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Das Album der Woche


Caracara – New Preoccupations (2022)

-erschienen bei Memory Music-

Gegen Ende des Jahres 2019 befanden sich William „Will“ Lindsay und seine drei Bandkollegen von Caracara in den letzten Zügen einer Tournee, bei der sie vor einigen der größten Menschenmengen spielten, seit sie die aufstrebende Emo-Rockband aus Philadelphia 2016 gegründet hatten – im Grunde ein Traum, im Grunde das, auf was Lindsay seit seiner Zeit in Highschool-Punkbands hingearbeitet hatte. Dennoch fühlte es sich vor allem für ihn eher wie ein gelebter Albtraum an.

„Ich war mit meinen besten Freunden auf Tour, spielte Musik, die mir wirklich am Herzen liegt, vor dem größten Publikum, das wir je hatten, in Städten, von denen ich nie gedacht hätte, dass es für mich einen Grund geben würde, dorthin zu kommen“, meint Lindsay rückblickend. „Und ich war unglücklich. Ich dachte: ‚Ich hasse das. Ich will nicht hier sein. Die Musik ist mir egal. Ich fühle nichts.'“

Diese Gefühle ergaben für den Frontmann zunächst keinen Sinn. Sie stimmten nicht mit dem überein, was er über sich selbst wusste und was er in seinem Leben wollte. Und doch waren die Gefühle echt, und sie dienten als Weckruf: Will Lindsay musste mit dem Trinken aufhören.

„Ich hatte eine Zeit lang viel über mein Trinkverhalten nachgedacht. Ich habe mir dieselben Ausreden zurechtgelegt wie viele Menschen, die sich in der Endphase einer Beziehung zu einer Substanz befinden“, so Lindsay, dem Ende 2019 schließlich die Ausreden ausgingen und der sich eingestand: „Wenn ich das nicht in den Griff bekomme, verliere ich das Reisen. Ich werde nicht mehr in einer Band mit meinen besten Freunden spielen können. Und das war für mich einfach unverzeihlich.“

Dennoch entschied sich der Sänger und Gitarrist nicht sofort für den kalten Schritt in die Nüchternheit, schließlich hätte die Abkehr vom Alkohol Auswirkungen auf ziemlich alle Bereiche seines Lebens gehabt. Mit einer Band auf Tournee zu gehen, verleitet zum Trinken, gleiches gilt auch für Lindsays verschiedene Broterwerbsjobs in der Dienstleistungsbranche.

„Die meisten Menschen scheinen eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort zu haben, an denen sie trinken, aber bei mir hatte sich der Alkohol in jeden Aspekt meines Lebens eingeschlichen. Alles, was ich tat, beinhaltete das Trinken als parallele Aktivität“, gibt er zu. „Alkohol ist ein fester Bestandteil der Kultur, ist so tief in unser Leben eingebettet. Wenn man die Beförderung nicht bekommt, trinkt man etwas, um sich besser zu fühlen. Und wenn man dann befördert wird, trinkt man, um zu feiern. Ich bin Teil einer Generation, in der die Fähigkeit, ausgiebig zu feiern, fast wie ein Statusmerkmal darstellt. Wer am Ende der Nacht das meiste Gift zu sich nehmen konnte, gilt als Held, und obwohl man intellektuell in der Lage sein mag zu begreifen, wie falsch diese Denkweise sein mag, ist es immer noch so einfach, emotional darin verwickelt zu sein.“

Aber Lindsays Identitätskrise, die durch die Tour ausgelöst wurde, erwies sich für ihn als so etwas wie der letzte Strohhalm. Am 5. Januar 2020 hörte er schließlich komplett mit dem Trinken auf. Die Entscheidung kam zu einem Zeitpunkt, als Caracara (welche ANEWFRIEND bereits 2019 „auf dem Radar“ hatte) gerade in Begriff waren, den Nachfolger des 2017er Debütalbums „Summer Megalith“ und der 2019 veröffentlichten EP „Better“ in Angriff zu nehmen. Lindsay und seine Bandkollegen – Carlos Pacheco-Perez (Keyboards), George Legatos (Bass) und Sean Gill (Schlagzeug) – planten, das neue Album aufzunehmen und dann den größten Teil des Jahres 2020 wieder auf Tour zu gehen. Doch wie so ziemliche alle ihrer Kolleg*innen zwang die Pandemie auch Caracara zu einer ebenso unerwarteten wie langen Pause – was wiederum die Richtung des hervorragenden neuen Albums „New Preoccupations“ änderte.

Während eine Handvoll Songs auf „New Preoccupations“ bereits vor Lindsays Schritt zur Nüchternheit existierten, begann er einige von ihnen, wie etwa „Strange Interactions In The Night“, plötzlich mit anderen Augen zu sehen. In dem hymnischen Stück beschreibt Lindsay, wie er „auf dem Rücken des Teufels wandelt… zwischen dem Runterkommen und dem Rausch“, singt davon, dass er versucht, „das Feuer herunter zu trinken“ und „das Chaos zu betäuben“. Und in der vielleicht aufschlussreichsten Zeile gibt Lindsay offen zu, dass „es eine Version von mir gibt, die ich nicht wiedererkenne“.

„Wenn ich auf den Song zurückblicke, denke ich: ‚Wow, das ist alles hier!‘ Ich habe versucht, mir begreiflich zu machen, dass ich aufhören sollte, lange bevor ich aufgehört habe“, so Lindsay. „Ich bin die letzte Handvoll Songs aus dieser Perspektive und mit dieser Geschichte im Kopf angegangen: Das ist die Geschichte, die ich unbewusst erzählt habe. Wie kann ich das alles zusammenbringen? Was sind die Zutaten, die wir noch brauchen, um eine zusammenhängende Erzählung zu schaffen?“

Obwohl einige der Texte auf „New Preoccupations“ zu den dunkelsten und persönlichsten gehören, die Lindsay bisher geschrieben hat, ist das Album an sich weder als reines Konzeotwerk zu verstehen noch alles andere als grunddüster. Zum einen bleiben Caracara auch auf ihrem zweiten Langspieler jene Art von Band, die in ihren Refrains zum Mitsingen animiert, auch wenn sich ihre Schulterschluss-Zeilen auf dem Papier eher wie bittere Halbdunkelbeichten lesen. Zum anderen wollte Lindsay auf der Platte Klischees von allzu typischen Genesungsgeschichten vermeiden. Sicher, der Alkohol hat ihn in einige dunkle Täler geführt, aber es gab auch genug gute Zeiten, und diese nuancierte Dualität zu umarmen war für ihn der Schlüssel zu einem emotional ehrlichen Kunstwerk.

„Ich liebe Alkohol. Ich liebe das Trinken. Und ich bin dem Alkohol so dankbar dafür, dass er für mich in vielen Situationen eine soziale Stütze war, die es mir ermöglichte, Erfahrungen zu machen, wie zum Beispiel eine wilde Nacht an einem weit entfernten Ort. Ich konnte ein aufregenderer, abenteuerlustigerer Mensch sein. Einige dieser Erfahrungen waren die schönsten Erlebnisse meines Lebens, an die ich immer wieder zurückdenke. Auch wenn es an einem dunklen Ort endete und ich aufhören musste, gibt es immer noch diese schönen, vorbildlichen Momente“, so Lindsay im Rückblick über die ambivalente Wirkung von Alkohol. „Ich möchte auch die wohlverdiente Liebe der Menschen zum Alkohol anerkennen. Ich möchte sagen: ‚Ja, er ist fantastisch.‘ Ich erinnere mich daran, wie toll es ist, und wir dürfen diese Momente durchaus wertschätzen. Sie sind nicht weniger wertvoll, nur weil über ihnen ein trunkener Schleier liegt. All das kann wahr sein – aber man sollte auch aufhören können.“

Lindsay räumt zudem einige Glücksfälle in all dem ein, denn sein persönlicher Tiefpunkt hätte ebensogut auch viel schlimmer ausfallen können. „Wäre das Ende meiner Beziehung zum Alkohol auf eine andere Art und Weise eingetreten, etwa durch einen Krankenhausaufenthalt oder eine Verhaftung, hätte ich vielleicht eine ganz andere Perspektive darauf“, sagt er und fügte hinzu, dass der Zeitpunkt seiner Nüchternheit ihn unbewusst darauf vorbereitet hat, die COVID-Ära zu überstehen. „Als die Pandemie ausbrach, befand ich mich in der Flitterwochenphase. Ich spürte die massive Rückkehr von Dopamin in meinen Körper. Ich hatte die ganze Last der depressiven Seite der Gleichung abgenommen, und ich erlebte die körperlichen Vorteile, wenn man aus der Entzugsphase herauskommt und sich die Chemie wieder einstellt. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es gewesen wäre, wenn ich meinen Alkoholkonsum nicht in den Griff bekommen hätte und die Welt dann stehen geblieben wäre. Ich bin mir sicher, dass ich noch tiefer in den Narzissmus und den Selbsthass hineingerutscht wäre. Es wäre wohlmöglich ein sehr schneller Abstieg gewesen…“

Das „Timing“ der Pandemie ermöglichte es Caracara zudem, langsamer und gezielter an neuen Songs zu schreiben, bevor sie im Mai 2020 gemeinsam mit Produzent Will Yip, der 2019 bereits das Debüt einem Remaster unterzogen hatte, in Philadelphia für etwa einen Monat ins Studio gingen – vorbildlicherweise erst, nachdem man sich vor den Aufnahmen zwei Wochen lang in Quarantäne begeben hatte. Dennoch ist „New Preoccupations“ kein einsiedlerisches Werk geworden – ganz im Gegenteil: Das Album ist voller spezifischer Referenzen, die den Songs ein Gefühl für den jeweiligen Ort geben, von Charleston, South Carolina, bis Belfast in Nordirland. In „Colorglut“ etwa hört Lindsay Songs der Dirty Projectors in einem Volvo auf einem Freeway irgendwo im nirgendwo in Maryland, in „Ohio“ beschreibt er jemanden, der den Kopf aus einem Autofenster im Lincoln Tunnel steckt.

Die Anspielung auf „Ohio“ bezieht sich allerdings eher auf die Stimmung des Songs als auf den Text. Der fast sechsminütige Song war zunächst ein reines Instrumentalstück, bei welchem die Band eine reichhaltige, dynamische Klangpalette für Lindsays zukünftige Texte schuf. „Ich wollte, dass der Song an einem kalten, blauen, aber auch hellen Ort beginnt und dann in eine wärmere, rosafarbene, vielleicht allzu nostalgische Version der Vergangenheit übergeht. Und wenn ich nostalgisch werden will, ist der erste Ort, an den ich mich begebe, der Vordersitz meines Honda CRV, wenn ich in den Hocking Hills herumfahre“, erzählt Lindsay, der davon singt, „auf kaputten Straßen zu fahren und die Haut abzustreifen“. „Es ist ein Song über die Komplexität des Wegziehens von dem Ort, an dem man aufgewachsen ist – und über die gemischten Gefühle darüber, wo man gelandet ist, wo man herkommt und wie es sich im Laufe der Zeit verändert hat. Ich meine, ‚Ohio‘ ist in vielerlei Hinsicht gewachsen, hat sich in anderer Hinsicht jedoch auch zurückgezogen.“

Vor allem im Vergleich mit dem nunmehr fünf Jahre zurückliegenden Debütwerk schaffen es Caracara auf „New Preoccupations“, ihren ohnehin bereits einnehmenden, beständig zwischen Indie Rock, Post Rock und Post Hardcore pendelnden Bandsound noch weiter zu verfeinern – ein Kraftakt, an dem wohlmöglich auch Will Yip einen entsprechenden Anteil haben dürfte, der in Szene-Kreisen schon länger als „Rick Rubin des Post Hardcore“ gilt und sich in der Vergangenheit fürs Klangliche nicht weniger großartiger Platten von Bands von La Dispute über Title Fight bis hin zu Pianos Become The Teeth verantwortlich zeichnete. Unter seinen Fittichen gelingt Caracara eine in jedem Moment besonders tönende Melange aus den seligen Tagen des Neunziger-Emo-Rocks, Post-Grunge-Versatzstücken und weihevollem Heartland Rock, die andererseits jedoch kaum tiefer im Hier und Jetzt verwurzelt sein könnte. Aus Indie Rock, der derb zupacken kann und den Hörer mitten hinein zieht, sich aber auch Ruhepause gönnt und immer wieder mächtig Bock auf Neues beweist.

„New Preoccupations“ endet schließlich mit „Monoculture“, einem Stück mit gewaltigen Gitarren, stampfenden Drums, einen großartig crescendierenden Streichersatz und einem kathartischen Schrei. „I’m finally free to let go“, singt Lindsay und wiederholt die Zeile, bis seine Stimme vor lauter Trauer über das Verlorene, vor Dankbarkeit über das Gewonnene und vor Freude über das Kommende beinahe zu zerbrechen droht. Eine Offenbarung, ein Klagelied – und der Abschluss von einem der wohlmöglich besten Werke des Musikjahres. Eines, das sich in Einzelstücken in keine trendige Spofity-Playlist zwängen lassen mag, sondern deine Aufmerksamkeit einfordert, um sich zu entfalten.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Dreamtigers


Was Musik und Wein gemeinsam haben? Nun, sieht man von den üblichen, stets lediglich auf irgendwelche gottverdammten Trendzüge aufspringenden Eintagsfliegen im Musikbusiness und der leidigen Gut-und-günstig-Tetrapack-Plörre aus dem Ums-Eck-Discounter des Vertrauens einmal ab und beschäftigt sich wirklich intensiv damit, kommt man wohl unweigerlich zu dem Ergebnis: recht viel. Denn mancher Wein entfaltet erst nach langer Lagerung im edlen Barrique-Fass seinen einzigartigen Geschmack. Gutes Zeug will Weile haben. Und gemäß dieser Losung verhält es sich eben auch mit so manchem Langspieler…

Recht formidable Beispiele hierfür dürften die beiden Platten von Dreamtigers sein. Dream…who? Eben. Denn obwohl es der US-Indie-Rock-Band weder an Vitamin B noch an Szene-Kredibilität zu mangeln scheint, ist die Kombo, welche sich nach einem Buch des argentinischen Autoren Jorge Luis Borges benannt hat, hierzulande noch immer sträflichst unbekannt. Mag’s daran liegen, dass Dreamtigers bislang den großen Medienrummel gescheut haben wie der Teufel das Weihwasser? Dass sie selbst um ihre Alben keinerlei vernehmbares Getöse gemacht haben, dass nicht einmal zum bloßen Marketing aufgeblähtes Namedropping betrieben wurde? In jedem Fall: sympathisch, dass die Band aus Massachusetts vielmehr ihre Musik für sich sprechen lässt. Und umso überraschender, denn den Kern der Truppe dürfte manch eine(r) durchaus kennen, schließlich treten Jake Woodruff und Joe Longobardi sonst bei den US-Melodic-Hardcore-Krawallmachern von Defeater an Gitarre und Schlagzeug in Erscheinung. Dazu gesellen sich neben Andrew Gary, der dritten festen Konstante, noch Mitglieder von – zumindest für Szene-Kundige – kaum weniger bekannten Bands wie Caspian, Polar Bear Club oder Balmorhea. Und nun mal Mic Drop beim Namedropping.

Wer jedoch erwartet, dass sich Woodruff, Longobardi und Co. auch bei Dreamtigers in eine ähnlich krawallige Richtung wie bei den jeweiligen Hauptbands bewegen, der irrt. Denn das, was bei der Band – nach einigen EPs und Split-Singles seit 2009 – schließlich in den beiden Langspielern „Wishing Well“ (2014) und „Ellapsis“ (unlängst im Februar 2022 erschienen) kumulierte, tönt ebenso vielfältig wie einnehmend, manchmal auch leise und bedacht. Das Dreamtigers’sche Klangkonstrukt mag es eher nachdenklich als wütend, hinterfragt zaghaft und zweifelnd, untermalt tendenziell eher mit zarterer Instrumentierung denn mit Pauken und Trompeten zum Barrikadensturm anzusetzen oder die Tür durch die Mauer hindurch einzutreten. Protest – so man dies hier als einen solchen bezeichnen mag – muss eben nicht immer laut und ausufernd sein, er muss sich noch nicht einmal neu erfinden, denn genau genommen ist dieses „Singer/Songwriter-Ding“, ebenso wie die bestens bekannte „Indie-Rock-Schiene“, halt auch schon ein paar Tage alt. Doch keine Angst, muffig abgehangen und altbacken klingt hier mal eben gar nichts. Vielmehr bietet die Band vor allem auf „Wishing Well“ eine feine Melange aus bodenständigem Indie Rock, von fern winkender Americana und melancholischem Folk, welche obendrein mit Versätzen aus Post Rock und dem guten alten Neunzigerjahre-Emo-Rock, mit sakraler Orgel und schwelgerischen Streichern garniert wird – und als buntes Potpourri aus Atmosphäre, Emotionen und großer Kunst so wohlbekömmlich gerät, dass man nur allzu gern einen Nachschlag nimmt.

Dennoch werden die Alben, bei denen sich das von Will Yip (La Dispute, Pianos Become The Teeth, Title Fight) produzierte „Ellapsis“ noch etwas mehr in Richtung Full Band beziehungsweise Post Rock entwickelt, vor allem all jenen mehr Appetit machen, die sie nicht nur mal eben so nebenbei hören oder verzweifelt auf der Suche nach unmittelbar erkennbaren Instant-Hits sind, denn sie möchten mehrmals genossen werden, wollen mit all ihren großen kleinen Songs die Chance bekommen, sich in Ruhe in den Gehörgängen und Hörerherzen einzunisten. Wer nur besoffen werden mag, darf weiter zum Fünf-Liter-Tetrapack aus dem Discounter greifen, möge aber bitte auch die Finger von diesen Perlen lassen. Und während die Kunstbanausen am Folgetag wohlmöglich über übles Kopfweh klagen werden, summen Connaisseure hier leise mit, während sie sich in so großartige Songs wie „Empty Roads, Pt. 2“ oder „I See The Future“ immer tiefer, jedes Mal aufs Neue verlieben. Sie werden genießen, schweigen und all den Kretins ums Verrecken nicht verraten, was Balsam für ihre armen Seelen sein könnte…

Hier findet man „Wishing Well„…

…und „Ellapsis“ im Stream:

Rock and Roll.

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Sunday Listen: Pærish – „Fixed It All“


Foto: Promo / Nabila Mahdjoubi

Post-Hardcore-Experte Will Yip hat’s produziert, SideOneDummy Records hat’s veröffentlicht. So schlecht kann das, was Pærish hier an den Start gebracht haben, also kaum sein. Dass es aber an mancher Stelle dermaßen großartig tönt, überrascht dann aber doch. „Fixed It All“ – ab sofort ein neuer Lieblingsalbum-Kandidat für die Generation Post-Emo. Oder so ähnlich. 

Die 2010 von drei Filmstudenten gegründete Band kommt – ohlala! – aus Paris, klingt jedoch keineswegs nach Audrey Tautou, Café au Lait und dem Eiffelturm, sondern vielmehr nach der ganzen Alternative-Rock-Welt. Nach anno dazumal (meint: den frühen 2000ern) und heute. Man darf mit Fug und Recht vermuten, dass der Vierer von Bands wie Sparta oder Glassjaw und ganz sicher von Rival Schools bereits gehört hat (und das ein oder andere Werk ebenjener Kombos in der heimischen Plattensammlung hat). An mancher Stelle tönt gar der poppige Ohrwurm-Faktor von Weezer oder Jimmy Eat World durch, eingeweihte Szene-Füchse mögen zudem Vergleiche zu Bands wie Basement, Superheaven oder Narrow Head ziehen. Alternative Rock ist das, manchmal mit ein paar gut gemeinten Prisen Post Hardcore, mal eben auch das, was gemeinhin als Emo Punk durchs Rund rockt. Einfach eine unglaublich gute Mischung mit unglaublich guten Songs.

Da das Quartett vor allem in den vergangenen Jahren vornehmlich in Ton- statt in Filmstudios unterwegs war, lassen sich Pærish beim Schreiben ihrer Songs nun – mal mehr, mal weniger direkt – vom Kopfkino-Flimmern der weiten Filmwelt inspirieren (so etwa auch beim Bandnamen, zu welchem sich Pærish durch den von Robin Williams in „Jumanji“ verkörperten Charakter Alan Parrish inspirieren ließen). Newcomer sind die Franzosen aber keineswegs – bereits mit ihrem 2016 erschienenen Debüt „Semi Finalists“ schaffen sie es ins Vorprogramm von Bands wie Sum 41 oder den Silversun Pickups. Mit „Fixed It All“ dürfte es hoffentlich sogar noch höher hinausgehen, denn Will Yip (La Dispute, Pianos Become The Teeth, Tigers Jaw), der beim Erstling bereits fürs Mastern verantwortlich war, ist genau der Richtige, um ihre Songs mit seinem Trademark-Sound auf ein neues Level zu bringen. Gitarren und Bass klingen vor allem in den tiefen Tönen satt und wuchtig mit zeitlosem Grunge-Fuzz oder, wenn sie clean bleiben, mit leicht shoegazigem Hall wie bei den späteren Title Fight. Auch das Schlagzeug tönt groß und raumfüllend, wie im Intro von „Violet“, wo es allein für sich steht. Pærish scheuen keine dissonanten Akkordfolgen, die so aufgekratzt sind, wie es vor allem im Neunziger-Alternative-Rock üblich war. Diese Spannung geht fast immer in Refrains auf, in denen Sänger Mathias Court nicht nur ähnlich klingt wie Jim Adkins, sondern auch ein vergleichbares Talent für Melodien unter Beweis stellt wie der Jimmy Eat World-Frontmann. Klares Ding: Mit denen gehören Pærish als nächstes auf die Bühne. Ein Song wie „Archives“ wäre in einer besseren Musikwelt ein verdammter H.I.T., die „Journey Of The Prairie King“ dürfte gern niemals enden, „You & I“ punktet mit Patrick Miranda von Movements als Gast.

Unterm Strich steht ein Zweitwerk mit zehn eindringlichen, intensiven Stücken einer am internationalen Punkrock-Niveau schnuppernden Band, die weder die harten Gitarren noch das nötige Quäntchen Kitsch scheut. Je pense que ça me plaît.

Rock and Roll.

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Auf dem Radar: Caracara


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Es gibt sie glücklicherweise auch bei mir noch, diese Momente, in denen man in die Songs einer neuen, bislang gänzlich unbekannten Band hinein hört und sich Hals über Ohr über Kopf schockverliebt. Spontan würde ich meinen, dass mir dies zuletzt vor einigen Jahren mit Foxing so ging. Oder mit Summering (das dazugehörige Debütwerk landete schließlich auch in meinen Top 5 des Jahres 2016, fand aber bis heute leider keinen Nachfolger).

Und nun wieder mit Caracara. Die wohlmöglich und offensichtlich nach einer Falkengattung benannte vierköpfige Band aus dem US-amerikanischen Philadelphia, Pennsylvania macht es einem mit ihrer von Sekunde eins an mitreißenden Mixtur aus Indierock, Post-Hardcore, Post-Rock, Slowcore, gar Gothic-Folk oder Jazz aber auch allzu leicht, sich bedingungslos in jede Note, jeden rhythmischen Frickel, jeden Akkord fallen zu lassen.

Summer Megalith_Caracar.jpgMan nehme nur „Evil“, seines Zeichens die Eröffnungsnummer des 2017 erschienenen Debütalbums „Summer Megalith„: Zuerst wiegen sanfte Gitarrennoten den Hörer in trügerischer Sicherheit, während Sänger William Lindsay emo’esk seine Pein offenbart: „I watched you fall apart / What can I say? / I said nothing / And where is your heart / Could you at least build a fake one?“. Im weiteren Verlauf jedoch steigert sich der Song, zudem sich alsbald ein Cello und rhythmische Schlagzeugsynkopen gesellen, in einen wahren Infernal aus GitarreSchlagzeugBass – gar Bläsern! – postrock’scher Güteklasse. Wie ich bereits schrieb: schockverliebt ab Sekunde eins. Und auch die restlichen elf Stücke des seinerzeit nicht von Ungefähr von Modern Baseball-Frontman Jacob Ewald produzierten Debüts kann mit ganz ähnlichen Zutaten knapp eine Dreiviertelstunde lang überzeugen. Großer Einstieg.

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Kaum verwunderlich also, dass schnell weitere Bewunderer auf Caracara aufmerksam wurden. Einer war ausgerechnet – und passenderweise – der ebenfalls aus Philadelphia stammende Produzent Will Yip, welcher in den letzten Jahren unter anderem das Who-is-Who der „The Wave“- und Post-Hardcore-Szene von La Dispute über Touché Amoré, Defeater, Pianos Become The Teeth, Circa Survive, Title Fight, Balance and Composure oder mewithoutYou bei sich im Studio begrüßen durfte (und somit gut und gern als „der Rick Rubin der jungen, lauten Musik“ gelten dürfte). Dieser Will Yip also schnappte sich Caracara und brachte Carlos Pacheco Perez, Sean Gill, William Lindsay und George Legatos bei seinem eigenen Label Memory Music unter – natürlich vor allem, um bei den vielseitigen Indierock-Newcomern in Zukunft selbst hinter den Studio-Reglern zu sitzen…

unnamed-2019-03-08T110552.570-1552061165-640x640Erstes Ergebnis der spannenden Paarung aus Caracara und Will Yip ist die im März erschienene Drei-Song-EP „Better„, bei der bereits der epische, fast sechsminütige titelgebende Einstiegssong (bei dem übrigens Mannequin Pussys Marisa Dabice im Hintergrund zu hören ist) mit seiner gleichsam dynamischen wie dramatischen (“I thought you knew me better”) Steigerung ein dickes Ausrufezeichen setzt, welches das ruhigere „Hades“ (das stilistisch in direkter Verwandtschaft zu früheren Singles wie “Glacier” oder “Revelatory” steht) sowie das lautstark tönende „Learn Your Love“ beschließen. Drei Songs und 13 Minuten leider nur, man hätte gern viel mehr…

Caracara. Eine tolle Band, die man auf dem Radar behalten, der man sein Ohr leihen sollte. Ich bin und verbleibe: schockverliebt. ♥

 

 

Hier kann man sich die Musikvideos zur das Debütalbum eröffnenden Nummer „Evil“ (welche hier von Will Yip ein dezentes Remaster erhalten hat)…

 

…sowie zum Song „New Chemical Hades“ (von der „Better EP“) anschauen:

 

Auf Bandcamp kann man sich sowohl das Debütalbum „Summer Megalith„…

 

…als auch die „Better EP“ in Gänze anhören:

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


Pianos Become The Teeth – Keep You (2014)

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Wenn eine Band drei Alben innerhalb kürzerer Zeit veröffentlicht, dann sind thematische Gemeinsamkeit (slash persönliche Überschneidungen) nur allzu gut möglich. So auch im Hause Pianos Become The Teeth. Drehten sich die Vorgänger zum aktuellen Album „Keep You“ – „Old Pride“ von 2009 und „The Lack Long After“ von 2011 – noch um das Zurechtkommen mit der Nachricht der Multiple-Sklerose-Erkrankung des Vaters von Sänger Kyle Durfey (auf „Old Pride“) beziehungsweise die unmittelbare Verarbeitung des Todes des Familienoberhauptes (auf „The Lack Long After“), wird „Keep You“ zum fragmentarischen Tagebuch der Schritte Durfeys zurück ins Leben. Und doch könnte man meinen, dass hier eine komplett andere Band in die Saiten und Felle haut…

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Noch vor kurzer Zeit zählten Pianos Become The Teeth zu eben jenen Bands, die, von Fans wie Musikpresse simplifiziert unter dem „The Wave“-Banner zusammenfasst, unter welches auch die befreundeten La Dispute, Touché Amoré, Defeater oder Make Do And Mend zählten, es, ihrem jugendlichen Alter zum Trotz (oder genau deshalb), vortrefflich verstanden, persönliche wie gesellschaftliche Schieflagen in lauthals heraus geschrieene Lyrik, begleitet von nicht weniger brachialer Musik, umzumünzen. Die einen steckten all das in die „Screamo“-Schublade, die anderen kritzelten verschmitzt lächelnd „Post Hardcore“ übers Plattencover. Nun jedoch macht die Band aus dem US-amerikanischen Nordosten (Baltimore, Maryland) allen Sortierwütigen einen Strich durch die Rechnung. Derb geschredderte Akkorde? Gibt’s von Pianos Become The Teeth im Jahr 2014 höchstens noch auf Konzerten zu hören, wenn das ein oder andere „ältere“ Stück gespielt wird. Aggressiv ins Mikro geschrieene Lyrik aus Durfeys Kehle? Auch die – und das dürfte wohl für Kenner der Band die größte Überraschung darstellen – gehört auf „Keep You“ wohl endgültig (definitiv jedoch vorerst) der Vergangenheit an. Denn anstatt weiterhin seine Stimmbänder zu malträtieren, singt der Frontmann nun. Und der Hörer fragt sich, wieso zur Hölle er damit nicht schon früher begonnen hat.

Nun hat ein derart umfangreich vollzogener Richtungswechsel durchaus auch seine Tücken, denn das Ganze könnte durch den Abzug der Härte auch gut und gern zum lahmarschigen Trauerkloszug mutieren. Das Gute: das tut es zu keiner der knapp 44 Albumminuten. Stattdessen baut die fünfköpfige Band gemeinsam mit dem zur Zeit für Kapellen dieser Art scheinbar unverzichtbaren Produzenten Will Yip (u.a. auch La Dispute, Title Fight) zehn sorgsam arrangierte Songs auf, deren Schönheit sich zwar nicht immer sofort mit dem ersten Hördurchgang erschließt, dafür jedoch mit jedem weiteren tiefer und tiefer ins Hörerherz gräbt. Klar gibt es auch auf „Keep You“ noch allerhand Dynamik (etwa bei „Lesions“), doch die Band lässt ihren Stücken nun die Zeit und Ruhe, um sich zu entfalten, schichtet Gitarrenspur nicht mehr über- sondern nebeneinander, während das rhythmisch versiert aufspielende Schlagzeug von David Haik die Songs voran trägt und etwas übergelegter Hall sein Quäntchen zur Gesamtatmosphäre beiträgt. Und auch wenn dem Hörer bei all den Zeilen aus der Feder von Kyle Durfey, wie „I’m still always slowly waiting for what follows / For what I’ve learned about being so defined by someone dying“ (aus dem Albumopener „Ripple Water Shine“) das eigene Herz so schwer zu werden droht, wie anno dazumal zu Hochzeiten von Emocore-Bands wie Thursday, so merkt man doch, dass der Sänger ehrlich bemüht ist, die Trauer abzuschütteln: „I’m tied by the way of church keys, missed weddings /I’m tied by the way everyone talks about everything / I’m breathing easy / I’m breathing sharp / I’m all sand and heat / I’m keeping you / I leave nothing behind but traces for myself to find“ (aus „Traces“). Alles auf „Keep You“ ist vergänglich, ist längst vergangen, lange bevor die Strahlen der Nachmittagssonne sich wie zarte Hoffnungsschimmer aufs heimische Fensterbrett gelegt haben. Alles auf „Keep You“ ist Trauer aus den Büchern – und die Gewissheit, nicht allein damit zu sein. Jede Note erzählt vom Gefühl, geliebt zu werden oder geliebt worden zu sein. Und am Ende aller zehn Episoden steht auf „Keep You“ mit „Say Nothing“ noch einmal ein Monolith von Song, bei dessen Zeilen sich Durfeys Stimme noch ein letztes Mal fast überschlägt, bevor das Stück Saiten- für Saitenschwung zur Ruhe kommt: „A lack of noise isn’t a lack of life / And that’s the way I think it’s always been / Because, ‚I say it all, when I say nothing at all,‘ / So let’s say nothing some more / And let the words burn their way across the floor / Because if these walls could talk / I still couldn’t get over a God damned soul / And I can’t hold smoke / So let’s say nothing some more / Because the sand stays with me / Because the sand keeps you“. Der Sand, der zurückbleibt, den raubt uns die Zeit. „Keep You“ erzählt mit Herz und Seele davon, was von einem Leben bleibt…

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Enttäuscht von „Keep You“ dürften wohl nur diejenigen sein, die von Album Nummer drei ein nahtloses Anknüpfen an dessen Vorgänger erwartet haben – also einen weiteren Rundumschlag aus Schnelligkeit, Lautstärke und (emotionaler) Härte. Allen anderen bieten Pianos Become The Teeth mit ihrem neusten Werk eine derart schöne Ansammlung von Trauerweidenstücken, dass man beinahe geneigt ist, „Keep You“ auf eine Ebene mit Meisterwerken wie The Cures 25 Jahre jungen Geniestreich „Disintegration“ zu stellen, während Pianos Become The Teeth im Jahr 2014 rein musikalisch Atmosphärekönige wie die instrumental knietief im Postrock musizierenden Texanern von Explosions In the Sky wahnsinnig nahe zu stehen scheinen. Dass das Abziehen brachial harter Strukturen nicht automatisch zu Lasten der Dringlichkeit und überzeugend-einnehmenden Atmosphäre gehen muss, haben ja unlängst schon die „The Wave“-Kollegen von La Dispute eindrucksvoll bewiesen, als sie mit „Rooms Of The House“ mehrfach einen Gang zurück stellten. Ganz klar: Für die, die dem neusten Album der Band um Frontmann Kyle Durfey eine ehrliche Chance geben, wird es in diesen kalt-grauen keine schönere Decke geben, unter der man all seine Herbstgefühle warm schlummern lassen kann. VISIONS-Redakteur Matthias Möde schrieb über in seiner Review über „Keep You“: „Die besten Platten sind zwar nicht die, die wirklich traurig machen, aber die, die unter die Haut gehen, deren Essenz man sich aber nicht mit wenigen Wörtern tätowieren lassen kann.“ Das darf man getrost so stehen lassen. Und den Rest ganz dem Herzen überlassen…

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Wie auch die Vorgänger kann man sich „Keep You“ in Gänze auf der Bandcamp-Seite von Pianos Become The Teeth anhören…

 

…sich zum Song „Repine“ gleich zwei Musikvideos zu Gemüte führen…

 

…sowie hier der Making Of-Kurzfilme zum Album anschauen:

 

Rock and Roll.

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Das Album der Woche


La Dispute – Rooms Of The House (2014)

la-dispute-rooms-of-the-house-erscheint bei Better Living/Big Scary Monsters/Alive-

Kinders, was war das für ein Bohei damals, im Herbst 2011. Die nicht eben für markige Schnellschussaktionen unbekannte VISIONS rief im Titel „Die Zukunft des Harcore“ aus und legte dem Ganzen dann gleich noch – wie als Beleg – das komplette (!), in Deutschland bis dato unveröffentlichte zweite Album einer noch recht jungen Band aus Grand Rapids/Michigan bei. Irre? Nur im ersten Moment (verbuchen wir’s unter „im Eifer für die Musik“). Vorschnell? Nope, keineswegs. Denn „Wildlife„, eben jenes Album der fünf bleichen Schlakse von La Dispute, war zwar im Gros ähnlich laut, drängend und stürmisch wie die Platten der Bands, mit denen sie, der Einfachheit der Kategorisierung halber, oft in einen Topf mit der markigen Aufschrift „The Wave“ geworfen wurden (Touché Amoré, Defeater, Pianos Become The Teeth oder Make Do And Mend, um nur ein paar zu nennen), aber irgendetwas… nein: vieles war – zumindest in meinen Ohren – so anders als bei den Alben der „Genre-Konkurrenz“. Und auch, wenn „Wildlife“ (bei mir) einige Zeit mehr benötigte, um vollends im Hörerherzen zu zünden, so schaffte es La Disputes zweites Werk doch wie wenige vor ihm (und keine danach – bislang), sich ebenso im Herzen wie in den Gehörgängen und Hirnwindungen festzusetzen. Warum nur? Immerhin boten die 14 Songs innerhalb der knappen Stunde Spielzeit doch – oberflächlich betrachtet – vor allem: Krach, Melodiehatz, gebrabbelte Erzählungen und Geschrei. Und da ich im Grunde nicht dem Hörertypus angehöre, der sich in seiner raren Freizeit freiwillig anschreien lässt, mussten schon gute – richtige gute! – Gründe für meine rückhaltslose Verliebtheit in „Wildlife“ her. Die waren freilich da und konnten beim Namen genannt werden: Frontmann Jordan Dreyer. Der milchbubihafte Anfangszwanziger machte bei La Dispute den gewissen Unterschied aus, erwies sich in den Stücken von „Wildlife“ als aufmerksamer Beobachter seiner direkten Umwelt, sammelte größtenteils schmerzhaft wahre Geschichten aus dem Leben auf (der Krebstod eines kleinen Jungen, der Amoklauf eines schizophrenen Kindes, die Shoot’n’Ride-Verfolgungsjagd eines Jugendlichen) und verpackte diese atemlosen Stories in Songs zwischen zwei und sieben Minuten, bei welchen er von seiner Post-Hardcore-Kapelle mal leise, mal im wilden Überschlag begleitet wurde. Das Gesamtergebnis ließ vor zwei, drei Jahren wohl jeden, der sich vollends darauf einließ, mit ähnlich weit gen Boden geklappter Kinnlade zurück und so schnell auch nicht mehr los. Schreibt es der zutiefst menschlichen Lust am Schlüsselloch-Voyeurismus zu, dem Geifern nach großen Emotionen oder der Faszination an packenden Erzählungen. Lyrisch ebenso feinsinnige, auf scheinbar überflüssige Details bedachte und dabei gleichsam fesselnd erzählende Musiker wie Jordan Dreyer muss man im aktuellen Musikgeschäft zweifellos lange suchen – mir fallen so ad hoc höchstens die großen Erzähler John K. Samson (The Weakerthans) oder Mark Kozelek ein. Und in lauteren Gefilden sitzt Dreyer, der für solch ein Niveau auch noch so verdammt junge US-Amerikaner, seit „Wildlife“ eh auf einem einsamen Thron…

La Dispute

Wie also soll man als Band an ein Album (noch dazu erst das zweite!) mit einem Intensitätslevel wie auf „Wildlife“ anknüpfen? Klar, man könnte es wie weiland Jeff Magnum machen, der unter dem Deckmantel seiner Band Neutral Milk Hotel in den Neunzigern mit „In The Aeroplane Over The Sea“ der bewegenden Biografie des jüdischen Mädchens Anne Frank ein überlebensgroßes (musikalisches) Denkmal setzte, um sich darauf vollends aus dem Musikgeschäft zurück zu ziehen (erst 2013 sollte die Band für ein paar Konzerte wieder zusammen finden). Oder es die US-Landsmännern von Brand New gleichtun, die 2006 mit „The Devil And God Are Raging Inside Me“ einen – in klanglicher wie lyrischer Hinsicht – ebenso brachialen wie fesselnden Intensitätsbrocken hinrotzten, und sich drei Jahre darauf mit ihren bislang letzten Album „Daisy“ dann vollends quer gegen alle großen Erwartungen zu stellen. Sicher, all das wäre möglich… Doch La Dispute gehen keinen dieser Wege. Und das Beste: Nicht einmal Stagnation liegt der Band. Wo zur Hölle also will Album Nummer drei dann hin?

La Dispute #1

Einen eventuell befürchteten krassen klanglichen Tapetenwechsel drei Jahre nach „Wildlife“ sucht man schon im Eröffnungsstück „HUDSONVILLE MI 1956“ vergebens: „There are bridges over rivers / There are moments of collapse / There are drivers with their feet on the glass / You can kick but you can’t get out / There is history in the rooms of the house“ – was Erzählfrontmann Jordan Dreyer (als „Gesang“ ließe sich sein mal zu sinistrer Ruhe, mal zu leicht hysterischem Überschwang tendierender Sprech-und-Geschreifluss auch anno 2014 nur schwerlich betiteln) da so in medias res einführt und mit scheinbar nebensächlichen Beobachtungen wie „After dinner / Do the dishes / Mother hums / The coffeemaker hisses on the stove / The steam a crescendo / The radio emergency bulletins and / Everywhere wind“ fortführt, soll die Grundlage für die folgenden 42 Minuten von „Rooms Of The House“ bilden, die bei genauerer Betrachtung eben doch Unterschiede zum Vorgänger offenbaren. Denn anders als noch in „Wildlife“, dessen Geschichten Dreyer so wirklich – mehr oder minder – im Dunstkreis seiner im Nordosten der USA gelegenen 200.000-Einwohner-Heimat Grand Rapids aufschnappte, beweist der Mittzwanziger beim dritten Album seiner Band mehr Mut zur Abstraktion und wagt in den elf neuen Stücken einen fiktiven Streifzug durch die emotionalen Zimmer einer in den Seilen hängenden Beziehung, um darauf nach deren tief sitzendem Dachschaden im gemeinsamen Oberstübchen zu suchen – denn der liegt auch hier in den kleinen, längst verschüttet geglaubten Dramen. Und so kann man in den miteinander konkurrierenden Schilderungen von scheinbar Abseitigem und Alltäglichem – die Gedanken kurz vorm Einbrechen ins Eis in „First Reactions After Falling Through The Ice“, die Szenerien von Autounfällen in „SCENES FROM HIGHWAYS 1981-2009“ oder „35“, die Einsamkeit nach einem Schneesturm in „Extraordinary Dinner Party“, die Beziehungskrisen in „For Mayor in Splitsville“, das familiäre Todschweigen über eine Todgeburt in „THE CHILD WE LOST 1963“ – auch gut und gern tiefere Ebenen vermuten, die Dreyer unter einer Menge allgemeingültigen Gefühlen versteckt. Und: La Dispute, die sich für den Schreibprozess zum neuen Album gemeinsam mit Produzent Will Yip (u.a. Polar Bear Club, Title Fight) in eine Holzhütte mitten ins Nirgendwo der Wälder von Michigan verzogen, gehen dabei auch noch ausgesprochen clever zu Werke, setzen der hinterrücks durchgezogenen Streifzug-Attacke ihres Frontmanns eine Instrumentierung entgegen, die zwar im Grunde schon noch an jene refrain- und strukturfreien Haudrauf-Momente von „Wildlife“ erinnert (etwa im ersten Vorab-Song „Stay Happy There“), oft genug jedoch die Maxime „Weniger ist manchmal mehr!“ walten lässt. So fahren an vielen Stellen nur noch ein, zwei spröde Gitarrenspuren unter Dreyers Worte, halten Drum Computer, direkt pumpende Basslines und beinahe luftiges Alternative-Rock-Gitarrenpicking, das an den experimentellen Elan der Red Hot Chili Peppers zu deren besten Zeiten gemahnt, Einzug ins Klangbild von La Dispute (in den Lufthol-Momenten von „Woman (in mirror)“ und „Woman (reading)“ – letzteres übrigens benannt nach einem Gerhard Richter-Gemälde). Vielleicht liegt hier auch der größte Trumpf der Band verborgen: in der Erkenntnis, dass man „Wildlife“ weder eine Krone on top setzten kann noch muss. Stattdessen schlagen La Dispute auf „Rooms Of The House“ tausend neue Wege ein und fesseln dabei mit nicht minder wenigen emotionalen und musikalischen Fassetten, die 2014 zwar weiter gefächert und eventuell imaginativer um die Ecke biegen, das Quintett, welches zu Teilen mittlerweile auf komplett anderen Kontinenten beheimatet ist (Frontmann Jordan Dreyer wohnt noch immer in Grand Rapids, während es Gitarrist Brad Vander Lugt der Liebe wegen nach Australien verschlagen hat), jedoch vor der drohenden Genre-Sackgasse bewahren. Freilich bietet „Rooms Of The House“ nicht die großen, mächtigen Drama-Explosionen wie „King Park“ oder „Edward Benz, 27 Times“, die noch 2011 beinahe alle anderen Song-Kumpane auf „Wildlife“ in den Schatten zu stellen drohten. Nein, für Wiederholungen sind La Dispute zu gewieft, zu talentiert! Stattdessen setzt die Band den Fokus beim dritten Album auf die grauen Wolken, die ab und an den Blick auf vielsagende Alltäglichkeiten freigeben. Und wenn Jordan Dreyer in der abschließenden Stillleben-Beschreibung „Objects in Space“ all seine Habseligkeiten und Andenken auf dem Fussboden ausbreitet, dann hat man längst aufs Neue sein Herz an diesen jungen Nostalgiker mit der spitzen Feder verloren…

“You have all these ordinary things in your life that develop their own history in the memories you share with another person, and once you lose that person all of those things continue to remain. The album started out being about a fictional couple and then over time it developed into more of a sweeping narrative about common space and history and about the history of objects. What happens to them after things dissolve, how they end up being reappropriated into something else.” (Jordan Dreyer)

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„Rooms Of The House“ steht HIER noch immer in voller Länge im Stream bereits, die Texte findet ihr sowohl auf dem YouTube-Kanal der Band als „Lyrik Videos“ als auch auf La Disputes Homepage. Und wer den grandiosen, drei Jahre zurückliegenden Vorgänger „Wildlife“ bislang noch nicht gehört hat, der kann – und sollte! – dies via Bandcamp nachholen.

Wer neben der akustischen auch noch eine optische Komponente benötigt, der kann anhand des Musikvideos zum neuen Song „For Mayor in Splitsville“…

 

…und dieser gut 40-minütigen Live Session, welche La Dispute im März 2012 für das Online-Musikportal Audiotree in Chicago einspielten, seinen Vorlieben nachgehen:

 

Auch soll keinesfalls verschwiegen werden, dass die Band in den kommenden Wochen für einige Konzerte nach „good ol‘ Europe“ kommt. Hier die Termine für Deutschland:
27.04.14… München – Strom
28.04.14… Leipzig – Conne Island
29.04.14… Dresden – Beatpol
30.04.14… Köln – Palladium
01.05.14… Hamburg – Markthalle
03.05.14… Bochum – Matrix
04.05.14… Stuttgart – LKA Longhorn
05.05.14… Schweinfurt – Stattbahnhof *NEU
06.05.14… Wiesbaden – Schlachthof
07.05.14… Trier – Exhaus
08.05.14… Hannover – Musikzentrum
09.05.14… Berlin – Magnet

 

Rock and Roll.

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