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Song des Tages: Flyte – „Everyone’s A Winner“


Trübsal blasen mit Ansage! Immerhin vertuschen Flyte nicht groß, dass ihr zweites Album “This Is Really Going To Hurt” wahrlich kein unbekümmertes Zuckerschlecken ist, denn zumindest emotional stehen die Koordinaten gen Herzschmerz, während Frontmann Will Taylor die Rolle als Reiseführer übernimmt. Und der hat es sich zur Aufgabe gemacht, seine eigene Trennung fein säuberlich zu dokumentieren. Schon der Opener “Easy Tiger” fällt mit der Tür ins Zimmer, wenn Taylor kurz und schmerzlich konstatiert: “This is only to get worse.” Richtige Stimmungskiller, die Briten… Aber ganz so tief bleiben die Köpfe auf ganzer Albumlänge nicht hängen – zum Glück!

Denn in der Tat ist das im letzten Jahr in LA mithilfe von Justin Raisen (Angel Olsen, Yves Tumor), Andrew Sarlo (Big Thief, Bon Iver) und Chant (Aldous Harding) in Los Angeles aufgenommene “This Is Really Going To Hurt You” beinahe schon ein beängstigend „klassisches“ Indie-Album. Auf eine faszinierende Art und Weise versprühen die zwei Handvoll Stücke eine vermeintliche Altersweisheit, die man gefühlt schon tausende Male gehört hat (siehe “Miss America”). Aber auch ohne den großen Innovationsdrang ist der Nachfolger zum 2017er Debüt „The Loved Ones“ keinesfalls ein schlechtes Werk, denn die Zeichen von Will Taylor (Gesang, Gitarre), Nicolas Hill (Bass) und Jon Supran (Schlagzeug) stehen vor allem auf Atmosphäre. Und für die taugen die leicht bekümmerten Untertöne der weitflächigen Indie-Gitarren allemal. Wenn sich dann wie in “I’ve Got A Girl” noch ein beherztes Klavier einmischt, hat das großes Potential für alle Küchen der Studenten-WGs der Welt, die sich Jahre nach Mumford & Sons’ großem Erfolg gegründet haben. Aber erst mit den angenehm schmierigen Streichern von “Everyone’s A Winner” und “Love Is An Accident” zeigt das Trio aus London, von welcher Größenordnung wir hier überhaupt sprechen.

Zugegeben: Die größten Lyriker von Shakespeares Ehren sind Taylor und Co. abseits ihres Cool Britannia-Soundoutfits aber eher nicht. Mit einer gehörigen Prise Selbstmitleid à la “Everyone’s a winner except for me” machen sie dem Klischee-Klassiker “Trauriger junger weißer Mann mit seiner Gitarre” schon alle Ehre… Doch die geschickt eingesetzten Gesangsharmonien zwischen Taylor, Supran und Hill – wie etwa in der feinen Arcade Fire-Verbeugung “Under The Skin” – lockern das Gesamtkonzept andererseits angenehm fluffig auf.  Auch die nostalgischen Sounds sorgen dafür, dass ein kleiner Funken Erhabenheit über den zehn Songs der Platte schwebt, der manch einen gar an Größen wie die Beatles denken lassen mag. Besonders deutlich wird das in den fetten Jazz-Bläsern von “There’s A Woman”, die im Dunst der Beach Boys einen überraschenden Stilbruch herbeiführen. Und wenn im Closer dann Worte wie “You’ll never get to heaven in the state you’re in” anklingen, dann erfreut sich noch jeder begossene Pudel über den gespannten Bogen, oder? All das bewegt keine musikalischen Welten, dafür aber wohl die ein oder andere juvenile, vom Herzeleid geplagte Seele. Und manchmal, für die besonders sentimentalen Stunden, braucht es ab und zu Platten wie diese…

Rock and Roll.

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