen am Tourende einer Peruanischen Bauernfamilie in Form einer Kuh zukommen – eine „Kuh für Peru“, sozusagen (mehr Infos findet ihr hier)… Und vor allem WIP sind eine Band, welche – für mich – vor allem live und auf der Bühne funktioniert. Zwar kann man das Debütalbum als durchaus gelungen bezeichnen, doch gerade Songs wie „Iceberg“, „The Bunker“, „A View That Almost Kills“ oder das fantastische „Nothing To Say“ entwickeln auf auf der Bühne eine Strahlkraft und Dynamik, welche sich kaum in klinischer Studioatmosphäre reproduzieren lässt. Moritz Krämer hat es da als Solokünstler, der live wie auf Platte selten mehr braucht als eine Gitarre, um einiges einfacher…

Nach mehreren Zugaben – unter anderem einem von Graber solo dargebotenen A Cappella-Radiohead-Cover von „Idioteque“ und dem älteren Moritz Krämer-Stück „Gudann“, bei dem nach und nach alle Musiker die Bühne verließen – war der Wohlfühlvalentinestag mit den Gastgebern Moritz Krämer und We Invented Paris beendet. War schön, Jungs. Bald wieder? Gern!

Hier wieder ein paar optische Konzertimpressionen…

(alle Fotos: ANEWFRIEND)

 

…und bewegte Hörproben von Auftritten bei „TV Noir“:

 

 

 

Rock and Roll.

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Zu kurz gekommen… – Teil 4


Kettcar-Sänger und Grand Hotel Van Cleef-Co-Labelchef Marcus Wiebusch schrieb kürzlich (genauer: im aktuellen Rolling Stone) über nachfolgenden Künstler: „Ich hatte es nicht oft in den letzten Jahren, dass mich die Texte eines Künstlers von der ersten Sekunde an umhauen. Moritz Krämer bildet da die absolute Ausnahme“ und ist „leider noch hoffnungslos unterbewertet“. Treffender könnte ich es nicht formulieren, möchte jedoch gern noch selbst ein paar Worte über meine No. 2 des Jahres 2011 verlieren… 

Moritz Krämer – Wir können nix dafür (2011)

„Er wird dir Rom zeigen / Brauchst keine Filmsprüche mehr an den Badspiegel schreiben / Wollt dir nur sagen: deine Katze, die ist tot / wir haben elegant landen vom Balkon geprobt / Und wenn du ankommst, dann ruf‘ kurz an / Ich wollt‘ nur sagen, dass du mich kreuzweise kannst.“
Was sich liest wie die letzten Worte des gehörnten Ex-Freundes sind die ersten Zeilen aus „Nichts getan“ von Moritz Krämers (offiziellem) Debütalbum „Wir können nix dafür“, und steht sinnbildlich für die mal direkt-präzise, mal chiffrierende Art und den ironischen Wortwitz des 31-jährigen Musikers. Da wird der Ex-Freundin alles erdenklich Schlechte an den Hals gewünscht, oder, wie in „Hinterher“, über die eigene Beerdigung und die dazugehörigen Trauergäste nachgedacht. Es kommen deprimierte Spatzen vor („Der kleine Spatz“), die wissbegierige, kindlich-naive kleine Nichte („Wir können nix dafür“), die Mitbewohnerin eines Freundes („Mitbewohnerin“) oder das verliebte Pärchen vom Balkon gegenüber („Nachbarn“). Die 12 Songs sind, trotz ernster Themen wie dem Sinn des Lebens, Tod, Vaterschaft oder der großen Liebe, zu keinem Zeitpunkt verkopft oder in Richtung Trauerveranstaltung unterwegs. Krämer verpackt seine Texte, bei denen man nie so ganz weiß, ob er nun von sich erzählt oder nur die Zuschauerrolle inne hat, in feinsten Liedermacher-Indiepop mit eigener Note. Was die Songs so besonders macht, ist die Gabe des Wahl-Berliners, selbst gefühlte Nichtigkeiten, wie die tropfende Nase des vor sich hin plappernden kleinen Mädchens kurz vor dem Zu-Bett-gehen, mit Sätzen wie „Keiner soll dich nerven, damit wär‘ schon viel getan / Da ist Rotz in deiner Nase / Gelb, kindlich und warm“ zu bedenken und auch sonst dem Zuhörer anhand der kleinen Dinge die Welt ein Stück weit zu erklären. Wenn man dann noch weiß, dass Moritz Krämer neben der Musik auch fürs Theater (u.a. in Halle) arbeitet, wundert das kaum… Viele der Melodien bekommt man nach dem Hören tagelang nicht aus den Kopf, viele der während der gut 45 Minuten erzählten Geschichten gehen eben wegen ihrer gelungenen Mischung aus Leichtigkeit und tiefgründiger Bedeutung zu Herzen.

Sähe man in Gisbert zu Knyphausen (der übrigens durch seine Live-Coverversion von „Mitbewohnerin“ seinem Kumpel Moritz Krämer zu ein wenig mehr Bekanntheit verholfen hat) einen Freund mit ernstem Verständnis, breiter Schulter zum Anlehnen und lakonischer Schnauze, dann wäre Moritz Krämer derjenige, der einen selbst in trüben, miesen Tagen noch auf die kleinen, positiven Nebensächlichkeiten hinweist und so die Welt ein kleines bisschen besser macht. Und mal ganz ehrlich: wie viel mehr will man von Musik denn verlangen?

Wer mehr von Moritz Krämer hören möchte, der kann hier „Fallsucht“, Krämers inoffizielles Debüt aus dem Jahr 2008, welches einige Songs aus „Wir können nix dafür“ in alternativen Versionen enthält, in Gänze hören…
…sich das Video zu „Winkel“ anschauen…
…oder das Video zu „90 Minuten“:

Rock and Roll.
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